Der Ruf Gottes
„Schon in meiner Jugend gewann ich die Weisheit lieb und suchte sie." (Sir. 51,13)
Warum können heute so wenige Menschen an Gott glauben? Um an Gott glauben zu können, bedarf es hauptsächlich einer Voraussetzung: der geschöpflichen Demut. Daran mag es bei so manchem fehlen. Mit dieser Feststellung werden sich jedoch „aufgeklärte“ Menschen von heute nicht zufrieden geben. Das hängt damit zusammen, dass es so viele falsche Gottesvorstellungen gibt wie Sand am Meer. Und viele rechnen gar nicht mehr mit Gott. Gott ruft uns auf verschiedene Weise an. Zuerst wohl über das Wort: Das Wort Gottes liegt in der Heiligen Schrift, das Wort Gottes ist niedergelegt in Hunderten von Schriften der Heiligen, der Kirchenväter und Kirchenlehrer. Wir hören das Wort Gottes von Kindesbeinen an, von der Mutter, in der Schule, bei der Predigt, im eigenen Herzen. Dann ruft uns Gott an durch das Kreuz: Nicht umsonst ist unser Herr uns mit dem Kreuz vorangegangen und hat gesagt: „Wer Mein jünger sein will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach!“ Das Kreuz ist Anruf Gottes zum Glauben, zur Hoffnung, zur Tat, zur Besinnung und Umkehr zu Gott; es ist aber noch mehr Anruf zur Liebe, zum Mitleiden, zum Mitopfern, zum Mitsterben und Mitsiegen. Aber der stärkste Liebesanruf des Herrn geht von der Eucharistie aus. Dieser Anruf ist der tiefste, geheimnisvollste und ergreifendste, denn hier ruft der gefangene, entmachtete, verlassene Gott. Die Welt versteht Ihn und diese Sprache nicht mehr. Aber wer liebt, der hört diesen Anruf Tag und Nacht, und er läßt ihm keine Ruhe. Jeder von uns hat schon einen solchen Anruf Gottes an sich erfahren. Das heilige Kreuz ist das Siegeszeichen unseres Herrn Jesus Christus. Wir bezeichnen uns täglich immer wieder mit diesem Zeichen der Liebe, des Kampfes und des Sieges. Das Kreuz des Herrn zu lieben ist Heiligkeit, das Kreuz in Wahrheit dem Herrn nachzutragen, ist blutige Kelter Gottes. Gott zu lieben im Licht und in der Fülle des Geistes ist Göttlich, Gott aber zu tragen und zu ertragen in Seiner Wucht ist zermalmend.
Allein können wir freilich niemals ein Kreuz richtig tragen; und wenn wir vor dem Kreuze fliehen, dann fällt es dem Fliehenden meist ganz schwer in den Rücken und schlägt ihn zu Boden. Nein, wir sollen im Kreuz unsere Rettung sehen, und in der Kreuzesliebe stellen wir unsere Liebe zu Gott unter Beweis. Wer Gott wahrhaft liebt, liebt auch das Kreuz und wird durch die rettende Kreuzesliebe seinen Lohn in der ewi-gen Herrlichkeit empfangen. Das, was uns am Weg zu Gott seufzend macht, das ist das Kreuz. Das, was allein unsere Rettung ist, das ist das Kreuz. Wir sehen im Kreuz meist nur das Schwere, das Opfer; daß wir es auch anders sehen sollen. Wenn wir unser Kreuz richtig tragen, dann spüren wir auch die Liebe, die dahinter steht, denn heißt es nicht: „Wen Gott lieb hat, den züchtigt Er“? Das Kreuz also, das uns unser Herr zu tragen gibt, ist Liebe Gottes. Auch Maria, die Auserwählte, die Freude des Dreieinigen Gottes und der Jubel aller Engel, war Kreuzträgerin. Sie hat das Kreuz symbolhaft zum ersten Mal in den weitausgespannten Armen des sie grüßenden Engels St. Gabriel erblickt, als er Ihr die Botschaft Ihrer Auserwählung brachte. Und Sie sah es in seiner ganzen grausamen Realistik, als Sie an jenem grauen .Morgen, da Ihr Sohn vor Pilatus stand, über den Zimmermannsplatz ging und es dort zusammengefügt wurde. Denn als Sie selbst unter dem Kreuz stand, da sah Sie nur mehr Ihr Kind, das dort hing, und alles andere war versunken. Durch unseren Herrn Tod ist das Kreuz unser Siegeszeichen geworden. Das höchste Geheimnis der Liebe des Geistes über Maria, sind die Stunden der aufrecht stehenden Mutter unter dem Kreuz ihres göttlichen