Barbara Weigand
 Schippacher Jungfrau und Seherin
           St. Antonius-Kirche wo Barbara Weigand fast immer die Tabernakel-Ehrenwache abhielt.
  

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THEOLOGISCHE WÜRDIGUNG


Barbara Weigand im Urteil
von Bischöfen und Priestern


Im Selbstverlag als Ur-Manuskript gedruckt
Gemäß den Dekreten von Papst Urban VIII. und der Heiligen
Ritenkongregation wird erklärt, daß diesen veröffentlichten
Darlegungen keine andere als die zuverlässig bezeugte menschliche
Glaubwürdigkeit beizumessen ist und nicht beabsichtigt ist,
in irgendeiner Weise dem Urteil der heiligen katholischen
und apostolischen Kirche vorzugreifen.

Das Dekret der Glaubenskongregation (A.A.S.N. 58-18 vom
29. Dezember 1966), das die Canones 1399
und 2318 aufhebt, wurde von Papst Paul VI. am 14. Oktober
1966 gebilligt und auf seine Anordnung veröffentlicht.
Auf Grund dieses Dekretes ist es nicht verboten, ohne
Imprimatur Schriften über Erscheinungen, Offenbarungen,
Visionen, Prophezeiungen oder Wunder zu verbreiten.




1. Auflage 2003

Die Manuskripte sind im Ur-Text belassen.

Copyright © und Herausgeber:
Schriftenapostolat Barbara Weigand Wolfgang E. Bastian,
Postfach 1319 D-50364 Erftstadt
Schriftleitung: Sekretariat Wolfgang E. Bastian,
Postfach 1319 D-50364 Erftstadt

 

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Alle Schriften und Broschüren und ihre Verbreitung wird aus Spendenmitteln finanziert.
Umfasst sieben Bände „Offenbarungen an Barbara Weigand“ und daneben weitere Bücher.

Gemäss einer Botschaft an Barbara Weigand sollen alle Schriften unentgeltlich verbreitet werden. Wenn Sie unser Apostolat finanziell unterstützen möchten, bitte auf das folgende Konto: Nassauische Sparkasse (BLZ 510 500 15)   Konto: 245092288
SWIFT: NASS DE 55     IBAN: DE 17 5105 0015 0245 0922 88



Barbara Weigand
im Urteil von
Bischöfen und Priestern

Verfasser:
Msgr. DDr. Wilhelm Büttner
Pfarrer Hugo Holzamer
P. BonifatiusGünther,OCD
P. Peter Lippert, S. J.
Pfarrer P. M. Weihmann
Pfarrer Engelbert Kleiser




Herausgegeben im Selbstverlag
Schriftenapostolat Barbara Weigand Wolfgang E. Bastian
Postfach 1319 in  D-50364 Erftstadt

 



Barbara Weigand
1845 - 1943


Inhaltsverzeichnis
Begleitworte

Msgr. DDr. Wilhelm Büttner
THEOLOGISCHE PRÜFUNG UND WÜRDIGUNG
I. DIE SCHIPPACHER SCHRIFTEN
1. Entstehung d. Schriften v. Barbaras Hand, von Luise Hannappel u. Hausgenossen

  Die Aufzeichnungen von Barbaras Hand
  Die Aufzeichnungen von Luise Hannappel
  Die Aufzeichnungen der Hausgenossen
2. Abschriften und Verbote
3. Authentizität der Schriften

II. DIE SCHIPPACHER OFFENBARUNGEN
1. Die Rechtslage
2. Allgemeines über den Charakter der Aufzeichnungen
3. Grundsätzliches zur Beurteilung der Schriften
  a) Die Grenzen der wissenschaftlichen Zuständigkeit
  b) Verständnis für die mystische Sprache
  c) Fühlen mit dem Mystiker
  d) Zurückhaltung im Urteil
  e) Die kirchlichen Vorschriften
4. Kriterien für die Echtheit
5. Die guten Wirkungen der Schippacher Mystik
6. Bewährung in Zeit und Kritik

III. DIE KIRCHENBEHÖRDLICHEN PRÜFUNGEN
1. Bischof Haffner Jahre 1896

2. Ordinariat Köln im Jahre 1909
3. Ordinariat Freiburg im Jahre 1914
4. Ordinariat Würzburg im Jahre 1916
   a) Das Verhör der Barbara Weigand am 5. Januar 1916
   b) Die Prüfung der Weigand'schen Offenbarungen und Werke


IV. DIE TRÄGERIN DER OFFENBARUNGEN
1. Nachträge zu ihrem Sittenbild
2. Die gesunde Jungfrau
   a) Grenzen der ärztlichen Prüfungsmethode
   b) Das physiologische Bild der Ekstasen
   c) Ursachen und Kennzeichen der Hysterie
   d) Unter der Brille des Arztes

V. EINWÄNDE UND WIDERLEGUNGEN
1. Angebliche dogmatische Verstöße
   a) Die Mission der Barbara Weigand
   b) Barbara Weigand betreibe Sektiererei
   c) fides divina
   d) Sühnegedanke
   e) Eucharistisches Herz Jesu
   f) Fegefeuer
2. Angebliche Irrtümer gegen die Mariologie
   a) Maria in der Urkirche
   b) Stellung im Erlösungswerk
   c) Braut der Priester
3. Angeblich falsche Engellehre
4. Angeblich falsche Prophezeiungen
   a) Revolutionen
   b) Heilige
   c) Ausbreitung
   d) Einweihung der Kirche
   e) Todesjahr
5. Einwände gegen den Liebesbund
   a) Erschleichung der Approbation
   b) Verstöße gegen den Index
   c) Gefährlich
   d) Überflüssig

6. Einwände gegen den Kirchenbau

  a) War die Sakramentskirche von Schippach in sich gut und den Anschauungen der Kirche entsprechend?
  b) Ist das Werk nützlich und rechtfertigt der Nutzen ein so außergewöhnliches Mittel?
  c) Ob das Werk zeitgemäß und einem wirklichen Bedürfnis entsprechend ist?
  d) Schadet der Bau einem ähnlichen Werke? Ganz gewiss nicht

7. Einwände gegen die Person der Barbara Weigand
   a) Ungehorsam
   b) Tadel der Priester
   c) Sei satanisch
8. Sonstige Beanstandungen
   a) Dauer und Regelmäßigkeit der Ekstasen
   b) Heiland sei ungehorsam Gehorsam
   c) Hannappel ,,Mache die Sache"
   d) Übertreibungen und Unziemlichkeiten

VI. SCHIPPACH IM URTEIL VON BISCHÖFEN UND PRIESTERN
1. Urteile über Barbara Weigand
   a) Über ihr Leben von 1845 - 1885
   b) Über ihr Leben von 1885 bis zu ihrem Tode 1943
2. Urteile über den Liebesbund
3. Urteile über den Kirchenbau

H. H. Hugo Holzamer
THEOLOGISCHES GUTACHTEN
Das Problem von Schippach und seine Behandlung in der gegnerischen Presse

I. Die Presse
II. Grundregeln für die Prüfung von Privatoffenbarungen
III. Pietät gegenüber Privatoffenbarungen
IV. Regeln bei der Prüfung von Privatoffenbarungen
V. Authentizität von Privatoffenbarungen
VI. Die Trägerin von Privatoffenbarungen
VII. Liegt eine krankhafte Phantasie vor ?
VIII. Trägerin von Privatoffenbarungen
IX. Liegt Täuschung vor ?
X. Ist das große Ganze der Schriften katholisch ?
XI. Welche Merkmale sind bei den Schippacher Schriften erkennbar ?
XII. Ist der Zweck ein guter?

P. Bonifatius Günther OCD
THEOLOGISCHE WÜRDIGUNG ÜBER BARBARA WEIGAND
1. Enthalten die Aufzeichnungen Verstöße gegen die kirchliche Lehre?
2. Schwierigkeiten für die Schriften der Barbara Weigand
3. Die Tatsache ihres heroischen Lebens
4. Das Bild Gottes
5. Wie ist die Echtheit zu beurteilen?
6. Was soll man zu der Untersuchung im Elisabethenstift sagen?
7. Wie sind ,,die Gesichte und Ansprachen" zu erklären?

Pater Peter Lippert, S. J
SCHIPPACH EINE ENTGEGNUNG UND RICHTIGSTELLUNG

Pfarrer P. M. Weihmann
BRIEF AN S. H. PAPST PIUS XII.
1. Einleitung
2. Brief

Pfarrer Engelbert Kleiser
BRIEF DES ERBLINDETEN PFARRERS
ENGELBERT KLEISER von Bickesheim in Baden
                         

 

BEGLEITWORTE
Was jahrzehntelang als unmöglich erschien, hat sich in den letzten zwei Jahren voll erfüllt: Die als ,,Schippacher Schriften" bekannten Gesichte und Ansprachen der Gottesdienerin Barbara Weigand wurden als Manuskripte allesamt zusammengetragen, aufgearbeitet und als ,,Offenbarungen an Barbara Weigand" in sieben wertvollen Bänden gedruckt und kostenlos abgegeben. Inzwischen sind mehrere Bände vergriffen, so daß eine zweite
Auflage erforderlich wurde.

Der rote Faden, der die ganzen Schippacher Offenbarungen durchzieht und ihr Herzstück bildet, die Sendung der Barbara Weigand darstellt, ist die Einführung der öfteren Kommunion. Dafür betet und opfert Barbara Weigand schon in den 70er Jahren heroisch, indem sie mehrmals in der Woche je 5 Stunden hin und zurück zu Fuß von Schippach nach Aschaffenburg ging, und zwar des nachts, um im dortigen Kapuzinerkloster kommunizieren zu können, weil daheim an Werktagen der Tabernakel geschlossen blieb. Was hat Barbara Weigand für ihre Überzeugung und Liebe zur heiligen Kirche nicht alles an Leiden und Schmähungen auf sich nehmen müssen, lange Zeit ihres Lebens hindurch bis zu ihrem Tode. Wie sehr hat sie doch in Stille und Zurückgezogenheit darunter gelitten, daß die Kirche ihre Sendung so sehr mißachtet und verketzert hat. Fast ein dreiviertel Jahrhundert  at sie in einzigartiger Hingabe dem lieben Heiland und der Gottesmutter Maria als Werkzeug der heiligen Eucharistie gedient und sich danach verzehrt, in Gehorsam und Verdemütigung eine getreue Magd des Herrn zu sein.

Wie heißt es so treffend in der Oration auf das Fest der Wundmale des heiligen Franziskus: ,,Als die Welt zu erkalten begann, hast du, um unsere Herzen mit dem Feuer deiner Liebe zu entzünden, am Leibe des heiligen Franziskus die heiligen Wundmale deines Leidens erneuert."

Wie treffend betont gerade zu diesem Gegenstand Papst Pius XII. in seiner Enzyklika Mystici Corporis vom 29. Juni 1943, daß ,,solche mit Wundergaben ausgestatteten Menschen niemals in der Kirche fehlen werden." ,,Bald - und dies zumal in schwierigen Zeitumständen - erweckt Er im Schoße der Mutter Kirche Männer und Frauen, die durch den Glanz ihrer Heiligkeit hervorleuchten, um den übrigen Christgläubigen zum Beispiel zu dienen für das Wachstum Seines geheimnisvollen Leibes." ,,Ohne Fehl erstrahlt unsere verehrungswürdige Mutter ... endlich in den himmlischen Gaben und Charismen, durch die sie in unerschöpflicher Fruchtbarkeit unabsehbare Scharen von Märtyrern, Jungfrauen und Bekennern hervorbringt."


Am 1. Juni 1946 sprach vor dem Kardinalskollegium Papst Pius XII. die folgenden Worte: ,,Wir fühlen uns gedrängt, aufs neue Unsere Stimme zu erheben, um Unseren Söhnen und Töchtern der katholischen Welt die Warnung in Erinnerung zu rufen, die der göttliche Heiland im Laufe der Jahrhunderte in Seinen Offenbarungen an bevorzugte Seelen nie aufgehört hat einzuschärfen: Entwaffnet die strafende Gerechtigkeit durch einen Kreuzzug der Sühne in der ganzen Welt!" Wir sehen: Barbara Weigands Glaube, vom Herrn mit einer besonderen Mission für unsere Zeit betraut worden zu sein, widersprach in keiner Weise dem katholischen Glauben. Wohl aber zeugt die Ablehnung des Charisma von Barbara Weigand durch deutsche Priester und Kirchenobere von jener rationalistischen Denkweise, gegen welche sich gerade um jene Zeit Papst Pius X. so energisch wenden mußte.

Priester und die katholische Presse haben sich mit der Jungfrau Barbara Weigand und ihren Werken jahrelang und ausgiebig befaßt. In ungezählten Presseartikeln, in Fachzeitschriften und in dickleibigen Bänden ist von ihrer Person und ihren Werken geschrieben und der Öffentlichkeit ein Bild vorgeführt worden, das alles andere, nur keine geschichtliche Wahrheit ist. Das konnte aber gar nicht anders sein: das dort vorgetragene Bild mußte ein Zerrbild werden, da, wie authentisch feststeht, die aktivsten Gegner weder jemals eine Originalurkunde von Schippach in Händen noch auch die Schippacher Jungfrau jemals zu Gesicht bekommen hatten.

Es gab aber auch Priester, und dazu zählen vor allem auch die Autoren der in diesem Buch enthaltenen Manuskripte, welche aus genauer Kenntnis dieser Person, die sie als Seelsorger, Beichtväter, Gewissensberater oder durch gründliches Aktenstudium gewonnen hatten, den Schippacher Vorgängen gegenübertraten und darum in der Lage waren, nicht nur das äußere Gehabe der Jungfrau mit scharfem Blick zu verfolgen, sondern auch in ihr Inneres zu schauen und die tiefsten Wurzeln ihres Wollens und selbstlosen Handelns zu erkennen: diese Priester aber haben der Jungfrau Barbara Weigand und ihren Werken hohes Lob widerfahren lassen. Sie haben umfassende Studien als theologische Prüfungen und Gutachten erstellt und ihre Ergebnisse der aufgestachelten katholischen Presse und den damit befaßten Kirchenoberen mutig entgegengestellt. Diese zu veröffentlichen ist jetzt an der Zeit!

Als theologische Prüfungen und Würdigungen stellen sie das Leben und Wirken von Barbara Weigand ins Licht katholischer Lehre und Grundüberzeugungen und geben somit der einen Wahrheit Zeugnis und die Ehre. Es sind Stimmen, die aus allen Perioden ihres langen Lebens genommen sind und sich somit zu einer lückenlosen Kette von Zeugnissen für das Vollkommenheitsstreben und den lauteren Charakter der Schippacher Jungfrau zusammenschließen; es sind Dokumente von Augen- und Ohrenzeugen.

P. Joseph Bergmiller S.D.S., ein ausgezeichneter Kenner der Schippacher Bewegung schrieb wenige Wochen vor seinem Tode (26. September 1942): ,,Ich Unterzeichneter erkläre vor Gott und meinem Gewissen und im Angesichte des Todes, den ich in kurzer Zeit erwarte, daß ich in den ca. 30 Jahren seit 1913, in denen ich mit Barbara Weigand von Schippach bekannt bin, dieselbe immer sowohl im Umgang wie im schriftlichen Verkehr als höchst ehrenwerte, fromme, wahrheitsliebende und in jeder Hinsicht tugendhafte Jungfrau kennengelernt habe. Nie, auch nicht in den Jahren ihrer schwersten Verfolgungen und öffentlichen Verleumdungen, in denen ihre Gegner kaum weiter mehr hätten gehen können, bin ich an der Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit ihrer Person nie irre geworden. Oft äußerte ich in jenen traurigen Jahren den Zweiflern gegenüber, daß ich für die Wahrheitsliebe der Barbara Weigand die Hand in das Feuer legen würde."

Dieses Buch ist an alle gerichtet, die sich mit den Offenbarungen an Barbara Weigand auch theologisch auseinandersetzen wollen. Für alle an Privatpersonen gegebenen Offenbarungen gilt ja das Pauluswort: ,,Prüfet alles, und was gut ist, behaltet!" Mit einem gewissen Bedauern sehen wir, daß die offiziellen Stellen der Kirche, vor allem die regional zuständigen Diözesen Würzburg und Mainz, sich in Sachen Barbara Weigand bedeckt halten. Wir hegen den innigsten Wunsch und beten dafür, daß es dort zu einer größeren Aufgeschlossenheit gegenüber diesem Offenbarungswerk kommen möge.

Pfarrer Hugo Holzamer bringt es auf den Punkt, wenn er seine theologische Würdigung mit der Schlußbemerkung ziert: Möge die Zeit wiederkehren, wo dem Glanze der Heiligkeit und dem Wehen des Heiligen Geistes auch in unserem Vaterlande wieder freie Bahn geschaffen ist. Dazu ist notwendig, daß sich vor allem unsere Priester und Theologen erinnern, daß sie sich befähigen müssen, nicht etwa die Verfolger, sondern die geistlichen Führer frommer und begnadigter Seelen zu sein. Diese Befähigung erlangen sie aber nicht an den Pfützen des Rationalismus und bei den Trebern des Modernismus, sondern nur bei der gesunden und reichen Kost des Vaterhauses, wie sie auch in der Mystik nur die Tradition der katholischen Kirche bietet. Anstatt mit dem Abhub einer fälschlich sogenannten Wissenschaft des Irr- und Unglaubens mögen unsere Priester mit den großen Meistern der mystischen Theologie der Vorzeit sich mehr und mehr beschäftigen. Dann werden uns Irrwege und Ärgernisse, wie sie in der Bekämpfung der Sache von Schippach wieder offenbar wurden, erspart bleiben.

Friedrichsdorf, im Oktober 2003
Schriftleitung und Herausgeber

      Inhaltsverzeichnis

 



THEOLOGISCHE PRÜFUNG UND WÜRDIGUNG
Päpstlicher Geheimkämmerer und Geistlicher Rat
Msgr. DDr. Wilhelm Büttner



I. DIE SCHIPPACHER SCHRIFTEN

1. Entstehung der Schriften von Barbaras Hand, von Luise Hannappel und von Hausgenossen

 ,,Nachdem ich arme und unwürdige Magd des Herrn vom Jahre 1886 bis 1894 in der Stadt Mainz unaussprechlich viele Gnaden vom Herrn empfangen habe, will ich aus Dankbarkeit gegen Ihn wenigstens dieses Jahr 1894 anfangen, einiges aufzuschreiben, daß ich die Danksagung nicht vergesse".

Mit diesen demütigen Worten beginnt Barbara Weigand die Aufzeichnungen ihrer inneren Erlebnisse seit dem Jahre 1894. Von da an schrieb sie über ihr Leben und ihre seelischen Zustände bis herauf in ihr Greisenalter Notizen, von denen allerdings die meisten aus den unten anzugebenden Gründen nur mehr abschriftlich vorhanden sind.

Außerdem hatte sich seit dem Jahre 1895 der Schippacher Jungfrau eine sehr gebildete Mainzer Dame angeschlossen, Fräulein Luise Hannappel, welche nun ihrerseits Aufzeichnungen machte, die dann zusammen mit jenen von Barbara und einiger anderer Personen unter dem Namen ,,Schippacher Schriften" bekannt geworden sind.

 

Die Aufzeichnungen von Barbaras Hand

Leider stehen, wie schon erwähnt, die meisten ihrer handgeschriebenen Zettel nurmehr in Abschriften zur Verfügung, da die Urschriften anlässlich der behördlichen Untersuchungen an die kirchlichen Vorgesetzten eingeschickt oder von diesen einverlangt wurden und sich demzufolge unter den Ordinariatsakten von Mainz und Köln und beim Heiligen Offizium in Rom befinden. Die Akten des Ordinariats Würzburg wurden am 16. März 1945 ein Raub der Flammen. Die Abschriften fertigten zumeist Luise Hannappel, also eine Augen- und Ohrenzeugin, Frau Zulauf, Frl. Stahl und ein Herr Schweratt; sie tragen die eigenhändige Unterschrift Barbaras, die sie damit zum Werte von Urschriften erhebt.

Über ihre Erlebnisse bis zum Jahr 1896 gibt einen guten Überblick das ,,Leben", ein Heftchen von 84 Seiten in Oktavformat, das sie im Jahre 1896 auf Veranlassung ihres damaligen Seelenführers P. Ludwig O.Cap. schrieb. Die Aufzeichnungen in diesem Büchlein sind in einfacher, schlichter Form verfasst, laufen ohne Einteilung in Lebensabschnitte ununterbrochen fort und erschweren wegen der nicht immer streng eingehaltenen zeitlichen Aufeinanderfolge nicht wenig die Lektüre und den Überblick. Inhaltlich bringen sie in Offenheit und Aufrichtigkeit Gutes und weniger Gutes über die Schreiberin und zeugen schon deshalb von der Ehrlichkeit, von der sie bei der Abfassung erfüllt war. Ruhig und reserviert, ohne Anmaßung und Überheblichkeit, einfach und bescheiden schließt die Schreiberin ihr ,,Leben" mit dem Bekenntnis: ,,Dieses ist mein Leben und einige der Gnaden, die ich glaube, daß der liebe Gott sie in mir gewirkt hat."

Als Barbara dieses ihr ,,Leben" verfasste, zählte sie fünfzig Lebensjahre und stand bereits im Brennpunkt des Meinungsstreites mit ihren Mainzer Beichtvätern, über deren Haltung sie ein anschauliches Bild enthüllt, wobei sie ihren Schmerz über gewisse Vorkommnisse nicht zu unterdrücken vermag.

Über die Gnadenerweise seit dem Jahre 1887 führte sie Buch auf Befehl ihres Beichtvaters P. Alphons O.Cap., dem sie diese Aufzeichnungen regelmäßig zu bringen hatte.

,,Als ich", schreibt sie, ,,diesem von meinen übernatürlichen Dingen gesagt hatte, wies er mich anfangs barsch ab. Später aber befahl er mir, alles aufzuschreiben, und ihm zu bringen. Dies tat ich auch mehrere Jahre hindurch, bis kurz vor dem Tode meines Bruders" (gest. 5. April 1892).

Anderwärts bemerkt sie, daß sie drei Jahre lang dem Pater ihre Aufzeichnungen gebracht habe.

Wiederum schreibt sie vom Jahre 1893: ,,Sechs Jahre vorher hatte mir derselbe Beichtvater befohlen unter Gehorsam, nichts zu verschweigen von meinen übernatürlichen Gnaden, ihm stets alles aufrichtig zu sagen, und weil ich im Beichtstuhle nicht alles sagen konnte, befahl er mir, es aufzuschreiben und ihm zu bringen, und wenn es noch so schlecht geschrieben war, weil ich meistens bei der Nacht und im kalten Zimmer schreiben mußte und mich deswegen entschuldigte, sagte er jedesmal beruhigend: ,,Kümmere dich nicht, ich kann es lesen".

Diese Aufzeichnungen sind im Kapuzinerkloster zu Mainz nicht mehr vorhanden. Auch später, als bereits Teilnehmerinnen an den Ekstasen den regelmäßigen Schreibdienst besorgten, kam es öfters vor, daß Barbara, in den natürlichen Zustand zurückgekehrt, mit eigener Hand aus der Erinnerung niederschrieb, so z. B. die Nummern 29, 30, 31, 43, 59, 101, 156, außerdem die Auditionen außerhalb der Ekstasen.

Ferner stammen von Barbaras Hand die meisten Aufzeichnungen nach dem Jahre 1900 oder aus jenen Zeiten, in welchen der Freundin das Aufschreiben von der geistlichen Behörde untersagt war. Endlich finden sich nach dem Jahre 1910 nur noch gelegentliche und vereinzelte Einträge, ebenfalls von ihr aus dem Gedächtnis wiedergegeben. Über die Zeit von 1907 bis 1909 finde ich eine aufschlussreiche Bemerkung in einem Briefe Barbaras an den Generalvikar von Mainz vom 5. März 1909, worin sie schreibt:

,,Nach dem Tode des P. Ludwig (gest. 12. Juni 1907) richtete ich mich nach dem Willen meines Beichtvaters, den ich aus wichtigen Gründen nicht angebe, so daß ich lange Zeit nicht einmal Briefe beantwortete, bis er mir sagte: Ich erlaube Ihnen, nun einen anderen Seelenführer zu wählen; denn die Freiheit des Geistes ist jedem Christen gestattet. Darauf sah ich mich um nach jemand und erhielt die Erlaubnis, die Gnaden aufzuschreiben; aber nur einmal dürften sie aufgeschrieben und ihm zugeschickt werden. So wird es auch gehalten in letzter Zeit."

Noch in ihrem höchsten Greisenalter schrieb sie innere Erleuchtungen auf und brachte sie ihrem Beichtvater.

Zur Niederschrift ihrer Erleuchtungen glaubte sich Barbara durch die innere Stimme gedrängt, wie sie z. B. im Jahre 1904 ihrem Beichtvater meldet: ,,Am Anfang der Woche sagte der Herr: Diese Woche schreibe auf, was Ich dir sage, und richte dich, es bis Samstag deinem Beichtvater einzuhändigen".

Schon im Jahre 1901 hatte sie in einem Briefe an das Ordinariat Mainz die Versicherung abgegeben: ,,Alles, was ich schreibe, tue ich, weil ich innerlich dazu aufgefordert werde".

          Inhaltsverzeichnis

 

Die Aufzeichnungen von Luise Hannappel

Weitaus der größte Teil der Aufzeichnungen stammt jedoch von Luise Hannappel, die bis zu ihrem Tode, am 15. Dezember 1923, in unverbrüchlicher Freundschaft an der Seite der Schippacher Jungfrau stand und Freud und Leid mit ihr teilte.

Wie Luise Hannappel mit Barbara bekannt wurde, mag sie uns mit ihren eigenen Worten erzählen, die sie in ihrem Bericht an den Bischof von Würzburg niedergelegt hat: ,,Da noch nicht lange meine Mutter gestorben war, ließ ich nicht nur viele heilige Messen lesen, sondern bat auch meine Haushälterin, die mit vielen frommen Personen bekannt war, mir einige ihrer Bekannten zuzuführen, um ihnen ein Melcherskreuz zu geben mit der Bitte, für meine liebe Verstorbene einmal den Kreuzweg zu beten."

Auf diese Weise lernte ich Barbara Weigand kennen. Denn eines Tages kam meine Haushälterin und sagte: ,,Ich weiß aber noch eine gute Beterin, die ist die frömmste in der ganzen Stadt!" Sie führte mir dann gleich darauf, meinem Wunsche entsprechend, Barbara zu. Doch blieb das bei einer kurzen Gebetsempfehlung, die aber dann sooft wiederholt wurde, als ich Barbara bei einem Kirchgang traf. Da es nun vorkam, daß ich sie lange nicht mehr sah und ich, nach dem Grunde fragend, hörte, daß sie krank sei, erkundigte ich mich nach ihrer Adresse, ging hin und fand sie an einem Freitagmorgen, acht Uhr, zwischen vier Wänden in Ekstase mit himmlischen Wesen laut redend. Meine Seele war davon derart erschüttert, daß ich, noch ehe die Ekstatische zu sich kam, zu meinem und zugleich zu ihrem Beichtvater (P. Alphons O.Cap.) lief, ihm davon Kenntnis zu geben.

,,Wenn so etwas sein kann", sagte er, ,,so kann das hier echt sein; denn ich beobachte die Person schon seit acht Jahren und ich habe noch niemals jemand so andächtig den Kreuzweg beten sehen wie diese."

Nachdem sie dann auf den Rat des Paters hin noch die Meinung ihres Bruders, P. Ludwig O. Cap., eingeholt und über Barbara sorgfältige Erkundigungen eingezogen hatte, worüber abermals ,,einige Monate" vergingen, nahm sie der Wichtigkeit der Sache halber nunmehr zu Barbara eine positive Haltung ein. Auch glaubte sie, sich damals schon durch die innere Stimme der Jungfrau Barbara zum Aufschreiben der Worte ermuntert: ,,Meine Tochter! Willst du bei Tag und Nacht bereit sein, wann immer Ich dich rufen werde, Meine Stimme zu hören und sie der Menschheit zu übermitteln? Die Kraft dazu werde Ich dir geben".

Das war im Frühjahr 1895. Denn P. Alphons redet von ,,acht Jahren", seit er Barbara kenne; sie ist aber seit 1887, wie wir wissen, sein Beichtkind. Auch anderweitige Zeugnisse bestätigen dieses Datum. So liegt vor mir ein Blatt, geschrieben von Luise Hannappel im Jahre 1907 zur Abwehr des Vorwurfs, sie ,,mache" die Sache. Darin redet sie von einem ,,Bekanntwerden Barbaras mit mir 1895", und wiederum: ,,Als Lieschen (gemeint ist die andere Freundin) 1894 vom Herrn herbeigeführt wurde, um Babett im Leiden beizustehen, da blieb sie von da an Zeuge, also ein Jahr vor mir."

An anderer Stelle spricht Barbara davon, daß P. Ludwig zwölf Jahre lang ihre Vorgänge überwachte. Nun kam P. Ludwig gleichzeitig mit seiner Schwester Luise zu näherer Bekanntschaft mit Barbara; da er im Jahre 1907 starb, muß also der Beginn seiner und seiner Schwester Bekanntschaft mit Barbara in das Jahr 1895 gesetzt werden.

Dieses Datum entspricht auch ganz dem Beginn der Aufzeichnungen durch Luise Hannappel, die mit der Vigil des Herz-Jesu-Festes 1895 ihren Anfang nahmen, da sich in einem Nachtrag zu diesem Tag die Bemerkung findet: ,,Einiges nur, was man äußerlich hörte".

Hannappel besaß nach ihrem eigenen Geständnis eine besondere Gewandtheit im Schnellschreiben und fing nun an, mit dem Redestrom der Ekstatischen gleichen Schritt zu halten, was ihr aber, wie sie später selbst gesteht, nicht gelang. So bemerkt sie in einem Anhang zum ,,Leben", sie habe anfangs nicht alles zu Papier bringen können, sondern ,,fast die Hälfte ausgelassen", bis sie sich nach und nach hineingeschult habe. Am Schlusse ihrer kleinen Selbstbiographie nennt sie als Zeitpunkt des Beginnes des regelmäßigen Mitschreibens ,,1895 Ende"; sonach sind alle Aufzeichnungen des Jahres 1895, wie auch der Jahre 1896 und 1897 auf diese unvollkommene Art entstanden. Seit dem Anfang des Jahres 1897 begann sie, die Stenographie zu erlernen, wozu ihr Bischof Haffner selbst ein Lehrbuch zur Verfügung stellte, so daß sie seit ,,Ende 1897 Wort für Wort, wie es aus dem Munde von Barbara fließt, aufzeichnen kann, ohne etwas zu verändern oder auszulassen, indem sie mit dem Diktat gleichen Schritt hält".

         Inhaltsverzeichnis

 

Die Aufzeichnungen der Hausgenossen

Einige Einträge in den Schriften stammen von der Schwägerin Barbaras und ihren Dienstmädchen, wie eine Bemerkung vor Nr. 101 vom 31. März 1897 besagt: ,,Das Leiden begann in der Nacht auf den Sonntag, Schlag Mitternacht. Es war niemand dabei wie ihre Schwägerin, die nur wenig aufschreiben konnte, weil sie dem schnellen Redefluß nicht folgen konnte, darum nur Bruchstücke"; ebenso vor Nr. 103 vom 11. April 1897: ,,Diesesmal machten sich Frau Weigand und die beiden Dienstmädchen daran und schrieben um die Wette auf, und dieses stellte dann die Schreiberin zusammen und Babett fügte dann noch, soviel sie behalten hatte, aus ihrem Gedächtnis dazu, doch ist es bei weitem nicht vollständig."

Auch in Nr. 101, S. 153 ist bemerkt, daß ,,die Schwägerin dem schnellen Redefluß nicht folgen und deshalb nur weniges aufschreiben kann."

Von einem authentischen Text kann hier natürlich keine Rede sein. ,,Eructavit cor meum verbum bonum, lingua mea calamus scribae velociter scribentis".

         Inhaltsverzeichnis

 

2. Abschriften und Verbote

Im Jahre 1896, ,,gleich nachdem einige Bücher der Mitteilungen voll waren", brachte Hannappel diese Schriften ihrem Beichtvater P. Bonifaz O.Cap. mit der Bitte, sie dem Bischof vorzulegen, was der Pater jedoch ablehnte. Infolgedessen glaubte Hannappel, ,,wegen der seitherigen freundschaftlichen Beziehungen", diesen Schritt selber tun zu dürfen. Aber der Bischof untersagte ihr das weitere Aufschreiben, was auch befolgt wurde, wie aus den Schriften leicht festzustellen ist, wo vom 6. Juli 1896 bis zum 13. September 1896 die Einträge fehlen, wie auch anderwärts bestätigt wird, so am 2. August 1896 und am 6. August 1896.

Als Hannappel später den Bischof um Aufhebung des Verbotes bat, sagte er nach ihrem Berichte: ,,Tun Sie von jetzt an, was Ihr Beichtvater sagt", und sie fügt hinzu: ,,Dieser erlaubte mir, wieder aufzuschreiben."

Unterdessen teilte ich immer dem Bischof das Neueste mit und er empfing mich stets mit Wohlwollen. Wir hielten dann eine Novene zur Unbefleckten Empfängnis, damit die liebe Muttergottes bewirke, daß der Bischof sich klar ausspreche. Und siehe da, als ich in dieser Novene wieder zu ihm kam, sagte der Bischof in ganz feierlichem Ton: ,,Von heute an erlaube ich Ihnen aufzuschreiben und Frau Zulauf darf Ihnen helfen abschreiben. An P. Ludwig können Sie es senden, nur hier in der Stadt lassen Sie mir alles ruhig".

Das scheint Ende August oder Anfang September gewesen zu sein, nach einem Eintrag vom 3. September 1896: ,,Von hier an wurde wieder aufgeschrieben."

Hannappel ergänzt diese Bemerkung durch eine Notiz in ihrem ,,Lebenslauf": ,,Seit der Zeit brachte ich dem Bischof bis zu seinem Tod alle acht bis vierzehn Tage das Neueste und nahm das Alte mit zurück, um es ihm dann später gebunden von neuem zu überreichen."

Als Luise Hannappel am 27. Oktober 1899 wegen der Bußwallfahrten nach Gonsenheim vor eine bischöfliche Kommission gerufen wurde und sich auf die obige mündliche Erlaubnis des Bischofs berief, konnte sich der Bischof dieses Vorganges nicht mehr erinnern; schon fünf Tage später starb er.

An der wirklich erteilten Genehmigung zweifelte aber auch der Kommissionsvorsitzende Domkapitular Dr. Brück nicht, wie seine Äußerung ersehen lässt: ,,Der Bischof will nichts mehr von der Erlaubnis wissen; es muß aber wohl so sein, sonst hätte er Ihnen die Bücher nicht abnehmen dürfen, die er mir zur Prüfung übergab".

Dagegen wurde ein abermaliges Verbot von dem neuen Beichtvater im Jahre 1898 ausgesprochen, das jedoch schon bald mit der Versetzung des Paters erlosch.

Die Zahl der Abschriften der so entstandenen Schippacher Schriften konnte wohl niemand feststellen; aber angesichts des umfangreichen Stoffes - ich zähle 58 Oktavhefte von je etwa 200 Seiten und eine Anzahl loser Blätter - und der primitiven Art des Kopierens mit Tinte und Feder, konnte diese Zahl nicht groß gewesen sein. Das Schicksal der Hefte war ein sehr bewegtes. Im Jahre 1900 mußten alle erreichbaren Exemplare an Bischof Brück ausgeliefert werden.

Im Jahre 1909 ging eine Garnitur an das Ordinariat in Köln, im Dezember 1915 wurden sie vom Ordinariat Würzburg zur Berichterstattung an die Päpstliche Nuntiatur eingefordert und am 5. Januar 1916 dem Ordinariat zu diesem Zweck übergeben.

Schon damals scheinen so gut wie keine mehr im Umlauf gewesen zu sein; denn als der dem Kirchenbau sehr abgeneigte Vorstand des Bezirksamtes Obernburg durch die Polizei nach den Schriften fahnden ließ, konnte diese trotz eifriger Nachforschungen kein Exemplar mehr auftreiben. Nur Barbara blieb im Besitz einer Garnitur. Da diese Schriften nicht nur ihre inneren Erlebnisse enthalten, sondern zugleich ihren äußeren Lebenslauf und den ihrer weitverzweigten Verwandtschaft schildern, bilden sie auch eine kostbare Fundgrube für die Familien- und Sippenkunde und sind darum auch von hohem familiengeschichtlichen Werte.

       Inhaltsverzeichnis

 

3. Authentizität der Schriften

Bilden die Schriften die zuverlässige Wiedergabe dessen, was Barbara Weigand in ihren Ekstasen gesprochen oder in ihren Visionen geschaut hat? Haben die Schreiber die Aussprüche der Visionärin wiedergegeben? Oder haben sie daran Änderungen vorgenommen? Haben sie vielleicht Teile dieser Reden unterschlagen? Haben sie aus Eigenem hinzugefügt?

Soweit die Visionärin selber als Schreiberin in Betracht kommt, ist die Beantwortung der Frage nicht schwierig: Sie hat ja ihre Aufzeichnungen erst geraume Zeit nach den Ekstasen aus dem Gedächtnis gemacht, kann also, zumal angesichts des oft recht umfangreichen Stoffes, auch trotz ihres sehr guten Gedächtnisses unmöglich alles wortwörtlich wiedergegeben haben, was sie vorher gesehen, gehört oder gesprochen hatte. Anders aber liegen die Dinge bei Hannappel und den Hausgenossen, vorab bei ersterer, welche für die meisten Aufzeichnungen in Betracht kommt. Da ist nun von vornherein die Vermutung abzuweisen, als ob Hannappel absichtlich das Gehörte anders aufgeschrieben habe als es an ihre Ohren drang, oder daß sie absichtlich die rasch hingeworfenen Aufzeichnungen bei der Reinschrift entsprechend zurechtfrisiert hätte.

Schon gegenüber der geistlichen Behörde in Mainz wie auch im Jahre 1921 gegenüber dem Ordinariat Würzburg erklärte sich Hannappel bereit, einen Eid abzulegen: 1. daß sie die schöne Form nicht hinzugetan, 2. überhaupt keine Form und nichts Wesentliches, sondern, daß die formvollendeten Vorträge ganz das Werk der Barbara Weigand sind, 3. daß sie nichts nach eigenem Ermessen abgeändert, erweitert, verschärft habe, 4. daß sie mit größter Gewissenhaftigkeit alles so aufgeschrieben habe, wie das Diktat an ihr Ohr gedrungen sei."

Wohl sei es möglich, daß bei dem schnellen Diktat und wegen oftmaligen Straßenlärms hie und da ein Wort, ja halbe und ganze Sätze ausblieben, was jede Zweideutigkeit ausgeschaltet hätte.

,,Durch einen Tadel des Herrn veranlasst, habe ich hie und da ein einziges Wort, das einen offenkundigen Fehler enthielt, oder ein Bindewort wie ,,und", wo es fehlte, beigefügt oder ein unrichtig placiertes Zeitwort an seine Stelle gesetzt."

Wenn die Ekstase vorbei war, habe sie mit den Hausgenossen, mit Frau Weigand und den drei Mädchen, mit größter Ehrfurcht die Sache noch einmal durchgegangen, um zu prüfen, ob alles genau mit dem Gesprochenen übereinstimme und ein oder das andere Wort, das sie zusammen noch wussten, beigefügt. Seitdem sie geläufig habe stenographieren können, habe sie ohnehin alles wörtlich aufnehmen können.

Die Gewissenhaftigkeit der Luise Hannappel beim Aufzeichnen des Gehörten wird ,,an Eidesstatt" in einer feierlichen Erklärung auch von Maria Weigand bezeugt, die den Ekstasen ihrer Tante regelmäßig beiwohnte, und auch von P. Felix Lieber OFM bestätigt, der seit 1909 die Seelenleitung der Visionärin hatte.

Dieser Pater schrieb mir hierüber wörtlich: ,,Gleich zu Anfang, als meine Wenigkeit 1909 die Seelenleitung der Barbara Weigand übernahm, forderte ich von der Schreiberin, Fräulein Hannappel, Rechenschaft über die Art und Weise, wie sie niederschrieb. Ich muß hiermit offiziell bezeugen, daß sie das mit der größten Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit tat, ohne von dem ihrigen ein Wort beizufügen oder etwas eigenmächtig auszulegen oder zu erklären. In zweifelhaften Fällen fragte sie (selbst in meiner Gegenwart) die Barbara Weigand, wie sich der Herr oder die Muttergottes ausgedrückt hatte; und was nicht mehr zu ermitteln war bei späteren Mitteilungen, ließ sie es eben dabei, so daß ich sagen muß: Sie war beim Niederschreiben der Mitteilungen durchaus gewissenhaft, ich möchte fast sagen: Skrupulös, wie ich das bei verschiedenen Gelegenheiten in der Zeit meiner Seelenleitung feststellen konnte".

Es liegt sonach kein Grund vor, die Ehrlichkeit der Schreiberin in Zweifel zu ziehen. Daß Luise Hannappel gewissenhaft zu Werke ging, mag man auch daraus sehen, daß sie Aussprüche, die offenbar nicht übernatürlichen Ursprungs waren, nicht unterschlagen hat, was ihr doch ein Leichtes gewesen wäre. Wo Hannappel stenographisch mitschrieb, dürfte somit der Text Anspruch auf größtmögliche Authentizität erheben.

Aber man darf auch nicht übersehen, daß sie in vielen Ekstasen nicht stenographisch, sondern kurrent oder nur bruchstückweise oder überhaupt nicht schrieb, oder daß nur die Schwägerin und die Dienstmädchen in ihrer unbeholfenen Art schrieben.

In allen diesen Fällen kann von wortgetreuer Wiedergabe natürlich keine Rede sein. Selbst Hannappel gibt wiederholt ausdrücklich zu, wegen des starken Redestroms der Visionärin nicht mitgekommen zu sein, z.B. in Nr. 50, S. 152: ,,Am Feste Christi Himmelfahrt war der Redefluß so gewaltig, daß nicht mitzukommen war und vieles verlorenging", oder in Nr. 104, S. 30: ,,Der Redefluß war heute so stark, daß Schreiberin mehrmals einen Satz auslassen mußte, um gleichen Schritt halten zu können."

Auch von Auslassungen redet sie ausdrücklich, z. B. in Nr. 85, S. 4, daß sie ,,oft nicht zu schreiben imstande war" ob der großen Zärtlichkeit des höchsten Herrn, oder in Nr. 57, S. 96: ,,Heute hat Schreiberin sehr vieles ausgelassen, so daß sogar der Zusammenhang fehlt." In Nr. 62, S. 34 heißt es: ,,Darauf sagte Jesus ungefähr so", in Nr. 167, S. 29 ist bemerkt: ,,Als der Herr anfing zu sprechen, machten sich die zwei Nichten und die zwei Dienstmädchen dran aufzuschreiben, doch konnten sie es nicht alles fassen. Hier folgen nur die Bruchstücke von ihren Aufzeichnungen."

Vieles verdankt seine Wiedergabe überhaupt aus dem Gedächtnis von Luise Hannappel.

So ist vor Nr. 222, S. 108 bemerkt: ,,Unmöglich ist es, aus dem Gedächtnis die liebevollen Worte des Herrn in richtiger Reihenfolge und wortgetreu und vollständig wiederzugeben, hier folgen nur Bruchstücke"; oder zu Nr. 61 S. 4: ,,Während der Ekstase wurde nichts aufgeschrieben, hier nur einiges aus dem Gedächtnis von Hannappel"; oder zu Nr. 62, S. 8: ,,Nur einiges aus dem Gedächtnis von Hannappel"; oder zu Nr. 62, S. 13: ,,Nach dem Gedächtnis aufgeschrieben"; oder zu Nr. 63, S. 45: ,, Heute hat Schreiberin wenig im Gedächtnis behalten, noch weniger die Reihenfolge"; oder zu Nr. 64, S. 50: ,,Heute hat Schreiberin noch weniger behalten"; ,,Hannappel konnte es nicht behalten"; oder zu Nr. 102, S. 157: ,,Nach dem Gedächtnis von Babett"; oder zu Nr. 229, S. 51: ,, Hier folgt nur einiges aus dem Gedächtnis von Babett"; oder zu Nr. 65, S. 89: ,,Jesus spricht noch viel darüber, Hannappel konnte es nicht behalten."

Wenn so auch manche Stellen in den Schippacher Schriften der Authentizität entbehren, so muß doch das allermeiste als Ausspruch der Jungfrau anerkannt werden; Barbara hat sich auch zeitlebens zu ihren Schriften bekannt. Wenn man aber Sätze aus diesen Schriften verketzern wollte, wie es ehedem von ihren Gegnern geschah, so müsste man zuerst die Originalität und Authentizität dieser Texte prüfen und, wo die Urheberschaft der Visionärin nicht eindeutig feststand, sich an den alten Moral- und Rechtsgrundsatz halten: In dubio pro reo, anstatt die Jungfrau Barbara aufgrund zweifelhafter Sätze zum Tode zu verurteilen.

Das Schicksal, dem die von Barbara in der Ekstase gesprochenen Worte verfielen, teilen sie übrigens mit jenen anderer Mystiker: ,,Die Schreiber", sagt Poulain, ,,können leicht, ohne es zu wollen, den Text verändern. Sie geben bei der Wahl der Ausdrücke ja doch immer etwas von dem ihrigen hinzu".

Von den Offenbarungen der heiligen Gertrud sind das erste Buch und der Schlussteil des fünften Buches gar nicht von Gertrud, sondern von einer ihrer Mitschwestern verfasst; dem Schreiber der heiligen Brigitta wird vom Heiland ausdrücklich gestattet, ,,um der Schwachen willen beizufügen, was notwendig und nützlich sei".

Der heiligen Hildegard wurde in einem Gesichte aufgetragen, ihre Offenbarungen aufzuschreiben, aber die Form von einem anderen feilen zu lassen.
 

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II. DIE SCHIPPACHER OFFENBARUNGEN

Diese Schriften also, über deren Entstehung und Schicksal uns das vorausgehende Kapitel unterrichtet hat, enthalten jene inneren Erleuchtungen, die Barbara Weigand in heiliger Verzückung empfangen haben will. Wegen dieses Anspruches mußten sich denn auch die kirchlichen Oberen mit ihnen befassen und auch die theologische Wissenschaft hatte das Recht, den Inhalt dieser Schriften auf seine Übereinstimmung mit dem kath. Glauben zu prüfen. Dieses Recht darf auch der Verfasser dieses Buches für sich in Anspruch nehmen. Dazu fühlt er sich um so mehr verpflichtet, als die Erforschung der Wahrheit über Schippach eine hoch sittliche Aufgabe ist, an der nicht bloß die Wissenschaft, sondern ebenso das kirchliche Lehramt ein Interesse hat. Hat doch der Heilige Vater Papst Pius XII. den Klerus zu wiederholten Malen aufgefordert, der Wahrheit zu dienen, wie es ja auch der Wunsch der Kirche ist, in Dingen der christlichen Freiheit auch die andere Seite zu Worte kommen zu lassen:

,,In jenen Fragen, in welchen man, da eine Entscheidung des Apostolischen Stuhles nicht vorliegt, ohne Gefahr für Glauben und Sitte dafür oder dagegen Stellung nehmen kann, ist es niemand verwehrt, frei seine Meinung zu äußern und aufrechtzuerhalten ...

Mit Freimut, aber mit Bescheidenheit möge ein jeder seine Ansicht vorbringen und verteidigen, und keiner halte sich für berechtigt, den Glauben und die kirchliche Gesinnung anderer deswegen zu verdächtigen, weil sie anderer Meinung sind" (Enzyklika vom 1. Nov. 1914).

Eine Entscheidung Roms in Sachen Schippach ist niemals ergangen.

   Treten wir also in die Prüfung der Schippacher Privatoffenbarungen ein!

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1. Die Rechtslage

Die Entscheidung über den übernatürlichen Charakter von Privatoffenbarungen gehört nach dem Kirchenrecht in den Amtsbereich des Heiligen Offiziums. Die Bischöfe haben nur die Vorarbeiten zu leisten, zu untersuchen und ihre gutachtliche Äußerung abzugeben, dann aber die Akten dem Heiligen Stuhl zu unterbreiten, dessen Entscheidung abzuwarten ist.

Gewöhnlich beschränkt sich die Antwort des Heiligen Stuhles auf Weisungen formeller Art wie: Episcopus utatur jure suo, remittitur ad jus Ordinarii, decreto Episcopi parendum est u. ä., aber eine sachliche Entscheidung erfolgt von Rom aus gewöhnlich überhaupt nicht, so lange nicht der Seligsprechungsprozess eingeleitet ist. Auch die sogenannte Approbation bedeutet noch keine Stellungnahme zugunsten des übernatürlichen Charakters von Privatoffenbarungen.

,,Wenn die Kirche", schreibt Göpfert, ,,Privatoffenbarungen zuweilen approbiert, so erklärt sie damit nur, daß in denselben üblicherweise nichts enthalten ist, was dem Glauben und der Sitte widerstreitet, sondern daß sie im Gegenteil fromm und ohne Aberglauben angenommen werden können".

Das Höchste was Rom zu Lebzeiten einer begnadigten Person entschieden hat, war: ni trompeuse ni trompée (keine Betrügerin und keine Betrogene), aber positive Entscheidungen gibt Rom nicht. Wie unangebracht war es also, von Rom eine Entscheidung über die Offenbarungen der Barbara Weigand zu deren Lebzeiten zu erwarten, weder nach der positiven noch nach der negativen Seite!

Der Heilige Stuhl hat es, getreu seiner Praxis, abgelehnt, über die Echtheit der Schippacher Offenbarungen eine Entscheidung zu treffen, wie die Akten unmissverständlich ausweisen.

Wie das Ordinariat Würzburg in seinem Amtsblatt vom Jahre 1917, S. 226 mitteilt, bat es am 10. März 1916 auf Grund des Berichtes seiner Prüfungskommission (über deren Tätigkeit siehe unten!) das Heilige Offizium um Verwerfung der Schippacher Privatoffenbarungen (ut reprobatio fiat illarum revelationum, quae sub nomine Barbarae Weigand feruntur), da sie pseudorevalationes (falsche Offenbarungen), errores (Irrtümer) und fraudes (Betrügereien) seien.

Auf diese Bitte erging von Rom am 25. Juni 1917 die folgende Antwort: ,,Suprema haec Congregatio Sancti Officii, perlectis litteris Amplitudinis Tuae, datis die 10. Martii 1916, circa assertas visiones ac revelationes cuiusdam Barbarae Weigand a vico Schippach istius dioecesis commorantis ... respondendum mandavit: Episcopi utantur jure suo. Hoc Sancti Officii responsum ad notitiam quaeso adducas ceterorum ordinariorum, quorum forte intersit in hac re mentem Sanctae Sedis cognoscere."

(Die Punkte ... betreffen die Erwähnung des Eucharistischen Liebesbundes und der Sakramentskirche.)

Betrachtet man den Wortlaut dieser Antwort, so ist zu ersehen, daß die Antwort des Heiligen Offiziums auf die Lektüre des Ordinariatsschreibens hin (perlectis litteris Amplitudinis Tuae) gegeben wurde, also nicht auf Grund eigener Prüfung. Darum will das Schreiben auch keine Stellungnahme zur Sache sein, sondern lediglich eine Antwort (respondendum mandavit, responsum).

In diesem responsum liegt aber bei näherem Zusehen etwas, was dem kirchenrechtlich geschulten Leser durchaus nicht nebensächlich erscheint, nämlich die Tatsache, daß das Heilige Offizium in seiner Antwort die vom Ordinariat Würzburg gebrauchten Ausdrücke pseudorevelationes, errores, fraudes vermeidet und dafür die Wendung setzt: assertae visiones ac revelationes.

Damit hat die Heilige Kongregation bekundet, daß sie sich die Würzburger Auffassung nicht zu eigen macht, sie vielmehr vermieden wissen will. Diese Schlussfolgerung wird noch einleuchtender, wenn man sich vor Augen hält, daß ja das Ordinariat Würzburg den Heiligen Stuhl ausdrücklich gebeten hatte, seine Bezeichnung der Schippacher Offenbarungen als pseudorevelationes, errores und fraudes zu approbieren.

Nun hat aber Rom diese Würzburger Bezeichnung nicht approbiert und nicht konfirmiert, sondern umgestoßen und dafür den neutralen Ausdruck assertae visiones ac revelationes gesetzt, der alle Möglichkeiten offen hält. Das ist die mens des Heiligen Stuhles hinsichtlich der Schippacher Offenbarungen.

Diese neutrale Haltung Roms hat sich bis zum heutigen Tage nicht geändert. Unbefriedigt von der Antwort des Heiligen Offiziums drangen die Gegner Schippachs auf eine abermalige Verwerfung durch das Ordinariat Würzburg, welches in der Tat am 11. Februar 1918 folgendes Dekret, Urteil genannt, erließ:

,,Die sogen. Offenbarungen der Barbara Weigand von Schippach sind zu verwerfen, denn sie     entbehren jedes Kennzeichen eines außerordentlichen göttlichen Gnaden- Einflusses, gefährden den gesunden Glauben und enthalten Irrtümer und Verstöße gegen die kirchliche Ordnung."

Gegen dieses ,,Urteil" erhob Barbara Weigand Beschwerde zum Heiligen Stuhl. Entgegen aller rechtlichen Ordnung wandte sich das Ordinariat Würzburg am 25. März 1919 an das Heilige Offizium mit der Bitte um Verwerfung der Weigandschen Appellation, worauf das Heilige Offizium am 3. November 1919 die folgende Antwort erteilte:

,,Per litteras datas die 25. Martii 1919 Tuus Vicarius Generalis instat, ut Sancta Sedes judicium ferat circa apellationem factam a Joanne Abel et Barbara Weigand contra sententiam Curiae Episcopalis Herbipolensis de die 11 Februarii 1916. Cum in hac re Suprema haec Congregatio die 13. Junii 1917, prout Tibi signatum fuit, decrevisset, ut Episcopi uterentur jure suo, nihil est, cur aliud judicium a Sancta Sede expetatur."

Damit lehnte es das Heilige Offizium abermals und sehr kategorisch ab, von sich aus in die Schippacher Offenbarungen einzugreifen.

Im März 1942 richtete das Heilige Offizium an den Bischof von Würzburg die Aufforderung: ,,Der Bischof möge an die Kongregation über die Notwendigkeit und den Nutzen der Sakramentskirche, über die etwa vorhandenen Mittel zu deren Vollendung sowie ihren Zusammenhang mit den Offenbarungen, welche an die Barbara Weigand ergangen sein sollen, berichten" (Diöz.-Bl. 1942, S. 123).

Auch dieser Ausdruck lässt, wie ersichtlich, die Frage nach dem Echtheitscharakter der Offenbarungen völlig unentschieden.

Darum konnten im Jahre 1949 römische Kreise und sehr gute Kenner Schippachs dem Verfasser folgende bestimmte Auskünfte aus Rom übermitteln:

,,Der Heilige Stuhl nimmt zu den Privatoffenbarungen von Schippach keine Stellung, bevor nicht der Seligsprechungsprozess der Dienerin Gottes Barbara Weigand offiziell eingeleitet ist." ,,Das Heilige Offizium hat niemals ein Urteil gegen Schippach ausgesprochen oder gegen Barbara Weigand (9. Sept. 1949 u. 1. Okt. 1949).

Damit dürfte zur Genüge erwiesen sein, daß der Heilige Stuhl die Schippacher Offenbarungen keineswegs verworfen hat, und daß darum deren Echtheitscharakter noch eine offene Frage darstellt, die gemäß der Enzyklika des Papstes Benedikt XV. vom 1. November 1914 auch publizistisch in Ruhe und Pietät erörtert werden darf.

Treten wir also in die Prüfung des Echtheitscharakters der Schippacher Offenbarungen ein!

Verfasser braucht dabei nicht zu versichern, daß er seine dabei zutage tretende Auffassung nicht für die allein und absolut richtige hält, da er ja nicht entscheiden, sondern nur prüfen will. Wenn der Heilige Stuhl einmal nach eigener Prüfung ganz anderer Meinung werden sollte als der Schreiber dieser Zeilen, dann wird dieser der erste sein, der sich einer solchen Entscheidung unterwirft. Meine Ausführungen beanspruchen bloß eine Glaubwürdigkeit nach den Regeln der Klugheit und der wissenschaftlichen Methode. Diese Methode aber beruht auf der Tatsache, daß ich Barbara Weigand mehr als fünfundzwanzig Jahre lang persönlich kannte (nach Poulain erstes Erfordernis, wenn man bei der Prüfung mystischer Personen mitreden will), auf der Tatsache, daß ich als ihr Beichtvater tiefer wie andere in ihr Innenleben hineinschauen konnte, auf der Tatsache, daß ich als ihr Pfarrer auch ihr äußeres Leben aus nächster Nähe zu beobachten Gelegenheit hatte, und auf der Tatsache, daß ich als philosophisch, theologisch, kanonisch und historisch geschulter Priester den ganzen Schippacher Fragenkomplex mehr als dreißig Jahre lang eingehend studiert habe.

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2. Allgemeines über den Charakter der Aufzeichnungen

Barbara Weigand war keine Schriftstellerin und wollte keine sein. Sie hat nicht wie andere Mystikerinnen gelehrte Bücher verfassen wollen; denn sie hat niemals eine andere Bildungsstätte besucht als die einfache Volksschule des Dorfes Rück in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, wo sie die notwendigsten Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen erhielt und die Grundwahrheiten des katholischen Glaubens kennenlernte. Das blieb zeitlebens ihr einziger Bildungsgang.

Wiederholt kommt sie in ihrem späteren Leben auf diese ihre niedrige Bildungsstufe zu sprechen und beruft sich auf die Einfachheit ihres Bildungsstandes, wenn man ihre Aussprüche und Aufzeichnungen mit dem Maßstabe einer wissenschaftlichen Kritik prüfen und jedes ihrer Worte auf die Goldwaage wissenschaftlicher Exaktheit legen wollte.

Es war darum seinerzeit eine verfehlte Methode, Barbara Weigands Schriften nur nach wissenschaftlichen Prinzipien und ihr Seelenleben nur nach den Schippacher Heften beurteilen zu wollen, anstatt es wirklich als Leben zu begreifen, als organisches Gebilde in seinem Wachstum, Blühen und Reifen, mit seinen Witterungen und Stürmen, als Glied am mystischen Leibe Christi. Wieviel Unheil hätte verhütet werden können, wenn man, anstatt sich in handgeschriebenen Heftchen zu verbeißen, den Gebetsgeist, das Opferleben, die Sühnebereitschaft, die karitative Wirksamkeit, den strengen sittlichen Wandel, den hinreißenden Einfluss der Jungfrau auf ihre Umgebung zur Grundlage ihrer Beurteilung gemacht hätte!

Hätte man seinerzeit gegen die Weigandschen Äußerungen etwa die zarten Grundsätze walten lassen, die Paul Keppler in seiner meisterhaften Art gegenüber den Abschiedsreden Jesu anwandte, wo er weniger strenge Abfolge der Gedanken als vielmehr pietätvolle Zeichnung des Gemüthaften verlangt, wäre sicherlich über Schippach ein anderes Bild entstanden und dem Ansehen der katholischen Wissenschaft und auch dem Episkopat viel Schaden erspart geblieben.

Bekanntlich hat Barbara Weigand ihre Schriften allezeit als einen kostbaren Schatz gehütet und gegen Zugriffe verteidigt, da sie in ihnen den Niederschlag ihrer in heiliger Ekstase empfangenen Gebetsgnaden erblickte. Diesen Glauben haben auch ungezählte fromme Seelen aus allen Ständen, Geistliche und Laien, mit ihr geteilt.

Bischöfe und Priester, Männer vom Fach, hochangesehene geistliche Schriftsteller, hohe Staatsbeamte, Juristen und Kaufleute haben sich für die Glaubwürdigkeit der dort niedergelegten Gedanken ausgesprochen und ihre aszetischen Erwägungen der ,,Nachfolge Christi" an die Seite gestellt.

Andere aber sahen zur gleichen Zeit in diesen Schriften den Ausbund alles Schlechten. So heißt es z. B. in damals erschienenen Schriften und in zahlreichen Zeitungsartikeln, die Schippacher Offenbarungen seien ,,an sich nicht wert, auch nur einen Bogen Papier darüber zu verschreiben oder eine Minute Zeit darauf zu verwenden"; sie seien ,,förmlicher Aberglaube", ,,Unkraut", das ,,ausgerottet" werden müsse, sie seien ,,Halluzinationen", ,,Ausgeburten eines kranken Hirns", ,,Plattheiten", ,,Süßlichkeiten", ,,Ungereimtheiten", ,,Sammelsurium", ,,wirres Durcheinander", ,,Produkte hysterischer Anfälle", ,,religiöse Wahnideen", ,,Wühlereien der üppigsten Pseudomystik", ,,häretische Abgeschmacktheiten", ,,Ausgeburten einer unsinnigen Phantasie", ,,unsittliche Andächtelei", ,,innerlicher Unrat", ,,schlimmster Unsinn".

Kann es noch hässlichere Ausdrücke geben? Und diese Beurteilung wurde durch die Presse in die Öffentlichkeit und in die Amtszimmer kirchlicher Behörden getragen, während den Kennern und objektiven Beurteilern Schippachs jede öffentliche Richtigstellung durch Verweigerung des Imprimatur bis auf diesen Tag unmöglich gemacht wird.

Kann man da noch von Freiheit der Meinungsäußerung reden, wie sie Papst Benedikt XV. in der oben erwähnten Enzyklika vom 1. November 1914 den katholischen Christen zubilligte? Dabei muß man bedenken, daß jene hässliche Beurteilung von Priestern stammt, die Barbara Weigand niemals in ihrem Leben gesehen hatten!

So sehr Barbara Weigand an ihren Schriften hing, so ist sie doch die letzte gewesen, die jedem ihrer Worte eine absolute Gültigkeit hätte beimessen wollen; sie wusste nur zu gut, daß dort Gutes und weniger Gutes nebeneinander stehe und bat deshalb die Kritiker wiederholt, sich an das Apostelwort zu halten: ,,Prüfet alles! Was gut ist, behaltet!" Man solle sich doch nicht an Kleinigkeiten und Äußerlichkeiten stoßen, sondern den Geist würdigen, der in den Schriften wehe.

Am 7. April 1899 bittet sie einen priesterlichen Freund, er möge alles gut durchstudieren, ohne Anstoß an Kleinigkeiten zu nehmen. Die Hauptsache sei, daß er den Geist herausziehe, den Jesus darin niedergelegt. Dann solle er bedenken, daß sich Jesu Geist mit ihrem menschlichen Geist verbinde, und daß sich dieser menschliche Geist hie und da mit einmische; sie sei aber ein armes Dorfmädchen, da sie keine höhere Schule besucht habe.

An anderer Stelle preist sie ,,glücklich diejenigen, die sich an den Geist anschließen, der hier weht!". ,,Alle, die sich anschließen an den Geist, der da bestätigt wird in den Schriften, der mein Geist ist, sollen und werden gerettet werden". Wenn auch nicht alles lauteres Gold sei, so könne es doch wertvolle sittliche Wahrheit sein. ,,Ihr, meine Kinder", hörte sie einmal, ,,werdet nicht müde, die Worte aufzuschreiben, die ich zu euch rede durch meine Dienerin. Diejenigen aber, die zweifeln und sagen wollen, es sei immer dasselbe, mögen doch die Schriften und Worte gut studieren, ob sie nicht darin heilsame Lehren für ihr Leben finden ... Der Hausvater, der da sucht, findet immer etwas Neues in diesem alten Evangelium. Der Hausvater bist du, katholischer Priester! Such nur, und du wirst zu dem Alten immer auch wieder Neues finden".

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3. Grundsätzliches zur Beurteilung der Schriften

a) Die Grenzen der wissenschaftlichen Zuständigkeit

Wer über mystische Erlebnisse und Schriften ein Urteil abgeben will, muß vor allem ein gründliches Studium der mystischen Theologie hinter sich haben; Gelehrsamkeit allein macht noch lange nicht zur Übernahme eines derartigen Richteramtes fähig. ,,Kritisiere jeder", sagt Grabinski, ,,soviel er kritisieren zu müssen glaubt, aber nur wenn er über die Dinge, die er beurteilen will, gründlich orientiert ist, und wenn er vor allem auch auf diesem Gebiet Erfahrungen aufzuweisen hat. Bloßes allgemeines Wissen befähigt noch lange nicht zu einem wirklich maßgebenden Urteil".    Wer über mystische Erscheinungen, Ekstasen, Visionen, Personen, Schriften, Anregungen urteilen will, muß die mystische Theologie wohl beherrschen, und dies ist eine schwierige Sache; denn die mystische Theologie ist nach den Worten Denifles ,,unter allen theologischen Disziplinen die wohl schwierigste".

Hat sich ein Beurteiler ,,mit dieser schwierigen Wissenschaft nicht vertraut gemacht, so wird er dem Innenleben des Mystikers zum Teil verständnislos gegenüberstehen und deshalb sein psychologisches Bild sicher verzeichnen, mag es sich um Franz von Assisi oder Ignatius, um Canisius oder Borja, um Franz von Sales oder Franziska von Chantal handeln".

So ein moderner Autor, über dessen Klarheit der Darstellung ich mich herzlich gefreut habe. Dann zitiert er eine ganz zutreffende Äußerung seines Ordensgenossen Michael, daß der Historiker, wenn er nicht selbst Mystiker sei, für das Gebiet der echten Mystik nicht zuständig sei, da er sich auf einem ihm fremden Gebiet bewege.

Ähnlich drückt sich Surin aus: ,,Die mystische Theologie ist eine eigene Wissenschaft, die ihre eigenen Prinzipien, ihre eigenen Schlussergebnisse und ihre eigene Sprache besitzt, unabhängig von jeder anderen Wissenschaft. Es gibt aber manche Leute, die, ohne sich viel in den Werken über mystisches Leben umgesehen zu haben, sich für berechtigt halten, darüber zu urteilen und gar abfällig zu urteilen. Auffallend ist es, daß man sich in allen Wissenschaften gerne auf Fachleute beruft, in dieser Wissenschaft hält sich aber jeder für einen Meister".

,,Selbst tüchtige Theologen und Historiker", meint Richtstätter, ,,können der mystischen Terminologie hilflos und verständnislos gegenüberstehen". ,,Auch Priester, die in Theologie und Aszese wohl bewandert sind, denen es aber nicht gegeben ist, das eigentliche Wesen der außergewöhnlichen Beschauung zu erfassen, auch wenn sie gewandt und interessant über Mystik zu reden oder zu schreiben wissen", zeigen oft für höhere mystische Ergebnisse wenig Verständnis und eine erschreckende Unfähigkeit in der Bewertung mystischer Vorkommnisse im Einzelfalle.

Die letzte Beobachtung konnte man auch bei Schippach machen, wo selbst tüchtige Theologen versagten. Aber von den allermeisten der seinerzeitigen Veröffentlichungen wird man nicht behaupten können, daß sie auch nur einen Hauch fachmännischen Wissens atmeten. Jene Presseerzeugnisse sind getragen von einer Unkenntnis der Mystik, die nur Lächeln erwecken könnte, wenn sie nicht so verheerende Folgen gezeitigt hätte. Nur Ignoranten und das moderne Zeitungspublikum konnten sich durch das Massive der Sprache und den geistlichen Stand der Verfasser, denen das heilige Land der Mystik terra ignota war, hinwegtäuschen lassen.

Den tieferen Grund für das Versagen der Theologen, gerade in mystischen Dingen, gibt der heilige Bonaventura, gleich groß als spekulativer Theologe wie als Mystiker, wenn er von den mystischen Gnaden sagt: ,,Willst du wissen, wie das geschieht, so frage die Gnade, nicht die Wissenschaft, das Verlangen und nicht das Verständnis, den Bräutigam und nicht den Lehrer". Das ist dieselbe Erkenntnis, die Karrer in die Worte kleidet: ,,Hier schweigt die Wissenschaft, wir sind auf heiligem Boden", oder wie Jeiler ausspricht: ,,Es ist katholische Lehre, daß der Heilige Geist innerlich den Leib der Kirche mit all ihren Gliedern übernatürlich belebt, erleuchtet und erwärmt. Das Maß seiner Gnaden und Gaben wird dabei keineswegs nach dem Grade ausgeteilt, den die Empfänger in der äußeren hierarchischen Ordnung der Kirche einnahmen, sondern nicht selten sind die in den Augen der Menschen Geringsten und Kleinsten am meisten bevorzugt. Der Geist weht, wo er will, und für alle Zeiten gilt das Wort des Herrn: ,,Ich preise dich, Vater des Himmels und der Erde, daß du dieses vor den Weisen und Klugen verborgen und den Kleinen geoffenbart hast!".

Dieses Wort erklärt auch die Tatsache, daß Privatoffenbarungen und außerordentliche Charismata schlichten Personen, auch weiblichen Geschlechts, häufiger zuteil werden als Hochgestellten und Gelehrten. Als einst gelehrte Theologen die heilige Katharina von Siena in Verwirrung bringen wollten, antwortete sie: ,,Welch ein Unheil ist die stolze Wissenschaft! Euch schadet sie sehr, ohne irgend jemand zu nützen!"

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b) Verständnis für die mystische Sprache

Wer mystische Schriften prüfen und beurteilen will, muß der Eigenart der mystischen Sprache Rechnung tragen. ,,Wenn manche schwerverständliche Stellen vorkommen sollten", so leitet der englische Benediktiner Dom Louismet sein Buch über die Beschauung ein, ,,dann möchte ich meine Leser bitten, nicht mutlos zu werden und ihr Beginnen nicht aufzugeben. Solch dunkle Stellen muß man aufmerksam lesen und wieder lesen, und wenn kein Licht hineinkommt, dann soll man einfach darüber hinweggehen. Später, wenn das ganze Buch einmal gelesen ist, und besonders, wenn man angefangen hat, es mit wahrem Ernst im Leben auszuführen, dann wird die Schwierigkeit aller Wahrscheinlichkeit nach sich ganz beheben und was anfangs dunkel erschien, das wird dann klar und lichtvoll und wertvoll".

Was hier ein Schriftsteller von einem fachwissenschaftlichen Werke sagt, das gilt in noch viel höherem Grade von den eigentlichen mystischen Schriften, wie Zahn mit Recht betont: ,,Es bedarf nicht bloß einer Vorschulung und eines aufmerksamen Einlesens, wenn man der mystischen Literatur Geschmack und Segen abgewinnen will, sondern auch Sorgfalt und Hingabe, wenn man die mündlichen Äußerungen der Jünger des mystischen Lebens recht verstehen und beurteilen will".

Immer mahnen darum die Autoren zur Vorsicht in der Abgabe eines Urteils, weil die Mystik eine so schwierige und geheimnisvolle Sache ist, deren Innerstes dem Außenstehenden letzten Endes überhaupt verschlossen bleibt. ,,Man will damit (mit dem Worte ,,Mystik") ausdrücken, daß sie etwas Geheimnisvolles in sich schließt, das selbst die Eingeweihten nicht durchschauen. Da gibt es Erscheinungen, die man niemals vollständig verstehen wird".

Es kann nun sein, daß uns gewisse Wendungen, rhetorische Ausdrücke im Munde von begnadigten Personen nicht recht zusagen, daß sie uns unwahrscheinlich, unmöglich oder übertrieben vorkommen. Geht es nun an, sofort den Stab über solche Wendungen und damit über die ganze Sache zu brechen? Das wäre weit gefehlt. Solche Ausdrücke muß man zu erklären versuchen, darf sie aber nicht von seinem Standpunkt aus ablehnen.

Vor allem, so mahnt Zahn, müsse man die Umwelt beachten, welcher die Aussagen der Mystiker entstammten und in welche sie zurückversetzt werden müssten, um recht verstanden zu werden. Was diesen Kreisen der höchsten Erbauung dienen könne, das sei vielleicht geeignet, bei weniger günstigen Dispositionen zu stören und zu schaden: eine goldene Regel, die aber leider im Falle Schippach recht wenig beachtet wurde.

Finden wir doch in den Presseangriffen der Jahre 1914 bis 1919, daß dort sogar Stil, Dialekt, sprachliche Unrichtigkeiten zum Gegenstand des Gespöttes gemacht wurden, daß man an Hör- und Schreibfehler, an unvollständige und sprachlich nicht durchgebildete Sätze in den Schriften die höhnische Bemerkung knüpfte, der Jesus der Schippacher Offenbarungen könne nicht einmal einen sprachlich richtigen Satz sprechen.

Auch darf man aus absolut klingenden Wendungen nicht allzu viel herauslesen, sondern man soll nach Preger ,,als Regel der Auslegung festhalten, daß die Absolutheit des Ausdrucks nur aus dem Bestreben kommt, eine Seite der Betrachtung ausdrucksvoller hervorzuheben". Daß man Ausdrücke schon deshalb nicht pressen darf, weil man ja gar nicht weiß, was der Autor darunter verstanden hat, wird durch die Tatsache beleuchtet, daß ein und dasselbe Wort verschiedene Bedeutungen haben kann. Wenn nun eine allzu scharfe Kritik die Worte in mystischen Schriften in einem anderen Sinne auslegt als sie der Mystiker gemeint hat, wie man dies z. B. mit den Worten ,,Sühne", ,,Verdienst" in den Schippacher Schriften getan hat, so ,,beweist man mit einer solchen Zitationsweise nur aufs neue, daß man es fertig bringen kann, jede Stelle mit seinen eigenen Augen zu lesen und nach seinem eigenen Sinn zu verwenden". Wenn man einen Autor zitiert, so Poulain, ,,muß man sehen, was das Wort bei ihm im Zusammenhang bedeutet". Mit der letzteren Bemerkung stoßen wir auf eine wichtige Regel zum Verständnis und zur Beurteilung mystischer Schriften: Die Ausdrücke der Mystiker muß man im Zusammenhang und nach dem Geist des Ganzen erklären. Gar schön verlangt Zahn diese Behandlung auch für sein Buch: ,,Darum möchte ich bitten, weniger das Ganze nach losgerissenen Stücken als die einzelnen Teile nach dem Ganzen zu beurteilen", und anderwärts entschuldigt er gewisse Abirrungen in der Mystik mit dem Hinweis auf das Ganze, wenn er meint: ,,Man darf nicht wegen der irrigen Missbräuche das ganze Gebiet der Mystik interdizieren", oder wenn er Leser ablehnt, ,,welche der entsprechenden Reife entbehren", also nicht fähig seien, den Ernst der Geschehnisse oder den Geist des Ganzen richtig aufzufassen.

Das gilt ganz gewiss für die große Masse des modernen Zeitungspublikums. ,,Viele Ausdrücke", bemerkt einmal Zahn ganz richtig, ,,verlieren ihre Einseitigkeit durch anderweitige Zeugnisse", ,,scheinbar entgegenstehende Sätze erklären sich durch den Zusammenhang", ,,einzelne dunkle Worte und schwierige Stellen müssen nach der gesamten Anschauungs- und Ausdrucksweise des Autors beurteilt werden, nicht aber darf man umgekehrt einfache Wort und Gedanken durch Eintragung von Schwierigkeiten verdunkeln."

Auch dem Dogmatiker sind Grenzen gezogen. Es ist unnötig zu betonen, daß Visionen und Privatoffenbarungen keine neuen Wahrheiten vermitteln können; darum ist auch das Recht des Dogmatikers anzuerkennen, Privatoffenbarungen nach dieser Richtung hin zu prüfen. Aber wie der Dogmatiker kein Recht besitzt, etwa über die stufen- oder artmäßige Abgrenzung der mystischen Gnaden eine lehramtliche Entscheidung ins Feld zu führen, so hat er noch weniger das Recht, die Terminologie der Mystiker nach dem strengen Maßstab der konventionell gewordenen Fachausdrücke oder der dogmatischen Theologie zu messen; vielmehr müssen die Aussagen des Mystikers ,,unter Berücksichtigung seiner selbstgebildeten Ausdrucksweise" geprüft werden.

,,Der Dogmatiker würde seine Befugnisse überschreiten, wollte er auf Grund einer persönlichen, umstrittenen theologischen Meinung dem Heiligen Geiste Grenzen vorschreiben, wie er in einer von ihm besonders bevorzugten Menschenseele in außergewöhnlicher Weise seelisch nur allein wirken dürfe. Auf Grund dessen, was der Mystiker (also nicht andere, z. B. Abschreiber oder Kritiker!) als ein inneres Erlebnis darstellt ..., ist der Theologie und Psychologie die Möglichkeit geboten, das Tatsachenmaterial (also nicht Schreibfehler oder Zutaten der Schreiber oder Vermutungen der Kritiker!) wissenschaftlich auszuwerten. Ob die höheren Gebetsgnaden der eingegossenen Beschauung vom Dogmatiker in der richtigen Weise dargestellt werden, findet der Mystiker ... sofort heraus. Sein Urteil ist darum auch für den Dogmatiker von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Denn was helfen seine scharfsinnigsten Untersuchungen und Argumentationen, wenn der Mystiker achselzuckend erklärt: ,,Das ist ja gar nicht mein mystisches Erlebnis ... sondern etwas ganz anderes".

So spricht mit erfrischender Klarheit ein erfahrener Geistesmann. Sein Ordensgenosse Noldin hatte schon vor ihm vor der Verabsolutierung mystischer Worte durch Theologen gewarnt: ,,Die Mitteilungen des Herrn an einzelne auserwählte Seelen haben nie jene allgemeine Fassung und Gestaltung wie die Dogmen des Christentums; sie nehmen vielmehr ein individuelles Gepräge an ... Es kann sich aber sehr oft ereignen, daß die Offenbarungen des Herrn in ihrer individuellen Gestaltung, in welcher sie zu uns gelangen, einem anders gearteten Geiste und Gemüte nicht zusagen".

Das ist objektive Sprache und Wissenschaft. Auch wenn die Offenbarungen von Schippach, z. B. die Mahnungen an die Priester zu einem Leben der Armut und Einfachheit oder die Aufforderungen zur Sühneleistung oder die Aufrufe an die Bischöfe zur Einführung der öfteren heiligen Kommunion und zur Förderung der Heiligen Stunde oder die Mahnungen zum öffentlichen Bekenntnis des katholischen Glaubens, einem anders gearteten Geiste und Gemüte nicht zusagten, so durfte man deswegen solche Worte nicht verketzern und ihre Urheberin nicht schmähen, wie es leider seinerzeit geschehen ist.

Jedenfalls kann ich als Pfarrer und Beichtvater der Schippacher Jungfrau versichern, daß das, was man seinerzeit in Presse und Predigt als Meinung der Barbara Weigand über gewisse dogmatische und moralische Fragen hinstellte, nicht das seelische Erlebnis jener Person gewesen ist. Das ist authentische Interpretation. Hier vermögen alle Superlative, aller Groß- und Fettdruck, alle Ausrufezeichen nichts, wenn Barbara Weigand sich wehrt und erklärt: ,,Das ist ja gar nicht mein mystisches Erlebnis, was ihr da herausgefunden haben wollt."

Sie hat übrigens gegen die seinerzeit ihr gemachten Unterstellungen in ihrem Appellationsschreiben an den Heiligen Stuhl feierlich Verwahrung eingelegt.

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c) Fühlen mit dem Mystiker

Eine Voraussetzung für das Verständnis mystischer Schriften bildet auch das Fühlen mit dem Mystiker. Es ist dieses Gebot eigentlich nur die positive Seite jener anderen Erwägung, daß man bei einer solchen Arbeit nicht nach seinen vorgefassten Meinungen oder starren wissenschaftlichen Maximen vorgehen dürfe. Wie auf dem Gebiet des Seelenlebens überhaupt, so ist es im Reiche der erfahrungsmäßigen Mystik, dieser feinsten und zartesten Blüte des menschlichen Innenlebens, nötig, sich in das Seelenleben des Begnadigten so gut es geht einzuleben, den Standpunkt des Mystikers einmal als den gegebenen zu betrachten und seine Gedanken einmal zu den eigenen zu machen. Das nenne ich psychologisch prüfen.