Sohnes. Durch dieses schwertdurchbohrte, dornenumwundene, alles Leid, allen heiligen Verzicht, allen Willen des Vaters bejahende Herz öffnet seither die Liebe des Geistes die Herzen aller Kinder Gottes und erhellt sie, tröstet sie, belebt sie und alle Gotteserkenntnis geht seither diesen Weg des auf und niederwogenden Geistes Gottes über dieses schweigende Herz. Maria, die Königin der Apostel, ist unter dem Kreuz als die Testamentsvollstreckerin im „Siehe da Deinen Sohn“ zugleich als die Kirche angesprochen worden. Somit gilt auch der Kirche das gleiche Wort wie ihr: „Selig werden mich preisen alle Geschlechter“. Sie ist auch die Mutter der Kirche. Denn wer die Kirche findet, findet das Leben. Wer aber auch in der heiligen Kirche neben Jesus, unserem Erlöser, und Maria, Seiner Mutter, steht, das ist St. Joseph, der Nährvater, der demütige Zimmermann von Nazareth, dem der Vater im Himmel die Betreuung Seines einzigen Sohnes Jesus Christus, neben Maria, Seiner Mutter, anvertraut hat.
Zu ihm, dem Nährvater unseres Herr könne wir immer wieder beten: Du hilfreicher, gütiger Vater Joseph, dem Gott unsere Not ans Herz gelegt hat, sieh her, wie wir hier knien! Bitte doch Gott mit deiner ganzen Kraft, daß Er uns barmherzig sei, daß Er dieses Kreuz von uns nehme oder doch erleichtere, daß wir nicht darunter zerbrechen. Zeige uns in deiner Güte die Türe des himmlischen Vaterhauses, wo alle Not ein Ende hat. Gib uns die Kraft, den Weg des Kreuzes zu gehen, wie lange Gott will und wie Gott will und wohin Gott will. Bete du für uns alle Gebet, die wir nicht gebet haben, obwohl Gott darauf gewartet, und wenn unsere Lippen vertrocknen, damit nur unser Herz lebendig bleibe. Schiebe den Schemel Gottes unter unsere müden Füße und laß uns vom Schleier Mariens zugedeckt sein. Amen. Das Kreuz steht fest, es ist, es ist auch vollendet in seiner Mitte auf Golgotha. Die Millionen und Abermillionen Kreuze der Seinen, die um den Herrn stehen, reichen bis zum jüngsten Tag, dann erst ist die Zahl der Kreuze abgeschlossen, dann ist der Sieg des Kreuzes vollendet. Denn das Kreuz gehört zum Leben wie der Name Jesu und wie die schöpferische Liebe. Keine Frucht im Herbst ist ohne die Bestäubung im Frühling geworden, und keine Frucht für die Ewigkeit ohne das Eindringen des Herrn mit Seinem Kreuz und Seiner Liebe in die Seele. Nur vom Kreuz, vom Blut des Herrn her, können wir alle Gesetzgebung Gottes, alle Worte Gottes erfassen, nur von dort her kann die Welt erneuert werden. Es genügt nicht, daß wir das Wort Gottes bloß hören. Wir müssen es auch leben. Es genügt nicht, wenn Gesetze hier sind, sie müssen auch gehalten werden; nicht so, als müßten wir an ihnen wie an einem schweren Kreuz ziehen, sondern so, daß wir aus Treue selbst wollen, was der Wille Gottes von uns verlangt. Die Treue zu Gott kann auch den Einsatz unseres Lebens verlangen; denn erst in diesem bedingungslosen Gehen mit Gott und Einstehen für Gott wird das Königreich Christi auf Erden verwirklicht werden. Wir müssen hoffen auf die Barmherzigkeit und Hilfe Gottes. Wir müssen Ihn lieben, Der uns vorangegangen ist in Kreuz und Leid, damit wir nie allein seien, und Der die bitterste Gottverlassenheit für uns erlitten hat, damit wir niemals verlassen seien. Glauben wir so und hoffen und lieben wir so, dann werden wir die Prüfungen, die Gott uns auflastet, als unser Kreuz in der Nachfolge Christi mit anderen Augen sehen. Die Liebe ist immer neu, sie ist nie auszuschöpfen und nie auszumessen. Das Hohelied der Liebe wird nie verstummen, solange es einen Tabernakel auf Erden gibt, solange ein Kreuz auf Erden steht, solange unsere Liebe Frau über diese Erde wandert, zusammen mit ihren Engeln und mit ihren Kindern als Wegmutter zur ewigen Heimat.