Was Poulain dem Seelenführer in bezug auf die Leitung der täglichen inneren Gebete anrät, das gilt auch für den, der über mystische Erlebnisse anderer urteilen will: ,,Man muß den Menschen mit sich selbst vergleichen, nicht mit einem anderen besonders begnadigten Menschen".

Darum geht es den Mystikern oft so schlecht, weil sie von ihrer Umwelt oft nicht oder - vielleicht absichtlich - falsch verstanden werden; die Geschichte der Heiligen ist der Beweis.

,,Ohne eine gewisse geistige Verwandschaft", bemerkt einmal zutreffend Karrer, ,,wird es schwer, wenn nicht unmöglich sein, die Heiligen in ihrem Intimsten zu verstehen. Am allermeisten wird der Mystiker missverstanden". Auch Zahn gibt diesem Gedanken Raum, wenn er das Wort Leubas zitiert, ,,daß im großen und ganzen die kirchlichen Mystiker selber und überhaupt die Gläubigen der Kirche viel richtiger über Charakter und Tendenzen der Mystik geurteilt haben als die meisten der modernen Schriftsteller". Treffend bemerkt hierzu der italienische Religionspsychologe Guido Ferrandi: ,,Da nur der Mystiker imstande ist, seine religiösen Erfahrungen zu beschreiben, so muß der Psychologe, wenn er wirklich eine wissenschaftliche Methode befolgen will, seine Aussagen als Wahrheit hinnehmen." Das wollen wir in Pietät und Liebe auch gegenüber Schippach gelten lassen.

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d) Zurückhaltung im Urteil

Eine weitere Regel zur Prüfung mystischer Vorgänge und Schriften mahnt eindringlichst zur Zurückhaltung im Urteil, da ja nicht leicht eine Materie so große Schwierigkeiten darbietet als gerade die Mystik.

Denn da gilt es zunächst einmal die natürlichen und übernatürlichen Faktoren, so gut es geht, auseinanderzuhalten, eine Schwierigkeit, auf die auch Zahn mit den Worten hinweist, ,,wie auch auf anderen Gebieten unserem Geiste nicht beschieden ist, Gottes Walten in uns gegenüber unserem eigenen Wirken nach den Maßstäben unserer Begriffe abzugrenzen".

Diese Mischung von göttlicher und menschlicher Tätigkeit auszuscheiden, ist freilich mitunter ein Ding der Unmöglichkeit.

Wo nicht ausgesprochene Beweise Gottes vorliegen wie ein Wunder oder eine bestimmt in Erfüllung gegangene Weissagung, lässt sich eine solche Ausscheidung nur durch Abwägen der Gründe für und wider vornehmen, allein ,,praktisch gibt dieses Mittel meist nur eine geringere oder größere Wahrscheinlichkeit". Die Mystik ist eben ,,das unbekannte Land, voll von Wundern und Geheimnissen", in welchem ,,es nicht immer leicht ist, sofort zu erkennen, inwieweit natürliche Anlage oder die außergewöhnliche Wirkung einer mystischen Gnade vorliegt". Man weiß, daß auch zwischen der Pseudomystik und der echten Mystik die Grenzen oft ineinander laufen, erst recht zwischen dem göttlichen und dem menschlichen Faktor in sonst anerkannten Privatoffenbarungen.

Vielleicht noch größer ist die Schwierigkeit in der Deutung der mystischen Sprache, worauf wir oben schon hingewiesen haben. Poulain kommt immer wieder auf diese Schwierigkeit zu sprechen und Zahn widmet der Relativität der mystischen Sprache volle 21 Seiten seines Handbuches. Überall erklingt die Mahnung, wie vorsichtig man mit den Ausdrücken der Mystiker umgehen müsse, damit man nicht ihr ganzes mystisches Leben in Misskredit bringe. So meint eine begnadigte Seele in einem besonderen Falle: ,,Ehrlich gestanden: ich bin entsetzt, wie falsch die Ausdrücke verstanden sind. Sie bezeichnen jene inneren Vorgänge treffend für diejenigen, die sie verstehen, andere aber können damit das Heiligste profanieren".

Diese Schwierigkeit erscheint noch einleuchtender, wenn wir bedenken, daß nicht einmal der Mystiker selbst imstande ist, sein inneres Erlebnis in eine klare äußere Form zu kleiden. ,,Es ist deshalb nicht erstaunlich, daß wir so oft bei Mystikern die Bemerkung lesen, es sei unaussprechlich, was sie erlebt haben". Auch Barbara Weigand gibt in ihren Schriften diesem Empfinden öfter Ausdruck.

Die dunkle Sprache der Mystiker, deren Unvermögen, ihr inneres Erlebnis in eine klare Form zu bringen, die weite Deutungsfähigkeit ihrer Terminologie, die Schwierigkeit im Auseinanderhalten von göttlichem und menschlichem Faktor: die Erwägung aller dieser Momente sollte einen jeden ehrlichen Forscher zu äußerster Vorsicht und Zurückhaltung im Urteil gemahnen. Klassisch einfach legt darum Poulain allen die wohlgemeinte Mahnung ans Herz: ,,Die Entscheidung hinausschieben. Wir sehen, daß man Zeit und lange Untersuchung braucht, um bei Offenbarungen zu einem sicheren Urteil zu kommen".

Der große Amort dehnt diese lange Zeit bis über den Tod der betreffenden Person hinaus aus, wenn er meint, vor dem Tode der fraglichen Person könne man, Ausnahmen abgerechnet, niemals über eine Offenbarung sicher sein. Wenigstens müsse man bei Offenbarungen, die ein bestimmtes Ziel hätten, z. B. das Anregen einer Wallfahrt, erst die Ereignisse sich entwickeln lassen und abwarten, bis die Offenbarungsreihe abgeschlossen sei, ehe man sein Urteil abgebe.

Wie sehr hat man sich seinerzeit von Freund und Feind gegen diese Mahnung verfehlt!    Barbara Weigand starb erst im Jahre 1943; aber schon im Jahre 1900 und besonders in den Jahren 1914 bis 1919 waren die Zeitungsschreiber mit ihrem Urteil fix und fertig. Auch an diesem Maßstab gemessen erscheinen die seinerzeitigen ablehnenden Urteile über Schippach zum mindesten als voreilig und verfrüht.

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e) Die kirchlichen Vorschriften

Bei der Prüfung und Bewertung mystischer Schriften müssen außer den besprochenen wissenschaftlichen Grundsätzen auch die besonderen kirchlichen Vorschriften Beachtung finden, die in den Erlassen Papst Urbans VIII. vom 13. März 1625 und 5. Juli 1634 niedergelegt sind. Danach wird der Diözesanbischof zur Prüfung von Offenbarungen den Rat der Theologen und anderer frommer und gelehrter Leute heranziehen und alsdann die Akten dem Heiligen Stuhle unterbreiten, dessen Entscheidung abzuwarten ist.

Zeitungen dürfen nach der milderen Ansicht der Moralisten darüber berichten, ,,wenn sie sich enthalten, über deren übernatürlichen Charakter ein Urteil abzugeben".

Nun besehe man sich das Vorgehen gegen die Offenbarungen der Barbara Weigand! Obwohl ganz allein Rom zu entscheiden hat, maßte sich ehedem die Presse dieses Recht an und erklärte die Schippacher Offenbarungen als unecht, als Quatsch und Sammelsurium. Wo blieb da die Achtung vor der höchsten kirchlichen Obrigkeit?

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4. Kriterien für die Echtheit

Zahn bringt als abschließendes Ergebnis seiner Studien für die ,,Kriterien für Visionen und Visionäre" die Folgerung: ,,Der Schluss auf die Existenz einer besonderen und außerordentlichen göttlichen Erleuchtung und Einwirkung ist um so begründeter, je mehr die vermöge jener Gesichte oder Ansprachen gewonnene theoretische und praktische Einsicht über das Maß der persönlichen Veranlagung und der verfügbaren Bildungsmittel, der bisherigen äußeren und inneren Schulung nachweisbar hinausgeht". Nun bedarf es wohl keines Beweises mehr, daß die von Barbara Weigand in ihren Ekstasen und Visionen empfangenen und in ihren Schriften niedergelegten theoretischen und praktischen Einsichten in das innere religiöse Leben, in die aszetischen Forderungen der Zeit, in das Schicksal der Kirche, in die gefährlichen Zeitströmungen und in die wirksamen Mittel zu deren Bekämpfung, besonders in die Notwendigkeit des Empfanges der heiligen Kommunion sowie in die Leistungen von Opfer und Sühne, ganz sicher über das Maß der persönlichen Veranlagung und der verfügbaren Bildungsmittel sowie der äußeren und inneren Schulung des einfachen Mädchens von einem unbekannten Spessartdörfchen hinausgehen, eines Mädchens, das nachweisbar keine andere religiöse und aszetische Bildung genossen hat als jene einer primitiven fränkischen Dorfschule aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Gerade auch die Erkenntnis der vom antichristlichen Sozialismus drohenden Gefahr, bekundet in einer Zeit, in welcher dieser praktisch bei uns im öffentlichen und staatlichen Leben noch ohne nennenswerten Einfluss war, überstieg zweifellos die Bildungsstufe eines Bauernmädchens oder einer Wirtshausmagd.

Weder in ihrer Heimatgemeinde, noch in deren Umgebung bestand irgendeine Gelegenheit, wo die Jungfrau die von ihr wiedergegebenen Gedanken über so weittragende, in das religiöse, moralische, soziale, kirchliche und pädagogische Leben eingreifende Probleme hätte auffangen können, was auch Bischof Haffner von Mainz im Jahre 1896 anerkannte, wenn er dazu bemerkte, ,,die zum Teil auf die Zeitverhältnisse (Sozialismus, Liberalismus) eingehenden Mahnungen und Klagen seien dem Gesichtskreis der Barbara fernerliegend."

Aber noch mehr als diese Einsicht in die Größe der sozialistischen Gefahr, die nach Barbara Weigand unabweislich zu einer blutigen Revolution in ganz Europa führen würde (wie es dann auch geschehen ist), übersteigt ihre Erkenntnis von der Rettung der Welt durch ein wahrhaft eucharistisches Leben ihren Bildungsstand und ihre Schulung. Hier liegt der Jungfrau Lebenswerk, an dem nicht zu deuteln und zu rütteln ist; an diesem rocher de bronce zerschellen alle Angriffe und Verkleinerungsversuche.

Unsere Gottesfreundin hat schon in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Prophetenruf in die Welt gesandt, den drohenden Zeitübeln werde nur durch ein wahrhaft eucharistisches Leben begegnet werden können; sie hat selber unter Widersprüchen, Kämpfen und Opfern ein solches Leben gelebt, sie hat diesem Ideal zuliebe Elternhaus und Heimat verlassen, hat mehr als ein Menschenalter hindurch für dieses Ideal gearbeitet, bis ihr Sehnen und Sehen in den Dekreten Pius X. seine Erfüllung gefunden.

Schon vor ihrer Übersiedlung nach Mainz (1885) übte sie fünfzehn Jahre lang ein ganz außergewöhnliches eucharistisches Leben und als sie nach Mainz zog, tat sie dies gerade deswegen, weil ihr daheim in ihrer Schippacher Kirche der tägliche Empfang der heiligen Kommunion unmöglich gemacht wurde.

Und da sagt man dann dreißig Jahre später, sie habe diese Einsicht aus der Mainzer Wirtsstube bekommen! Glaubt wirklich ein objektiv denkender Mensch, die Gespräche der Mainzer Wirtshausgäste hätten sich mit der Notwendigkeit der Einführung der Oftkommunion befasst? Oder wenn man ihre diesbezüglichen Mahnrufe als Reminiszenzen aus Büchern und Predigten hinstellt, so nenne man klipp und klar jene Bücher und Prediger in Schippach und Mainz, welche in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verkündeten, Papst und Bischöfe müssten die Oftkommunion allen Gläubigen zugänglich machen, und wenn man solche Bücher und Prediger ausfindig gemacht hat, dann beweise man wissenschaftlich einwandfrei, daß sich Barbara Weigand ihre Ideen aus diesen Büchern und Predigten geholt habe; das wäre dann eine ,,quellenmäßig-exakte und theologisch-gediegene Weise", welche das ängstliche Bestreben, bei Barbara Weigand ja keine übernatürliche Einwirkung gelten zu lassen, nur aufs beste stützen könnte.

Aber ein solcher Beweis wird nie gelingen; denn in jenen Jahrzehnten haben in Deutschland weder die theologische Wissenschaft, noch die Literatur, noch die Hierarchie, noch die kirchliche Praxis die Notwendigkeit der täglichen Kommunion für alle propagiert, sie vielmehr bekämpft.

Daß sich Barbara Weigands Gedanken somit weit über ihren Bildungsstand erhoben, dürfte außer allem Zweifel stehen. Diesen Eindruck gewinnt jeder vorurteilsfreie Leser ihrer Schriften. Zum Beleg hierfür erwähne ich die Stimme eines Priesters, der sich am 30. Oktober 1907 in einem 24 Seiten starken Gutachten über den Echtheitscharakter der Weigandschen Offenbarungen freimütig aussprach. In diesem dem Verfasser im Original vor-
liegenden Gutachten schreibt der in mystischen Dingen erfahrene und vom Fürstbischof von Breslau zur Prüfung von Ekstatischen herangezogene Lizentiat, der Theologe Julius Micke in Neisse (Oberschlesien), über dessen Persönlichkeit mir das Fürstbischöfliche Ordinariat von Breslau auf meine Anfrage unterm 20. Oktober 1944 die näheren Auskünfte in bereitwilligster Weise erteilte, zu dem berührten Punkte wie folgt (S. 5 ff): ,,In den Aufzeichnungen ist mit Recht hervorgehoben worden, daß der Geist, der aus diesen Mitteilungen spreche, in Betracht gezogen werden müsse, um diese Frage (sc. ob göttlichen oder menschlichen Ursprungs) zu beantworten. Sehen wir den Inhalt der Mitteilung näher an, so ergibt sich, daß er in moralisch-aszetischer Hinsicht übereinstimmt mit dem, was wir in den Schriften von Heiligen, welche die heilige Kirche als solche anerkannt hat, finden; ebenso mit dem, was die besten und anerkanntesten aszetischen Schriftsteller lehren .

Dieselbe Erkenntnis mag sich auch dem in Gott ruhenden vormaligen Bischof von Mainz, Paul Leopold Haffner, aufgedrängt und ihn zu dem Urteil veranlasst haben: Es ist in diesen Kundgebungen nichts neues enthalten. Dagegen aber stellte sich folgende Erwägung ein: Wenn jemand, der theologische Studien gemacht, Leben und Schriften der Heiligen und aszetische Bücher studiert hat, solche Gedanken entwickelte, so wäre allerdings kein Grund zu der Annahme vorhanden, daß sie aus unmittelbar göttlicher Quelle geflossen sind. Anders aber liegt die Sache bei einer Person, die nur den gewöhnlichen elementaren Unterricht in der Religion empfangen und nirgends Zeit oder Gelegenheit gehabt hat, durch Studien sich tiefer und weiterreichende Erkenntnisse zu verschaffen.

Auch noch ein anderer Punkt sprach zugunsten der Barbara. Über den Geist des Jahrhunderts und die in demselben immer mehr zu Tage tretenden antichristlichen Strömungen tritt eine so klare und sichere Beurteilung hervor, daß diese wohl erklärlich wäre bei einem Manne, der die Bewegungen der Zeit im öffentlichen Leben, in Kunst, Wissenschaft usw. aufmerksam verfolgt hat und im Lichte der christlichen Wahrheit beurteilt; wer aber wie Barbara seine Tage erst in der Einsamkeit eines abgeschiedenen Dorfes und dann in einem ,,Winkel" einer Stadt unter steten untergeordneten Beschäftigungen verlebt hat, kann solche Anschauungen schwerlich aus dem eigenen Geiste geschöpft haben.

Vornehmlich bestärkte mich in der Annahme, es liege hier doch wohl ein unmittelbarer Verkehr des Erlösers mit der Seele der Barbara Weigand vor, ein Vergleich dessen, was als eine Hauptaufgabe der Barbara erscheint, nämlich: durch persönliche Opfer und Leiden den öfteren Empfang der heiligen Kommunion herbeiführen zu helfen, mit der Kundgebung, welche der heilige Vater Pius X. in gleicher Absicht erlassen hat."   So urteilte ein Priester, der die Schriften der Schippacher Jungfrau im Geiste der Pietät, der Ruhe und Objektivität prüfte.

Poulain nennt im Anschluss an die heilige Theresia ein weiteres Kriterium formaler Art zur Unterscheidung echter Offenbarungen von falschen, wenn er schreibt: ,,Bei wahren Ekstasen wächst die intellektuelle Erkenntnis in wirklich erstaunlicher Weise ... Großartige Bilder, tiefe Ideen bereiten sich ihrem Geiste, so daß es ihnen ganz unmöglich ist, das zu erkären, was sie gesehen haben".

,,Gerade das Gegenteil zeigt sich bei krankhaften, falschen Ekstasen. Es zeigt sich ein Rückgang der Verstandestätigkeit zugunsten einer kleinlichen Phantasietätigkeit." Was in der falschen Ekstase gesprochen werde, seien ,,nur banale Wahrheiten"; ,,die Nervenleidenden werden von der Phantasie stark beherrscht, in ihren Gedanken ist wenig Zusammenhang." So Poulain.

Ganz ähnlich äußert sich Mager in seinem Buche ,,Mystik als Lehre und Leben" (Innsbruck 1934) S. 265 f: ,,Der Inhalt der Halluzinationen ist sittlich, kulturell, religiös sinn- und wertlos, wenn nicht geradezu schädlich ... Das seelische Niveau (des Mystikers dagegen) erfährt eine ungemeine Erhöhung. Alles tritt in den Dienst des großen Zweckes, den die Offenbarungsreligion verwirklicht, der erhabenen Ziele, denen das Reich Gottes zustrebt ... Beim Halluzinanten sinkt das geistige Bewusstseinsniveau, im Mystiker steigt es. Es ist eine entgegengesetzte Zielrichtung, in der sich beide bewegen."

Nun, ich glaube nicht mehr beweisen zu müssen, daß die Schippacher Offenbarungen Ideen vortragen, die wegen ihrer Güte und Tiefe heute Gemeingut katholischer Frömmigkeit geworden sind. Oder sind der Kampf gegen den atheistischen Sozialismus, der Zusammenschluss aller Gutgesinnten um den Zentralpunkt der heiligen Eucharistie, der tiefernste Sühnegedanke, die Feier der Heiligen Stunde, das Laienapostolat, die Förderung der Oftkommunion und der wunderschöne Gedanke zur Erbauung einer eucharistischen Friedenskirche ,,sittlich, kulturell, religiös sinn- und wertlos", ,,nur banale Wahrheiten"?

In engem Zusammenhang mit dieser intellektuellen Erkenntnis steht die Vervollkommnung des Glaubens und des religiösen Wissens, die häufig bei den Mystikern zutage tritt. Maumigny legt gerade auf diese Erscheinung im Leben der Begnadigten besonderen Wert und verweist wie Groeteken auf die Tatsache, daß unstudierte Leute wie der heilige Paschalis Baylon auf die schwierigsten theologischen Fragen hätten antworten können, was nur auf die durch eine höhere Einwirkung bereicherte und vervollkommnete Erkenntnis zurückzuführen sei. Auch Trochu erwähnt diese außerordentliche Erscheinung im Leben des heiligen Pfarrers Vianney, welcher mit einer verblüffenden Leichtigkeit und erstaunlichen Genauigkeit die verwirrtesten theologischen Fälle gelöst habe, obwohl er bekanntlich im Studium der Theologie nicht zu den ersten seines Kurses gezählt hatte. Den Schlüssel zu diesem Rätsel, so bezeugt sein Biograph, habe der heilige Pfarrer selber geliefert mit seinen Worten: ,,Wer vom heiligen Geist geleitet wird, denkt richtig. Deshalb gibt es so viele Unstudierte, die viel mehr wissen als die Gelehrten."

Wer muß hier nicht unwillkürlich an die Art denken, in welcher Barbara Weigand ihren gelehrten Prüfungskommissären in Mainz und Würzburg entgegentrat und deren Einwendungen zuschanden machte? Hat nicht der eine dieser Prüfungskommissäre selber gestehen müssen: ,,Es ließe sich ein ganzes Kapitel schreiben über die kluge Art, wie Barbara Weigand auf alle Anklagen und Einwendungen zu antworten weiß?"

Warum konnte sie dies? Weil ihr Wissen nicht aus den Büchern floss, sondern aus höherer Eingebung, weil es keine scientia acquisita, sondern eine scientia desuper infusa gewesen ist.

,,Ich werde euch Beredsamkeit und Weisheit verleihen, der alle eure Gegner nicht zu widerstehen und zu widersprechen vermögen" (Luc. 21, 15). ,,Nulla alia est vera scientia nisi ea quae a Spiritu Sancto datur, sed haec humilibus tantummodo tribuitur" (Hl. Franz v. Sales).

Im 25. Kapitel ihres ,,Lebens" berichtet die heilige Theresia Näheres über die Beschaffenheit der inneren Worte. ,,Wollen wir menschliche Worte nicht hören", schreibt die Heilige, ,,so können wir uns die Ohren zuhalten ... Bei den Worten, die Gott zur Seele spricht, ist es ganz anders; sie erzwingen sich Gehör, von hören- oder nichthörenwollen ist keine Rede, und der Verstand wird genötigt, aufs allerdeutlichste das zu vernehmen, was Gott für gut findet zu sagen."

Daß es auch der Schippacher Jungfrau nicht möglich war, die Stimme Gottes abzuweisen, daß vielmehr solche Worte ganz ohne ihr Zutun, ja gegen ihren Willen (scientia passiva!) sich aufdrängten, kann aus ihren Schriften unschwer festgestellt werden, z. B. dort, wo sie den Auftrag erhält, die Botschaft von der Einführung der Oftkommunion vor ihren Bischof zu bringen. ,,Ich erschrak", so berichtet sie, ,,als ich diese Stimme hörte."

,,Die Worte des Herrn sind unvergesslich, haften im Gedächtnis ... Prophetische Worte wird gewiss niemand vergessen." ,,Die Heiligen erinnern sich nach der Ekstase der Erscheinungen, während das bei Nervenleidenden fast nie der Fall ist." ,,Ein Merkmal, an dem man die Worte Gottes erkennen kann, ist, daß sie sehr lange der Seele wie eingegraben bleiben und daß einige nie mehr aus derselben verschwinden."

Auch dieses Kennzeichen findet sich bei Barbara Weigand in geradezu auffallender Weise. Hat sie doch selbst noch nach Jahren frühere Erleuchtungen niedergeschrieben und bis ins höchste Greisenalter mit verblüffender Genauigkeit innere Ansprachen wiedergegeben, deren sie vor dreißig, vierzig und fünfzig Jahren gewürdigt worden war. Diese Treue in der Wiedergabe war schon dem im Jahre 1896 sie beobachtenden Sanitätsrat Dr. Müller aufgefallen, wie er auch in seinem Gutachten eigens hervorhob.

Ein gutes Kennzeichen der Echtheit ist nach den Autoren die Art des Sprechens in der Ekstase. So äußert sich die heilige Theresia: ,,Es sind ganz deutlich ausgebildete Worte ... Die Seele vernimmt sie viel klarer als wenn sie ihr durch die Sinne zukämen ... Dagegen sind die Worte, welche die Einbildungskraft vortäuscht, meist unbestimmt, unzusammenhängend, die Sätze werden nicht vollendet, die Stimme stockt. Während darum bei den Scheinvisionen und falschen Offenbarungen die Wiedergabe abgehackt wird, laufen die Lippen der echten Visionäre geradezu über, so daß es unmöglich ist, das Gesprochene zu Papier zu bringen.

Bekanntlich sprach die heilige Magdalena von Pazzi in der Ekstase so rasch, daß sechs Schreiber zum Aufzeichnen nötig waren. Und Barbara Weigand? Bei ihr kann man wahrlich nicht von abgehackten Sätzen reden; die Sätze quollen über ihre Lippen wie aus einem unversiegbaren Reservoir, wie denn auch ihre Prüfungskommissäre zugeben mußten, daß die Schreiberinnen ,,bei dem starken Redestrom der Seherin" im Schreiben nicht mitgekommen seien. Wo sich also in den Schippacher Schriften unvollendete Sätze finden, stammen diese Mängel nicht von der Visionärin, sondern aus der ungenügenden Schnellschreibekunst der Aufzeichner. Also auch an diesem Maßstab gemessen, erweisen sich die Schippacher Offenbarungen eher als echt denn als unecht. Der Form nach tragen somit die Weigandschen Offenbarungen so ernste und beachtliche Kriterien an sich, daß man sie nicht einfach abtun kann, wie ihre Gegner gemeint haben; sie stehen jedenfalls mit den Erscheinungsformen falscher Ekstasen und unechter Offenbarungen sehr im Widerspruch. Doch genügen solche Kriterien, so günstig sie auch lauten mögen, noch nicht zu einem wissenschaftlich haltbaren Urteile über die Echtheit. Hierzu muß man auch den Inhalt der Offenbarungen ins Auge fassen.

Echte Privatoffenbarungen verlieren sich, wie wir gehört, nicht in kleinlichen Bemerkungen, banalen Wahrheiten oder sentimentalen Ergüssen, sondern fordern zu großen Werken auf. Poulain findet ,,bei wahren Ekstasen eine Weite des Geistes, welche große, weitausschauende, schwer durchzuführende Pläne fasst."

Auf die Schippacher Offenbarungen angewendet: da findet sich kein Ohrenschmaus, kein sentimental-romanhafter Zug, da werden Aufgaben von elementarer Kraft gestellt: Zusammenschluss aller Gutgesinnten zum Widerstand gegen die Fluten des Unglaubens und der Unsittlichkeit, mutiges und offenes Glaubensbekenntnis im Gegensatz zur Feigheit, Gleichgültigkeit und Menschenfurcht unserer Zeit, lebendige Teilnahme am kirchlichen Kulte, am Gottesdienst und an Prozessionen, Unterstützung der priesterlichen Tätigkeit durch kräftiges Laienapostolat, durch Opfer und Sühne für die Verbrechen der Welt, bewusster Verzicht auf die Genüsse der Welt, öftere heilige Kommunion, Erbauung einer schönen Kirche zu Ehren des Eucharistischen Königs: das sind wahrhaftig keine ,,banalen Dinge", sondern ,,große Werke", ,,weitausschauende, schwer durchzuführende
Pläne."

Von geradezu epochaler Bedeutung erweisen sich die lauten Aufrufe in jenen Offenbarungen zur Erfüllung unserer Sühnepflicht gegen das Heiligste Herz Jesu, wie sie Papst Pius XI. dreißig Jahre später in seinem Rundschreiben vom 8. Mai 1928 in ergreifenden Worten ausgesprochen hat.

,,Wir sehen", so ruft dort der Statthalter Christi, ,,wie göttliche und menschliche Rechte mit Füßen getreten, Gotteshäuser niedergerissen und zerstört werden, Ordensmänner und gottgeweihte Jungfrauen aus ihren Klöstern vertrieben, verhöhnt, grausam gequält und durch Hunger und Gefangenschaft misshandelt werden. Wir sehen, wie ganze Scharen von Kindern dem Mutterschoß der Kirche entrissen und verführt werden, Christus abzuschwören und zu lästern und sich den schlimmsten Verbrechen der Sittenlosigkeit hinzugeben ...

All das ist so betrübend, daß man fast sagen möchte, es werde dadurch schon jetzt der Anfang der Leiden angekündigt und eingeleitet, den der Mensch der Sünde herbeiführen wird, der sich über alles erhebt, was Gott und Religion heißt."

Angesichts solcher Verbrechen ruft der Heilige Vater alle Gutgesinnten zur Sühneleistung auf und belobt besonders jene edlen Seelen, welche sich die Sühne zum Lebensberuf gemacht haben. Wer sähe darin nicht Barbara Weigands - vor sechzig Jahren als Stimme Gottes - vorgetragene Aufforderung zu tatkräftiger Sühne von höchster Warte bestätigt? (Siehe auch Rundschreiben Papst Pius XII. vom 15. Mai 1956).

Echte Offenbarungen stehen auch in enger Verbindung mit der kirchlichen Liturgie; falsche Visionäre haben sich zu allen Zeiten vom kirchlichen Leben für entbunden gehalten und sind ihre eigenen Wege gegangen wie Michael de Molinos, unter dessen von Innozenz XI. am 20. November 1687 verurteilten Sätzen sich auch dieser befand: ,,Male agit anima, quae procedit per hanc vitam aeternam, si in diebus solemnibus vult aliquo conatu particulari excitare in se devotum aliquem sensum, quoniam animae omnes dies sunt aequales, omnes festivi."

Das Gegenteil dieses verurteilten Satzes wird also richtig sein: ,,An Festtagen wird sich die innerlich gerichtete Seele in besonderer Weise zu Gott hingezogen fühlen." Darum schreibt auch Zahn: ,,Die echte mystische Frömmigkeit fühlt sich mit innerer Folgerichtigkeit hingezogen und emporgetragen zum kirchlichen Kultus als Letztem, Höchsten."

Wenn wir die Offenbarungen der Barbara Weigand unter diesem Gesichtswinkel auf ihre Echtheit prüfen, dann finden wir, daß sie harmonisch eingeschlossen sind in den Ring des Kirchenjahres mit seinen erhebenden Festen und Feierlichkeiten. Kein bedeutenderes Fest des Herrn, der Muttergottes oder eines größeren Heiligen geht vorüber, ohne daß der Festgedanke in oft recht tiefgründiger und anschaulicher Weise herausgehoben und mit den Zeitaufgaben in Kontakt gesetzt wird.

Da zeigen sich Mystik, Dogma und Leben in schönster Harmonie. Selbst die Gegner konnten an dieser Tatsache nicht vorübergehen, ohne ihr Achtung und Anerkennung zu zollen: ,,Man möchte ja", sagte der eine von ihnen, ,,Barbara Weigand um die Gabe beneiden, wie sie die Gedanken des Kirchenjahres oft in kühnster und überraschender Weise in die betrachtende Form von Zwiegesprächen mit Jesus, Maria und den Heiligen zu kleiden und auf alle möglichen Lebensverhältnisse anzuwenden versteht!"

Ist es da nun nicht vernünftiger, Barbara Weigand zu glauben, wenn sie als Urheber dieser schönen Gedanken die Stimme von oben angibt, als diesen Ursprung in ihrem menschlichen Gehirn zu suchen, das nach demselben Autor ,,krank" und nur geeignet war, ,,Sammelsurium" und ,,Ausgeburten" hervorzubringen? Die Schippacher Offenbarungen stehen also in erfreulicher und enger Verbindung mit der Liturgie, so daß es wirklich zu bedauern ist, daß man diese Schriften mit ihrem tiefen Verständnis des Kirchenjahres immer noch mit dem Schutte der Verketzerung zudeckt, anstatt sie dem katholischen Volke zugänglich zu machen.

Und ist nicht auch das Verlangen, eine schöne Kirche zu bauen, damit eine Pfarrgemeinde ihre Liturgie würdig feiern kann, und das Bestreben, diese Kirche der besonderen Verehrung der heiligen Eucharistie, des Mittelpunktes aller Liturgie, zu weihen, ist nicht auch dieses Verlangen in hohem Grade liturgisch?

Die Autoren verlangen von echten Visionen und Ansprachen eine hohe Auffassung der Sittlichkeit. Während der moralische Standpunkt bei den hysterisch Kranken sehr tief steht, sagt Zahn, ist die ,,von echten Visionären gepflegte Idee von der Sittlichkeit eine sehr erhabene, die sie ständig in allen Handlungen vor Augen haben; ihr Glück suchen sie in Selbstlosigkeit und im Dienste anderer." ,,Die Liebe der gottminnenden Seele bleibt nicht in ihr verborgen, sie kommt immer der ganzen Kirche zugute. Im Dienst der Brüder muß sich die begnadigte Seele bewähren." Alle diese Anforderungen hat Barbara Weigand geradezu buchstäblich erfüllt, wie uns die früheren Kapitel dieses Buches an vielen Stellen gezeigt haben; es sei nur an ihre Arbeit im Dienste der Verwandten, lange Jahre nur um Gotteslohn, an ihre Sorge für notleidende Kinder, an die Pflege verlassener Kranker, an ihre Bemühungen um Errichtung der Heimatpfarrei und um Erbauung einer Kirche daselbst, an ihre Unterstützung der Diözesaneinrichtungen erinnert!

Und wie sich ihr Leben ,,im Dienste der Brüder verzehrte", so fordern ihre Offenbarungen zum Verzicht auf die Welt, zur Selbstverleugnung, Opferliebe, Sühneleistung, zur Mithilfe an der Ausbreitung des Reiches Gottes. Auch von der Zeitkrankheit der Ehrsucht, des Egoismus und Mammonismus blieb unsere Gottesfreundin unbefleckt. Ihre Person und ihre Schriften künden somit von einer hohen Auffassung der Sittlichkeit.

Endlich, so meint Poulain, könnten einen zuverlässigen Anhaltspunkt für die Echtheit von Privatoffenbarungen auch die Werke abgeben, zu denen solche Offenbarungen die Anregung gäben, z. B. eine Ordensgründung, die Einführung einer Andacht oder die Erbauung eines Heiligtums. Seien solche Werke gut, dem Seelenheil nützlich oder förderlich, dann sei das ein Zeichen, daß sie von Gott gewollt seien. Nun ist es ja vor aller Augen liegend, ein wie notwendiges und nützliches Werk die Erbauung der Sakramentskirche in Schippach wäre, und wie zeitgemäß und nützlich der aus den Weigandschen Offenbarungen stammende Liebesbund ist, wird durch die Tatsache seiner Approbation und das laute Lob von Bischöfen zur Genüge erwiesen, wie denn auch die Würzburger Prüfungskommissäre und das dortige Ordinariat seinen edlen Zweck wiederholt anerkannt haben.

Somit zeugen auch Inhalt und Werke für die Echtheit der Schippacher Offenbarungen.

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5. Die guten Wirkungen der Schippacher Mystik

Wir haben schon früher vernommen daß die echte Vision die Seele mit einem hohen Maße von Mut, Kühnheit und Ausdauer ausrüstet. Die Sicherheit der inneren Worte ist so groß, daß nach dem Zeugnis der heiligen Theresia ,,die Seele vom Augenblick an, wo sie diese Worte hört, nicht mehr schwankt; sie würde dafür sogar zu sterben bereit sein, mag auch der böse Feind sie quälen und zu entmutigen sich bemühen.

Das gilt besonders dann, wenn diese Worte den Dienst Gottes und das Wohl der Seelen betreffen und das Gelingen der Aufgabe schwer zu sein scheint." In ihrem ,,Leben" äußert die große Mystikerin denselben Gedanken: ,,Nach der Ekstase fühlt man einen solchen Starkmut, daß man sich auf der Stelle mit Freuden in Stücke hauen ließe, wenn es die Ehre Gottes erheische. Nun keimen die heldenmütigen Entschlüsse und Versprechen auf ... Nun wird die Fahne Jesu entfaltet. Gleich dem Befehlshaber einer Festung steigt die Seele zur höchsten Zinne empor ... und pflanzt dort die Fahne ihres göttlichen Königs auf. Ruhig, weil sie in Sicherheit ist, blickt sie in die Tiefe und fordert die Kämpfe heraus anstatt sie zu fürchten."

,,Die Seele hat eine solche Gewissheit, daß diese Erscheinungen von Gott kommen, daß, wenn man ihr auch das Gegenteil sagen würde, sie nicht einmal den Gedanken fassen könnte, getäuscht zu sein." Auch an diesem Maßstab gemessen erweisen sich die Visionen und Ansprachen der Jungfrau Weigand als echt. Ihr Glaube an ihre mystischen Schauungen und Auditionen war unerschütterlich, wie ja auch die beständigen Vorwürfe ihrer Gegner, sie lasse sich ihre Erleuchtungen nicht ausreden, zur Genüge beweisen. Auch von knechtischer Furcht, diesem erbärmlichen Produkte einer charakterlosen Zeit, hat die Schippacher Jungfrau zeitlebens nichts gewusst.

Natürlich können den Begnadigten auch Leiden und Prüfungen nicht fehlen. ,,Die Erfahrung lehrt", schreibt Poulain, ,,daß Gott denen, die nach Vollkommenheit streben, Prüfungen zu schicken pflegt, und zwar manchmal während des ganzen Lebens", und Zahn meint: ,,Bei allen, welche des mystischen Lebens kundig sind, besteht völlige Übereinstimmung darüber, daß das Geheimnis des Kreuzes ... im mystischen Leben erst recht waltet und herrscht." Das Kreuz hat aber Barbara Weigand gewiss nicht gefehlt: Verkennungen, Kränkungen, Verfolgungen, öffentliche Schmähungen der niedrigsten Art bildeten die bitteren Beigaben ihres langen Lebens. Erst die spätere Geschichtsschreibung wird dieses Kapitel des Kampfes gegen Schippach mit schonungsloser Offenheit schreiben können. Trotz der bitteren Erfahrungen, die unsere Gottesfreundin in jenen Jahren machte, bewahrte sie eine Ruhe und Gelassenheit, die ihr ebenfalls ein günstiges Zeugnis ausstellen, da nach den Worten Richtstätters die begnadigte Seele ,,es als eine Wohltat empfindet, wenn sie unverdiente Verachtung, bittere Kränkung, Misskennung und Demütigungen tragen muß." Daß die Jungfrau Barbara trotz des ihr zugefügten seelischen Leidens gegen ihre Widersacher keine feindselige Gesinnung hegte, kann ich als ihr Pfarrer laut bestätigen, wie dies auch von anderen Personen bezeugt wird, die damals mit ihr zusammenkamen.

So schreibt mir ein Priester: ,,Ich habe Barbara Weigand in ihrer Heimat im Kreise ihrer Verwandten aufgesucht (1916). Sie kennen selbst diese schlichten Leute, die nichts aus sich machen und nicht im mindesten darauf aus sind, mit der Begnadigung ihrer Tante zu prunken oder für diese oder sich selbst irgend eine Bedeutung oder Ehre in Anspruch zu nehmen.

Barbara Weigand passt in diesen Kreis; sie kam ermüdet von harter Feldarbeit zurück und hatte auch für mich nur wenig Zeit, weil sie noch manches zu besorgen hatte. Die kurze Unterhaltung verriet mir wieder ihre tiefste Frömmigkeit, ihre glühende Liebe zu Jesus und ihre echte Demut; denn was sie sagte, war nicht herbeigezogen, nicht eine gewollte Wiedergabe von Reminiszenzen aus Erbauungsbüchern und Predigten, sondern wir besprachen die gegebenen Verhältnisse, den begonnenen Bau der Sakramentskirche, die Zurücknahme der Bauerlaubnis und die sich hieraus ergebende traurige Lage der Barbara Weigand.

Das alles fasste sie von dem erhabenen Standpunkt einer innerlichen Vereinigung mit Gottes Willen auf. Kein Wort des Hasses oder auch nur ein abfälliges Urteil gegen diejenigen, von denen sie so viele Verfolgungen zu leiden hatte, kam über ihre Lippen. Von sich selbst sprach sie gar nichts, von der Sakramentskirche und von allem, was damit zusammenhing, sprach sie nur insofern man sie fragte, und dann merkte man ihr das Bestreben an, die eigene Person ganz in den Hintergrund zu drängen."

Aus dieser heiligen Ruhe und Ergebung der so hart geprüften Greisin habe ich als Pfarrer von Rück-Schippach mehr als einmal Kraft und Zuversicht in meinen persönlichen und beruflichen Bedrängnissen schöpfen können.

Die nachhaltig gute Wirkung der Weigandschen Mystik auf andere Personen wird durch eine ganze Wolke von Zeugnissen bestätigt, von denen im Rahmen dieser Schrift natürlich nur wenige berücksichtigt werden können; die Tatsache der schnellen (Geändert. Die Red.) Ausbreitung des Liebesbundes in Mainz, Aachen, Trier, Köln, Freiburg, wo die Zahl rasch in die Tausende anwuchs, ist hierfür allein schon ein Beweis. Priester erbauten sich besonders an ihren zeitnahen aszetischen Forderungen. ,,Ihre aszetischen Erwägungen", so ist in einem Priesterbrief zu lesen, ,,sind so erbaulich, daß ich sie mit der `Nachfolge Christi´ des Thomas von Kempen vergleichen möchte. Es war mir immer eine seelische Erfrischung meines geistigen Lebens, wenn ich solche Offenbarungen der Barbara Weigand lesen konnte. Ich fand sie so frisch und unmittelbar, so genau den Bedürfnissen unserer Zeit angepasst, daß ich großen Nutzen daraus schöpfte."

Geradezu ergreifend ist auch, was der eucharistische Apostel von Schifferstadt, Pfarrer Weihmann, über die Quelle seiner außerordentlichen Erfolge in der Seelsorge berichtet.

Dieser Priester, der in seiner Pfarrei die Jahreskommunionen auf über 20000 ansteigen sah, durch dessen hinreißende Triduen beispielsweise die Jahreskommunionen in Eppelheim von 6000 auf 39000, in Mörsch von 24000 auf über 150000 stiegen, dieser Priester steht nicht an, als Quellgrund dieses offenkundigen Segens Schippach zu bezeichnen, wie er es in seinem Berichte vom 1. Mai 1943 an den Heiligen Vater getan hat. Hören wir seine eigenen Worte!

,,Eine zweite Quelle des außerordentlichen Himmelssegens meines Eucharistischen Kreuzzuges ... sehe ich in Schippach. Ich bekenne dies ehrlich und wahrheitsgetreu und glaube nicht, daß ich mich täusche ... Seit 1922 mit Schippach bekannt, besuchte ich im Jahre 1925 nach meiner ersten Romwallfahrt zum erstenmal Barbara Weigand in Schippach, die damals bei ihren 80 Jahren noch außerordentlich rüstig und schaffensfroh war.

Wir beteten auf den Knien liegend ca. vier Stunden auf den Ruinen der Sakramentskirche um den Siegeszug des Eucharistischen Heilandes, wobei Barbara mir prophetisch versicherte, daß ich zum Siege des Eucharistischen Heilandes und zum Bau der Sakramentskirche viel mithelfen dürfte.

Heute bin ich überzeugt, daß das ,,Eucharistische Charisma" neben der Weihe am Grab Pius X. auch in Schippach begründet ist ... In der Folgezeit konnte ich Barbara Weigand noch öfters besuchen und tiefen Einblick in den Beginn ihrer Begnadigung und in ihr reiches Innenleben gewinnen, das noch in der Neunzigjährigen von Liebe zum eucharistischen und leidenden Heiland glühte. Bei einem Kreuzweg, den sie laut und frei aus dem Herzen vorbetete, war ich von ihrer zarten Christusmystik ganz ergriffen ... Auch der hochselige Bischof Ludwig Maria Hugo von Mainz, ein Fachmann in der Mystik und Seelenführer von Begnadigten, mit dem ich persönlich gut befreundet war, sprach mit größter Hochachtung von Barbara Weigand als einer zwar derben, aber durchaus ehrlichen, frommen, opferstarken, ja heiligmäßigen Person und war von der Echtheit ihrer Begnadigung überzeugt ..."

Eine unmittelbare Teilnehmerin ihrer Ekstasen, eines der Dienstmädchen im Weigandschen Hause zu Mainz, Frau Anna Fischer in Großwallstadt, schrieb dem Verfasser unterm 13. September 1942 einen Brief, der als Bericht eines Augen- und Ohrenzeugen verdient, hier wenigstens im Auszug wiedergegeben zu werden:

,,Als Dienstbote der Familie Weigand in Mainz bin ich Augen- und Ohrenzeuge der außergewöhnlichen Vorgänge im Leben der Barbara Weigand gewesen und habe das Leben und Streben, das in dieser Familie herrschte, schätzen gelernt. Am 2. November 1899 trat ich, 19 Jahre alt, als Hausmädchen in den Dienst bei Familie Weigand ein ... ich durfte bleiben bis Sommer 1904 ... Wir hatten sehr viel Arbeit bis spät in die Nacht und keine Zeit für Erholung und Vergnügen. Was mich in diesem Hause festgehalten hat, war das außergewöhnliche Leben der Barbara Weigand. Ihr Gebets- und Opferleben machten auf mich einen guten Eindruck. Ich durfte manchmal ihre Bußgänge nach Marienborn und Gonsenheim mitmachen. Barbara Weigand und ihre Freundin Elisabeth Feile gingen dabei barfuß. Ihre großen Absichten der Sühne und Bitten für die ganze Welt und für die Anliegen der heiligen Kirche bei diesen Bußgängen ermutigten mich ebenfalls, barfuß mitzugehen. Wir kannten dabei keine Menschenfurcht. Wir wussten, daß Gott Sühne verlangt hat. Wir Dienstmädchen gingen täglich zur heiligen Messe und zur heiligen Kommunion. Die großen Gebetsmeinungen der Barbara Weigand lernten uns das Gebet hochschätzen.

Das Größte, das ich bei Barbara Weigand erleben durfte, waren die Ekstasen. Am 8. Dezember 1899 durfte ich zum erstenmal dabei sein. Familie Weigand hatte mir in den ersten Wochen meines Dortseins nichts davon gesagt. Der erste Eindruck war: ich fühlte mich dem Himmel nahe. Was Barbara Weigand in dieser Ekstase sprach, konnte ich gut glauben, daß es die Worte der Muttergottes waren ... Ich wünschte immer: O daß doch alle Menchen das Glück hätten, dabei zu sein! Möge der liebe Gott uns bald den Kirchenbau in Schippach erleben lassen zu Seiner Ehre und zum Frieden und Heil der Seelen und der Welt!"

Einen nachhaltigen Einfluss übte die Gottesfreundin von Schippach auf ihre eigene Familie aus. Eine leibliche Schwester trat bei den Englischen Fräulein in Augsburg ein und verbrachte dort 28 Jahre im Ordensstande, ein Neffe wurde Priester in der Diözese Würzburg, ein zweiter fiel im ersten Weltkrieg als Alumnus des Mainzer Priesterseminars, ein dritter und ein Großneffe wurden Laienbrüder bei den Salesianern, zwei Nichten legten im Jahre 1902 das Gelübde der Jungfräulichkeit ab, eine Großnichte nahm den Ordensschleier, zwei Neffen, Landwirte in Schippach, wurden Terziaren vom heiligen Franziskus.

Von ihrer Jugendzeit in Mainz, die sie ganz unter der Obhut von Tante Babette verlebte, schreibt die dort im Jahre 1884 geborene Nichte Maria: ,,Ich kann mich gut erinnern, wie wir Kinder unter der Obhut der Tante waren, wie sie uns beten lehrte und warnte vor dem Bösen und wie sie unseren Verkehr mit anderen Kindern streng und sorgsam überwachte. Der Tag meiner Schulentlassung eröffnete mir einen Lebensabschnitt von seliger Freiheit. Ich hörte nun nicht mehr meine Mitschülerinnen von Theater und Tanz reden und konnte jetzt ungestört dem unvergänglichen Glücke zueilen. Unser Haus ward immer mehr zum Paradies und die Kirche zum Himmel. Durch Tante Babette lernten wir Gott recht lieben, die Heiligen verehren, das Gebet und den Gottesdienst über alles hochschätzen und durch sie wurden wir bekannt mit anderen guten Menschen, deren Beispiele uns neu begeisterten."

Die Dienstmädchen im Weigandschen Hause konnten sich dem sittigen den Einflusse der Tante nicht entziehen und rechneten ihren Aufenthalt daselbst ,,zu den schönsten ihres Lebens", wie es in dem oben abgedruckten Briefe eines dieser Mädchen zu lesen ist. ,,Mit größtem Eifer", schreibt ihre Nichte, ,,sorgte Tante stets für brave Dienstmädchen. Von ungefähr 1890 an hatten wir stets zwei Dienstmädchen und von 1901 an stets drei. Der tägliche Besuch der heiligen Messe war bei allen unseren Dienstmädchen bald ganz selbstverständlich. Sie betrachteten das frühe Aufstehen um fünf Uhr nicht als ein zu großes Opfer, da sie höchst selten vor zwölf Uhr zur Ruhe gingen, sondern als einen Dienst Gottes und als eine Stärkung für die Seele.

Unsere Dienstmädchen und ich berieten uns heimlich in der Küche, wie wir nur dem lieben Gott besondere Freude machen könnten. Die gute N. sagte: Ich sage: Gelobt sei Jesus Christus, so oft ich an dir vorübergehe, und wenn ich es nicht sagen kann in der Wirtschaft, dann zupfe ich dich und dann denkst du immer: In Ewigkeit! Amen.

Ich sagte: Ich will fleißig die Papierstückchen unter den Tischen hervorheben aus Liebe zu Gott; und diese beiden guten Vorsätze wurden jahrelang treu ausgeführt, bis uns der Lebensweg auseinanderführte. Soviel ich mich erinnern kann, waren unsere Dienstmädchen auch alle im Dritten Orden. Auch verzichteten sie gerne auf einen freien Sonntagnachmittag. Aber mit Eifer suchte jedes Mädchen Gelegenheit, einer Nachmittagsandacht beiwohnen zu können. So wurden auch die sakramentalischen Betstunden am Werktag und die Fasten- und Adventspredigten eifrig besucht. Meine Mutter ließ während der Abwesenheit der Mädchen die Arbeit kommen wie sie nur wollte; denn das Gebet wurde über alles hochgeschätzt. In der Kirche und in der Küche haben wir uns jeden Tag gerüstet für das Leben in der Wirtschaft."

Wo ein solcher Geist in der Familie der Wirtsleute wehte, konnte es nicht ausbleiben, daß ihn auch die Gäste zu spüren bekamen. ,,Wir hatten eine vielbesuchte Wirtschaft", schreibt die Tochter des Hauses, ,,und unsere Gäste kamen jahrelang Tag für Tag. Es waren meistens Arbeitsleute verschiedener Berufe. Da gab es täglich kirchenfeindliche Religionsgespräche nach sozialistischer Redensart. Für alle Personen, die zu unserem Haushalt gehörten, waren solche Gespräche eine Gelegenheit, unserem wirklich so wenig schönen Beruf eine schöne Seite abzugewinnen und sich bewusst zu werden, wozu man in der Wirtschaft lebt. Jedes Dienstmädchen sogar machte einem solchen Gespräch ein Ende, manchmal mit einem guten Wort der Belehrung oder mit einer Äußerung, daß man uns als Katholiken beleidigt, oder man hat einem recht frechen Menschen direkt den Aufenthalt gekündigt. Die Zurechtgewiesenen kamen täglich wieder, mit Ausnahme der Frechsten. Einige ältere Gäste, die in ihrer Religion nicht besser waren als die meisten, sagten gewöhnlich schon, wenn einer seinen Unglauben präsentieren wollte: Das darf man hier nicht sagen, sonst wird man vor die Tür gesetzt. Unsere Gäste sagten manchmal zu unseren Dienstmädchen: Wir gäben euch ganz gern ein Trinkgeld, aber ihr tragt ja doch alles zu den Kapuzinern. In der Fastenzeit redeten wir dem einen und dem andern zu, abends in die Fastenpredigt zu gehen. Wir hatten dann manchmal die Freude, daß eine ganze Tischgesellschaft in die Predigt ging. Wir hatten ein tiefes Mitleid mit den armen Menschen, die ihr ewiges Ziel nicht kannten, und haben viel für sie gebetet."

Welch herrliches Bild echt katholischer Gastwirtsleute entrollen diese wenigen Zeilen! Welcher Glaubensmut!
Welche Überzeugungskraft!
Welcher apostolischer Geist!
Das war Geist vom Geiste der Jungfrau Barbara Weigand und ihrer Offenbarungen.

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6. Bewährung in Zeit und Kritik

Unser Gewährsmann Poulain verlangt zur Prüfung der Echtheit von Privatoffenbarungen auch die Beantwortung der Frage: ,,Haben die Offenbarungen die Probe der Zeit und der Kritik bestanden?"

Zum ersten: Probe der Zeit! Wir haben gesehen, daß die Zeit vielen Gedanken der Jungfrau Barbara, derentwegen sie einstmals sogar von Priestern verlacht wurde, völlig recht gegeben hat, z. B. jenen vom Unheil, das der gottlose Sozialismus anrichten werde, von der blutigen Völkerrevolution, vom Ansturm Satans, von der Verfolgung der Kirche, von der Verführung der Jugend, von dem großen Glaubensabfall, von den Strafgerichten über die Völker und die Kirche, von der Schließung der Kirchen, vom Zerfall der katholischen Vereine, aber auch den Offenbarungen von der Einführung der Oftkommunion, von den zahlreichen Selig- und Heiligsprechungen, von Heiliger Stunde und Christkönigsverehrung, von Sühne und Opfer, von der Ausbreitung des Liebesbundes. Die Zeit hat für Barbara Weigand gearbeitet.

Und die Probe der Kritik? An Kritik, Kritikern und Kritikastern hat es den Schippacher Offenbarungen wahrscheinlich nicht gefehlt; selbst Leute, die niemals eine Zeile dieser Schriften gelesen und die Visionärin in keinem Augenblick ihres langen Lebens auch nur gesehen hatten, hielten sich nach dem Lesen der Zeitungsartikel für befugt, ihr Urteil abzugeben.

Politische Zeitungen urteilten mit derselben Unwissenheit über die Geheimnisse mystischen Schauens ab, mit der sie noch im Oktober 1918 die Festigkeit der deutschen äußeren und inneren Front ,,bewiesen". Die Probe dieser Kritik haben die Schippacher Offenbarungen wohl bestanden. Und wenn sich vor vierzig und fünfzig Jahren selbst Theologen in die Reihe der Gegner Schippachs stellten, so sind auch deren Angriffe inzwischen restlos zusammengebrochen.

Die Schippacher Offenbarungen haben auf der ganzen Linie gesiegt; die von Barbara Weigand vorgetragenen Gedanken sind restlos Wirklichkeit geworden; ihre Prophezeiungen sind sämtlich in Erfüllung gegangen; ihre Kirche ragt weit in die Lande.

Man kann also mit gutem Grunde die Schippacher Offenbarungen in ihrem wesentlichen Inhalte als echte Offenbarungen bezeichnen.

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III. DIE KIRCHENBEHÖRDLICHEN PRÜFUNGEN

Wir haben im Vorstehenden den Inhalt der Schippacher Schriften nach den für die Prüfung solcher Aufzeichnungen von den besten Kennern der mystischen Theologie aufgestellten Grundsätzen einer objektiven Prüfung unterzogen und sind dabei zu einem für die Schippacher Offenbarungen recht günstigen Resultat gekommen.

Eine ganz andere Beurteilung erfuhren bekanntlich diese Schriften in der Vergangenheit von den kirchlichen Behörden, die sich seinerzeit amtlich mit ihnen befassten.

Sehen wir uns nun diese amtlichen Untersuchungen einmal etwas näher an und betrachten wir besonders die Arbeitsweisen, die bei diesen wichtigen Geschäften angewandt wurden: Das Resultat wird erschreckend sein.

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1. Bischof Haffner im Jahre 1896

In der Bittwoche des Jahres 1896, ,,nachdem einige Bücher der Mitteilungen voll waren", brachte Luise Hannappel diese Hefte ihrem Beichtvater mit der Bitte, sie dem Mainzer Oberhirten vorzulegen. Da sich der Pater hierzu jedoch nicht entschließen wollte, nahm sich Hannappel selbst das Herz und überreichte sie persönlich dem Bischof, der sie annahm, las und am 28. Juni 1896 sein Urteil in die folgenden Sätze zusammenfasste:

  ,,Betr. Aufzeichnungen der kranken Jungfrau Barbara.

  Nach Prüfung der mir übergebenen Hefte bemerke ich folgendes:

  1. Die Lebensbeschreibung lässt erkennen, daß die Barbara eine schlichte, tugendhafte und fromme Person ist. Sie macht den Eindruck einer Betrügerin nicht. Persönlich kenne ich sie nicht und habe darum ein bestimmtes Urteil nicht.

  2. Die Krankheitserscheinungen kenne ich auch nicht, zweifle aber nicht, daß sie in die unermessliche, mannigfaltige Gruppe hysterischer Krämpfe gehören.

  3. Die der bisherigen Bildung Barbaras gegenüber auffallend feine und edle Sprache, sofern sie nicht etwa von der Schreiberin herrührt (wie bei Katharina Emmerich von Brentano), lässt sich wohl natürlich erklären aus der abnormen Nervenerregung, welche an die Krämpfe sich anschließt.

  4. In den Aufzeichnungen erscheinen besonders bedenklich die Aussprüche über Personen, die sich im Fegfeuer befinden. Als göttliche Eingebung sie zu betrachten, liegt kein Grund vor, sie haben einen Zweck nicht. Sie sind leichtfertige Annahmen und müssen unterdrückt werden.

  5. Gegen den Glauben verstoßen die frommen Ermahnungen, Betrachtungen und Ergießungen nicht, sie übersteigen aber nicht die Linie der gewöhnlichen frommen Anschauungen, welche in Gebetbüchern, Predigten und Betrachtungen sich finden, und können darum wohl natürlich erklärt werden.

  6. Die z. T. auf die Zeitverhältnisse (Sozialismus, Liberalismus) eingehenden Mahnungen und Klagen sind sehr wohl natürlich zu erklären, obgleich dem Gesichtspunkt (Gesichtskreis? d. V.) der Barbara fernerliegend.

  7. Wenn die Mitteilungen als Worte des Heilandes sich darstellen und als Offenbarungen desselben vorgetragen werden, so kann das auf reiner Phantasie beruhen. Was B. denkt und will, das kleidet sie in ihrer Phantasie in die Form von Aussprüchen und Befehlen des Herrn. Es soll das nicht als absichtlicher Betrug angesehen werden, wohl aber als Selbsttäuschung. Die Formeln kann B. aus zahllosen Schriften entnommen haben.

  8. Besondere Kennzeichen übernatürlicher Erleuchtung sind keine vorhanden.

  9. Es ist darum die Annahme einer solchen als unbegründet und irrig zu verwerfen. Der Arzt soll die Kranke beobachten. Die Aufzeichnung ihrer Mitteilungen aber hat zu unterbleiben.

  gez. + Paulus Leopold."


Aus dieser Äußerung des Bischofs erhellt, daß er Barbara persönlich nicht kannte. Nach Poulain aber muß man ,,zuerst die Person kennenlernen", wenn man über sie urteilen will. Aber aus der Lebensbeschreibung gewinnt der Bischof den Eindruck, daß Barbara eine schlichte, tugendhafte und fromme Person sei, der jede absichtliche Täuschung fernliegt. Sodann bestätigt der Bischof, daß der Inhalt der Schriften gegen den Glauben nicht verstößt. Ferner anerkennt der Bischof ,,die der bisherigen Bildung Barbaras gegenüber auffallend feine und edle Sprache."

Wenn der Bischof sodann meint, die frommen Ergüsse überstiegen nicht die Linie der gewöhnlichen frommen Anschauungen, welche sich in Gebetbüchern, Predigten und Betrachtungen fänden, so täuschte er sich.

Denn die Aufforderungen Barbaras zu Buße und Sühne oder zur allgemeinen Einführung der häufigen, ja täglichen Kommunion als Heilmittel gegen die Schäden der Zeit, lagen im Jahre 1896 durchaus nicht in der Linie der gewöhnlichen frommen Anschauungen und wurden zu jener Zeit in Deutschland auch nicht in Gebetbüchern und Predigten vorgetragen, vielmehr darin heftig bekämpft. Noch im Jahre 1902 wurde auf den Mainzer Kanzeln gegen Oftkommunion und Heilige Stunde gepredigt.

Der auf Anordnung des Bischofs die Barbara beobachtende Arzt, Sanitätsrat Dr. Müller, aber fällte über die ,,Krankheit" Barbaras ein ganz anderes Urteil als der Bischof, wie wir später sehen werden.

Die Beanstandungen des Bischofs können somit der wirklichen Sachlage nicht standhalten.

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2. Ordinariat Köln im Jahre 1909

Wie uns aus der Geschichte der Approbation des Liebesbundes bekannt ist, unterbreiteten die Aachener Damen, Freifräulein von Scheibler und Fräulein Theisen, am 22. März 1909 Seiner Eminenz, dem Hochwürdigsten Herrn Kardinal Antonius von Fischer, in Köln auf desselben besonderen Wunsch die Schriften der Barbara Weigand zur geneigten Prüfung.

Seine Eminenz vertrauten die Schriften dem Domkapitular und Professor Dr. Berrenrath zur theologischen Prüfung an, die nach der ganz zutreffenden Ansicht des Kardinals längere Zeit in Anspruch nehme; noch am 28. Juni 1909 schrieben Seine Eminenz an Freifräulein von Scheibler: ,,Die Schriftstücke sind so ausgedehnt, daß längere Zeit nötig ist."

Und wie prüfte Professor Dr. Berrenrath? Hören wir seine eigenen Worte in seinem Briefe an P. Felix Lieber:

,,Köln, den 2. März 1910. Unser Generalvikariat beauftragte mich mit der Prüfung der angeblichen Offenbarungen der Barbara Weigand ... Der einzige Untergrund (Stil?) für mein Urteil sollten sein und sind tatsächlich gewesen die Aufzeichnungen, welche die B.W. über sich selbst und welche von anderen über sie und ihre angeblichen übernatürlichen Erlebnisse bis zum Jahre 1900 gemacht haben (Stil?). Ich widmete der Arbeit drei volle Wochen."

Professor Dr. Berrenrath fand es also nicht für nötig, alle vorgelegten Weigandschen Schriften zu prüfen oder auch nur durchzulesen, sondern nur einen Teil, nämlich jene bis zum Jahre 1900; die Aufzeichnungen der folgenden Jahre von 1900 bis 1909 würdigte er einer Prüfung nicht. Und die bis zum Jahre 1900 reichenden Schriftstücke prüfte er in ganzen drei Wochen!

Man bedenke: Die Prüfung der Schriften, für die auch der Kardinal eine längere Zeit für erforderlich hielt, jener Schriften, in welchen nach den Worten eines anderen Prüfungskommissärs ,,ein förmliches theologisches System" enthalten war, jener Schriften, in welchen angeblich die Hierarchie der katholischen Weltkirche gesprengt wurde, jener Schriften, in welchen angeblich eine neue Sekte gegründet wurde, zu deren Niederschlagung man die Polizeigewalt eines Königreiches benötigte, jener Schriften, über die der kirchlichen Behörde von Köln ein hochamtliches Gutachten vorgelegt werden sollte - die Prüfung dieser Schriften erledigte ein deutscher Professor in ganzen drei Wochen. Ich habe mehr als dreißig Jahre an diesen Schriften studiert, zu deren Prüfung man sich, wie wir früher hörten, nach den Ratschlägen der großen Theologen aller Jahrhunderte sehr, sehr lange Zeit, oft sogar ein Lebensalter, nehmen soll. Eine solche Rekordleistung eines deutschen Professors dürfte in der Geschichte der mystischen Theologie einzigartig dastehen. Selbstverständlich fand Professor Dr. Berrenrath in den Schippacher Schriften ,,keinen übernatürlichen Einschlag."

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3. Ordinariat Freiburg im Jahre 1914

Im ,,Anzeigeblatt für die Erzdiözese Freiburg" Nr. 12 vom 31. Juli 1914 wurde folgender Erlass des Erzbischöflichen Ordinariates Freiburg vom 20. Juli 1914 veröffentlicht:

,,Es ist zu unserer Kenntnis gekommen, daß auf Grund von ,,Offenbarungen"   einer ,,ekstatischen" Jungfrau Babetta eine Sakramentskirche in der Nähe von   Aschaffenburg gebaut werden soll und zu diesem Zwecke auch in der Diözese  Freiburg Beiträge gesammelt werden. Die ,,Offenbarungen" in drei Bändchen,   welche zum Abschreiben weitergegeben werden, enthalten Sätze ..."

Der Prüfung in Freiburg wurden also drei Bändchen zugrunde gelegt. Bei aller Achtung vor einem Ordinariatserlass, wird man jedoch eine Prüfung von nur drei Heftchen aus einem Schriftgut von nahezu 60 Heften mit dem besten Willen nicht als eine auch nur annähernd gründliche bezeichnen können; ein Doctorand, der ähnlich verführe, würde nicht einmal zur mündlichen Prüfung zugelassen. Den Namen seines Gewährsmannes gibt zwar das Ordinariat in seinem obigen Erlass nicht an; aber der Gutachter hat später seinen Namen selber der breitesten Öffentlichkeit bekannt gemacht. In seinem Buche ,,Grundfragen der kirchlichen Mystik" erwähnt nämlich Universitätsprofessor Dr. Engelbert Krebs, er habe für das Ordinariat Freiburg das theologische Gutachten über Schippach abgegeben und außer den Heftchen auch das ,,mit verwertet", was er von früher zufällig Gelesenem ,,noch in Erinnerung behalten" habe.

Ein solches Material muß man aber denn doch schon mehr als dürftig und eine solche Arbeitsweise wirklich oberflächlich nennen. Lose Erinnerungen statt authentische Texte - nur drei Heftchen aus 58 und vielen nicht gehefteten Blättern - völlige Unkenntnis über Wohnort und Persönlichkeit der Urheberin jener Schriften: Das ist wirklich ein sehr bescheidenes Material zur Erstattung eines theologischen Gutachtens eines Professors an eine kirchliche Behörde. Kein Wunder, daß denn auch das Ergebnis jener Kreb´schen Prüfung ein geradezu klägliches genannt werden muß. Nicht einmal den Ort, wo die ,,Weltkirche" erbaut werden sollte, hat Professor Dr. Krebs richtig angeben können, wenn er Schippach hartnäckig in den Odenwald verlegt. Was würde denn die wissenschaftliche Welt sagen, wenn ein Professor in einem Buche Freiburg in den Wasgenwald oder das Hermannsdenkmal vom Teutoburger Wald auf den Niederwald verlegen würde?

Darum müssen wir schon Kardinal Mercier recht geben, als er zur gleichen Zeit schrieb, ein Geschichtsforscher, der so zu Werke gehe wie Professor Krebs, ,,könne auf einen wissenschaftlichen Namen keinen Anspruch haben".

Wir werden später hören, daß Professor Mager OSB in Salzburg der Arbeitsweise von Krebs dieselbe Einschätzung zuteil werden lässt.

Bekanntlich hat Professor Krebs aus seinen drei Heftchen auch herausgefunden, daß Barbara Weigand ,,die Luft der Krankenstube" atme.

Hätte sich Krebs, bevor er sich in theologischen Gutachten und Büchern so absprechend über die Schippacher Jungfrau äußerte, die Mühe genommen, einmal nach Schippach im Spessart zu fahren und die fragliche Person kennenzulernen (nach Poulain erstes Erfordernis!), dann hätte er Barbara Weigand nicht in der Krankenstube angetroffen, sondern bei harter Arbeit im Hause oder auf dem Felde und seine Publikationen wären dann gewiss auch von solch groben Verstößen gegen die Diagnostik, gegen die Topographie und gegen die christliche Moral frei geblieben.

Ja, seine Verstöße gegen die christliche Moral! Barbara Weigand, die nach dem Zeugnis aller, die sie kannten, im unbestrittenen Ruf der Frömmigkeit stehende brave, demütige, sittenreine, uneigennützige, opferstarke, ganz im Dienste Gottes und ihrer Mitmenschen aufgehende Jungfrau, die uneigennützige Stifterin einer Pfarrei, die tatkräftige Förderin eines Pfarrkirchenbaues, diese heiligmäßige Barbara Weigand ist nach dem Professor Dr. Krebs von Freiburg eine ,,Pseudoprophetin von Schippach", eine ,,Pariser Wahrsagerin", ein ,,antikes Orakel", eine Person, ,,die in hellem Trotz kirchliche Obern schmäht" (das spricht Professor Krebs, der wenige Jahre vorher den Kardinal Mercier in unerhörter Weise schmähte), eine Person, aus deren ,,ungesundem Treiben" und aus deren ,,Abgeschmacktheiten" zweimal ,,ein Pferdefuß herausschaut", die ein ,,Büro für neue Andächteleien" (wohl öftere hl. Kommunion, Heilige Stunde, Ehrenwache) aufgemacht habe, in welchem der ,,Geist der unkirchlichen Auflehnung und des Trotzes" gepredigt werde (die Sabotage-Artikel der priesterlichen Schippachfeinde gegen den Bischof von Würzburg in den Zeitungen waren wohl keine unkirchliche Auflehnung?), eine Person, die ,,eine unsittliche Andächtelei" und einen ,,innerlichen Unrat" in die Liturgie einführe; jene Priester aber, die sich für die Wahrheit und Gerechtigkeit auch gegenüber Schippach einsetzten, verrieten nach Krebs dadurch nur ihren ,,theologischen Bildungstiefstand" und die ,,Blößen ihrer theologischen Unbildung", mochten sich auch Bischöfe, Prälaten, Ordensgenerale und gefeierte Theologen wie Dr. Ignaz Klug oder P. Peter Lippert S.J. darunter befinden.

Also sprach und druckte in wenig vornehmer deutscher Gelehrtensprache Universitätsprofessor Dr. Engelbert Krebs, der Dreiheftchengutachter des Ordinariats Freiburg, gegen Schippach. Da wir seine theologischen Unrichtigkeiten am geeigneten Orte zurückweisen werden, wollen wir hier nur noch einen Blick werfen auf seine Stellung zur katholischen Mystik, zum Supranaturalismus und zur kirchlichen Hierarchie, um noch deutlicher zu erkennen, wie wenig geeignet zur Erstattung eines theologischen Gutachtens gerade in mystischen Fragen Professor Krebs gewesen ist.

Daß sich Krebs von der Auffassung des Mystischen, wie es bei den großen Mystikern der Vorzeit, den praktischen wie den theoretischen, zutage tritt, bewusst entfernt, ist ihm allein zwar nicht eigentümlich, aber doch für ihn kennzeichnend.

Was die heilige Theresia mystisch im eigentlichen Sinne nennt, nämlich das, was wir durch uns selbst nicht erwerben können, welche Sorgfalt und Mühe wir uns auch geben mögen", was von den großen Theologen Rodriguez, Lessius, Scaramelli, Suarez, Alvarez, de Ponte, Sandaeus, was von Klentgen, Scheeben, Meschler, Pummerer, Böminghaus, Hock, Richtstätter, Ries, Mager, Grabmann, Poulain, Fischer, Algermissen übereinstimmend betont wird, daß die Mystik das gewöhnliche Gnadenleben artmäßig überschreite, das wird von Krebs abgelehnt.

Ihm ist Mystik Ziel und Frucht aller gesunden Frömmigkeit. Ist es da zu verwundern, wenn er noch einen Schritt weitergeht und auch bei den Mohammedanern und Heiden ,,echte" Mystik vorfindet? Behauptet er doch allen Ernstes, ,,daß Gottes Gnade in Plotin ... stark wirksam war", und daß die Rührung des Protestanten Jean Paul beim Empfange des Abendmahles eine ,,geistliche Kommunion" und ,,echte Mystik" gewesen sei. Die geistliche Kommunion setzt aber doch den im Sakrament gegenwärtigen Jesus voraus, was im protestantischen Abendmahl, dem keine Wandlung vorhergeht, doch nicht der Fall ist. Mit Recht schreibt darum Dorsch: ,,Es gibt nur eine wahre und wirkliche Mystik und diese ist ein übernatürliches Charisma der einen, von Christus gestifteten Kirche."

Solcherlei falsche Anschauungen vertritt Krebs in seinem Buche. P. Mager hat dieses Buch und seinen Verfasser noch viel strenger tadeln müssen.
Hören wir sein Urteil:

,,Die Ausführungen leiden an manchen, oft beträchtlichen, selbst grundsätzlichen Schwächen. Wer sie an dem Maßstabe exakter Wissenschaft durchprüft, wird sich immer wieder stoßen an einer gewissen Einseitigkeit der Einstellung, an Unklarheiten, die zuweilen ans Widerspruchsvolle grenzen, an Wirklichkeiten, die nicht selten ins Tendenziöse übergehen. Vor allem vermissen wir gerade an entscheidenden Punkten jene Vertiefung, die an den Kern der Grundfragen heranführt. Vorwort und die temperamentvolle Ausschließlichkeit, mit der fast jedes Kapitel auf das Lehramtliche verweist, erwecken die Erwartung, daß der Verfasser eine klare ... Begriffsbestimmung der Mystik ... vorlegte.

Statt dessen müssen wir uns mit verschiedenen, ganz allgemein gehaltenen, innerlich voneinander abweichenden Erklärungen ... zufrieden geben. Ja, man wird den Eindruck nicht los, als lese der Verfasser stillschweigend zuerst eine vorgefasste Anschauung in das Material hinein, um sie dann als im Material enthalten, wieder herauszulesen. So kommt es, daß häufig persönliche Meinung im Gewand und mit dem Ansehen lehramtlicher Entscheidung auftritt.

Ferner unterscheidet der Verfasser nicht zwischen Mystik als Lehre und Mystik als seelischen Zustand ... So befindet er sich in einem verhängnisvollen Irrtum ... Aus der kaum verständlichen Haltung des Verfassers zur Bedeutung der Religionswissenschaft und Psychologie für die Wesensbestimmung der Mystik fließt eine der Hauptschwächen seines Werkes.

Nur so ist die mit sämtlichen mystischen Aufzeichnungen aller Jahrhunderte unvereinbare Behauptung möglich, daß innere Ergriffenheit z.B. eines Diakons am Vorabend oder am Tage seiner Priesterweihe sei als mystisches Erlebnis anzusprechen. So wird ferner die tendenziöse Willkür erklärlich, mit der Stellen aus den Schriften der heiligen Theresia angezogen werden.

Überhaupt geht die Art und Weise im Heranziehen und Zurechtbringen von Texten für die vorgefasste Anschauung des Verfassers über die Grenzen des wissenschaftlich Zulässigen ... Voreingenommenheit ... machte den Verfasser blind für die Grundfragen der Mystik ... Bloße Sophistik ist es ... usw."

So beurteilt Mager das Buch, in welchem Krebs auch Schippach so sehr schmäht. Willkür, Voreingenommenheit, Tendenz, vorgefasste Meinung, Einseitigkeit, Widersprüche, Animosität, Unwissenschaftlichkeit, das Ausgeben persönlicher Meinungen für Kirchenlehre, unzulässige Verwertung von Zitaten: Alle diese wissenschaftlichen Schwächen offenbart Krebs auch in seinem Kampf gegen Schippach.

Auch die Haltung, welche Krebs zum Supranaturalismus überhaupt einnahm, hätte ihn als theologischen Gutachter in so eminent übernatürlichen Dingen, wie es die mystischen sind, ausschließen müssen. Diese seine für einen Katholiken kaum begreifliche Haltung brachte er in einem schon erwähnten Hochlandartikel gegen den belgischen Kardinal Mercier zum Ausdruck.

Dieser Kirchenfürst hatte auch während der Besetzung seines Landes im Ersten Weltkrieg die unerschütterliche Überzeugung von der Wiedererlangung der nationalen Unabhängigkeit seines Landes und gelobte zu diesem Zwecke die Errichtung eines Herz-Jesu-Heiligtums und die Organisierung von Wallfahrten zu Ehren der Muttergottes, der Patronin der nationalen Unabhängigkeit.

Diese Verknüpfung einer irdischen Sache mit einer religiösen, die gewiss echt katholisches Glaubensbewusstsein verrät, erschien dem deutschen Professor ,,geradezu unbegreiflich".

,,Wir Deutsche", so erwiderte Krebs, ,,würden es nicht wagen, den Patronat dieser Heiligen, die wir als Fürbitter und Vermittler himmlischer Gnaden auffassen, mit so bestimmten irdischen Ämtern zu belasten".

Dann kommt noch rasch ein Seitenhieb auf die ,,Romanen", denen ,,die Vermengung nationalen und religiösen Empfindens ... eigen" sei; so etwas sei ,,uns nüchternen Deutschen geradezu unbegreiflich."

Ja, wir Deutsche sind allerdings sehr nüchtern geworden, seitdem die antisupranaturalistische deutsche Reformation den katholischen Menschen bei uns fast zum Aussterben gebracht hat. Das kann man fast zahlenmäßig genau nachweisen. Während nämlich von den ersten zehn kanonisierten Heiligen acht Deutsche waren, sind es von den 205 kanonisierten Heiligen vom Jahre 1588 (Einsetzung der Ritenkongregation) bis zum Jahre 1955 nur drei Deutsche, die dieser Ehre der Altäre teilhaftig wurden (Linzer Quartalschr. 1958, S. 178). So lassen wir vor lauter Nüchternheit den Heiligenkalender mit Italienern, Spaniern und Franzosen füllen, lassen unwissende Hirtenkinder in Lourdes und Fatima zu göttlichen Sendboten an die ganze Welt werden, lassen die ,,Romanen" herrliche nationale und Weltheiligtümer bauen und schlagen daheim bei uns eine in Bau begriffene Kirche zu Ehren des Eucharistischen Königs in Trümmer.

Eine solche Kirche wäre in Italien, Frankreich, Spanien oder Portugal mit Freuden begrüßt und gebaut worden. Ja, das Trümmerfeld von Schippach passt vorzüglich zu uns nüchternen Deutschen!"

Übrigens sind es nicht bloß die ,,Romanen, denen die ,,Vermengung nationalen und religiösen Empfindens" eigen ist. Man denke nur an die Verehrung des heiligen Stanislaus Kostka in seinem Heimatland Polen. Wie aus dessen Heiligsprechungsakten zu ersehen ist, verehrten ihn Könige und Volk geradezu als Patron in der Verteidigung der nationalen Unabhängigkeit. So nennt ihn König Johann Sobiewski (1674 - 1696), bekannt als ,,Befreier Wiens", in seinem Bericht nach Rom ,,nunc mei ac exercitus universi contra Orientis tyrannum (den Türken) specialem patronum, und König Michael Wisnowiecki (1669 - 1673) bestätigt, Stanislaus sei in der Schlacht bei Chotin und Kamenetz der Retter Polens vor den Türken geworden.

Selbst zu lebende, im Rufe der Frömmigkeit stehenden Personen lenkten die Christen der Vorzeit gern ihre Schritte, um von ihnen Rat und Hilfe in irdischen Dingen zu holen. Man lese nur Fischers ungemein anregende Forschungen, von denen hier einige Erwähnung finden sollen.

Der Mystiker Bernhard von Clairvaux wird gezwungen, das ganze kirchliche und politische Leben seiner Zeit zu leiten. Dionysius der Kartäuser wird vom Papst zur Reform in Anspruch genommen, von Fürsten zur Beilegung von Streitigkeiten aufgesucht. Zur heiligen Hildegard von Bingen, Brigitta von Schweden, Katharina von Siena, Kreszentia von Kaufbeuren strömten die Hilfesuchenden scharenweise. Die Namen Meinrad, Vinzenz von Paul, Nikolaus von der Flüe, Vianney von Ars, Johannes Bosco lassen sich fast um so viele vermehren als das Kalendarium an Namen von Heiligen aufweist. Bekannt ist die politische Tätigkeit der heiligen Jeanne d´Arc, weniger bekannt die Tatsache, daß der Feldzug der Liga gegen den Winterkönig Friedrich V. samt der Schlachten am Weißen Berg auf die übernatürlichen Weisungen des ehrwürdigen Dominicus a Jesu Maria hin geführt und gewonnen wurden. Derselbe Mystiker entdeckte die Verschwörung gegen Maria von Medici, stiftete Frieden im lothringischen Herzogshaus, zwischen den Städten Valencia und Alicante; er rettete Philipp II. durch übernatürliche Erleuchtung vor der Ermordung. Der ehrwürdige Philipp Jeningen bewahrt durch sein Gebet das Fürstentum Ellwangen vor Verwüstung durch die Horden Ludwigs XIV. Die weltabgeschiedene Johanna Maria vom Kreuz ist die treue Beraterin des kaiserlichen Feldherrn Gallas; sie ermuntert ihn zur Schlacht bei Nördlingen, die den Sturz der Schwedenherrschaft herbeiführte; Kurfürst Maximilian von Bayern holt sich Rat bei der Schwester.

Daß übrigens die deutschen Katholiken der Vorzeit auch nicht alle so nüchtern waren, wie uns Krebs weismachen möchte, lehrt uns ein Blick in die Geschichte.

Der Wallfahrtsort Altötting ist geradezu das bayerische Nationalheiligtum, in welchem die Himmelskönigin vorzugsweise als Schutzheilige des Landes verehrt wird. Das Fest der Patrona Bavaria trägt deutlich nationalen Einschlag: ,,Rem, regem, regimen, regionem, religionem Conserva Bavaris, Virgo Patrona, tuis!"

Die Dreifaltigkeitskirche in München verdankt ihre Entstehung einem Gelübde der Stadt während der Besetzung durch die Österreicher im Spanischen Erbfolgekrieg. Die Weihe des Tirolerlandes an das Heiligste Herz Jesu geschah in den Wirren der Franzosenkriege in der Hoffnung auf nationalen Schutz. Und spielt nicht in der Verehrung der Vierzehn Nothelfer, des heiligen Wendelinus, Sebastianus, Leonhard, Antonius und nicht zuletzt der Muttergottes von der Immerwährenden Hilfe die Hoffnung auf Hilfe in irdischen Dingen die erste Rolle? Preist nicht unser Frankenvolk Maria immer noch als ,,Herzogin von Franken"?

So handelten unsere katholischen Vorfahren; sie betrachteten die Muttergottes, die Heiligen und die heiligmäßigen Personen nicht nur als Vermittler himmlischer Gnaden, sondern ebenso als Helfer in zeitlichen Nöten.

In diesem echt katholischen Glaubensbewusstsein sah auch Kardinal Mercier richtiger als Professor Krebs; denn Belgien erlangte seine nationale Unabhängigkeit wieder, während Deutschland die seinige verlor - trotz seiner größeren Kanonen und seiner stärksten Bataillone.

Da die wissenschaftlichen Argumente von Professor Krebs oft auf recht schwachen Füßen standen, suchte er die Schwäche seiner Position durch den lauten Ton seiner Sprache zu tarnen, wie wir schon oben aus seinen Äußerungen über Barbara Weigand ersahen. Doch dort handelte es sich ja nur um ein altes Spessartweib, das zu jener Zeit von allen Kanzeln und in allen Zeitungen wie Freiwild gejagt, ,,zertreten und zermalmt" werden durfte. Aber Krebs scheute vor Beschimpfungen auch nicht zurück, wenn sein Gegner im Senate der Kirche saß und wissenschaftlichen Weltruhm genoß. Als ihm nämlich Kardinal Mercier vorhielt, seine Arbeitsweise sei unwissenschaftlich, da geriet Krebs in hellen Zorn und warf dem anerkannt frommen und gelehrten Kardinal ,,Ungerechtigkeit", ,,Unwahrhaftigkeit", ,,bewusste verleumderische Täuschung" vor und beschuldigte ihn eitler Schauspielerei.

So ging der 36-jährige Gutachter des Ordinariates Freiburg in Sachen Schippach mit einem 66-jährigen Erzbischof und Kardinal der heiligen römischen Kirche um.

Alles in allem: Professor Krebs war nach seinem dürftigen Quellenmaterial, nach seiner Stellung zum Supranaturalismus, nach seiner Unkenntnis der Schippacher Dinge und nach seinem ehrfurchtslosen Benehmen gegen einen Kardinal als Gutachter und Sachverständiger in Sachen Schippach völlig ungeeignet.

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4. Ordinariat Würzburg im Jahre 1916

Wie uns das Kapitel über den Schippacher Kirchenbau gezeigt hat, eröffnete gleichzeitig mit dem Beginn der Bauarbeiten in Schippach auch die Katholische Presse ihren Kampf gegen das dort in Angriff genommene Heiligtum. Seit dem Sommer 1914 erschienen in Aachen, Mainz, Freiburg, Augsburg und anderswo baufeindliche Artikel, in denen die Kirche in Schippach als ,,Aprilscherz", als ,,größte Torheit" bezeichnet wurde. Ihren Höhepunkt erreichten diese Presseangriffe, als der Bau im Sommer 1915 dank des persönlichen Eingreifens des Würzburger Bischofs und der Bauführung durch eine Weltfirma seiner Vollendung entgegen schritt.

Gleichzeitig mit den Presseangriffen traten auch bischöfliche Behörden in Aktion und übersandten ihre gegen Schippach gesammelten Akten an die Apostolische Nuntiatur: So Freiburg am 31. Juli 1914, Mainz am 2. Dezember 1914, Köln am 3. Dezember 1914.

Als im Herbst des Jahres 1915 die Zeitungsangriffe gegen den Kirchenbau in Schippach ein immer größeres Ausmaß annahmen und der Nuntius in München von Freund und Feind mit Eingaben überschüttet wurde, konnte es zur Klärung des Tatbestandes nur die eine Lösung geben: Gründliche und vorurteilsfreie Untersuchung. In Erfüllung eines dahingehenden Auftrages der Nuntiatur bestellte das Ordinariat Würzburg eine Kommission, die sich aus den Domherren Dr. Krampf und Stahler sowie dem Theologieprofessor Dr. Zahn zusammensetzte; später wurde noch der Subregens am Priesterseminar Dr. Brander in die Kommission berufen, die in ihm ihr rührigstes Mitglied gewann.

Die Kommission nannte sich Prüfungskommission und hatte nominell die Aufgabe, den Kirchenbau in Schippach und die mit ihm zusammenhängenden Fragen: Die Privatoffenbarungen der Barbara Weigand und deren mystische Zustände sowie den Eucharistischen Liebesbund wissenschaftlich zu prüfen, um das Ordinariat in die Lage zu versetzen, dem Heiligen Stuhl einen wahrheitsgetreuen Bericht zu erstatten.

Wer allerdings die Denkweise der bis dahin schon sehr aktiv gegen den Kirchenbau tätig gewesenen beiden Kapitulare kannte, war wohl keinen Augenblick im Zweifel darüber, welches das Ergebnis ihrer ,,Prüfung" sein würde. In Wirklichkeit sollte die Kommission gar keine Prüfungs- sondern eher eine Begräbniskommission sein, so eine Miniaturform nach Art des späteren Hitler´schen Volksgerichtshofes, die das unter dem Druck der Presse beim Ordinariat Würzburg bereits beschlossene Todesurteil über den Kirchenbau mit einem legalen Mantel umgeben sollte, wie auch das sehr schippachfeindliche ,,Mainzer Journal" am 13. März 1916 mit verblüffender Offenheit bestätigte.

Die Kommission trat an ihre Aufgabe in doppelter Weise heran: Durch ein Verhör der Barbara Weigand und ihrer Freundin Luise Hannappel und dann durch die Lektüre der Schippacher Schriften.

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a) Das Verhör der Barbara Weigand am 5. Januar 1916

Am 20. Dezember 1915 richtete das Ordinariat Würzburg ein Schreiben an das Pfarramt Elsenfeld, es solle sich ,,mit den beteiligten Personen ins Benehmen setzen", von ihnen die Beantwortung verschiedener Fragen fordern und die Weigandschen Schriften dem Ordinariat ,,zur Berichterstattung an die Päpstliche Nuntiatur" vorlegen. Pfarrer Welzbacher übersandte den Fragebogen am 28. Dezember 1915 an Luise Hannappel nach Mainz mit der Bitte um baldige Erledigung:

,,Anbei übersende ich Ihnen einen Fragebogen vom Hochwürdigsten Bischöflichen Ordinariate Würzburg und bitte Sie, mir auf einem gesonderten Bogen die    einzelnen Fragen beantworten zu wollen. Ferner wollen Sie mir die im letzten Absatz des Schreibens genannten Niederschriften und Bücher ebenfalls - soweit möglich - übersenden ..., da ich die Sache bis zum 30. Dezember d. Js. an die Oberhirtliche Stelle vorlegen soll."

 Weder im Fragebogen noch in diesem Begleitschreiben ist von einem persönlichen Erscheinen der Barbara Weigand in Würzburg die Rede, da ein mündliches Verhör der Jungfrau vor der Kommission gar nicht beabsichtigt war. Aber der Barbara kam diese Gelegenheit zu einer mündlichen Aussprache am Ordinariat über die Zeitungshetze sehr erwünscht, wie eine von ihrer Hand stammende Bleistiftnotiz auf dem Brief des Pfarrers ersehen lässt: ,,Ich glaube, es ist besser, wenn wir die Fragen mündlich beantworten können."

 So beschlossen also die beiden Frauen, persönlich nach Würzburg zu reisen. Am 5. Januar 1916 erschienen sie in der fränkischen Bischofsstadt und begaben sich zunächst zu ihrem Oberhirten, den sie schon in den früheren Jahren wegen der saumseligen Behandlung der Pfarrei- und Kirchenbausache durch ihren Heimatpfarrer wiederholt aufgesucht hatten.

,,Er war sehr traurig", schreibt Barbara an ihren geistlichen Neffen; ,,seine Schwester sagte uns unter Tränen: Mein Bruder wird von allen Seiten gedrängt, die Sache zu vernichten; Fräulein Hannappel und ich seien Hexen, die verbrannt werden sollten; ganze Stöße Briefe lägen da."

Vom bischöflichen Palais begaben sich die beiden Frauen sodann auf das Ordinariat und übergaben die mitgebrachten Schriften treuherzig in die Hände des Generalvikars, der die Anwesenheit der beiden benutzte, sie rasch auch einmal der Kommission vorzustellen.

In aller Eile wurde nun eine völlig formlose Sitzung der drei Kommissionsmitglieder Stahler, Krampf und Zahn anberaumt und ohne jegliche Vorbereitung begann das Verhör. Subregens Dr. Brander fehlte bei der eigens anberaumten Sitzung. Aus diesem Fehlen hat man aus Ordinariatskreisen mir gegenüber behauptet, Dr. Brander sei gar nicht Mitglied der Prüfungskommission gewesen. Aber meine im Krieg gottlob nicht zu Verlust geganenen Urkunden reden eine andere Sprache.

Am 26. Februar 1916 schrieb Dr. Brander einen Brief an den geistlichen Neffen der Barbara, um ihn zur Einflussnahme auf seine Tante zu bewegen. Darin schreibt Dr. Brander wörtlich: ,,Ich war ein Glied der Prüfungskommission." Der Brief befindet sich in meinen Akten.

 Schon diese rein zufällige Veranlassung zum Zusammentritt der Kommission, noch mehr der ganz formlose Verlauf des Verhörs ist bezeichnend für die unwissenschaftliche und unprozessuale Art, in welcher man in der Sache verfuhr. Man vergaß sogar in der Hast, einen Aktuar beizuziehen und ein Protokoll aufzunehmen, wie die Kommissionsmitglieder am 11. Februar 1918 selber bezeugten. So mangelhaft arbeitete schon in formeller Hinsicht die Kommission bei einem so wichtigen Akte, in welchem sie im Auftrag des Nuntius die Urheberin der ,,Weltkirche von Schippach" und die angebliche ,,Stifterin einer Sekte" amtlich prüfen wollte. Angesichts dieses Fehlens einer protokollarischen Festhaltung der Gespräche, sind wir deshalb nur auf die Berichte angewiesen, welche die beiden Frauen unabhängig voneinander in Briefen an geistliche Freunde von jener Unterhaltung im Ordinariatsgebäude mitgeteilt haben.

Ich bringe zunächst die Schilderung, die Luise Hannappel in einem Briefe vom 12. Januar 1916 an P. Felix Lieber gibt, woraus zu entnehmen ist, daß von 4 bis 5 Uhr Barbara Weigand, von 5 bis 6 Uhr Luise Hannappel, von 6 bis 7 1/4 Uhr beide zusammen verhört wurden.

,,Das Evangelium der Herren", schreibt da Luise Hannappel, ist die ,,Augsburger Postzeitung" und das ,,Aachener Piusblatt." Das alles halten sie für die reine Wahrheit. Darum sagte auch Stahler: ,,Besser, daß die 200000 Mark, die verbaut sind, zugrunde gehen und 100000 Mark daliegende Steine vermodern, als daß die Liberalen über unsere heilige Kirche spotten!" Ich sagte: ,,Meine Herren, hören Sie doch nicht auf die Gegner, freuen Sie sich doch lieber über das himmlische Geschenk. Haben Sie Mitleid mit sich selbst, dem lieben Bayernlande und der heiligen katholischen Kirche, für die so viel von Ihrem Entschluss abhängt." ,,Ja", sagten sie, ,,das schöne Werk hätten wir ja gerne, aber wir werden so viel beschimpft wegen der Offenbarungen."

Im übrigen habe ich ihnen energisch zugesetzt ... Zuletzt sagte ich: ,,Wenn man eine Person, die mähen und Kartoffel hacken kann, als hysterisch darstellt, so kann man ebenso die Dinge auf den Kopf stellen und sagen: ,,Hysterie ist eine Frauenkrankheit, von der viele Männer befallen sind." Da lachten sie alle zusammen.

Diese Darstellung des Verlaufs findet ihre Bestätigung in einem Brief der Barbara vom 17. Januar 1916 an ihren geistlichen Neffen, wo sich jedoch noch die Bemerkung findet: ,,Herr Dr. Zahn war liebreich, freundlich, besonders gegen Fräulein Hannappel, aber Herr Stahler und Herr Krampf waren ganz nach dem Mainzer Schnitt. Herr Stahler verbot uns, wir dürften draußen nichts sagen, wie man mit uns umgegangen sei."

Am folgenden Tag begab sich Barbara nochmals zum Vorsitzenden Stahler und überreichte ihm ein Schriftstück mit der Bitte, es zu den Akten zu nehmen. ,,Beim Abschied", so schreibt Barbara an ihren Neffen, ,,sagte ich: Man möge doch bedenken im Ordinariat, welcher Schaden es für den Kirchenbau sei, wenn nicht weiter dürfe gebaut werden, und wie alle guten, treuen Seelen erschüttert werden an ihrem heiligen Glauben, wenn diese Artikel in den Zeitungen und diese Hetze weiter getrieben werden. So schieden wir von denen, die dankbar sein sollten, daß der liebe Gott ihre Diözese so bevorzugt hat ... Der liebe Gott wird seine Sache schon durchfechten."

So berichten die einzigen vorhandenen Urkunden über das erste und einmalige Erscheinen der Barbara Weigand vor der Würzburger Prüfungskommission.

Erst 25 Monate später, als man in Würzburg Barbara Weigand gemäß den Schmähartikeln der Presse als den Ausbund alles Schlechten hinzustellen sich anschickte, fiel es auch den Kommissionsmitgliedern ein, etwas über jene Begegnung mit Barbara zu Papiere zu bringen.

Sie verfassten nämlich am 11. Februar 1918 ein Schriftstück, das die Überschrift trägt: ,,Gutachtliche Äußerungen über die persönlichen Eindrücke in bezug auf Barbara Weigand und Luise Hannappel bei deren Erscheinen vor der bischöflichen Kommission zu Würzburg am 5. Januar 1916 " und legten es den Richtern - das waren sie selber - vor.

In diesem Schriftstück nun wird Barbara als sittlich minderwertig hingestellt: Sie habe sich in jenem Verhör ,,in ihren Aussagen völlig unzuverlässig" gezeigt, habe ,,der Wahrheit widersprechende Angaben" gemacht, die ,,einen befremdenden Eindruck" gemacht hätten, habe ,,Lust am Weissagen" und andere sittliche Mängel an sich geoffenbart.

Wenn man dieses Schriftstück liest, gewinnt man unwillkürlich den Eindruck, daß es den Verfassern nicht recht behaglich zu Mute gewesen sei; man könnte fast meinen, sie hätten sich selber ob der Armseligkeit des Schriftstückes geschämt. Schon die Entschuldigung, daß sie erst jetzt, nach fünfundzwanzig Monaten, die Schändlichkeit ihrer damaligen Beobachtungen erkennten und zur Fixierung ihrer damaligen Eindrücke kämen, klingt doch recht kläglich, und ihr Hinweis, es sei bei jenem Verhör kein Protokoll geführt worden, muß geradezu als Eingeständnis ihrer jetzigen Schwäche angesehen werden.

Die Wahrheit über die Unterlassung einer schriftlichen Festhaltung des damaligen Verhörs ist vielmehr diese. Es lag damals eben kein Grund vor, die Äußerungen der Jungfrau schriftlich zu fixieren, weil sie damals keine unwahren Angaben machte; es lag damals keine Veranlassung vor, ein Protokoll zu führen, weil die drei Männer bei jenem Verhör keine sittlichen Mängel an der Jungfrau entdeckten oder Äußerungen von ihr zu beanstanden Grund hatten. Man stelle sich doch nur einmal die Situation von damals vor:

Die Urheberin der ,,Weltkirche von Schippach", die Begründerin eines neuen ,,theologischen Systems", das der katholischen Lehre schnurstracks widerstreitet, die ,,Stifterin einer Sekte", die man nur mit Hilfe der Staatsgewalt niederschlagen kann, die Person, welche ,,die kirchliche Hierarchie sprengen", und eine ,,häretische ecclesiola" gründen will oder schon gegründet hat, die ,,feuerspeiende Hexe", die ,,den ewigen Hohepriester Jesus Christus" ganz ungeheuerlich herabgewürdigt hat, die ,,Pariser Wahrsagerin", die ,,anmaßende Person", die ,,in hellem Trotz die kirchlichen Obern schmäht", die Person, die zwanzig Jahre lang ,,die kirchliche Obrigkeit hintergangen" hat, die Person, die ,,den Bischof Haffner in die Hölle versetzt", hat ... diese ,,höchstgefährliche Person" steht eben jetzt, 5. Januar 1916, nachmittags von 4 - 7 Uhr, im Ordinariatsgebäude zu Würzburg vor der zur Niederschlagung ihrer ,,Sekte" und zur Unschädlichmachung dieser Person eingesetzten hochamtlichen geistlichen Kommission, bestehend aus einem deutschen Universitätsprofessor und zwei deutschen Domkapitularen; sie wird von der im Auftrag des Päpstlichen Nuntius eingesetzten Kommission verhört, sie zeigt sich ,,in ihren Aussagen völlig unzuverlässig", sie ,,macht der Wahrheit widersprechende Angaben" ... und keinem der drei hochamtlichen Kommissionsmitglieder fällt es ein, diese ,,der Wahrheit widersprechenden Angaben" sofort authentisch schriftlich festzuhalten?

Mit einem solchen Protokoll, enthaltend wortwörtlich die angeblich ,,der Wahrheit widersprechenden Angaben", aufgenommen während des Verhörs, hätte die Kommission doch sofort ein vorzügliches Dokument für die sittliche Minderwertigkeit der Barbara Weigand besessen, ein Dokument, mit dem man sie sofort hätte ,,zertreten, nein zermalmen" können. Aber weder an jenem 5. Januar 1916, noch in den Verlautbarungen der drei Prüfungskommissäre in den folgenden zwei Jahren ist von lügenhaften Aussagen der Jungfrau bei jenem Verhör die Rede. Warum nicht? Doch nur deswegen nicht, weil sie dort keine unwahren Aussagen gemacht hatte. Hätte sie sich damals solche Blößen gegeben, dann hätten sich die drei geschworenen Gegner der Jungfrau diese günstige Gelegenheit zu ihrer moralischen Vernichtung ganz gewiss nicht entgehen lassen.

Im Gegenteil! Noch zwei Monate nach jenem Verhör, am 1. März 1916, bestätigte der Vorsitzende jener Prüfungskommission, Domkapitular Stahler, im Kultusministerium zu München vor dem Ministerialrat Goldenberger auf Befragen die Untadeligkeit der Jungfrau, wie denn das Ordinariat Würzburg vorher immer seine schützende Hand über sein Diözesankind Barbara Weigand gehalten und sie noch am 2. Oktober 1914 im amtlichen ,,Diözesanblatt" eine ,,im Rufe der Frömmigkeit stehende Person" genannt hatte.

Das wurde erst anders, als seit dem Herbst 1916 die Schmähschriften und Aufsätze, besonders aus der Feder Dr. Branders, erschienen. Diese Pamphlete mit ihrer Herabsetzung des sittlichen Charakters der Jungfrau brachten es fertig, auch die Domherren von Würzburg in die Reihe jener zu ziehen, die das Charakterbild der Gottesfreundin von Schippach so maßlos entstellten. So projizierten die beiden vormaligen Prüfungskommissäre das durch die späteren Presseerzeugnisse geschaffene Zerrbild von Barbara auf die zwei Jahre früher stattgehabte Begegnung mit ihr und dichteten ihr jetzt Fehler an, die sie damals in keiner Weise wahrgenommen hatten. Es darf aber erfreulicherweise schon an dieser Stelle vermerkt werden, daß jene üble Kritik an der Jungfrau am Ordinariat Würzburg wieder einer ruhigen und durchwegs günstigen Beurteilung der Jungfrau Platz gemacht hat. Heute sprechen alle Würzburger Domherren nur mit Hochachtung von Barbara Weigand.

Nur Domkapitular Prälat Dr. Brander will unentwegt an seinem furchtbaren Urteil über Barbara Weigand, wie er es in seinen Aufsätzen und Broschüren von ehedem der Öffentlichkeit vorsetzte, festhalten; denn er schrieb erst in allerjüngster Zeit dem Verfasser : ,,Ich gehe ins 80. Lebensjahr und habe noch nie Reue gehabt über mein Vorgehen."

Ich erzitterte, als ich diese Worte las.

Wenn sodann in jenen ,,Gutachtlichen Äußerungen" vom 11. Februar 1918 der Jungfrau ,,Lust am Weissagen" vorgeworfen wird, weil sie auf kommende Strafgerichte hinwies, so ist auch diese ihre Schau in die Zukunft durch die folgenden Ereignisse nur zu deutlich bestätigt worden. Zwar hatte man ihr schon in Mainz einmal höhnisch entgegengehalten: ,,Wo bleiben denn die Strafgerichte? Ich sehe keine" und in Würzburg glaubten hohe Geistliche diese Schau der Jungfrau ebenfalls mit einem höhnischen Lächeln abtun zu können. Was aber der März 1945 über die schöne Bischofsstadt brachte, war noch mehr als eine Bestätigung der Schau der ,,Seherin von Schippach" in die Zukunft.

Alles in allem: Den ,,Gutachtlichen Äußerungen" vom 11. Februar 1918 ist kein Wert beizumessen.

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b) Die Prüfung der Weigandschen Offenbarungen und Werke

Nachdem die Kommission mit dem Verhör der Jungfrau am 5. Januar 1916 die Prüfung der siebzigjährigen Greisin beendet hatte, trat sie an die Untersuchung der Schriften heran, um über die Ekstasen, Visionen, Offenbarungen, den Liebesbund und die Sakramentskirche ihren Bericht dem Ordinariat vorzulegen.

Als Sachbearbeiter hierfür wurden Professor Dr. Zahn, das schon genannte Kommissionsmitglied, und Subregens Dr. Brander vom Priesterseminar bestimmt, denen der Generalvikar die von Barbara Weigand erhaltenen Schriften übergab.

Die beiden Würzburger Priester hatten eine ebenso schwierige wie verantwortungsvolle Aufgabe. Sollten sie ja nicht nur einen objektiven Befund über das konkrete Problem des Kirchenbaues liefern, um den sich ja alles drehte, sondern auch so delikate Fragen, wie sie nun einmal mystischekstatische Vorgänge sind, untersuchen, dann ein so umfangreiches Schriftenmaterial von nahezu 60 Heften und einer Unmenge von Korrespondenzen wissenschaftlich einwandfrei studieren, außerdem über den damals bereits in fast allen Ländern Europas verbreiteten Eucharistischen Liebesbund die nötige wissenschaftliche Klärung bringen. Diese Arbeit war riesengroß und - zumal in Anbetracht des zu unterrichtenden Heiligen Stuhles - in hohem Grade verantwortungsvoll. Alle Augen waren auf die Würzburger Prüfung gerichtet. Werfen wir zunächst einen Blick auf die Arbeitsweise der Prüfungskommissäre!

Während alle großen Mystiker und Theologen von dem, der mystische Schriften prüfen und beurteilen will, pietätvolles Eingehen, Fühlen mit dem Mystiker, Sichversetzen in die Seele des anderen verlangen, gesteht der eine Prüfungskommissär, daß er nur ,,mit Widerwillen" sich der Lektüre gewidmet habe. Widerwille aber und Antipathie sind bekanntlich für jeden Historiker und jeden Richter ganz ungeeignete Instrumente zur Erforschung der objektiven Wahrheit; sie trüben den Blick für die Wirklichkeit und lesen aus den Schriften das heraus, was der Leser vorher in sie hineingelegt hat. Tatsächlich berichtet denn auch dieser Prüfungskommissär, er habe seine ,,Annahmen" und ,,von vornherein gemachten Vermutungen" genau bestätigt gefunden!

Gerne operiert er in seinem Prüfungsbericht, niedergelegt in einer Broschüre, mit Ausdrücken wie ,,soll" (dicitur), ,,scheint", ,,wahrscheinlich", ,,höchstwahrscheinlich", Wendungen, die nicht von sonderlicher Festigkeit zeugen.

Wie innerlich fremd diesem Prüfungskommissär die mystische Theologie war, mag man aus einem Brief ersehen, den er am 26. Februar 1916 an den geistlichen Neffen der Barbara richtete, um diesen gegen seine Tante mobil zu machen. In diesem Briefe schreibt der Prüfungskommissär wörtlich: ,,Was jetzt tun? Ich gebe Ihnen den dringenden Rat: Legen Sie Ihrer Tante nahe ... unbedingt jede weitere ekstatische Tätigkeit aufzugeben!"

Nun ist bekanntlich die mystische Schauung ihrem Wesen nach contemplativ passiva und darum dem eigenen persönlichen Wollen oder Nichtwollen ganz entzogen. ,,Der Geist Gottes weht, wo er will!"

Genau so verlangte das ganz im Banne dieses Prüfungskommissärs stehende Ordinariat von Barbara Weigand, sie solle ,,auf Ehre und Gewissen" durch Unterschrift erklären, daß sie sich nichts mehr vom Heiland sagen lassen wolle! ,,Vom König ging an Gott das Wort: Kein Wunder mehr an diesem Ort!"

Dieses Vorgehen gegen Schippach ähnelt sehr jenem gegen Konnersreuth, wie mir der Metzer Psychiater Dr. Witry brieflich von seinen Beobachtungen in Konnersreuth berichtete:

,,Mit der Medizin lässt sich ruhig reden, aber die katholischen Theologieprofessoren spielen sich als Vormundschaft Gottes auf, so daß man kopfschüttelnd davongeht!" Das ist das Übel des deutschen Katholizismus. Das Unwissenschaftliche der Würzburger Prüfung kann man auch daraus ersehen, daß die Kommissäre die Texte der Schippacher Schriften unbesehen und ohne Quellenforschung als authentisch hinnahmen, obwohl doch die Wiedergabe der von Barbara in der Ekstase gesprochenen Worte sehr oft nicht wortgetreu sein konnte und obwohl jene Schriften nur Kopien darstellten, von verschiedener Hand geschrieben, so daß der eine Prüfungskommissär selber einmal gesteht, er wisse nicht, was von Barbara Weigand oder von anderen herstammt. Trotz dieser Erkenntnis, die einen jeden Richter von der Fällung eines Todesurteiles abhalten würde, hängte er doch wieder alles der Visionärin an die Rockschöße, sogar die Schreibfehler der Abschreiber, um dann höhnisch auszurufen, der Jesus der Schippacher Offenbarungen könne nicht einmal einen sprachlich richtigen Satz aussprechen!

Mit solchen lächerlichen Glossen speisten die geistlichen Prüfungskommissäre die Katholische Presse in ihrem schmutzigen Kampf gegen Schippach, das dort geplante Heiligtum und die heiligmäßige Jungfrau Barbara Weigand ab.

Ich würde in Sack und Asche Buße tun und Ströme von Tränen am Grabe der Schippacher Jungfrau vergießen, wenn ich mich an jenem hässlichen Kampfe gegen sie mitschuldig gemacht hätte.

Staunen wird man auch, wenn man sich die Dauer der Würzburger Prüfung etwas näher betrachtet.

Am 5. Januar 1916 übergab Barbara ihre Schriften dem Generalvikar, so daß die Kommissäre frühestens am 6. Januar 1916 mit ihrer Prüfung beginnen konnten; am 11. Februar 1916 aber lagen die Prüfungsergebnisse über alle Schippacher Fragen bereits in der Ordinariatssitzung vor, so daß die Prüfung höchstens vier Wochen hatte dauern können. Die beiden Kommissäre aber hatten nicht einmal diese vier Wochen ungestört dem Prüfungsgeschäfte widmen können, da sie ja auch ihren Amtspflichten im Hörsaal und im Seminar genügen mußten. Nun erforderte der zu prüfende Fragenkomplex das Studium der vom Jahre 1869 an währenden Schippacher Bewegung, die damals also schon 46 Jahre alt war und ihre Kreise bis weit über die deutschen Grenzen hinaus gezogen hatte, ein Studium, zu dem die Ausfindigmachung, Sammlung, Sichtung, Ordnung, Durcharbeitung und Verwertung einer gewaltigen Dokumentenmasse erforderlich war.

Ich habe in jahrelanger mühevoller Forschungsarbeit ungezählte Urkunden aller Art angesammelt und in die umfangreichen Aktenbestände bei den Behörden und den Freunden Schippachs Einsicht genommen, habe bis über die Reichsgrenzen hinaus korrespondiert und Forschungsreisen unternommen und mehr als dreißig Jahre lang in den Akten studiert - und in Würzburg wollten zwei Männer in knapp vier Wochen fachmännisch über diese Bewegung urteilen, obwohl sie eingestandenermaßen außer den Schippacher Heften so gut wie keine Urkunde in Händen hatten? Im besonderen sollten die Prüfungskommissäre eine gründliche Untersuchung über den Liebesbund anstellen, der damals schon in mehreren Sprachen approbiert und über einen großen Teil Europas verbreitet war, das damals im mörderischen Weltkrieg lag, der keine Korrespondenz mit dem Ausland zuließ.

Endlich handelte es sich bei der Würzburger Prüfung um die ,,schwierigste aller theologischen Disziplinen" (Denifle), um jenes geheimnisvolle Gebiet, in welchem man nach Poulain oft ein Menschenalter hindurch prüfen muß, um zu einem zuverlässigen Urteil zu gelangen. Klassisch einfach legt darum Poulain allen, die es mit der Untersuchung mystischer Dinge zu tun haben, die wohlgemeinte Mahnung ans Herz: ,,Die Entscheidung hinausschieben. Wir sehen, daß man Zeit und lange Untersuchung braucht, um bei Offenbarungen zu einem sicheren Urteil zu kommen."

Selbst Zahn hat als Theoretiker gemeint, ,,daß man in viel mehr Fällen eine Entscheidung, die auf allgemeine Zustimmung wird rechnen dürfen, nur auf mühsamem, langem Pfade einzelner Durchforschung erreichen wird.".

Als Prüfungskommissär über Schippach aber vergaß er diese seine eigene Mahnung und war mit seinem ablehnenden Urteil schon in vier Wochen fix und fertig.

So viel wollte über die Arbeitsweise der amtlichen Prüfungskommissäre in Köln, Freiburg und Würzburg bemerkt werden; ihre falschen sachlichen Prüfungsergebnisse hinsichtlich der Offenbarungen, des Liebesbundes und des Kirchenbaues werden später zur Erörterung kommen, soweit sie nicht schon bisher kritisch untersucht wurden. Jedenfalls dürfte der Leser schon aus dem Gesagten die Überzeugung gewonnen haben, daß die Prüfungen Schippachs durch die amtlichen Prüfungsorgane in Köln, Freiburg und Würzburg die Erfordernisse, die man an amtliche Prüfungen stellen muß, sich in keiner Weise erfüllt haben.

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IV. DIE TRÄGERIN DER OFFENBARUNGEN

1. Nachträge zu ihrem Sittenbild

Im ersten Teil dieser Schrift haben wir uns Mühe gegeben, das religiössittliche Leben der Schippacher Jungfrau aufgrund sorgfältigen Studiums und besonders auch aufgrund unserer persönlichen Kenntnis dieser wundersamen Frau zu zeichnen. Wir sind diesem Leben nachgegangen bis in die Tage seiner Kindheit und in die glücklichen Jahre einer rein und fromm zugebrachten Jugendzeit, wir waren Augen- und Ohrenzeugen ihres unermüdlichen Schaffens im Elternhaus, haben voll ehrfürchtiger Scheu die große Beterin belauscht, haben die innigen Rufe der in freiwilliger Jungfräulichkeit gottgeweihten Seele vernommen, wie sie ihren himmlischen Bräutigam im heiligsten Sakramente sucht, haben sie begleitet auf ihren frommen Wanderungen an heilige Orte, haben aufrichtigen Anteil genommen an den harten Prüfungen, die Unverstand und Herzenshärte ihr bereiteten, durften die Werke ihrer praktischen Nächstenliebe bewundern und ihre derzeit weit vorauseilenden Rufe zur eucharistischen Erneuerung der Welt vernehmen, wir sahen sie, die große Beterin, stundenlang vor dem Tabernakel knien und so andächtig wie niemand sonst den Kreuzweg beten, wir sahen sie im ärmlichen Gewand auf beschwerlichem Fußmarsch büßen und sühnen für die Sünden der Welt, wir begleiteten sie auf ihren Bettelgängen von Haus zu Haus um milde Gaben für Errichtung einer Seelsorgestelle und eines Gotteshauses in ihrer Heimat, wir durften einen Blick durch die Türspalte werfen in ihr zeitlebens armes Stüblein und auf ihre den Luxus unserer Zeit beschämende einfache Kleidung, dieweilen sie die ihr von reichen Freundinnen zufließenden Gelder in seltener Uneigennützigkeit restlos für die Erbauung eines Gotteshauses abgibt, wir ergriffen ihre schwieligen Hände, an denen der Rosenkranz durch die Finger glitt, und blickten in ihr treuherziges schalkhaftes Auge, wenn sie mit beredtem Munde aus ihrem langen Leben erzählte: Das war Barbara Weigand, lebendig gewordene Frömmigkeit. Wenn wir diesem anziehenden Bilde doch noch einige Züge beifügen, so tun wir dies, um zu zeigen, daß ihr sittliches Leben im schönsten Einklang stand mit ihren inneren Erleuchtungen.

Als Barbara Weigand nach der Mainzer Untersuchung im Elisabethenstift im August 1900 wieder das erstemal bei P. Bonifaz O. Cap., der jene Prüfung geleitet hatte, beichtete - nach der Haltung dieses Paters bei jener Untersuchung gewiss ein heroischer Akt der Selbstverdemütigung! - sagte ihr der Beichtvater: ,,Bleiben Sie bei Ihrer Überzeugung! Wenn es Gott ist, der in Ihnen spricht, wird er sich schon durchsetzen. Ihr Leben muß den Ausschlag geben."

Damit hatte der Pater zwar nicht das Wesen der umstrittenen Frage, aber doch einen sehr wichtigen Umstand zur Beurteilung der Echtheit der Weigandschen Vorgänge berührt, die sich in einem wahrhaft frommen Leben bewähren müssten.

Eine Voraussetzung wahrer mystischer Geisteshaltung liegt in der treuen Erfüllung der Standespflichten. Nach der übereinstimmenden Ansicht der Autoren wäre es eine ganz irrige Vorstellung vom Wesen der Beschauungsgnade und ihrer Beigaben, wenn man sie als nachteilig für die gewöhnliche Berufsarbeit erachten würde. Der wahre Mystiker ist kein weltfremder und kein arbeitsscheuer Mensch! Wir besitzen vielmehr Beispiele genug aus alter und neuer Zeit, welche uns die Begnadigten als mitten im Leben stehende Menschen zeigen, die alle Hände voll zu tun hatten, um ihre Berufspflichten zu erfüllen. Es wäre darum ein verdächtiges Zeichen, wenn man sich mit Berufung auf die innere Stimme von seiner Berufsarbeit für entbunden erachtete. Schön bemerkt Poulain über solche Begnadigte, welche trotz der hohen Kontemplation ihren Beruf in der Schule, im Hause oder am Krankenbett versahen: ,,Statt mit Träumereien über alle möglichen guten Lebensstände die Zeit zu verlieren, nützen sie den aus, der ihnen zugefallen war".

Barbara Weigand hat wie keine zweite ein Leben aufopfernder Berufsarbeit hinter sich, wofür wir nur auf die ersten Kapitel dieser Schrift verweisen möchten. Dort lernten wir das Mädchen Barbara kennen, das als ,,Mütterchen" den Haushalt führt und von Acker zu Acker, von Wiese zu Wiese eilt! Als Stütze im Hause des Bruders in Mainz ist sie die stets geschäftige Martha, der monatelang die Leitung eines großen Wirtshausbetriebes obliegt! Wieder in die Heimat zurückgekehrt arbeitet sie als Greisin in erstaunlicher Rüstigkeit in den bäuerlichen Betrieben ihrer Neffen, bis der Neunzigjährigen die Sense aus der schwieligen Hand entfällt! Diese Arbeitsamkeit dürfte in der Geschichte der Mystik wohl einzigartig dastehen.

Mit der treuen Erfüllung der Berufspflichten hängt bei den echten Mystikern eng zusammen der Sinn für die reale Wirklichkeit. Gar schön schreibt hierzu Rösler: ,,Der Wirklichkeitssinn des Mystikers bekundet auffallendes Verständnis für die Verhältnisse und Bedürfnisse des menschlichen Lebens in den verschiedensten und schwierigsten Lagen; der falsche Mystiker ist dazu unbrauchbar".

Barbara Weigand hat auch diese Probe ihres inneren Lebens glänzend bestanden. Wer die opferwillige, ewig geschäftige, nie rastende, keiner Arbeit ausweichende Jungfrau kannte, wer die Werke der Nächstenliebe sah, die sie übte, wer die heroische Selbstüberwindung beobachtete, mit der sie sich der Pflege der Kranken widmete, wer weiß, wie sie alle Vorkommnisse des häuslichen, pfarrlichen und öffentlichen Lebens mit ihrem Gebete begleitete, wie sie tatkräftig den kirchlichen Bedürfnissen ihrer Heimatgemeinde entgegenkam, wie sie sich von der Ferne für die Errichtung einer Pfarrei mühte, wie sie für die Erstellung eines Pfarrhauses, einer Pfarrkirche, die Errichtung einer Pfarrpfründe arbeitete und die Heimatgemeinde entgegenkam, wie sie sich von der Ferne für die Errichtung einer Pfarrei mühte, wie sie für die Erstellung eines Pfarrhauses, einer Pfarrkirche, die Errichtung von Pfarrpfründen arbeitete und die amtlich hierzu verpflichteten Zauderer beschämte, wie sie hier ein abgenutztes Messgewand, dort eine schadhafte Albe ausbesserte, wie sie für Kindergarten, Hauskrankenpflege, Diözesanexerzitienheim, Seminare beisteuerte; kurzum: Wer Barbara Weigand so wie sie in Wirklichkeit war, nicht nach dem Zerrbild der Presse, kannte, der wird ihr den Sinn für die reale Wirklichkeit nicht absprechen
können.

Die echten Ekstatischen sind keine kleinlichen Seelen, sondern Menschen mit einem überragenden Weitblick des Geistes und ausgesprochener Festigkeit des Willens. ,,Omnis sanctus pertinax." ,,Ihr Wille", sagt Poulain, ,,ist so energisch, daß sie den Kampf mit allen Schwierigkeiten aufnehmen, um ihr Beginnen durchzuführen ... Ekstatische zeichnen sich besonders durch ihre Energie aus". ,,Wer bei Widerstand (sc. seitens der Vorgesetzen) sich aufregt oder sich entmutigen lässt, zeigt, daß er wenig Vertrauen auf die Macht Gottes besitzt und wenig Gleichförmigkeit mit seinem heiligen Willen hat ... Will Gott, daß seine Absicht verwirklicht wird, so wird der Allweise den Widerstand schon niederschlagen, wenn der Augenblick gekommen ist".

,,Überragender Weitblick des Geistes!" Eine Person, welche die Zukunft so lange vorher richtig voraussah, besaß wirklich einen überragenden Weitblick des Geistes. Und der Arzt Dr. Kemen berichtet an den Päpstlichen Nuntius: ,,Ihre Intelligenz ist außergewöhnlich hoch." Auch die Klagen ihrer gelehrten Gegner, Doktoren der Theologie, daß Barbara ,,auf alle Einwendungen zu erwidern wisse", bestätigen die hohe Intelligenz der Jungfrau. Noch mehr: die Entschlossenheit und Entschiedenheit, mit der eine Bauernjungfrau ihre Anregungen über ein halbes Jahrhundert lang vorträgt, verteidigt, trotz aller Hindernisse vor Bischöfe und Päpste bringt, die Unerschütterlichkeit des Glaubens an die Ausbreitung des Liebesbundes und die Verwirklichung des Kichenbaues: diese Momente sprechen doch für das Vorhandensein eines Etwas, das man mit einem flüchtigen Hinweis auf ein Handbuch der Pastoralmedizin nicht einfach abtun kann. Fast möchte man versucht sein, auch in ihrer robusten Gesundheit bis ins höchste Greisenalter einen Beweis für ihre hohe Intelligenz und ihre unbeugsame Willenskraft zu erblicken; denn, wie P. Lippert einmal sagt, sind Vernunft- und Willensmenschen meist sehr gesund, wenn auch vielleicht ihre Gesundheit mitunter auch etwas allzu Robustes hat".

Selbstverständlich bewirkt wahre Begnadigung auch den Kampf gegen die böse Natur und Freude am Gebete. Es war ja bekanntlich einer der verhängnisvollsten Irrtümer des Quietismus, daß er die Notwendigkeit des Bittgebetes des Betenden für sich selbst leugnete. Der wahre Mystiker wird auch im Gebetsleben in den Spuren seines göttlichen Meisters wandeln. Barbara Weigand war nun zeitlebens eine Beterin von allergrößtem Ausmaß, so daß man sich nur wundern muß, wie bei so vielverzweigten und abziehenden Beschäftigungen im Bauernhause und in einer Wirtschaft nachgehende Person noch so viel Zeit zum Beten aufbringen konnte. Dieses ans Unfassbare grenzende Gebetsleben der Jungfrau Barbara hat denn auch der amtierende Pfarrer von Schippach an ihrem Grabe besonders rühmend hervorgehoben.

Alle großen Mystiker bekunden eine ergreifende Liebe zur Verehrung des leidenden Heilandes, eine Beobachtung, die wir auch an der Jungfrau von Schippach bestätigt finden, die wohl vom 24. bis zum 97. Lebensjahr täglich die Stationen des Kreuzweges betete.

Daß die Mystiker einen ausgesprochenen Zug zum Allerheiligsten Sakrament an den Tag legen, bestätigen ihre Biographien ohne Ausnahme. Daß aber Barbara Weigand ihr langes Leben gerade der heiligen Eucharistie geweiht, und daß sie für dieses Ideal die allergrößten Opfer gebracht hat, wird man der unermüdlichen Verfechterin der Oftkommunion und der Urheberin der Sakramentskirche von Schippach nicht bestreiten wollen.

Geradezu sympolisch scheint es auch zu sein, daß sie es war, die schon Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zur Beschaffung eines neuen Tabernakels in ihrem Heimatkirchlein wesentlich beitrug.

Eine auffallende Erscheinung konstatiert Richstätter bei allen großen Mystikern: Die Neigung zum Kulte des Herzens Jesu. Nun: Wenn der ,,Eucharistische Liebesbund des göttlichen Herzens Jesu" wirklich das Werk der Barbara Weigand ist - und er ist es - dann ist damit ein weiteres Kriterium zugunsten der Echtheit ihrer Offenbarungen gegeben.

Es dürfte in diesem Zusammenhang gewiss auch an eine Begebenheit erinnert werden, die sich schon in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Schippach zutrug, als die Jungfrau Barbara in ihrem frommen Eifer eine Herz-Jesu-Statue kaufte, die der Kaplan mangels eines anderen geeigneten Platzes auf dem Altar des dortigen Kirchleins aufstellte. Kaum aber gewahrte sie der zuständige Pfarrer, als er öffentlich in der Kirche gegen die Stifterin des Bildes loszog und die Entfernung der Statue anordnete. Ob es nun die Platzfrage war, die den Pfarrer zu seiner Philippika bewog, oder die Abneigung gegen eine solche ,,Neuerung", mag dahingestellt bleiben, jedenfalls beweist das Vorkommnis die Tatsache, daß die Jungfrau Barbara schon zu einer Zeit, als die Herz-Jesu-Verehrung bei uns noch keine Popularität genoß, diese Übung in ausnehmender Weise pflegte.

Daß Barbara Weigand zeitlebens eine demütige Person gewesen ist, wird ihr von allen, die sie kannten, freudig bezeugt; sie offenbarte in ihrer ganzen Geistes- und Sittenhaltung allezeit die gewinnenden Züge ungekünstelter Einfachheit, außergewöhnlicher Anspruchslosigkeit und natürlicher Bescheidenheit, die ihr rasch die Herzen gewann und, wie wir wissen, schon ihrem Mainzer Beichtvater P. Alphons sowie Bischof Haffner angenehm aufgefallen waren. Wer immer der Jungfrau Barbara in ehrlicher Absicht gegenübertrat, konnte sich dem gewinnenden Wesen der einfachen Person nicht entziehen. Männer, Frauen, Kinder, selbst ungehobelte Burschen begegneten ihr mit einer gewissen heiligen Scheu: Niemals habe ich als Pfarrer der Gemeinde ein Wort der Geringschätzung aus dem Munde anderer Dorfbewohner vernommen. Dasselbe bestätigte mir brieflich ein früherer Kaplan von Schippach, Pfarrer Riedmann, und der Ortspfarrer rühmte an ihrem Grabe in ehrenden Worten das einfache und bescheidene Wesen der verstorbenen Gottesfreundin. Auch leistete Barbara den Anordnungen ihrer geistlichen Obern willig Folge, wo immer diese Befehle es vermieden, ihr gottverpflichtetes Gewissen zu belasten. Nur dort, wo ihr Zumutungen gestellt wurden, die sie in Konflikt mit der inneren Stimme brachten, erhob sie bescheidene Gegenvorstellungen und blieb ihrem Gewissen treu. Daß man aber dieses Festhalten an der eigenen Überzeugung in Dingen der christlichen Freiheit nicht Stolz und Ungehorsam nennen darf, werden wir später eingehend beweisen.

So können wir sagen: Die persönlichen Erfordernisse für mystische Vorgänge waren bei Barbara Weigand in vollem Maße gegeben.

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2. Die gesunde Jungfrau

Einer der lautesten Vorwürfe, die ehedem gegen die Schippacher Jungfrau erhoben wurden, war jenes billige Schlagwort, mit dem man auch sonst so schnell bei der Hand ist, um Fragen nicht alltäglicher Art zu lösen: die Hysterie. Barbara Weigand sei eine hysterische Person: so habe ein Arzt im Jahre 1900 erklärt, und das sei auch aus den Schippacher Schriften ,,photographisch genau" zu erkennen. Also müsse man auch die Werke der Jungfrau: den Eucharistischen Liebesbund und die Sakramentskirche ablehnen, was dann bekanntlich auch geschah.

Nun enthält eine solche Schlussfolgerung doch allerlei Mängel. Kann denn nicht auch eine kranke Person mystisch begnadigt sein, einen Bund der Frömmigkeit gründen und die Anregung zu einem Kirchenbau geben? Waren nicht viele Begnadigte zeitlebens krank oder kränklich, wobei die Symptome der Hysterie manchmal recht deutlich in Erscheinung traten? ,,Nichts hindert Gott", bemerkt hierzu Poulain, ,,übernatürliche Gebetsgnaden auch krankhaften Personen zu verleihen und dann wird auch in der äußeren Erscheinung das Krankhafte hervortreten".

Wenn man nun aber schon Barbara Weigand als hysterisch erklärte und deswegen den Liebesbund und den Kirchenbau verwarf, dann hätte man ganze Arbeit leisten und auch die anderen von der selben Person stammenden Anregungen und Werke, wie die Stiftung der Pfarrei, die Schenkungen an den Bischöflichen Stuhl, die Gedanken von Buße und Sühne, die Aufrufe zur Einführung der häufigen Kommunion, als Produkte hysterischer Anfälle zurückweisen müssen. Wir sehen: schon vom Standpunkt der Logik aus war die Ablehnung Schippachs nicht zu rechtfertigen. Aber wir sind auch in der Lage, den Vorwurf der Hysterie durch recht beachtliche andere Gründe zu entkräften.

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a) Grenzen der ärztlichen Prüfungsmethode

Wenn auch in der Gegenwart die ärztliche Wissenschaft in einzelnen ihrer Vertreter den Problemen des Seelenlebens wieder mehr Verständnis entgegenbringt, so bleibt doch bis in die jüngste Vergangenheit herauf ganz allgemein die Beobachtung zu Recht bestehend, daß man vom ärztlichen Standpunkt aus dem übernatürlichen Verständnis seelischer Erscheinungen sehr wenig Beachtung schenkte, es vielmehr fast kategorisch ablehnte. Auch die moderne Psychologie ist weithin rein natürlich, diesseitig, weltlich eingestellt und hat sich von der Metaphysik leider nur allzuweit entfernt. So kann es nicht verwunderlich sein, daß sie bei ihrer antisupranaturalistischen Einstellung zu den Problemen des Seelenlebens die meisten Erscheinungen des religiösen Lebens psychischen Verirrungen und damit pathologischen Ursachen zuschreibt. Wir wissen, daß diese Wissenschaft zwischen wahrer und falscher Mystik, zwischen echter und unechter Ekstase, zwischen dem Seelenflug der Heiligen und krankhaften Zuständen überhaupt keinen Unterschied mehr gelten lässt, daß ihr die einen soviel wert sind wie die anderen, weil sie alle in gleicher Weise als Krankheitserscheinungen der Seele ansieht. Das haben wir ja erst in unseren Tagen bei Konnersreuth erlebt. Der Wahn, alles Außerordentliche, besonders bei religiösen Erscheinungen, als pathologische Phänomene zu bezeichnen, übersteigt heute alle Grenzen. Diese moderne Wissenschaft ist mit ihrem Seziermesser sogar bis zum Stifter unserer heiligen Religion selber vorgedrungen und vor der Blasphemie nicht zurückgeschreckt, den Heiland der pathologischen Veranlagung zu bezichtigen. Soll ich daran erinnern, daß Rasmußen ihn als Epileptiker und Paranoiker bezeichnet, daß Baumann ihm Nervenüberreizung vorwirft, daß Holtzmann ihn der phantastischen Schwärmerei, Loosten geradezu der Geisteskrankheit beschuldigt? Ausdrücke wie ,,krankhaft starke Erregung", ,,Halluzinationen", ,,überspanntes Selbstgefühl", ,,Zwangsgedanken", ,,krankhaft abnormes Geistesleben", ,,nervöse Überreiztheit", ,,fixe Idee", ,,hysterische Ekstase" begegnen uns genau wie in der Bekämpfung Schippachs auch bei der Behandlung unseres Herrn und Heilandes.

Wenn man nun schon vor dem Gottessohne nicht zurückschreckt, dann kann es erst recht nicht wundernehmen, daß man auch die Heiligen in die Niederungen einer ungläubigen Wissenschaft herabzieht und ihre seelischen Erlebnisse als ,,Ausgeburten ihres kranken Hirns" bezeichnet. Wer in der Hagiographie einigermaßen Bescheid weiß, dem kann es nicht entgehen, daß die Heiligen oft genug das Verdikt nicht nur einer ungläubigen Umgebung, sondern auch jenes einer noch ungläubigeren Wissenschaft traf.

Wurden Vorwürfe der bezeichneten Art nicht schon gegen die Apostel erhoben, oder beispielsweise gegen Juliana von Lüttich, Franz von Assisi, Katharina von Siena, Heinrich Suso, Joseph von Cupertino, Theresia von Avila, Margarete Alacoque, Katharina Emmerich, Bernadette Soubirous, Gemma Galgani, Benigna Consolata Ferrero, Barbara Fister, Therese Neumann? Ist es nicht geradezu eine Manie, außerordentlich hervortretende Menschen sogleich auf ihre geistige Gesundheit zu prüfen? ,,Statt der Biographien sind die Pathographien an der Tagesordnung", schreibt Kneib und unterstreicht das Wort Luckas´, daß mit der Psychiatrie in ihrer Anwendung auf bedeutende Menschen geradezu Unfug getrieben werde; es werde mit einer Sicherheit über die Menschen geurteilt, als ob nichts in der Welt so zuverlässig sei als eine psychiatrische Diagnose. Nehme man aber die Kompendien von Krafft-Ebbing, Kräpelin oder Spezialarbeiten zur Hand, so staune man, wie tief die Psychiatrie noch in den Kinderschuhen stecke; zudem sei nicht einmal der geistige Normalmensch genau definiert."

Der schon erwähnte Loosten scheut sich nicht, Genialität und Abnormität überhaupt gleichzusetzen; Mohammed, Rousseau, Kant seien ebenso wie die Propheten Jeremias und Ezechiel oder der Apostel Paulus pathologisch zu nehmen.

Die gleichen Anschauungen vertritt Moerchen in seiner ,,Psychologie der Heiligkeit" oder Ideler in seinem ,,Versuch einer Theorie des religiösen Wahnsinns", wo er als Vertreter des religiösen Wahnsinns aus leidenschaftlicher Liebe zu Gott den heiligen Antonius, als Beispiel für den dialektischen Wahnsinn des Fanatismus den heiligen Ignatius von Loyola, als Beleg für mystisch fromme Geschlechtsliebe die heilige Katharina von Siena und die heilige Margarete Alacoque hinstellt. Als ganz richtige Folge zieht Rasmußen aus solchen Gedankengängen den Schluss, ,,alles, was an den Prophetengestalten überraschend wirke, könne täglich in unseren Irrenanstalten beobachtet werden." Keck und kühn dringen die Pathologen in das Heiligtum des religiösen Innenlebens und gebärden sich, wie wenn sie dort zu Hause wären. ,,Wir sind es ja gewohnt", wird einmal zutreffend bemerkt, ,,diese heiligen und unendlich zarten Dinge mit der rauhen Hand psychopathischer Zergliederung angepackt und in die alltäglichen Erfahrungen des Psychiaters herabgezogen zu sehen." Und Karrer hat ganz recht, wenn er schreibt: ,,Überliefert die seelischen Erfahrungen eines Johannes vom Kreuz oder einer heiligen Theresia gewissen Religionspsychologen: sie werden daraus bestenfalls interessante Halluzinationen machen."

Auch unser fränkischer Landsmann, Spiritual Hock, doch wohl unbestritten eine Autorität in mystischen Fragen, wendet sich scharf gegen das Hinüberzerren mystischer Erlebnisse in das Gebiet des Anormalen. ,,Wohin kommen wir", ruft er mit Entrüstung aus, ,,wenn man alle möglichen anormalen Zustände des menschlichen Erkenntnisvermögens zusammensucht und dann durch Vermutungen und andere Wendungen, die schwer zu packen sind, den Anschein erweckt, das, was fromme Seelen, die im innerlichen Gebet vorangeschritten sind, in ihrem Verkehr mit Gott an religiösen Erkenntnissen erleben, sie mit diesen anormalen Geisteszuständen zu identifizieren? Das führt letzten Endes zur Behauptung, die ganze Mystik sei Selbsttäuschung und die Heiligen der katholischen Kirche seien pathologisch zu nehmen, sie seien alle mehr oder weniger geistesgestört gewesen".

Diese Auffassung, in der die experimentelle Psychologie und Pathologie, der Kardiograph, die Waage, das Seziermesser, die Badewanne, der Eisbeutel und sonstige Apparate herhalten müssen, um die mystischen Phänomene zu lösen, wollen gewisse Theologen auch in die katholische Beurteilung der außergewöhnlichen Erscheinungen herüberführen. ,,Eine rationalistisch gerichtete Auffassung", sagt Richstätter, ,,möchte auch in katholischen Kreisen beim Mystiker wie bei der mystischen Beschauung manche Ähnlichkeit mit der natürlichen Anlage des religiösen oder künstlerischen Genies entdecken ... Mystische Visionen, Ansprachen, Ekstasen usw. versucht man Erscheinungen an die Seite zu stellen, wie sie die experimentelle Psychologie oder Psychopathie bei entsprechender Veranlagung und abnorm gesteigerter Nervenerregung hin und wieder nachzuweisen und rein natürlich zu erklären vermag."

Neu ist ja die Sache nicht, nur die Schilder sind gewechselt; anerkannte Mystiker der Vorzeit können ebenso ein Liedlein davon singen wie bekannte Gottesfreunde in der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit; es sei nur an die große heilige Theresia erinnert, deren innere Vorgänge Hahn dadurch zu erklären versuchte, daß er sie auf psychopathische Zustände zurückführte. Ganz mit Recht wendet sich der große Historiker Pastor gegen eine solche Verzerrung des mystischen Gnadenlebens der Heiligen durch einen Theologen und stellt ihm Gabriele Cunningham gegenüber, welche die spanische Mystikerin gegen solche Vorwürfe in Schutz nahm. Das Buch Hahns kam auf den Index.

Gegen das Bestreben, in mystischen Dingen nicht dem Theologen, sondern dem Arzt das entscheidende Wort zu lassen, hat schon Scaramelli entschieden Stellung genommen, wenn er erklärte, ,,daß gemeinhin die Ärzte der Erfahrung ermangelten, die erforderlich sei, um mystische Zustände zu beurteilen, und geneigt seien, alles der Natur zuzuschreiben."

War etwa die ärztliche Wissenschaft und Praxis um die Jahrhundertwende übernatürlicher eingestellt? Nun ist es doch bezeichnend, daß die Gegner Schippachs den Rat Scaramellis, den Arzt in mystischen Fragen möglichst aus dem Spiele zu lassen, völlig überhörten, sich vielmehr krampfhaft an die Aussage des Arztes Dr. Ebner vom Jahre 1900 klammerten, welcher Barbara Weigand für hysterisch erklärt hatte. Das Tendenziöse der Verwertung dieses Zeugnisses tritt aber sofort in dem Umstand zutage, daß dieselben Gegner von den Zeugnissen zweier anderer Ärzte, welche die Hysterie der Jungfrau kategorisch abgelehnt hatten, keine Notiz nahmen. Kann man eine solche Behandlung unseres Gegenstandes noch objektiv nennen? So suchte man mit Hilfe recht problematischer weltlicher Wissenschaften und eines Arztes, das mystische Leben der Jungfrau von Schippach abzufertigen.

Aber sonderbar! Diese ,,hysterisch-ekstatische" Wirtshausmagd, deren Aufzeichnungen ,,keinen Bogen Papier und keine Minute Zeit wert sind", gründet damit ein ,,theologisches System", das man nur mit Hilfe der Großmacht Presse und des bracchium saeculare niederwerfen kann, diese ,,einfältige Seele" ,,weiß auf alle Einwendungen" ihrer Gegner, deutscher Universitätsprofessoren, ,,zu antworten", beherrscht die Festgedanken der kirchlichen Liturgie in einer Weise, daß Doktoren der Theologie sie ,,um diese Gabe beneiden", ,,sieht" die kommenden Prüfungen der Völker und der Kirche schon ein Menschenalter vorher ,,deutlich voraus", gründet einen Bund mit anerkannt ,,trefflichen Lebensregeln", der sich trotz aller Hindernisse in den Ländern aller Kultursprachen ausbreitet. Was doch nicht ,,geisteskranke" Spessartjungfrauen alles fertig bringen!

Und diese ,,bedauernswerte" Person, die angeblich nur ,,die Luft der Krankenstube" atmet und ,,nur für den Arzt von Interesse" ist, benötigt ihrer Lebtage ernstlich keinen Arzt, bleibt bis ins höchste Greisenalter körperlich und geistig kerngesund, arbeitet noch mit 90 Lebensjahren wie eine Fünfzigerin und wird in völliger Frische über 97 Jahre alt! Eine solche Person darf nicht auf Grund des Zeugnisses eines Arztes verurteilt werden!

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b) Das physiologische Bild der Ekstasen

Während der Arzt Dr. Ebner zur Begründung seiner Diagnose auf Hysterie sich auf seine zweimalige persönliche Beobachtung der Barbara Weigand am 1. und 3. August 1900 berufen konnte, wollten die späteren literarischen Gegner, welche aber die Jungfrau niemals zu Gesicht bekamen, deren Hysterie in den physiologischen Erscheinungen gegeben sehen, welche laut den Schippacher Schriften mit den Leidensstürmen und Ekstasen der Jungfrau verbunden waren. Sie haben auf das Stocken des Atems, auf das Starre, die Empfindungslosigkeit, das Würgen, Erbrechen, Stottern, Schleudern der Arme hingewiesen, in denen sie ,,einen geradezu klassischen Beweis des hier vorliegenden falschen Mystizismus" erblicken; ,,jeder Arzt" werde daraus ,,die klaren Symptome der Hysterie feststellen."

Barbara Weigand offenbare ,,photographisch genau" die Erscheinungen der hysterischen Ekstase: Stimmbandlähmung, Husten, Grimasseschneiden, Ticks, Krampfanfälle; alle diese Dinge zeugten klar von ihrer Hysterie und seien ,,wegen ihrer Widerlichkeit mit der Würde Gottes unvereinbar."

Nun ist zunächst zu bemerken, daß diese Erscheinungen nicht bei der eigentlichen Ekstase, sondern bei den der Ekstase vorausgehenden Leidensstürmen zutage traten, wie uns schon das frühere Kapitel dieses Buches über die Ekstasen belehrt hat. Auch bei den Vorgängen am 3. August 1900, welche der ärztlichen Beurteilung unterlagen, wird ausdrücklich zwischen den Stürmen und der nachfolgenden Ekstase unterschieden, wie dies auch das Ordinariat Mainz in seiner Zuschrift an den Provinzial der Kapuziner ganz richtig getan hat. Jenes Schleudern, Schütteln, Herumwerfen, Erbrechen bildete also einen Teil des Passionsleidens, durch welches die Jungfrau mit dem leidenden Heiland für die Sünden der Welt sühnen sollte. Das Leiden des Heilandes aber bot auch keineswegs den Anblick des Schönen. ,,Seine Gestalt", sagt Meschler vom blutschwitzenden Heiland, ,,muß einen mitleidswürdigen Anblick geboten haben. Sein Antlitz war blass, seine Glieder zitterten, die Brust zog sich krampfhaft zusammen, der Odem stockte, sein Auge blickte erschreckt bald zum Himmel, bald zur Erde, bald auf die Apostel."

Bei der Geißelung nimmt das Bild noch unschönere Züge an: ,,Das Fleisch flammt auf und schwillt; Striemen, rot und braun, laufen auf. Die Haut springt erst in zarten Rissen, dann öffnen sich ganze Furchen, immer tiefer und länger. Das Blut dringt hervor, es rieselt bald in Bächlein und dringt weiter in Strömen, bis der ganze Leib darin gebadet ist, bis es im schmutzigen Platzraum umherspritzt und um die Säule Lachen bildet. Der Schmerz presst Tränen aus dem Auge und leises Wimmern und Seufzer aus dem Munde. Man band den Heiland los und wahrscheinlich fiel er an der Geißelsäule zu Boden wie ein zertretener und zerriebener Wurm. Er hat wirklich keine Gestalt und Schönheit mehr, der letzte der Männer, der Mann der Schmerzen."

Und erst die Kreuzigung selber! ,,Die Finger krümmen sich krampfhaft, die Brust hebt sich empor und die Muskeln krachen. Der ganze Leib jämmerlich zerspannt, alle Nerven spielen und zittern."

Wurde nicht gerade dieses Bild des leidenden Heilandes erst in unseren Tagen auch eines Gottes für unwürdig gehalten? Und wenn man an dem Erbrechen während der Leidensstürme Anstoß nimmt, so muß gerade an den Zweck dieses Leidens erinnert werden, das ja Sühne sein sollte für die ekelhaften Sünden der Welt, die nach den Worten der Schrift Gott auch zum Erbrechen reizen und ihn den Ruf erpressen: Ich will dich ausspeien aus meinem Munde."

,,Wenn Gott", so bemerkt hierzu schon P. Ludwig in seinem Schreiben vom 4. August 1902 an das Ordinariat Mainz, ,,die Schönheiten des Himmels oder die Tugend eines Gerechten schildert, gebraucht er die schönsten und poetischten Bilder. Ganz anders aber lautet seine Sprache, wenn er von der Abscheulichkeit der Sünde spricht." Wäre es da verwunderlich, wenn die Hässlichkeit der Sünde auch in etwa in dem Sühneleiden für diese Sünden zum Ausdruck käme? Daß aber die übrigen Erscheinungen wie Hinfallen, Erkalten, Starrwerden, Unverrückbarkeit des Blickes u.ä., welche auch bei der eigentlichen Ekstase zutage traten, durchaus keinen unschönen Anblick boten, wird von niemand zuverlässiger bezeugt als von P. Bonifaz, der schon bei der ersten Leidensekstase in der Kapuzinerkirche zugegen war und, wie wir wissen, auch den Vorgängen am 1. und 3. August 1900 im St. Elisabethenstift als amtlicher Prüfungskommisär beiwohnte.

Von P. Felix Lieber ausdrücklich über seine Eindrücke gerade in bezug auf die physiologischen Begleiterscheinungen befragt, gab genannter Pater Bonifaz, bekanntlich ein Gegner der Echtheit der Weigandschen Ekstasen, am 28. Februar 1910 die klare Antwort, sie seien ,,höchst dezent" gewesen. Und er war Augenzeuge! Durfte sie dann ein Schriftsteller, der Barbara Weigand niemals sah, weder im normalen Zustande noch in ihren Ekstasen, als widerlich und mit der Würde Gottes unvereinbar bezeichnen? Wie sagt Poulain: ,,Zuerst muß man die Person kennenlernen!"

Solche Zustände finden sich zudem fast bei allen Ekstatikern. Hören wir einmal, was die heilige Theresia darüber sagt: ,,Während die Seele ihren Gott sucht, fühlt sie, wie der Atem ausgeht und sie in eine selige Ohnmacht versinkt. Sie kann ohne Anstrengung nicht einmal die Hand regen; die Augen schließen sich von selbst ... In der Ekstase fühlt man ... wie die natürliche Wärme mehr und mehr verschwindet und der Körper allmählich kalt wird ... Die Ekstase kommt meistens allen Gedanken und jeder Vorbereitung mit einem plötzlichen und stürmischen Anfall zuvor ... Einmal bemerkte ich, daß sich die Ekstase wieder einstellen werde. Sogleich warf ich mich auf den Boden. Die Schwestern sagen, daß der Puls zuweilen - kaum mehr schlug. Die Hände sind ganz steif und unbeweglich, die Gebeine gestreckt und der Schmerz ist so heftig, daß ich noch am andern Tage die Empfindung habe, als sei mir jede Ader zerrissen und jedes Glied verrenkt." So die große spanische Mystikerin.

Nun frage ich: Sind die Vorgänge bei den Weigandschen Ekstasen: als plötzlicher Anfall, Atemstocken, Verlust der sinnlichen Empfindung, Lähmung der Glieder, Regungslosigkeit, von den oben genannten Erscheinungen bei der heiligen Theresia wirklich so grundverschieden, daß man in den Weigandschen physiologischen Vorgängen ,,die klaren Symptome der Hysterie", in den Theresianischen dagegen die klaren Symptome der echten Ekstase erkennt? Sind nicht bei beiden Personen die Vorgänge ganz die gleichen? Plötzlicher Anfall hier wie dort, Stockung des Atems hier wie dort, Bewegungslosigkeit hier wie dort, Kälte des Körpers hier wie dort, körperliche Erschlaffung hier wie dort. Worin soll denn also der grundstürzende physiologische Unterschied zwischen der echten und der hysterischen Ekstase liegen? Antwort: es gibt keinen. Poulain sagt darum ganz zutreffend, daß die physiologischen Begleiterscheinungen bei echten und hysterischen Ekstasen ganz die gleichen sein könnten und darum als Kriterium von Echtheit und Unechtheit völlig auszuscheiden hätten. ,,Aus den physiologischen Wirkungen", sagt er, ,,lassen sich im allgemeinen keine Schlüsse ziehen. Die äußere Erscheinung kann bei echten wie bei falschen Ekstasen gleich sein." Auch an anderen Stellen warnt er vor falschen Schlußfolgerungen aus den Äußerlichkeiten. ,,In der letzten Zeit, so ist weiter bei ihm zu lesen, ,,haben die Ärzte sorgfältig gewisse Krankheitserscheinungen studiert, welche mit den Ekstasen der Heiligen große Ähnlichkeit haben. Die meisten von ihnen vermeiden es aber, darauf hinzuweisen, daß diese Ähnlichkeit ... ganz ohne Bedeutung ist." Ähnlich äußert sich Bonniot: ,,Auch die Ekstasen brauchen den Organismus und seine Disposition als unmittelbare Verbindung. Dieses Schreien, die Anzeichen der Schwäche, die krankhaften Symptome, das Zittern, das Starre der Glieder, die Unbeweglichkeit, das Zurückgehen der Temperatur, das Stocken des Blutes: alles das sind, streng genommen, Erscheinungen der physischen Veranlagungen Ekstatischer.

Wenn einfache Leute es anders auffassen, so fällt es auf Rechnung ihrer Unwissenheit." Das ist dieselbe Erkenntnis, die Rademacher in seinem Buche ,,Das Seelenleben der Heiligen" zum Ausdruck bringt und ein Fachmann in die Worte kleidet: Die rein körperlichen Erscheinungen können vollkommen moralisch einwandfrei als ein Versagen der Nervenkraft unter der seelischen Hochspannung aufgefasst werden." Noch mehr: ,,Nichts hindert Gott, übernatürliche Gebetsgnaden auch krankhaften Personen zu verleihen, und dann wird auch in der äußeren Erscheinung das Krankhafte hervortreten."

Viele Begnadigte waren auch zeitlebens krank oder kränklich, so Theresia vom Kinde Jesus, Maria Droste-Vischering, Angela von Foligno, Lidwina, Joseph von Copertino, Katharina von Siena, Gemma Galgani, Katharina Emmerich, Maria von Mörl, Bernadette Soubirous, Margarete Alacoque, Luzie Christine, Barbara Pfister, Therese Neumann.

Wir sehen also, daß aus den körperlichen und physiologischen Begleiterscheinungen ein Schluss auf Hysterie nicht gezogen werden kann.

Aber auch noch nach einer anderen Hinsicht zeigen sich die Ekstasen der Barbara Weigand als nicht hysterisch. Wie nämlich Familler mit Recht betont, ist die hysterische Ekstase ein gewolltes Schaustück", also eine Betrügerei. Über einen solchen Vorwurf aber, Barbara Weigand habe Ekstasen vorgemacht, ist die Schippacher Jungfrau nach dem übereinstimmenden Urteil aller, die sie kannten, so himmelweit erhaben, daß jedes Wort der Verteidigung überflüssig erscheint. Es sei nur erinnert an das Wort Bischof Haffners: ,,Sie macht den Eindruck einer Betrügerin nicht", oder ihres Pfarrers und Beichtvaters Dr. Velte von St. Ignaz: ,,Für wissentlichen Betrug kann und darf ich es nicht ansehen ... Ich halte ihre Visionen nicht für wissentlich Erdichtetes; daß sie nicht lügt, dessen bin ich gewiss." Auch das Ordinariat Mainz hat in seinem amtlichen Urteil vom 14. August 1900 der Jungfrau das ehrende Zeugnis ausgestellt, ,,daß genannte Barbara Weigand durchaus den Eindruck einer braven Person macht, der jede absichtliche Täuschung fernliegt."

So ist es: Barbara hat keine Ekstasen vorgemacht, wie es die Hysterischen zu tun pflegen, woraus Hysterie gezogen werden kann.

Aber auch noch nach einer anderen Hinsicht zeigen sich die Ekstasen der Barbara Weigand als nicht hysterisch. Wie nämlich Familler mit Recht betont, ist die hysterische Ekstase eine gewollte.

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c) Ursachen und Kennzeichen der Hysterie

Als Ursachen der Hysterie bezeichnen die Autoren übereinstimmend schwächliche Körperkonstitution, Bleichsucht, Blutarmut, zerrüttetes Nervensystem, erbliche Belastung. Scaramelli meint, solche Zustände kämen gern bei ,,Personen des schwachen Geschlechtes und Leuten von matten Körperkräften" vor, Zahn gibt einer ,,erheblichen Unterernährung" die Schuld, Richstätter schreibt sie ,,in den meisten Fällen leicht erregbarem Nervensystem" zu, nach Schüch sind die hysterischen Personen ,,meistens von zarter Konstitution und schwachen Nerven", Herders Lexikon nennt die Hysterie ,,eine auf angeborener oder erworbener nervöser Anlage beruhende Neurose ... Beim Zustandekommen spielen Ernährungsstörungen wie Bleichsucht, Blutarmut, bei Frauen Gebärmutterleiden, aber auch Schrecken eine Rolle."

Nun besehe man sich einmal die Person der Barbara Weigand, wie sie leibt und lebt! Diese Bauernjungfrau, in biederen bäuerlichen Verhältnissen aufgewachsen, mit guter Hausmannskost ernährt im Elternhause und in der bekanntlich sehr gut gehenden Mainzer Wirtschaft zu einer Zeit, wo man von einer behördlichen Rationierung der Ernährung noch nichts wusste, dieses Mädchen mit seiner geregelten Lebensweise, großgeworden inmitten des hochragenden Spessartwaldes mit seiner kräftigen, würzigen Luft, die heute von Tausenden zur Stärkung ihrer Nerven aufgesucht wird, Barbara Weigand mit ihrem guten Gewissen, ihrer keusch verlebten Jugend, die keine nächtlichen Ausschweifungen, keine nervenaufpeitschenden Genüsse kannte, Barbara Weigand mit ihrem unbefleckten Körper und Geist, ihrem robusten, kräftigen, vierschrötigen Körper, ihrem dicken Schädel, ihren breiten Schultern, ihrem knochigen Gesicht, ihrem von Entschlossenheit zeugenden Kinn, ihren derben Fäusten, ihren schwieligen Händen, ihrem festen Tritt, ihrer staunenswerten Rüstigkeit bis ins höchste Greisenalter, dank der die Neunzigjährige noch Tag für Tag Feldarbeiten verrichtete und breite Mahden mähte: diese Barbara Weigand hat auch nicht eine Spur von den Ursachen der Hysterie an sich getragen.

,,Barbara Weigand", so schrieb mir der von 1904 bis 1907 in Schippach tätige Lokalkaplan, spätere Pfarrer Riedmann, ,,war damals kein schwächliches Weiblein, sondern von außergewöhnlich starker Körperkonstitution ..." Das Urteil des Arztes Dr. Kemen vom Januar 1916 lautet im gleichen Sinne. Nach ihm ist ,,Fräulein Weigand eine mittelgroße, starkknochige Frau mit groben Gesichtszügen und recht gesunder Gesichtsfarbe ... Kräftige, gutgenährte Frau von gesunder Gesichtsfarbe." Von ,,zarter Konstitution", ,,Bleichsucht, Blutarmut", ,,Unterernährung" keine Spur. Eine Person mit schwachen Nerven hätte zudem die schmachvolle und rohe Behandlung, die ihr jahrzehntelang von den Kanzeln, in den Zeitungen und im persönlichen Verkehr widerfuhr, überhaupt nicht ausgehalten. Nur dank ihrer Nerven, stark wie Schiffstaue, und einer außergewöhnlichen Beistandsgnade konnte sie jedes Martyrium ertragen und ihre Gegner an Lebensjahren und Rüstigkeit des Alters weit übertreffen.

Der Psychologe Kardinal Mercier rechnet die Hysterie zu jenen pathologischen Zuständen, welche zwar längere Zeit hindurch andauern könnten, jedoch nicht allzu lange währten; wörtlich schreibt er, die Hysterie sei ,,keineswegs eine andauernde Affektion".

Nun lebte Barbara Weigand nachweislich seit ihrem 25. Lebensjahr, vielleicht schon früher, bis in ihr höchstes Greisenalter in jenen Zuständen, welche ihre Gegner als hysterisch bezeichnen. Kann man nun wirklich annehmen, daß sich gerade bei der offensichtlich körperlich so rüstigen Person Weigand die angebliche Hysterie, welche nach dem Urteile eines so bedeutenden Gelehrten ,,keineswegs eine andauernde" Erscheinung ist, ihr ganzes langes Leben, vielleicht 70 Jahre, hindurch erhalten habe?

Als ein wesentliches und zugleich sehr auffallendes Symptom der Hysterie bezeichnen die Autoren übereinstimmend die Unbeständigkeit, den Wechsel der Stimmung.

Die Psychologen Axenfeld und Huchard schreiben dazu: ,,Ein erster Zug ihres Charakters ist die Beweglichkeit. Sie gehen von einem Tag zum andern, einer Stunde, einer Minute zur andern mit unglaublicher Schnelligkeit über von der Freude zur Trauer, vom Lachen zum Weinen; wankelmütig, phantastisch oder launenhaft reden sie zu gewissen Zeiten mit einer außerordentlichen Geschwätzigkeit, während sie in anderen finster und schweigend werden, eine völlige Stummheit bewahren oder in einen Zustand von Träumerei oder geistiger Niedergeschlagenheit versenkt erscheinen. Ihr Charakter wechselt wie die Bilder eines Kaleidoskops. Gestern waren sie heiter, liebenswürdig, anmutig; heute sind sie übellaunig, argwöhnisch, zornmütig. Sie empfinden eine sehr große Abneinung gegen eine Person, welche sie gestern liebten oder achteten, oder im Gegenteil: sie zeigen eine unbegreifliche Sympathie für eine andere; daher verfolgen sie auch gewisse Personen in gleicher Erbitterung mit ihrem Hasse, wie sie zuvor Hartnäckigkeit dareinsetzten, sie mit Zärtlichkeit zu umgeben."

Capellmann drückt sich ähnlich aus: ,,Hochgradiger Wechsel der Stimmung zwischen Lustigkeit und Trübsinn bis zur Angst, Gereiztheit, Schreckhaftigkeit, die rätselhaften Neigungen und Abneigungen machen die Kranken zu einer wahren Qual"; ,,Stimmung und Affekt wechseln unvermittelt rasch"; ,,diese Kranken unterliegen fortwährend raschem Stimmungswechsel."

Nun wird es auch bei Barbara Weigand im Laufe ihres langen Lebens Stimmungswechsel gegeben haben; eine Person, die so im Widerstreit der Meinungen stand, die auf so harte Probe gestellt wurde, müsste kein Mensch gewesen sein, wenn sie nicht auch dem Stimmungswechsel unterworfen gewesen wäre. Daß aber bei ihr die Grundstimmung allezeit dieselbe blieb, daß sie in ihrem Leben, in ihren Reden, in ihren Anmutungen und in ihrer Haltung dieselbe Stimmung des Gemessenen, der Gelassenheit, Festigkeit, des Gottvertrauens und des unerschütterlichen Glaubens an den Sieg ihrer Sache zur Schau trug: das konnte jeder bestätigen, der mit ihr ins Gespräch kam.