Nehmen wir uns doch immer wieder das Kreuztragen unseres Herrn und Meisters Jesus Christus und Seiner vielgeliebten Mutter vor Augen: wie sehr mag das Herz des Herrn in Liebe für Seine Mutter geschlagen haben, und doch blieb Ihre Liebe auf Erden äußerlich unbeantwortet und ohne Lohn. Und wie sehr mag das Herz der Mutter von menschlichen Gefühlen bewegt worden sein, daß Ihrem Kind die auferlegte Last nicht zu erdrückend werde - Gefühle der Sehnsucht nach ihrem Kind, Gefühle der Verteidigung ihres Kindes -, und doch hat das Herz der Mutter diese schwerste aller Prüfungen einer Mutter bestanden, sie hat keinen Finger gerührt für ihr Kind vom Ölberg bis Golgotha, sie stand aufrecht unter dem Kreuz. Sie trat schweigend ins Dunkel zurück in den ersten Jahren und Jahrzehnten der jungen Kirche. Sie ging uns den Weg voran, den wir zu gehen haben in der Nachfolge Christi, wissend, daß die Lohnauszahlung Gottes in der Ewigkeit ist. Maria steht vor uns und bei uns, wenn wir vor dem Kreuz knien und Anbetung halten, wartet auf uns und ruft uns oftmals unter das Kreuz Ihres Sohnes, Der dort bittend und geduldig auf uns wartet, um uns mit Ihrer starken Fürbittkraft in den Gnadenstrom Gottes hineinzuführen.
Wer kann die Liebe Gottes ausschöpfen oder auskosten bis zuletzt, verstehen bis ins letzte? Das ist keinem Geschöpf möglich, denn nur Gott allein versteht Sich Selbst, genügt Sich Selbst. Gegen die Menschen zu ist die Liebe Gottes das schönste und unausschöpfbarste Geheimnis, das es überhaupt auf Erden gibt, jeden Tag neu, jeden Tag anders. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß auch die Spannweite dieser Liebe eben Göttlich ist, daß die Liebe Gottes die nüchternste und die konsequenteste ist, die es je gab oder gibt. Auch die Liebe Gottes kann ans Kreuz schlagen, und sie tut es besonders bei jener Seele, die Gott liebt. Und je näher eine Seele Gott kommt, mit desto eifersüchtigerer Liebe umgibt Gott dieses Geschöpf. Er schneidet ihm alles ab, was Seiner Liebe auch nur im entferntesten Eintrag tun könnte: ja, wir müssen an das Wort der großen heiligen Theresia denken, die zum Herrn sagte: «Nun glaube ich schon, daß Du, o Herr, wenig Freunde hast, wenn Du mit ihnen so umgehst wie mit mir». Das ist die eifersüchtige Liebe Gottes, die mit ihrer Göttlichen, wahrhaft nüchternen und unendlich weitsichtigen Liebe die ewige und unendliche Herrlichkeit Stück um Stück in der Seele, die Er liebt, aufbaut und vollendet. Aber der Weg ist manchmal weit. Man braucht lange vom Mantelsaum Gottes, der über der Erde liegt, bis zum Angesicht Gottes, das wir mit dem Eintritt in die Ewigkeit schauen dürfen. Auf diesem Weg hat uns Gott viele, viele Helfer gegeben; nicht nur Sich Selbst im Heiligsten Brot, auch Sein Kreuz, Sein Siegeszeichen, Seine heilige Kirche mit ihren Hirten, mit ihren Sakramenten und Gnaden, Weihen und Segnungen. Und auf diesem Weg steht immer die gütigste Mutter mit ihrem weiten Schutzmantel, mit ihren mildreichen Händen und ihrem schwertdurchbohrten, unbefleckten Herzen.