Mit der Unbeständigkeit der Hysterischen hängt aufs engste zusammen die Schwäche ihres Willens. Poulain und andere Autoren sind geneigt, hierin das wesentliche Merkmal der Hysterie überhaupt zu sehen. ,,Ihr Wille", bemerkt ein angesehener Psychologe, ,,ist immer schwankend und schwach, in einem Zustand beweglichen Gleichgewichts: er dreht sich beim geringsten Winde wie die Wetterfahnen auf unseren Dächern; die Beweglichkeit, die Unbeständigkeit und das Wechselhafte in ihren Wünschen, ihren Ideen und Gefühlszuständen machen ihren ganzen geistigen Zustand aus." Wenn es nun je ein Kennzeichen gab, das Barbara Weigand über den Verdacht der Hysterie hinaushob, dann war es ihr Wille, ihr unbeugsamer Wille. Man brauchte nur ihren festgeschlossenen Mund und ihr hervortretendes Kinn zu betrachten, die sich auch auf den Bildern ausprägen, um darin den Zug ins Feste, Energische deutlich wahrzunehmen. Auch der untersuchende Arzt Dr. Kemen gewann ,,den Eindruck einer vollständig vernünftigen, recht energischen Frau."

Bei ihr gab es keine Spur eines flatterhaften, hysterischen Wetterfahnenwillens. Auch ihre Gegner konnten an diesem ausgeprägten Charakterzug der Jungfrau nicht vorbeigehen und mußten ihr wohl oder übel das Zeugnis ausstellen, daß sie von ihren Entschlüssen nicht so leicht abzubringen war. Freilich, bei Barbara Weigand durfte diese Festigkeit, diese Stärke des Willens, die man nun einmal nicht leugnen konnte, nichts Gutes sein.

In die angedichtete Hysterie wollte freilich diese Willensstärke gar nicht hineinpassen; aber die Gegner wussten sich schon zu helfen: gings nicht, ihr einen physiologischen oder psychischen Defekt daraus zu machen, flugs machte man ihr einen moralischen daraus: es ist Eigensinn. Also auch die Gegner hatten den Eindruck, daß an Barbara Weigand von Schwäche des Willens, ,,dem Hauptcharakter der Hysterie", nichts zu finden war.

Die Hysterischen sind natürlich, weil willensschwach, auch Suggestionen leicht zugänglich. Daß aber Barbara Weigand sich auch von Suggestionen freihielt, bestätigen wiederum ihre Gegner, wenn sie der Jungfrau vorwerfen, sie habe sich weder von Beichtvätern noch von Ordinariaten noch durch Zeitungsartikel in ihrem Glauben an die übernatürliche Stimme erschüttern lassen.

Es ist ferner begreiflich, daß in den wirklich Hysterischen bei der Schwäche ihres Willens die sittlichen Grundsätze keine Festigkeit gewinnen. Zahn sieht in diesem Mangel einer gefestigten Lebensanschauung, im Fehlen des sittlichen Hochstandes mit Recht eine Eigentümlichkeit des hysterischen Temperamentes und empfiehlt die Übung der christlichen Tugenden als beste Prophylaxe gegen Hysterie. Zu diesem Punkte genügt es, auf die ersten Kapitel dieses Buches zu verweisen und auf die Zeugnisse aller ihrer Vorgesetzten von der Jugend bis zum Alter, und der Vorwurf, Barbara Weigand sei eine sittlich minderwertige Person gewesen, wird sofort verstummen, wenn er überhaupt sollte ernstlich erhoben werden.

Daß in dem seelischen Zustand der Hysterischen eine logisch geordnete Gedankenverbindung, eine klare und ruhige Urteilsbildung nicht möglich ist, liegt auf der Hand. Pruner-Seitz nennen die Hysterischen ,,planlos", Capellmann konstatiert ,,Bewusstseinslücken", Pastor vermisst die Fähigkeit der Urteilsbildung.

Nun betrachte man sich wiederum Barbara Weigand, wie sie in Wirklichkeit war, nicht ihr Zerrbild in den Zeitungen! An dem, was sie über die Zeitverhältnisse, über die Mittel zur Besserung, über die Ursachen des sittlichen und religiösen Niedergangs schon vor sechzig und mehr Jahren gesagt hat, hat sie bis an ihr Lebensende festgehalten; was sie aber darin über Materialismus, Sozialismus, Genusssucht, Diesseitsstreben, Gottlosigkeit, was sie über Kirche, Gebet, Opfer, Sühne, über die öftere heilige Kommunion, über das Laienapostolat, über die Heiligsprechungen, über die Heimsuchungen und vieles andere verkündet hat, das sind wirklich keine Unsinnigkeiten, sondern tiefernste Erwägungen, die von überraschend klarer Urteilsbildung zeugen. Und daß es ihren Worten auch nicht an logischem Aufbau mangelte, daß es bei ihr keine ,,Bewusstseinslücken" gab, bestätigen uns die sorgsam beobachtenden Ärzte Dr. Müller und Dr. Kemen.

Erinnern wir uns der Worte des letzteren: ,,Die Unterhaltung mit ihr verrät keine logischen Fehler; ihre Intelligenz ist außergewöhnlich hoch, die Ausdrucksweise und ihr Gedankengang verraten eine geistige Bildungsstufe, wie man sie bei einer Frau ihrer Art sonst wohl kaum findet ... Auf Zwischenfragen antwortet sie bereitwillig in sicherer, nicht schwankender Weise. Dabei fällt auf, daß sie trotz mehrfacher Unterbrechung nie den Faden der Erzählung verliert, sondern genau da fortfährt, wo man sie unterbrach."

Zwanzig Jahre früher hatte Dr. Müller bezeugt: ,,Alles, was sie im ekstatischen Zustand spricht, hat Hand und Fuß, was bei Hypnotischen und Kranken nicht der Fall ist ... Eine solche Bestimmtheit kommt bei keinem Kranken vor."

Ja, als Kronzeugen für die klare Urteilsbildung und die logische Struktur der Weigandschen Gedankengänge könnte man gerade ihren schärfsten Opponenten anführen, welcher bekanntlich in den Äußerungen der Jungfrau ,,ein förmliches theologisches System" erblickte, also ein gedankenreiches und logisch aufgerichtetes Lehrgebäude, das zu konstruieren bekanntlich nur hochbegabten Theologen gelingt. Daß auch hysterische Bauernmädchen vom Spessart und bedauernswert kranke Wirtshausmägde von Mainz zur Ausbildung eines theologischen Systems fähig seien, dürfte bis zur Nr. 11 der ,,Allgemeinen Rundschau" vom 18. März 1916 wohl noch kein Theologe gewusst haben.

Erfahrung und Wissenschaft kennen ein weiteres Merkmal der Hysterie: die Sucht aufzufallen, sich interessant zu machen. Wenn man nun bei jenen, die sich interessant zu machen suchen, unterschiedslos auf Hysterie diagnostizieren wollte, müsste man gewiss auch viele Geistliche in diese Kategorie von Menschen einreihen. Steht doch auch Sellmair nicht an, ,,Hysterie die typische Priesterkrankheit" zu nennen.

Daß auch Barbara Weigand zuweilen aufgefallen ist, mag schon richtig sein; auch viele Heilige sind aufgefallen und schließlich fällt jeder Mensch auf, der nicht durch dick und dünn mit dem großen Haufen geht. Aber Barbara Weigand hat es nicht gesucht aufzufallen. Wir haben schon früher gehört, welch günstige Gelegenheit hierzu sich ihr z. B. bei Errichtung der Pfarrei Rück-Schippach, ihres ureigensten Werkes, geboten hätte. Auch zahlreiche Besucher Schippachs, welche einmal um jeden Preis die in den Zeitungen so sehr angeprangerte ,,Visionärin" sehen wollten, waren sichtlich enttäuscht, daß sie so gar nichts Auffälliges an der Frau fanden. Auch ich habe als ihr Pfarrer nur das eine Auffallende an ihr gefunden, daß sie sich in der Erfüllung ihrer religiösen Pflichten viel eifriger zeigte als die meisten ihrer Landsleute.

Pruner-Seitz verzeichnen als ein anderes Kennzeichen der Hysterie die Teilnahmslosigkeit am Geschicke anderer. Der Hysteriker ist so von sich eingenommen, steht so im Banne seiner eigenen Idiosynkrasien, daß ihm Sinn und Sorge für die anderen völlig abgehen. Auch über einen solchen Verdacht war die Jungfrau von Schippach erhaben: ihr Leben der Arbeit, der Opfer für die anderen, der Selbstlosigkeit, mit der sie Gebet, Arbeit und Vermögen in den Dienst anderer, besonders ihrer Landsleute, gestellt hat, beweist jedenfalls nur das Gegenteil von Hysterie.

Der Hysterische ist bekanntlich auch sehr stark von sexuellen Regungen beherrscht. Pruner-Seitz meinen hierzu: ,,Immer ist eine mehr oder minder lebhafte Beteiligung des Geschlechtslebens mit im Spiele; ihre Phantasiegebilde und Wahnideen sind meist davon infiziert." Capellmann schreibt: ,,Nicht selten wird unter der äußeren Erscheinung der religiösen Schwärmerei eine bis zur Nymphomanie gesteigerte geschlechtliche Erregung schlau genug verdeckt." Auch Zahn erwähnt unter den Erscheinungen der Hysterie die Neigung zu sexuellen Verirrungen. Zur Ehre der Gegner sei es gesagt, daß m. W. keiner es öffentlich gewagt hat, die Ehre der Jungfrau Weigand in diesem Punkte ernstlich anzuzweifeln.

Übereinstimmung zwischen Wissenschaft und Erfahrung besteht auch darüber, daß die Hysterischen eine ausgesprochene Neigung zur Lüge an den Tag legen.

So schreibt Kardinal Mercier ohne Einschränkung: ,,Die Hysterischen zeigen Neigung zur Lüge"; Capellmann wirft ihnen absichtliche Irreführung vor: ,,Die Kranken scheuen, um ihrem Täuschungstrieb zu frönen, weder Schmerz noch Anstrengung und Entbehrung jeder Art. Alles wird versucht und ertragen, um das einmal angefangene Trugspiel durchzuführen"; das Herdersche Lexikon spricht von dem ,,Bestreben, sich zu verstellen", vom ,,Hang zur Lüge", zur ,,Intrige und zum Stehlen." Also Übereinstimmung auf der ganzen Linie.

Nun hat sich ja die gegnerische Kritik, soweit ich sie kenne, bis zum Jahre 1916 wohl gehütet, der Schippacher Jungfrau Verstellung, absichtliche Irreführung und Lüge zum Vorwurf zu machen; vielmehr haben ihr alle Instanzen, die mit ihr zu tun hatten, das uneingeschränkte Lob gespendet, daß sie über jeden Verdacht der Lüge erhaben sei. Es sei nur an das Urteil Bischof Haffners aus dem Jahre 1896 oder an jenes des Ordinariates Mainz vom 14. August 1900 erinnert, wo ihr ausdrücklich bestätigt wurde, daß sie ,,durchaus den Eindruck einer braven Person macht, der jede absichtliche Täuschung fernliegt."

Ihr Mainzer Pfarrer und Beichtvater Dr. Velte sprach noch im Jahre 1912 schriftlich seine feste Überzeugung aus in den Worten: ,,Daß sie nicht lügt, dessen bin ich gewiss." Eine Lügnerin wäre ganz gewiss auch vom Ordinariat Würzburg im Oktober 1914 nicht ,,eine im Rufe der Frömmigkeit stehende Person" genannt und von Bischof Hugo von Mainz mit eigenhändig geschriebenen Briefen ausgezeichnet worden.

Endlich zeigen sich die Hysterischen auch unfähig zu ernster Berufsarbeit. Wer aber die Schippacher Jungfrau kannte, wird es nicht wagen, einen solchen Vorwurf gegen sie zu erheben; da würden die Mainzer Wirtshausgäste, wenn sie noch lebten, ihre damaligen Hausgenossen und die ganze Bevölkerung von Rück und Schippach lauten Protest erheben.

Sapienti sat! Wir glauben hinreichend bewiesen zu haben, daß sich bei Barbara Weigand auch nicht ein einziges jener Merkmale findet, welche die Wissenschaft und die Erfahrung als charakteristische Kennzeichen der Hysterie festellen. Da aber die physiologischen Erscheinungen ebenfalls nichts für die Hysterie beweisen, wird man gut tun, diesen Vorwurf gegen die Schippacher Jungfrau so schnell wie möglich fallen zu lassen. ,,Mit der Fällung einer Laiendiagnose auf Hysterie wird (zudem) jeder kluge und gewissenhafte Priester sehr, sehr vorsichtig sein", mahnt auch Schattauer in der Linzer Quartalschrift. Sachverständige Männer, Ärzte so gut wie Theologen, haben diesen Vorwurf zudem in aller Form zurückgewiesen.

Es sei nur an die Ärzte Dr. Müller und Dr. Kemen erinnert, welch letzterer ausdrücklich hervorhob: ,,Ebensowenig ergab die Untersuchung Anhaltspunkte resp. Beweise für eine bestehende Hysterie." Auch andere Priester als der Verfasser gewannen von Barbara Weigand denselben Eindruck einer völlig gesunden und normalen Frau. So schrieb mir ein theologisch und philosophisch gründlich gebildeter und erfahrener Priester, Spiritual und Beichtvater in einem Frauenkloster, der vorher Seelsorger an einer Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke war, also sicherlich auch mit Hysterikern viel zu tun hatte, folgendes:

,,Ich habe Barbara Weigand persönlich kennengelernt, an verschiedenen Tagen mit ihr gesprochen, sie beobachtet, Erkundigungen eingezogen, aber von Hysterie nichts gefunden.

Ich habe schon oft das bekannte ,,hy" am Kopfende der Kranken gelesen, aber bei Barbara Weigand habe ich die hy-Symptome nicht gefunden. Nach N. N. wäre Barbara Weigand eine schwere Hysterikerin. Eine solche ist nicht imstande, die Symptome ihres Leidens auch nur drei Tage ganz zu verheimlichen."

Ein anderer Priester, der Barbara Weigand im Jahr 1916 ebenfalls aufsuchte, und sie längere Zeit beobachtete, schilderte mir seine Eindrücke schriftlich in folgenden Worten:

,,Ihre seelische Verfassung, welche sich in dieser Art zu reden kundgibt, und ihre robuste Gesundheit schließen die ihr sooft angedichtete Hysterie völlig aus. Es ist traurig, daß dieser Vorwurf sooft gerade von Geistlichen gegen sie erhoben wird. Ich glaube, diese Herren wissen wegen ihrer Unwissenheit oder ihrer Vorurteile nichts mit den mystischen Tatsachen im Leben der Barbara Weigand anzufangen, und suchen über diesen Mangel mit dem Worte Hysterie hinwegzukommen, ohne auch nur zu wissen, was Hysterie eigentlich ist. Diese ist eine krankhafte Überreizung des Nervensystems, besonders des plexus solaris, die sich vorzüglich in den Funktionen der Geschlechtsorgane bemerkbar macht und sehr oft oder sogar meistens im Missbrauch der geschlechtlichen Organe begründet ist. Es ist empörend, daß sogar Priester - wohl unbedachter Weise - einen solchen Vorwurf gegen Barbara Weigand erheben und damit die Ehre eines tieffrommen, musterhaft reinen Bauernmädchens in der niedrigsten Weise beschmutzen."

So ist es: Barbara Weigand war keine Hysterikerin, sondern eine geistig und körperlich kerngesunde Frau. Das bestätigen ihr auch zwei angesehene Ärzte, deren Zeugnisse wir im folgenden Abschnitt bringen werden. Doch zuvor wollen wir uns noch die Entstehung des auf Hysterie lautenden Gutachtens eines Mainzer Arztes etwas näher betrachten!

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d) Unter der Brille des Arztes

Als die lothringische Stigmatisierte Katharina Filljung im Herbst 1882 ihre Zuflucht zum Heiligen Stuhl nahm, gab ihr der Konsultor des Heiligen Offiziums, P. Laurencot S.J., den eindringlichen Rat, sich ja ihre persönliche Freiheit nicht nehmen zu lassen: ,,Gardez-vous de vous laisser enfermer dans un couvent. Ne faites pas comme N.; elle s´est laissé enfermer dans un couvent; elle est morte. Ne vous laissez enfermer dans un couvent".

Was dieser Pater aus seiner reichen Erfahrung befürchtete, sollte sich auch an Barbara Weigand wenigstens teilweise erfüllen. Am Dienstag, den 24. Juli 1900, erhielt sie nämlich ein Schreiben des Bischofs, sie solle sich so bald als möglich ins St. Elisabethen-Stift begeben, wo drei Herren ihre Ekstasen beobachten würden. Barbara erschien bereits am folgenden Tag im Bischöflichen Palais und meldete, daß sie sich anderen Tags in das bezeichnete Haus begeben wolle. Am genannten Tag überschritt sie ,,mutig und entschlossen" die Schwelle des St. Elisabethen-Stiftes.

Die Kommission, welcher der Bischof die Untersuchung der Jungfrau übertragen hatte, bestand aus ihrem Beichtvater, P. Bonifaz O.Cap., dem Rektor Dr. Hubert vom Knabenkonvikt; zwei Priestern, die schon längst offen gegen den übernatürlichen Charakter der Weigandschen Vorgänge Stellung genommen hatten, und dem praktischen Arzt Dr. Ebner.

Barbara erhielt ein Zimmer angewiesen, und die Oberin des Hauses hatte den Auftrag, sobald sich die Anzeichen außerordentlicher Zustände bemerkbar machen würden, die genannten Herren zu verständigen. Bereits am Freitag, den 27. Juli, hatte Barbara während der heiligen Messe, der sie beiwohnte, eine Vision und begann laut zu reden, so daß sie von der Oberin auf ihr Zimmer geführt werden mußte. Da sich aber außer einer gewissen Blässe und Kälte, welche die Oberin nur für eine natürliche Schwäche hielt, und den Worten, die sie sprach, nichts besonderes Körperliches ereignete, unterließ es die Oberin, die Prüfungskommission zu rufen.

Darum äußerte sich P. Bonifaz am folgenden Tag spöttisch zu Luise Hannappel: ,,Der Heiland kommt nicht mehr, es ist alles aus." Auch der Arzt fand bei seinen Tagesvisiten nichts besonderes vor und unterhielt sich freundlich mit der Jungfrau. Aber am Mittwoch, dem 1. August, dem Tage vor Portiuncula, stellte sich das Passionsleiden mit den drei Stürmen und der anschließenden Sprechekstase in der bekannten Weise ein, und die Herren wurden allsogleich gerufen. Sie beschränkten sich zunächst auf bloßes Beobachten. ,,Als ich zu mir kam", schreibt Barbara nach der Prüfung, ,,sahen sie alle ganz verstört aus. Der Arzt, der sonst immer bleich aussah, hatte dunkelrote Augen und Wangen ... Der Weltpriester hatte am meisten Mitleid." So der Bericht.

Am 3. August, Herz-Jesu-Freitag, meldeten sich die Vorboten des Leidens abermals. Die drei Herren wurden gerufen, und der Arzt versuchte nun seine Heilkunst. Er ließ kein Mittel unversucht, um herauszubringen, ob es nicht Krankheit sei. Er ließ ihr Tropfen eingeben, dann Rizinusöl, dann ließ er ihr ab und zu Milch einschütten, obwohl der Magen nichts annahm und sie dieselbe jedesmal wieder erbrechen mußte, weshalb der Weltpriester die Bemerkung machte: Lasst das doch, ihr seht ja, daß es nicht geht. Die beiden geistlichen Herren gingen dann fort. Unterdessen ließ der Arzt ihr soviel Wasser einpumpen, bis es ihr zum Mund herauskommen wollte. Es war so schmerzlich für Barbara, daß sie daran war zu sterben. Sie wurde eiskalt und lag da wie tot, und die Schwester rief Gott und alle Heiligen an: Schwestern, Schwestern, kommt mir zu Hilfe, Jesus, Maria, Josef, steht mir bei, heiliger Antonius, komm mir zu Hilfe, ach, lieber Gott, sie stirbt!

Barbara bekam fortwährend Ohnmachtsanfälle. Das dauerte einige Zeit. Als sie Barbara wieder ins Bett geschafft hatten, sagte der Arzt: So, jetzt schlafen Sie ruhig. Aber kaum gesagt, kam der erste der drei Stürme. Der Arzt wollte ihn verhindern und fasste ihren Kopf mit aller Kraft, um es ihm unmöglich zu machen, daß er sich schüttle; aber es half nichts. Die Kraft war so groß, daß er mit herumgeschleudert wurde. Bei dem zweiten Sturm griff ihr der Arzt mit aller Wucht die Arme, um sie festzuhalten, aber die Gewalt schüttelte den starken Mann mit herum. Er sprang vor sie hin und sagte: Sie sind mir vom Bischof übergeben und Sie haben mir zu folgen und zu tun, was ich sage! Dann hielt er ihr etwas Glänzendes entgegen und schrie: Wollen Sie mir folgen! Wollen Sie augenblicklich hierher sehen! Barbara strengte alle ihre Kräfte an, die Augen jedoch waren ihr von einer unsichtbaren Macht gehalten, sie konnte sie nicht drehen und auf den Punkt richten. Desto zorniger rief der Arzt: Heute, wenn Sie mir nicht folgen, sollen Sie sehen! Er tobte wie rasend und wollte, sie solle an einen Punkt hinsehen, konnte es aber doch nicht erreichen.

Als der Arzt jedoch ein geweihtes Bild der Heiligen Familie von der Wand nahm und es Barbara vorhielt, da konnte sie sofort darauf sehen, weil die Gewalt sie verließ. Als die drei Stürme herum waren, sprach der Herr wie immer.

Die ganze folgende Nacht konnte sie kaum Atem schöpfen, weil sie noch mit Wasser angefüllt war und litt sehr viel ... Nach der Ekstase sagte die Generaloberin, die auch dabei gewesen, zu Barbara: Ach, lieber Gott, was machst du aber durch. Aber glaube sicher, daß du auch einen großen Lohn bekommst in der Ewigkeit! Anderen Tages kam der Arzt und sagte, er könne nichts anderes erklären, als daß alles Hysterie sei. Von mir aus, sagte er, können Sie jetzt gehen!"

Das war nach den Aufzeichnungen in den Schippacher Akten - ein Protokoll wurde während dieser Untersuchung nicht geführt - der Verlauf der Untersuchung durch den Arzt Dr. Ebner am 1. und 3. August 1900 im St. Elisabethen-Stift zu Mainz, aufgrund derer der Jungfrau Barbara Weigand bis ans Ende ihres Lebens in der Presse und in kirchenbehördlichen Erlassen der Stempel der Hystrie aufgeprägt wurde. Man glaubt, in dem Verhalten und in dem Urteil Dr. Ebners fast eine getreue Kopie seines Amtsbruders, des Kantonalarztes Dr. Kuhn, zu erblicken, der ein halbes Jahrhundert vorher über Elisabeth Eppinger, die Gründerin der Kongregation der Niederbronner Schwestern, gemeint hatte: ,,Ihre Gesichte gehören zur Kategorie weiblicher Grillen".

Unwillkürlich denkt der Verfasser hier auch an die pfälzische Stigmatisierte, Barbara Pfister, welche unsere Schippacher Gottesfreundin in Mainz besuchte und ihr dabei von ihrer Behandlung durch den Speyrer Gerichtsarzt erzählte, der sich gerühmt hatte, er werde ,,die Schmier (die stigmatischen Blutungen) bald heraus haben" (siehe auch Molz a. a. O., S. 55).

Ist es nach der Schilderung der besagten ,,Untersuchung" nicht schwierig, die Diagnose Dr. Ebners auf Hysterie als eine völlig verfehlte zu bezeichnen, so sind wir auch noch in der glücklichen Lage, die Zeugnisse zweier anderer Ärzte zu besitzen, welche aufgrund sorgsamer Beobachtungen Barbara Weigand von jedem Verdacht der Hysterie freisprechen. Beide Zeugnisse lagen zeitlich vor den Presseangriffen des Jahres 1916, wurden aber von den Pressegegnern der Öffentlichkeit verschwiegen.

Schon vier Jahre vor der Untersuchung Dr. Ebners, nämlich im Juli und August 1896, wohnte auf Weisung Bischof Haffners Sanitätsrat Dr. Müller in Mainz, Nachbar und Hausarzt der Familie Weigand, fünfmal dem Passionsleiden und den Ekstasen der Jungfrau bei und fällte aufgrund seiner Beobachtungen das folgende Urteil:

,,Daß das Leiden, dem ich fünfmal beigewohnt, keine natürliche Krankheit ist,    sondern der Theologie angehört zur Beurteilung, erhellt aus folgenden Gründen: Das Leiden kommt nur an Freitagen und Festtagen, womit keine Krankheit    zusammenhängt; Die drei Stürme (Krisen) in den Leiden sind immer dieselben, ganz gleich, was bei keiner Krankheit vorkommt; Alles, was sie im ekstatischen Zustand spricht, hat Hand und Fuß, was bei Hysterischen und Kranken nicht der Fall ist;

In den Schriften kommt oft vor: ,,Dann und dann habe ich dir das und das gesagt", was ich nachgeschlagen und wirklich so gefunden habe. Eine solche Bestimmtheit kommt bei keinem Kranken vor; Barbara Weigand weiß hernach den ganzen Sinn dessen, was sie gehört und gesehen hat, während Hysterische nicht wissen, was mit ihnen vorgegangen ist; Wenn es eine natürliche Krankheit wäre, könnte sie das noch kein Jahr aushalten; dann stürbe sie bald."

So Sanitätsrat Dr. Müller. Dieser Arzt hat also eine ganz andere Meinung von der Jungfrau als Dr. Ebner. Sanitätsrat Dr. Müller hat aufgrund seiner fünfmaligen Teilnahme an den Ekstasen den Eindruck gewonnen, daß es ,,keine natürliche Krankheit" ist und begründet dieses sein Urteil mit klaren und bestimmten Hinweisen. Die ,,Krankheit" der Jungfrau, ihr Leiden, so sagt der Arzt, ist kein Gebiet für den Arzt, sondern ,,gehört der Theologie an zur Beurteilung". Darum zieht sich der Sanitätsrat wieder auf sein ureigenes ärztliches Gebiet zurück.

Wie also das Urteil Dr. Müllers wesentlich von jenem Dr. Ebners abweicht, so erbrachte auch die Untersuchung der Jungfrau durch Oberstabsarzt Dr. Kemen von Kreuznach am 28. September 1915 eine glänzende Rechtfertigung der geistigen und körperlichen Gesundheit der Jungfrau Barbara, wie der genannte Arzt in seinem Bericht vom 22. Januar 1916 an Nuntius Frühwirth mit wissenschaftlicher Ruhe ausführt. Lassen wir das Wesentliche seines Gutachtens im Wortlaut folgen!

,,Fräulein Weigand ist eine mittelgroße, starkknochige Frau mit groben Gesichtszügen von recht gesunder Gesichtsfarbe. Sie hat das Aussehen einer Bauersfrau von ungefähr fünfzig Jahren, wobei ich berücksichtige, daß Bauersfrauen von solchem Aussehen meist kaum vierzig Jahre alt sind. In Wirklichkeit ist sie siebzig Jahre alt. Mit ruhigem, festen Schritt, absolut unbefangen tritt sie ein und begrüßt uns. Sie blickt jeden von uns frei und furchtlos an, als wenn sie uns längst kännte. Ihre Sprache ist deutlich, laut und natürlich. Sie spricht den Dialekt ihres Ortes, jedoch etwas verfeinert, und wenn sie zitiert, bemüht sie sich, hochdeutsch zu reden. In der Unterhaltung vermischt sie Dialekt und Hochdeutsch. Ihre Ausdrucksweise ist durchaus natürlich und ungezwungen; sie sucht nicht nach Worten, sondern die Rede kommt in ruhigem Fluss von ihren Lippen. Sie vermeidet jegliches Pathos; auch wenn sie Worte des Heilandes zitiert, sind diese ungekünstelt und bewegen sich in der Form, wie sie in ihren Schriften verzeichnet stehen. Von der Echtheit ihrer Visionen ist sie felsenfest überzeugt, war dies jedoch, wie sie sagt, früher nicht. Was sie gehört und gesehen haben will, ist für sie absolute Wahrheit. Sie gerät beim Erzählen all dieser auffallenden Visionen nicht in die geringste Aufregung; nur als sie davon spricht, daß man sie für hysterisch halte, wird sie erregt und ruft dabei aus: ,,43 Jahre lang soll ich mich und die Welt getäuscht haben - dann müsste man an Gott zweifeln!"

Die Unterhaltung mit ihr verrät keine logischen Fehler; ihre Intelligenz ist außergewöhnlich hoch, die Ausdrucksweise und ihr Gedankengang verraten eine geistige Bildungsstufe, wie man sie bei einer Frau ihrer Art sonst wohl kaum findet.

 Die körperliche Untersuchung ergibt folgenden Befund: Kräftige, gutgenährte Frau, von gesunder Gesichtsfarbe und lebhaftem Blick. Die Herztöne sind rein, der Puls ist gleichmäßig, weich, 72 in der Minute, die Arterien sind nicht geschlängelt, nicht starr, es bestehen keine arteriosklerotischen Erscheinungen. Die Pupillen sind gleich weit und reagieren gleichmäßig auf Lichteinfall; der Patellarreflex ist schwach auslösbar; es besteht kein Fußklonus; Stehen und Gehen mit geschlossenen Augen ist ohne Schwanken möglich, es besteht kein Zittern der gespreizten Finger.

Es existiert kein Anhaltspunkt für ein organisches Leiden des Zentralnervensystems noch eines funktionellen Leidens. Ebensowenig ergab die Untersuchung Anhaltspunkte resp. Beweise für eine bestehende Hysterie. Fräulein Weigand macht vielmehr den Eindruck einer vollständig vernünftigen, recht energischen Frau mit gelegentlich humorvollen Anwandlungen in ihrer Erzählung. Auf Zwischenfragen antwortet sie bereitwillig in sicherer, nicht schwankender Weise. Dabei fällt auf, daß sie trotz mehrfacher Unterbrechungen nie den Faden der Erzählung verliert, sondern genau da fortfährt, wo man sie unterbrach ..."

(Es Folgen einige unwesentliche Schlusssätze und Höflichtskeitsformeln gegenüber dem hohen Empfänger des Gutachtens.)

Die Ärzte Dr. Müller und Dr. Kemen reden also eine ganz andere Sprache als Dr. Ebner. Aber nur dem letzteren wurde geglaubt, weil man seine Aussage haben wollte. Daher auch das Verschweigen der beiden anderen Zeugnisse in den gegnerischen Publikationen! ,,Neque verum occultando" (can 1794 CIC)?

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V. EINWÄNDE UND WIDERLEGUNGEN

Wer die seinerzeit im Zusammenhang mit dem Schippacher Kirchenbau gegen Barbara Weigand, ihre Worte und Werke veröffentlichten Druckerzeugnisse heute durchliest, kann es kaum für möglich halten, daß damals ein solcher Ton gerade aus geistlichen Federn gegen Schippach angeschlagen wurde. Diese Ausdrucksweise, dieses tiefe Niveau der Sprache, diese Spottartikel, haben sich inzwischen selbst gerichtet; sie bedürfen keiner Widerlegung mehr. Auch von den vielen sachlichen Unrichtigkeiten in jenen Publikationen haben wir bereits einige am einschlägigen Orte zurückgewiesen. Um aber diese Widerlegung möglichst vollständig zu gestalten, sollen im folgenden jene noch nicht besprochenen Anklagen gegen Schippach mit kritischem Auge geprüft werden. Diese Anklagen betrafen angebliche Verstöße gegen den Glauben, angebliche Irrtümer gegen die Mariologie, die angeblich falsche Schippacher Engellehre, Einwände gegen den Liebesbund, gegen den Kirchenbau, gegen die Person der Barbara Weigand und sonstige Beanstandungen.

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1. Angebliche dogmatische Verstöße

Es besteht nicht der geringste Zweifel, daß die Schippacher Offenbarungen wie alle Privatoffenbarungen mit dem Maßstab korrekter dogmatischer Theologie gemessen werden müssen, wie wir schon in den grundsätzlichen Bemerkungen über die Lektüre mystischer Schriften des näheren ausgeführt haben. Finden sich in Privatoffenbarungen offenkundige dogmatische Irrtümer, so können solche unmöglich von Gott stammen; denn ,,Gott kann nicht irren und nicht fehlen."

Aber es gilt auch hier die wissenschaftliche Forderung, die kirchliche Lehre dogmatisch genau zu nehmen, nicht subjektive Privatmeinungen für kirchliche Lehre auszugeben und auf Grund eigener schiefer Ansichten die Aussprüche der Mystiker in Verruf zu bringen, wie es nach Ausweis der Geschichte der Mystik nicht selten schon geschehen ist. Die rabies theologorum hat schon mehr als einen guten Menschen zur Strecke gebracht. Auch wird es angesichts der geschichtlichen Tatsache, daß sich der Irrtum auch in solche Privatoffenbarungen einschleichen kann, welche allgemein als echt angesehen werden, gut sein, einmal die wichtigsten Quellen zu besehen, aus welchen Irrtümer entspringen können.

Wie der Mystiker selbst, so erwähnen auch die Kenner der mystischen Theologie immer wieder die große Schwierigkeit, wenn nicht geradezu Unfähigkeit, die innere Erfahrung in Worte zu kleiden. In dieser Schwierigkeit für das innere Erlebnis den adäquaten sprachlichen Ausdruck zu finden, sehen die Theologen eine erste Quelle für das Entstehen von Irrtümern in Privatoffenbarungen.

Gar einfach schildert die Schwester von der Geburt ihrem Beichtvater Genet diese Schwierigkeit: ,,Gott lässt mich zuweilen auch bloß die Dinge schauen, ohne mir die passenden Ausdrücke für dieselben mitzuteilen. Dies bringt mich oft in große Verlegenheit und macht mir viel zu schaffen, bis mir Gott zuweilen zu Hilfe kommt und sagt: Sieh, das mußt du so ausdrücken! In diesem Fall wird es mir leichter und ich finde daran sogar Freude. Geschieht dies aber nicht, so muß ich selbst nach einem Ausdruck suchen."

Der Beichtvater erwidert der Schwester: ,,Wenn Gott Ihnen zuweilen bloß das Wesen, den Grund einer Sache zu erkennen gab, die Wahl der gehörigen Ausdrücke jedoch Ihnen selbst überließ ..., so sollen Sie oder Ihr Berichterstatter ... in die Sache mit dem Verstand tiefer eindringen, nicht bloß leidende Werkzeuge des Heiligen Geistes sein."

Die Schwester empfand des öftern diese Schwierigkeit: ,,Ich sehe Dinge in Gott, deren Wahrheit ich wohl fühle, in die ich aber nicht näher eindringen kann ... Ich habe zwar das gehörige Verständnis davon, kann aber die passenden Worte dazu nicht finden."

Richstätter kommt wiederholt auf diese Schwierigkeit zu sprechen und zitiert Gerson, den heiligen Johannes vom Kreuz, Denifle und Martin, welcher bei der dritten Zentenarfeier des Todes der heiligen Theresia erwähnte, wie schwer es der Heiligen gefallen sei, verständlich zu machen, was die Seele bei der Beschauung empfinde. Er selber fügt dann bei: ,,Sobald der Mystiker das rein geistig Geschaute in materielle Wortbilder kleiden will, erhebt sich für ihn nicht bloß eine große Schwierigkeit, sondern es kann hier auch eine Fehlerquelle liegen, da er das Geschaute nicht ganz richtig wiedergibt oder da die Bilder, die er gebrauchen muß, von andern nicht richtig gedeutet werden."

Manchmal kann es auch vorkommen, daß der Mystiker die ihm gewordene Offenbarung falsch versteht, d.h. anders deutet, als sie ihm von Gott gegeben ist. Wenn der Mystiker seine Aufgabe, seine Mission, nicht richtig erfasst, wird er auch die ihm gewordene Offenbarung nicht richtig verstehen, wird vielleicht zu viel, vielleicht zu wenig herauslesen, kann vielleicht den Zusammenhang nicht herstellen, wenn ihm Gott die Offenbarung bloß teilweise gibt und die Ergänzung ihm selber überlässt. ,,Eine himmlische Offenbarung", sagt Poulain, ,,kann bisweilen falsch verstanden werden von dem, der sie empfängt. Der Grund hiervon liegt manchmal in der Unbestimmtheit der Offenbarung. Gott gibt hie und da nur halbes Erkennen. Seine Worte haben oft einen tieferen Sinn, den man nicht versteht."

,,Gerade bei geschichtlichen Visionen gebe Gott die Szene oft nur in großen Umrissen ... Wer ihnen also eine klare, absolute Genauigkeit beilegt, täuscht sich."

,,Gott pflegt", sagt P. Ehrle, ,,den heiligen Stiftern die allgemeinen Umrisse der von ihnen auszuführenden Werke einzugeben; doch die genauere Detaillierung derselben überlässt er nicht selten den ,,Zweiten Ursachen", den Vorkommnissen und Erfahrungen ihres Lebensganges, womit eine gewisse allmähliche Entfaltung ihrer Stiftung gegeben ist."

So könne natürlich bei Personen, denen die Gesetze höherer Eingebungen verborgen seien, die Gefahr eines falschen Verstehens einer Offenbarung sehr nahe liegen.

Einen typischen Beleg hierzu haben wir dort, wo die Jungfrau von einer Vision berichtet, in welcher von ihrem Tode die Rede war. ,,O wie freue ich mich", schreibt sie nachträglich zu dieser Offenbarung, ,,denn das Jahr 1916 wird mein Sterbejahr sein ... Am Herz-Jesu-Fest 1894 wurde mir dieses zu wissen getan, daß ich in meinem 70. Lebensjahr anfangen soll, mich auf meinen Tod vorzubereiten."

Man erkennt hier deutlich den Unterschied zwischen Offenbarung und Deutung. Geoffenbart wurde ihr, sie solle in ihrem 70. Lebensjahr (d. i. nach dem 10. Dezember 1915) anfangen, sich auf ihren Tod vorzubereiten; sie aber verstand diese Offenbarung in dem Sinne, daß sie unmittelbar danach, also im Jahre 1916, auch schon sterben würde. Tatsächlich liegt aber in jener Offenbarung nur die Vorhersage, daß sie 70 Jahre erreichen werde, und daß dann ihr Lebenswerk vollendet sei. Beides ist buchstäblich eingetroffen. Dagegen hat sich ihre falsche Deutung, daß sie unmittelbar nach Erreichung des 70. Lebensjahres auch schon sterben würde, nicht erfüllt.

Eine weitere Quelle von Irrtümern kann in dem Umstand erblickt werden, daß bei allen Visionen und Offenbarungen die menschliche Aktivität im Spiele ist, und daß sich der Ideengehalt in der Ekstase oft an den Ideengehalt der Seele vor der Ekstase anschließt.

Die Theologen sehen gerade in der Erhaltung der menschlichen Eigenart und Geisteskraft beim mystischen Erlebnis ein gesundes Zeichen echter Mystik. Da ist es doch ganz natürlich, daß der menschliche Faktor auch der Fallibilität tributpflichtig bleibt. So meint Poulain, wenn sich im mystischen Zustande Sinnenbilder und Vernunftschlüsse fänden, so rührten diese wenigstens teilweise von unserer Mitwirkung her. ,,Das gehört aber nicht zum Wesen der mystischen Vereinigung, es ist vielmehr reine Zutat." Daher erleben wir es auch, daß selbst die echten Privatoffenbarungen oft das individuelle Antlitz der betreffenden Person aufweisen. ,,Daß bei der Wiedergabe von Visionen ... die Eigenart der Persönlichkeit und die eigene Gedankenwelt sich ausprägen muß, ist selbstverständlich und es wäre unbillig, sich daran zu stoßen. Unbillig wäre es aber auch, jeden Ausdruck bis zum äußersten ausdeuten zu wollen und das, woran der Mystiker gar nicht gedacht hatte, hineinlegen zu wollen."

Wie sehr haben sich die Gegner von 1916 gerade auch gegen diese Auslegungsregel verfehlt, indem sie ganz rechtgläubig klingenden Wendungen einen an den Haaren herbeigezogenen falschen Sinn unterschoben!

Übrigens hat Barbara Weigand schon in ihrem Appellationschreiben vom 1. März 1918 an den Heiligen Vater gegen jene falsche Deutung ihrer Worte feierlich Verwahrung eingelegt: ,,Die Unterzeichnete erklärt, daß sie ihre Worte niemals in dem häretischen oder sonstwie glaubenswidrigen Sinne ausgesprochen hat, welchen Dr. Brander in diese Worte hineinzulegen sich bemüht."

Auch den zum Beweise der Unechtheit der Weigandschen Offenbarungen herangezogenen Umstand, daß sie bei der Mainzer Prüfung im Jahre 1900 den Vornamen des Bischofs Ketteler mit Viktor Emmanuel statt mit Wilhelm Emmanuel wiedergegeben habe, kann aus dem Fortbestehen der vorekstatischen Gedankenwelt sehr wohl erklärt werden, wenn er nicht auf das Konto der nachträglichen Berichterstatter an das Ordinariat zu setzen ist (ein Protokoll wurde ja damals nicht geführt!).

Irrtümer können auch daher rühren, daß andere die Ausdrücke der Mystiker falsch verstehen. ,,Für alle", sagt Richstätter, ,,bleibt die nicht geringe Schwierigkeit, die Ausdrücke so zu verstehen, wie sie vom Mystiker gemeint sind." ,,Es ist mir kaum jemals so klar geworden ..., wie vorsichtig man mit solchen Ausdrücken sein muß. Ehrlich gestanden: ich bin entsetzt, wie falsch sie verstanden sind. Sie bezeichnen jene inneren Gnaden treffend für diejenigen, die sie verstehen, aber andere können damit das Heiligste profanieren."

Eine häufig vorkommende Fehlerquelle entspringt aus der falschen Aufzeichnung der Schreiber. ,,Die Schreiber können leicht, ohne es zu wollen, den Text verändern. Sie geben bei der Wahl der Ausdrücke ja doch immer etwas von dem ihrigen hinzu. Sie glauben oft mit gutem Gewissen ganze Sätze beifügen zu dürfen, um die Offenbarung klarer zu machen. Wir wissen, sagen sie, daß die Heilige es so meint." Man erwäge zudem, mit welcher Schnelligkeit manche Begnadigte während und nach der Ekstase gesprochen haben: Die heilige Magdalena von Pazzi z. B. sprach oft so rasch, daß sechs Schreiber zum Aufzeichnen notwendig waren. Auch Zahn gibt die Möglichkeit visionärer Irrungen infolge Schuld der Schreiber zu.

Den Hinweis Poulains auf Lataste ergänzt er durch das Beispiel von der heiligen Gertrud, von deren Offenbarungen das erste Buch und der Schlußteil des fünften Buches gar nicht von Gertrud, sondern von einer ihrer Mitschwestern verfasst seien, und den Hinweis auf die heilige Brigitta, deren Sekretär vom Heiland ausdrücklich gestattet worden sei, ,,um der Schwachen willen beizufügen, was notwendig und nützlich sei."

Der heiligen Hildegard wurde in einem Gesichte aufgetragen, ihre Offenbarungen zwar aufzuschreiben, aber die Form von einem anderen feilen zu lassen, ,,der nach den feststehenden Regeln der Grammatik die Casus, Genera und Tempora in Ordnung brachte."

Ich meine, wenn schon in approbierten Privatoffenbarungen solche Umstände nicht gegen die Echtheit zeugen, man dürfe dann auch in den Weigandschen Offenbarungen Irrungen, die offenkundig auf das Konto der Schreiberinnen und der Abschreiber zu setzen sind, nicht gegen die Echtheit jener Mitteilungen ins Feld führen, zumal ja die Aufschreiberinnen bei dem starken Redestrom der Jungfrau unmöglich mitkommen konnten und viele Offenbarungen sehr gekürzt aufgeschrieben wurden.

Die Irrtümer also, welche aus solchen Quellen fließen, hindern keineswegs, den damit behafteten Offenbarungen Vertrauen zu schenken. Was Irrtum ist, bleibt Irrtum, aber deswegen braucht noch lange nicht alles Irrtum zu sein.

Bedenklicher ist jedoch eine andere Gruppe von Irrtumsquellen, wie Gedächtnisschwäche, Verstellung, leichte Phantasie, Abhängigkeit von der Zeitanschauung, Mangel an Leitung, Mangel an Askese, Einfluss des Satans.

Zum ersten meint Poulain, Täuschung des Gedächtnisses könne natürlich bei echten wie bei falschen Mystikern vorkommen und darum an sich noch keine Instanz gegen die Echtheit solcher Mitteilungen bilden. Nun mußte aber jeder, der Barbara Weigand kannte, über die Frische des Gedächtnisses staunen, deren sich selbst noch die Greisin erfreute; Mitteilungen, die ihr vor dreißig und vierzig Jahren gegeben worden waren, trug sie noch in hohem Alter mit lebendiger Anschaulichkeit vor. Diese Kraft ihres Gedächtnisses fiel schon dem sie im Juli und August 1896 beobachtenden Arzte, Sanitätsrat Dr. Müller, auf und bewog ihn zu der Bemerkung: ,,In den Schriften kommt oft vor: dann und dann habe ich dir das und das gesagt, was ich nachgeschlagen und wirklich so gefunden habe; eine solche Bestimmtheit kommt bei keinem Kranken vor."

Daß Barbara Weigands Ekstasen, Visionen und Offenbarungen nicht auf Verstellung, d.h. wissentlichen Betrug beruhen, ist so gewiss, daß jedes Wort hierzu überflüssig sein dürfte. Es sei nur hingewiesen auf Zff. 2 des amtlichen Urteils des Ordinariates Mainz vom 14. August 1900, wo bestätigt wird, ,,daß genannte Barbara Weigand durchaus den Eindruck einer braven Person macht, der jede absichtliche Täuschung fernliegt", und auf die Aussagen ihres Beichtvaters Dr. Velte vom 30. März 1911 und 24. Juni 1912, wo der Dekan von St. Ignaz die Überzeugung ausspricht: Für wissentlichen Betrug kann und darf ich es nicht ansehen ... Barbara teilte mir manchmal ihre Visionen mit, und ich halte dieselben nicht für wissentlich Erdichtetes ... daß sie nicht lügt, dessen bin ich gewiss." Schon Bischof Haffner hatte 1896 denselben Eindruck gewonnen: ,,Sie macht den Eindruck einer Betrügerin nicht."

Phantasie oder Selbsttäuschung? ,,Auch eine redliche Person", meint Poulain, ,,kann durch ihre lebhafte Phantasie oder ihren zu lebhaften Geist getäuscht werden." Die Autoren schreiben nun mit Recht die üppig blühende Phantasie einem leicht erregbaren Nervensystem und einer schwächlichen Körperkonstitution zu. Nun war aber Barbara Weigand zeitlebens eine Person von kräftiger Gesundheit, robustem Körperbau und starken Nerven, um die ich noch die Achtzig- und Neunzigjährige aufrichtig beneidet habe. Daß aber im Rahmen der menschlichen Tätigkeit manchmal auch ihre Phantasie mitgespielt haben kann, daß Barbara sich auch hie und da einmal getäuscht haben kann, wird kein vernünftiger Mensch bestreiten wollen; doch wird man nicht alles als Selbsttäuschung bezeichnen dürfen. Poulain gibt zur Unterscheidung einen guten Rat: beobachten. ,,Oft muß man lange beobachten", sagt er, ,,bis man Klarheit bekommt." Merkwürdigerweise aber wurde der Vorwurf, Barbara Weigands Visionen und Offenbarungen beruhten auf Selbsttäuschung, gerade von solchen erhoben, die die Jungfrau nicht oder fast niemals beobachtet hatten.

Die Abhängigkeit von der Zeitanschauung kann eine weitere Quelle von Irrtümern bilden, wie die Geschichte der Mystik an zahlreichen Beispielen ersehen lässt. So finden sich z. B. die schärfsten Gegensätze der theologischen Schulen in bezug auf noch nicht definierte Glaubenswahrheiten in echten, approbierten Offenbarungen, aber es konnte doch nur die eine Meinung richtig sein. Wenn die heilige Katharina von Siena, wie sie angibt, vom Herrn belehrt wurde, seine heiligste Mutter Maria sei mit der Erbsünde behaftet gewesen, so folgte sie einfach der damaligen Anschauung ihres Ordens. Eine solche Offenbarung gehörte aber nicht zu ihrer Mission. Denn ,,es entspricht der milden Weisheit Gottes, daß auf den Gebieten, welche außerhalb des besonderen Zweckes der Vision und der Sendung liegen, die Begnadigten auf der ihrem Milieu entsprechenden Erkenntnisstufe verbleiben."

Die heilige Theresia und die heilige Katharina von Pazzi täuschten sich über den Ursprung ihrer Ordensregeln, weil sie hierin einfach der Zeitanschauung folgten. Hinsichtlich der Örtlichkeiten und Persönlichkeiten bei den Leidensszenen des Herrn finden sich in approbierten Privatoffenbarungen verschiedene Angaben, wie sich denn sogar die Evangelien, gewiss ,,echte Offenbarungen", manchesmal über eine wahre Begebenheit verschieden äußern. Sind nicht solche Beobachtungen geeignet, gewisse Entgleisungen Barbara Weigands außerhalb ihrer Mission zu erklären, ohne ein verwerfendes Verdikt auf alle ihre Auditionen auszudehnen?

Als gefährliche Quelle von Irrtümern gilt dämonischer Einfluss; er spielt bekanntlich im Leben fast aller Visionäre eine große Rolle. Woran aber erkennt man Offenbarungen, die vom bösen Feinde stammen? Klassisch einfach antwortet hierauf Poulain: ,,Offenbarungen, die vom Teufel ausgehen, sind immer darauf gerichtet, Gutes zu hindern oder Böses zu stiften."

Glaubt nun wirklich jemand, die Schippacher Offenbarungen über den Liebesbund und seine edlen Bestrebungen, über die Einführung der öfteren heiligen Kommunion, über mutiges und offenes Bekenntnis des katholischen Glaubens, über den Geist der Entsagung, des Opfers, der Buße und des Gebetes, über die Erbauung einer schönen Kirche zu Ehren des Eucharistischen Königs, über die Hochschätzung des Priesterstandes und die Pflicht zu seiner Unterstützung: glaubt wirklich jemand, diese Offenbarungen stammten vom Teufel?

Wenn solche Gedanken das Werk des Teufels sind, dann bin ich, wie einst Bischof Räß einmal geäußert hat, ganz gern geneigt, ihm ein Dummheitszeugnis auszustellen. Die aller Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und christlicher Liebe bare Pressehetze gegen Barbara Weigand, das Trümmerfeld von Schippach, dieses himmelschreiende scandalum mit seiner jahrelangen Verursachung von Sünden, scheint aber viel eher in die Arbeitsweise Satans hineinzupassen, der seit dem unseligen Tage, an dem die Polizei die Bauleute von der Schippacher Sakramentskirche vertrieb, im Elsavatal viel Gutes hinderte und viel Böses stiftete.

Wir sehen also, daß Irrtümer in Privatoffenbarungen mancherlei Ursachen haben können und deswegen an sich noch keine Instanz für deren generelle Ablehnung bilden. Das ist katholische Lehre, die der Moralist Göpfert in die Worte kleidet: ,,Die Offenbarungen können nicht den Anspruch auf allseitige objektive Tatsächlichkeit ihres Inhaltes erheben, was schon daraus hervorgeht, daß sie bei verschiedenen begnadigten Personen sich widersprechen; es kann eben das wirklich Geoffenbarte mit dem schon vorhandenen Vorstellungsinhalt sich mischen und in die Darstellung des Geschauten selbst kann sich der Irrtum einschleichen."

Nun hat Barbara Weigand ihre Visionen und Auditionen entweder nur nachträglich, die meisten aber überhaupt nicht selber dargestellt, so daß ein authentischer Text bekanntlich nicht vorliegt. Wenn also in den Schippacher Schriften Schreib- und Dialektfehler, Anakoluthe, sprachlich mangelhafte Satzbildungen vorkommen und wenn die Schreiber und Abschreiber die darin erwähnten Namen von lebenden Personen nicht ausschreiben, sondern dafür den Buchstaben N. oder Zahlen setzten, so hat dies mit dem von Barbara Weigand wirklich Geschauten nichts zu tun und durfte auch nicht als ,,sicheres Zeichen der Unechtheit" bezeichnet werden. Auch sind Privatoffenbarungen nicht dazu da, um unsere Kenntnisse in der Grammatik, Orthographie oder dem Satzbau zu bereichern. Wer sie an solchen Maßstäben misst, zeigt damit nur, daß er von der Wissenschaft der mystischen Theologie nicht einmal die Elemente sein eigen nennt. Selbst tatsächliche Irrtümer finden sich, wie wir gesehen, in echten und approbierten Privatoffenbarungen. Zwar bleibt es zu aller Zeit wahr, was die Gegner Schippachs mit so großer Emphase, wenn auch ganz unnötig, gerufen haben: ,,Gott kann niemals irren oder fehlen!" Diese Binsenwahrheit bestreitet kein Freund Schippachs; aber die Menschen können irren und fehlen. Wo darum ein Irrtum in Privatoffenbarungen festgestellt ist, da ist dieser Irrtum von den Menschen gekommen aus den oben besprochenen Quellen. Solche Irrtümer scheidet man bei der Drucklegung von Privatoffenbarungen aus oder, wenn man sie in den Druck mit aufnimmt, fügt man - diesen Rat gibt Poulain - die Bemerkung bei: ,,Hier hat sich die begnadigte Person getäuscht."

Wenn man von einzelnen Irrtümern sogleich auf den Irrtum des Ganzen schließen wollte, wieviele Privatoffenbarungen blieben denn dann noch ,,echt"? Poulain zählt 31 Heilige und Selige auf, welche in ihren Visionen und Offenbarungen ganz oder teilweise dem Irrtum tributpflichtig geworden sind. Der Augustinerchorherr Amort beanstandet in seinem Werke De revelationibus regulae tutae manches bei der heiligen Gertrud, der seligen Veronica von Binasco und der ehrwürdigen Maria Agreda, bei dieser sogar über 400 Sätze. Trotz ihrer 133 Verstöße gegen den Glauben wurde die heilige Brigitta kanonisiert und werden jene Schriften, in denen es von Irrtümern ,,nur so wimmelt", mit Erbauung gelesen und die Oration zu ihrem Feste rühmt trotz alledem, daß Gott sie mit übernatürlicher Erleuchtung ausgezeichnet hat (Domine Deus noster, qui beatae Birgittae per Filium tuum unigenitum secreta caelestia revelasti).

Auch in den Offenbarungen der Schwester Maria vom göttlichen Herzen Jesu, Droste zu Vischering, welche die Weltweihe an das heiligste Herz Jesu anregte, ist durchaus nicht alles echt, aber Poulain bemerkt dazu sehr vernünftig: ,,Wir haben in denselben wieder ein konkretes Beispiel, wie vorsichtig übernatürliche Mitteilungen einzeln zu prüfen sind, sowie auch, daß einige nicht echte noch keinen hinreichenden Grund liefern, alle als unecht zu erklären."

Wenn es also selbst in approbierten Privatoffenbarungen Verstöße gegen den Glauben gibt, wenn solche Irrtümer keineswegs mit der Echtheit in Widerspruch stehen, wenn solche Verstöße fast naturnotwendig mit der menschlichen Mitwirkung bei der Verarbeitung des Geschauten gegeben sind, wenn die Kirche solchen Verstößen kein Gewicht beilegt: dann widerstreiten auch etwaige Irrtümer in den Schippacher Schriften nicht von vornherein deren Echtheit. Das wird uns die folgende Untersuchung deutlich erweisen.

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a) Die Mission der Barbara Weigand

Der Anspruch der Schippacher Jungfrau, für unsere Zeit eine besondere Aufgabe zu haben, verfiel vor einem Menschenalter der schroffsten Ablehnung. ,,Barbara Weigand", so heißt es z. B. ironisch in einem weitverbreiteten Buche, ,,ist für unsere Gegenwart mit einer außerordentlichen Mission von Gott betraut; sie ist das Sprachrohr und das Werkzeug Christi, durch welches er das Volk Gottes auf den rechten Weg zurückführen will." Ein solcher Anspruch ,,widerspreche klar dem katholischen Glauben" und sei nichts als eine Anmaßung. Es bedürfe zudem für unsere Zeit keiner außerordentlichen Mittel zur Rettung der Welt; die Macht und die Kraft des Evangeliums seien dieselben wie zu den Zeiten der Apostel; die Welt von heute sei nicht schlechter als die damalige. Wir Priester seien schon allein imstande, mit der Bekehrung der Welt fertig zu werden, auch ohne charismatisch Begabte à la Barbara Weigand. Wenn einst die Apostel, ausgerüstet mit der Lehre und den Gnadenmitteln Christi, ausgezogen seien, um eine heidnische Welt zu bekehren, warum sollte es heute nicht mehr möglich sein? So die Anklage. Gehen wir den einzelnen Anklagen etwas nach!

Also Barbara Weigands Meinung, eine besondere Aufgabe für unsere Zeit zu haben, soll ,,klar dem katholischen Glauben widersprechen!" Was hat nicht im Leben der Schippacher Jungfrau alles dem katholischen Glauben widersprechen sollen! Ob sie mit einer solchen Mission wirklich von Gott betraut war, wissen wir zwar nicht und ihre diesbezügliche Meinung konnte objektiv irrig sein, aber dem katholischen Glauben widersprach eine solche Meinung keineswegs. Welchem katholischen Glaubenssatz widerspricht es, wenn Barbara Weigand sich mit einer außerordentlichen Mission betraut glaubte? Wann und wo ist ein katholischer Glaubenssatz aufgestellt worden, daß man sich nicht mit einer außerordentlichen Mission von Gott betraut glauben dürfe? In welchem Buche der Heiligen Schrift, auf welchem Konzil, in welcher Kathedralentscheidung ist der Glaubenssatz ausgesprochen, niemand, und darum auch Barbara Weigand nicht, dürfe sich als Sprachrohr und Werkzeug Gottes betrachten? Einen solchen Glaubenssatz gibt es nicht. So etwas hat die katholische Kirche nie gelehrt. Wohl aber lehrt die Kirchengeschichte, daß Gott zu allen Zeiten Männer und Frauen erweckt und mit einer besonderen Mission betraut hat.

Diese geschichtliche Tatsache entspricht auch ganz der Fundamentalwahrheit der mystischen Theologie, daß die mystische Gnade den damit Beschenkten nicht nur zur eigenen Heiligung (gratia gratum faciens), sondern vielmehr zum Wohle der Mitmenschen (gratia gratis data) verliehen wird.

Zutreffend erinnert Zahn einmal an das Wort des heiligen Paulus: ,,Ich sehne mich, euch zu sehen, damit ich euch etwas mitteile von geistiger Gnadengabe, um euch zu stärken", und bemerkt dazu, in jedem Mystiker lebe etwas von der Gesinnung des Weltapostels, von einer Gesinnung, die zur apostolischen Arbeit und zum Apostolat des Gebets für die Kirche hinführe.

Diese Aufgabe sieht Zahn als den Hauptzweck der mystischen Begnadigung an, wenn er meint, die Charismata, ,,dienten zunächst nicht sowohl dem Seelenheil des einzelnen charismatisch Begabten, als vielmehr der Förderung des Reiches Gottes in den Seelen, in der Welt." ,,Weil die Mystik nach den Gesetzen des Reiches Gottes sich regelt, muß sie auch mit vollem, tätigen Ernst sich beteiligen, wenn im großen Chor der Menschheit das Adveniat regnum tuum gebetet wird. Der Mystiker wird bereit sein, mit hinauszufahren auf das Meer dieser Welt, wenn es gilt, die Netze in ihre Fluten einzusenken, um Seelen zu gewinnen." Ganz so Meschler.

,,Die Gnadengaben sind übernatürliche Kräfte und Tätigkeiten, welche der Kirche verliehen sind zum geistlichen Nutzen anderer, nicht zur Heiligung des Trägers derselben ... die Gnadengaben werden nicht zur Heiligung und Vervollkommnung dessen verliehen, der sie empfängt, sondern vielmehr zum Nutzen anderer und der gesamten Kirche."

Vom Gedanken, Träger einer Mission zu sein, waren darum auch alle echten Mystiker erfüllt. Alle, welche eine nach außen hervortretende apostolische Tätigkeit entfalteten, haben diese Tätigkeit begründet mit einer Weisung von oben, mit einem Auftrag Gottes. Man lese nach, wie Juliana von Lüttich die Einführung des Fronleichnamsfestes, wie Maria Droste Vischering die Weltweihe an das Heiligste Herz Jesu, wie Margarete Maria Alacoque die Feier der Herz- Jesu-Freitage, wie die heilige Theresia die Reform ihres Ordens, wie der heilige Johannes vom Kreuz seine Ordensstatuten, wie Bernadette Soubirous die Erbauung der Lourdeskapelle, wie der heilige Simon Stock die Gründung der Skapulierbruderschaft, wie Euphemia Dorer Ordensreform und Herz-Jesu-Verehrung, wie Benigna Consolata, die heilige Theresia vom Kinde Jesus, der heilige Franz von Assisi, die selige Julie Billiart, die Kinder von Fatima ihre Aufgaben begründen: immer sind es Befehle vom Himmel her, welche die Begnadigten antreiben, auch unter den größten Schwierigkeiten, für ihre Ideen zu wirken. ,,Ich will dich zum Werkzeug gebrauchen, um viele Seelen zu retten", nach diesem Weckrufe des Herrn handelten ungezählte große Gestalten unserer
Kirchengeschichte.

Selbstverständlich konnten und durften die Begnadigten solche Aufträge nicht verheimlichen, sondern mußten sie zur Kenntnis der zuständigen Stellen bringen. Darum ist auch die Behauptung, die man gegen Barbara Weigand richtete: das Hintragen ihrer inneren Erleuchtungen zu den Bischöfen widerspreche dem Charakter echter Mystik, völlig abwegig.

Überall, wo die Mystiker sich berufen fühlten, in einer Sache anregend zu wirken, haben sie - trotz zeitweiliger Verbote - nicht geschwiegen. Nun berichtet Barbara mehr als einmal, vom Herrn die Stimme vernommen zu haben: ,,Du mußt immer wieder die Vorgesetzten um die öftere Kommunion bitten, und du wirst diese Gnade erlangen, wenn du einmal deinen Willen dem meinigen ganz unterworfen hast. Du sollst das Werkzeug sein, dessen ich mich bedienen will, um auch anderen dieses Glück zu verschaffen." ,,Sieh, jetzt habe ich dir dieses Glück verschafft; sorge aber auch dafür, daß es anderen ebenso zuteil werde. Gehe zu deinem Bischof und sage ihm, es sei mein Wille, daß die öftere Kommunion überall eingeführt werde."

Wenn wir uns nun in die Lage der Jungfrau hineinversetzen und mit ihr fühlen, wie es die mystische Theologie gebietet, was mußte dann Barbara Weigand tun, als sie diese Stimme vernahm? Nach der Lehre der katholischen Moral mußte sie der Stimme folgen. Das war kein ,,Größenwahn" und keine ,,eitle Ostentationssucht", sondern einfach Gehorsam gegen die Stimme - wenn nicht Gottes - dann wenigstens ihres Gewissens. ,,Es ist gut, das Geheimnis des Königs zu verbergen, aber ehrenvoll ist es auch, die Werke Gottes zu offenbaren und zu preisen."

Auch die Ablehnung der Weigandschen Mission mit dem Ausrufe, wir Priester bräuchten keine außerordentlichen Mittel zur Rettung der Welt, wir würden schon allein mit deren Bekehrung fertig, klingt reichlich selbstbewusst. Eine solche Sprache dürfte uns heute angesichts des allgemeinen religiösen und sittlichen Niedergangs gewiss nicht mehr anstehen. Oder haben wir die deutsche Überheblichkeit auch in religiösen Dingen noch nicht aufgegeben? Wenn wir Priester es allein in der Hand haben, eine heidnische Welt zu bekehren, warum sieht es denn dann in Stadt und Land so übel aus? Und die andere nicht weniger kühne Behauptung, die Welt von heute sei auch nicht schlechter als die heidnische zu den Zeiten der Apostel?

Nun kann man ja über diese Frage verschiedener Meinung sein. Aber die Hirtenbriefe und Predigten der deutschen Bischöfe, die Weherufe aus den Konzentrationslagern, die Leichenberge in den Krematorien und Gaskammern und die Akten der Nürnberger Prozesse scheinen die ,,Schwarzseherei" der Schippacher Jungfrau doch ziemlich deutlich zu bestätigen. Sah sich nicht der Bischof von Würzburg, also von jener Stadt, in welcher die Anschuldigung der Jungfrau wegen ihrer ,,Schwarzseherei" erhoben wurde, genötigt, in seiner Silvesterpredigt vom Jahre 1949 über den Niedergang des religiösen Lebens in seiner Bischofsstadt bittere Klage zu erheben?

Vernehmen wir seine Worte:

,,Noch eine zweite Sorge lässt mich unsere Silvesterbetrachtung mit der Not beginnen. Ich fürchte, es möchte neben dem knappen Brot und dem fehlenden Geld die viel ernstere seelische und sittliche Not übersehen werden, die ständig anschwillt. Der Zerfall unserer Familien schreitet erschreckend fort, die Entweihung der Ehen wird immer mehr zur Selbstverständlichkeit. Im Vergleich zum Jahre 1938 ist im Jahre 1948 die Zahl der Ehescheidungen um ein Dreifaches gestiegen. In einem Zeitraum von vier Wochen wurde von 59 Paaren, von denen wenigstens ein Partner katholisch war, die Ehe eingegangen. 32 davon ließen sich vor dem Altar trauen, 27 gingen der Kirche verloren, davon 18 aus geschiedenen Ehen. Meine lieben Würzburger! Mir graut, wenn ich hundert Jahre weiter denke. Wo wird dann unsere Stadt stehen?"

Solche Worte aus Bischofsmund sehen der ,,Schwarzseherei" der Schippacher Jungfrau doch recht ähnlich. Wenn die Würzburger Priester es in der Hand haben, solchen Niedergang zu steuern, warum tun sie es dann nicht?

Zwischen der Ausrüstung der Apostel und unserer gewöhnlichen priesterlichen Ausrüstung besteht eben doch ein sehr großer Unterschied. Die Apostel waren nicht nur durch die Priesterweihe Ausspender der Geheimnisse Gottes, wie wir Priester, sondern verfügten über Charismata, die uns Priestern abgehen: die Gaben der Weissagung, der Unterscheidung der Geister, der Wunderkraft, der Sprachen, der Weisheit und Wissenschaft, der Krankenheilung, der Teufelsaustreibung, der Totenerweckung.

,,Wer an mich glaubt, wird die Wunder tun, die ich wirke, und noch größere." ,,Wer glaubt, denen sollen Zeichen folgen: in meinem Namen werden sie ... in neuen Sprachen reden, Schlangen aufheben, und wenn sie Gift getrunken haben, soll es ihnen nicht schaden." Gerade diesen außerordentlichen Gnadengaben aber verdankten die Apostel ihre beispiellosen Erfolge in der Missionierung, wie auch Meschler hervorhebt: ,,Die Kirche hat in den ersten Zeiten ihre rasche Verbreitung namentlich dem Gebrauche dieser Gnadengaben zu verdanken ... Der Unterschied der Kirche von heute und ehedem ist nur der, daß der Gebrauch dieser Geistesgaben, ehemals viel häufiger, ja fast allgemein, war, jetzt aber nicht mehr ... In den ersten Zeiten galt es, dem Christentum gleichsam mit Gewalt Eingang zu verschaffen ...
Der Heilige Geist sandte die Apostel schwach und arm an natürlichem Wissen und Vermögen in die Welt, um so mehr mußte er sie ausrüsten mit übernatürlichen, wunderbaren Gaben."

Diese Darstellung hört sich doch ganz anders an als die obige Auslassung des charismenleugnenden Schippachgegners vom Jahre 1916, der seinen Lesern weismachen wollte, die Apostel hätten keine andere Ausrüstung besessen als wir Priester von heute.

Wenn es heute keine außerordentlichen Gnadengaben mehr zur Bekehrung der Welt bedarf, wenn unsere gewöhnliche priesterliche Ausrüstung genügt, warum erweckt denn dann Gott doch auch in unseren Tagen solche mit außerordentlichen Gaben beschenkte Menschen? Warum dann noch Lourdes und Fatima? Ist das nicht eine Verschwendung seitens Gottes? Wer so laut verkündet, unsere Zeit brauche keine Charismata, der leugnet Wesen und Aufgabe aller wahren Mystik, die ja gerade auch für die anderen da ist, wie wir oben bereits eingehend aus der mystischen Literatur erwiesen haben und wie es z. B. auch so treffend in der Oration auf das Fest der Wundmale des heiligen Franziskus heißt: Als die Welt zu erkalten begann, hast du, um unsere Herzen mit dem Feuer deiner Liebe zu entzünden, am Leibe des heiligen Franziskus die heiligen Wundmale deines Leidens erneuert."

Wie treffend betont gerade zu diesem Gegenstand Papst Pius XII. in seiner Enzyklika Mystici Corporis vom 29. Juni 1943, daß ,,solche mit Wundergaben ausgestattete Menschen niemals in der Kirche fehlen werden." ,,Bald - und dies zumal in schwierigen Zeitumständen - erweckt Er im Schoße der Mutter Kirche Männer und Frauen, die durch den Glanz ihrer Heiligkeit hervorleuchten, um den übrigen Christgläubigen zum Beispiel zu dienen für das Wachstum Seines geheimnisvollen Leibes." ,,Ohne Fehl erstrahlt unsere verehrungswürdige Mutter ... endlich in den himmlischen Gaben und Charismen, durch die sie in unerschöpflicher Fruchtbarkeit unabsehbare Scharen von Märtyrern, Jungfrauen und Bekennern hervorbringt."

Am 1. Juni 1946 sprach vor dem Kardinalskollegium Papst Pius XII. die folgenden Worte: ,,Wir fühlen uns gedrängt, aufs neue Unsere Stimme zu erheben, um Unseren Söhnen und Töchtern der katholischen Welt die Warnung in Erinnerung zu rufen, die der göttliche Heiland im Laufe der Jahrhunderte in Seinen Offenbarungen an bevorzugte Seelen nie aufgehört hat einzuschärfen: Entwaffnet die strafende Gerechtigkeit durch einen Kreuzzug der Sühne in der ganzen Welt!"

Darum halten wir es mit dieser päpstlichen Stimme, die Paul Bourget in die Worte gekleidet hat: ,,Nein, die Epoche der Wunder ist nicht abgeschlossen, aber es braucht Heilige - und die sind selten."

Wir sehen: Barbara Weigands Glaube, vom Herrn mit einer besonderen Mission für unsere Zeit betraut worden zu sein, widersprach in keiner Weise dem katholischen Glauben. Wohl aber zeugt die Ablehnung der Charismata durch deutsche katholische Priester von jener rationalistischen Denkweise, gegen welche sich gerade um jene Zeit Papst Pius X. so energisch wenden mußte.

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b) Barbara Weigand betreibe Sektiererei

Wohl der schwerste Vorwurf, der gegen Barbara Weigand erhoben wurde, war jener der Sektiererei. Sie sei die Begründerin einer neuen Sekte, weil sich in ihren Offenbarungen der Satz finde: ,,Jeder meiner Diener, der sie (die Schriften) lesen wird, wird sie nicht lesen ohne geistigen Nutzen für seine Seele; denn er muß sich eingestehen, daß er ein Buch des heiligen Evangeliums liest, nicht als ob das Evangelium, das meine Kirche aufbewahrt, nicht genügte und als ob ich hier meiner Kirche ein neues in die Hand geben wolle, nein, aber jeder meiner Diener wird das Evangelium darin finden, d.h. mein Wort, meinen Geist."

Ich frage: Gibt diese Stelle, zumal im Zusammenhang mit den anderen Äußerungen und dem ganzen Leben und Wirken der Jungfrau Barbara betrachtet, einem objektiven, ruhig denkenden, pietätvollen, leidenschaftslosen, unvoreingenommenen, wissenschaftlich prüfenden Leser wirklich das Recht, die Sprecherin mit dem schweren Verdikte der Sektiererei zu belasten? Sagt denn nicht Barbara in dieser Stelle ganz klar folgendes:
a) Das Evangelium der Kirche genügt;
b) ich will kein neues Evangelium bringen und
c) meine Schriften wollen mit dem Evangelium Christi übereinstimmen?

Weist sie nicht schon im voraus den möglichen Vorwurf, sie ,,lehre" die Insuffizienz des kirchlichen Lehramts und der Heiligen Schrift, laut und feierlich mit einer dreimaligen Entrüstung zurück (,,nicht", ,,nein, nein")?

In der Tat hat die Schippacher Jungfrau niemals die Insuffizienz des kirchlichen Lehramtes ,,gelehrt", wohl aber des öfteren betont, sie wolle mit ihren Worten die alten Wahrheiten ins Gedächtnis zurückrufen und bekräftigen, die Kirche und ihre Diener unterstützen; sie ruft auf zum Anschluss an Kirche und Priester, zum Gehorsam gegen die Gebote und Vorschriften der Kirche und preist in überschwänglichen Worten das Glück, dieser heiligen katholischen Kirche angehören zu dürfen. Einer Person, die solche warme Worte für Kirche, Liturgie und Priester findet und in ihrem langen Leben allezeit eine treue Tochter dieser Kirche geblieben ist, darf man nicht den Vorwurf machen, sie betreibe Sektiererei.

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c) fides divina

Wer eine Analyse des mystischen Lebens einer Person geben will, darf nicht starre aprioristische Sätze unbesehen auf das Seelenleben der zu prüfenden Person übertragen, sondern muß versuchen, in die Seele eines solchen Menschen so tief als möglich einzudringen. Treffend bemerkt hierzu der Religionspsychologe Guido Ferrandi: ,,Da nur der Mystiker imstande ist, seine religiösen Erfahrungen zu beschreiben, so muß der Psychologe, wenn er wirklich eine wissenschaftliche Methode befolgen will, seine Aussagen als Wahrheit hinnehmen ... Wer sie erklären will, muß sich auf den Standpunkt des Mystikers stellen".

Wie in vielen anderen Erscheinungen, so hat man es auch dort nicht verstanden, sich in die Seele der Jungfrau einzuleben, wo sie von dem Glauben an ihre übernatürlichen Mitteilungen spricht. Man machte es ihr nämlich zum Vorwurf, sie verlange für ihre Offenbarungen nicht bloß eine fides humana, sondern eine fides divina atque catholica. Nun befindet sich aber Barbara Weigand wie jeder Mystiker den ihr gewordenen Offenbarungen gegenüber in einer ganz anderen Lage als wir Außenstehende. Jene übernatürlichen Mitteilungen sind ihr unmittelbar gewiss, sie braucht dafür keine Beweise, sie hat sie ja gehört und gesehen, sie hat die innere intuitive Erkenntnis davon, oder wie Poulain sagt: ,,Was die Sicherheit der Mystiker (über ihre Visionen) betrifft, sind sie so überzeugt, wie ich sicher bin, ein Buch vor mir zu haben ... die großen Mystiker sind sicher über ihre Visionen". Ganz anders wir Außenstehende.

Wir beurteilen solche Offenbarungen nur nach den Regeln der Glaubwürdigkeit, d.h. wir bringen ihnen bloß eine fides humana entgegen. Der eine von uns wird sie als probabiles und pie credibiles betrachten und demgemäß glauben, der andere dagegen nicht; denn überzeugen können uns die Mystiker niemals von sich aus mit Evidenz. Kann der Mystiker andere überzeugen, fragt einmal Poulain und gibt darauf die Antwort: ,,Das wird ihnen nur bei solchen gelingen, die guten Willens ohne Vorurteil sind". Wir Außenstehende brauchen Gründe und Beweise, wenn wir solche Offenbarungen glauben sollen, der Empfänger dieser Stimmen jedoch nicht. Weil diesem die Offenbarungen intuitiv gewiss sind, kann er sich auch nicht in die Lage der Außenstehenden hineinversetzen und darum auch nicht begreifen, wie man diese Offenbarungen bezweifeln könne. Barbara Weigand glaubte deshalb an ihre Offenbarungen nicht bloß mit einer fides humana, sondern mit einer höheren fides, einer fides divina, d.h. einem Fürwahrhalten auf die Autorität des in ihr sprechenden Gottes hin. Das ist der psychologische Prozess, der sich in der begnadigten Seele abspielt. Wenn die Begnadigte von den ihr gewordenen Offenbarungen nicht mehr hielte wie wir Außenstehenden, wäre es schlecht um sie bestellt. Wenn also Barbara Weigand an ihre Offenbarungen mit einer fides divina, d.h. einer absoluten Gewissheit glaubte, so entsprach dieser Vorgang völlig der Psychologie des Glaubens und auch der katholischen Glaubenslehre, wie z.B. Göpfert ausdrücklich bestätigt: ,,Eine fides simpliciter divina, d.h. ein Führwahrhalten auf die Autorität Gottes hin muß in demjenigen sein, dem besondere Offenbarungen von Gott gemacht worden sind". Dasselbe bestätigt uns Rahner S.J., wenn er es als allgemeine Lehre der Theologen bezeichnet, ,,daß die Tatsache der Echtheit einer Privatoffenbarung so deutlich für den Visionär selbst sein kann, daß dieser berechtigt oder sogar verpflichtet ist, ihren Inhalt fide divina zu glauben". Barbara Weigands fides divina an ihre Privatoffenbarungen war sonach eine Erfüllung des christlichen Sittengesetzes, aber kein Verstoß gegen den katholischen Glauben.

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d) Sühnegedanke

Zu den anziehendsten, ganz zeitgemäßen Partien in den Schippacher Offenbarungen gehören unstreitig die Äußerungen über unsere Sühnepflicht gegenüber dem beleidigten Herzen Gottes. Im Banne dieser hehren Aufgabe stand das ganze lange Leben der Jungfrau, wie uns das einschlägige Kapitel dieses Buches deutlich hat ersehen lassen. Aber auch dieses Ideal mußte sich ehedem schwere Anschuldigungen gefallen lassen.

Da wurde im Jahre 1916 beanstandet, ,,daß die Schippacher Seherin das Beten, Sühnen und Leiden jungfräulicher Seelen zu conditio sine qua non für die Wirksamkeit der priesterlichen Tätigkeit macht. Das opus operatum des heiligen Messopfers wird in Frage gestellt und seine Wirksamkeit wiederum abhängig gemacht von der betenden Anteilnahme sühnender, mitopfernder Seelen. Ihr Sühnegedanke ... ist verquickt mit einer Reihe schwerer theologischer Irrtümer über die Heilsvermittlung, die Zuwendung der Erlösungsfrüchte Christi, den geistlichen Kirchenschatz usw. Insbesondere meint sie, sühnende Seelen müssten das Gnadenbrot ihren Zeitgenossen erst verdienen ... Barbara Weigand glaubt, daß auch für die Zuwendung der Erlöserfrüchte ein neues Leiden notwendig sei. Da müssen nun büßende Seelen einspringen und an Stelle Christi die Zuleitung der Verdienste Christi ihren Zeitgenossen ermöglichen.

Das Sühneleiden dieser Personen wird so zur satisfactio vicaria, zur stellvertretenden Genugtuung. Zu dieser stellvertretenden Genugtuung wird man befähigt insbesondere durch die heilige Kommunion, die uns zum zweiten Christus mache und seine Gewalt auf uns übertrage ... Sie leugnet den dogmatischen Fundamentalsatz vom überfließenden Genugtuungsverdienst Christi ...

Ein schwerer eucharistischer Irrtum der Barbara Weigand ist ferner der, daß sie die unfehlbare Wirksamkeit des Gebetes und Opfers Christi bei der heiligen Messe dem Vater gegenüber leugnet. Um es dogmatisch auszudrücken: das opus operatum beim heiligen Messopfer wird geleugnet; seine Wirksamkeit wird nach allen Seiten hin geknüpft an das opus operantium. Christi Gebet und Opfer bleibt solange unerhört und wirkungslos, bis sühnende Seelen nach der Anweisung von Barbara Weigand dem heiligen Messopfer beiwohnen. Erst deren Tätigkeit macht Gebet und Opfer erhörungsfähig und wirkungskräftig. Das ist eine ganz ungeheuerliche Herabwürdigung des ewigen Hohepriesters Jesus Christus.“

Also Barbara Weigand, die eucharistische Frühlingsblume von Schippach, die betende, sühnende, leidende, der heiligen Messe täglich beiwohnende, unter heroischen Opfern dem Tisch des Herrn sich nahende Jungfrau, die ein nahezu hundertjähriges Leben ganz dem eucharistischen Gotte weihende Barbara Weigand hat sich einer ,,ganz ungeheuerlichen Herabwürdigung des Hohenpriesters Jesus Christus“ schuldig gemacht? Ist diese Auslassung nicht eigentlich ein rechtes Armutszeugnis, das der Schreiber obiger Worte dem theologischen Wissen jener Bischöfe, Domherren, Professoren und Priestern ausstellt, die seit zwanzig Jahren jene Schriften lasen und von den vielen ,,eucharistischen Irrwegen“ und der ,,ganz ungeheuerlichen Herabwürdigung des ewigen Hohenpriesters Jesus Christus“ ebensowenig wahrgenommen hatten wie von der angeblich ,,vollständig neuen Engellehre“? Freilich konnten diese ,,Irrtümer“ nicht auffallen, weil sie in den Schippacher Schriften nicht enthalten sind. Steht doch alles, was dort über Genugtuung, Sühne, Leiden, heilige Kommunion, Messopfer gesagt wird, ganz im Einklang mit unserem heiligen Glauben, wenn man es nur versteht, jene Texte in demselben Geiste der Pietät zu lesen, in dem sie geschrieben sind.

Die Fundamentallehre des katholischen Glaubens, daß Jesus Christus durch seinen Opfertod am Kreuze alle Menschen erlöst hat, wird von Barbara Weigand keineswegs geleugnet, sondern offen und frei bekannt. Am Schmerzhaften Freitag 1899, z. B. spricht Jesus ganz deutlich: ,,Die Menschheit ist nun erlöst, das Wort des Vaters ist vom Himmel gestiegen und hat den Willen des Vaters allen Menschen verkündet, die Gnade ist verdient, daß alle Menschen können selig werden, wer nur selig werden will“, und wieder am 25. Mai 1899: ,,Meine Verdienste allein reichen hin.“ Aber ,,das Werk der Erlösung ist in der Kirche und in den einzelnen noch nicht vollendet (Schott, Messbuch); trotz der allgemeinen Erlösung durch Jesus Christus gehen viele Menschen verloren, wodurch jedoch der Universalität der Genugtuung Christi kein Abbruch geschieht. Denn man muß unterscheiden: die Genugtuung Christi ist allgemein quoad sufficientiam, aber nicht quoa efficaciam, d.h. die Universalität der Genugtuung ist eine objektive, keine subjektive.

,,Durch die objektive Sühneleistung Christi, des neuen Hauptes der Menschheit, ist nicht auch schon jeder einzelne entsühnt und geheiligt! Er hat nur die Möglichkeit der Entsühnung und Heiligung in der Versöhnungstat Christi“, schreibt Staab in seinem Buche über die stellvertretende Genugtuung, und im Brevier lesen wir die Worte des heiligen Augustinus:
,,Sanguis Dei, si vis, datus est pro te; si nolueris, non est datus pro te.“

Um nun die objektive Erlösung zu einer subjektiven zu machen, d.h. um die satisfactio sufficiens zu einer satisfactio efficax zu gestalten, also um die Sünder in concreto zu retten, bedarf es der Zuleitung der Erlösungsfrüchte in die einzelnen Seelen. ,,Oportet universalem causam applicari ad unumquodque specialiter, ut effectum universalis causae participet“. An dieser Zuleitung sollen wir uns alle beteiligen gemäß dem Worte des heiligen Paulus: ,,Darum ermahne ich euch vor allem, daß Bitten, Gebete, Fürbitten, Danksagungen geschehen für alle Menschen“, und der Mahnung der Kirche beim heiligen Opfer: ,,Betet, Brüder, daß mein und euer Opfer angenehm werde bei Gott dem allmächtigen Vater!“

Ganz klar spricht der Heilige Vater Papst Pius XI. diesen Gedanken aus in seiner Enzyklika vom Herz-Jesu-Fest, zu lesen im Römischen Brevier de IV die infra Octavam Sacr. Cordis Jesu: ,,Quamquam vero copiosa Christi redemptio abunde nobis omnia delicta donavit ..., etiam laudibus et satisfactionibus, quas Christus in nomine peccatorum Deo persolvit, nostras quoque laudes et satisfactiones adjicere possumus, immo etiam debemus ... Cum hoc augustissimo Eucharistico sacrificio et ministrorum et aliorum fidelium immolatio conjungi debet. Quin immo sanctus Cyprianus affirmare non dubitat sacrificium dominicum legitima sanctificatione non celebrari nisi oblatio et sacrificium nostrum responderit passioni.“

Auch Papst Pius XII. kommt in seiner Enzyklika Mystici Corporis vom 29. Juni 1943 wiederholt auf diese Fundamentalwahrheit unseres Glaubens zu sprechen: ,,So hat denn Christus durch seinen Tod am Kreuz nicht bloß der verletzten Gerechtigkeit des Ewigen Vaters Genüge getan, sondern Er hat uns als seinen Brüdern zugleich eine unaussprechliche Fülle von Gnaden verdient. Diese hätte Er selbst unmittelbar dem gesamten Menschengeschlecht zuteilen können; Er wollte es aber tun durch die sichtbare Kirche, zu der die Menschen sich vereinigen sollten, damit so bei der Verteilung der göttlichen Erlösungsfrüchte alle ihm gewissermaßen Helferdienste leisten könnten“ (S. 15). ,,Ein Leib verlangt auch eine Vielheit von Gliedern, die so untereinander verbunden sein müssen, daß sie sich gegenseitig Hilfe leisten“ (S. 16). ,,Jedoch muß auch festgehalten werden, so seltsam es erscheinen mag, daß Christus nach der Hilfe seiner Glieder verlangt ... Überdies will unser Erlöser, soweit Er persönlich auf unsichtbare Weise die Kirche regiert, die Mitwirkung der Glieder seines mystischen Leibes bei der Ausführung des Erlösungswerkes ... Während Er nämlich am Kreuze starb, hat Er den unermesslichen Schatz der Erlösung seiner Kirche vermacht, ohne daß sie ihrerseits dazu beitrug. Wo es sich aber darum handelt, den Schatz auszuteilen, lässt Er seine unbefleckte Braut an diesem Werke der Heiligung nicht nur teilnehmen, sondern Er will, daß dies sogar in gewissem Sinne durch ihre Tätigkeit bewirkt werde. Ein wahrhaft schaudererregendes Mysterium, das man niemals genug betrachten kann. Daß nämlich das Heil vieler abhängig ist von den Gebeten und freiwilligen Bußübungen der Glieder des geheimnisvollen Leibes Jesu Christi, die sie zu diesem Zwecke auf sich nehmen, und von der Mitwirkung, die die Hirten und Gläubigen ... unserm göttlichen Erlöser zu leisten haben“ (S. 26). ,,Was unser Erlöser aber einst am Kreuze begonnen hat, das setzt Er in seiner himmlischen Herrlichkeit ohne Unterlass fort ... Uns aber ist die Aufgabe geworden, Christus in diesem Heilswirken hilfreiche Hand zu leisten, die wir aus dem Einen und durch den Einen erlöst sind und selbst erlösen“ (S. 32).

,,Ebenso bringen aber auch die Gläubigen selbst das unbefleckte Opfer, das einzig durch des Priesters Wort auf dem Altar zugegen ward, durch die Hände desselben Priesters in betender Gemeinschaft mit ihm dem Ewigen Vater dar als ein wohlgefälliges Lob- und Sühneopfer für die Anliegen der ganzen Kirche“ (S. 42). ,,Zwar hat unser Heiland seiner Kirche durch das bittere Leiden und den bitteren Tod einen geradezu unendlichen Schatz von Gnaden verdient, doch diese Gnaden werden uns nach Gottes weisem Rat nur zu Teilen zugedacht; ihre größere oder geringere Fülle hängt nicht wenig auch von unseren guten Werken ab, durch die der von Gottes Huld gespendete Gnadenregen auf die Seelen der Menschen herabgezogen wird. Er wird sicherlich in reicher Fülle strömen, wenn wir nicht nur eifrig zu Gott beten und besonders am heiligen Messopfer womöglich täglich andächtig teilnehmen, nicht nur in christliche Liebespflicht die Not so vieler Bedürftigen zu lindern versuchen, sondern vor allem, wenn wir den vergänglichen Gütern dieser Welt die ewigen vorziehen, wenn wir diesen sterblichen Leib durch freiwillige Buße in Zucht halten, ihm Unerlaubtes versagen und auch Hartes und Rauhes ihm abfordern, wenn wir endlich die Mühen und Leiden des gegenwärtigen Lebens wie aus Gottes Hand ergeben annehmen. So werden wir gemäß dem Wort des Apostels ,,an unserem Fleische ergänzen, was an dem Leiden Christi noch fehlt für seinen Leib, die Kirche“ (S. 51 f).

In seinem Rundschreiben vom 20. November 1947 über die heilige Liturgie kommt der Heilige Vater erneut auf diese notwendige Mitwirkung der Gläubigen zu sprechen. Indem er dort ausdrücklich auf die obigen Sätze aus der Enzyklika über den Mystischen Leib verweist, betont der Heilige Vater abermals: ,,Damit also die einzelnen Sünder im Blute des Lammes reingewaschen werden, bedarf es der Mitwirkung der Christgläubigen“ (amtl. Text S. 17). Wer wollte in diesen Worten von höchster Warte nicht geradezu eine feierliche Sanktion der Sühne- und Opferbereitschaft erblicken, wie sie in den Satzungen des von Barbara Weigand gegründeten ,,Eucharistischen Liebesbundes“ gefordert wird?

Diese Mithilfe, um die einmal durch Christus geleistete Genugtuung zu einer in den Seelen wirksamen zu machen, ist es, der sich Barbara Weigand mit allen Fasern ihres Herzens widmet, wenn sie durch ihr Gebet und ihre Sühne das Opfer des Herrn unterstützen und die Herzen für die Zuleitung der Erlösungsfrüchte fähig machen will, wie wir aus den zahlreichen oben mitgeteilten Äußerungen ersehen haben. So hört sie am 3. September 1897 Jesus sprechen: ,,Es müssen sich Seelen verbinden mit mir, die diesen Arm (der strafenden Gerechtigkeit) aufhalten“, oder im Februar 1899: ,,Es soll der Zorn meines Vaters besänftigt werden; denn obwohl ich mich alle Tage und Nächte vor meinem Vater niederwerfe, anbetend, sühnend, opfernd, leidend, in dem heiligen Messopfer, so genügt ihm dies nicht mehr; es muß die Menschheit sich mit mir verbinden, es müssen meine treuen Kinder sich verbinden mit mir und nur dann wird das Opfer vollbracht sein.“ ,,Ihr, meine treuen Kinder, haltet zusammen, unterstützt die Priester durch Opfer, Sühnen, Leiden.“ ,,Meine Verdienste allein reichen hin. Wenn aber keine Seele da ist, die mit lebendigem Glauben mir die Güte herauszwingt aus meinem Herzen ..., dann bleiben die Gnaden unbenutzt. Man muß die Gnaden hineinzuleiten und zu opfern wissen und nicht nur ein Opfer, sondern alle heiligen Messopfer ... zusammen mir aufopfern und durch Maria, meine Mutter, mir opfern.“

Daraus ist deutlich zu ersehen, daß die Gottesfreundin von Schippach mit ihrem Beten, Sühnen, Leiden die objektive Erlösung durch Jesus Christus nicht verdrängen und durch eine neue satisfactio vicaria ersetzen will, wie man ihr vorwarf, sondern daß sie mithelfen möchte, damit die einmal geschehene Erlösung auch zur wirklich subjektiven Rettung der Seele werde. ,,Helft mir, helft mir, Seelen will ich retten.“ Sie denkt gar nicht daran, das opus operatum der heiligen Messe ,,in Frage zu stellen“ oder gar zu ,,leugnen“. Christus hat, so bekennt sie vielemale, durch seinen Opfertod am Kreuze ein für allemal für alle Sünden Genugtuung geleistet; der unendliche Behälter ist bis zum Überfließen mit Heilswasser gefüllt. Aus der Überfülle dieses Heilswassers schöpft das heilige Messopfer, um davon den einzelnen mitzuteilen; die heilige Messe setzt die objektiven Werte des Kreuzopfers in subjektiven Umlauf.

Die Wirkweise des heiligen Messopfers aber ist teils ex opere operatio teils ex opere operantis. Dieses opus operantis zeigt sich in mehrfacher Tätigkeit: als die gottmenschliche Opfertätigkeit des Hohenpriesters Jesus Christus, als Tätigkeit der Kirche, als Tätigkeit der sonst am Opfer Beteiligten. Diese letzteren erhalten für sich und andere in impretatorischer, propritatorischer und satisfaktorischer Beziehung um so reichlichere Früchte, je inniger sie mit dem Priester verbunden sind. Die innigste Verbindung aber, um mit dem Priester das Lamm Gottes aufzuopfern, ist vollständige Sichverähnlichung mit dem Lamm Gottes durch Gebet, Sühne, Leiden und durch die sakramentale Kommunion. Darin zeigt sich am besten die Gliedschaft am Leibe Christi, am ,,königlichen Priestertum“. Weil aber die meisten Christen dieses ihr Priestertum nicht oder nur unvollkommen ausüben, erweckt der Geist Gottes immer wieder einzelne Seelen, die es als ihren Lebensberuf erkennen, mit ganzem Herzen und Willen in den Opferwillen Christi einzugehen und dessen Opfer in beständigem Gebet und heroischem Leiden gleichsam in sich zu erneuern. Besonders sind es jungfräuliche Frauenseelen, die als Opferseelen die priesterlich apostolische Wirksamkeit, von der der Heilige Vater in seinem Rundschreiben vom Mystischen Leibe Christi so rühmlich erwähnt, auszuüben sich bemühen.

Zu diesem opus operantis will die Schippacher Jungfrau beitragen und aufrufen. ,,Es müssen sich Seelen verbinden mit Christi Opfer, lautet ihr oft wiederkehrender Mahnruf. Wie kann man eine solch sühnebereite Seele anklagen, sie ,,leugne das opus operatum“! Ihre Gedanken sind jedem pietätvollen Leser, der seinen Nebenmenschen liebt und mystische Schriften zu lesen versteht, ganz klar: sie will nicht mechanisch ,,in die Messe gehen“, sondern mitopfern, daß das einmal vollbrachte Kreuzopfer und das seine Früchte applizierende Messopfer, ,,das einzige Bindemittel zwischen meinem Vater und euch“, ,,das einzige, wodurch der Menschheit können Gnaden erwiesen werden“, ,,nicht unbenützt bleibe“, sondern subjektiv wirksam werde. Von einer ,,Leugnung des dogmatischen Fundamentalsatzes vom überfließenden Genugtuungsverdienst Christi“ zu sprechen, war also gewiss nicht am Platze.

Barbara Weigand soll auch das Pauluswort an die Kolosser: ,,Ich freue mich jetzt in den Leiden für euch und ersetze an meinem Fleische, was noch an den Leiden Christi für seinen Leib, die Kirche, mangelt“, häretisch ausgelegt haben. Gewiss bedient sich die Schippacher Bauernjungfrau nicht der geschulten und vorsichtig abgewogenen Worte des Exergeten, aber von der Auslegung, als wolle Paulus die Suffizienz des Leidens Christi leugnen, ist Barbara Weigand himmelweit entfernt. Die Schrifterklärer sehen in der fraglichen Stelle das Gemeinsamkeitsverhältnis des Hauptes mit den Gliedern der Kirche abgebildet, in welchem das Leiden des Hauptes den Gliedern und das Leiden der Glieder dem Haupte und dem ganzen Organismus zugute kommt.

,,Gott hat das Voll- und Gesamtmaß an Verdiensten sowohl für die Gesamtperson als auch für Christus, das gottmenschliche Haupt, und die Gläubigen, die einzelnen Glieder, bestimmt und vorgesehen“, schreibt Hallfell zur Lehre des heiligen Thomas. ,,Unter den verdienstlichen Werken aber steht das Leiden obenan ... Der einzelne Gläubige trägt noch seinen Verdienstanteil, der sich nach dem ihm gewordenen Maße bemisst, dazu bei. Darum sagt der Apostel: adimplebo, d.h. ich bringe das mir gewordene Kleinmaß an Leiden herzu, um damit das Leiden Christi aufzufüllen“.

Wie schön gibt Barbara Weigand den Grundgedanken der Zusammen-
gehörigkeit zwischen Christus und den Gläubigen, die wechselseitige Ver-
bindung zwischen Haupt und Gliedern, den geistigen Güteraustausch im
Corpus Christi mysticum, wenn sie Jesus am 3. Juni 1898 also sprechen lässt: ,,Sie alle (die sühnenden Seelen) müssen teilnehmen an den Leiden, die ich erdulden muß Tag für Tag unter den Menschen; denn auch ich stehe unter diesem Geschlechte im Sakrament als Hausvater in der großen Gottesfamilie, und alle meine treuen Kinder müssen mit mir die Haushaltung führen ... Da heißt es: Hand in Hand gehen, zusammenstehen, zum Vater halten, um das Brot, das himmlische Gnadenbrot, zu verdienen, damit es ausreiche für so viele Kinder der katholischen Kirche“.

Die beiden Nebensätze hätte gewiss ein Theologe anders abgefasst, aber der Sinn jener Worte - im Zusammenhang und nach dem Geiste des Ganzen betrachtet - ist der uns zur Genüge bekannte: zur tätigen sühnenden Liebe anzueifern. Muß übrigens die Darstellung der Verbindung zwischen Haupt und Gliedern im Bilde der Haushaltung nicht geradezu überraschen? Während der lateinische Text Col 1,25 das Wort dispensatio gebraucht, das die deutschen Übersetzungen mit ,,Anordnung“, ,,Veranstaltung“, wiedergeben, heißt das ursprüngliche griechische Wort oikonomia, auf deutsch ,,Haushalt“. Wie kommt die Jungfrau zu diesem treffenden Ausdruck? Gibt das nicht zu denken?

Die heilige Gemma Galgani hörte einst vom Heiland die Worte: ,,Meine Tochter! Ich bedarf der Schlachtopfer, und zwar starke Opfer. Um den gerechten Zorn meines göttlichen Vaters im Himmel zu besänftigen, sind mir Seelen notwendig, die durch ihre Leiden, Trübsal und Mühseligkeiten Ersatz leisten für die Sünder.“ ,,Bedarf?“ ,,Notwendig?“ Emilie Schneider berichtet: ,,Als ich während des heiligen Messopfers sah, wie sich mein geliebter Heiland mit unaussprechlicher Liebe für uns aufopferte, sah ich, daß mein Heiland als Opfer nicht allen zugehörte.“ Die Schwester Maria Droste von Vischering hörte den Heiland also sprechen: ,,Ich habe durch das Kreuz das Menschengeschlecht erlöst ... Die Leiden meiner Auserwählten vollenden und setzen mein Werk fort.“ Eine übelwollende Kritik könnte in solchen Worten auch eine Insuffizienz des Erlösungswerkes Christi finden, aber Pietät, Liebe und Verständnis deuten leicht den Sinn solcher Aussprüche. Darum lasse man auch der frommen Büßerin von Schippach Gerechtigkeit widerfahren!

Die Sühnebereitschaft unserer Gottesfreundin zur Mithilfe in der Rettung der Seelen kommt auch in den Satzungen ihres ,,Eucharistischen Liebesbundes“ zum Ausdruck. Dieser hat den Zweck, ,,den Priestern zu helfen, in Vereinigung mit Maria alle unsterblichen Seelen zu retten, die sich noch retten lassen wollen, durch fortwährendes Beten, Sühnen und Leiden, um auf diese Weise die wahre Nächstenliebe zu betätigen und dazu beizutragen, daß das Reich des Göttlichen Herzens Jesu über die Herzen der Menschen verbreitet werde“ (bischöflich approbierter Text). Damit ist der Sühnegedanke der Schippacher Schriften auch kirchlich sanktioniert.

Wenn ich schließlich nach genauer, wiederholter, unauffälliger Erforschung des Wollens der Jungfrau feststelle, daß ihr eine Schmälerung der Verdienste Christi meilenweit ferne lag, wird man eine Beanstandung ihrer Worte nicht mehr wagen können. Übrigens ist ihr Opfer- und Sühnegedanke, den sie schon im Jahre 1894 in ihren Offenbarungen niederlegte, zehn Jahre später in der ,,Vereinigung der Opferseelen des Göttlichen Herzens Jesu“ kirchlich anerkannt worden. Die bischöfliche Behörde von Lüttich sah darum keinen Anlass, die Publikation der von Sühne und Opfer handelnden Stellen aus den Schippacher Offenbarungen zu verhindern, hat vielmehr ihre Drucklegung in aller Form gebilligt. Möge sich darum das Wort eines großen Gegners Schippachs endlich auch in Deutschland bewahrheiten: ,,Der unbefangene Leser wird alles ohne weiteres im kirchlichen Sinne auslegen!“

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e) Eucharistisches Herz Jesu

Im Zuge der Beanstandungen des Sühnebegriffes in den Schippacher Schriften wurde in der Presse auch die Behauptung aufgestellt, der Titel ,,Eucharistisches Herz Jesu“ sei nach Entscheidungen der Ritenkongregation und des Heiligen Offiziums überhaupt verboten und die Bezeichnung ,,Eucharistisches Kreuz“ sei gleichfalls missbräuchlich und dogmatisch anstößig. Dagegen sei folgendes festgestellt:

Es gibt eine ,,Erzbruderschaft des Eucharistischen Herzens Jesu“ durch Breve Leos XIII. v. 16.2.1903 an S. Gioachino in Rom errichtet, von Redemptoristen geleitet.

Es gibt einen ,,Verein der Priester vom Eucharistischen Herzen Jesu“, Sitz an der Kirche S. Alfonso in Rom, 1911 päpstlich gutgeheißen.

Papst Leo XIII. hat durch Breve v. 17.6.1902 das folgende Gebet mit einem vollkommenen Ablass ausgezeichnet: ,,O eucharistisches Herz Jesu, erhabenste Liebe unseres Herrn ...“

Beringer überschreibt das Gebet: ,,Gebet zum eucharistischen Herzen Jesu“ und gibt eine Erklärung der ,,Andacht zum eucharistischen Herzen Jesu“.

Papst Pius X. hat durch Reskript der heiligen Ablasskongregation vom 12.6.1905 das folgende Gebet mit 300 Tagen Ablass ausgezeichnet: ,,Gepriesen sei das heiligste eucharistische Herz Jesu!“

In einer Erklärung der Heiligen Inquisition vom 3.6.1891 findet sich der Ausdruck ,,Eucharistisches Herz- Jesu!“

In der kirchlich approbierten Schrift von Bröll ,,Der eucharistische Kreuzweg“ findet sich auf S. 9 und S. 26 der Ausdruck: ,,Eucharistisches Herz Jesu“.

In der ,,Monika, Zeitschrift für katholische Mütter und Hausfrauen“ Nr. 24 vom 16. Dezember 1925 findet sich auf S. 240 der Ausdruck: ,,Eucharistisches Herz Jesu!“.

Papst Pius X. hat am 10.9.1907 das folgende Gebet mit 300 Tagen Ablass ausgezeichnet: ,,Cor Jesu eucharisticum, cordis sacerdotalis exemplar, miserere nobis!“

Das Missale Romanum, editio Pustet 1923, hat auf folio (136) eine Missa Eucharistici Cordis Jesu.

Nach einem mir übersandten Bittbrief um eine Beisteuer wurde in Weiher, Diözese Mainz, eine Kirche ,,zu Ehren des eucharistischen Herzens Jesu“ gebaut; der gedruckte Bittbrief trägt die ,,Bischöfliche Beglaubigung und Empfehlung“ durch das Ordinariat Mainz vom 22. August 1925.

Am 23. August 1922 hat die heilige Poenitentiarie das folgende Gebetchen mit 300 Tagen Ablass ausgezeichnet: ,,Ich bete dich an, o heiligstes Eucharistisches Herz Jesu!“

In seiner großen Herz-Jesu-Enzyklika ,,Haurietis aquas“ vom 15. Mai 1956 rühmt der Heilige Vater Pius XII. die überreichen Schätze des Heiligsten Herzens Jesu und empfiehlt die besondere Verehrung des ,,Eucharistischen Herzens Jesu“: ,,Nec facile percipere erit vim amoris, quo Christus campulsus nobis se ipse exhibuit spirituale alimentum, nisi peculiari modo Eucharistici Cordis Jesu cultum fovendo“ (,,man wird auch nicht leicht die Liebesgewalt begreifen können, die Christus gedrängt hat, sich uns selbst zur Seelenspeise zu geben, ohne eine besondere Verehrung des Eucharistischen Herzens Jesu“).

Erscheint es nach den angeführten Tatsachen wirklich glaubhaft, daß die römischen Kongregationen den Titel ,,Eucharistisches Herz Jesu“ verboten hätten, dieselben Kongregationen, die zur gleichen Zeit diesen Titel mit Ablässen auszeichnen und eine ,,Missa zu Ehren des Eucharistischen Herzens Jesu“ approbieren und dem Römischen Missale einfügen? War es wirklich dogmatisch anstößig, wie die Gegner Schippachs behaupteten, wenn Barbara Weigand vom ,,Eucharistischen Herzen Jesu“ sprach, dessen Kult der oberste Lehrer der Christenheit ausdrücklich und feierlich als ,,Eucharistici Cordis Jesu cultus“ empfiehlt? Und wenn, wie Henze in der Linzer Quartalsschrift 1958 S. 122 f ausführt, der Kult des ,,Eucharistischen Herzens Jesu“ jahrzehntelang unter den Theologen eine Kontroverse bildete, die nunmehr von höchster Stelle positiv entschieden worden sei, ist dann nicht Barbara Weigand schon sechzig Jahre früher auf dem richtigen Wege gewesen und der natürlichen Weisheit der Theologen weit vorausgeeilt?

Zu den angeblich schweren ,,dogmatischen Irrtümern“ soll nach den Presseerzeugnissen der Jahre 1916 bis 1919 auch der Umstand gehören, daß Barbara Weigand von einem Leiden Christi in der heiligen Eucharistie spreche. ,,Die heilige Eucharistie“, so klagte man an, ,,ist nach Barbara Weigand nicht nur das Denkmal des Leidens Christi, sondern ein fortgesetztes furchtbares Leiden. Jesus ist auch als Mensch zugegen im Tabernakel und hat daher menschliche Bedürfnisse, braucht Trost und Erleichterung in seinem Kummer. Die Liebesbundmitglieder sollen deswegen dem Herrn im Sakrament sein ,,eucharistisches Kreuz“ erleichtern und selber ,,eucharistische Kreuzträger“ werden“. So die Anklage, die es an Sperrdrucken, Anführungs- und Ausrufezeichen in den seinerzeitigen Veröffentlichungen nicht hat fehlen lassen.

Prüfen wir auch diesen Vorwurf auf seine Berechtigung!

Da wollen wir zunächst wieder die Dogmatik fragen, was sie uns über das Leiden Christi in der heiligen Eucharistie zu sagen hat. Ich will dabei nicht auf die bestrickende Theorie Thalhofers verweisen, sondern an den Grundgedanken De Lugos von der moralischen exinanitio erinnern, von dem Erniedrigungszustand Christi in der heiligen Eucharistie. Hierzu bemerkt der Dogmatiker Pohle: ,,Zunächst sollte niemand im Ernste leugnen wollen, daß die Versetzung des verklärten Gottmenschen in den sakramentalen Speisezustand und der damit verbundene Verzicht auf die Ausübung sensitiver Funktionen nach menschlicher Schätzung einer realen Erniedrigung gleichkommt ... Leugnet man dies, so raubt man der Kanzel ohne Not eine der fruchtbarsten Quellen kirchlicher Rhetorik, aus der man immer erfolgreich schöpft, um die aufopfernde Herablassung und Verborgenheit des Gottmenschen unter den leblosen Gestalten von Komestibilien, die demütige Zulassung von Verunehrungen, Verunglimpfungen und Schändungen des allerheiligsten Sakramentes, die Hilf- und Schutzlosigkeit gegen die willkürlichen Manipulationen der Priester beim Einschließen, Herumtragen, Ausschütten der Spezies ... ins rechte Licht zu stellen und diese Erniedrigung geradezu als eine unblutige mystische Fortsetzung des Kreuzesopfers dem christlichen Volke recht eindringlich vor Augen zu stellen“.

Wenn nun eine solche Erniedrigung des verklärten Gottmenschen im allerheiligsten Sakrament gegeben ist, sollte es dann dogmatisch irrig sein, wenn die Sprache der Andacht und Liebe auch die Ausdrücke der Schwäche, Hilflosigkeit und des Leidens auf den eucharistischen Gottmenschen anwendet, daß sie von Schmerz und Tröstung redet?

In der Tat ist es so. Man schlage nur das nächste Herz-Jesu-Buch, die nächste Sühneandacht oder die Lebensbeschreibung einer heiligen Margareta Alacoque oder einer heiligen Gemma Galgani auf und man wird auf Schritt und Tritt Worten begegnen wie ,,klagen“, ,,trauern“, ,,wehetun“, ,,betrübt sein“, ,,leiden“ ,,Kreuz tragen“ u. ä. ,,Sieh“, so ruft Jesus zu Margareta Alacoque, ,,wie die Sünder mich misshandeln und verachten, gibt es denn niemand, der Mitleid mit mir haben und Teilnahme zeigen möchte an dem erbarmungswürdigen Zustand, in den die Sünder gerade an diesen Tagen (Fastnachtstage!) mich versetzen?“ ,,Ich finde bei den Menschen nur Kälte“, klagt er ein andermal, ,,und auf meine liebreichen Einladungen antworten sie mir mit Verachtung. Gib du mir wenigstens den Trost.“ Ein andermal verlangt der Heiland von der Schwester, ,,daß sie ihn in seinem Schmerz tröste“.

In einem viel gelesenen Andachtsbuche finde ich die Frage: ,,Wer ist stärker im Leiden, wer erduldet mehr Schmach: Jesus in der Kirche oder wir in unsern Häusern?“ In einer vielgebeteten Abbitte heißt es: ,,So gerne möchte ich durch Tränen und Bußwerke diesen Schmerz von dir nehmen.“ Zu Benigna Consolata klagt der Herr: ,,Du sollst mich trösten.“ Die Schwester von der Geburt, deren Offenbarungen von mehr als sechs Bischöfen, zwanzig Generalvikaren und Kanonikern, zehn bis zwölf Doktoren der Theologie und mehr wie hundertfünfzig Pfarrern geprüft und für glaubwürdig erachtet werden, berichtet in dem Abschnitt ,,Klagen Jesu im Altarsakramente“ folgende Ansprache des Herrn: ,,Betrübe dich nicht, meine Tochter, es bleiben doch auch noch getreue Seelen übrig. Ihre Zahl, vereinigt mit meinen guten Priestern, reicht hin, um mich zu trösten ... Wisse meine Tochter, dir vertraue ich meinen Schmerz, dir klage ich mein Leid ... Kann mein Herz unempfindlich bleiben? Soll es nicht bitteren Schmerz darüber fühlen? ... Jesus sah mich mit trauriger Miene an, und da ich ihn um die Ursache seines Kummers befragte, erwiderte er mir seufzend“. Ein andermal erzählte die Schwester von der Stimme des Herrn, ,,deren wehmütig klägliche Laute“ sie aufs tiefste gerührt hätten.

Der im Jahre 1854 gegründete, von den Päpsten Pius IX. und Leo XIII. belobte und mit Ablässen bereicherte ,,Verein der heiligen Sühnungskommunion“ hat den Zweck, ,,das verwundete Herz Jesu in der heiligen Eucharistie zu trösten.“ Auf dem Eucharistischen Priesterkongress zu Altötting im August 1926 sagte Bischof Ehrenfried von Würzburg in seiner Predigt: ,,Es ist ein wirkliches Golgatha ohne Ende, das der eucharistische Heiland auf sich genommen hat.“ In dem mit dem kirchlichen Imprimatur versehenen Büchlein von Bröll ,,Der eucharistische Kreuzweg“ zähle ich nicht weniger als 28mal Ausdrücke wie ,,eucharistisches Kreuz“, ,,eucharistischer Kreuzweg“. Im Jahre 1893 erschien in Mainz ein Büchlein von August Kluge, betitelt: ,,Der eucharistische Kreuzweg, des Priesters Trost und Lehre.“

Warum durfte also bloß Barbara Weigand nicht vom ,,eucharistischen Kreuzweg“ reden? Warum waren gerade bei ihr solche Ausdrücke ,,dogmatische Irrtümer“?

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f) Fegefeuer
Erscheinungen von Heiligen finden wir in den Schippacher Schriften mehrfach erwähnt. Die fromme Jungfrau sieht öfter den heiligen Nährvater Josef, den heiligen Franziskus, ihre heilige Namenspatronin Barbara und andere Heilige. Solche Visionen sind im Leben mystischer Personen nichts Außergewöhnliches. So erscheint beispielsweise der heilige Franziskus der seligen Kreszentia von Kaufbeuren, der heilige Augustinus der Anna Katharina Emmerich, der heilige Gabriel Possenti der heiligen Gemma Galgani, die heilige Theresia von Avila dem ehrwürdigen Dominicus a Jesu Maria, die heilige Theresia vom Kinde Jesus der Oberin des Karmels von Lisieux, der heilige Dominicus der stigmatisierten Columba Schonath, der heilige Petrus von Alcantara der heiligen Theresia von Avila. Weitere Beispiele bietet in großer Anzahl die hagiographische Literatur. Auch Mitteilungen über den Zustand Verstorbener und die Befreiung von Seelen aus dem Fegfeuer durch das Gebet und die Sühne der frommen Jungfrau Barbara finden sich in den Schippacher Schriften, Mitteilungen, derentwegen sich ihre Urheberin erbarmungslose Verhöhnungen gefallen lassen mußte. Auch wurde sie häufig - selbst von Priestern - um Auskunft über das Schicksal Verstorbener angegangen. Darin lag zweifellos eine Gefahr der Selbsttäuschung; aber ebenso gut können ihre Mitteilungen göttlichen Ursprungs und darum glaubwürdig sein. Denn es ist katholische Wahrheit, daß die Armen Seelen mit Gottes Zulassung heiligmäßigen Personen erscheinen, ,,weil nur sie die Opferliebe haben, um diesen Seelen durch Übernahme ihrer schweren Leiden wirklich zu helfen“.

Lehrt doch auch der heilige Thomas ganz klar, daß die Armen Seelen sich manchmal den Blicken der Menschen zeigen und den Lebenden erscheinen dürfen, um sie um Hilfe anzugehen, und Kardinal Bona bestätigt dies ausdrücklich: ,,Von der Erscheinung verstorbener Menschen, seliger und unseliger oder im Fegfeuer weilender Personen, gibt es in der Heiligen Schrift, in der Kirchen- und Weltgeschichte so viele untrügliche Erfahrungsbeweise, daß wohl kein kluger, vernünftiger Beobacher daran zweifeln kann.“

Daß die Schippacher Jungfrau durch ihr ganz auf Gebet, Arbeit und Sühne eingestelltes Leben für den Liebesdienst an den Armen Seelen besonders geeignet war, wird kein gerecht denkender Mensch bestreiten wollen, und wenn sie dann auch des Glaubens war, durch Gebet und Sühne den Seelen wirklich Befreiung erwirkt zu haben, wird man sie dann für diese Überzeugung schelten dürfen? Oder wenn die göttliche Stimme für ein gutes Werk von außerordentlicher Bedeutung, wie z. B. für die Förderung der Erbauung einer Kirche, die Abkürzung der Fegfeuerstrafen in Aussicht stellt, so vermag ich nicht einzusehen, was daran ,,geradezu widerlich“ sein soll, wie in einem weigandfeindlichen Buche zu lesen ist. Lehren wir denn nicht unser Volk, daß wir uns durch gute Werke, Gebet, Almosen, Leiden und Sühne Verdienste für die Ewigkeit sammeln und die Strafen im Reinigungsort abkürzen können? Mahnen wir nicht die Gläubigen, den Seelen im Fegfeuer auf diese Weise zu Hilfe zu kommen? Und wenn wir es getan, dürfen wir dann nicht auch des Glaubens sein, daß unsere guten Werke auch genützt haben? Eine Person, die so innig für die Armen Seelen beten und leiden konnte wie Barbara Weigand, soll durch ihr Gebet und ihre Sühne wirklich nichts erreicht haben? Ja, sie soll für ihre Überzeugung auch noch der Lächerlichkeit verfallen?

So wenig also ein Grund bestand, am Verkehr der Jungfrau mit den Verstorbenen grundsätzlich zu zweifeln, ebensowenig durfte man sich an einigen bestimmten Angaben stoßen, die sie über den Zustand der Verstorbenen machte, da solche Aussagen Gemeingut aller Begnadigten sind. So lesen wir im Leben der ehrwürdigen Dienerin Gottes Anna Maria Taigi: ,,Eines Tages wollte sie in St. Lateran für eine verstorbene Person kommunizieren. Während der Messe empfand sie plötzlich eine unbeschreibliche Seelenqual ... Beim Gloria verwandelte sich der schmerzliche Zustand der frommen Frau auf einmal in ein Übermaß von Freude und Heiterkeit. Anna Maria glaubte zu sterben vor Glück, als nun die aus dem Fegfeuer befreite Seele sich ihr näherte und ihr sagte: Ich danke dir, Schwester, für deine Teilnahme; ich werde deiner vor dem Throne Gottes gedenken und gehe nun dank deiner Gebete zum Himmel ein.“

Am 15. Februar 1682 abends sieben Uhr starb in Paray-le-Monial der Beichtvater der Schwester Margarete Alacoque. Als sie am folgenden Morgen um fünf Uhr den Tod des Patres erfuhr, sagte sie tiefbetrübt: ,,Betet und lasst überall für ihn beten!“ Aber schon um zehn Uhr schrieb sie einen Zettel: ,,Hört auf zu trauern, ruft ihn an, fürchtet nichts, er vermag euch mehr denn je zu helfen, er hat das Gebet nicht nötig ..., er hat einen guten Platz im Himmel erhalten. Nur um eine Nachlässigkeit zu sühnen, war seine Seele der Anschauung Gottes beraubt von der Zeit an, wo sie den Leib verlassen hatte, bis zu seinem Begräbnis.“

Als die Nichte Sebastiana der heiligen Marianna von Jesus starb, eilte deren Mutter zu Marianna, um es ihr zu sagen, traf sie jedoch in Ekstase. Als Marianna erwachte, sprach sie: ,,Danken wir dem Herrn, Sebastiana ist bereits im Himmel“. Vom heiligen Johann Baptist Vianny berichtet sein Biograph Trochu mehrere Fälle, in denen der Pfarrer von Ars über den Aufenthalt Verstorbener im Fegfeuer Auskunft gab. Die heilige Magdalena von Pazzi hatte eine Mitschwester, die im Rufe der Heiligkeit verschieden war. Noch war die Leiche in der Kirche aufgestellt, als die Heilige plötzlich sah, wie sich die Seele der Verstorbenen zum Himmel erhob. Die heilige Theresia von Avila erzählte, sie habe die Seele einer verstorbenen Mitschwester vier Stunden nach ihrem Tode zum Himmel aufsteigen sehen. Die Heilige Margareta Alacoque kniete einmal vor dem Allerheiligsten, als ihr eine Person erschien, die ganz in Flammen eingehüllt war. Sie sprach zu ihr: ,,Ich bin jener Benediktinerpater, den Sie gekannt haben.“ Er bat sie, drei Monate hindurch alles für ihn aufzuopfern, was sie tun und leiden werde. Nach drei Monaten erschien ihr der Ordensmann wieder, glänzend in Herrlichkeit, dankte ihr und versprach ihr ein Fürbitter zu sein am Throne Gottes.

Der seligen Kreszentia von Kaufbeuren erschien eine schon vor sechs Jahren verstorbene Schwester und bat sie um Hilfe; eine andere bat sie um gute Werke, da sie schon neun Jahre im Fegfeuer leide. Klara Moes mußte zwei Jahre für ihren verstorbenen Bruder leiden, bis er erlöst wurde. Ein Priester litt schon zwanzig Jahre im Fegfeuer, bis er Klara erschien und sie um ihre Hilfe bat; die Schwester betete vier Wochen lang für ihn und ließ heilige Messen lesen, wärend deren die Seele erlöst wurde. Die pfälzische Stigmatisierte Barbara Pfister, die zuweilen in Mainz den Ekstasen der Barbara Weigand beigewohnt hatte, gab wiederholt Aufschluss über den Zustand der Seelen im Fegfeuer. Anna Katharina Emmerich hatte ganz bestimmte Visionen vom Fegfeuer. Der selige Vinzenz Pallotti machte eine ganz bestimmte Angabe über die Aufnahme des Papstes Gregors XVI. in den Himmel: ,,Heute morgen ist Gregor XVI. in den Himmel eingegangen“.

Vom heiligen Pfarrer von Ars berichtet sein Biograph zahlreiche ganz bestimmte Aussagen über den Zustand Verstorbener sowie über Art und Dauer ihrer Fegfeuerstrafen. Der heilige Johannes Bosco berichtet ganz bestimmt von einer Erscheinung seines verstorbenen Freundes Comollo, die in der Nacht vom vierten auf den fünften April 1839, der Nacht nach der Beisetzung des Freundes, geschah, wobei sich der verstorbene Freund gemäß einem bei Lebzeiten gegebenen Versprechen als lichte Gestalt offenbarte und feierlich rief: ,,Bosco, Bosco, Bosco, ich bin gerettet.“

So stehen also die Angaben unserer Gottesfreundin über die Seelen im Fegfeuer durchaus nicht im Widerspruch mit der Erfahrung mystischer Seelen. Auch über die Zahl erlöster Seelen finden sich genug Belege in der hagiographischen Literatur.

Am 11. Dezember 1763 teilte der Heiland der Bamberger Nonne Columba Schonath mit, ,,er wolle ihr zu Liebe und Trost drei arme Seelen aus dem Fegfeuer erlösen und ihr schenken, als ihres Vaters Bruder, ihrer Mutter Schwestermann, dann eine Ordensschwester“.

Die Schwester Anna Josepha Lindmayr, die Urheberin der Münchener Dreifaltigkeitskirche, hat viele Seelen aus dem Fegfeuer erlöst, die alle mit Namen aufgeführt werden, vom Januar bis März 1691 allein vierhundert. Außerdem vierzig Seelen aus ihrer Verwandtschaft.

Man schelte also die Jungfrau Barbara nicht, wenn sie das Schriftwort in lebendigem Glauben erfasste: ,,Es ist ein heiliger und heilsamer Gedanke, für die Verstorbenen zu beten, damit sie von ihren Sünden erlöst werden“.

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2. Angebliche Irrtümer gegen die Mariologie

Wie das ganze lange Leben der fast hundertjährigen Gottesfreundin von Schippach dem Eucharistischen Herzen Jesu gehörte, das ,,im Schoße der Jungfrau Maria vom Heiligen Geiste gebildet“ ward, so durchweht ein warmer Hauch zarter Marienminne das Leben und die Schriften der Schippacher Jungfrau. Aber auch in diese ihre Marienminne soll sich der Wurm dogmatischer und moralischer Unzulässigkeit eingebohrt haben - so behaupteten dereinst ihre Gegner. Sehen wir, ob dem so ist!

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a) Maria in der Urkirche

Am dritten Freitag im März 1896 hört Barbara den heiligen Josef also sprechen: ,,Sieh, dies Beispiel wollte meine jungfräuliche Gemahlin der Kirche geben, der Kirche aller Jahrhunderte bis zum Ende der Welt; sie wollte und mußte leben in der jungen Kirche neben den Aposteln, den Jüngern und Priestern, um diese zu unterstützen, um ihnen zu raten und zu helfen, wo es nötig war“. Am 21. Mai 1897 spricht Maria: ,,Ihr sollt dies Band unterstützen, wie es auch meine Aufgabe war, wie ich die Kirche, die mein göttlicher Sohn gestiftet hat und (der er) in Petrus das Haupt eingesetzt hatte, unterstützen mußte durch mein Gebet, durch meinen guten Rat, den ich ihm erteilte und allen Aposteln“. ,,Als mein Sohn hinaufgefahren war zu seinem himmlischen Vater, da mußte ich zurückbleiben; noch viele Jahre sollte ich der Mittelpunkt sein in der neuen Kirche, um die sich die neue Kirche scharen sollte.

Ich sage: der Mittelpunkt; denn obwohl mein Sohn das Haupt der Kirche gewählt hatte in Petrus seinem Jünger, sollte ich doch der Mittelpunkt sein des Bandes, das der Herr geschlossen hatte am Kreuze.“

,,Wie aber meine Apostel sich unmittelbar anschlossen an meine heilige Mutter, so verlange ich jetzt, daß alle Christen sich anschließen an meine heilige Mutter.“ ,,Das christliche Volk, meine guten, treuen Diener und Dienerinnen, sollten der Stimme der Hirtin folgen und an der Hand und unter dem Schutze meiner lieben guten Mutter gehen sie sicher durch alle Stürme hindurch.“

Wegen der oben wiedergegebenen Stellen wurde Barbara Weigand im Jahr 1916 gleichfalls eines schweren geschichtlichen und dogmatischen Verstoßes beschuldigt: ,,Maria wird von Barbara Weigand faktisch zum Papst der Urkirche gemacht, Petrus führt neben ihr nur ein Schattendasein“, ist in maßloser Übertreibung in einer schippachfeindlichen Broschüre zu lesen. Nun sagt aber die Schippacher Jungfrau doch ganz klar ein Zweifaches: a) Das gottbestellte Haupt der Kirche ist Petrus, b) Maria bildet in der Kirche den Mittelpunkt des Bundes der Liebe.

Beides ist geschichtliche Wahrheit und es hatte darum auch keiner der früheren theologisch gebildeten Leser jener Schriften darin einen dogmatischen Irrtum gegen die Lehre vom Primat erblickt. Wenn man hinter solchen Worten dogmatische Irrtümer wittern und damit Kirchenbauten vernichten wollte, was müssten dann so viele Marienkirchen das Los der Schippacher Sakramentskirche teilen! Mit welch überschwänglichen Worten preisen nicht ein heiliger Bernhard, ein heiliger Leonhard von Porto Maurizio, ein heiliger Bonaventura, ein heiliger Bernhardin von Siena, ein heiliger Ludwig Maria Grignion die Muttergottes!

In seiner Enzyklika Mystici Corporis vom 29. Juni 1943 verkündet Papst Pius XII.: ,,Sie war es, die durch ihre mächtige Fürbitte erlangte, daß der schon am Kreuz geschenkte Geist des göttlichen Erlösers am Pfingsttag der neugeborenen Kirche in wunderbaren Gaben gespendet wurde“. Zeigen nicht tatsächlich alle von der Kirche approbierten bildlichen Darstellungen der Geistsendung Maria buchstäblich als Mittelpunkt der apostolischen Gemeinde, z. B. das schöne Erzrelief des Meisters Eckart am Taufbecken des Würzburger Doms aus dem Jahre 1279?

Wenn man aber schon an Barbara Weigands Wort von Maria als dem Mittelpunkt der apostolischen Gemeinde Anstoß nimmt, was sagt man dann zu jener Stelle in der Regel des Birgittenordens, wo bestimmt wird, die Äbtissin solle ,,ähnlich wie Maria nach der Himmelfahrt ihres göttlichen Sohnes das Haupt der Apostel und Jünger gewesen“, über die weiblichen und männlichen Klöster regieren? Dabei stammt diese Regel aus einer Vision vom Heiland selbst und erhielt im Jahre 1370 von Papst Urban V. die päpstliche Bestätigung.

Auch in einem Buche von Kardinal Faulhaber ist zu lesen: ,,Maria bildete offenbar den Sammelpunkt der apostolischen Gemeinde“. Ja, der im Jahre 1918 als schwerer Irrtum bezeichnete Ausdruck ,,Mittelpunkt der jungen Kirche“ ist inzwischen offiziell kirchlich anerkannt worden. Denn das von Bischof Julius eingeführte Würzburger Diözesangebetbuch Ave Maria vom Jahre 1949 hat auf S. 692 folgende Anrufung: ,,Heilige Maria, du warst der Mittelpunkt der jungen Kirche!“

Damit ist Barbara Weigand wiederum glänzend gerechtfertigt, und zwar von derselben kirchlichen Instanz, welche im Jahre 1918 den Ausdruck ,,Mittelpunkt der jungen Kirche“ als Irrtum bezeichnet hatte.

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b) Stellung im Erlösungswerk

Weil in den Schippacher Offenbarungen Maria eine Mitwirkung beim Erlösungswerk zugeschrieben wird, mußte sich ihre Trägerin abermals als Ketzerin brandmarken lassen. Man hat den Ausdruck ,,Miterlöserin“ als dogmatisch unzulässig erklärt.

Ganz mit Unrecht. Maria hat in der Tat aktiven Anteil am Erlösungswerk genommen, worüber heute wohl kaum mehr ein theologischer Zweifel besteht. Selbst der Ausdruck ,,Miterlöserin“, ,,conredemptrix“ ist längst in die Terminologie der Theologie und hochamtlicher kirchlicher Schreiben übergegangen. Schon der heilige Ludwig Maria Grignion von Montfort nennt Maria offen ,,Erlöserin des Menschengeschlechtes“, die Päpste Pius IX., Pius X. und Pius XI. sowie Benedikt XV. haben den Ausdruck sanktioniert und appropiert, z.B. Pius X. in seinem Rundschreiben zum Jubiläum des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis. Man lese hierzu die Schrift von Hermann Seiler S.J.: Conredemptrix, Theologische Studie zur Lehre der letzten Päpste über die Miterlöserschaft Mariens, Rom 1939. Somit ist auch dieser Angriff gegen Schippach zusammengebrochen.

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c) Braut der Priester

Besonders schwere Angriffe wurden ehedem gegen die Schau der Schippacher Jungfrau von Maria als der allerreinsten Braut der Priester gerichtet.

Mag man wie bei allen Schauungen und Ansprachen der Mystiker über die Tatsächlichkeit solcher Vorgänge denken wie man will, so wird man doch dem schönen Gedanken von Maria als der Braut der Priester seine Hochachtung nicht versagen können, wie denn auch pietätvolle geistliche Leser in diesem Bilde einen neuen Antrieb zu engerem Anschlusse an die reinste Jungfrau gefunden haben. Man hätte deshalb erwarten dürfen, daß wenigstens dieser fromme Erguss unserer Gottesfreundin in den Augen ihrer Gegner Gnade finden würde. Aber weit gefehlt: Bei Barbara Weigand mußte einfach alles schlecht sein. So fiel man denn auch über das Bild von der Braut der Priester her und scheute sich nicht, jenen Erguss als ,,unsittlich“, ,,Abgeschmacktheit einer unsinnigen Phantasie“, als ,,innerlichen Unrat“ zu brandmarken, gegen den die Priester ,,mit Abscheu Protest erheben“ müssten; die Priester ließen sich ihre Patronin ,,nicht zur allgemeinen Herzensgeliebten im Sinne des Schippacher Orakels profanieren“.

Waren diese Worte, zu lesen in einem von einem katholischen Priester verfassten Buche, wirklich am Platz? Verdiente die fromme Jungfrau für ihren aus heißer Liebe zu einem makellosen Priesterstand entsprungenen oder, wie sie glaubte, von oben ausgesprochenen Wunsch nach noch innigerem Anschlusse an Maria wirklich eine solche kränkende Zurückweisung? Ist es wirklich wahr, was man da behauptete, nach der Lehre der Kirche könne zwischen einem Menschen und Maria gar kein bräutliches Verhältnis bestehen, weil sich weder ein Mensch ganz an Maria noch Maria ganz an einen Menschen hingeben könne, wie es ein bräutliches Verhältnis erfordere?

Diese ,,Kirchenlehre“ existiert gottlob nicht. Wohl aber berichtet die Kirchengeschichte, daß sich heilige, selige und sonstige fromme Priester ganz Maria hingegeben und sie sich zur Braut erkoren haben, und daß kirchlich approbierte Gebete und Schriften diese Lehre offen verkünden. So ist im berühmten Goldenen Buche des heiligen Ludwig Maria Grignion zu lesen: ,,Wenn Maria sieht, daß man sich ihr ganz schenkt, so schenkt sie sich auch ganz und gar demjenigen, der ihr alles schenkt, sie macht sich zu seinem Unterpfand, ersetzt alle seine Mängel und Fehler und wird ihm sein Ein und Alles bei Jesus, kurz: wer sich Maria völlig geschenkt hat, dem gehört auch Maria ganz an“.

In dem weitverbreiteten, von Papst Pius IX. am 5. August 1851 mit 100 Tagen Ablass ausgezeichneten Gebetchen ,,O Domina mea!“ heißt es: ,,O meine Gebieterin, o meine Mutter! Dir bringe ich mich ganz dar. Und um dir meine Hingabe zu beweisen, weihe ich dir heute meine Augen, meine Ohren, meinen Mund, mein Herz, mich selber ganz und gar. Weil ich denn nun dir gehöre, bewahre mich, verteidige mich als dein Gut und als dein Eigentum“.

Oder blättern wir etwas in der Hagiographie! Da nennt der heilige Josef a Cupertino Maria ganz ausdrücklich seine Braut; da wurde der selige Vinzent Pallotti am Silvesterabend 1832 mit der Muttergottes mystisch vermählt; da ließ sich Maria dem seligen Hermann Josef antrauen, woher sein Name Josef stammte.

In seinen programmatischen Forderungen an die Marianischen Kongregationen vom 27. September 1948 verlangt der Heilige Vater ,,volle und stete Hingabe an den Dienst der jungfräulichen Gottesmutter Maria“.

Der fromme Propst Georg Seidenbusch, der Schöpfer des vielgesungenen Liedes: ,,Kommt her, ihr Kreaturen all“, der die Kongregation des heiligen Philippus Neri in Bayern und Österreich einführte, erwählte sich schon als Student in München in der dortigen Pfarrkirche St. Peter Maria zu seiner Braut und erneuerte dieses Gelöbnis jedes Jahr mit dem Erfolge, daß er nach seinem eigenen Geständnis zeitlebens von schweren Versuchungen gegen die heilige Reinheit bewahrt blieb. Hören wir den Wortlaut seines Verlöbnisses: ,,Machte mich also aus innerlichem Antrieb zu dem Altar der seligsten Jungfrau und Muetter Gottes Mariae Hilf von Passau, so dermalen wegen der eingefiehrten Marianischen Liebs-Verbündnis im höchsten Flor, diemiethig hinzu, und bate Mariam, weilen bey dem Hochalter zwei Adelige sich miteinander vermählten, ob sye, zwar als eine große Frau, aber sich selbten ine diemiethig Magt genant, nicht mich armen möchte annemmen und mir glauben mich mit ihr treuherzig zu vermählen.

Nun muß ich bekennen, daß ich inwendig große Freyt empfangen und diemiethig mein Formular vor ihr abgelegt, und nit allein gesagt: In Dominam et Advocatam, sed in charissimam Sponsam te eligo. Habe also Maria in mein Gespons und Braut erwählet“.

Eine ganz ähnliche Begebenheit wird uns aus dem Leben des heiligen Johannes Endes berichtet. ,,Um diese Zeit“ (Berufswahl), erzählt sein Biograph P. Hector, ,,trieb ihn auch seine Liebe zu Maria zu einem Akte der Hingabe, wie wir ihn im Leben des heiligen Edmund von Kanterburg finden. Er erwählte sie zu seiner heißgeliebten Mutter oder vielmehr zu seiner Braut, und legte, um diese geistige Verbindung in steter Erinnerung zu behalten, einen Ring an den Finger einer Statue der seligsten Jungfrau.“

Wir sehen: Barbara Weigands Wunsch, die Priester möchten sich Maria zu ihrer Braut erwählen, durfte Professor Dr. Krebs nicht als ,,unsittliche Andächtelei“ und ,,innerlichen Unrat“ bezeichnen. Aber dieser Erguss des Freiburger Professors gegen die Schippacher Mariologie ist typisch für die Scheu der deutschen katholischen Theologie vor der Marianischen Frömmigkeit. Hierüber hat Semmelroth S.J. im Jahre 1949 einen überaus lehrreichen Aufsatz veröffentlicht, in welchem er diese Einstellung der deutschen Theologen ganz offen als im Gegensatz stehend zu den ,,romanischen“ Theologen bezeichnet: ,,Es dürfte für unsere deutsche Theologie kennzeichnend sein, daß sie gerade in der Mariologie Zurückhaltung und Vorsicht zu ihrem Grundsatz gemacht hat. Wenn man von Scheeben absieht, so kann man nicht sagen, daß die deutsche Theologie marianisches Gepräge trage ... Wir finden bei den deutschen Theologen meist eine gewisse kühle Reserve, bisweilen sogar dem anderswo Aufgestellten gegenüber geradezu Ablehnung.“

Bei Professor Krebs haben wir gesehen, daß es nicht bloß Reserve war, die seinen marianischen Minimalimus kennzeichnete, sondern kühne Angriffslust gegen jene, die anderer Meinung waren, z. B. gegen das Vertrauen des Kardinals Mercier auf Maria als Patronin der nationalen Unabhängigkeit, und schmutzige Verunglimpfung der zarten Marienminne der frommen Schippacher Jungfrau.

In der antimarianischen deutschen Theologie liegt auch der Grund für das Fehlen von Muttergotteserscheinungen in deutschen Landen. Die deutsche Theologie verweigert Maria das Visum.

Gottlob geht Rom andere Wege als die deutsche Theologie.

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3. Angeblich falsche Engellehre

Am Feste des heiligen Evangelisten Johannes 1895 glaubte Barbara beim Hochamte, während es zum Sanctus läutete, den Altar von Engeln umringt zu sehen, die mit ihrem Angesicht zu Boden lagen und Gott anbeteten. Nach der Wandlung habe sich einer von der Schar getrennt, sei auf sie zugekommen und habe ihr gesagt, er sei ihr Schutzengel. Als die Jungfrau ob des Glanzes des Engels erschrak, den sie als ,,hohen Fürsten“ erkannte, beruhigte er sie, er sei erst seit drei Jahren ihr Schutzengel, ,,seitdem du im Bekenntnis des heiligen Sakramentes so beharrlich gewesen und deshalb so vieles leiden mußtest“; er sei aus dem Chor der Seraphim.

Ganz die gleiche Erscheinung wird berichtet vom 1. November 1896 und wieder vom 8. September 1909. Barbara glaubte also, zum Lohn für ihre Treue gegen das allerheiligste Sakrament einen zweiten Schutzengel, und zwar einen aus einer höheren Ordnung, erhalten zu haben.

Auch diese ihre Meinung mußte sich im Jahre 1916 die Zensur eines dogmatischen Verstoßes gefallen lassen. So heißt es in einer weigandfeindlichen Schrift: ,,Vollständig neu in der Engellehre ist auch die Mitteilung, daß Barbara Weigand seit drei Jahren zum Lohn ihrer Treue gegen das heilige Sakrament einen anderen Schutzengel, und zwar bezeichnenderweise einen der höchsten Seraphinen erhielt.“

Sehen wir einmal, ob diese Meinung der Schippacher Jungfrau wirklich ein dogmatischer Irrtum ist und ob der Schutzengelwechsel in der katholischen Engellehre und Heiligengeschichte wirklich etwas ,,vollständig Neues“ darstellt, wie es in der schon mehrfach erwähnten antischippacher Schrift behauptet wird.

Da ist jenem Vorwurf zunächst entgegenzuhalten, daß Barbaras Meinung über einen zweiten Schutzengel schon deswegen kein dogmatischer Irrtum sein kann, weil es kein Dogma gibt, daß jeder Mensch nur einen und denselben Schutzengel habe.

Die Lehre von einem und einzigen Schutzengel ist nämlich ,,weder in der Heiligen Schrift ausdrücklich ausgesprochen, noch von der Kirche in einer feierlichen Glaubensentscheidung vorgelegt worden“; sie ist lediglich eine sententia theologice certa; die theologische Gewissheit steht aber nur zwischen Wahrscheinlichkeit und Glaubensgewissheit, ist aber selber noch keine Glaubensgewissheit. Wenn aber - immer streng dogmatisch gesprochen - jene Lehre nicht glaubenssicher ist, sondern nur theologisch sicher, dann ist ein Abweichen davon auch kein dogmatischer Irrtum; denn auch das kirchliche Rechtsbuch sagt in can. 1323 § 3 ganz deutlich: ,,Ein Dogma liegt nur dann vor, wenn es sicher feststeht, daß etwas als Dogma erklärt oder definiert wurde.“

Es geht nicht an, die Schippacher Schriften mit einem anderen Maßstab zu messen als mit diesem geraden Maßstab der kirchlichen Lehre. Wenn man andere Menschen der Häresie und Sektenbildung anklagen will, muß man die katholische Glaubenslehre dogmatisch genau nehmen, denn Häresie ist bewusstes, hartnäckiges Festhalten an einer mit einem klar definierten Dogma in Widerspruch stehenden Lehre, wie es auch genau im kirchlichen Rechtsbuch zu lesen ist (can. 1325 § 2).

Barbara Weigands Meinung vom Schutzengelwechsel war also durchaus kein dogmatischer Irrtum. War sie überhaupt ein Irrtum oder etwas ,,vollständig Neues“ in der katholischen Engellehre? Oder gab es vielleicht bei anderen Personen auch schon Schutzengelwechsel oder Schutzengelmehrung? Fragen wir darüber die Hagiographie!

Da hören wir nun, daß nicht gar wenige Heilige, Selige oder im Rufe der Heiligkeit Verstorbene in ihrem Leben auch schon zwei, mitunter sogar drei verschiedene Schutzengel erhielten: so der heilige Gregor d. Gr., als er Papst wurde, der General der Unbeschuhten Karmeliten, Dominicus a Jesu Maria (1630), die selige Dominikanerin Katharina von Racconigi (1547), Viktoria Angeli, Maria Raggi, die ehrwürdige Birgittin Marina von Escobar (1633), die ehrwürdige Karmelitin Margarete vom heiligsten Sakrament (1648), die Klarissin Pudentiana Zagnoni, die heilige Margareta Maria Alacoque, Benigna Gojos, die heilige Äbtissin Humiliana (1310), die stigmatisierte Dominikanerin Columba Schonath von Bamberg.

Die heilige Franziska von Rom erhielt in drei verschiedenen Abschnitten ihres Lebens sogar drei verschiedene Schutzengel: den ersten aus dem Chor der Engel, den zweiten aus dem Chor der Erzengel, den dritten aus dem Chor der Mächte.

Und wenn man Barbara Weigands Glauben an einen Schutzengel aus den höheren Ordnungen bemängelte und ironisierte, so ist es heute allgemeine Lehre der Theologen, daß auch die Engel der höheren Chöre Sendungsgeschäfte ausführen, wie denn auch der heilige Paulus (Hebr. 1,14) ausdrücklich ,,alle Geister“ den Menschen dienen läßt und auch die höchsten Geister Gottes Aufträge ausführten, z. B. der Seraph bei Isaias (6,6) und die beiden Cherubim am Eingang zum Paradies (Gen 3,24).

Wir sehen also, daß Barbaras Glaube einen zweiten und höheren Schutzengel erhalten zu haben, weder etwas ,,vollständig Neues in der katholischen Engellehre“ noch ein dogmatischer Irrtum war. An diesem geradezu klassischen Beispiel kann man also handgreiflich sehen, wie man im Jahre 1916 ,,dogmatische Irrtümer“ in den Schippacher Schriften konstruierte, um deren Urheberin zur Häretikerin zu stempeln und die Schippacher Sakramentskirche in Trümmer zu schlagen.

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4. Angeblich falsche Prophezeiungen

Wir haben bereits in einem früheren Kapitel eine Blütenlese seherischer Aussprüche gebracht, in welchen sich die Schippacher Jungfrau mit künftigen Ereignissen befaßte, und wir haben dort gesehen, wie sich die Schau der Seherin in die Zukunft der Menschheit und der Kirche mit überraschender Klarheit als richtig erwiesen hat. Was Barbara Weigand vor sechzig und mehr Jahren über die kommenden Heimsuchungen der Menschheit durch Kriege und Revolutionen, der Kirche durch Verfolgungen und Glaubensabfall, was sie auch über ihr eigenes Leben und das Schicksal ihrer Werke vor mehr als einem halben Jahrhundert als Stimme Gottes vorgetragen hat, ist restlos in Erfüllung gegangen. Angesichts solch augenfälliger Bestätigungen ihrer Prophezeiungen erscheint es eigentlich überflüssig, noch ein Wort der Rechtfertigung zu bringen; weil aber zur Zeit die Bekämpfung Schippachs so laut von angeblich falschen Prophezeiungen gesprochen wurde, wird es gut sein, auch diesen Vorwürfen etwas nachzugehen.

Zunächst ist es unbestritten, daß Prophezeiungen, die sich durch die nachfolgenden Ereignisse als unrichtig herausstellen, nicht göttlichen Ursprungs sein können, sondern eine Folge jener Ursachen sind, die auch auf anderen Gebieten visionäre Irrungen hervorrufen können. Aber man muß sich auch vor dem falschen Schlusse hüten, solche vereinzelte Irrungen in bezug auf künftige Dinge gegen den übernatürlichen Charakter von Privatoffenbarungen oder gegen die außerordentliche Begnadigung der fraglichen Person schlechthin auszuspielen, da sich Irrungen sogar bei heute unbestritten als begnadigt geltenden Personen finden, z. B. beim heiligen Bernhard von Clairvaux. Sodann muß man bei Prophezeiungen mystisch begnadigter Personen den Zweck ihrer Begnadigung wohl im Auge behalten: alles, was nicht in der Richtung dieses Zweckes liegt, gehört nicht zur Mission des Begnadigten und kann darum keinen Anspruch auf Irrtumslosigkeit erheben.

Es zeugte nun gewiß nicht von besonderer Vornehmheit des Geistes, von dem ungemein vielen Guten und Schönen in den Schippacher Schriften nichts zu berichten, dagegen mit Adleraugen nach Schwächen und angeblich falschen Prophezeiungen zu fahnden und mit dem Finger auf solche hinzuweisen, wie es in den Jahren 1914 bis 1920 in der Presse geschehen ist. So hieß es dort z. B.: ,,Bei Barbara Weigand liegen eine ganze Anzahl falscher Prophezeiungen bereits vor.“

Betrachten wir uns also einmal diese ,,ganze Anzahl falscher Prophezeiungen“, welche nach Angabe der Gegner bereits im Jahre 1916 vorlagen.

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a) Revolutionen

Einen breiten Raum nehmen in den Schippacher Schriften die Hinweise auf die kommenden Strafgerichte ein, welche Gott zur Züchtigung der von ihm abgefallenen Menschheit schicken werde. Furchtbare Kriege und grausame Revolutionen werden über die Menschheit hereinbrechen: so verkündete die Seherin von Schippach schon vor der Jahrhundertwende. Im Jahre 1914 war der erste Weltkrieg entfesselt - der Jungfrau prophetische Ankündigung ging in Erfüllung. Das wollten aber die Gegner im Jahre 1916 nicht gelten lassen und sie stellten darum die Behauptung auf, Barbara Weigand habe mit ihrer Vorhersage keinen Krieg, sondern eine blutige Revolution gemeint. Von einer solchen sei aber nichts zu sehen: also sei Barbara Weigand eine ,,Lügenprophetin.“

Abgesehen davon, daß die Jungfrau ganz deutlich von Kriegen redet, in denen ganz Europa, ja die ganze Welt zum Schlachtfeld würde, spricht sie auch von blutigen Revolutionen und gewaltsamem Umsturz aller Ordnung, wie die früher gebrachten Zitate beweisen und wie auch ihre Gegner bestätigen. In beiden Heimsuchungen aber hat sie nur zu deutlich vorausgesehen, die wir wahrhaftig nicht mehr zu beweisen brauchen. Denn auch solche schreckliche Revolutionen, wie sie seit 1917, von Russland angefangen, bis auf diesen Tag die Menschheit heimsuchen, hat die Weltgeschichte noch nicht gesehen. Barbara Weigands Ankündigung ist nur zu deutlich bittere Wahrheit geworden.

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b) Heilige

In den Vorhersagungen über die Kirche kommt die Seherin von Schippach wiederholt auf die vielen Heiligen zu sprechen, die der Kirche im 19. und 20. Jahrhundert entsprießen würden. Erinnern wir uns der Worte des Herrn vom 25. Juni 1897: ,,Noch nie seit den achtzehn Jahrhunderten wird ein anderes Jahrhundert bestehen, in dem so viele Heilige gelebt haben und leben werden als in diesem Jahrhundert.“ Oder seines Wortes vom 30. Juli 1897: ,,Ich will Heilige bilden zu allen Zeiten, am allermeisten aber in dieser Zeit. Oder vom 6. August 1897: ,,Ich habe euch gesagt, daß kein Jahrhundert so große Heilige erzeugen wird.“ Oder vom letzten Freitag im März 1900: ,,Es werden sich so viele Heilige bilden in diesem Jahrhundert, daß die Kirche, solange sie noch besteht, sich an diesem Jahrhundert rühmen und erbauen kann.“

Diese prophetischen Worte zogen der Schippacher Jungfrau nicht nur den Vorwurf der Fehlprophezeiung, sondern sogar - man staune! - jenen der geistigen Abnormität zu: Wer so übertreibe, habe ,,das Recht verwirkt, für normal genommen zu werden.“ Sehen wir also einmal, ob die Weigandsche Prophezeiung von den vielen Heiligen in unserer Zeit wirklich eine Lügenprophezeiung war, die nur ein Geisteskranker aussprechen könne!

Da lese ich im Bayerischen Klerusblatt 5 (1928) auf S. 233 in einem Aufsatz von Domkapitular Rindfleisch wörtlich: ,,Wenn wir die Jahrhunderte der Kirche im Geiste überblicken, werden wir kaum eine Zeit finden, in der so viele Selig- und Heiligsprechungen stattfanden wie gerade in unseren Tagen.“ Nach einer von P. Häußler S. J. im Jahre 1942 aufgestellten Statistik gab es bis dahin 233 namentlich kanonisierte Heilige, davon 42 seit dem Jahre 1900. Hierzu kommen seit 1942 weitere 18 Heiligsprechungen, so daß die Hälfte unseres Jahrhunderts bereits 60 Kanonisationen aufweist (ohne Seligsprechungen) - mehr als je ein früheres Jahrhundert. Ein beträchtlicher Anteil hieran fällt dem Heiligen Jahr 1950 zu, bei dessen Eröffnung die deutsche Presseagentur die folgende Meldung aus dem Vatikan verbreitete: ,,Das Heilige Jahr 1950 wird in die Chronik der Heiligen Jahre als das Jahr der Heilig- und Seligsprechungen eingehen, da nie zuvor in einem Jahr so viele Diener Gottes heilig- oder seliggesprochen worden sind.“

Schon im offiziellen Katalog der Ritenkongregation vom Jahre 1932 war die Zahl der zu Beatifizierenden oder Kanonizierenden gegenüber dem Katalog von 1921 von 328 auf 551 angestiegen. Das betrifft jene, die zur Ehre der Altäre feierlich erhoben werden sollen oder erhoben wurden. Ihre Zahl ist also schon in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts größer als je in einem der früheren Jahrhunderte. Genau so hatte es Barbara Weigand angekündigt. Und dann: Die Hunderttausende, vielleicht Millionen von Blutzeugen die für ihren christlichen Glauben in den schrecklichen Christenverfolgungen unserer Zeit auf der ganzen Welt, Blutzeugen, deren Zahl nach Teusch die Anzahl der Märtyrer in den großen Christenverfolgungen im alten Römischen Reich weit überschreitet!

Wenn in den Schreckensjahren des spanischen Bürgerkrieges von 1936 bis 1939 allein 13 Bischöfe, 4101 Priester, Tausende von Ordensleuten und etwa 700000 Laien um ihres Glaubens willen den Martertod erlitten haben, wenn der Bezwinger des spanischen Antichristen im Anblicke dieses Martyriums ausrufen konnte: ,,Die Verfolgung des christlichen Spaniens ist die ruhmreichste Verfolgung, die die Kirche je erlitten hat“, wenn Papst Pius XI. schon in seiner Ansprache vom 14. September 1936 an die spanischen Flüchtlinge das Bekenntnis aussprach: ,,Ein ganzer Himmel von christlichen und priesterlichen Tugenden, von Heldentaten und Martyrien im heiligen und strahlenden Vollsinn des Wortes“, sehen wir dann nicht Barbara Weigands Prophezeiung von den vielen Heiligen im zwanzigsten Jahrhundert jetzt schon restlos in Erfüllung gegangen? Und die Martyrien in den vom Kommunismus beherrschten Ländern? Hierüber berichtet die Deutsche Presseagentur am 14. Oktober 1950 aus dem Vatikan die folgende traurige Bilanz:

Vatikanstadt (dpa). 11000 Priester und Mönche hingerichtet, im Gefängnis oder deportiert, drei Bischöfe hingerichtet, ein Kardinal auf Lebenszeit im Gefängnis, zwei Erzbischöfe zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt, ein Erzbischof unter Hausarrest und Hunderte von Geistlichen im Exil, ist die mäßige Übersicht über den gegenwärtigen Stand der Verfolgung der katholischen Kirche in den kommunistischen Ländern Osteuropas, die der Vatikan am Samstag veröffentlichte.

In Rumänien sind alle lebenden Priester im Gefängnis, 700 sind hingerichtet worden.

In Bulgarien sind alle Einrichtungen der katholischen Kirche als ungesetzlich erklärt, 120 Priester und kirchliche Würdenträger sind im Gefängnis oder im Exil.

In Albanien wurden alle Bischöfe als Volksfeinde verhaftet, zwei Bischöfe hingerichtet und der Erzbischof von Durazzo zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt.

In Polen wurden 7000 Priester von der Polizei ,,gemaßregelt“. 1000 sind erschossen oder in KZs gebracht worden.

In der Tschechei sind alle katholischen Organisationen aufgelöst. Erzbischof Beran steht unter Hausarrest. Alle katholischen Schulen sind geschlossen.

In Ungarn wurden bis Juni 1950 538 Priester hingerichtet, zu Gefängnis verurteilt oder deportiert. Ein Bischof wurde auf Veranlassung der sowjetischen Armee hingerichet, weil er Frauen zu schützen versuchte, die von Soldaten vergewaltigt wurden. Kardinal Mindszenty erhielt lebenslängliches Gefängnis. Im Juni wurden 1000 Mönche und Nonnen in KZs gebracht.

In Jugoslawien wurden 1954 Priester hingerichtet, gefangengesetzt oder deportiert. 196 von ihnen wurden ohne Gerichtsverfahren und 32 in Massenprozessen zum Tode verurteilt, Erzbischof Stepinac zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt. 409 Priestern gelang die Flucht.

In den zu Sowjetrepubliken erklärten Baltenländern Estland, Lettland und Litauen wurden 1000 Priester und kirchliche Würdenträger hingerichtet oder in das Gefängnis geworfen. In der Ukraine haben über 3600 Priester den Tod gefunden.

Darf nicht auch auf den größten Teil dieser Opfer satanischer Verfolgung das obige Wort des Heiligen Vaters von einem ,,wirklichen Martyrium“ Anwendung finden?

In der Schrift des Kardinals Suhard von Paris: ,,Aufstieg oder Niedergang der Kirche“ ist folgendes zu lesen: ,,Wenn es auch sicherlich zutrifft, daß die Massen Gott niemals so ferne waren wie heute, so hat es vielleicht zu keiner Zeit so viele Heilige gegeben. Allein die Liste derer, die die Kirche seit Beginn des Jahrhunderts selig- oder heiliggesprochen hat, würde genügen, ihm den Ehrennamen des Jahrhunderts der Heiligen einzutragen.“

Und Bischof Josef Stangl von Würzburg, also jener Stadt, in der ein hochgestellter Priester im Jahre 1916 die Weigandsche Ankündigung von den vielen Heiligen unseres Jahrhunderts eine maßlose Übertreibung und die Sprache eines anormalen Menschen nannte, sagte wörtlich in seiner Kilianipredigt am 14. Juli 1958: ,,Das Zwanzigste Jahrhundert hat mehr Märtyrer als die vergangenen Jahrhunderte“.

Wir sehen: Barbara Weigand ist auch in ihren Aussagen über die Heiligkeit der Kirche im Zwanzigsten Jahrhundert glänzend gerechtfertigt.

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c) Ausbreitung

Eine weitere falsche Prophezeiung erblickten die Gegner in der Äußerung vom 12. Mai 1897: ,,Was ich mit dir rede, wird von Mund zu Mund gelangen, ohne Aufsehen.“ Nun ist es doch wahr, daß die wunderschönen und tiefen Worte über Buße, Sühne, Opfer, lebendigen Glauben, Leiden, heilige Kommunion, offenes Bekenntnis des Glaubens, Kampf gegen die Vergnügungssucht sich bald über mehrere Länder Europas verbreiteten, obwohl bei der primitiven Art des Abschreibens begreiflicherweise nur wenige Exemplare der Niederschriften vorhanden waren und die modernen Publikationsmittel, namentlich der Druck, so gut wie nicht zur Verfügung standen. Wenn aber diese Gedanken, wie die Ausbreitung des Liebesbundes beweist, trotzdem Gemeingut vieler Tausender wurden, so finden die obigen Worte darin ihre laute Bestätigung.

Nicht anders verhält es sich mit der weiteren ,,falschen“ Prophezeiung:
,,Du wirst dich nie zu verantworten haben, weder vor einem geistlichen noch vor einem weltlichen Gericht.“

Barbara Weigand stand zwar oft vor Generalvikaren, Domkapitularen, Professoren, Seminarregenten, Prüfungskommissären; aber niemals vor einem geistlichen und auch niemals vor einem Weltkichen-Gericht.

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d) Einweihung der Kirche

Barbara Weigand soll die Einweihung der Schippacher Kirche auf Fronleichnam 1915 geweissagt haben, was aber nicht eingetroffen sei. Wie steht die Sache? Am 27. Mai 1913, zwei Tage vor dem Eintreffen des zur kanonischen Visitation in Schippach erwarteten Bischofs, glaubte die Jungfrau die Worte des Herrn zu hören: ,,Mein Diener (sc. der Bischof) möge sorgen, daß es angefangen und tapfer dahintergegangen wird, daß die Kirche bis 1915, am Sakramentssonntag, kann eingeweiht werden.“

Jedermann sieht, daß hier keine Prophezeiung vorliegt, sondern eine Mahnung an den Bischof, die Kirchenbausache, welche seine Behörde schon jahrelang beschäftigt hatte, kräftig zu fördern. Weil aber diese Mahnung vergeblich war und der Kirchenbau infolgedessen immer noch nicht begonnen wurde, konnte er natürlich im Jahre 1915 auch nicht fertiggestellt und nicht eingeweiht werden. Von einer falschen Prophezeiung kann also keine Rede sein.