Der Herr ruft den Lastträger, und der Mensch steht auf und folgt dem Herrn, dem Göttlichen Lastträger. Der ist wirklich und wahrhaftig in der Nachfolge Christi, der in den Schritten unseres Herrn geht, denn wer hat eine größere Last getragen als unser Herr? Er ist mit der größten Sündenlast der ganzen Welt vor Seinen Vater getreten und hat die heiligste Sühne für uns geleistet. Und Er trägt in Seinen Lastträgern bis ans Ende der Zeiten an der Last, die wir Menschen fortwährend anhäufen. Am Kreuz kannst du, Seele, die Liebe Gottes ermessen; hast du kein Kreuz zu tragen, so kannst du wie viele Heilige zitternd fragen, ob Gott dich in Seiner Liebt vergessen habe! Das Maß der Liebe ist nicht nur das Kreuz, sondern das flammende Kreuz. Die Glut deiner Seele ist das Maß für deine Liebe, o Mensch. Hast du das Höchstmaß der Liebe erlangt, so hat auch deine Seele das Höchstmaß an Glut erreicht. Aber in diesem wunderbaren Schein von Glaube, Hoffnung und Liebe sehen wir, daß der Wille Gottes für uns heißt: Wille Gottes zum Kreuz! Schaudert dich, Mensch? Möchtest du lieber haben, daß es hieße: Wille Gottes zum Leben, zur Freude? Sieh hin auf Maria, deine Mutter: Ihr schönster Ehrenplatz war nicht an der Krippe, sondern unter dem Kreuz. Dort hat der Wille Gottes sie geadelt als die Kirche, als die Mutter aller Menschen, als die Königin des Weltalls.
So fremd es klingen mag: Das Leben und die Freude gehen auch vom Kreuz aus, weil das Kreuz der Mittelpunkt der Schöpfung ist, das Zentrum. Mag die Welt sagen, daß Golgotha eine Torheit sei - wo die Mutter Jesu steht, da ist immer Weisheit. Und mag die Welt sich vor dem Kreuz als einer Last fürchten - wo Maria steht, ist immer lauterste Liebe Gottes. Liebe den Rosenkranz! Wie viel Kränze kannst du der Himmelskönigin flechten! Geh, wenn du den schmerzhaften Rosenkranz betest, mit Maria über den steilen Abhang, wo sie in der Ferne angstvoll auf ihren Sohn wartete, bis hinter die Mauern des Richthauses, wo sie ihren Sohn wimmern hörte unter den grausamen Schlägen, und warte auf den Herrn am Kreuzweg und knie unter dem Kreuz! Und wenn du den Rosenkranz zu den fünf Wunden betest, so schöpfe aus dem kostbaren Blut für alle deine Verstorbenen und für alle Nöte deiner Seele und des Hauses. Und wenn du den freudenreichen Rosenkranz betest, so lade alle Vöglein und Blumen dazu ein und lasse die Hirten ihre Schalmei vor dem Kind blasen und öffne auch du dein Herz, um - wie Maria - bereit zu sein, wenn Gott ein Opfer von dir fordert. Und wenn du den glorreichen Rosenkranz betest, dann lasse alle Engel mitbeten und bitte sie, daß sie dich mitnehmen zum Ölberg und nach Jerusalem und mit Maria hinauf zum Herrn. Du kannst einen Rosenkranz beten aus lauter ‚Herr Jesus Christus, erbarme Dich meiner!’, oder aus lauter anderen Stoßgebeten; Ja, du kannst einen Rosenkranz nähen aus lauter Ave und einen der Himmelskönigin vorsingen mit verschiedenen Instrumenten, du kannst jedes Ave für jemand aufopfern als Fürbitte, du kannst all dein Tun zu einem lebendigen Rosenkranz machen!
Im Kreuz ist unser Halt, und dereinst werden auch wir bei unserem letzten Atemzug auf dieser Welt, vor dem ersten Atem im himmlischen Jerusalem, zum Vater das Siegerwort sprechen: „Es ist vollbracht!“ Lassen wir uns doch durch das Kreuz des Herrn retten, indem wir es mit Liebe umfangen und tragen, es trägt uns weit über Golgotha hinauf bis in den Himmel hinein. Niemals soll sich ein Christ vor dem Kreuze ängstigen und von ihm wegschauen, er soll die Hände danach ausstrecken: „Ave Crux, spes unica!“
Mit diesen Worten will ich den Ruf Gottes an mich beantworten. Es war vor rund 25 Jahren, mitten im Leben..
„Dem Gottesfürchtigen geht es am Ende gut und am Tage seines Todes wird er gepriesen!" (Sir. 1,13)