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e) Todesjahr

Auch das Jahr ihres Todes soll Barbara Weigand falsch prophezeit haben, höhnten die Zeitungen: ,,Barbara Weigand lebt und erfreut sich eines gesunden Appetits ... Die Prophetin hatte aber geoffenbart, sie würde am Fronleichnamsfest 1916 sterben ... die Prophetin selbst glaubt nicht mehr daran; wenigstens hat sie keine Veranstaltungen getroffen, sich auf den Heimgang vorzubereiten.“

Was hat denn nun die Seherin von Schippach eigentlich über ihren Tod geweissagt? Da lese ich in ihren Schriften wortwörtlich: ,,Am Herz-Jesu-Fest 1894 wurde mir zu wissen getan, daß ich in meinem 70. Lebensjahr anfangen soll, mich auf meinen Tod vorzubereiten.“ Barbara Weigand war geboren am 10. Dezember 1845, mußte also, wenn sie so lange lebte, am 10. Dezember 1915 das 70. Lebensjahr erreichen. Der Herr hatte ihr also, wie sie im Jahre 1894 niederschreibt, nur zu wissen getan, daß sie 70 Jahre alt würde und dann anfangen solle, sich auf ihren Tod vorzubereiten. Der Tod konnte also 1916 oder später eintreten. So verstand auch Luise Hannappel die obige Mitteilung des Herrn, wie aus ihrem Brief vom 27. Mai 1913 an den Bischof von Würzburg zu ersehen ist: ,,Wenn Frl. Barbara Weigand nach ihrem 70. Lebensjahr, 1916 oder später, stirbt ...“ Die im Jahre 1894, als sie 49 Jahre zählte, erhaltene Zusicherung, daß sie 70 Lebensjahre erreichen würde und dann noch Zeit habe, sich auf ihren Tod vorzubereiten, ist wieder buchstäblich eingetroffen.

Das also ist die ,,ganze Anzahl der bereits vorliegenden falschen Prophezeiungen“. Wir haben gesehen: es waren ganz richtige Vorhersagungen.

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5. Einwände gegen den Liebesbund

Bereits in den Novembertagen des Jahres 1905 bildete der Liebesbund, der damals die Freunde Schippachs noch ohne jede Förmlichkeit mit einem rein geistigen Band umschloss, den Gegenstand einer Inquisition seitens einiger Mainzer Priester, die durch ihre Fragen im Beichtstuhle ihre Beichtkinder in Verwirrung brachten. Die Sache gelangte bald an die bischöfliche Behörde, welche Luise Hannappel als vermeintliche Urheberin vor ihr Forum zitierte, um von ihr Näheres über den Bund, seine Organisation, Zahl und Namen seiner Mitglieder und deren religiöse Betätigung zu erfahren. Luise Hannappel fiel die Verteidigung nicht schwer; denn die Zugehörigkeit zu dem rein geistigen Gebetsbund wurde von jedem einzelnen stillschweigend erworben durch das geistige Versprechen, nach den bewährten Regeln jenes Bundes sein Leben einzurichten; Verzeichnisse wurden auch keine geführt, so daß Luise Hannappel gar nicht in der Lage war, über ihren engsten Bekanntenkreis hinaus die Namen der Mitglieder anzugeben.

Zum Bischof Kirstein ihre Zuflucht nehmend, konnte sie aus dessen Mund die tröstliche Versicherung hören, er wolle den Dingen ihren Lauf lassen; denn sei es Gottes Sache, dann werde sie schon durchdringen. Sein Generalvikar Engelhardt allerdings war anderer Meinung. Er stieß sich schon an dem Namen ,,Liebesbund“, über den er sich P. Felix Lieber gegenüber weidlich lustig machte, obwohl doch dieser ehrwürdige Name so alt ist wie die Kirche und oft auch in offiziellen kirchlichen Büchern vorkommt, z.B. wieder im Diözesangebetbuch des Bistums Würzburg vom Jahre 1948 auf Seite 691. Weil aber dieser Name im Munde der Barbara Weigand erschien, mußte er wie alles, was aus diesem Munde kam, schlecht sein.

Lauter und heftiger wurde jedoch später der Kampf gegen den Bund in der Erzdiözese Köln, und zwar von der Geistlichkeit der Stadt Aachen geführt. Als die dortigen Gegner durch die Approbationsverweigerung des Ordinariates Köln ihr vorläufiges Ziel erreicht hatten, gab es einige Jahre Ruhe, zumal auch die dortigen Mitglieder auf die dringende Mahnung des klugen P. Felix Lieber sich jeder besonderen Tätigkeit enthielten, was ihnen seitens des Kardinals von Köln das schriftliche Lob ihrer ,,bewährten echt katholischen Gesinnung“ einbrachte.

Nachdem aber der Bund im Frühjahr 1914 die offizielle Genehmigung einiger Ordinariate erhalten hatte, glaubten auch die Aachener Freunde nach den nunmehr approbierten Satzungen leben und beten zu dürfen. Aber sofort erschien auch die Geistlichkeit wieder auf dem Plan, diesmal unter der Führung des Oberpfarrers Bayer von St. Paul, dem es besonders die Geldspenden der Aachener für Pfarrei und Kirchenbau in Schippach angetan hatten. Es gelang ihm in der Tat, vom neuen Kölner Erzbischof Kardinal Felix von Hartmann ein sogenanntes Publicandum zu erwirken, das am 19. Juli 1914 von allen Kanzeln der Stadt verlesen, an allen Kirchentüren angeschlagen, in allen Vereinsversammlungen bekanntgegeben und an viele Adressaten nach auswärts versandt wurde. Dieses Publicandum hat folgenden Wortlaut:

,,Im hohen Auftrag Seiner Eminenz des hochwürdigsten Herrn Erzbischofs Felix Kardinal von Hartmann tun wir den Gläubigen Folgendes kund: die Vereinigung, die sich seit einiger Zeit auf auswärtige Veranlassung hin hier in Aachen gebildet hat, mit Namen ,,Liebesbund“, ist niemals von der Kirche gutgeheißen worden, sondern ist vielmehr auf das schärfste zu missbilligen. Es ist der Wunsch Sr. Eminenz, daß die Gläubigen sich von dem sogenannten Liebesbunde fernhalten und dessen Bestrebungen in keiner Weise durch Geldspenden unterstützen.

Vorstehendes Publicandum soll am Sonntag, 19. ds., von allen Kanzeln der Stadt Aachen verkündet werden.

I.A. Dr. J. Drammer.“


,,Der Liebesbund ist niemals von der Kirche gutgeheißen worden“, so verkündeten also die Priester am 19. Juli 1914 von allen Kanzeln der Stadt Aachen. Das war aber doch eine offene Unwahrheit, denn am 6. April 1914 hatte der Fürstbischof von Trient, am 16. Mai 1914 der Bischof von Salerno, am 29. Mai 1914 der Erzbischof von München, am 30. Mai 1914 der Bischof von Temesvar den Liebesbund approbiert.

,,Der Bund ist auf das schärfste zu missbilligen“, so hallte es von allen Kanzeln einer deutschen katholischen Stadt. ,,Wir billigen und segnen von ganzem Herzen den Eucharistischen Liebesbund und wünschen ihm die weiteste Verbreitung“, so verkündete zur gleichen Zeit der Erzbischof von Salerno.

,,Heilig ist der Zweck des Liebesbundes; deshalb verstehe ich es wohl, daß der Liebesbund sich ausbreitet“, so begrüßte ihn Seine Eminenz Kardinal Bisleti am 16. November 1914.

,,Da ich den überaus edlen und heiligen Zweck des Bundes hochschätze, bin ich sehr gern bereit, seine Approbation durch den Heiligen Stuhl zu begünstigen“, so schrieb am 23. Januar 1915 Fürstbischof Celestino von Trient.

,,Dieser Bund ist in der Diözese Fünfkirchen eingeführt und zeitigt von Tag zu Tag immer mehr der kostbarsten Früchte“, so bestätigte am 23. Februar 1915 der dortige Bischof Julius Zichy in einem Brief an den Heiligen Vater.

,,Ich bin tief überzeugt von der zeitgemäßen Nützlichkeit eines solchen Werkes. Die weitere Ausbreitung desselben ist sehr erwünscht“, so urteilte am 12. September 1942 der bischöfliche Administrator von Metz.

Also überall dasselbe Lob. Nur in der deutschen Stadt Aachen war der Bund ,,auf das schärfste zu missbilligen.“ Warum? Wir wissen es: weil seine Aachener Freunde ,,das viele Geld“ zu Pfarrei und Kirchenbau nach Schippach schickten, anstatt es für die Erbauung eines Vereinshauses in Aachen zu geben. Daher auch die rührende Mahnung im Publicandum, ,,dessen Bestrebungen in keiner Weise durch Geldspenden zu unterstützen.“

Als heftigsten Gegner des Bundes in Aachen erwies sich, wie schon erwähnt, der Vater des obigen Publicandum, der Oberpfarrer von St. Paul, der sich in Predigten, Vereinsvorträgen, in Eingaben an das Erzbischöfliche Ordinariat und besonders in seinen Veröffentlichungen in den Aachener Zeitungen, die er dann an die anderen Ordinariate sandte, an Gehässigkeiten, Entstellungen und Verdächtigungen das äußerste leistete, was ihm überhaupt möglich war. Es regnete aus seinem Mund und seiner Feder nur so an wüsten Beschimpfungen, wie seine Auslassungen im „Piusblatt“, im „Echo der Gegenwart“, im „Volksfreund“ und im „Aachener Generalanzeiger für Stadt und Land“ ersehen lassen.

Die allzu durchsichtigen Attacken der Aachener Geistlichkeit und der dortigen katholischen Presse sollten jedoch noch weit übertroffen werden durch die in den Mantel der Wissenschaft sich hüllenden Angriffe, die der Gewährsmann des Ordinariats Würzburg im Jahre 1916 in Presseveröffentlichungen gegen den Bund richtete. Vier Anschuldigungen waren es vornehmlich, die er gegen den Bund, seine Stifterin und Anhänger erhob:

  a) die Approbation des Liebesbundes sei auf betrügerische Weise erschlichen worden,
   
  b) Barbara Weigand und ihre Anhänger hätten sich gegen die Vorschriften des Index verfehlt,
   
  c) der Liebesbund sei eine Gefahr für den Glauben
   
  d) der Liebesbund sei eine überflüssige Sache.
   

Gehen wir den vier Anschuldigungen etwas nach!

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zu a) Erschleichung der Approbation

Die Tatsache der kirchlichen Approbation des Bundes konnte im Jahre 1916 doch nicht mehr so offen weggeleugnet werden, wie das im Jahre 1914 in Aachen geschehen war. Weil aber diese Tatsache den Gegnern höchst unbequem war und ihrem Axiom von der Schlechtigkeit des Bundes im Wege stand, suchte man sie auf andere Weise zu entkräften: man erklärte sie für erschlichen. Den Beweis für diese neue ehrenrührige Behauptung schenkte man sich; eine öffentliche Erwiderung und Richtigstellung brauchte man nicht zu befürchten, denn die Freunde Schippachs waren damals mundtot gemacht worden und durften keine öffentliche Selbstverteidigung führen, während die Gegner Schippachs ihre unwahren Behauptungen unbehindert in den Zeitungen und in eigenen Broschüren mit kirchlicher Druckerlaubnis publizieren konnten. So veröffentlichte die Presse unter dem Schutze des Imprimatur die folgende unwahre und ehrenrührige Darstellung: „Bei wievielen bischöflichen Behörden der Versuch gemacht wurde, die kirchliche Sanktion des Bundes zu erhalten, entzieht sich unserer Kenntnis. Von der erzbischöflichen Behörde zu Köln wissen wir es und ken- nen ihr Verbot. Doch da verleugnet der Liebesbund seine Stifterin ... Und siehe, wahrscheinlich (!) durch Mittelspersonen gelang es nunmehr, eine bischöfliche Approbation in Trient zu erlangen.“

„Als in der Erzdiözese Köln dem Liebesbund der Barbara Weigand die kirchliche Bestätigung verweigert worden war, suchte man anderswo dadurch zum Ziele zu kommen, daß man den Zusammenhang des Gebetsvereins mit der Seherin und mit göttlichen Offenbarungen verschwieg.“

„Der Redaktor der Statuten hat alles, was irgendwie die Herkunft der Sache von Barbara Weigand hätte verraten können, gestrichen. Die kirchliche Obrigkeit durfte keinen Versacht schöpfen.“

„Es gelang den Anhängern der Seherin, am 6. April 1914 die Approbation des Bischofs von Trient für einen Gebetszettel zu erhalten, auf welchem Zweck und Satzungen des Liebesbundes verzeichnet sind. Mehrere andere Ordinariate folgten mit dem Imprimatur für die Statuten nach. Es war in diesen Statuten mit keiner Silbe der Privatoffenbarungen der Barbara Weigand gedacht worden.“

So der Prüfungskommissär, der dem Ordinariat Würzburg die Gutachten gegen Schippach lieferte. Ganz konform mit dieser Darstellung lautet denn auch der Erlass des Ordinariats Würzburg vom 18. Februar 1916:

„An und für sich betrachtet erscheint der Wortlaut der Statuten und Gebete des Liebesbundes einwandfrei und er erhielt auch deswegen offenbar in Unkenntnis der geheimen Herkunft und Ziele dieses Gebetsbundes die Druckerlaubnis.“

Noch schärfer drückte sich das Ordinariat Würzburg aus in seinem Antrag an den Heiligen Stuhl vom 10. März 1916 um ein päpstliches Verbot des Bundes, so veröffentlicht im Amtsblatt:

„Der Eucharistische Liebesbund des göttlichen Herzens Jesu möge allgemein verboten werden, wenn auch die Freunde der Barbara eine kirchliche Genehmigung für denselben von mehreren Bischöfen erschlichen haben.“

Damit waren jene Priester, welche die Approbation des Bundes erwirkt hatten, nämlich P. Felix Lieber, P. Angelicus Bugiel und dessen Oberer P. Josef Bergmiller, amtlich und öffentlich vom Ordinariat Würzburg als Betrüger hingestellt und ihre Orden (Franziskaner, Salvatorianer) schwer kompromittiert worden. Das war im Jahre 1916. Selbstverständlich nahmen die so schwer beschuldigten Ordenspriester den öffentlichen Vorwurf der Betrügerei nicht ruhig hin, sondern ergriffen Beschwerde beim Ordinariat Würzburg und beim Päpstlichen Nuntius in München mit dem Erfolg, daß das Ordinariat Würzburg im Jahre 1918 die Approbationserschleichung nicht mehr als Tatsache, sondern nur als Möglichkeit für die Zukunft bezeichnete. Aber der Makel blieb: „Calumniare audacter, semper aliquid haeret.“

Nun haben wir ja aus unserer aktenmäßigen Darstellung der Vorgänge um die Approbation ersehen, daß ebenso wie die kirchlichen Behörden in Mainz und Köln auch jene von Trient ganz offen über die Herkunft des Bundes aus den Privatoffenbarungen der Barbara Weigand unterrichtet worden waren. Prälat Hutter von Trient war von P. Angelicus Bugiel und seinem Obern P. Josef Bergmiller aufs genaueste mit Schippach bekannt- gemacht worden und hatte selbst die Schriften der Barbara Weigand zum Gegenstand seiner Lektüre genommen. Auf ausdrückliche Weisung von Prälat Hutter unterblieb aber in dem offiziellen Text der Hinweis auf die Privatoffenbarungen, weil ja die Sache in sich gut sei: eine Handlungsweise, die völlig der kirchlichen Praxis aller Zeiten entsprach.

Die Behauptung von der Approbationserschleichung durch hinterlistige Irreführung der kirchlichen Behörden trug zudem schon für jeden ehrlich denkenden und seinen Mitmenschen liebenden Leser den Stempel der Unwahrscheinlichkeit an sich, denn wir meinen, Ordenspriester gingen doch nicht darauf aus, Bischöfe und Ordinariate zu betrügen, wie in unserem Falle das Ordinariat Würzburg und sein Gewährsmann ohne jede Spur eines Beweises in die Welt hinausriefen.

Zu einem solchen schweren Vorwurf der Betrügerei („dolus malus“, „subreptitiv“, „verschwieg“, „verleugnet“, „Doppelspiel“, „eingeschmuggelt“, „erschlichen“, „fraudes“), der doch das Achte Gebot Gottes sehr wesentlich berührte, hätte eine kirchliche Behörde schon einen stichhaltigen Beweis haben müssen. Was man sich doch gegen Schippach alles erlaubte! Ohne den Tatbestand auch nur einigermaßen zu prüfen, präsentierte die Würzburger Prüfungskommission dem dortigen Ordinariat ihre „von vornherein“ gemachten Annahmen und dieses publizierte diese ehrenrührigen und völlig unwahren Behauptungen sogar im kirchlichen Amtsblatt und berichtete sie als „Prüfungsergebnis“ an die anderen deutschen Ordinariate und sogar an den Heiligen Stuhl.

Während aber die deutschen Ordinariate den Bericht Würzburgs als wahr hinnahmen, lehnte Rom ein Vorgehen gegen den Liebesbund bis heute rundweg ab. Nein, nicht „Barbara Weigand hat viele fromme Seelen in die Irre geführt“, wie das Ordinariat Freiburg schrieb, sondern das taten jene schippachfeindlichen Priester in Aachen, Freiburg, Mainz und Würzburg, welche offenkundige Unwahrheiten auf den Kanzeln, in der Presse und in Gutachten vortrugen und, wie ersichtlich, auch das Ordinariat Freiburg in die Irre führten. Diese Unwahrheiten aber sind inzwischen ebenso wie die Häuser, in denen sie fabriziert wurden, jämmerlich in sich zusammengebrochen. Und wer kann ermessen, wieviel Einbuße die kirchliche und priesterliche Autorität durch ihre Verbreitung offenkundiger Unwahrheiten erlitten hat?

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zu b) Verstöße gegen den Index

Im Aufopferungsgebet, das die Liebesbundmitglieder jeden Abend beten sollten, und das deshalb auch auf den approbierten Zetteln abgedruckt ist, heißt es:

„Lieber heiliger Schutzengel, nimm mein armseliges Gebet und Tagewerk und trage es in die Hände der lieben Muttergottes. Dich aber, o liebe Mutter, bitte ich, du wollest alles, was mangelt, ersetzen und es in dem kost- baren Blute Jesu reinigen und vervollkommnen.“

Darin erblickte der Gewährsmann des Würzburger Ordinariates eine „bequeme Sittenlehre“: „Diese bequeme Sittenlehre ist neu in der Kirche, ebenso die Art und Weise, wie, ohne die kirchliche Schlüsselgewalt in Anspruch zu nehmen, Befreiung von Fehlern, Unvollkommenheiten und Mängeln und Teilhaftigmachung der Verdienste Christi einem bestimmten Gebete als Wirkungen zugesprochen werden. Die Constitutiv Leos XIII. Officiorum ac munerum vom 25.1.1897 bestimmt ausdrücklich: Alle Bücher, Tagebücher, Verzeichnisse, Büchlein, Blätter usw., in welchen Ablassbewilligungen enthalten sind, dürfen nicht ohne Erlaubnis der heiligen Kongregation der Ablässe veröffentlicht werden (17. Regel des Index).“

Später wiederholt derselbe seine Anschuldigung: „Wir müssen auch hier darauf hinweisen, daß Barbara Weigand und ihr Anhang irgendeine kirchliche Bestätigung solcher Privilegien und Gnaden ... nicht einholte. Man verfehlte sich überhaupt bei dieser Sache ... sicher gegen den Geist der Gesetze des Index.“

So die Anschuldigung. Prüfen wir sie an der Hand des kirchlichen Rechtsbuches!

Bekanntlich wurde das angeschuldigte Aufopferungsgebet ganz ordnungsgemäß mit kirchlicher Erlaubnis einer ganzen Anzahl von Ordinariaten gedruckt; ein Vorwurf dagegen könnte also höchstens die approbierenden Bischöfe und Ordinariate treffen, daß sie etwas approbiert hätten, was „neu in der Kirche“ sei. Für die handgeschriebenen Schippacher Schriften aber trifft jene Konstitution vom 25. Januar 1897 überhaupt nicht zu, weil sie nur für Veröffentlichungen durch den Druck gilt. Sie hat folgenden Wortlaut:

„Indulgentiarum libri omnes, summaria, libelli, folia etc., in quibus earum concessiones continentur, non publicentur absque competentis auctoritatis licentia.“

Nun hat der Ausdruck „non publicentur“ an besagter Stelle nach dem ganzen Zusammenhang und der ganzen Zweckbestimmung der Indexregel nur den Sinn: „sollen nicht durch den Druck veröffentlicht werden“. Diese Interpretation hat die Ablasskongregation durch ein allgemeines Dekret Urbis et Orbis vom 10. August 1899 selber gegeben. In diesem Dekret stellt nämlich die Kongregation neun Regeln zur Unterscheidung echter und unechter Ablässe auf und fügt jeder Regel wieder eine authentische Erklärung an.

Die vierte Regel dieses Dekretes heißt nun: „Allgemeine oder besondere Ablässe, welche in Büchern, Büchlein oder Verzeichnissen, auf Blättern oder Zetteln oder auch auf Bildern enthalten sind, die ohne Genehmigung der zuständigen Behörde gedruckt sind, sollen nicht als echt angesehen werden.“

In der offiziellen Erklärung derselben Kongregation wird zur Begründung die 17. Indexregel angeführt und beigefügt: „Es ist deshalb klar, daß die Echtheit der irgendwie dem Druck übergebenen Ablässe, seien es allgemeine oder besondere, nicht feststeht, solange die Gutheißung der zuständigen Behörde fehlt.“

Also die 17. Indexregel sagt: Ohne die vorgängige Erlaubnis der zuständigen Behörde dürfen keine Bücher oder Büchlein, die Ablassbewilligungen enthalten, gedruckt werden. Von dieser ganz natürlichen und offiziell bestätigten Auslegung des Wortes „publicentur“ gehen alle Autoren aus, die auf die genannte Indexregel zu sprechen kommen. Der Druck ist eben das Mittel zur Verbreitung der Bücher; eine beschränkte Vervielfältigung durch Abschreiben oder Hektographieren oder Maschineschreiben ist kirchen- rechtlich keine publicatio.

Nun sind die Heftchen und Blätter, in welchen der Gewährsmann des Würzburger Ordinariates die angeblichen Verstöße gegen den Index gefunden haben wollte, niemals gedruckt, sondern nur in mühsamem Abschreiben und einige Blätter durch den Hektograph kopiert worden. Daß es nicht viele - vielleicht nur ein halbes Dutzend - Abschriften sein konnten, liegt in der Natur des Abschreibens begründet und kann auch aus der Tatsache ersehen werden, daß im Jahre 1916 selbst von der Polizei in Schippach kein Exemplar mehr aufzutreiben war.

Da die Schippacher Schriften also gar nicht gedruckt wurden, traf auch die 17. Indexregel auf sie nicht zu. Das scheint der Würzburger Gutachter später doch auch gefühlt zu haben, wenn er sich später etwas zurückhaltender ausdrückte und meinte, man habe sich „vielleicht nicht - streng genommen - gegen den Buchstaben“, sondern nur „gegen den Geist des Index verfehlt.“ Nein: es lag weder ein Verstoß gegen den Buchstaben noch ein solcher gegen den Geist des Index vor, wenn einige Leute die Schriften der Barbara Weigand abschrieben. Weder Barbara Weigand noch „ihr Anhang“, wie man sich in Würzburg wenig geschmackvoll über untadelige und fromme Ordenspriester ausdrückte, haben sich irgendwie gegen den Index verfehlt.

Wohl aber hat sich der Gewährsmann des Würzburger Ordinariates, der die obigen Anschuldigungen gegen die Freunde Schippachs erhob, selber sehr schwere Verstöße gegen Geist und Buchstaben des Index zuschulden- kommen lassen; nämlich: er hat den Wortlaut des 17. Dekretes der Konstitution vom 25. Januar 1897 falsch wiedergegeben; er hat entgegen den päpstlichen Bestimmungen Privatoffenbarungen einer lebenden Person drucken lassen; er hat mit dieser widerrechtlichen Publikation das Urheber- recht verletzt; er hat damit einen groben Vertrauensmissbrauch begangen und sich gegen das Amtsgeheimnis verfehlt.

Zum ersten Verstoß! Das fragliche Dekret hat folgenden Wortlaut:
„Indulgentiarum libri omnes, summaria, libelli, folia etc. in quibus earum concessiones continentur, non publicentur absque competentis auctoritatis licentia.“

Der Gewährsmann des Ordinariates Würzburg übersetzt: „Alle Bücher, Tagebücher, Verzeichnisse, Büchlein, Blätter usw., in welchen Ablassbewilligungen enthalten sind, dürfen nicht ohne Erlaubnis der heiligen Kongregation der Ablässe veröffentlicht werden.“

In dieser Übersetzung sind nicht weniger als drei schwere Fehler enthalten, nämlich: das Wort „Indulgentiarum“ ist nicht übersetzt, das Wort „Tagebücher“ ist willkürlich eingefügt, „absque competentis auctoritatis licentia“ ist wiedergegeben mit „ohne Erlaubnis der heiligen Kongregation der Ablässe“.

Nun ist es durchaus nicht gleich, ob das Wort „ Indulgentiarum“ übersetzt wird oder nicht. Wenn es unnötig wäre, hätte es der römische Text weggelassen. Dieser Genitiv, der so kräftig an der Spitze steht, ist nämlich auf alle folgenden Worte zu beziehen, so daß die Übersetzung lauten muß: „Alle Ablassbücher, Ablässeverzeichnisse, Ablässebüchlein, Ablässeblätter“. Nicht alle Bücher, Verzeichnisse etc. sind schlechthin gemeint, sondern nur solche, die sich mit Ablässen befasssen; es sind rechtliche Ausdrücke, die man nicht ändern darf.

Weil nur Ablassbücher gemeint sind, passt auch ein Wort wie diaria, Tagebücher, gar nicht in die Reihe; denn man kann sich nicht Ablasstage- bücher vorstellen.

Weil die Schippacher Schriften zwar „Blätter“, aber keine „Ablassblätter“ sind, fallen sie auch nicht unter die echte 17. Indexregel. Schließlich heißt „absque competentis auctoritatis licentia“ nicht „ohne Erlaubnis der heiligen Kongregation der Ablässe“, sondern „ohne Erlaubnis der zuständigen Behörde“. Diese ist aber nach dem Reskript der Indexkongregation vom 7. August 1897 „entweder die Ablasskongregation oder der Ordinarius loci“, wie es dann auch in den Codex Juris Canonici aufgenommen wurde, wo can. 1388 § 1 den Bischof als die gewöhnliche Instanz für die Druckerlaubnis von Ablassbewilligungen aufstellt.

Da nun die Liebesbundzettel von Bischöfen approbiert wurden, liefen sie mit ihren Gebeten in aller Ordnung. Überhaupt erlangt jeder fromme Verein durch die bischöfliche Approbation die Fähigkeit, geistliche Gnaden und Ablässe zu empfangen; selbstverständlich können Bischöfe auch Ablässe erteilen.

Zum zweiten Verstoß! Nach den Erlassen Urbans VIII. vom 13. März 1625 und 5. Juli 1634 sowie nach der Konstitution Leos XIII. vom 25. Januar 1897 dürfen Bücher oder Schriften, die von neuen Erscheinungen, Offenbarungen und Visionen berichten, nicht veröffentlicht werden, „ohne legitime Erlaubnis der zuständigen kirchlichen Obern“. „Wo es sich um Inspirationen lebender Personen handelt, gehören solche Schriften zur Erlangung der Druckerlaubnis vor den Apostolischen Stuhl.“ Zeitungen dürfen über solche Vorkommnisse nur berichten, „wenn sie sich enthalten, über deren übernatürlichen Charakter ein Urteil abzugeben“.

Nun hat der Gewährsmann des Würzburger Ordinariates jahrelang in Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren über die Erscheinungen, Visionen und Offenbarungen der lebenden Barbara Weigand ganze Spalten und Seiten drucken und veröffentlichen lassen in der bestimmten Absicht, sie lächerlich zu machen. Dieses Vorgehen verstößt somit klar nicht nur gegen den Geist, sondern sogar gegen den Buchstaben des Index.

Zum dritten und vierten Verstoß! Die Schriften der Barbara Weigand waren am 20. Dezember 1915 vom Ordinariat Würzburg „zur Berichterstattung an die Päpstliche Nuntiatur“ einverlangt und von Barbara Weigand zu diesem Zwecke am 5. Januar 1916 persönlich dem Generalvikar übergeben worden. Dieser vertraute sie der Prüfungskommission zur Prüfung an. Der eine der beiden Prüfungskommissäre hatte nun nichts Wichtigeres zu tun, als in Zeitungen, Zeitschriften und in einer eigenen Broschüre tendenziös ausgesuchte Stichproben aus jenen Schippacher Schriften zu veröffentlichen, mit Glossen, die sich in Verhöhnung der Schriften und ihrer Urheberin gar nicht genug tun konnten und der Jungfrau samt ihren Verwandten ein Unmaß von Leiden verursachten. Ein solches Verhalten verstieß in gröblicher Weise gegen das Urheberrecht, das jeder Autor an seinen Schriften hat, sowie gegen das Amtsgeheimnis und war zugleich ein grober Vertrauensbruch. Es hat sich selbst gerichtet.

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zu c) Gefährlich

„Der Liebesbund ist nicht bloß unnötig, sondern auch höchst gefährlich“, so schrieb der Gutachter des Ordinariats Würzburg und brachte für seine These die folgenden „Beweise“:

Erster „Beweis“: „Es steht unwiderleglich fest, daß er nach Form und Inhalt auf die Offenbarungen der Barbara Weigand zurückgeht.“ Das ist nun völlig richtig: im Liebesbund finden sich die Hauptpunkte der Weigand´schen Offenbarungen zu jenen praktischen Lebensregeln kristallisiert, die wir früher in den Satzungen des Bundes kennengelernt haben, zu jenen trefflichen Leitsätzen, die von zahlreichen Bischöfen als überaus schön und zeitgemäß begrüßt, gesegnet und mit dem Wunsche nach recht weiter Verbreitung gutgeheißen wurden. Dieses günstige Urteil gewinnt jeder unbefangene Leser, sogar der Gewährsmann des Ordinariates gewann es, als er in einem Anflug von Objektivität schrieb:

„Der unbefangene (!) Leser wird alles ohne weiteres im kirchlichen Sinne auslegen ... Welch schöner Plan! Zusammenschluss aller guten und getreuen Kinder der heiligen katholischen Kirche, um einen Damm zu bilden gegen den herrschenden Zeitgeist! Was die Mitglieder des Liebesbundes nach dem Statutenbüchlein versprechen sollen ... das alles sind treffliche Lebensregeln.“

Auch das Ordinariat Würzburg anerkannte in seinem Erlass vom 18. Februar 1916 die Korrektheit des Bundes: „An und für sich betrachtet, erscheint der Wortlaut der Statuten und Gebete des Liebesbundes einwandfrei.“

Also auch aus dem Munde der Gegner kam, solange sie unbefangen urteilten, nur Lob. Da aber schon nach einem Wort der heiligen Schrift gute Früchte nur von einem guten Baume kommen, kann auch der Schippacher Baum, auf den der Liebesbund „nach Form und Inhalt“ zurückgeht, nicht schlecht sein.

Der zweite „Beweis“ für die Gefährlichkeit des Bundes lautet: „Die Stifter des Liebesbundes sind entschlossen, unter allen Umständen und gegen alle Instanzen ihre Sache durchzuführen, indem sie der Stimme Gottes gehorchen zu müssen vorgeben.“

Nun weiß ein jeder Kenner der Mystik, daß die Begnadigten der inneren Stimme allezeit gehorcht haben und die ihnen erteilten Befehle an die zuständigen Personen weitergaben; ja es ist katholische Lehre, daß jeder der Stimme seines Gewissens folgen muß. Wenn also Barbara Weigand glaubte, vom Herrn den Auftrag zur Bildung des Liebesbundes und zu dessen Ausbreitung erhalten zu haben, dann mußte sie dieser inneren Stimme folgen und auf legalem Weg alles unternehmen, um den Liebesbund zur Anerkennung zu bringen. Auch ihr Rekurs nach Rom, in welchem der Gewährsmann des Ordinariates Würzburg eine Gefahr erblickte, war doch eine erlaubte Sache. Oder nicht?

Das dritte Argument für die Gefährlichkeit des Bundes soll dieses sein: „Die Stifter des Liebesbundes sparen weder Lob noch Tadel, weder Versprechungen noch Drohungen, weder Schmeicheleien noch Beschimpfungen, um Priester und Laien zum Glauben an ihre Privatoffenbarungen zu bewegen.“

Barbara Weigand, die mit diesem Vorwurf persönlich gemeint ist, hat es zwar zeitlebens gewünscht, daß man ihren Offenbarungen glaube, aber beschimpft hat sie niemand. Diesen traurigen Ruhm haben sich vielmehr ihre Gegner, besonders die priesterlichen Artikelschreiber und fanatisierten Prediger erworben, die sich nicht scheuten, die Ehre einer unbescholtenen Jungfrau, deren sittlichem und frommem Leben alle ihre Beichtväter unein- geschränktes Lob zollten, in den Schmutz der Straße zu ziehen.

Der vierte „Beweis“ für die Gefährlichkeit des Bundes lautet: „Die Stifter des Liebesbundes suchen auch andere (besonders Priester) zu Aposteln ihrer Ideen zu machen und den Geist der Schriften zu verbreiten.“

Ist das wirklich eine Gefahr, den Geist jener Schriften, den wir früher an zahlreichen Aussprüchen über Glauben, Kirche, Priestertum, Sühne, Opfer, heilige Kommunion, kennengelernt haben, zu verbreiten? Haben nicht auch Bischöfe und Kardinäle die Verbreitung dieses Geistes gewünscht? Und ist es eine Gefahr, auch andere für die „trefflichen Lebensregeln“ des Liebesbundes zu gewinnen?

Der fünfte „Beweis“ für die Gefährlichkeit des Liebesbundes lautet: „Die Stifter des Liebesbundes haben von Anfang an ihre Agitation heimlich getrieben und waren nie verlegen um einen Ausweg, wenn die bisherigen Pläne auf Widerstand stießen. Es ließe sich ein ganzes Kapitel schreiben über die kluge Art, wie Barbara Weigand auf alle Anklagen und Einwendungen zu antworten weiß.“

„Heimlich“, das soll wohl heißen: sie haben unter Verschmähung des modernen Tageslärms und seiner Propagandamittel, besonders der seichten Tagespresse, den schönen Zweck ihres Bundes verbreitet; die Pressehetze gegen den Bund, die Verhöhnung seiner Anhänger in den Zeitungen und auf den Kanzeln sowie der Ruf der priesterlichen Gegner nach der Polizei zum Einschreiten gegen Bußwallfahrten und Kirchenbau waren allerdings nicht heimlich. Und die ,,kluge Art“, mit der sich Barbara verteidigte? Gewiss, sie verteidigte sich, weil mit einem gesunden Hirn begabt, auf dem Boden der Wahrheit stehend und aus höherer Erleuchtung schöpfend, gegen die unwahren und darum sich so oft selbstwidersprechenden Behauptungen ihrer Gegner so geschickt, daß man dort oft keinen anderen Ausweg mehr wusste, um Herr der Situation zu bleiben als zur ultima ratio aller Regierungsweisheit seine Zuflucht zu nehmen, zum kategorischen Befehl: ,,Schweigen!“ Denn sich für weiser halten als die übrigen, ist nach dem heiligen Gregor die regelmäßige Versuchung der Vorgesetzen.

Und nun noch das letzte Argument, womit man die Gefährlichkeit des Bundes ,,bewies“: ,,Die Stifter des Liebesbundes können gerade jetzt (1916) in der Gegenwart auf drei Dinge - als angebliche himmlische Bestätigung ihrer Privatoffenbarungen - hinweisen: erstlich auf die tatsächliche durch einige Ordinariate erfolgte Approbation des Liebesbundes und die tatsächliche Inangriffnahme des Schippacher Kirchenbaues ..., zweitens auf die Kommuniondekrete Pius X., welche ihre Forderungen der öfteren Kommunion zu erfüllen schienen (?), und drittens auf das so oft prophezeite Blutbad, wie es jetzt im Weltkrieg eingetreten sei.“

Ganz richtig: diese drei Tatsachen sprachen wirklich für die Echtheit der Weigand´schen Worte; auch die Kommuniondekrete Pius X. schienen nicht bloß die Forderung der Barbara Weigand zu erfüllen, wie man sich um diese unbequeme Tatsache herumdrücken wollte, sondern haben sie wirklich erfüllt; ebenso gab das Blutbad des Weltkrieges den Prophezeiungen der Seherin wirklich recht. Diese drei Tatsachen - heute sind es noch mehr Vorhersagen der Schippacher Jungfrau, die in Erfüllung gegangen sind - hätten also die Kritiker doch etwas stutzig machen und vor einer Verdammung der Jungfrau, die nur ,,Unsinn“ ausspreche, abhalten sollen. Auf keinen Fall bildete die Berufung auf diese drei Tatsachen eine Gefahr für den Glauben. Wie weit die blinde Bekämpfung des Liebesbundes gegangen ist, mag uns noch ein Aachener Wahlflugblatt aus dem Jahre 1921 zeigen. Nachdem der Verfasser darin sich in der bekannten absprechenden Art über die ,,unverheirateten älteren weiblichen und männlichen Personen“, über die ,,Wallfahrten“, ,,neuen Heiligen“, ,,Wunder“, Begnadigten“, ,,Gesichte“, ,,Weissagungen“ lustig gemacht hat, fährt er fort: ,,Neuerdings ist in die Entwicklung ein Umschwung gekommen. Von München aus, wo die literarische Zentrale des Liebesbundes sich seit längerer Zeit befindet, versucht man, bestimmte politische Grundsätze in den Bund hineinzutragen, die nunmehr von bewusster und scharfer Reaktion durchwirkt werden. Man kämpft gegen Demokratie, fordert versteckt und offen ein aristokratisches Regiment, liebäugelt in jeder Weise nach rechts hin ... Der Gedanke der Trennung von Kirche und Staat ist verweht.“

Daß der Liebesbund sich jemals politisch betätigt habe, konnte ich nirgends erfahren. Wahrscheinlich richtete sich diese Auslassung gegen Dr. Hans Abel, den Ersten Vorsitzenden des Schippacher Kirchenbauvereins, der damals als Mitglied des Münchener Stadtrates in unerschrockener Weise als echt katholischer Mann für die Rechte unserer Kirche eintrat. Wenn er in Übereinstimmung mit den Verlautbarungen der Päpste die Trennung von Staat und Kirche ablehnte, so durfte ihm das nicht als Gefährdung des katholischen Glaubens ausgelegt werden. So weit verloren sich Vernunft, Objektivität und katholisches Gewissen im Kampf gegen Schippach.

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zu d) Überflüssig

Da man trotz aller Argumente den Liebesbund doch nicht als schlecht und glaubensgefährlich erweisen konnte, ihn aber um jeden Preis vernichten wollte, griff man noch zu einem letzten Mittel ihn auszurotten, indem man ihn als entbehrlich und überflüssig bezeichnete. ,,Sein Zweck“, so schrieb sein großer Gegner, sei ,,entweder bereits durch das Evangelium ohnehin geboten oder aber schon in elf anderen Bruderschaften und Gebetsvereinen verwirklicht.“ Also sei der Liebesbund überflüssig.

Der größte Gegner des Liebesbundes gibt also zu, daß der Zweck des Bundes schon im Evangelium geboten sei. Damit hat er aber auch nolens volens zugegeben, daß der Liebesbund nur gute Ziele verfolgt, denn was im Evangelium geboten ist, kann doch nur gut sein. Auch sollte man meinen, was im Evangelium geboten ist, dürften katholische Priester nicht bekämpfen und nicht verbieten. Und dann: ,,Überflüssig“? Der Begriff ist sehr subjektiv und dehnbar; wer soll ihn authentisch umgrenzen? Dr. Brander? Nach seiner Kirchenbautheologie müssten bekanntlich alle überflüssigen Kirchen niedergerissen werden, das wären im Stadtkern von Würzburg eine ganz erhebliche Anzahl. Oder die Zeitungen? Wenn diese zu bestimmen haben, wird Beringers Buch über die Ablässe und das Römische Brevier sehr dünn werden, dann haben unsere glaubensstarken Vorfahren viele ,,überflüssige“ Kirchen gebaut und ,,entbehrliche“ Klöster gegründet. Wenn nun aber die Bischöfe den Liebesbund approbierten, dann haben sie doch damit gezeigt, daß sie ihn nicht für überflüssig hielten trotz des Bestehens der elf anderen Vereinigungen, von deren Existenz diese Bischöfe sicherlich auch schon wussten. Man sieht: die Auslassungen der Gegner passen weder zu den Regeln der Logik noch zum Amte der Wächter der Reverenz.

Nein: der Liebesbund ist nicht überflüssig, sondern überaus zeitgemäß, wie der Erzbischof von Salerno am 16. Mai 1914, Seine Eminenz Kardinal Bisleti am 16. November 1914, der Fürstbischof von Trient am 23. Januar 1915, der Bischof von Fünfkirchen am 23. Februar 1915, der Bistumsadministrator von Metz am 1. November 1941 und noch einmal am 12. September 1942 laut und feierlich bekundet haben.

Hören wir nur einige Sätze aus dem Schreiben des letzteren: ,,Ihren werten Brief habe ich mit großem Interesse gelesen, die Broschüre über den Liebesbund gleichfalls. Ich kann Ihnen ruhig sagen, daß einer Verbreitung derselben in unserer Diözese nicht bloß nichts im Wege steht, sondern daß dies durchaus zu begrüßen ist. Mögen nur in diesen schweren Zeiten recht viele Seelen erstehen, die von inniger Liebe zum Eucharistischen Herzen Jesu durchglüht sich als Opferseelen ihm darbringen. Wir können nur dadurch wieder bessere Zeiten erlangen. Der Text des täglichen Gebetes entspricht so recht den Anforderungen unserer Zeit und all unseren Anliegen“ (Brief vom 1. November 1941).

Ähnlich im Briefe desselben Oberhirten vom 12. September 1942: ,,Die Durchsicht der Satzungen, die Sie mir vorgelegt, haben mich tief überzeugt von der zeitgemäßen Nützlichkeit eines solchen Werkes.“

So ist es: der Liebesbund entspricht auch ganz den Forderungen, die der Heilige Vater Pius XI. in der Katholischen Aktion und in seinem Rundschreiben vom 8. Mai 1928 über unsere Sühnepflicht, dann auch Papst Pius XII. anlässlich seines fünfundzwanzigjährigen Bischofsjubiläums, dann wieder in seinem Rundschreiben über die Weltweihe an das Heiligste Herz Mariae und abermals in seiner Enzyklika vom Mystischen Leibe Christi an die Gläubigen der Welt gerichtet haben. Darum wurde der Liebesbund von Rom aus auch nicht verboten, wie das Ordinariat Würzburg im Jahre 1916 auf das Drängen seines Gutachters hin von Rom erbeten hatte.

Möge man sich endlich auch in Deutschland gegenüber dem Liebesbund und seiner Stifterin zu dem Eingeständnis durchringen, das König Heinrich IV. von Frankreich im Jahre 1607 gegenüber den von ihm vorher verfolgten Jesuiten zu machen sich genötigt sah: ,,Ich liebe euch, seitdem ich euch kenne.“

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6. Einwände gegen den Kirchenbau

Die Kirche von Schippach steht - und sie steht so, wie sie von Barbara Weigand gewollt und zehn Jahre lang mit einzig dastehender Opferwilligkeit, Begeisterung und Zähigkeit gegen alle Lethargie und Missgunst erstrebt worden war.

Sie ist die Pfarrkirche für die Pfarrei Rück-Schippach, erhielt als Patron den heiligen Papst Pius X. und bildet so schon in ihrem Namen und in ihrem heiligen Patron ein lautes Denkmal des Dankes für die hohen Gnadenerweise, welche dieser eucharistische Papst der katholischen Welt vermittelt hat.

Das war es, was die eucharistische Frühlingsblüte von Schippach wollte. Ihr kühnes prophetisches Wort: ,,Mei Kerch wird doch noch fertig“, gesprochen in schwerster Zeit, als nach menschlichem Ermessen alle Aussichten auf die Wiederaufnahme der Bauarbeiten geschwunden waren, gesprochen in einer Zeit, als die maßgebenden Personen an der bischöflichen Kurie in Würzburg riefen: ,,Lieber keine Kirche als die Kirche in Schippach!“, ,,Die Steine in Schippach mögen liegen bleiben bis zum Ende der Welt!“, ihr prophetisches Wort, gesprochen in jener Zeit, ist buchstäblich in Erfüllung gegangen.

Mit diesem Factum sind auch alle seinerzeit gegen den Bau und seine Urheberin erhobenen Einwände zusammengebrochen; niemand wird es mehr wagen, diese Kirche als ,,Unsinn“ oder ,,Aprilscherz“ zu bezeichnen. Gleichwohl müssen wir Barbara Weigands Stellung zu dem Bau noch etwas näher betrachten.

Zwar hatte Pfarrer Metzger, wie wir früher aus der Baugeschichte erfuhren, in seiner Begeisterung für die dem Werke zugrundeliegende Idee, das Bauvorhaben aus dem Pfarrverband gelöst, um es desto ungehinderter dem eucharistischen Zweck widmen zu können; aber diese Loslösung und die damit gegebene Verteuerung standen mit dem Wollen der Jungfrau nicht im Einklang, wie ihre Äußerungen aus jener Zeit unmissverständlich dartun. Schon beim ersten Auftauchen des Metzger´schen Planes (20. Oktober 1913) zeigte sich Barbara völlig überrascht und verblüfft, wie sie selber an ihren Seelenführer P. Felix schreibt (24. Oktober 1913): ,,... Frl. Hannappel kam am Montag, brachte den Architekten und Herrn Pfarrer aus Rüsselsheim mit und es war große Beratung über den Kirchenbau. Vom bischöflichen Ordinariat ist soweit die Genehmigung da, daß die Kirche auf die vom Herrn verlangte Stelle gebaut werden darf. Nun wollte aber Herr Pfarrer Metzger, der so durchdrungen ist von der Wahrheit, in seiner Begeisterung, daß ein Denkmal für den Allerhöchsten keine einfache Dorfkirche sein dürfe, und die beiden Herren wählten eine Kirche zum Muster aus, die in Spanien von Jesuiten erbaut wurde. Als sie nun auf den Bauplatz kamen, sagte der Architekt: ,,Die Kirche muß höher hinauf!“ und so gingen sie einen Flintenschuss weiter. Auf einmal rief der Architekt: ,,Meine Herren! (Hochw. Herr Kaplan war natürlich auch dabei). Jetzt seht euch um! Jeder Meter in die Höhe ist tausend Taler wert für die Schönheit dieser Kirche“, und Herr Pfarrer Metzger stimmte ihm bei.

Herr Kaplan, mein Bruder und wir alle waren aber ganz verblüfft. Ein so kostspieliges Werk! Die Höhe! Herr Kaplan zitterte.“

Gegenüber diesen Plänen Pfarrer Metzgers und des Baumeisters Koch verteidigte aber Barbara Weigand weiterhin ihren Plan mit Festigkeit und Ausdauer, wie es auch im Ausschreiben zur Einreichung von Plänen deutlich zum Ausdruck kam.

In diesem hochwichtigen Schriftstück heißt es: ,,Bezüglich der Grundrißanordnung wird bemerkt, daß Raum für ca. 1.500 Personen sein muß, zur Hälfte Sitz- und zur Hälfte Stehplätze, wobei zu beachten ist, daß sich 150 Sitzplätze für Kinder darunter befinden müssen. Für den Rohbau dürfen 120.000 Mark verwendet werden. Das gleichzeitig zu erbauende Pfarrhaus soll sich harmonisch angliedern. Als Musterkirche wird jene von Kahl a. M. empfohlen.“

Auch in der ersten Zeichnung von Architekt Marschall, die noch vorhanden ist, ist das Pfarrhaus unmittelbar an die Kirche grenzend eingezeichnet. Noch während des ganzen November und Dezember 1913 kämpft Barbara für diesen ihren Plan: So am 22. Oktober 1913: ,,Damit jede Überspannung eurer einfachen Verhältnisse vermieden werde, so baut so, wie ihr rechnen könnt mit euren Geldmitteln“, oder am 2. November 1913: ,,Alles, was jetzt noch gestiftet wird, soll für die innere Ausstattung sein“, oder am 7. November 1913: ,,Mit den Mitteln, die jetzt beisammen sind (das waren 120000 Mark) muß der Rohbau ausgeführt werden; er darf die Summe nicht überschreiten“, oder am 29. November 1913: ,,... Man solle nur mit den Mitteln rechnen, die vorhanden sind, indem man so baut, daß das Werk vollendet werden kann ... Die Hauptsache ist, daß Gott verherrlicht wird, besonders von den zwei Gemeinden“, oder vom 25. November 1913: ,,... Wir haben uns entschlossen, die Kirche zu bauen nach unseren Geldmitteln ...“, oder vom 20. Dezember 1913: ,,Wir sagten es Herrn Koch offen heraus, daß wir nicht gewillt seien, weitere großartige Pläne ausschmieden zu lassen, bevor er uns ausgerechnet habe, ob wir mit 120000 Mark die Kirche gebaut bekämen ... Ihr glaubt nicht, wie wir uns herumreißen Tag und Nacht.“

Diese Worte der Jungfrau, niedergelegt in ihren Briefen, schaffen volle Klarheit über ihr Vorhaben. Als dann Ende Dezember infolge Ausbleibens der Hilfe durch ihren Heimatpfarrer, Pfarrer von Elsenfeld, die neuen Männer mit ihrem Loyolaprojekt den Sieg davontrugen, war sie keineswegs davon erbaut und nur in ernster Resignation fügt sie sich in die neue Entwicklung: Noch am 20. Dezember 1913 meint sie: ,,Wir wollen auf die Hilfe Gottes rechnen, der allein alles zum guten Abschluss führen wird. Gelingt dies schöne Werk, dann wird Gott verherrlicht und viel Segen ausgehen über die ganze Umgebung.“

Als dann in der Weihnachtswoche die Würfel endgültig gefallen waren, schrieb sie, wie von einer geheimen Ahnung des künftigen Schicksals des Baues erfüllt, an ihren Neffen (31. Dezember 1913): ,,... Mit Gott habe ich begonnen, mit Gott hoffe ich auch zu vollenden. Das Gelingen meines Werkes ist des Herrn Sache und so bleibe ich zufrieden, wenn scheinbar auch alles misslingen sollte ... Ich habe große Angst, weil mein Name als Erbauerin überall jetzt eingetragen wird.“

Ist es nicht buchstäblich so gekommen, wie Barbara in seherischem Weitblick voraussah? Verwendung ihres Namens für die Projekte anderer, Abweichen von dem einfachen und doch so schönen Plane der Jungfrau, Vergrößerung und Verteuerung der Anlage, jahrelanges Misslingen des Ganzen, trotz allem ihr unbeugsames Vertrauen auf den Endsieg ihres Werkes als des Herrn Sache. Der Herr hat ihr Werk nun doch zum Siege geführt.

Aber hat nicht Barbara Weigand in den folgenden Jahren den begonnenen Votivbau begünstigt und verteidigt? Hierauf ist folgendes zu erwidern: Für die Schippacher Jungfrau stand in der Verfolgung des Kirchenbau-Vorhabens immer der erhabene eucharistische Zweck im Vordergrund ihrer Gedankenwelt. Warum sollte sie nicht schließlich auch den der Verwirklichung sich nähernden Votivbau, der diesen eucharistischen Zweck ja in hervorragender Weise zu erfüllen geeignet war, begünstigen, nachdem eben dieser Votivbau von ihrem eigenen Pfarrer (Februar 1914, September 1914), von ihrem Ordinariat Würzburg (November 1913, Mai 1914, September 1914, Oktober 1914, September 1915) und von ihrem Bischof (März 1914, Juli 1915) begrüßt, gefördert, gewünscht und gesegnet worden war? Gerade als gehorsame Tochter der Kirche durfte sie sich diesem Wunsch ihrer kirchlichen Obern gar nicht entgegenstellen. Hätte sie das getan, dann hätte man ihr mit Recht den Vorwurf des Ungehorsams machen können.

Damit entfallen auch alle Angriffe, die seinerzeit im Zusammenhang mit dem Kirchenbau gegen die Schippacher Jungfrau erhoben wurden. Da Barbara Weigand gar nicht die Urheberin des Millionenprojektes war, sondern nur jene eines bescheidenen 120.000 Mark-Baues, war es also eine geschichtliche Unwahrheit zu behaupten, ,,einzig und allein im Kopf der Barbara Weigand“ sei ,,der Gedanke des Millionenprojektes“ entsprungen, die Kirche sei ,,die Ausgeburt eines kranken Hirns“, Beweis ihres ,,Größenwahns“. Daß solche unwahre Behauptungen erhoben von Priestern in aller Öffentlichkeit, auch zugleich eine schwere Ehrenkränkung der Jungfrau bedeuteten, sieht doch jeder gerecht denkende Leser ein.

Auch die andere, ebenfalls in öffentlichen Druckschriften aufgestellte Behauptung, die Kirche von Schippach ,,trage das Stigma des Ungehorsams wie die Person und die anderen Werke der Barbara Weigand“ und ,,stehe im Widerspruch mit der kirchlichen Behörde in Würzburg“, war Unwahrheit und Verleumdung zugleich.

So schrieb das ,,Aachener Piusblatt“: Es ist ein großes Unrecht, Gelder zu sammeln für ein Unternehmen, dem die eigene bischöfliche Behörde ablehnend gegenübersteht“ (29. November 1914), und das ,,Mainzer Journal“: ,,In Würzburg war die kirchliche Behörde gar nicht um Genehmigung des Baues angegegangen worden“ (13. März 1916); sogar der Kirchliche Amtsanzeiger für die Diözese Trier brachte in Nr. 10 (1915) die Unwahrheit, die Kirche in Schippach würde ohne Zustimmung der zuständigen Diözesanbehörde gebaut.

Wahr ist jedoch, daß die kirchliche Behörde in Würzburg, wie es Barbara Weigand auch immer verlangt hatte, zu allen Momenten des Baues angegangen worden war und öfters ihre Genehmigung gegeben hatte, wie die schon abgedruckten Aktenstücke beweisen. Das Ordinariat Würzburg hatte auch die Votivkirche nach Platz, Plänen, Größe, Zweck und als Privatunternehmen nicht bloß in trockenem Amtsstil genehmigt, sondern mit sichtlicher Wärme begrüßt, dringend gewünscht und den Beistand Gottes für das Gelingen des Werkes herabgerufen. Das ist die Wahrheit über das Verhältnis der bischöflichen Behörde von Würzburg zur Kirche in Schippach, alles andere ist Unwahrheit.

Geradezu widerlich nimmt sich auch der Spott aus, mit dem der große priesterliche Gegner von Aachen im rauch- und alkoholgeschwängerten Vereinslokal des katholischen Männervereins St. Paul und in der Aachener Presse gegen Schippach zu Felde zog. So schrieb er am 29. November 1914: ,,Der Kirchenbau ist eine Sache, die völlig zwecklos ist ... Die Schippacher freuen sich, das können wir uns denken, über die Weltkirche. Sie machen eben ein Geschäft dabei. Der Wirte- und Verkehrsverein erwählen demnächst die Babett zum Ehrenmitglied.“ Barbara Weigand, deren sittlicher Charakter turmhoch über jenem dieses priesterlichen Artikelschreibers stand, ertrug auch diese öffentliche Verspottung mit dem Gleichmut einer Heiligen.

Gerade der Vorwurf, die Kirche sei ,,unnötig“, ,,ein Luxus“, durfte am allerwenigsten von einem katholischen Priester erhoben werden. Ist es denn etwas Verwerfliches, wenn vermögende katholische Christen, treue Glieder ihrer Kirche, Träger höchster kirchlicher Auszeichnungen, Männer und Frauen aus der vordersten Linie katholischen Lebens, freiwillig große Summen spenden, damit ein vom zuständigen Bischof dringend gewünschtes Gotteshaus groß und prächtig gebaut werden kann? Sagt nicht die Heilige Schrift: ,,Hindere am Gutes Tun nicht den, der dazu imstande ist“.

Wenn aber jene Kirchen, die an Größe über das Bedürfnis hinausgehen, als ,,unnötig“ und ,,zwecklos“ bezeichnet werden müssen, haben dann nicht unsere glaubensstarken Vorfahren viele ,,unnötige“ Gotteshäuser errichtet? Man schaue doch in die Städte oder an die Wallfahrtsorte oder in unsere alten und neuen Abteien! In Würzburg z. B. standen schon im Jahre 1512, als die Stadt ganze 5365 Einwohner zählte, 48 Kirchen und Kapellen, darunter zehn gewaltige Gotteshäuser, nahe beieinander. Wieviele von den 51 Kirchen der Stadt waren im Jahre 1571 für die 8590 Seelen ,,notwendig“? Da der Stadtring bis zum Jahre 1867 wegen der Befestigung nur eine kleine Bodenfläche bedeckte, hätten drei oder vier jener großen Gotteshäuser vollauf ,,genügt“. Aber die kirchenfreudigen Bischöfe, Kapitel, Klöster und Räte der Stadt dachten offenbar über die Erbauung von Kirchen anders als jene Zeitungstheologen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, die ein bereits halbfertiges Heiligtum zu Ehren des Eucharistischen Königs in Trümmer schlugen, obwohl die Mittel hierzu in überreichem Maße zur Verfügung standen. Nun: das Feuermeer des traurigen 16. März 1945, an dem die schöne Bischofstadt samt ihren Heiligtümern in Schutt und Asche sank, bot wohl die grellste Illustration zu jener Kirchenbautheologie, nach der man ,,unnötige“ Kirchen dem Erdboden gleichmachen müsse. Zudem war ja die Kirche in Schippach für die beiden Orte wirklich notwendig, da die dortigen Gotteshäuser für die wachsende Seelenzahl nicht im entferntesten ausreichte. Die Gegner, welche mit ihren baufeindlichen Artikeln die Einstellung des Baues bezweckten und schließlich auch erreichten, hätten sich doch sagen müssen: wenn wir die Schippacher Kirche nicht fertigbauen lassen, dann nehmen wir ja den Gemeinden die so notwendige Kirche für ihren Gottesdienst (wie es dann auch gekommen ist).

Wenn auch Pfarrer Metzger im März 1914 die Kirche nicht als Pfarrkirche, sondern als Votivkirche bezeichnete, so war er ja schon seit Ende Juli 1914 infolge seiner Haft auf der Insel Korsika von jeder Beeinflussung des Bauvorhabens ausgeschlossen; der neue Bauherr aber, Dr. Abel, gab am 10. Oktober 1915 gegenüber dem Pfarramt Elsenfeld und wieder am 28. November 1915 gegenüber dem Ordinariat Würzburg die ausdrückliche schriftliche Erklärung ab, die Kirche nach ihrer Fertigstellung der Pfarrei für ihren pfarrlichen Gottesdienst zur Verfügung zu stellen. Die Kirchennot in Rück-Schippach wäre also auf jeden Fall behoben worden. Aber nicht einmal diese offenkundige Kirchenraumnot, auf welche Pfarrer Welzbacher im September 1914 in seiner Erwiderung auf den Artikel der ,,Augsburger Postzeitung“ und wieder der Diözesanbischof in seinem Brief vom 15. Juli 1915 hingewiesen hatten, konnte die blinde Zerstörungswut katholischer Priester hemmen. ,,Lieber keine Kirche als die Kirche in Schippach!“ Diese Parole siegte. Man sieht: der Fanatismus macht wirklich blind.

Und ist eine Dankeskirche für die Einführung der öfteren heiligen Kommunion wirklich so ganz ,,zwecklos“, ,,ein mit den Händen zu greifender Unsinn“? Oder ist es wirklich eine ,,Verschwendung“, dem Eucharistischen König ein würdiges Denkmal des Dankes und der Verherrlichung zu errichten? Ist die Erbauung einer Sühnekirche wirklich ein ,,Aprilscherz“? Wären die Armen und die Diaspora dadurch wirklich benachteiligt worden, wie es in den Zeitungen hieß? Dieser Vorwurf erinnert zu deutlich an ein Begebnis aus der Heiligen Schrift: ,,Als Jesus zu Bethanien im Hause Simons des Aussätzigen war, trat ein Weib zu ihm mit einem Gefäß aus Alabaster voll köstlichen Salböls und goss es über sein Haupt aus, da er zu Tische saß. Als das die Jünger sahen, wurden sie unwillig und sprachen: Wozu diese Verschwendung? Denn das hätte man teuer verkaufen und den Armen geben können. Jesus aber wusste es und sprach zu ihnen: Warum kränkt ihr dieses Weib? Sie hat ein gutes Werk an mir getan!“
(Mt. 26, 6 ff)

Die Freunde der Schippacher Kirche waren überall auch die größten Wohltäter der Armen und der Diaspora, die hierfür sogar hohe kirchliche Auszeichnungen erhielten, wie mir denn auch einer der größten Geldgeber für Schippach versicherte: ,,Hätte man uns die Schippacher Kirche bauen lassen, dann hätten wir die Nürnberger Kriegsgedächtniskirche noch dazu gebaut!“

Hat sich nicht der ,,Verein für die Sakramentskirche“ am 28. November 1915 gegenüber dem Ordinariate Würzburg schriftlich verpflichtet, der Pfarrei Rück-Schippach noch eine eigene Pfarrkirche zu erbauen? War nicht, um nur einiges zu erwähnen, Fräulein Luise Castell auch eine der größten Wohltäterinnen der Pfarrei St. Johann in Freiburg? Ist sie nicht die Stifterin zweier prächtiger Altäre in dieser Kirche? Und hatten ihr die dortige Kinderbewahranstalt, das Jugendheim St. Raphael und der Verein St. Marienhaus nicht vieles zu verdanken? Haben nicht die Geschwister Fox das schöne Schwesternhaus in Rück gekauft und den beiden Gemeinden für die Pflege der Kranken und Kinder unentgeltlich überlassen?

Hat nicht Barbara Weigand mit 30000 alten deutschen Goldmark die Pfarrei Rück-Schippach gestiftet und 27000 Goldmark für ein Pfarrhaus zur Verfügung gestellt? Tragen nicht Würzburger Domherren die kostbaren Paramente, die ihnen von den Freunden der Sakramentskirche in hochherziger Weise geschenkt wurden? Schreitet nicht der Bischof von Würzburg bei theophorischen Prozessionen unter dem prächtigen Baldachin, dem Geschenk von Fräulein Maria Weigand an die Domkirche in Würzburg? War nicht Fräulein Gerock von Mainz, die große Wohltäterin Schippachs, zugleich auch eine der freigebigsten Damen für andere kirchliche Bedürfnisse in Mainz, so daß sie dort mit dem Päpstlichen Verdienstkreuz Pro Ecclesia et Pontifice ausgezeichnet wurde?

Noch ein Wort über das Verhältnis des Kirchenbaues zu den Weigand´schen Privatoffenbarungen!

In ihrem Kampf gegen die Sakramentskirche bediente sich die Presse mit Vorliebe des Satzes: ,,Mit den Offenbarungen steht und fällt der Kirchenbau.“ Da nun die Gegner, wie sie meinten, jene Offenbarungen bereits zu Fall gebracht hatten, mußte nach ihrer Ansicht auch der Kirchenbau in den Fall hineingerissen werden.

Wie wir aber in den vorausgegangenen Untersuchungen nachgewiesen haben, ist es durchaus nicht angängig, jene Offenbarungen als ,,Sammelsurium“ und ,,dummes Zeug“ zu bezeichnen, wie die Presse so laut ausposaunte. Die Leser dieses Buches konnten in den früheren Abschnitten dieser Schrift sehr viele Gedanken und Äußerungen aus den Schippacher Offenbarungen vernehmen, die gewiss nicht wie ,,törichtes Zeug“ oder ,,Unsinn“ aussehen. Was Barbara Weigand über Glaube, Kirche, Priestertum, Gebet, Sühne, Opfer, über die Notwendigkeit der öfteren heiligen Kommunion, über Herz-Jesu-Verehrung und Heilige Stunde, über die vielen Heiligen, über die Verfolgung der Kirche und den Kampf gegen die satanischen Mächte in der Welt gesagt hat: all das sieht viel eher nach Echtheit als nach Unechtheit aus und selbst ihre Gegner mußten gestehen, Barbara Weigand habe in ihrer Ankündigung des eucharistischen Zeitalters einen visionären Blick gezeigt. Die These von der Unechtheit jener Offenbarungen erwies sich also schon unter diesem Gesichtspunkt als ein recht schwankendes Brett, um von ihm aus seine Geschosse gegen den Bau zu schleudern.

Auch rechtlich gesehen sind die Schippacher Offenbarungen noch lange nicht als unecht abgetan. Denn hierüber hat lediglich Rom zu entscheiden. Nach den Erlassen Urbans VIII. vom 13. März 1625 und 5. Juli 1634 ,,wird der Diözesanbischof zur Prüfung von Offenbarungen den Rat der Theologen und anderer frommer und gelehrter Leute heranziehen und alsdann die Akten dem Heiligen Stuhle unterbreiten, dessen Entscheidung abzuwarten ist“.

Also Rom entscheidet über Echtheit und Unechtheit von Privatoffenbarungen. Die Zeitungen sollen über solche Vorgänge lebender Personen überhaupt nichts berichten und wenn sie es tun, dann ,,müssen sie sich enthalten, über deren übernatürlichen Charakter ein Urteil abzugeben“. Nun hat aber Rom bis heute, obwohl es schon im Jahre 1916 zu einer Entscheidung über den Offenbarungscharakter der Schippacher Schriften angegangen wurde, diese nicht verworfen, sondern die Frage darüber offen gelassen. Der Echtheitscharakter der Schippacher Offenbarungen ist also heute noch eine offene Frage. Aber selbst angenommen, es würden sich diese Offenbarungen als unecht erweisen - was aber bezüglich der Offenbarungen über die heilige Eucharistie, das Sühnen, die Herz-Jesu-Verehrung, die vielen Heiligen und die vielen in Erfüllung gegangenen Prophezeiungen niemals der Fall sein kann - so müsste damit keineswegs auch die Kirche zu Falle kommen. Mit den Offenbarungen steht und fällt nicht die Sakramentskirche von Schippach.

Schon theologisch war es völlig unangebracht, den Kirchenbau von der Echtheit oder Unechtheit der Schippacher Offenbarungen abhängig zu machen. Ein solcher Ausgangspunkt war der Grundirrtum der ganzen gegnerischen Problemstellung. In keinem offiziellen Akt oder Buch der katholischen Kirche ist ein solcher Grundsatz zu finden. Kein Buch der Heiligen Schrift, kein Dokument der Erblehre, keine offizielle Verlautbarung eines Papstes, kein Kanon eines Konzils, kein Dekret einer päpstlichen Kongregation, kein Dogma, keine Bestimmung im dekretalen- oder neuen kanonischen Recht, kein Satz des Syllabus oder einer Enzyklika enthält eine solche Lehre. Meinungen wie: ,,Mit den Offenbarungen steht und fällt der Kirchenbau“ waren darum nur - und zwar ganz irrige - Privatmeinungen, aber keine ,,Kirchenlehre“, mit der sie vielmehr in schroffem Gegensatz stehen.

Fragen wir nur einmal die mystische Theologie! Einer ihrer besten Vertreter, August Poulain S.J., äußert sich über die Frage des Zusammenhanges zwischen Privatoffenbarungen und Werken ganz unmissverständlich also:
,,Sehr oft regen Offenbarungen zu einem bestimmten Unternehmen an, eine neue Kongregation oder einen neuen Orden zu gründen, ein Heiligtum zu bauen, eine Andacht einzuführen usw. In solchen Fällen ist zu prüfen, ob das Werk

  a) in sich gut und den Anschauungen der Kirche entsprechend ist,
   
  b) ob es nützlich ist und der Nutzen ein so außergewöhnliches Mittel
rechtfertigt,
   
  c) ob es zeitgemäß, ob es einem wirklichen Bedürfnis entsprechend ist,
   
  d) ob es nicht einem ähnlichen Werk schadet ...

Geht man (nach gründlicher Prüfung) auf die Offenbarungen ein und erweisen sie sich später doch als falsch, so braucht man die Übernahme des Unternehmens nicht zu bereuen. Die Offenbarungen haben ja nur die Idee geliefert. Die hat man aber auch nur so genommen, wie man gute Gedanken von anderen Personen, die kein besonderes Ansehen haben, verwertet. Die Offenbarungen sind bloß die Veranlassung zur Unternehmung ... Für keinen besteht die Pflicht, die Offenbarungen anzunehmen. Was aber aus ihnen hervorgeht, ist gut für das Wohl der Seele; das sucht die Kirche.“

So schreibt klar für alle, die sehen wollen, der gelehrte Poulain. Genau so äußert sich der Moralist Göpfert: ,,Wenn die Kirche durch Privatoffenbarungen irgendwie angeregt wird, so entscheidet für sie die Natur der Sache, abgesehen von der Wahrheit oder Unwahrheit der Offenbarung.“

Das ist die katholische Kirchenlehre.

Prüfen wir einmal den Schippacher Kirchenbau nach den von Poulain geforderten Gesichtspunkten!

     Inhaltsverzeichnis
 

zu a) War die Sakramentskirche von Schippach in sich gut und den
Anschauungen der Kirche entsprechend?

Nun: die Schippacher Kirche sollte nach ihrer Baugeschichte, nach der Absicht der Barbara Weigand, nach den Statuten des Bauvereins und nach den schriftlichen Erklärungen des Bauherrn eine katholische Kirche werden, die vom katholischen Diözesanbischof geweiht und von katholischen Priestern betreut werden sollte; in dieser Kirche sollte katholischer Gottesdienst nach dem Missale und Rituale Romanum gehalten werden. Der Unterschied von anderen Kirchen sollte bloß dieser sein, daß in der Schippacher Kirche das Allerheiligste Sakrament besonders würdig verehrt werden sollte. Eine solche Kirche war sicherlich ,,in sich gut und den Anschauungen der Kirche entsprechend“.


zu
b) Ist das Werk nützlich und rechtfertigt der Nutzen ein so außergewöhnliches Mittel?
Bedarf es wirklich noch eines Beweises, daß eine schöne Kirche, von Wohltätern erbaut, im eucharistischen Zeitalter für das Seelenheil nützlich war, zumal in Anbetracht des Umstandes, daß die Pfarrei Rück-Schippach kein ausreichendes Gotteshaus besaß?


zu
c) Ob das Werk zeitgemäß und einem wirklichen Bedürfnisse entsprechend ist?
Nun war das dringende Bedürfnis eines Kirchenbaues in Rück-Schippach seit einem halben Jahrhundert schon von allen Instanzen anerkannt und dieses Bedürfnis wird bei der wachsenden Seelenzahl immer dringender. ,,Zeitgemäß ?“ Eine Sakramentskirche im eucharistischen Zeitalter war sicherlich auch zeitgemäß und eine Herz-Jesu-Sühnekirche ebenfalls.



zu
d) Schadet der Bau einem ähnlichen Werke? Ganz gewiss nicht.
Somit war der Kirchenbau in Schippach nach der Theologie Poulains völlig in Ordnung. Wenn der Gedanke hierzu von Barbara Weigand stammte, so ,,nimmt man diese Anregung so, wie man gute Gedanken von anderen Personen nimmt“, sagt derselbe Poulain. ,,Erweisen sich die Offenbarungen später als falsch, so braucht man die Übernahme des Unternehmens nicht zu bereuen.“

Das ist die Lehre der Theologie und der Kirche.

Wohin käme man aber auch, wenn man erst die Echtheit von Privatoffenbarungen erweisen und dann erst Anregungen daraus verwirklichen wollte! Niemand noch hat Privatoffenbarungen als echt ,,erwiesen“. Wie viele Privatoffenbarungen haben denn in den Augen der Zeitgenossen Gnade gefunden? Müsste man nicht bei Anwendung dieses Grundsatzes unser Brevier und Messbuch einer radikalen Purgierung unterwerfen und viele Wallfahrtskirchen niederreißen? Würde nicht im Verfolge einer solchen rationalistischen Hyperkritik unser reiches kirchliches Leben verarmen und veröden? Stammen nicht beispielsweise der Rosenkranz, das Skapulier, das Fronleichnamsfest, die Herz-Jesu-Freitage, die Heilige Stunde, der Dritte Orden aus - damals noch sehr umstrittenen - Privatoffenbarungen?

Haben nicht viele, vielleicht die meisten frommen Institute und Kongregationen ihre Wurzeln in - damals keineswegs als echt anerkannten - Privatoffenbarungen? Z. B. Orden und Rosenkranz der heiligen Brigitta, das Benediktuskreuz, das Karmelskapulier, der Portiunkala-Ablass, der Orden von der heiligsten Dreifaltigkeit, die Erzbruderschaft Unserer lieben Frau, das Exerzitienbüchlein des heiligen Ignatius, viele Heiligtümer wie die Dreifaltigkeitskirche in München?

Mit dem Hinweis auf die obigen Beispiele dürfte auch die Praxis der Kirche hinsichtlich Anregungen aus Visionen hinreichend beleuchtet sein. Die Kirche prüft solche Anregungen auf ihren inneren Wert, auf ihre Übereinstimmung mit der Kirchenlehre und sieht dabei von den Privatoffenbarungen völlig ab. Genau so hielt es die fürstbischöfliche Behörde in Trient und die nachfolgenden Ordinariate, als sie im Jahre 1914 dem ,,Eucharistischen Liebesbund“ die Approbation verliehen; genau so handelte im Jahre 1915 der Bauverein bei Aufstellung seiner Statuten und Generalvikar Heßdörfer bei seiner Beratung des Vereinsvorsitzenden Dr. Abel.

Als dieser dann am 15. Oktober 1915 in völliger Übereinstimmung mit der Praxis der Kirche und gemäß dem Wunsche des Generalvikars Heßdörfer den Ordinariaten versicherte, ,,der Bau werde nicht wegen der Offenbarungen betrieben, sondern die große und heilige Idee einer dem Gedächtnis der Kommuniondekrete gewidmeten Sakramentskirche reiche für sich allein vollständig hin, um gläubige und eifrige Katholiken für den Bau der Sakramentskirche zu begeistern“, da nannten die Zeitungen - wer gab den Zeitungen Kenntnis von diesem Schriftstück? - dieses ganz korrekte Vorgehen einen ,,schlauen Advokatenkniff“, mit dem man die Behörden täuschen wolle.

Hätten die Zeitungsschreiber Kirchengeschichte studiert, dann hätten sie wissen müssen, daß dieser ,,schlaue Advokatenkniff“ von den höchsten kirchlichen Instanzen schon wiederholt praktiziert worden war.

An einigen konkreten Beispielen aus den letzten Jahrhunderten möge die Praxis der Kirche noch besonders deutlich veranschaulicht werden:

Als Margarete Maria Alacoque am 16. Juni 1675 vor dem Allerheiligsten Sakramente betete, sprach der Heiland zu ihr: Du kannst mir keinen größeren Beweis deiner Liebe geben als wenn du tust, was ich schon so oft von dir verlangt habe. Dann zeigte er ihr sein Herz und fuhr fort: Ich verlange von dir, daß der erste Freitag nach dieser Oktav als ein besonderes Fest zur Verehrung meines Herzens bestimmt werde.

Margarete wurde sodann vom Heiland mit der Mission beauftragt, ihrem Beichtvater den Wunsch des Herrn zu eröffnen. Hindernisse auf Hindernisse stellten sich in den Weg; Bischöfe und theologische Fakultäten traten gegen Margarete auf. Rom zögerte. Erst im Jahre 1765 wurde die Feier des Festes partial gestattet. Wer die Unterhandlungen verfolgt, sagt Noldin, der wird die Wahrnehmung machen, daß die Kirche bei der Prüfung der Andacht die Offenbarungen der Schwester so ziemlich außer acht ließ.

Es kam der Kirche vor allem darauf an, daß die Andacht in sich begründet sei, und daß ihre Feier den Seelen zum Heile gereiche. Die Privatoffenbarungen haben allerdings die Veranlassung dazu gegeben, allein nicht sie, sondern die unerschütterlichen Dogmen des Glaubens enthalten den Grund ihrer kirchlichen Approbation. ,,Selbst wenn die Offenbarungen der Heiligen auf Einbildung beruhten, würde die Andacht an ihrer inneren Wahrheit und Begründung nichts verlieren.“

Am 9. September 1814 wurde zu Niederbronn im Elsass Elisabeth Eppinger geboren. Herangewachsen ,,glaubte Elisabeth, des direkten Verkehrs mit Christus gewürdigt zu werden, Weisungen von ihm zu bekommen“. Im Jahre 1848 kam sie infolge innerer Erleuchtung zu dem folgenschweren Entschluss, Stifterin einer religiösen Genossenschaft zu werden. Unter der elsässischen Geistlichkeit und bei Vertretern des Episkopates fand das Werk viele Gegner. Der Bischof von La Rochelle warf ihr sogar bewusste Täuschung vor. Dabei kam ihm der Umstand sehr zustatten, daß sich Elisabeth mit einem politischen Schwindler eingelassen hatte. Aber der kluge Bischof Räß von Straßburg sah und hörte mehr auf die guten Taten der Jungfrau als auf die Stimmen der Gegner, wie sein Verteidigungsbrief an den Bischof von La Rochelle beweist: ,,Wenn ein in steter Reinheit und Keuschheit zugebrachtes Leben, wenn ebenso zahlreiche als auffallende Bekehrungen, wenn ihre weisen Ratschläge und die einfachen und hinreißenden religiösen Unterweisungen, wenn die Werke der Liebestätigkeit das Werk des Bösen sind, dann bin ich ganz geneigt, ihm ein Dummheitszeugnis auszustellen.“

Die Angelegenheit wurde erneut geprüft, für nützlich befunden, von Echtheit oder Unechtheit der Offenbarungen abgesehen, und die ,,Kongregation der Schwestern vom Allerheiligsten Heiland“ genehmigt. Ihr segensreiches Wirken seit über hundert Jahren ist weltbekannt.

Die Oberin des Klosters vom Guten Hirten zu Porto, Droste zu Vischering, hatte in mehreren Visionen vom Herrn den Auftrag erhalten, sich an den Papst zu wenden, damit die Weihe der Menschheit an das Heiligste Herz Jesu angeordnet werde. Dem Befehle des Heilandes gemäß unterbreitete die Nonne ihre innere Erleuchtung ihrem Beichtvater, jedoch ohne Erfolg. Dann richtete sie die Bitte brieflich unmittelbar an den Heiligen Vater, der die Angelegenheit untersuchen ließ. Als der Präfekt der Ritenkongregation in seinem Gutachten auf den Brief der Schwester Bezug nahm mit den Worten: ,,Dieser Brief ist sehr ergreifend und er scheint sehr wohl vom Heiland selbst diktiert“, gab Leo XIII. zur Antwort: ,,Herr Kardinal, legen Sie diesen Brief nebenhin; er darf in diesem Augenblick nicht zählen“.

Der Biograph fährt fort: ,,Man beschloss, die Weihe der Menschheit nicht auf eine Privatoffenbarung hin vorzunehmen, sondern in Anwendung der Lehre der Theologen und der kirchlichen Überlieferung. Als der Kardinal den Vatikan verließ, war er mit dem Auftrag betraut, die Frage an sich zu erörtern, d.h. lediglich der Erblehre Rechnung zu tragen mit Beiseitesetzung der rein persönlichen Erleuchtungen, welche für Leo XIII. der Anstoß gewesen, sich mit der Angelegenheit zu befassen.“

Wir sehen also, daß die Erbauung der Sakramentskirche in Schippach mit der Lehre der Theologen, mit der Lehre und Übung der Kirche völlig in Einklang stand. Auch den Vorschriften des Kirchlichen Gesetzbuches leistete sie durchaus Genüge. Nach dem CIC muß das zum Bau Nötige (Platz, Plan, Mittel, staatliche Erfordernisse) vorhanden sein (can. 1162 § 2); der Bischof muß die Rektoren der benachbarten Kirchen hören (§ 3); die Rechte Dritter müssen gewahrt sein (can. 1676 § 1, can. 1678); die Gesetze der kirchlichen Kunst müssen eingehalten werden (can. 1164); die Kirche darf nicht zu profanen Zwecken verwendet werden (can. 1165 § 2).

Da der Kirchenbau von Schippach somit alle Anforderungen der Kirchenlehre, der Theologie, der Pastoral und des Kirchenrechtes erfüllte, widersprach sein Verbot dem christlichen Sittengesetz, welches jedem katholischen Christen die Schaffung guter Werke auf seine eigenen Kosten gestattet, wie dies Erzbischof Sallua, Kommissär des Heiligen Offiziums, einmal mit den Worten ausgesprochen hat: ,,Chacun dans l´Eglise a le droit de fonder une bonne oeuvre, méme malgré l´évéque“ (Jedermann in der Kirche hat das Recht, ein gutes Werk zu gründen, selbst gegen den Bischof). Der Erbauung der Sakramentskirche in Schippach stand somit kein dogmatisches und kein kanonisches Hindernis im Wege.

In einem meiner zahlreichen Bittgesuche an die zuständigen kirchlichen Behörden um Aufhebung des Bauverbotes schrieb ich die flehentlichen Worte: ,,Möge auch einmal über Schippach der Wahlspruch des Heiligen Vaters sich erfüllen: Opus justitiae Pax! Möge der ,,dringende Wunsch“ des hochseligen Bischofs von Schlör nach Fertigstellung der Sakramentskirche endlich in Erfüllung gehen! Möge neues Leben aus den Schippacher Ruinen erblühen und die Sakramentskirche Auferstehung feiern, zur Freude ungezählter treukatholischer Menschen, zum seelischen Heile einer rasch anwachsenden Pfarrei, zur Ehre des himmlischen Königs Jesus Christus! Für dieses Ideal arbeiten zu dürfen, ist süße und tröstliche Aufgabe.“

Der Herr hat diesen Wunsch in Erfüllung gehen lassen. Ihm sei Lob und Dank alle Zeit!

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7. Einwände gegen die Person der Barbara Weigand

Noch obliegt uns die Aufgabe, einige besondere seinerzeit gegen die Person der Schippacher Jungfrau in der Presse erhobene Einwände zu prüfen.

a) Ungehorsam

Barbara Weigand, so konnte man damals (1916) in der gegnerischen Presse lesen, sei eine stolze und arrogante Person, weil sie behauptete, von Gott mit einer bestimmten Aufgabe betraut worden zu sein.

Wer die Lebensgeschichte unserer Heiligen kennt, ist über diesen Vorwurf nicht überrascht; es wäre vielmehr geradezu verwunderlich, wenn er nicht auch gegen die Schippacher Jungfrau erhoben worden wäre. Wenn Barbara Weigand die Stimme Gottes zu vernehmen glaubte, in der Einführung der öfteren heiligen Kommunion bahnbrechend vorzugehen, so war das doch nicht Arroganz, Anmaßung und Stolz, sondern Demut; Demut, weil Gehorsam gegen die Stimme des Gewissens. Festhalten an der eigenen Überzeugung in Dingen der christlichen Freiheit ist nicht Stolz und nicht Arroganz und nicht Anmaßung, sondern Demut.

Nach Poulain besteht die Demut in dem Mut, die Wahrheit in ihrer ganzen Strenge und in allen ihren Konsequenzen auf sich anzuwenden. Demut ist Wahrheit, sagt der heilige Augustinus, Demut ist mutig, furchtlos, groß in Plänen, Demut scheut keinen Spott. Demut macht unternehmend. Irdische Hindernisse gelten ihr nichts. Nicht feige Servilität, nicht knechtische Unterwürfigkeit, nicht schmählicher Verzicht auf eigene Meinung, nicht charakterloser Gesinnungswechsel, nicht elende Menschenfurcht, nicht das Streben nach der Gunst der Mächtigen ist Demut, sondern der Mut, die Wahrheit in ihrer ganzen Strenge und in allen ihren Konsequenzen auf sich anzuwenden. Demut ist Mut, verlangt Opfer. Es ist ja so leicht, von mächtiger Stellung aus anderen die Demut zu predigen; aber nicht leicht ist es, trotz eines in Gebet, Arbeit und Hingabe an andere zugebrachten Lebens von siebzig Jahren sich vor Hunderttausenden in den Zeitungen schmähen und von den Kanzeln in seiner Treue zur Kirche verdächtigen zu lassen, ohne ein Wort der Erwiderung in die Öffentlichkeit zu geben, ja für diese Verfolger weiter zu beten, auszuharren - und zu schweigen: das ist wahrhaftig die ganze Strenge des Sittengesetzes auf sich angewendet.

Ähnlich verhält es sich mit der weiteren Anschuldigung, Barbara Weigand habe es ,,gesucht aufzufallen“ und ,,um jeden Preis eine Rolle zu spielen“. Nun ist Barbara Weigand in der Tat in ihrem langen Leben vielfach aufgefallen, z. B. in ihrem Verlangen nach dem häufigen Genusse der heiligen Kommunion zu einer Zeit, als der öftere Empfang des heiligsten Sakramentes bei uns noch ganz außerhalb der gewöhnlichen Lehre und Praxis der Kirche und ihrer Priester stand. Auch ihre Bußwallgänge für die Sünden der Welt sind aufgefallen, ebenso ihr Gebetseifer und besonders ihre Art, den Kreuzweg zu beten, wobei sie eine solche Frömmigkeit und Rührung an den Tag legte, daß selbst die Mainzer Kapuzinerpatres Alphons und Bonifaz, um ihr Urteil gefragt, bestätigten, noch niemals in den langen Jahren, in denen sie die Beterin Barbara beobachteten, jemand so andächtig den Kreuzweg haben beten gesehen (P. Alphons i. J. 1895, P. Bonifaz i. J. 1910).

Auch dem Schreiber dieses Buches, ihrem Pfarrer, ist Barbara wiederholt aufgefallen dadurch, daß sie sich in der Erfüllung ihrer religiösen Pflichten viel eifriger zeigte als ihre Landsleute. Auch war es auffallend an ihr, daß sie - ganz entgegen dem Verhalten ihrer Landsleute - in einzigdastehender Uneigennützigkeit und Selbstlosigkeit für die Errichtung einer Pfarrei und die Erbauung einer geräumigen Kirche in ihrer Heimat Gelder sammelte und zur Verfügung stellte. Diese Auffälligkeiten waren wirklich bei Barbara Weigand vorhanden. Aber Barbara hat es nicht gesucht aufzufallen.

Als in der Zeit der Pressehetze gegen die Jungfrau viele Besucher nach Schippach kamen, um einmal die Vielgelästerte zu sehen, hatte sie für die meisten ,,keine Zeit“, und wenn es ihnen glückte, sie doch zu Gesicht zu bekommen, waren sie sehr enttäuscht, so gar nichts Auffälliges an ihr zu finden.

Wie leicht wäre es ihr gewesen aufzufallen, z. B. im Jahre 1921 bei der Einführung des ersten Pfarrers auf die von ihr gestiftete Pfarrei Rück-Schippach! Da wurden die üblichen Lobreden gehalten und alle möglichen Personen gepriesen, aber der Name der Stifterin wurde nicht einmal erwähnt. Sie war ja damals von allen Kanzeln und selbst von ihrer geistlichen Behörde als Ketzerin gebrandmarkt und verdammt worden. Während dieses feierlichen Aktes kniete sie bescheiden in ihrer Bank und dankte Gott, daß er ihr Werk nach so vielen Schwierigkeiten nun endlich gesegnet habe; kein Wort kam über ihre Lippen, daß sie die Stifterin der Pfarrei gewesen sei.

Erst als ich als Pfarrer die Akten studierte, entdeckte ich diese Tatsache. Welcher Unterschied zwischen einer solchen Bescheidenheit und dem heutigen Personenkult in den Zeitungen, auch um Priester, unter denen nicht wenige solchen Weihrauchduft mit Behagen einsaugen! In den früheren Jahrhunderten hatten die Stifter von kirchlichen Benefizien geheiligte Vorrechte: ihre Namen wurden in die Diptychen eingetragen und beim Gottesdienst verlesen, sie erhielten einen Ehrenplatz in der Kirche, zuerst die Kerze an Lichtmess, die Palme am Palmsonntag, das Weihwasser beim Asperges.

Bei Schippach war es ganz, ganz anders: da erhielt die Stifterin der Pfarrei von ihrer geistlichen Obrigkeit keine Auszeichnung und kein Wort des Dankes, vielmehr eine Dornenkrone auf ihr graues Haupt und einen Spottmantel um ihre alten Schultern.

Von der Sucht, auffällig zu werden, war Barbara Weigand himmelweit entfernt. Das bestätigte auch ihr Mainzer Pfarrer und Beichtvater Dr. Velte brieflich am 30. März 1911: ,,Wie vordem, so habe ich auch bis auf den heutigen Tag nichts Auffälliges an ihr gefunden und kann ihr nur meine Zufriedenheit aussprechen“, ein Lob, das er am 24. Juni 1912 wiederholte: ,,In ihrem ganzen Benehmen ist nichts Auffälliges, sie ist vielmehr stets anspruchslos, schlicht und bescheiden, so daß man aus ihrem Äußern ihre große Frömmigkeit nicht erraten kann.“

So urteilten jene Priester, die Barbara Weigand persönlich kannten. Nur im Munde der geistlichen Zeitungsschreiber von Aachen und Würzburg, die die Jungfrau Barbara niemals in ihrem Leben auch nur gesehen hatten, war Barbara eine stolze Person, die ,,um jeden Preis“ auffallen wollte.

Schenken wir auch der weiteren Anschuldigung, Barbara Weigand sei ungehorsam gewesen und habe den Anordnungen ihrer geistlichen Vorgesetzten, namentlich des Ordinariates Würzburg, ,,trotzigen Widerstand“ entgegengesetzt, einige Aufmerksamkeit!

Nun wäre es ein psychologisches Rätsel der allerschwierigsten Art, wenn diese Barbara Weigand, der alle ihre unmittelbaren geistlichen Vorgesetzten nachweislich das Zeugnis ausstellten, daß sie zeitlebens eine brave, bescheidene und tieffromme Jungfrau gewesen, ich sage: wenn diese so gut qualifizierte Barbara Weigand zugleich jene trotzige, ungehorsame Person gewesen wäre, als die seit dem Jahre 1914 in den Zeitungen und Gutachten von Theologen, die sie niemals zu Gesicht bekommen hatten, hingestellt wurde. Eines von den beiden Prädikaten mußte doch notwendigerweise falsch sein; denn auch Barbara Weigand konnte nicht zugleich gut und zugleich schlecht sein; sie konnte nicht zugleich die ,,im Rufe der Frömmigkeit stehende“, ,,schlichte“, ,,einfache“, ,,brave“, ,,demütige“, ,,heiligmäßige“ Person und zugleich die ,,trotzige, ,,widerspenstige“, ,,von Zorn sprühende“, ,,den Geist der Opposition atmende“ Person sein; eines von diesen beiden Urteilen mußte notwendigerweise falsch sein. Daß aber das erste Urteil die allgemeine Überzeugung aller ihrer unmittelbaren geistlichen Vorgesetzten von ihrer Wiege bis zu ihrem Grabe war, können wir mit authentischen Urkunden belegen. Somit muß das letztere Urteil, aus Unkenntnis der Person, aus Voreingenommenheit und blinden Fanatismus erflossen, als in sich unwahr zusammenstürzen.

Sodann dürfte es nicht minder schwer zu erklären sein, daß diese angeblich so ungehorsame Person in ihren Schriften gerade den Gehorsam so nachhaltig betont, z. B. in Nr. 116 vom Fronleichnamsfest 1897: ,,Niemals kann eine Seele, die sich lostrennt von der Kirche, die nicht unter der Leitung des Priesters wandelt, den rechten Weg wandeln. Sie wandelt den Weg der Eigenliebe und des Stolzes.“ Oder in Nr. 159 vom Freitag vor Quinquagesima 1898: ,,Ein Kind der katholischen Kirche hat sich seinem Beichtvater zu unterwerfen.“ Oder in Nr. 141 vom zweiten Freitag im Oktober 1897: ,,Der Gehorsam geht über alles bei einer Seele, die mit meinem Sohn verbunden ist. Diese ist dem Gehorsam unterworfen und soll nur gehorsam sein ihren sichtbaren Vorgesetzten. Dies ist das sicherste Zeichen, daß sie nicht irre geht.“ Oder in Nr. 168 vom Gründonnerstag 1898: ,,Schließt euch an meine heilige Kirche an und nicht um eine Handbreit weichet von ihr ab!“ Oder in ihrer Selbstbiographie: ,,Ich stelle alle Worte, die ich geschrieben, unter das Urteil derer, die dies von mir verlangen.“

So spricht keine Person, die sich ,,in offener Auflehnung gegen ihre geistlichen Vorgesetzten“ befindet. Darum konnte schon im Jahre 1902 ihr Seelenführer P. Ludwig in seinem Schreiben an das Ordinariat Mainz gerade auf den Gehorsam der Jungfrau hinweisen: ,,Wenn man vom Geiste des Ungehorsams reden könnte, müsste sich derselbe in ihrem Leben wohl irgendwie gezeigt haben. Aber das gerade Gegenteil findet man. Der hochwürdigste Herr Bischof Haffner hat in dieser Sache viele Befehle gegeben, hatte sich aber nie über einen Akt des Ungehorsams zu beklagen. Von ihren bisherigen Beichtvätern hatte sie viel Widersprüche und Verdemütigungen wegen ihrer übernatürlichen Mitteilungen zu ertragen, aber des Ungehorsams hat sie keiner geziehen.

Daß sie trotz der von allen Seiten erfahrenen Widersprüche und Verdemütigungen keine derselben freiwillig verlassen hat, ist nur ein Beweis ihrer mehr als gewöhnlichen Tugendstärke, und daß sie sich einer Prüfung unterworfen hat, wie es die vom 3. August 1900 gewesen ist, kann man nur als einen heroischen Akt des Gehorsams bezeichnen.“ Das gleiche rühmt ihr späterer Seelenführer P. Felix im Jahre 1911 in einem ausführlichen Bericht an den Definitor seines Ordens.

Worauf gründete sich denn der so laut erhobene Vorwurf des Ungehorsams? Man beschuldigte die Jungfrau des Ungehorsams, weil sie Zumutungen ablehnte, die gegen die geschichtliche Wahrheit, gegen ihre persönliche Ehre und gegen die Forderungen ihres christlichen Gewissens gerichtet waren. Wenn da das Ordinariat Würzburg am 24. Februar 1916 an Barbara Weigand die Aufforderung richtete, keine Fragen mehr an den Heiland zu stellen, wenn der amtliche Gutachter derselben Behörde am 26. Februar 1916 der Jungfrau den Rat geben ließ, ,,jede weitere ekstatische Tätigkeit aufzugeben“, wenn das Ordinariat Würzburg am 19. Februar 1918 von Barbara Weigand verlangte, sie solle ,,auf Ehre und Gewissen“ dem über sie gefällten Urteil sich unterwerfen und unterschriftlich bestätigen, daß ihre Offenbarungen Schwindeleien seien, daß sie eine Sekte habe stiften wollen, daß sie zwanzig Jahre lang Bischöfe und Priester belogen und betrogen habe, daß sie Häresien und Ketzereien verbreitet habe, daß sie sich im September 1913 gegen Anordnungen des Ordinariates aufgelehnt habe, die gar nicht existierten: wenn sie solche Anschuldigungen mit ihrer Unterschrift ,,auf Ehre und Gewissen“ als wahr anerkennen sollte und wenn sie solche Zumutigungen ablehnte: war sie dann wirklich ,,ungehorsam“? Gerade an den geschichtlichen Fakten lässt sich das Ungerechte solcher Zumutungen am besten nachweisen.

Da schrieb das Ordinariat Würzburg in seinem Urteil vom Jahre 1918, das es auch an das Heilige Offizium nach Rom sandte, folgendes: ,,Schließlich kündigt Barbara Weigand den Gehorsam und droht mit der Strafe des Himmels, weil die kirchlichen Obern den Kirchenbau und die Sammlungen von Gaben verboten haben.“

Als Begründung für diese Behauptung führt das Ordinariat an: ,,Sie lässt Christus sagen am 9. September1913: ,,Was die Geistlichkeit und das Volk wünscht, darauf darf nicht geachtet werden.“

Also Barbara Weigand soll sich im September 1913 gegen die kirchlichen Verbote des Sammelns für den Kirchenbau und die Fortführung der Kirchenbauarbeiten aufgelehnt haben: so behauptet das Ordinariat. Nun wurde der Kirchenbau erst im Jahre 1914 begonnen, das erste Sammelverbot des Ordinanriates Würzburg erfolgte am 2. Oktober 1914, also dreizehn Monate nach dem 9. September 1913, das erste kirchliche Bauverbot kam erst am 12. November 1915, also sechsundzwanzig Monate nach dem 9. September 1913. Und da verlangt man im Urteil vom Februar 1918, Barbara Weigand solle ,,auf Ehre und Gewissen“ unterschriftlich erklären, sie habe sich im Jahre 1913 gegen diese Verbote aufgelehnt, die damals noch gar nicht existierten, die vielmehr erst dreizehn bzw. sechsundzwanzig Monate später erfolgten!

Bei jenem Ausspruch der Jungfrau vom 9. September 1913 hatte es sich nur um den Platz für die künftige Kirche gehandelt, als welchen Pfarrer Welzbacher (das ist ,,die Geistlichkeit“) und ein Teil der gegen Schippach in Opposition stehenden Leute von Rück das Gelände an der Elsava wünschten, während Barbara in Übereinstimmung mit dem Bischof und dem Ordinariat für den Platz hinter dem Friedhof plädierte. Noch in den folgenden zwei Jahren begünstigte das Ordinariat diesen Weigandplatz und genehmigte ihn schriftlich in aller Form als Bauplatz für die künftige Kirche. Barbara Weigand konnte also mit ihrem Ausspruch vom 9. September 1913 die kirchliche Obrigkeit von Würzburg gar nicht gemeint haben, weil ja zwischen beiden völlige Übereinstimmung herrschte. Auch hat Barbara Weigand für das Ordinariat niemals den Ausdruck ,,Geistlichkeit“ gebraucht. Der im Jahre 1918 vom Ordinariat Würzburg, das damals seine früher eingenommene Haltung gar nicht mehr kannte, gegen die Jungfrau Barbara erhobene Vorwurf des Ungehorsams war somit völlig ungerechtfertigt.

Ähnlich verhält es sich mit einem andern in Würzburg konstruierten Fall von ,,Ungehorsam“, den man dort in Barbaras Wort vom 19. März 1915 erblickte: ,,Ich will, daß die Kirche trotz der vielen Schwierigkeiten weitergebaut wird.“ Nun kennen wir aus der Baugeschichte ganz genau die vielen Schwierigkeiten gegen den Bau um jene Zeit: die Bauarbeiten waren im Herbst 1914 vom Bezirksamt Obernburg wegen des Fehlens der ,,Allerhöchsten Königlichen Genehmigung der Pläne in ästhetischer Hinsicht“ polizeilich eingestellt worden; die drei bauleitenden Männer liegen auf der Insel Korsika in französischer Gefangenschaft; niemand ist da, der das Unternehmen zu führen imstande ist; das Bezirksamt beharrt auf seiner Gegnerschaft; die Zeitungen bringen unwahre und baufeindliche Artikel: das waren wirklich ,,viele Schwierigkeiten“.

Angesichts dieser misslichen Lage des Kirchenbaues lässt sich Barbara im März 1915, als die Witterung wieder Bauarbeiten erlaubt, also vernehmen: ,,Ich will, daß die Kirche trotz der vielen Schwierigkeiten weitergebaut wird.“ Da die Hauptschwierigkeit damals im Fehlen der ,,Allerhöchsten Königlichen Genehmigung“ lag, was dem baufeindlichen Bezirksamt Obernburg die Handhabe für sein polizeiliches Verbot abgab, drang Barbara in derselben Verlautbarung vom 19. März 1915 energisch auf die Erwirkung eben dieser ,,Allerhöchsten Königlichen Genehmigung“ beim Ministerium in München. Da führt die Vorsehung den Münchner Bankoberinspektor Dr. Hans Abel nach Schippach. Diesem Mann gelingt es dank seiner Energie und Sachkenntnis, die vielen Schwierigkeiten in überraschend kurzer Zeit zu überwinden: er löst die Verträge mit der alten Baufirma, gründet einen legalen Bauverein, erwirbt für diesen das Baugelände, erholt und erhält vom Ministerium die ,,Allerhöchste Königliche Genehmigung“; Bischof Schlör unterstützt freudig die gute Wendung, wünscht brieflich ,,dringend“ die Fortführung der Bauarbeiten, Generalvikar Heßdörfer wünscht Gottes Segen auf die Vollendung des Baues, die Gelder fließen reichlich, eine Baufirma von Weltruf treibt die Arbeiten rüstig voran: so die Lage im September 1915.

Da wird im Januar 1916 die Prüfung der Schippacher Sache der sogenannten Würzburger Prüfungskommission übertragen, die ihre Aufgabe darin sieht, Schippach um jeden Preis zu vernichten, auch um den Preis der Fälschung geschichtlicher Tatsachen. Das rührigste Mitglied dieser Kommission legt die Ergebnisse seiner ,,Prüfung“ dem Ordinariat und einige Monate später auch der Öffentlichkeit in einer eigenen Broschüre mit kirchlicher Druckerlaubnis vor. Darin zitiert er nun zum Erweise des ,,Ungehorsams“ der Schippacher Jungfrau jenes Wort, indem er es vom März 1915, wo es gesprochen wurde und wo allein es einen Sinn hatte, auf den März 1916 verlegt, um dann auszurufen: ,,Seht, wie sich die Seherin von Schippach gegen das Ordinariat Würzburg auflehnt, das doch vier Wochen vorher den Weiterbau verboten hat!“ Und das Ordinariat übernimmt ebenfalls dieses ,,Prüfungsergebnis“ in sein Urteil vom Jahre 1918 und meldet es als Beweis des ,,Ungehorsams“ der Barbara Weigand an das Heilige Offizium nach Rom.

So die Tatsachen um den ,,Ungehorsam“ der Schippacher Jungfrau, angeblich begangen am 19. März 1915. In diesem Wort liegt aber nicht die Spur eines Ungehorsams gegen das Ordinariat Würzburg. Schreit eine solche Behandlung nicht geradezu nach Wiedergutmachung?

Angesichts solcher Prozeduren gegen eine wehrlose katholische Frau sind wohl die Fragen gerechtfertigt: Muß der katholische Christ, der seiner übernatürlichen Erleuchtungen sicher ist, seinem Gewissen oder den anderslautenden Anordnungen seiner geistlichen Obrigkeit Folge leisten? Muß er sich offenkundigen Fehlentscheidungen seiner kirchlichen Obrigkeit ,,auf Ehre und Gewissen“ unterwerfen? Muß er offenkundige geschichtliche Unwahrheiten auf Befehl seiner kirchlichen Obrigkeit als wahr hinnehmen und bekräftigen? Muß er solchen Befehlen seiner kirchlichen Obrigkeit Gehorsam leisten?

Es ist katholische Lehre, daß derjenige, welcher die Stimme Gottes in sich vernimmt, dieser Stimme folgen muß, auch wenn er in Konflikt mit seinen kirchlichen Obern gerät. Man lese nur einmal den sehr instruktiven Aufsatz in den ,,Stimmen der Zeit“ (1926) S. 252 ff oder das Buch von August Adam: ,,Die Tugend der Freiheit“ (Sebaldusverlag / Nürnberg 1946) an vielen Stellen, wo die Grundsätze der katholischen Moral zu diesem Gegenstand ebenso klar und lichtvoll wie zeitgemäß behandelt werden. Dort ist also zu lesen: ,,Verlangen, daß die Seele, die ihrer unmittelbaren Erleuchtungen durch Gott sicher ist, ihre Zustimmung von irgendeiner Autorität abhängig macht, wäre die Umstürzung der Ordnung und Unrecht gegen Gott.“ Und daß man seinem Gewissen unbedingt folgen müsse, hat Kardinal Boncampagni, der nachmalige Papst Gregor XIII., in den bestimmten Worten ausgesprochen: ,,Wenn der Papst mir etwas befehlen sollte, was gegen mein Gewissen ist, so werde ich nicht gehorchen.“

Die Scholastik kannte keine andere Lehre als diese, man müsse es vorziehen, eher in der Exkommunikation zu sterben als etwas zu tun, was das Gewissen verbietet, und Petrus Lombardus erklärte: ,,Wer von der Kirche zu etwas verurteilt wird, was er in seinem Gewissen als Unrecht erkennt, darf der Kirche nicht folgen.“ In dem Betrachtungsbuche von Schweykart S.J. heißt es: ,,Wenn wir einmal etwas als Stimme Gottes, als Ruf von oben erkannt haben, darf uns keine Macht der Welt, auch nicht der Spott der ganzen Welt, von der Ausführung des göttlichen Willens abhalten. Da darf auch keine noch so brennende Demütigung für uns ein Grund sein, uns dem zu entziehen, was uns einmal von Gott aufgetragen ist.“

Beachtenswert sind zu unseren Fragen auch die Stimmen katholischer Theologen im Anschluss an den Zweiten Internationalen Laienkongress 1957 in Rom. In den ,,Stimmen der Zeit“ betont Hirschmann ausdrücklich ,,die Grenzen der Leitungsgewalt und der Gehorsamspflicht“, er anerkennt ,,die Möglichkeit, unter Umständen den kirchlichen Vorgesetzten zu widersprechen, wenn es sich um offensichtliche Fehlentscheidungen oder Fehlhandlungen handelt“, er erinnert eindringlich daran, daß ,,Amtsträger und einfache Gläubige nicht nur im Verhältnis von Vorgesetzten und Untergebenen zueinander stehen, sondern auch in dem von Brüdern in Christus“, ein Verhältnis, das fundamentaler sei als der Unterschied aufgrund des Amtes.

Auch auf der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft ,,Kirchliche Presse“ 1958 in München fand die Verteidigung der Freiheit gegenüber einer irregeleiteten Autoriät warme Befürworter. In einem Vortrag: ,,Der Laie in der Kirche - Freiheit und Bindung“ ging Professor Arnold von dem heute noch immer nicht überwundenen Gegensatz oder Gegenüber von Klerus und Laien aus. Nicht die Hierarchie sei die Kirche, sondern Hierarchie und Laien bildeten zusammen die Kirche. Hierarchie bedeute nicht Herrschaft und Bindung, sondern Dienst. Auch der Laie könne Kritik üben in der Kirche und an der Kirche.

Wir sehen also: jene Zumutungen an Barbara Weigand mußte sie schon aus Gewissensgründen ablehnen; aber sie tat dies in würdiger, durchaus katholischer Form: durch Einlegung der Berufung an den Heiligen Stuhl. ,,Durch die Einlegung der Appellation“, schreibt sie am 1. März 1918 an das Ordinariat Würzburg, ,,gibt die Unterzeichnete die Entscheidung über ihre ganze Angelegenheit und insbesonders die Entscheidung über den Offenbarungscharakter der von ihr in der Ekstase vorgebrachten und von anderen aufgezeichneten Worte dem Heiligen Apostolischen Stuhle anheim. Sie unterwirft sich dieser Entscheidung des Heiligen Apostolischen Stuhles im voraus mit vollkommenem innerem und äußerem Gehorsam. Indem sich die Unterzeichnete des Rechtsmittels der Appellation bedient, möchte sie keinen Zweifel darüber lassen, daß sie vor der Entscheidung des Heiligen Apostolischen Stuhles bezüglich der inkriminierten Handlungen (Förderung des Liebesbundes und der Sakramentskirche sowie Verbreitung der sogenannten Offenbarungen) sich alles dessen sorgfältig enthält, was den Geboten, Wünschen und Absichten des hochwürdigsten Bischöflichen Ordinariates auch nur im geringsten zuwiderlaufen könnte.“

Das ist eine andere Sprache, als sie in den Zeitungen von jenen Wächtern der Obedienz geführt wurde, welche sich nicht gescheut hatten, den ,,dringenden Wunsch“ ihres eigenen Bischofs nach Fertigstellung der Schippacher Kirche zu vereiteln.

Barbara Weigand hat ihr Versprechen bis zu ihrem Tode treu gehalten. Eines ,,Ungehorsams“ muß jedoch hier Erwähnung geschehen. Als ihr nämlich einmal in Mainz von kirchlicher Seite die Aufgabe gemacht wurde, sie sollte, wenn sich wieder eine Erscheinung zeige, dieser kräftig ins Gesicht spucken, glaubte sie diesem Befehle nicht gehorchen zu können. Mußte sie wirklich gehorchen? Hören wir, was Poulain hierzu meint: ,,Was soll man tun“, fragt er, ,,wenn der Seelenführer dieses Zeichen der Verachtung (sc. das Anspeien) befiehlt? Da sind zwei Ansichten: nach der ersten muß man gehorchen ... Die heilige Theresia unterwarf sich ihrem Seelenführer und der Heiland sagte zu ihr: Du handelst recht, wenn du gehorchst... Aber trotz dieser Ermutigung des Himmels neigte die heilige Theresia gegen Schluss ihres Lebens zur entgegengesetzten Ansicht, zur Überzeugung nämlich, daß es erlaubt, ja auch schicklicher sei, nicht zu gehorchen. Ich denke, man solle dem Seelenführer bescheidene Gegenvorstellungen machen und, wenn er auf seiner Meinung verharrt, ihm nicht gehorchen.“ Was würden meine Leser in einem solchen Falle tun?

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b) Tadel der Priester

Wir konnten in einem früheren Kapitel den Geist der Schippacher Schriften hinsichtlich des Priestertums durch zahlreiche authentische Belege kennzeichnen. Damit dürfte dieser Geist erschöpfend und unverfälscht wiedergegeben sein: hohe Wertschätzung der priesterlichen Würde und ernste Mahnungen zu priesterlichem Verhalten treten dem Leser auf Schritt und Tritt entgegen. Gewiss hat die sittenstrenge Gottesfreundin manches ernste Wort mit einfließen lassen und bekanntlich haben diese tadelnden Bemerkungen dereinst den ganzen Unwillen gewisser Priester hervorgerufen. Nicht nur, daß man sich auf dieser Seite in hohem Grade über die ,,Anmaßung“ der Jungfrau entrüstete, man hat aus jenen Bemerkungen auch den ,,allersichersten Beweis“ ableiten wollen für die Unechtheit jener Offenbarungen; denn Gott spreche über seine Priester keinen Tadel aus!

Wirklich! Welcher metaphysische Grund soll denn den Heiland abhalten, an uns Priestern Kritik zu üben? Sollte der Heiland an uns Priestern wirklich nichts Tadelnswertes finden oder uns nicht mehr rügen dürfen? Ja, wir Priester sind heute gar empfindlich geworden, ganz anders wie die Priester zu den Zeiten eines heiligen Hieronymus, Augustinus, Thomas, Bernhard, einer heiligen Katharina von Siena, eines seligen Seuse oder eines heiligen Robert Bellarmin, und viele von uns können die Wahrheit nicht mehr hören. Und doch sollten wir in demütiger Selbsterkenntnis nicht leugnen, daß der Herr an uns doch recht viel auszusetzen hätte. Fromme Priester haben denn auch in jenen Äußerungen durchaus keine Anmaßung erblickt, sondern vielmehr eine Anregung zu ernster Gewissenserforschung, wie mir z. B. ein Priester schrieb: ,,Die tadelnden Bemerkungen verraten einen so scharfen Blick für die Bedürfnisse der Kirche in der Gegenwart, daß man sich sagt, sie können nicht das innerste Eigentum eines ungebildeten Bauernmädchens sein.“

Zudem sind manche ihrer Aussetzungen durch die nachfolgenden Zeitereignisse in geradezu überraschender und augenfälliger Weise bestätigt worden, wie ihr Urteil über Wert und Bestand der Vereine, der Zeitungen und der sonstigen Presse, oder sie sind, wie die Mahnungen zur Einfachheit in Denken und Lebenshaltung, zur Liebe der Armut und des Gebetes, zur Kreuzes- und Opfergesinnung, zur furchtlosen Verteidigung des Reiches Gottes, in das Priesterideal von heute übergegangen (vgl. Mahnruf ,,Menti nostrae“ des Papstes Pius XII. vom 23. Sept. 1950 an den Klerus des Erdkreises).

Daß aber gar Barbara Weigand ,,ihren Teil dazu beigetragen habe, die Achtung vor dem Priestertum und den Gehorsam gegen das Priestertum in dem Kreis der frommen Seelen, die ihre Schriften lesen, zu untergraben und einen Geist des Hochmutes und der Widersetzlichkeit großzuziehen“, ist eine maßlose Verleumdung.

Nein: nicht die Gottesfreundin von Schippach hat die Achtung vor dem Priestertum untergraben, sondern jene schriftstellernden Priester mit ihren unwahren und ehrabschneiderischen Zeitungsartikeln, und jene geistlichen Ignoranten, die eine aufrichtig gemeinte Sache und eine heiligmäßige Person in gröblicher Verletzung des Gebotes der Liebe von den Kanzeln aus herabsetzten, so daß sich akademisch gebildete Zuhörer, wie sie mir versicherten, mit Entrüstung von solchen Predigten abwandten.

Es dürfte sich bei diesem Anlass gewiss verlohnen, eine kleine Wanderung in die Geschichte anzutreten, um zu sehen, ob nicht auch schon früher anerkannte mystische Personen manchesmal recht ernste Worte über die Priester gesprochen haben.

Da lese ich in den Briefen der heiligen Katharina von Siena an den Papst:
,,O süßester Vater, es kann nicht mehr weitergehen, so sehr haben sich die Laster gehäuft, besonders unter jenen, die im Garten der Kirche als duftende Blumen eingesetzt sind, auf daß sie ausströmen den Duft der Tugenden. Doch wir sehen, daß sie reich sind an elenden und ruchlosen Lastern, so daß sie damit die ganze Welt verpesten.“ ,,Die Hirten sind im Schlafe der Eigenliebe versunken“, klagt sie einem hohen Prälaten und den Papst fordert sie auf, ,,aus dem Garten der heiligen Kirche die verfaulten Blumen auszureißen.“

Solche Worte werden damals in den Ohren der Betroffenen auch nicht gerade angenehm geklungen haben, aber die Geschichtschreibung zollt dieser Frau hohes Lob: ,,Furchtloser Freimut, mit dem sie den Adressaten - sei es ein Priester, ein Gelehrter oder ein gekröntes Haupt - die Wahrheit sagt, bittere, unverblümte Wahrheit. Es ist allein und einzig unbestechliche Liebe zur Wahrheit, treue, warme Sorge um das Heil aller Menschen, was sie beseelt und ihr den Mut zur Offenheit gibt.“

Und wie wurde dieser Freimut vom Statthalter Christi aufgenommen, an dessen Adresse Katharina jene ernsten Worte gerichtet hatte? Kein geringerer als Papst Gregor XI., an dessen Hof die strenge Sittenpredigerin ,,den Lastergeruch der Hölle“ tadelte, nahm sie gegen ihre Widersacher in Schutz. ,,Ganz Avignon“, schreibt Pastor (I, 111), ,,war in Aufregung; viele wären ihr gern entgegengetreten, aber sie fürchteten den Papst, der die Heilige schützte.“ Wer hätte noch nichts gehört von jener bedeutsamen Rede De corruptelis Ecclesiae, die der sittenstrenge Bischof Grosseteste im Jahre 1250 zu Lyon gegen Papst Innozenz IV. hielt? Wer kennte nicht den freimütigen Brief des heiligen Bernhard an den Bischof von Mainz? Die heilige Brigitta hört in einer Vision den heiligen Petrus also sprechen: ,,O Rom, dessen Straßen das Blut der Martyrer mit köstlichem Gold belegt hat! Nun sind deine edlen Saphire in eklen Schmutz verwandelt und Petri Fischnetz ist voller Eidechsen und giftigen Schlangen!“

Die heilige Hildegard von Bingen stand mit Päpsten, Kaisern, Fürsten, Bischöfen, Priestern und Ordensleuten in brieflichem oder persönlichem Verkehr und ,,mahnte alle mit dem Mut einer Prophetin an ihre Sünden und Fehler.“ Bekannt ist ihre tiefernste Vision: ,,Ich sah wachend eine hohe Frauengestalt ... Auf einmal bemerkte ich, daß ihr Angesicht von Staub entstellt, der Mantel seiner Schönheit beraubt sei. Wehmütig ertönte ihr Klagelied: Höre es, Himmel, daß mein Angesicht befleckt, und trauere, Erde, daß mein Gewand zerrissen worden! Meine Pfleger, die Priester, sie haben mein Angesicht mit Staub besudelt, mein Gewand zerrissen, meinen Mantel dunkel und meine Schuhe schwarz gemacht!“ Und Papst Eugen III. billigte ihre Schriften.

Ist es nötig, das Buch von den neun Felsen zu erwähnen, wo der Verfasser den Päpsten, Kardinälen, Bischöfen und Priestern eine überaus ernste Strafpredigt hält: ,,Sieh, wie die weltlichen Pfaffen ihr Gut vertun, das Gut, das sie von Gottesgaben nehmen, wie sie das schämlich verzehren mit Unkeuschheit und großer Hoffart ... Aller göttlicher Ernst ist in ihnen vergangen und vergessen ... Darauf geht ihre Meinung vielmehr, wie sie den Leuten gefallen, denn daß sie gewahr werden und schmecken Gottes und seiner inwendigen Gnade.“

Vierhundert Jahre lang galt als Verfasser dieser ernsten Strafpredigt der selige Heinrich Seuse; ,,es ist der Geist seiner Schriften, der hier weht“, gesteht sein Biograph Fürstbischof Melchior von Diepenbrock.

Die heilige Gemma Galgani hört in einer Ekstase die Worte des Herrn: ,,Ich bedarf einer großen Sühne, insbesondere für die Sünden und Sakrilegien, wodurch ich sogar von den Dienern des Heiligtums beleidigt werde.“

Und was sprach unser göttlicher Heiland, als Nathanael sich wegwerfend über Jesu Heimat Nazareth äußerte? Jesus lobte den Sprecher Nathanael und rühmte seine Offenheit: ,,Ein echter Israelite, in dem kein Falsch wohnt.“

Mit welch liberaler Würde ertrug der geniale Papst Nikolaus V. die bitteren Satiren seiner nächsten Umgebung! Selbst Pastor muß es als eine unglaubliche Freiheit des Wortes bezeichnen, wenn Poggio in einem dem Papst gewidmeten Buche seinen Vorgänger Eugen IV. ,,ziemlich offen der Heuchelei verdächtigen“ durfte (I 550). Und kein Geringerer als der heilige Gottesstreiter und seeleneifrige Volksmissionar Johannes Capistran konnte es neben anderen ungestraft wagen, über die kostspielige Baulust des Papstes seinen Tadel auszusprechen (I 558).

In seinem berühmten, von Papst Pius II. in die Form einer Bulle gebrachten Reformentwurf des sittenstrengen Nikolaus von Kusa spricht dieser Freund des Papstes ausdrücklich von den Gebrechen auch in den höchsten kirchlichen Stellen und fordert alle auf, offen ihre Meinung über die Zustände an der Kurie zu äußern; ,,selbst wer im Oberhaupte der Kirche etwas entdecke, was Anstoß errege, solle es frei heraussagen.“

So geschah es ehedem. Wenn aber im Zwanzigsten Jahrhundert in Deutschland eine heiligmäßige Frau verweltlichten Priestern empfiehlt, mit ihren Gläubigen Bußgänge zu machen, ihre Predigten auf dem Betstuhl zu meditieren, statt aus den Zeitungen zu holen, auf den Kanzeln das Evangelium zu verkündigen und keine politischen und keine Spottpredigten zu halten, oder wenn ein Johannes Silvanus oder eine Ida Friderika Görres ähnliche gutgemeinte Worte an den deutschen Klerus richten: dann geraten deutsche Priester in helle Wut, sind entrüstet über die ,,Anmaßung“ der Laien und reden von Arroganz und Untergrabung der priesterlichen Autorität.

Es war darum in hohem Grade ungerecht, Barbara Weigand wegen einiger übrigens zutreffender Bemerkungen, Arroganz, Anmaßung und Schädigung des priesterlichen Ansehens vorzuwerfen, einer Person, die wieder so schöne Worte über die Würde und Bedeutung des Priestertums gefunden hat und die in ihrem persönlichen Verhalten allezeit eine rührende Demut und Verehrung gegen die Priester an den Tag gelegt hat, wie ihr alle ihre Seelsorger feierlich und laut, mündlich und schriftlich bestätigt haben.

Auch die gelegentlichen Klagen der Jungfrau über innere Dürre, Trockenheit und Zweifel an der Wirklichkeit der empfangenen Gnaden haben ihren Gegnern Anlass gegeben zu der Behauptung, solche Selbstbekenntnisse sprächen ganz deutlich für die Unechtheit ihrer inneren Vorgänge; denn, so behaupteten sie, bei wirklicher Begnadigung gäbe es solche Beängstigungen höchstens am Anfang, dann aber herrsche fortgesetzt tiefer Friede und heilige Freude.

Die mystische Theologie und die Geschichte der Mystik bezeugen aber das gerade Gegenteil dieser tendenziösen Behauptungen. Poulain nennt den ,,Zweifel über die Wirklichkeit der empfangenen Gnaden so allgemein, wenigstens am Anfang des mystischen Lebens, daß man erstaunen müsste, wenn eine Seele ihn nicht zu fühlen hätte.“ In der Tat stoßen wir bei allen wahren Mystikern auf solche Zustände der Ängste und der Zweifel; ich verweise nur auf Paula Reinhard, Benigna Consolata, Lucie Christine, Theresia vom Kinde Jesus, Gemma Galgani, Heinrich Seuse, Maria vom göttlichen Herzen, Katharina von Siena, Schwester a Nativitate, Emilie Schneider, Fidelis Weiß.

Der heilige Alfons von Liguori wurde noch in hohem Alter von solchen Glaubenszweifeln geplagt, daß man sein Stöhnen darüber im ganzen Hause hörte. Ebenso der heilige Pfarrer von Ars. Von der heiligen Rosa von Lima berichtet das Brevier: ,,Per quindecim annos, ad plusculas horas desolatione spiritus et ariditate miserrime contabescens, forti animo tulit agones omni morte amariores.“

Hören wir einige Seufzer der großen heiligen Theresia zu diesem Punkte: ,,Ich betrat das Oratorium nie ohne tiefe Traurigkeit. Müde und immer müder wurde meine Seele und die traurigen Fesseln der Gewohnheit ließen sie nicht zu der ersehnten Ruhe kommen.“ In ihren ,,Zweifeln“ konnte sie keine Auskunft erhalten und ,,blieb beunruhigt.“ ,,Ein größerer Theologe befreite mich von jedem Zweifel ... Zuweilen auch fragte und klagte meine Seele in ihrer trostlosen Verlassenheit bei sich selbst: Ubi est Deus tuus? ... Ich empfing keinen Trost vom Himmel und keinen Trost von der Erde ... So schwebte meine Seele gleichsam gekreuzigt, leidend zwischen Himmel und Erde ... Es ist auch nicht zu vergessen, daß dieser Ansturm von Desolation nach jenen Gnaden über mich kam ... Nur zeitweise hatte meine Seele Trost und war der vorübergegangen, so fühlte sie sich in ihren Versuchungen und Drangsalen fern von Gott ... Ich sah, daß meine Beängstigungen in demselben Grade zunahmen, als ich im Gebete höher stieg ... Da geriet ich in unbeschreibliche Angst und Betrübnis und löste mich in Tränen auf ... Grausam sind diese Leiden und sehr behutsam muß man die Leidenden behandeln, besonders wenn es Frauen sind ... Mir schadete es, daß Dinge allgemein bekannt wurden, welche besser verschwiegen geblieben wären, weil sie nicht für alle Welt sind (genau wie bei B.W., d. V.) ... Zuweilen geriet ich doch in Zweifel ... Der Herr lässt die Seele oftmals in der Finsternis ... Deshalb darf man sich nicht wundern, daß ein so armseliges Geschöpf wie ich bei Visionen und Ekstasen in großer Furcht schwebte.“

Wie konnte man angesichts solcher Selbstbekenntnisse einer der größten Mystikerinnen aller Zeiten die Behauptung aufstellen, bei echten Visionen herrsche nur Ruhe und Sicherheit? Nur einem in der mystischen Theologie ganz unwissenden Klerus und dem modernen Zeitungspublikum konnte man seine törichten Behauptungen vorsetzen.

Auch das Erschrecken der Jungfrau bei Erscheinungen hat genügend Parallelen in der Geschichte. Erschrak nicht auch Abraham bei der Erscheinung der drei Männer, Zacharias bei der Erscheinung des Engels, Maria bei der Verkündigung, die Hirten auf dem Felde, die Frauen am Grabe, die Apostel bei der Erscheinung des Herrn, der Hauptmann Cornelius bei der Erscheinung des Engels?

Am dritten Freitag im April 1899 glaubte die Jungfrau Barbara die Stimme ihrer himmlischen Mutter zu hören: ,,Allen Priestern, die sich anschließen, verspreche ich, daß ich alle ihre Fehler und Unvollkommenheiten ersetzen will“ ... ,,Vergesst nicht“, so spricht Jesus ein andermal, ,,zu meiner lieben Mutter zu flüchten, sobald ihr in einen Fehler gefallen seid. Sagt ihr kindlich: Sieh, meine liebe Mutter, ich bin gefallen und ich schäme mich und fürchte hinzutreten zu deinem lieben Sohn. Ach, ersetze du mir, was ich gefehlt. Hilf du mir. Sie wird euch alle ihre Verdienste und Tugenden schenken.“

In ihrem später mit kirchlicher Approbation im Druck erschienenen Abendgebete kehrt derselbe Gedanke wieder: ,,Lieber heiliger Schutzengel, nimm mein armseliges Gebet und Tagewerk und trage es in die Hände der lieben Muttergottes. Und dich, o liebe Mutter, bitte ich, du wollest alles ersetzen, was mangelt, und es eintauchen in das kostbare Blut Jesu Christi und es reinigen, vervollkommnen und vollwertig machen aus dem Werk der hochheiligen fünf Wunden und deiner Verdienste und Tugenden.“

Nun hat man auf Grund dieser Sätze behauptet, die Jungfrau von Schippach predige ,,eine bequeme Sittenlehre“ und maße sich die kirchliche Schlüsselgewalt an. Allein schon der Zusammenhang dieser Stellen mit ungezählten anderen Sätzen, in denen sie strenge Anforderungen stellt, sowie ein Blick auf das lange, ganz dem Gebet, der Arbeit, den Opfern, der Sühne und der Entsagung gewidmete Leben unserer Gottesfreundin hätte von einem solchen Vorwurf abhalten sollen. Eine Person, die während eines fast hundertjährigen Lebens ganz im Dienste Gottes und des Nächsten aufgeht, die so strenge sittliche Forderungen an ihre häusliche Umgebung stellt, eine Person, die ungezähltemal alle Gutgesinnten zum Kampf gegen Gleichgültigkeit und Schlechtigkeit aufruft, die gegen Unglauben und Sittenlosigkeit einen festen Damm errichtet wissen will, eine Person, die ganz und gar den Verzicht auf die Welt fordert und übt, die nur arbeitet, betet, sühnt, Not lindert, Wohltaten spendet, eine Person, die aus glühendstem Verlangen nach der heiligen Kommunion stundenlange Märsche zurücklegt, eine Person, die schon ein Menschenalter vor dem Erlass der Kommuniondekrete die heilige Kommunion unter großen Opfern täglich empfängt, eine Person, die bei den öffentlichen Schmähungen und Verspottungen ihrer Person in den Zeitungen nur die bescheidene Bitte an ihre kirchliche Obrigkeit richtet, sie gegen solche Verleumdungen in Schutz zu nehmen, im übrigen aber schweigt, duldet und betet: eine solche Person predigt keine bequeme Sittenlehre.

   Die angeschuldigten Sätze in den Schippacher Schriften werden von Äußerungen anderer Begnadigten weit übertroffen, z. B. von Benigna Consolata Ferrero: ,,Die Vereinigung des Herzens mit dem Willen der Oberin ist für eine Klosterfrau der Freibrief für den Himmel.“ ,,Ich stelle die schönsten Meisterwerke aus jenen Seelen her, die ich aus dem tiefsten Elend und aus dem größten Schmutz herausgezogen habe.“ ,,Ein einziger Liebesakt macht tausend Gotteslästerungen wieder gut.“ Nach derselben Stimme verhält sich bei der Rettung der Seele die Tätigkeit des Menschen zu jener Gottes mathematisch genau wie 1 zu 399. Der heilige Ludwig Maria Grignion sagt in seinem Goldenen Buche: ,,Die Vereinigung einer Seele mit Maria ersetzt alle Mängel und Fehler .“

Auch der weitere Vorwurf, daß man ,,ohne die kirchliche Schlüsselgewalt in Anspruch zu nehmen, Befreiung von Fehlern, Unvollkommenheiten und Mängeln“ erhalten könne, würde, wenn er berechtigt wäre, ebenso andere anerkannte Begnadigte treffen, z. B. die heilige Gemma Galgani, die einmal ohne die kirchliche Schlüsselgewalt in einer Vision die Nachlassung ihrer Sünden erhielt: ,,Ich befand mich vor meiner himmlischen Mutter, zu ihrer Rechten stand mein Schutzengel; dieser befahl mir, den Akt der Reue zu beten. Nachdem ich dies getan, richtete die himmlische Mutter folgende Worte an mich: Tochter, im Namen Jesu seien dir alle deinen Sünden erlassen.“ Auch die kirchlichen Obern haben in den mitgeteilten Äußerungen keinen Verstoß gegen Glaube und Sitte erblickt, da sie sonst dem Abendgebet, in welchem Barbaras Gegner im Jahre 1916 die angeblich bequeme Sittenlehre und die Missachtung der kirchlichen Schlüsselgewalt gefunden haben wollten, gewiss die kirchliche Approbation und das Imprimatur verweigert hätten. Oder waren die bischöflichen Ordinariate, Zensoren, Generalvikare und Bischöfe von Roermond, Trient, Salerno, München, Temesvar, Fünfkirchen, Augsburg, Hertogenbosch, Köln, Münster, Aachen, Metz, Lüttich, Salzburg, also aus fünf sprachverschiedenen europäischen Ländern, welche in den Jahren 1909, 1914, 1915, 1916, 1919, 1933, 1934, 1941, 1942, 1956 jenem Gebet die Druckerlaubnis erteilten, wirklich alle in der Theologie unwissend und nur die deutschen Zeitungstheologen in der kirchlichen Lehre bewandert?

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c) Sei satanisch

Schließlich hat man seinerzeit auch die Berichte von Vexationen durch den Teufel gegen sie ausgespielt und ihr inneres Leben als satanisches Blendwerk hingestellt. Die vom Teufel besessene ,,feuerspeiende Hexe von Schippach“ wurde zum beliebten Schlagwort der Prediger und der katholischen Presse.

Versuche des Bösen, das mystische Leben der Heiligen auf alle mögliche Weise in Misskredit zu bringen, spielen bekanntlich in den Lebensbeschreibungen mystischer und heiliger Personen eine große Rolle. Nun wird man gewiss an diese Berichte die Sonde einer wissenschaftlichen Kritik anlegen müssen und nicht alle dort erzählten Spukgeschichten als bare Münze hinnehmen; aber, so meint Fischer mit Recht, es ist im Interesse des wahren Wohles der Gläubigen und der Ehre der Kirche dringend zu wünschen, daß der Theologe nicht aus Menschenfurcht den wirklichen Tatsachen im Leben der Heiligen aus dem Wege gehe. Wenn der Satan es schon gewagt hat, sich an den göttlichen Heiland selber heranzumachen, um wieviel mehr wird man auch manchen Berichten über satanische Verführungskünste in den Lebensbeschreibungen der Heiligen Glauben schenken dürfen!

   Der heilige Pfarrer Johann Baptist Vianney von Ars hatte 35 Jahre lang mit den Plackereien des Satans zu kämpfen; man lese einmal das elfte Kapitel seiner Biographie von Trochu, das die Überschrift trägt: Der Pfarrer von Ars und der Teufel, und man wird an der Tatsächlichkeit solcher dämonischen Vexationen wohl nicht mehr Zweifel hegen wollen. Anna Katharina Emmerich litt gar sehr unter den Angriffen des Bösen, Nicolaus von der Flüe, Josef a Cupertino, Gemma Galgani, Klara Moes, Paschalis Baylon, Philipp Jeningen, Columba von Riete, Marina von Escobar, Theresia von Avila, Theresia von Lisieux, Pater Pio und andere standen jahrelang im Kampf mit den Mächten der Finsternis.

Das große Werk von Lourdes suchte Satan schon bei der vierten Erscheinung zu stören. Nicht nur körperliche Vexationen, noch viel mehr seelische Qualen waren es, die der Dämon den Begnadigten bereitete, Qualen, die mitunter so weit gingen, daß sie selbst die moralische Verantwortlichkeit und die Freiheit des Willens für gewisse Zeiten und Handlungen aufhoben. Der Satan brachte es auch zuwege, daß manchmal Äußerungen und andere Vorkommnisse in die Öffentlichkeit gelangten, wo sie dann gegen die betreffenden Personen und ihre Frömmigkeit einseitig ausgebeutet wurden: Gotteslästerungen, Selbstmordgedanken, Eigenarten und die sonderbarsten Merkwürdigkeiten, Trivialitäten der bedenklichsten Art in dem Leben der Begnadigten tragen deutlich die Spuren dämonischer Einwirkung; selbst Irrewerden am eigenen mystischen Leben finden wir als Folge satanischen Einflusses. Man vergleiche nur die zahlreichen Beispiele aus der hagiographischen Literatur. Die heilige Theresia und der Theologe Poulain nennen solche Tatsachen Selbstverständlichkeiten im Leben mystisch begnadigter Personen.

Nun berichten uns die Schippacher Schriften ebenfalls von den Angriffen des Bösen gegen die Schippacher Jungfrau. Könnte nicht diese Tatsache auch manche Entgleisung erklären, die sich dort findet? Wäre es so ganz abwegig, gewisse Absonderlichkeiten und Trivialitäten im Ausdruck, Einmischungen in weltliche Dinge etc. auf das Konto satanischen Zerstörungswillens zu setzen? Daß aber die großen Gedanken und Werke von Schippach über Kirche, Priestertum, Opfer, Sühne, Leiden, Buße, Heilige Eucharistie, die in vollem Umfang eingetretenen Prophezeiungen u. a. kein satanisches Blendwerk waren, dürfte keines Beweises mehr bedürfen; denn, wie Poulain sagt, ,,sind Offenbarungen, die vom Teufel ausgehen, immer darauf bedacht, Gutes zu hindern und Böses zu stiften.“ Wenn diese Worte und Werke Schöpfungen des Teufels sind, dann müsste man ihm, um mit Bischof Räß zu sprechen, unbedingt ein Dummheitszeugnis ausstellen.

Es erschien notwendig, den Einwänden gegen die Schippacher Vorgänge, im besonderen den Beanstandungen der Schippacher Glaubenslehre, etwas nachzugehen, nachdem ihre Urheberin bekanntlich gerade hinsichtlich ihres Verhältnisses zu Glauben und Kirche den gröbsten Verdächtigungen ausgesetzt worden war. Hat man sich doch im Jahre 1916 nicht gescheut, gegen sie den Vorwurf der Sektiererei zu erheben. Sie habe sich mit ihren Äußerungen über Kirche und Priestertum ,,von der katholischen Kirche getrennt“ und sei daran, ,,eine häretische ecclesiola“ zu gründen; sie wolle ,,die kirchliche Hierarchie sprengen“; die Sakramentskirche in Schippach solle ,,die Mutterkirche einer Sekte“ werden. Deshalb müsse man mit Hilfe der Polizei gegen sie einschreiten - was dann auch geschah.

Nun haben wir in den früheren Kapiteln viele Äußerungen der Jungfrau über Glauben, Kirche und Priestertum vernommen und haben auch gerade die schwersten Anschuldigungen restlos zurückweisen können. Wir glauben deshalb zuversichtlich, es werde kein objektiver Leser den Eindruck gewonnen haben, diese Jungfrau habe Sektiererei treiben wollen. Es müsste wohl den Gipfelpunkt der Dummheit darstellen, mit solchen Worten und Werken, wie sie die Jungfrau von Schippach gesprochen und gewirkt hat, die kirchliche Hierarchie sprengen zu wollen. So sprechen und handeln keine Häretiker und Sektierer, so können nur Menschen sprechen, die von glühender Liebe zu unserer heiligen Kirche erfüllt sind. Einer Person, die solch warme Worte für Kirche, Liturgie und Priester findet wie Barbara Weigand, einer Person, die in bewundernswerter Uneigennützigkeit Werke von dauerndem Werte, wie die Gründung einer katholischen Pfarrei, geschaffen hat, einer Person, die in ihrem ganzen langen Leben eine so treue Tochter ihrer Kirche geblieben ist trotz der schwersten Prüfungen gerade von kirchlicher Seite - nach der Meinung von Geistesmännern ist dies als ein Zeichen der Heiligkeit zu werten, einer solchen Person kann man nicht den Vorwurf machen, sie betreibe Sektiererei. Zu einem solch schweren Vorwurf hätte es wahrlich eines anderen Materials bedurft.

Wohl kein Vorwurf bereitete der frommen Schippacher Jungfrau solchen Schmerz als die Anschuldigung auf Häresie und Sektenbildung. Die Opferseele von Schippach konnte vieles ertragen und zu vielem schweigen - allein dieser Vorwurf verwundete sie bis in die Tiefen ihrer Seele und riss in ihr die stärkste Reaktion hervor. Man braucht nur ihre Briefe aus jener Zeit zu lesen und man fühlt unwillkürlich, wie schwer die Greisin von dem beschimpfenden Vorwurf der Sektiererei getroffen wurde. Darum legte sie in ihrem Schreiben an den Heiligen Vater am 1. März 1918 gerade gegen diese Anschuldigung feierlich Verwahrung ein:

  ,,Die Unterzeichnete erklärt, daß sie ihre Worte niemals in dem häretischen oder sonstwie glaubenswidrigen Sinne ausgesprochen hat, welchen Dr. Brander (Berater des Ordinariates Würzburg) in diese Worte hineinzulegen sich bemüht.“

Angesichts dieses betrübenden Vorganges, mit dem man eine brave, fromme, treukirchliche, heiligmäßige Person um ihre Ehre bringen und eine im Bau begriffene schöne Kirche in Trümmern schlagen konnte, dürfte die Erinnerung an ein Wort des toleranten, gerade bei uns in Bayern hochgeschätzten Bischofs Sailer von Regensburg am Platz sein, das sein Biograph zitiert: ,,Man sollte vierzig Tage in Asche, Fasten und Tränengebeten vor Gott zubringen, ehe man wider seinen Bruder das Urteil der Heterodoxie ausspräche.“

Sellmair, der dieses Wort mit Beifall erwähnt, ergänzt es mit der treffenden Bemerkung: ,,Leute, die selber keine innere Freiheit ertragen können, neigen um so leichter zur Ketzerriecherei.“ Ja, die rabies theologorum hat schon mehr als einen treukatholischen Menschen zur Strecke gebracht. Dieser Sorte von Ketzerriechern schreibt P. Cohausz S. J. die ernsten Worte ins Stammbuch, die haarscharf auf die Gegner Schippachs zutreffen:

,,Nirgendwo wird hie und da mit der Wahrheit leichtfertiger umgegangen als bei dem Gegner im eigenen Lager ... Man hat nicht mehr den ,,richtigen Geist“, man wird eine ,,Gefahr für die Kirche“, man muß unschädlich gemacht und an den Pranger gestellt werden. Zu dem Zweck beginnen alsdann Beobachtungen und Untersuchungen. Man begibt sich auf die Jagd nach ,,verdächtigen Symptomen.“ Mit fieberhafter Erregung verfolgt man des Betreffenden Reden, studiert man seine Schriften, horcht man andere über seine Ansichten aus. Allem, was für ihn spricht, verschließt man die Augen, allem, was gegen ihn ist, öffnet man sie weit, und richtig: bald hat man, was man wollte: der Irrlehrer ist entdeckt. Das Bild ist fertig. Daß es ein Zerrbild ist, sieht man nicht oder man will es nicht sehen. Der vermeintliche Gegner muß fallen, dazu ist ja alles erlaubt ... Wieviel Unheil hat der religiöse Fanatismus doch nicht von jeher angerichtet!“

Wir haben diesen Worten nichts hinzuzufügen.

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8. Sonstige Beanstandungen

a) Dauer und Regelmäßigkeit der Ekstasen

Man hat an den Ekstasen der Barbara Weigand beanstandet, daß sie zu lange gedauert hätten; stundenlange Ekstasen seien ganz offenbar falsche Ekstasen.

Barbara Weigands Ekstasen dauerten zwischen anderthalb bis drei Stunden, wovon jedoch etwa eine Stunde auf das der eigentlichen Ekstase vorangehende Passionsleiden entfiel. Steht diese Dauer mit der Erfahrung in anderen Fällen in Widerspruch? Da lese ich von Maria von Mörl: ,,Maria sah und hörte nichts, sie schwebte schon seit sechs Uhr abends über ihrem Bette (volle dreizehn Stunden), mit der Vorbereitung auf die heilige Kommunion beschäftigt.“

Poulain bezeichnet Ekstasen von weniger als einer halben Stunde als Ausnahmen. Er schreibt wörtlich: ,,In dem Leben der Heiligen findet man eine große Anzahl Ekstasen, die mehrere Stunden gedauert haben“ und berichtet dann von Ekstasen, die selbst tagelang währten, so vom heiligen Thomas von Villanova, der zwölf Stunden, von der heiligen Angela von Foligno, Katharina von Siena, Klara von Montefalco, die drei Tage, von der seligen Columba von Riete, die fünf Tage, von Marina von Escobar, die sechs Tage, vom heiligen Ignatius, der acht Tage, von der heiligen Coletta, die fünfzehn Tage, von der heiligen Magdalena von Pazzi, die vierzig Tage, in Ekstase zugebracht hätten. Also wird man auch Barbara Weigands zwei- bis dreistündige Ekstasen als nicht zu lange bezeichnen dürfen.

Auch die Periodizität der Weigandschen Ekstasen hat genügend Seitenstücke in der Geschichte der Mystik. So wiederholten sich z. B. die Leidensekstasen der heiligen Katharina von Ricci regelmäßig zwölf Jahre lang von Donnerstag Mittag bis Freitag Nachmittag, sechszehn Uhr.

Die Kritiker, welche an dem regelmäßigen Auftreten des Passionsleidens der Schippacher Jungfrau an den Freitagen der Advents- und Fastenzeit Anstoß nahmen, wussten zwischen diesen Passionsekstasen und den sonstigen visionären Zuständen der Jungfrau, die sich schon lange vor 1892 und wieder lange nach 1900, und zwar nicht periodisch einstellten, nicht zu unterscheiden, weil sie es nicht der Mühe für wert hielten, das mystische Leben der Jungfrau zu studieren.

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b) Heiland sei ungehorsam Gehorsam

Wir haben schon früher aus einem Brief des Metzer Psychiaters Dr. Witry seine Verwunderung über das Verhalten der katholischen Theologieprofessoren im Falle der Therese Neumann von Konnersreuth vernommen, wo er schreibt: ,,Die katholischen Theologieprofessoren spielen sich als Vormundschaft Gottes auf, so daß man kopfschüttelnd davongeht.“

Von dieser sonderbaren Auffassung, als ob der Geist Gottes nur zu wehen habe, wann es den Theologen passe, haben wir auch im Falle Schippach schon mehrfache Beweise kennengelernt, z. B. dort, wo der Würzburger Prüfungskommissär am 26. Februar 1916 der Jungfrau den Rat erteilte, ,,unbedingt jede weitere ekstatische Tätigkeit aufzugeben“, oder wo das von ihm inspirierte Ordinariat am 24. Februar 1916 die Jungfrau verpflichtete, sich vom Heiland nichts mehr sagen zu lassen.

Noch grotesker waren am 10. August 1900 die Prüfungskommissäre in Mainz mit Barbara Weigand umgegangen. Als nämlich am genannten Tage Barbara während ihrer Prüfung im Elisabethenkrankenhaus in Ekstase geriet und in der gewohnten Weise redete, suchten die beiden Priester P. Bonifaz O.Cap. und Dr. Hubert dieses Reden in jeder Weise zu stören. ,,Sie verfuhren mit dem Geiste auf die unhöflichste Weise, sie fielen ihm in die Rede, sie spotteten ihn aus und sagten: ,,Es ist alles nicht wahr, was du sagst, so braucht man nicht zu leben, schweig still! Der Geist ließ sich jedoch davon nicht einschüchtern. Wiewohl der Weltpriester viele Fragen stellte, fuhr er ruhig fort in der Rede, wie wenn nichts wäre. Nur wenn der Beichtvater sprach, gehorchte er auf der Stelle und war ruhig, er fing aber wieder an.“

Diese Darstellung in den Schippacher Dokumenten erhält ihre Bestätigung durch die Worte des Prüfungskommissärs P. Bonifaz O.Cap. sogleich nach Beendigung der Untersuchung. Wie nämlich sein Ordensgenosse P. Ludwig in seinem Bericht vom 4. August 1902 an das Ordinariat Mainz erwähnt, rühmte sich ihm gegenüber P. Bonifaz wie folgt: ,,Jetzt haben wir es klar heraus! Wenn es der Heiland gewesen wäre, so hätte er dreinschlagen müssen! Wir haben es ihm schön gemacht! Wir haben ihn schrecklich behandelt! Wenn er es wäre, hätte er sich das nicht gefallen lassen dürfen! Der Heiland hätte es unserem Bischof zeigen müssen, er wäre verpflichtet dazu gewesen!“

Wirklich? Der Gottessohn in der Krippe hat sich auch viel gefallen lassen, und erst der Heiland am Ölberg, an der Geißelsäule, bei der Dornenkrönung, auf dem Kreuzweg, am Kreuze. Was lässt sich der gute Heiland auf den Altären, in den Tabernakeln, an der Kommunionbank nicht alles ,,gefallen“! Müsste er da nicht auch manchmal ,,dreinschlagen“? ,,Müssen“? Ich meine, das Dreinschlagen wäre allein Gottes Sache; wir Menschen haben ihm nichts dreinzureden und ihm keine Vorschriften zu machen, was er sich alles gefallen lassen dürfe, oder ob und wann er dreinzuschlagen habe. Ja, der liebe, nur allzu gute und langmütige Gott hat sich allerdings viel gefallen lassen, aber er hat inzwischen gezeigt, daß er auch dreinschlagen kann, auch in Mainz und in Würzburg.

Und das Wunderwirken! Dazu hat schon die Heilige Schrift die Antwort gegeben: ,,Herodes freute sich sehr als er Jesus sah; denn schon lange hatte er gewünscht, ihn zu sehen, weil er viel über ihn gehört hatte, und er hoffte, eine Wundertat von ihm zu sehen. So stellte er denn viele Fragen an ihn; Jesus aber gab ihm keine Antwort ... Da verhöhnte ihn Herodes mit seinem Gefolge.“

Hierzu bemerkt ein geistlicher Lehrer: ,,Gott wirkt seine Wunder, wenn es ihm gefällt, niemals aber, wenn und weil die Menschen es wollen. Wunder ließ er sich in seinem sterblichen Leben nicht abnötigen, auch nicht von weltlichen und geistlichen Behörden. Auch Herodes war Christi Obrigkeit, auch dann, wenn es galt, das größte Verbrechen zu verhindern.“ Poulain, unsere bewährte Autorität in mystischen Fragen, äußert sich zu diesem Gegenstand, daß der Obere nicht leichtfertig, aus Neugierde oder Eitelkeit, einer in der Ekstase entrückten Person Befehle geben dürfe, da er ja Gott befehle; auch ,,hat der Obere kein Recht auf Gehorsam, wenn er Wunder befiehlt.“ ,,Es schickt sich nicht, Gott gleichsam ausfragen zu wollen.“

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c) Hannappel ,,Mache die Sache“

Diese Behauptung verrät die ganze Unkenntnis, welche die Gegner Schippachs seinerzeit an den Tag legten. Für diese beginnt nämlich Barbara Weigand erst zu existieren, seitdem Aufzeichnungen von ihr vorliegen, d. i. seit dem Jahre 1894/95. Davon, daß die Jungfrau damals schon fünfzig Jahre zählte, von denen sie bereits fünfundzwanzig in außergewöhnlichen Zuständen gelebt hatte, wussten sie so gut wie nichts. Barbara Weigand lebte, wie uns die ersten Kapitel dieses Buches gezeigt haben, schon lange vor dem Jahre 1895, in welchem Luise Hannappel zu ihr kam, in jenen Zuständen, die ihr mystisches Leben kennzeichnen, und sie besaß nach meinen Beobachtungen die Gnade der Gottvereinigung auch nach dem Jahre 1923, dem Todesjahr von Luise Hannappel. Als sich diese im Jahre 1895 an Barbara anschloß, hatte diese auch schon über drei Jahre ihr Passionsleiden, so daß es Luise Hannappel, die übrigens auch später durchaus nicht immer an Barbaras Seite war, ganz gewiss nicht ,,gemacht“ haben konnte.

Ganz unzutreffend ist demnach die Darstellung von Profesor Krebs über den Werdegang Schippachs:

,,Ein einfaches Bauernmädchen übt frühzeitig den täglichen Empfang der heiligen Kommunion, lange bevor Pius X. darüber seine Mahnschreiben und Dekrete ergehen lässt. Allmählich beginnt das Mädchen, Barbara Weigand aus Schippach im Odenwald (?), laute Gespräche mit dem Heiland zu führen. Eine Freundin schreibt stenographisch nach, was die Visionärin als Heilandsworte referiert; es bildet sich ein regelrechter Visions- und Offenbarungsbetrieb; eine dritte Freundin schließt sich an.“

Das also ist nach Professor Krebs Schippach und Barbara Weigand. Was der Freiburger Professor hier erzählt, hat sich vielleicht irgendwo im Odenwald oder Schwarzwald zugetragen, aber vom Leben der Barbara Weigand aus Schippach im Spessart berichtet nur der erste Satz etwas Wahres. Die langen inhaltsschweren 27 Jahre von 1870 bis 1897 tut Krebs sodann mit dem einen Wort ,,allmählich“ ab, von dem ganz außerordentlichen Gebets- und Opferleben der Jungfrau in dieser Zeit, von den offensichtlichen Berührungen der Gnade in diesen Jahren weiß er nichts zu berichten, ...weil in den drei Heftchen, die er in Händen hatte, nichts davon enthalten war.

Und war das Verlangen dieses einfachen Bauernmädchens nach dem täglichen Empfang der heiligen Kommunion zu einer Zeit, als noch von allen Kanzeln und Kathedern dieses Verlangen als unzulässig bezeichnet wurde, nicht geradezu epochemachend? In der Tat: das einfache Bauernmädchen von Schippach ist schon lange vor dem Erscheinen der Kommuniondekrete in den Bahnen des heiligen eucharistischen Papstes Pius X. gewandelt, wie auch der Vatikanische Rundfunk von Barbara Weigand rühmend hervorgehoben hat; dieses Bauernmädchen hatte schon Jahre lang ein eucharistisches Leben geführt, als ihre späteren Gegner noch gar nicht auf der Welt waren.

Nach dem obigen Berichte wäre Luise Hannappel früher als Elisabeth Feile zu Barbara gekommen und hätte die Offenbarungen mitstenographiert, während das gerade Gegenteil wahr ist: Feile kam 1893/94, Hannappel erst 1895 zu Barbara; ihre stenographischen Aufzeichnungen begannen erst Ende des Jahre 1897.

Wir sehen: auch die historischen Aufstellungen von Professor Krebs können ebensowenig wie seine theologischen der Wahrheit im Falle Schippach standhalten.

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d) Übertreibungen und Unziemlichkeiten

Die Mystik der Schippacher Jungfrau soll unecht sein, weil sich in ihren Offenbarungen Übertreibungen fänden; so sagten die Gegner. Weil da Barbara Weigand sagte: ,,Noch nie war der Glaube so geschwunden seit Erschaffung der Welt“ oder: ,,Die Zeiten sind schlimmer, als alle Menschen sich denken können“ oder: ,,Noch in keinem Jahrhundert hat es so viele Heilige gegeben, wie es in diesem Jahrhundert geben soll“ oder: ,,Noch nie hat das Feuer der Gottesliebe so hoch aufgelodert ... als wie jetzt; weil Barbara Weigand so spreche, deswegen soll sie anormal und ihre Mystik unecht gewesen sein! ,,Wer so übertreibt“, meinte einer ihrer Gegner im Anschluss an die Wiedergabe der obigen Sätze, ,, hat das Recht verwirkt, für normal genommen zu werden.“

Nun, ich meine, wenn man die Sprecherin der obigen Worte deswegen für anormal erklären wollte, dann müsste man dieses Verdikt auch auf sehr viele Prediger und auch auf die Verfasser von Hirtenbriefen aus der jüngsten Zeit ausdehnen; dann hat auch die Muttergottes in Fatima ,,übertrieben“, als sie sprach: ,,Bedenket, so viele Seelen gehen zur Hölle, weil niemand ist, der für sie betet und opfert“; dann ,,übertreibt“ auch das offizielle Gebetbuch der Diözese Würzburg, wenn es dort auf Seite 507 heißt, Jesus empfange ,,von den meisten nur Undank durch Unehrerbietigkeit, Kaltsinn, Verachtung, ja selbst durch unwürdige Kommunionen.“

Daß zudem die Äußerung über die vielen Heiligen keine Übertreibung darstellt, haben wir schon oben eingehend begründet, und die anderen Wendungen braucht man ja nicht gerade im strengsten Wortsinn zu nehmen, da offenbar nur die betreffende Seite etwas kräftiger hervorgehoben werden sollte, daß sich schließlich bei allen Menschen, auch bei den Gegnern Schippachs, Übertreibungen finden, dürfte hinreichend bekannt sein. Auch die Schriften der Mystiker sind nicht frei von Übertreibungen, die, wörtlich zu nehmen, keinem vernünftigen Menschen einfallen wird.

Aber, so lautet eine andere Anklage: Barbara Weigand gibt Auskünfte in rein weltlichen und unbedeutenden Dingen; die sind doch ganz gewiss unecht. Nun, wenn unsere Gottesfreundin wirklich solche Auskünfte gegeben hätte: wäre das etwas Schlechtes gewesen? Gibt es nicht ähnliche Fälle zur Genüge bei anerkannten Mystikern, und selbst in der Heiligen Schrift? Der heilige Pfarrer von Ars wurde des öftern um Auskünfte in irdischen Dingen angegangen und erteilte sie stets bereitwillig. Aber schließlich glaube auch ich, daß sich die Jungfrau Barbara mit jenen Auskünften auf ein Gebiet begab, das außerhalb ihrer Aufgabe lag und infolgedessen auf Irrtumslosigkeit keinen Anspruch erheben konnte. Vielleich wäre ihr der Aufenthalt in einem Kloster, eine strenge Aufsicht und sachkundige Seelenleitung nur von Vorteil gewesen und hätte jene Dinge ungestört und normal sich entwickeln lassen, die ihr in der Welt einer gewissen Experimentiersucht ausgesetzt wurden, so daß sie, von mancherlei versuchenden Einwirkungen umgarnt, in Ausartungen geraten konnten.

Mit solchen Inkonvenienzien stehen übrigens die Schippacher Schriften in der mystischen Literatur keineswegs vereinzelt, wie die folgende kleine Blütenlese ersehen lässt. Dabei halte man sich vor Augen, daß die folgenden Zitate aus approbierten und purgierten Texten stammen, die sämtlich das kirchliche Imprimatur tragen. Die genaue Zitaten-Quellenangabe enthält des Verfassers Schrift: ,,Denkschrift über Barbara Weigand“ S. 308 f.

Zur Schwester Maria von Droste-Vischering spricht der Herr: ,,Von nun an betrachte dich als Null.“ Ein andermal fordert der Heiland von ihr, sie solle werden, ,,wie eine Seifenblase, die in der Luft schwebt.“ Wieder meint Jesus, eine Bitte der Schwester sei ,,liebe Musik in seinen Ohren.“ Die heilige Galgani spricht: ,,Jesus ist der Mann der Schmerzen, ich will die Tochter der Schmerzen sein.“ Margarete Maria Alacoque hört also die Stimme des himmlischen Bräutigams: ,,Ich will, daß du jetzt der Spielball meiner Liebe seiest, die mit dir spielen will nach ihrem Wohlgefallen.“ Oder: ,,Strahlt die Sonne der Gerechtigkeit auf sie (sc. ungehorsame Ordensleute) hernieder, so bringt sie in ihnen dieselbe Wirkung hervor wie die Sonne, wenn sie auf Kot scheint.“ Zur Schwester von der Geburt spricht der Heiland: ,,Wie sich der böse Feind zum Sturze der Seele geheimer Schleichwege und Minen, und wie sich die Welt solcher Grundsätze und Kniffe bedient, so suche auch ich auf verborgenen Wegen die Seelen.“

Die Schwester Benigna Consolata Ferreo bedenkt der Heiland gerne mit Kosenamen wie ,,Nigna“, ,,kleine Sekretärin“, ,,mein Benjamin“, ihr Kloster nennt er ,,das Taubennest“, die Begnadigte nennt sich selbst, ,,einen mit etwas Erde überdeckten Düngerhaufen.“ ,,Der Heilige Geist vollbringt für die Heiligung der Seele ...“ die geistlich gesinnten Seelen werden mit Bienen, die anderen mit Mücken verglichen; bald redet der Heiland von einem ,,Thermometer der Liebe“, bald vergleicht er die Ordensregel mit einer ,,Henkersarbeit“: ,,Die Regel geißelt dich, krönt dich mit Dornen und schlägt dich ans Kreuz.“

Geradezu ,,widerlich-süß, sentimental-romanhaft“, um ein Wort eines Schippachgegners zu gebrauchen, nimmt sich die folgende Allocution des Heilandes an die Schwester aus: ,,Meine Braut, ich liebe dich. Lies dieses Wort: ,,Ich liebe dich“ auf dem Brot, das du isst, auf dem Wasser, das du trinkst, auf dem Bett, in dem du schläfst.“ Die gottgeweihte Seele ist bald eine ,,konsekrierte Hostie“, bald ein Schwamm, der mit Wasser getränkt ist“, bald ,,eine Leinwand“, bald ,,ein Lumpen“; eine ,,innerliche Seele verlässt die Betrachtung ganz mit Himmelsduft erfüllt wie jemand, der einige Zeit in einer mit Wohlgerüchen gesättigten Luft zugebracht hat; doch wenn er sich nicht reichlich mit wohlriechenden Essenzen besprengt, verflüchtigt sich alles bald wieder. Kauft er dagegen Riechfläschchen, so besprengt er sich immer wieder mit Wohlgerüchen und verbreitet ohne Unterlass den Wohlduft. Ebenso geschieht es mit der Seele: wenn sie sich damit begnügt, Süßigkeiten zu kosten und schöne Gefühle zu haben, wird ihr Wohlduft bald verflüchtet sein; aber wenn sie kräftige Vorsätze fasst, wird sich der Wohlgeruch erhalten und sie wird den Duft verbreiten. Und mit welchem Geldstück kauft man sich das Wohlduftfläschchen?“

Ein andermal sagt der Herr: ,,Wenn du von der Demut lebst und sie atmest, wirst du von meiner Liebe und von meinen Gunsterweisen mehr verfolgt werden als ein Dieb von der Polizei.“ Wenig dezent im Munde des Heilandes nehmen sich auch die folgenden Worte aus: ,,Meine Braut, du mußt dich wie einen Lumpen betrachten, aber nicht wie einen sauberen, auf den man noch etwas gibt, weil er zum Abwischen dient, sondern wie einen ganz schmutzigen Fetzen, der Abscheu erregt, sobald man ihn sieht, und den man nicht einmal mit den Fingerspitzen berühren mag, sondern mit dem Fuß fortstößst.“ ,,Nigna, bereite mir den Trost und gib mir deine Armseligkeit. Ich will mit dir handeln wie ein Lumpensammler, der die Lumpen kauft. Wenn du mir deine Armseligkeiten gibst, bezahle ich sie dir, o meine Benigna, gib mir diese Lumpen, mit denen du nichts anzufangen weißt. Nenne mich, wie es dir gefällt, entweder Lumpensammler der Liebe oder der Barmherzigkeit, beide Titel gefallen mir.“

Katharina Emmerich und die heilige Magdalena von Pazzi kletterten in ihren Ekstasen ohne Leiter die Säulen in der Kirche hinauf. Der heilige Nikolaus hielt schon als Säugling wöchentlich einen Fasttag. Die heilige Margarete Maria Alacoque geriet einmal, während sie zwei Esel hütete, in Ekstase; da rief ihr der Heiland zu: ,,Lass sie laufen!“ Von derselben Heiligen verlangte der Heiland, daß sie ihm schriftlich ihr Testament vermache, gab genaue Anweisungen für den Notar und setzte die Vergütung für ihn fest. Sie ritzte sich den Namen ,,Jesus“ auf ihre Brust und erneuerte sich die Zeichen mit einer brennenden Kerze, so daß sich die Stellen entzündeten und die Oberin für Heilung sorgen wollte. Das führte zu einem Wortwechsel der Schwester mit dem Heiland, der ihr zur Strafe den Namen wieder von der Brust wegnahm.

Die heilige Gemma Galgani konnte nicht schlafen, wenn sie nicht das Bild des heiligen Gabriel Possenti unter dem Kopfkissen hatte. Gemma hatte ein solches Verlangen nach Leiden, daß sie sich den Strick vom Ziehbrunnen um den Leib band. Einmal bat sie ihren Beichtvater: ,,Darf ich Jesus bitten, an der Lungenschwindsucht zu sterben?“ Einmal ging der Satan auf Gemma los, nahm sie bei den Haaren und riss ihr einige Büschel aus.

Soll ich weiter erzählen von den Kuriositäten des seligen Heinrich Seuse, eines Johannes a Jesu Maria, Petrus Claver, Stanislaus Kostka, Thomas a Jesu, Johannes von Gott, Philippus Neri, Camillus von Lellis, Josef a Cupertino, Vinzenz Palotti, einer Euphenia Doser, Franziska Romana, Katharina von Bologna, Katharina von Genua, Anna Maria Taigi, Marina von Escobar, Kreszentia von Kaufbeuren, Lidwina von Schiedam, Rita von Cascia, Magdalena von Pazzi, Cherubina Clara, Johanna Maria vom Kreuz? Ich denke: es ist nicht mehr nötig. Die unpassenden Ausdrücke in den Schippacher Schriften - wenn sie überhaupt von Barbara Weigand stammen - sind viel harmloser als die oben vermerkten Absonderlichkeiten, die auch der Kanonisation ihrer Urheber nicht im Wege standen und in öffentlichen Büchern mit kirchlicher Druckerlaubnis publiziert werden dürfen.

Als in den Jahren 1914 bis 1920 die Presse gegen die Erbauung der Sakramentskirche in Schippach zu Felde zog, stürtzten sich die Gegner mit Vorliebe auf Eigentümlichkeiten in den Schippacher Schriften, auf unpassende, alltägliche Wendungen, unvollendete Sätze, Schreib- und Dialektfehler, auf die Merkwürdigkeiten in der Kleidung der Jungfrau Weigand bei ihren Bußgängen, auf Antworten in Dingen des täglichen Lebens, lösten solche Sätze sorgfältig von ihrem Zusammenhang, stellten sie recht aufdringlich nebeneinander, hoben gewisse Worte durch Sperr- und Fettdruck besonders hervor, gaben die entsprechenden Randbemerkungen dazu und setzten die so zurechtfrisierten ,,Stichproben aus den Schippacher Offenbarungen“ als ,,wahren Sachverhalt“ in den Tageszeitungen dem Publikum in der bestimmten Absicht vor, sie dadurch der Lächerlichkeit preiszugeben. Dieser Zweck wurde so gut wie völlig erreicht.

Eine solche ,,Stichproben“-Methode erinnert an ein zutreffendes Wort Nicolays in seinem Buche ,,Unartige Kinder“, wo er schreibt: ,,Es gibt Leute, die sehen in der Sonne eher die Flecken als die blendenden Strahlen, bei dem Apollo von Antium eher die Ausbesserung der Hände als das Werk selbst: bei Cicero bemerken sie nur die Warze, bei den Gemälden von Michelangelo bloß die Feuchtigkeitsspuren, bei den Obelisken die Beschädigung des Sockels.“

Die Richtigkeit dieses Wortes konnten wir auch an der Behandlung der Schippacher Schriften und ihrer Urheberin erkennen. In diesen Schriften, die nachweislich vielen Menschen aus allen Ständen und Berufen eine Quelle der Erbauung wurden, sahen andere wegen einiger im Vergleich zum Ganzen recht unbedeutender Mängel verabscheuungswürdige Bücher, die ehestens mit Stumpf und Stiel zu vernichten seien. Diese Gegner klammerten sich an etliche unpassende Worte, an gewisse darin empfohlene, ihnen aber nicht zusagende religiöse Übungen, an einige auf das Konto menschlicher Schwachheit oder satanischer Einwirkung zu setzende Entgleisungen, wollten ein ganzes Gewimmel von Glaubensirrtümern darin sehen, die jedoch in Wirklichkeit gar nicht vorhanden waren, und übersahen völlig das viele Gute, das die Schippacher Schriften haushoch über viele Druckerzeugnisse, besonders auch über die Tagespresse, emporhob.

Was würde man denn dazu sagen, wenn jemand auf Grund der Disziplinarakten eines Ordinariates eine Geschichte des Klerus dieser Diözese oder auf Grund der Strafgerichtsakten die Geschichte des deutschen Volkes schreiben würde? Ein solches Geschichts- oder Sittenbild wäre dasselbe, was die ,,Stichproben aus den Schippacher Offenbarungen“ oder die ,,Enthüllungen über die Seherin von Schippach und ihr Werk“ gewesen sind. Man wird angesichts einer solchen Behandlung Schippachs nur zu leicht an das Schicksal erinnert, das erst in unseren Tagen den Schriften der gottseligen Katharina Emmerich widerfuhr. Wie hat man nicht diesen zugesetzt, ,,Irrtümer“ darin gefunden und schließlich die ,,Enthüllung“ gemacht, jene Offenbarungen stammten gar nicht von der Dülmener Seherin, sondern von ihrem Schreiber. Ganz richtig bemerkte mir hierzu einmal ein ausländischer Priester: ,,Mit einer solchen Methode bekommt ihr Deutsche niemals Heilige; ihr schlagt sie ja tot!“ Ja, diese Methode der Deutschen ist recht bedauerlich. Das hat auch Richstätter gefühlt, als er schrieb: ,,Das hindert durchaus nicht, daß der Geist der Salbung, der die Schriften der Dülmener Augustinerin durchweht, viel mehr übernatürliche Werte geschaffen hat und immer noch schafft, als manches gelehrte, mit wissenschaftlicher Genauigkeit geschriebene exegetische und aszetische Werk.“

Das ist derselbe pietätvolle Grundsatz, den Doblinger in der Besprechung des Aich´schen Buches ,,Christus in seinen Heiligen“ in die Worte kleidet: ,,Was nicht historische Wahrheit ist, kann doch wenigstens köstliche, sittliche Wahrheit sein.“ Von den Absonderlichkeiten der mittelalterlichen Mystiker aber hat schon Görres vor mehr als hundert Jahren die objektive Auffassung vertreten: ,,Wie vieles immer in diesen Gesichten aus der Persönlichkeit beigetragen: doch hat in ihnen eine Gotteskraft gewirkt“, und Linsenmanns Wort bleibt ebenso wahr: ,,Dem hohen und übernatürlichen Charakter der deutschen mittelalterlichen Mystik wird dadurch noch kein Abbruch getan, daß die Visionen frommer Personen oft genug die Merkmale des subjektiven menschlichen Glaubens und Verständnisses in sich tragen.“ Gegen das Bestreben aber, alles zu verwerfen, weil einiges nicht zu billigen ist, und alles zu diskreditieren, weil einiges falsch verstanden werden kann, hat schon Surin vor dreihundert Jahren seine warnende Stimme erhoben: ,,Man missversteht alles und glaubt, sogar Ketzereien in dem zu finden, was nur Heiligkeit und Wahrheit atmet. Nicht Unwissenheit in Glaubenssachen, sondern Voreingenommenheit lässt manches aus diesen Büchern herauslesen, war gar nicht in ihnen enthalten ist.“

Darum sollen Visionen und Offenbarungen, wie der Speyrer Domdekan Molz richtig bemerkt, ,,vorzüglich im Geiste der Andacht, nicht der Wissenschaft, betrachtet werden“, und eine italienische Stimme meint zutreffend: ,,Man muß sie mehr genießen als verstehen wollen.“

Möchte sich eine solche Betrachtungsweise endlich auch über Schippach
durchsetzen!

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VI. SCHIPPACH IM URTEIL VON

BISCHÖFEN UND PRIESTERN

Unter den Ratschlägen für die Prüfung mystischer Vorgänge und daraus hervorgehender Werke empfiehlt Poulain auch die Untersuchung der Frage: ,,Haben die Bischöfe, der Papst sich dafür ausgesprochen und das Werk gesegnet?“. Die Bejahung der Frage sei als ein gutes Kennzeichen der Echtheit anzusehen. Kein Zweifel: es gilt ja schon im bürgerlichen Leben als ein zuverlässiges Kriterium für die Qualitäten eines Menschen und die Güte eines Werkes, wenn sich hohe sittliche Instanzen mit ihrer Autorität dafür einsetzen oder wenn von sittlichem Bewusstsein getragene Männer, als welche gottlob gerade die Seelsorger gelten, ihr Zeugnis für Personen und Werke in die Waagschale legen. Beides aber trifft für Schippach in hohem Maße zu: Bischöfe und Priester haben sich wiederholt für Schippach eingesetzt und die dortigen Werke gefördert.


1. Urteile über Barbara Weigand

Priester haben sich mit der Jungfrau Barbara Weigand und ihren Werken jahrelang und ausgiebig befasst. In ungezählten Presseartikeln, in Fachzeitschriften und in dickleibigen Bänden ist von ihrer Person und ihren Werken geschrieben und der Öffentlichkeit ein Bild vorgeführt worden, das alles andere, nur keine geschichtliche Wahrheit ist. Das konnte aber gar nicht anders sein: das dort vorgetragene Bild mußte ein Zerrbild werden, da, wie authentisch feststeht, die aktivsten Gegner weder jemals eine Originalurkunde von Schippach in Händen noch auch die Schippacher Jungfrau jemals zu Gesicht bekommen hatten.

Aber ,,die Propaganda hat ihr tödliches Werk getan“. Es gab aber auch andere Priester, welche aus genauer Kenntnis dieser Person, die sie als Seelsorger, Beichtväter, Gewissensberater oder durch gründliches Aktenstudium gewonnen hatten, den Schippacher Vorgängen gegenübertraten und darum in der Lage waren, nicht nur das äußere Gehaben der Jungfrau mit scharfem Blick zu verfolgen, sondern auch in ihr Inneres zu schauen und die tiefsten Wurzeln ihres Wollens und selbstlosen Handels zu erkennen: diese Priester aber haben der Jungfrau Barbara Weigand und ihren Werken hohes Lob widerfahren lassen.

Einige dieser Stimmen mögen hier am Schlusse unserer Darstellung zu Worte kommen, Stimmen, die aus allen Perioden ihres langen Lebens genommen sind und sich somit zu einer lückenlosen Kette von Zeugnissen für das Vollkommenheitsstreben und den lauteren Charakter der Schippacher Jungfrau zusammenschließen; es sind Dokumente von Augen- und Ohrenzeugen.

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a) Über ihr Leben von 1845 - 1885

Schon über ihre Jugendzeit in Schippach besitzen wir glücklicherweise authentische Zeugnisse. Das Urteil des im Jahre 1849 dort geborenen und im Jahre 1938 dort verstorbenen Julius Bopp, dessen Haus unmittelbar an die Schippacher Kapelle stößt, kennen wir bereits; ihm ist seine Jugendgefährtin Babett die große Beterin schlechthin.

Ein anderer Landsmann der Jungfrau, Oberregierungsrat Josef Völker, dessen Elternhaus gegenüber jenem der Barbara Weigand stand, sechzehn Jahre jünger als diese, erzählte dem Verfasser dieser Schrift, wie er in seiner Jugend- und Studentenzeit sich immer an dem frommen Wesen des Nachbarmädchens erbaut habe; sie sei jederzeit und unbestritten eine einfache, schlichte, aufrichtige Person gewesen, deren Lauterkeit über allen Zweifel erhaben sei.

Ihr geistlicher Berater aus den Jahren 1873 bis 1885, Benefiziat Alois Alzheimer in Großwallstadt, stand bis zu seinem Tode im Jahre 1902 in Briefwechsel mit seiner geistlichen Tochter, in welchem seine Verehrung und Wertschätzung der Jungfrau Babett deutlich zum Ausdruck kommt: ,,Aus deinem Brief ersehe ich“, erwidert er ihr einmal, ,,daß dich der liebe Gott in den letzten Jahren mit Leiden heimsuchte, und daß mit diesen Leiden aber noch mehr Gnadenerweisungen verbunden waren. Wen Gott lieb hat, den sucht er heim, sagt die heilige Schrift. Du hast dem lieben Gott schon sehr viele Opfer gebracht und vielfach Beweise deiner Liebe zu ihm gegeben und dafür sollst du nun teilweise hier auf Erden schon belohnt werden ...

Soweit ich dich kenne, und das sind schon viele Jahre, warst du immer demütig und suchtest nichts Außergewöhnliches ...“ ,,Du wirst deinen Lohn für deine Opfer, für deine große Liebe zu Gott, für dein Vertrauen, für dein aufrichtiges Streben nach Herzensreinheit, für deine Liebe zur Muttergottes reichlich empfangen ... Fahre nur fort in deinem Streben nach Vollkommenheit ... Für das wenige, das ich etwa früher dazu beigetragen habe zu deinem frommen Leben bitte ich, daß du ... recht innig für mich beten möchtest ...“.
,,Harre aus in deiner Liebe zum Heiland! ... Möge dir der Seelenfriede zuteil werden, der ein kleiner Vorgeschmack jenes Friedens ist, der den braven und klugen Jungfrauen verheißen ist. ...“.

So lauten die Urteile reifer und gebildeter Männer über die Junfrau Barbara, als sie noch in den zwanziger und dreißiger Jahren ihres Lebens stand. Einfach, bescheiden, demütig, fromm, eifrig im Streben nach Tugend und Vollkommenheit: das ist genau dasselbe Bild, das der Leser aus der Lektüre dieses Buches gewonnen hat. Fürwahr! Die Schippacher Jungfrau Barbara hatte schon längst ein heiligmäßiges Leben geführt, als ihre späteren Gegner noch nicht einmal geboren waren! Barbara Weigand hatte schon längst die wahre Weisheit von Gott sich angeeignet, als spätere Theologen, die in ihrer Professorenweisheit über sie lächelten, noch nicht einmal das ABC ihr eigen nannten!

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b) Über ihr Leben von 1885 bis zu ihrem Tode 1943

  aa) Mainzer Stimmen

Im Herbst des Jahres 1885 war die Schippacher Jungfrau zu ihrem Bruder nach Mainz verzogen, weil ihr dort die Möglichkeit geboten wurde, täglich am Tische des Herrn zu erscheinen.

Das Haus, in dem ihr Bruder eine Pachtwirtschaft innehatte, gehörte zur Pfarrei St. Ignaz; mit Vorliebe besuchte sie jedoch auch die Gottesdienste in der Kapuzinerkirche.

In Mainz verbrachte Barbara dreißig Jahre, kürzere Abwesenheiten in ihrer Heimat abgerechnet. Erst vom Jahre 1915 an, als ihre Neffen zum Kriegsdienst eingezogen wurden, kehrte sie endgültig nach Schippach zurück, um im Hause ihres Bruders tätig zu werden.

Aus ihrem Mainzer Aufenthalt stehen gleichfalls genügend Zeugnisse zur Verfügung, welche das Charakterbild der Jungfrau beleuchten. So äußerte sich der damalige Provinzial der Kapuziner, P. Alphons, der durch acht Jahre ihr Beichtvater war: ,,Ich habe von jeher das Mädchen bewundert wegen seiner tiefen Frömmigkeit, die ich oft von meinem Beichtstuhl aus beobachten konnte“. ,,Das Mädchen ist so einfach und anspruchslos und macht so garnichts aus sich, und ich demütige sie immer so sehr und doch kommt sie immer wieder“.

Von seinem Nachfolger P. Bonifaz O.Cap. erfuhr P. Felix Lieber OFM, der ihn eigens um sein Urteil angegangen hatte, daß ,,er sich stets nur an ihr erbauen konnte, namentlich, wenn er vom Beichtstuhl aus sah, wie Barbara in ihrer Klosterkirche so andächtig den Kreuzweg ging“.

Bischof Haffner von Mainz nennt im Jahre 1896 Barbara ,,eine schlichte, tugendhafte und fromme Person“.

Das Bischöfliche Ordinariat Mainz bestätigt amtlich unterm 14. August 1900, ,,daß genannte Barbara Weigand durchaus den Eindruck einer braven Person macht“.

Stadtpfarrer Dr. Velte von St. Ignaz, zu dessen Pfarrei Barbara von 1885 bis zu ihrem Weggang von Mainz, also mehr als dreißig Jahre lang gehörte, äußerte sich am 30. März 1911 in einem Briefe also: ,,Wie vordem, so habe ich auch bis auf den heutigen Tag nichts Auffälliges an ihr gefunden und kann ihr nur meine Zufriedenheit aussprechen“, ein Lob, das er am 24. Juni 1912 in einem weiteren Briefe an P. Felix noch verstärkt: ,,Vorerst muß ich betonen, daß ich bereits von Anfang an, seitdem ich Barbara kenne, bis auf den heutigen Tag dieselbe nur günstig beurteilt habe. In ihrem ganzen Benehmen ist nichts Auffälliges, sie ist vielmehr stets anspruchslos, schlicht und bescheiden, so daß man aus ihrem Äußern ihre große Frömmigkeit nicht erraten kann“.


bb) Sonstige Stimmen

Hier sind zuerst zu nennen die Rück-Schippacher Lokalkapläne Riedmann und Martin, welche von 1904 bis 1912 in Schippach wirkten und in den damals laufenden Pfarrei- und Kirchenbausachen sehr viel mit der Wohltäterin Barbara zu tun hatten.

Hören wir ihre Urteile über Barbara Weigand!

Pfarrer Riedmann, bis 1907 Lokalkaplan in Rück-Schippach, schrieb dem Verfasser im Jahre 1924, als ihm eine kleine Abwehrschrift, in der ich Barbara gegen die Presseangriffe etwas in Schutz genommen hatte, zu Gesicht bekommen war: ,,Besonders freut mich, daß endlich die arme, zu Unrecht so angefeindete Barbara Weigand ins rechte Licht gestellt wurde. Das war ein Akt der Gerechtigkeit. Die Charakteristik (sc. die ich in jener Schrift von der Jungfrau gab) entspricht ganz meiner Überzeugung“.

Noch ausführlicher drückt er sein Urteil über die Jungfrau in einem Briefe vom 4. Mai 1943 aus, in dem er schreibt:

,,Ich hatte in Rück Gelegenheit genug, sie zu beobachten und kennenzulernen. Ihr Bild hat sich mir deutlich eingeprägt. Sie war damals kein schwächliches Weiblein, sondern von ungewöhnlich starker Körperkonstitution, von ernstem Charakter, klugen Augen; ihre Sprache war ruhig und abgewogen und sie ging still und in sich gekehrt ihre Wege. Niemals hörte ich von ihr ein unrechtes Wort; selbst wenn sie von ihren Feinden und Peinigern in Mainz sprach oder wenn die Rede war von den Gegnern des Kirchenbaues oder von Spöttern über ihre Offenbarungen, war sie ganz sachlich und im Ausdruck vorsichtig und zurückhaltend. Ich kann mich auch nicht erinnern, daß sie jemals in ein unliebsames Gerede verwickelt worden sei, wie es bei der Schwatzhaftigkeit der Frauen oft vorkommt. So weit und so lange ich sie in Rück beobachtete, führte sie ein stilles, zurückgezogenes und frommes Leben ... Das Charakterbild der Barbara Weigand steht in meinem Gedächtnis in durchaus günstigem Licht ... Ich hatte genug Gelegenheit, diese fromme, in der Öffentlichkeit viel umstrittene Frau genau kennenzulernen, ihr Verhalten zu beobachten und auch in ihr Herz einen Blick zu tun ... So oft ich mit Barbara Weigand zusammentraf, gewann ich den Eindruck, daß ich eine tieffromme, reine, demütige, edeldenkende Frauensgestalt vor mir hatte, die ich für besonders von Gott begnadet hielt und zu der ich mit Achtung und Ehrfurcht aufblickte ... Ich zweifle nicht daran, daß wir in der Barbara Weigand eine auserwählte, von Gott hochbegnadete Seele einer Heiligen erkennen.“

So der Seelsorger von Schippach.

Denselben Eindruck von der Jungfrau gewann auch der Nachfolger Riedmanns, Lokalkaplan und spätere Pfarrer und Geistliche Rat Martin, wie aus seinem Briefe von 15. Mai 1913 an den Bürgermeister von Schippach ersichtlich wird, wo Martin schreibt:

,,Ich bin fest überzeugt, daß die Babett eine fromme, heiligmäßige Person ist.“

In dieser Überzeugung konnten ihn ebensowenig wie seine Vorgänger oder den Schreiber dieses Buches die späteren Angriffe der Presse oder selbst kirchlicher Behörden gegen die Jungfrau irremachen, da er die Beweggründe und das schwache Fundament dieser Angriffe nur zu gut durchschaute. Hören wir beispielsweise, was dieser ehemalige Schippacher Seelsorger am 13. Dezember 1943 an die Nichte Maria Weigand schreibt:

,,Ich werde mir Mühe geben, die Gebetsandenken an die richtige Stelle zu bringen, damit die Menschen anfangen, Ihrer seligen Tante Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Alle, die Ihre Tante persönlich gekannt haben, die das Glück hatten, ihren tiefen Glauben kennenzulernen und ihre feurige Liebe zum Heiland im allerheiligsten Sakrament, die urteilen ganz anders über die Verstorbene als jene, die ihre dürftigen Schriften verdreht haben. Ihr Werk ist bestimmt Gottes Werk ... Nach und nach dringt die Wahrheit siegreich durch.“

,,Es treibt mich ... einzig das Bestreben, die gottselige Tante besser kennenzulernen und sie und ihr Werk noch lauter zu verteidigen.“

So Geistlicher Rat Dekan Martin, der von 1907 bis 1912 Seelsorger in Rück-Schippach war.

Auch die offiziellen Kreise an der Bischöflichen Behörde in Würzburg hatten vor dem Ausbruch der Zeitungshetze von Barbara Weigand nur die allerbeste Meinung. So rühmte der bischöfliche Visitationskommissär Domvikar Stahl im Mai 1913 Barbaras Unterwürfigkeit unter den Bischof. Das Bischöfliche Ordinariat hielt noch im Oktober 1914 seine Hand schützend über die Jungfrau und sprach von ihr im amtlichen Publikationsorgan als ,,einer im Rufe der Frömmigkeit stehenden Person“.

Domkapitular Stahler mußte noch am 1. März 1916 im Kultusministerium zu München den lauteren Charkater der Jungfrau bestätigen.

Die Reihe der günstigen Urteile über die Jungfrau ließe sich leicht vermehren, aber nur einige können hier noch Erwähnung finden.

Geheimrat Professor Dr. Ludwig in Freising, im Jahre 1916 ein Gegner Schippachs (infolge der Lektüre der Branderschen Zeitungsartikel), meinte aber in einem Briefe vom Juli 1941:

,,Im Gegensatz zu Brander hielt ich stets Barbara für eine sehr fromme, brave Person. Der verstorbene Kardinal Bettinger stimmte mir zu.“

P. Joseph Bergmiller SDS, ein ausgezeichneter Kenner der Schippacher Bewegung, schrieb dem Verfasser wenige Wochen vor seinem Tode (26. September 1942):

,,Ich, Unterzeichneter erkläre vor Gott und meinem Gewissen und im Angesichte des Todes, den ich in kurzer Zeit erwarte, daß ich in den ca. 30 Jahren seit 1913, in denen ich mit Barbara Weigand von Schippach bekannt bin, dieselbe immer sowohl im Umgang wie im schriftlichen Verkehr als höchst ehrenwerte, fromme, wahrheitsliebende und in jeder Hinsicht tugendhafte Jungfrau kennengelernt habe.

Nie, auch nicht in den Jahren ihrer schwersten Verfolgungen und öffentlichen Verleumdungen, in denen ihre Gegner kaum weiter mehr hätten gehen können, bin ich an der Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit ihrer Person nie irre geworden. Oft äußerte ich in jenen traurigen Jahren den Zweiflern gegenüber, daß ich für die Wahrheitsliebe der Barbara Weigand die Hand in das Feuer legen würde.“

Ähnlich äußerten sich ihre langjährigen Seelenführer P. Ludwig O.Cap. und P. Felix OFM, die seit dem Jahre 1900 lange Schreiben voll des Lobes an die bischöflichen Behörden von Mainz und Köln richteten. Hören wir beispielsweise, was P. Felix am 19. März 1911 an seinen Ordensdefinitor berichtet:

,,Als Seelenführer konnte ich nur konstatieren, wie demütig und gehorsam sie sich all meinen Anordnungen und denen ihrer Beichtväter unterwarf und wie sie dabei die geradezu heroischen Tugenden übte, so daß sie mir persönlich - salvo meliori judicio Ecclesiae - als eine ,,Dienerin Gottes“ vorkommen mußte und ich sie auch mit innerster Überzeugung als solche betrachte.“

Dekan Roth, der Barbara seit vielen Jahren persönlich kannte und nach seiner Emeritierung in Schippach Wohnung nahm, fällte in einem Briefe vom 14. Mai 1943 das folgende ehrende Urteil über die Gottesfreundin von Schippach:

,,Sieben Jahre war ich hier in Schippach mit Barbara Weigand zusammen. Ich habe genau zugesehen und von ihr den allergünstigsten Eindruck gewonnen. Ganz besonders freue ich mich darüber, daß ich ihr so oft die heilige Kommunion reichen und weiterhin so oft im Krankenzimmer (sc. in den letzten Lebensjahren) den heiligen Leib ihres geliebten Meisters spenden durfte. Immer sah ich bei ihr denselben freudigen, felsenfesten Glauben an die Gegenwart Christi im allerheiligsten Altarsakramente und immer erklang aus ihren Gebeten, wenn sie oft laut betete, dieselbe innige Liebe zu ihrem göttlichen Meister heraus - ohne jegliche Frömmelei, eine kerngesunde Frömmigkeit und Christusliebe, wie sie nur glüht in den Herzen treuer Gotteskinder. Oft blieb ich eigens etwas zurück, um Zeuge dieses einfachen, kindlichen, aber innigen Gebetes zu sein, und war oft davon bis tief in die Seele hinein ergriffen.“

Pfarrer Weihmann von Schifferstadt (Diöz. Speyer), dessen eucharistische Seelsorgetätigkeit weit über die Grenzen seiner Diözese hinaus bekannt geworden ist, leitet den Segen Gottes für seine außergewöhnlichen Erfolge vom Gebete Barbaras her und scheut sich nicht, in seinem Bittgesuch vom 1. Mai 1943 an den Heiligen Vater seine Eindrücke über die Jungfrau anschaulich wiederzugeben:

,,Ich konnte Barbara Weigand öfters besuchen und tiefen Einblick in den Beginn ihrer Begnadigung und in ihr reiches Innenleben gewinnen, das noch in den neunziger Jahren von Liebe zum eucharistischen und leidenden Heiland glühte. Bei einem Kreuzweg, den sie laut und frei aus dem Herzen vorbetete, war ich von ihrer zarten Christumsmystik ganz ergriffen ... Ich beobachtete, wie Leute vom Dorf zu ihr kamen und sie in dringenden Anliegen um ihr Gebet baten.“

Am 19. Mai 1922 hatte der Hochwürdigste Herr Bischof Ludwig Maria Hugo von Mainz gemeinsam mit Ferdinand Graf von Spee in Sachen Schippach eine Audienz bei Seiner Eminenz Kardinal Frühwirth in Rom.

Wie Graf von Spee am folgenden Tage in einem Briefe an Luise Hannappel berichtet, wurden die Schippacher Fragen eingehend erörtert, wobei ,,Seine Eminenz über Barbara Weigand nur mit Hochachtung sprach“ und die Art des Kampfes gegen sie und ihre Werke missbilligte.

Wie ihr Diözesanbischof, Seine Bischöflichen Gnaden Ferdinand von Schlör, seit seinem Bekanntwerden mit Barbara im Jahre 1907 der Frömmigkeit, Uneigennützigkeit und den edlen Bestrebungen der Jungfrau seine uneingeschränkte, mitunter in augenfälligen Kundgebungen sich offenbarende Liebe zuwandte, so zeichnete sie Bischof Ludwig Maria Hugo von Mainz mit eigenhändig geschriebenen Briefen aus und ließ sich durch die Akten und Aktionen seines Ordinariates nicht beirren, seine Verehrung für die demütige Opferseele freimütig zum Ausdruck zu bringen und ,,mit größter Hochachtung von Barbara Weigand als einer zwar derben, aber durchaus ehrlichen, frommen, opferstarken, ja heiligmäßigen Person“ zu sprechen.

Als der Heilige Vater Papst Pius XII., der als Nuntius in München in vielen Aktenstücken über Barbara Weigand hatte Einblick nehmen können, am 6. September 1941 um Seinen hohepriesterlichen Segen für die hochbetagte Gottesfreundin gebeten wurde, zögerte Seine Heiligkeit keinen Augenblick, der greisen Opferseele von Schippach diesen Erweis Seiner Huld und Liebe zu schenken.

Besonders hoch anzuschlagen sind auch Äußerungen der maßgebenden Persönlichkeiten an der Bischöflichen Kurie in Würzburg, die mir nach der Lektüre meiner Denkschrift über Barbara Weigand spontan ihre Hochachtung vor der Schippacher Jungfrau zum Ausdruck brachten. So schrieben mir Seine Exzellenz Bischof Julius von Würzburg am 28. Februar 1949: ,,Ihr Manuskript über das Leben der guten Barbara Weigand habe ich durchgelesen, oft mit echter Erbauung über diesen gottseligen Weg.“

Sein Generalvikar Prälat Dr. Fuchs, äußerte sich in einem Brief vom 28. Januar 1955 an den Verfasser wie folgt: ,,Ich stimme mit Dir überein, daß Barbara Weigand eine ehrenwerte, fromme, gottinnige Person war.“

Welchen Wandel in der Gesinnung der Bischöflichen Behörde von Würzburg gegenüber der Schippacher Jungfrau, die man im Jahre 1916 ebendort ,,zertreten, nein zermalmen“ wollte, bekunden doch diese aufrichtigen Worte! Hätten meine dreißigjährigen Mühen und Opfer nur diesen Erfolg gehabt - wahrlich, sie wären nicht umsonst gewesen. Sie lassen, wie auch das nun erstandene Heiligtum in Schippach, die weitere Hoffnung lebendig werden, daß diese Ehrenrettung der Schippacher Jungfrau noch in anderer Hinsicht ihre Früchte tragen wird.

Ihr letzter geistlicher Vorgesetzter, Pfarrer Joseph von Traitteur in Rück, widmete der edlen Verstorbenen einen tiefempfundenen Nachruf am Grabe, in dem er die edle Gesinnung, die Opferbereitschaft, die Uneigennützigkeit, die Demut und den Gebetseifer der Verstorbenen laut und feierlich rühmte und die Zuversicht aussprach, daß ihr Gott wohl ohne Fegfeuer die Aufnahme in den Himmel gewährt habe.

,,Am Vorabend des zweiten Fastensonntags ist sie in die Ewigkeit eingegangen, jenes Sonntags, dessen Evangelium uns von der Verklärung Jesu auf dem Berge Tabor berichtet. Es mag sein, daß, während wir dieses Evangelium hörten, ihre reine Seele schon in die Herrlichkeit des Himmels eingegangen war und sie den Heiland in seiner Verklärung schauen durfte.“

So urteilen jene Priester, die Barbara kannten. Auch der Verfasser dieses Buches kann als ihr ehemaliger Seelsorger und Beichtvater nur noch einmal wiederholen: Ich habe mein Pfarrkind Barbara Weigand allezeit für eine heiligmäßige Person gehalten.

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2. Urteile über den Liebesbund

Die Schippacher Werke Liebesbund und Kirchenbau erfreuten sich der Gunst zahlreicher hoher kirchlicher Instanzen.

Was zunächst den ,,Eucharistischen Liebesbund des göttlichen Herzens Jesu“ betrifft, so steht dokumentarisch fest, daß zahlreiche deutsche und ausländische bischöfliche Behörden den Bund und seine Gebete in aller Form gutgeheißen und empfohlen haben; ich erinnere nur an die Namen Roermond, Trient, Salerno, München, Temesvar, Fünfkirchen, Augsburg, Hertogenbosch, Köln, Münster, Aachen, Metz.

Der Erzbischof von Salerno, Mgs. Valerio, hat ihn unterm 16. Mai 1914 gesegnet und ihm weiteste Verbreitung gewünscht: ,,Approviamo e benediciamo di gran cuore la Pia Unione Eucaristica col Sacro Cuore di Gesù, inculcandone la più larga diffusione.“

Im selben Jahre begrüßte ihn Seine Eminenz Kardinal Bisleti in einem Briefe vom 16. November 1914 an Freifrau von Hoffmann in Meran: ,,Ricevo la lettera e rispondo dopo avere preso conoscenza della pia unione del foglietto accluso. Santissimo lo scopo della pia unione, efficacissimo il mezzo della frequente, anzi possibilmente quotidiana Communione, della consacrazione di ogni giorno di se stessa a Gesù in Sacramento, centro della vita cattolica, anzi della medesima principio, progresso e fine. Quindi comprendo come la pia unione si diffonda e raccolga già tante anime dinanzi al tabernacolo, dove piangano e pregano ...“.

Aus der Erkenntnis heraus, daß der Liebesbund eine überaus zeitgemäße Aufgabe zu erfüllen habe, richtete im Jahre 1915 der Bischof von Fünfkirchen (Ungarn), Julius Zichy, indem er auf die segensreichen Wirkungen des von ihm ein Jahr zuvor approbierten Bundes in seiner Diözese hinwies, an den Heiligen Vater die Bitte um kanonische Errichtung des Bundes für die ganze Welt.

  Lassen wir auch dieses Schriftstück im Wortlaut folgen!

  ,,Ab Episcopo Quinque Ecclesiarum.

  Beatissime Pater!

 

 

Foedus amoris erga Cor Jesu Eucharisticum, quod vitam interiorem sodalium,   item crebriorem et quotidianam communionem aggregatorum promovet, precibus, sacrificiis, et laboribus vero presbyteris ad salvandas animas succurrit, plurimum ad victoriam Ecclesiae super inimicos reportandam et ad regnum die divinique Cordis Jesu propagandum confert.

Foedus istud in Dioecesi Quinque Ecclesiarum (in Hungaria) institutum et in dies magis dilatatum fructus optimos maturat.

Cum igitur foedus istud finem suum: summum nempe bonum Ecclesiae Die atque animarum, magno cum successu procurare zelose conetur, media autem supra memorata pro eodem obtinendo praeclara existant, Sanctitatem Vestram de genu exoro, ut statuta foederis amoris erga Cor Jesu Eucristicum pro universa Ecclesia approbare gratiisque spiritualibus ditare clementer dignetur.

Qui ad pedes Sanctitatis Vestrae provolutus in osculo eorum perenno Quinque Ecclesiis, 23. Feb. 1915 Sanctitatis Vestrae Humillimus famulus Julius Zichy, episcopus.“

Fast um dieselbe Zeit bemühte sich auch der Fürstbischof von Trient, welcher bereits ein Jahr zuvor die Statuten und Gebete des Bundes approbiert hatte, höchstpersönlich um die kanonische Errichtung für die ganze Welt.

In einem Antwortschreiben auf eine an ihn gerichtete diesbezügliche Bitte äußerte sich der Kirchenfürst am 23. Januar 1915 wie folgt:

 

,,Le informazioni che Ella mi dà nella Sua lettera riguardo alla ,,Unione Eucaristica d´amore col S. Cuore di Gesù“, mi giungono sommamente gradite, e mi danno affidamente a sperare che non in vano tante preghiere e tanti atti d‚amore salirono verso il Cielo, e che la misericordia divina ci apporterà la desideratissima pace.

Apprezzando il nobilissimo e santo scopo di questa Unione, ben volontieri sono disposto a favorirne l´approvazione da parte della s. Sede.

Spero che questa procedura condurrà in breve al desiderato successo e che la benedizione del S. Padre verrà a coronare un opera cosi bene incominciata e ad assicurarne i frutti già tanto copiosi.

In questa consolante attesta, di gran Cuore La benedico, e mi Le professo

devotissimo + Celestino. Vescovo.

Trento 23 Gennaio 1915.“

Der Ausbruch des Krieges mit Italien (Mai 1915), die dadurch hervorgerufene Unterbrechung des Postverkehrs mit Rom und die im Zusammenhang mit dem Kirchenbau im Frühjahr 1916 einsetzenden Angriffe gegen den Bund ließen die erhoffte kanonische Errichtung für die ganze Welt nicht zur Wirklichkeit werden.

Selbst jene kirchlichen Behörden, welche sich durch die Zeitungen und Gewährsmänner zum Verbote des Bundes bestimmen ließen, konnten aber dem guten Zweck und dem einwandfreien Texte seiner Gebete und Statuten ihre Anerkennung nicht versagen.

   So meinte im Jahre 1909 Bischof Kirstein von Mainz nach dem Durchlesen der Statuten: ,,Die Sache könnte man ja approbieren“, und das Ordinariat Würzburg bekannte in seinem Erlass vom 18. Febr. 1916: ,,An und für sich betrachtet, erscheint der Wortlaut der Statuten und Gebete des Liebesbundes einwandfrei“.

Von Bischof Keppler von Rottenburg liegt eine ähnliche, wenn auch nur privat ausgesprochene Äußerung in meinen Akten.

Den edlen Zweck des Liebesbundes mußte wohl oder übel auch sein größter amtlicher und literarischer Gegner in Würzburg anerkennen, wenn er schreibt: ,,Welch schöner Plan! Zusammenschluss aller guten und getreuen Kinder der heiligen katholischen Kirche, um einen Damm zu bilden gegen den herrschenden Zeitgeist! Was die Mitglieder des Liebesbundes nach dem Statutenbüchlein versprechen ... das alles sind treffliche Lebensregeln.“

Wir sehen: bei Freund und Feind das gleiche Lob. Kann ein Baum, der solche gute Früchte hervorbringt, wirklich ein schlechter Baum sein? Nur weil er Barbara Weigand heißt und in Schippach steht?

Wie zeitgemäß der Bund auch in unseren Tagen wirken kann, mag man aus der Approbation des Generalvikars und Bistumsverwalters von Metz, Mgs. Louis, vom 1. November 1941 ersehen, wo der Hochwürdigste Herr an P. Felix Lieber also schreibt:

  ,,Ihren werten Brief habe ich mit großem Interesse gelesen, die Broschüre (über den Liebesbund) gleichfalls. Ich kann Ihnen ruhig sagen, daß einer Verbreitung derselben in unserer Diözese nicht bloß nichts im Wege steht, sondern daß dies durchaus zu begrüßen ist. Mögen nur in diesen schweren Zeiten recht viele Seelen erstehen, die von inniger Liebe zum Eucharistischen Herzen Jesu durchglüht sich als Opferseelen ihm darbringen. Wir können nur dadurch wieder bessere Zeiten erlangen. Der Text des täglichen Gebetes entspricht so recht den Anforderungen unserer Zeit und all unseren Anliegen.“

Nicht genug, dem Liebesbund damit den Weg in die eigene Diözese geebnet zu haben, wünschte derselbe Bistumsverwalter unterm 12. September 1942 in amtlichem Schreiben mit Siegel und Unterschrift die Approbation des Liebesbundes für die ganze Kirche durch den Heiligen Vater, wie es schon im Jahre 1915 der Bischof von Fünfkirchen getan hatte:

  ,,Hochwürdiger Herr Pater! Die Mitteilungen, die Sie mir machen über die segensreichen Wirkungen des ‚Eucharistischen Liebesbundes’ und die Durchsicht der Satzungen, die Sie mir vorgelegt, haben mich tief überzeugt von der zeitgemäßen Nützlichkeit eines solchen Werkes. Die weitere Ausbreitung desselben ist sehr erwünscht. Gewiss würde diese sehr gefördert werden durch die kanonische Errichtung, und deshalb wünsche ich von ganzem Herzen, daß es gelingen möge, die Bestätigung Seiner Heiligkeit des Papstes zu erlangen. So könnte dieser Kreuzzug der Liebe siegreich durch die Welt ziehen und dem Eucharistischen Heiland es ermöglichen, in den Herzen das Feuer der Liebe zu entzünden gemäß seinen Worten. ,,Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu senden und was will ich anders als daß es brenne?“

Das sind Stimmen von höchster Warte für den Eucharistischen Liebesbund. Solche Dokumente kann man bei seiner Beurteilung und bei jener der Schippacher Offenbarungen, aus denen er nach Form und Inhalt stammt, nicht einfach unbeachtet beiseite schieben.

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3. Urteile über den Kirchenbau

Seitdem sich durch die Denkschriften des Verfassers die Wahrheit über die Schippacher Kirche in den Reihen des Würzburger Klerus Bahn brach, kamen mir in überwältigender Fülle Stimmen des Beifalls zu. Wo immer ich in größeren Konventikeln mit geistlichen Mitbrüdern zusammentraf, konnte ich Worte der Zustimmung hören und das besonders zu jener Zeit, als die Bischöfliche Behörde in Würzburg noch eine ausgesprochene baufeindliche Haltung zeigte. Als eine solche Stimme möge hier das Wort des Geistlichen Rates Professor Dr. Scherg, des verdienstvollen Geschichtsschreibers der Stadt Aschaffenburg, Erwähnung finden, das er im Jahre 1941 gelegentlich einer wissenschaftlichen Korrespondenz aussprach:

  ,,... will ich Dir mitteilen, daß ich von jeher sehr für den Bau dieser Kirche war und noch bin, ganz abgesehen davon, was mit der Barbara Weigand ist oder sein wird, die ich auch ganz abgesehen von allen Untersuchungsergebnissen für eine sehr ehrwürdige Persönlichkeit halte, mehr noch bewährt durch ihr geduldiges Schweigen als durch ihr Reden. Ich stand - es mögen wohl schon zwanzig Jahre her sein - mit August Hock, als er noch Pfarrer von Erlenbach war, vor den Ruinen des begonnenen Kirchenbaues, den wir beide mit Wehmut betrachteten. Ganz abgesehen von allen dogmatischen und kanonischen Untersuchungen sagte ich, indem ich über das schöne Elsavatal hinaus in die Mainebene und hinunter bis zum Taunus blickte: Diese Kirche gehört schon deshalb gebaut, weil die Baustelle in herrlicher Weise für eine Wallfahrtskirche passt.

Wenn durch diese B.W. nichts anderes geschehen wäre, als daß man durch sie auf diesen Platz aufmerksam gemacht wurde, so war das schon genug ...

So dachte und denke ich noch heute über diese Sache. Man verlangte von der armen Frau eine gelehrte Theologie ... Entstanden Loretto, Lourdes, Altötting, Vierzehnheiligen durch gelehrte Doktoren der Theologie? Durch solche sind von Arius bis Luther und darüber hinaus ganz andere Dinge entstanden.

Die gute Barbara Weigand hätte in Italien oder Frankreich leben müssen. Dort hätte sie mehr Glück gehabt. Nun vielleicht wird der Toten doch noch zuteil, was die Lebende nicht erreichen konnte. Es ist dann um so mehr von Gott.“ (20. März 1943)

Ein halbes Jahr später kam Dr. Scherg noch einmal auf die Schippacher Sache zurück:

  ,,Ich sage nach wie vor: die Kirche hätte gebaut werden sollen, weil sie eine herrliche Wallfahrtskirche geworden wäre, für die in jener Gegend ein großes Bedürfnis ist. Ob sie dann eine Art Weltwallfahrt geworden wäre, das zu bestimmen liegt nicht in unserer Macht. Meiner Ansicht nach wurde der Fehler gemacht, daß man von der noch lebenden Weigand verlangte, was erst von der einst toten, und zwar durch Rom festgestellt werden kann: die Bewertung und Verwertung der an ihr zu Tage getretenen Erscheinungen.

In der letzten Zeit waren die unterfränkischen Pfarrer Nickel (Klosterheidenfeld), Popp und Denner (Lohr) hier bei mir. Sie sind der gleichen Meinung. Daß sich die noch jetzt lebende Weigand so ruhig und ergeben gehalten hat, spricht sehr für sie und ihre Sache. Manchem Clericus wäre eine solche Selbstbescheidung vielleicht nicht möglich gewesen ... Der guten Weigand mußte es gehen wie dem heiligen Alfons Liguori oder dem guten Johannes von Gott: erst Kerker und Narrenhaus, dann Anerkennung und Heiligsprechung.
Das kann aber erst nach ihrem Tode sein“ (29. Sept. 1941).

In gleicher Weise wie der Liebesbund empfing die Sakramentskirche von Schippach wiederholt den Segen der kirchlichen Hierarchie. So wissen wir aus der Geschichte des Kirchenbaues, wie der eigene Diözesanbischof Ferdinand von Schlör am 31. Mai 1913 von der Kanzel der Kirche in Rück die Erbauung der Sakraments- und Wallfahrtskirche von Schippach empfahl; wie derselbe Oberhirte von den Plänen zur Kirche ganz entzückt war und dem Architekten ,,viel Glück und gutes Gelingen“ wünschte, wie der Bischof selber mehrere tausend Mark als Bausumme beisteuerte und am 15. Juli 1915 sich noch einmal schriftlich für die Fertigstellung des Baues einsetzte. Diese Fertigstellung bezeichnete der Bischof als seinen ,,dringenden Wunsch“.

Es steht ferner urkundlich fest, daß das Bischöfliche Ordinariat Würzburg im Zuge der offiziellen Verhandlungen über den Bau in den Jahren 1913, 1914 und 1915 die Idee, den Zweck, den Platz, die Pläne und die Ausführung der Sakramentskirche wiederholt, so noch besonders feierlich am 10. September 1915, in aller Form guthieß und den Segen Gottes auf das Unternehmen herabrief (s.o. Baugeschichte!). Zwischen Bischof, Generalvikar und Ordinariat herrschte nach dem Aktenbefund offiziell völlige Übereinstimmung in der Anerkennung des Projektes der Sakramentskirche, so daß alle nachträglichen Versuche, diese Übereinstimmung bestreiten zu wollen, zum Scheitern verurteilt sind.

Am 19. Mai 1922 hatte Bischof Ludwig Maria Hugo von Mainz, der edle Freund Barbara Weigands und aufrichtige Gönner des Schippacher Kirchenbaues, zusammen mit Ferdinand Graf von Spee Audienz bei Seiner Eminenz Kardinal Frühwirth in Rom, in welcher die Schippacher Angelegenheit eingehend besprochen wurde. Den Niederschlag der Besprechungen erfahren wir aus einem Brief des Grafen an Luise Hannappel, dessen entscheidender Teil hier folgen möge:

  ,,Rom, den 20. Mai 1922. Liebes Fräulein Hannappel! Gestern waren   Seine Bischöflichen Gnaden und ich bei Cardinal Frühwirth. Der Bischof   diktierte mir gestern abend zur Mitteilung an Sie und einige andere:
   
  ,,Heute waren wir bei Cardinal Frühwirth. Die Aufnahme war sehr freundlich. Wir hatten den Eindruck, daß bei Sr. Eminenz persönliche Stimmungen oder Abneigungen keine Rolle spielen. Er bezeichnete nur die Sache als von Anfang an verfahren und äußerte verschiedene Bedenken, welche die Verquickung mit anderen damit nicht im Zusammenhange stehenden Sachen ihm einflößte, während ihm die Sache, losgelöst von allen Nebenerscheinungen, unbedenklich erschien. Er bemerkte ausdrücklich, daß die Statuten des früheren Liebesbundes zu keinem Einschreiten Veranlassung gäben und daß der Gedanke, eine Sakramentskirche zu bauen, an sich ihm sehr sympathisch sei. Wir hoffen bald, bestimmtere Auskunft von anderen Stellen zu erlangen.

Gott sei Dank für diese Audienz und das milde, reife, in nichtvoreingenommene Urteil Sr. Eminenz. Er sprach auch über Barbara Weigand nur mit Hochachtung. Die Art des Kampfes gegen die Sache hat Seine Billigung nicht erlangen können.

 Ihr Ferdinand Graf von Spee.“

Wiederum vernehmen wir die segnende Stimme von Rom zu dem erhabenen Werke. Als Seine Eminenz Kardinal Bisleti ein Schriftchen, vom Verfasser dieses Buches im Jahre 1924 zur Verteidigung des Baues geschrieben, zu Gesicht bekommen hatten, schrieben Seine Eminenz zurück:

  ,,Jo stesso ho consegnato all´ Emm. Cardinale Fruewirth il 15 corrte l´opusculo da lei inviatomi. Il Signore benedica la santa im presa e benedica tutti coloro che vi danno opera.

Gaetano Card. Bisleti. Roma 21. Febr. 1925.“

Der wertvollste Segen für das Bauwerk kam jedoch aus dem Munde Seiner Heiligkeit selbst. Am 16. Juli 1941 wurde Papst Pius XII. in einer zu diesem Zweck erbetenen und huldvoll gewährten Audienz um den Segen für den Kirchenbau gebeten. Ohne zu zögern sprachen Seine Heiligkeit: ,,Ja, ja, von ganzem Herzen! Wir segnen ihn und alle Unsere lieben Deutschen!“

Man vergesse hierzu nicht, daß durch die Hände des Nuntius Pacelli seit dem Mai 1917 die Akten über Schippach nach Rom gegangen waren und daß Seine Heiligkeit erklärten, Er ,,erinnere sich noch sehr gut der Schippacher Angelegenheit“.

Wo ist noch ein Kirchenbau im ganzen Bistum Würzburg, der sich so zahlreicher und ausdrücklicher Segnungen durch die kirchliche Hierarchie rühmen darf wie die Kirche von Schippach?

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THEOLOGISCHES GUTACHTEN
Verfasser: H. H. Hugo Holzamer


DAS PROBLEM VON SCHIPPACH
und seine Behandlung in der gegnerischen Presse


Ich traf noch keinen jener sogenannten Geschäftsmänner an, welche die geistlichen Betrachtungen und die göttlichen Contemplationen verachten, der irgendeine Angelegenheit gehörig anzugreifen wüßte.
   Donoso Cortes.
 

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I. Die Presse

Die Meldungen eines Teiles der Presse, denen zufolge die im Juni 1917 ergangene erste Antwort des hl. Offiziums in Rom betreffs der Sache von Schippach ein endgültiges Verwerfungsurteil bedeuten soll, dürften nicht zutreffen.

Endgültige Entscheidungen über Privatoffenbarungen pflegt der Apostolische Stuhl nur nach eingehender Prüfung der betreffenden Angelegenheit zu geben. Von jener Antwort aber sagt das hl. Offizium, daß sie auf die Lektüre des bischöflichen Schreibens hin gegeben worden ist. Offenbar hatte also der Heilige Stuhl selber eine Prüfung der Schippacher Sache noch nicht vorgenommen oder doch noch nicht beendigt, und es kann sich in jener Antwort demnach auch nicht um ein Endurteil handeln.

Ein uns vorliegendes theologisches Gutachten besagt, denn auch, die Antwort ,,Episcopi utantur iüre suo“ enthalte nur die Zurückverweisung der Sache an die Bischöfe als an die erste Instanz, während der Text dieser Antwort keinerlei Entscheidung, weder im bestätigenden, noch im verwerfenden Sinne aufweise.

Einen gewissen Maßstab bietet ein ähnlicher Fall aus neuerer Zeit. In der aktenmäßigen Darstellung des Prozesses über die Sache einer Luxemburger Ekstatischen, Klara Moes, der um die letzte Jahrhundertwende spielte, ist z. B. folgendes zu lesen: ,,Der oberste Gerichtshof der Kirche pflegt solche außerordentlichen Angelegenheiten mit großer Klugheit, Langsamkeit und Strenge zu behandeln und gerade damals lagen mehrere solcher Fragen im hl. Offizium vor, von denen sich verschiedene bereits als Teufelsbetrug herausgestellt hatten. Deshalb beeilte sich das hl. Offizium, durch ein Schreiben, welches bereits am 28. Februar 1880 an den Hochwst. Bischof von Luxemburg (Dr. Adames) abgesandt wurde, dessen kluge Zurückhaltung in dieser Sache zu loben, und den beteiligten Priestern Gehorsam gegen ihren Bischof und Verschwiegenheit zu empfehlen. Irrtümlicherweise wurde dieses Schreiben des hl. Offiziums als eine Verurteilung der ganzen Angelegenheit in Luxemburg angesehen und bekannt gemacht. Auf eine Anfrage erhielten jedoch die Petenten von Rom aus die Versicherung, daß dieses Schreiben durchaus kein Urteil über die Sache selbst enthalte. Es bezwecke nur, eine Sicherheitsmaßregel in dieser Angelegenheit zu treffen, um vor unklugem, übereiltem Verfahren in einer solch wichtigen Sache zu warnen.“ (j. P. Barthel, Rektor. Mutter Maria Dominika Klara Moes. Nach authentischen Quellen bearbeitet. Luxemburg 1908. S. 409 f.)

Ähnlich liegt auch die Sache bezüglich der ersten Antwort Roms im Falle von Schippach. Überhaupt ist die Analogie zwischen dieser und der genannten Luxemburger Sache interessant. In beiden Fällen handelte es sich um eine Reihe von Privatoffenbarungen, um eine religiöse Vereinigung und um ein kirchliches Bauwerk; hier um die Offenbarungen der Barbara Weigand, dort um jene von Klara Moes; hier um den Eucharistischen Liebesbund, dort um eine klösterliche Vereinigung; hier um den Bau der Sakramentskirche zu Schippach, dort um den Bau des Dominikanerinnenklosters auf dem Limpertsberge. Auch die Lage und der Verlauf der Luxemburger Sache hat mit jener, von Schippach vieles gemeinsam, so besonders die für in der Mystik Unbewanderte auf den ersten Blick schlechthin unglaublichen Dinge in den Offenbarungen, ferner das absolut verwerfende Urteil der tonangebenden Privat- und öffentlichen Meinung, und schließlich das hierauf sich stützende Verwerfungsurteil und Verbot von seiten der bischöflichen Behörde. Die Sache der Klara Moes lag aber in sofern noch viel schwieriger als jene von Barbara Weigand, als besonders die Fegfeuer- und Höllenvisionen der Klara Moes, ihre angeblichen Vexationen von seiten des Teufels und besonders der Aufenthalt einer offenbar besessenen Person in ihrem Hause den Hochwürdigsten Bischof geradezu evident überzeugen wollten, daß es sich ,,um eine Sache der verwerflichsten und gefährlichsten Art“ handeln müsse. Er nahm darum keinen Anstand, die Sache der Klara Moes als dämonisch und als Teufelstrug zu bezeichnen, der Genannten sogar den Seelenführer und den Beichtvater zu nehmen, die Priester in dem Diözesanblatt vor jedem Verkehr mit den Frauen auf dem Limpertsberg zu warnen und auch jede weitere Untersuchung der Sache kategorisch zu verbieten.

Man versteht solche Strenge, wenn man bedenkt, daß zur nämlichen Zeit in Rom ein Prozeß gegen den Bischof von St. Jean de Maurienne schwebte, durch dessen allzugroße Nachsicht gegenüber einer falschen Seherin die ganze Diözese in Unordnung geraten war.

In dem Luxemburger Falle erschien die Strenge des Oberhirten durch gleichsam handgreifliche, gegen Klara Moes sprechende, Beweismomente gerechtfertigt. Es stand denn auch in dieser Sache nicht bloß der gesamte Klerus, sondern auch die öffentliche Meinung ganz auf seiten des Bischofs.

Und trotz alledem erwies sich dieses Urteil nicht als stichhaltig. Schon die bald darauf durch den neuen Bischof Dr. Koppes angeordnete Untersuchung endigte am 19. Januar 1884 mit der bischöflichen Bestätigung und Rechtfertigung der Moes’schen Sache. Nach weiterer achtjähriger Prüfung durch den Apostolischen Stuhl erfolgte am 28. April 1892 auch die päpstliche Gutheißung der Klostergründung vom Limpertsberg.

Dieser ganze Fall dürfte schon zu einiger Vorsicht in der öffentlichen Kritik der Schippacher Angelegenheit mahnen. Auch sprechen die Erfahrungen bei vielen weiter zurückliegenden Fällen solcher Art, wie z. B. bei der Sache der ehrwürdigen Maria von Agreda, der seligen Margareta Alacoque, des seligen Grignon von Montfort, der seligen Kreszenzia Höß von Kaufbeuren u. a. für die Beobachtung einer klugen Zurückhaltung und Vorsicht im öffentlichen Urteil über derartige Fragen des mystischen Gebietes. Und dies um so mehr, da aus der Strenge der im vorhinein oft notwendigen disziplinären Maßnahmen der kirchlichen Behörden nicht ohne weiteres auf die Verwerflichkeit einer solchen Sache an sich geschlossen werden darf. Es kann aus mancherlei äußeren Gründen ein ernstes Einschreiten der bischöflichen Behörden oder des päpstlichen Stuhles gegenüber Erscheinungen des mystischen Gebietes, deren Echtheit oder Unechtheit noch gar nicht geprüft oder entschieden ist, geboten sein. Die Offenbarungen der ehrwürdigen Maria von Agreda wurden aus Gründen der Disziplin kurze Zeit sogar auf den Index gesetzt. Niemand ist berechtigt, solche disziplinäre Maßnahmen zum abfälligen Urteil über noch nicht entschiedene Angelegenheiten der bewußten Art oder gar zur Verdächtigung der Person von Visionären oder Ekstatischen auszuschlachten.

In der gegen Schippach gerichteten literarischen Fehde scheint indessen die gedachte Vorsicht nicht allenthalben gewahrt worden zu sein: Das Vorgehen eines Teiles der gegen Schippach kämpfenden Tagespresse, Zeitschriften und Broschüren weist Urteile, Folgerungen und auch äußere Formen auf, welche doch zu mancherlei Bedenken Anlaß geben, sobald man die Regeln im Auge behält, welche die mystische Theologie für die Beurteilung mystischer Angelegenheiten aufgestellt hat. Die Nichtbeachtung dieser Regeln setzt aber, wie die Meister der mystischen Theologie lehren, der Gefahr aus, sich der Vermessenheit schuldig zu machen, frommen Dienern Gottes Unrecht zu tun, die Seelen der Mitmenschen zu schädigen und den liebevollsten Absichten Gottes entgegenzuwirken. Nichts gefährlicher, als die Bearbeitung der öffentlichen Meinung durch eine den Regeln der mystischen Theologie nicht entsprechende Kritik an außerordentlichen Erscheinungen des übernatürlichen Gebietes. Gerade solche unsachliche Kritik ist der Nährboden jener falschen Mystik, die so gern in die völlige Verwerfung aller echten mystischen Dinge umschlägt, und der nächste Weg zu rationalistischen und naturalistischen Tendenzen ist. Die Einträufelung des Naturalismus, welche Pius X. so nachdrücklich als ein Hauptbestreben des Modernismus gekennzeichnet hat, könnte wohl kaum erfolgreicher betrieben werden als durch eine den Regeln der kirchlichen Theologie nicht entsprechende Behandlung mystischer Probleme in der Presse, vor allem in der politischen Tages- und Wochenpresse.

Was auf diesem Gebiete in den letzten Jahren die journalistische Kritik mit Bezug auf eine ganze Reihe von Privatoffenbarungen geboten hat, ist von der korrekten Theologie mannigfach beanstandet worden. Die literarische Befehdung der Papstoffenbarungen des heiligen Bischofs Malachias, ebenso der Offenbarungen von Anna Katharina Emmerich, und zuletzt noch der Offenbarungen der heiligen Margareta Alacoque gelegentlich der Thronerhebung des hl. Herzens Jesu ließ fast den Gedanken an eine systematische Bekämpfung mystischer Dinge aufkommen. Jedenfalls zeigte diese Bewegung, daß in den Kreisen mancher Kritiker nicht immer der Geist und die Kenntnisse vorhanden sind, welche die mystische Theologie von denjenigen verlangt, die an die Prüfung von Privatoffenbarungen herantreten wollen. Aus diesem Mangel ergeben sich aber alle die oben angedeuteten Gefahren.

Diese Mängel und Gefahren machen sich nun auch in nicht geringem Grade in dem gegen Schippach gerichteten Kampfe bemerklich. Zu ihrer Beseitigung erscheint eine öffentliche Kritik dieses literarischen Kampfes unerläßlich. Wir unternehmen im folgenden diese Kritik. Wir betonen aber ausdrücklich, daß dieselbe sich ausschließlich auf die journalistischen und literarischen Gegner von Schippach bezieht. Jegliche Kritik an den Maßnahmen der kirchlichen Behörden vermeiden wir durchaus, unterwerfen uns vielmehr auch in dieser Sache den Lehr- und Disziplinarentscheidungen der Kirche schon im voraus mit vollständigem innerem und äußerem Gehorsam.

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II. Grundregeln für die Prüfung von Privatoffenbarungen

Die erste und Grundregel, welche die Theologen, vor allen Papst Benedikt XIV. und Turrecremata, für die Prüfung von Privatoffenbarungen aufstellen, besteht in der Forderung großer Bescheidenheit im theologischen Urteil. Gegen diese Regel hat aber die gegen Schippach gerichtete journalistische und sonstige Literatur in mehr als auffälliger Weise gesündigt.

Offenbar verstößt es durchaus gegen die theologische Bescheidenheit, wenn ein Literat sich damit befaßt, im vorhinein feststellen zu wollen, was und wie der Apostolische Stuhl in einem letzteren allein vorbehaltenen Urteil endgültig entscheiden wird und muß. Noch bedenklicher wird dieser Mangel an Bescheidenheit, wenn er zu dem Versuche führt, im vorhinein apodiktisch auszusprechen, daß der Heilige Stuhl in der bewußten Sache nicht anders entscheiden könne, als im Sinne der von dem betreffenden Literaten geäußerten Privatmeinung. Die größte Gefahr bietet aber diese Unbescheidenheit, wenn auf eine solche dem Urteile des Apostolischen Stuhles apodiktisch vorgreifende Privatentscheidung die öffentliche Meinung mit Hilfe der politischen und sonstigen Tagespresse festgelegt wird.

Auf eben diesen Stufen der Unbescheidenheit versteigt sich aber die gegen Schippach gerichtete literarische Kritik bis ins kaum Begreifliche. Gewiß nur schwer ist es zu verstehen, daß Theologen, wie Dr. Joseph Zahn und Dr. Vitus Brander, in der Unbescheidenheit der gegen Schippach gerichteten Privaturteile den Ton angeben und sich zu Äußerungen hinreißen lassen, wie man sie in der Behandlung mystischer Fragen von seiten ernster Theologen seither zum mindesten nicht gewohnt war. Was soll man dazu sagen, wenn Dr. Joseph Zahn für die Richtigkeit seines gegen Schippach gerichteten privaten Verwerfungsurteils sogar sein Leben verbürgt und dieses unerhört apodiktische Urteil durch die Brandersche Broschüre zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung ausschlachten läßt! Brander selbst läßt etwas vorsichtiger nur die Sonne vom Himmel fallen und das Weltall eher in Trümmer gehen, als daß Rom die Schippacher Offenbarungen bestätigen wird: Immerhin zeigt auch dieses Urteil einen Grad von Voreiligkeit und selbstbewußten Vorgehens gegenüber der noch ausstehenden Entscheidung Roms, daß die Sache beinahe ins Tragikomische schillert. Zumal wenn man erwägt, wie wenig Rücksicht Rom in seiner ersten Antwort auf den Himmel und das Weltall Branders und auf das Leben Zahns genommen hat, indem es das so sicher erwartete damnamus und reprobamus, gegen die Offenbarungen, den Liebesbund und die Sakramentskirche von Schippach nicht ausgesprochen hat, vielmehr nur die Bischöfe anweist, sich ihres Rechtes zu bedienen; eines Rechtes, welches ihnen auch dahin zusteht, solche von Rom nicht verworfene Dinge auch ihrerseits einstweilen nicht zu verwerfen, sondern sie bis auf weiteres freizugeben.

Eine viel ernstere Bedeutung gewinnen die apodiktischen Urteile Branders und Zahns in den Augen desjenigen, der ihren Einfluß auf die Presse und die große Masse des Volkes wie auch des Klerus erwägt. Brander stellt in seiner bekannten Broschüre seinen Gewährsmann Zahn den Lesern vor als den Würzburger Dogmatikprofessor, der für Ferd. Schönings Wissenschaftliche Handbibliothek die schöne ,,Einführung in die Christliche Mystik“ geschrieben, der ein sehr tätiges Mitglied der Bischöflichen Prüfungskommission der Schippacher Offenbarungen war, und der als angesehener Fachmann sein Urteil in dieser Sache Brander gegenüber dahin zusammenfaßte, er könne sein Leben verbürgen für die Unechtheit der Schippacher Offenbarungen. Von sich selbst rühmt Brander, daß er seine Broschüre mit Sachlichkeit verfaßt, und zwar so, daß die Anhänger der Seherin von Schippach gegen seine Untersuchungsmethode nichts einwenden könnten. Auch der Verlag preist die Brander’sche Broschüre als derart ,,sachlich, quellenmäßig exakt und theologisch gediegen“ an, daß einfach ,,ein ernstlicher Widerspruch unmöglich“ sei.

Der Zweck dieser, ebenfalls recht wenig an Bescheidenheit erinnernden, Bespiegelungen ist klar. Die öffentliche Meinung sollte mit Hilfe des Ansehens theologischer Fachmänner auf ein absolut verwerfendes Urteil derart festgelegt werden, daß jeder Widerspruch schlechthin ausgeschlossen war, ja nicht einmal der Gedanke an ein anders lautendes Urteil Roms aufkommen durfte. Inwieweit dabei auch die Hoffnung mitspielte, durch solch ,,robustes“ theologisches Auftreten, und besonders durch die so geschaffene öffentliche Meinung den Heiligen Stuhl von vornherein von dem ,,Wagnis“ eines bestätigenden Urteils abzuhalten, steht dahin. Die nervöse Unruhe und die Überstürzung, mit der Brander seit mehreren Jahren in der Tagespresse, in theologischen, politischen und sonstigen Zeitschriften die Öffentlichkeit gegen Schippach in Atem zu halten und sein und Zahns abfälliges Urteil den weitesten Kreisen förmlich aufzudrängen sucht, muß bei der Erwägung, daß auf diese Weise dem Urteil Roms ganz exorbitant vorgegriffen wird, jeden ruhig denkenden Katholiken peinlich berühren. Es schmeckt dieses Vorgehen gar zu sehr nach der Ansicht Döllingers: ,,Die Theologie (d.h. das Professorentum) ist es, welche der rechten gesunden öffentlichen Meinung in religiösen und kirchlichen Dingen Dasein und Kraft verleiht, der Meinung, vor der zuletzt Alle sich beugen, auch die Häupter
der Kirche und die Träger der Gewalt.“

Wie wenig sich indessen Rom von der, selbst durch angesehene Theologen erregten, öffentlichen Meinung imponieren läßt, mußte schon Döllinger erfahren. Und wie leicht die öffentliche Meinung und das fast evident sichere Urteil, von Theologen auch heute noch durch den Apostolischen Stuhl desavouiert werden kann, haben wir eingangs an der Sache der Ekstatischen von Luxemburg, Klara Moes, gezeigt. Es wäre also durchaus nicht undenkbar, daß Rom im Falle von Schippach schließlich anders entscheiden würde, als Brander, Zahn und die ihnen folgende Presse wünschen.

Diese Möglichkeit muß unbedingt offen gelassen werden. Sie nach Brander’scher und Zahn’scher Methode zu leugnen, ist der Gipfel der Unbescheidenheit gegenüber dem Heiligen Stuhl, und zugleich eine große Gefahr für das kirchliche Leben. Denn je intensiver der öffentlichen Meinung die Unmöglichkeit einer bestätigenden Entscheidung Roms eingeredet worden ist, um so schwieriger wird es sein, beim Eintreffen einer solchen Entscheidung die irregeleitete Masse des Volkes zur Unterwerfung unter das päpstliche Urteil zu bewegen.

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III. Pietät gegenüber Privatoffenbarungen

Eine weitere Forderung, welche die Theologie an die Behandlung mystischer Fragen stellt, ist die Pietät gegenüber Privatoffenbarungen und Schriften frommer Personen. Dieser Pietät entspricht es, solche Offenbarungen nicht mit allzugroßem Mißtrauen, sondern mit jener Liebe und Ehrfurcht zu prüfen, die wir frommen Personen stets schulden. Daher fordern Benedikt XIV. und die übrigen Autoritäten der mystischen Theologie für die Prüfung von Privatoffenbarungen die pia et modesta interpretatio, d.h. die pietätvolle und bescheidene Auslegung der in denselben enthaltenen schwierigen Stellen. Vor allem bezeichnen sie es als eine Forderung der Billigkeit und Gerechtigkeit, daß Stellen, welche einen mehrfachen Sinn zulassen, in einem Sinne aufgefaßt und erklärt werden, der sich mit der Regel des Glaubens vereinbaren läßt. Als durchaus unbillig und ungerecht sehen sie es dagegen an, wenn gewisse Stellen frommer Offenbarungen gleichsam ohne weiteres als falsch, ketzerisch, der Heiligen Schrift widersprechend bezeichnet werden, weil sie auf den ersten Blick in solchem Sinne verstanden werden können. Sie weisen nämlich stets darauf hin, daß alle Privatoffenbarungen ohne Ausnahme schwierige, dunkle, mißverständliche Stellen enthalten, und sie geben auch eine schöne und einleuchtende Erklärung hierfür, indem sie betonen, daß Gott dies zugelassen oder gewollt zu haben scheine, um der menschlichen Weisheit Gelegenheit zu bieten, kindlichen Glauben, christliche Demut und guten Willen zu zeigen.

An dieser wohlwollenden und pietätvollen Liebe läßt es aber die gegen Schippach kämpfende literarische Kritik ganz bedeutend fehlen. Wenn Brander seine Broschüre mit den Worten beginnt: ,,An sich sind die Schippacher Offenbarungen nicht wert, auch nur einen Bogen Papier darüber zu verschreiben oder eine Minute Zeit darauf zu verwenden. Denn sie sind die Halluzinationen einer bedauernswerten Nervenkranken...", so zeigt schon diese Sprache ein gerütteltes Maß von wegwerfender Verachtung und tiefgründigem Übelwollen.

Sie läßt aber auch sofort erkennen, zu welch falschen, unwahren Urteilen eine solche Gesinnung führt. Jeder, der Barbara Weigand von Schippach persönlich kennt, weiß, daß bei der außerordentlich kräftigen und gesunden Konstitution dieser Person die Behauptung von Nervenkrankheit entweder lächerlich oder empörend wirken muß. Noch im Jahre 1915 hat ein angesehener Mediziner, ein preußischer Oberstabsarzt, der auf die Andeutungen der Presse über angebliche hochgradige Hysterie der Seherin von Schippach Interesse an dem Falle gewann, sich die Mühe gemacht, Barbara Weigand eingehend auf Hysterie zu untersuchen; er hat festgestellt, daß bei dieser Person auch nicht die Spur eines solchen Leidens vorhanden ist, vielmehr die ganze Körper- und Geistesverfassung derselben diejenige eines durch ländliche und sonstige körperliche Arbeit außerordentlich gekräftigten und widerstandsfähigen Organismus ist. Auch früher, während der ekstatischen Zustände, hat ein Arzt bereits erklärt, daß diese Erscheinungen, die Barbara selber als ihr mystisches Leiden bezeichnete, nicht auf natürliche Krankheit zurückzuführen seien. Wie kann Brander wagen, die leichtfertige Behauptung in die Welt hinauszuschleudern, Barbara Weigand sei eine bedauernswerte Nervenkranke? Eine solche schwerwiegende, Irreführung der Öffentlichkeit ist nur aus einem Übermaß von übelwollendem Vorurteil zu erklären.

Wie aber Brander seine Broschüre mit dem Ausdruck der Verachtung gegen die von ihm zu prüfende Sache beginnt, so schließt er sie auch mit dem Eingeständnis des maßlosen Widerwillens, der ihn gegen die Schippacher Offenbarungen während der von ihm angestellten Prüfung beseelte. Und dies gegen Offenbarungen, von welchen hochangesehene Theologen und gebildete Laien versichern, daß sie dieselben mit wahrem Genusse und mit wahrer Erbauung gelesen haben. Brander aber muß gestehen, daß er aus Widerwillen manchmal alle Willensanstrengung aufbieten mußte, um die Prüfung der Weigand'schen Schriften fortzusetzen. Das ist nicht die Gesinnung, welche die Theologie von denjenigen verlangt, die an die Prüfung solcher Schriften herantreten wollen. Da fehlt schon die notwendige Objektivität und Vorurteilslosigkeit, um so mehr jede Pietät, Achtung und Rücksicht. Wer möchte sich auf das Urteil eines derart voreingenommenen Kritikers verlassen? Wer möchte sich zu der Annahme versteigen, daß der Apostolische Stuhl wirklich kein anderes Urteil finden werde, als das eines solchen Kritikers?

Wir möchten jedoch unsererseits mit Brander keineswegs allzu strenge ins Gericht gehen. Brander steht in seiner ganzen Beurteilung von Schippach unter dem Einfluß des Zeitgeistes. Und die Macht des letzteren ist bekannt. Wer die Bedeutung desselben für die mystische Theologie kennen lernen will, der vergleiche irgend ein älteres gediegenes Werk dieser Disziplin mit jenem neueren Handbuch der Mystik, auf welchem Branders Wissenschaft hauptsächlich fußt, der ,,Einführung in die christliche Mystik von Dr. Joseph Zahn". Dieses Werk ist gewiß nicht geeignet, um Katholiken mit Liebe und Begeisterung für die Mystik, diese ,,Krone der dogmatischen und Moraltheologie", diese ,,wahre Wissenschaft des wahren Lebens", wie sie Kardinal Deschamps nennt, zu erfüllen. Das Zahn'sche Buch bemüht sich vielmehr, nur eine Menge von Bedenken, eine ängstliche Scheu gegenüber allen mystischen Dingen einzupflanzen. Sein Hauptbestreben geht dahin, auch auf dem Gebiet der katholischen Mystik recht sorgfältig alles das auszuräumen, was der Protestantismus als Inferiorität deuten möchte. Im Laufe seiner, ganz in der dunkeln Sprache Schells, Euckens, Hegels gehaltenen psychophysiologischen, psychopathogräphischen und sonstigen Prüfung , der ,,mystischen Phänomäne" läßt es schließlich von dem herrlichen Bau der katholischen Mystik, welchen die Vorzeit errichtete, nur eine Ruine stehen, in deren öden Hallen nichts als die Angst vor der Täuschung und die Angst vor dem Lächeln eines modernen Pelagianertums wohnt.

An diesem Werke hat sich Brander offenbar übernommen. Aus ihm hat er das Gruseln gelernt vor dem Spott des Protestantismus über katholische Privatoffenbarungen. Daher auch seine offen eingestandene Furcht vor einer in Schippach entstehenden zweiten Auflage Jes Taxilskandals. Diese den Kindern unserer Zeit so vielfach eigenen, und von modernen Taxilenthüllern so systematisch gepflegten, nervösen Angstzustände gegenüber allen außerordentlichen Erscheinungen des übernatürlichen Gebietes wollen wir Brander gern zugute halten. Daß aber Kritiker von solcher Mentalität für die Behandlung mystischer Probleme, wie desjenigen von Schippach, wenig geeignet sind, liegt auf der Hand.

Es macht sich bei solchen Kritikern vor allem der Mangel einer pietätvollen und maßvollen Auslegung von schwierigen Stellen solcher Offenbarungen bemerkbar. Die Angst vor der Täuschung, die Abneigung gegen das mystische Gebiet überhaupt, die geringschätzige Bewertung des religiösen Wissens der oft den niederen Ständen angehörenden und manchmal in gewöhnlichen, platten und ungeschickten Worten redenden Visionäre verleitet Kritiker der bewußten Art nur zu leicht zu dem Fehler, mißverständliche Stellen von Privatoffenbarungen ohne weiteres nur in einem falschen, gefährlichen, destruktiven Sinne zu deuten. Sie werden dabei oft die richtigen Ketzerriecher und Sektenschnüffler.

Auch Brander leistet in dieser Hinsicht Erstaunliches. Durch eine überstrenge, oft gezwungene Auslegung endet er in den Schippacher Offenbarungen auf Weg und Steg Ungereimtheiten, Widersprüche, Verstöße gegen Sitten und Glauben, Häresie. Seine pessimistische Diagnose gipfelt schließlich in der ungeheuerlichen Anschuldigung der Gründung einer neuen Sekte, die in der Schippacher Sakramentskirche ihre Mutterkirche erstehen lassen wolle. Für den Kenner der Verhältnisse wird hier der Brander'sche Feldzug zur Donquichotterie, zu einem Windmühlenkampfe jämmerlicher Art.

Eine pia et modesta interpretatio hätte Brander vor diesem Abwege behüten können. Gerade die Stellen, in welchen Brander Ketzereien der ärgsten Sorte erblickt, wie z. B. Behauptung der Insuffizienz der Heiligen Schrift, des Lehramtes der Kirche, des katholischen Priestertums, oder ein Leiden Christi in der Eucharistie, ein mechanischer Ersatz der fehlenden Verdienste u. a. m. lassen sich sehr wohl in einem der Regel des Glaubens entsprechendem Sinne deuten. Bezüglich der Stellen über ein gewisses Leiden Christi in der Eucharistie vergleiche man z. B. die trefflichen Darlegungen, welche Regens Dr. Schreiber-Fulda in der Zeitschrift Eucharistia, (Nr. 5 vom Mai 1916) bei einer anderen Gelegenheit über die dem Glauben entsprechende Auslegung solcher Worte gegeben hat.

Es wäre nicht allzu schwer, für jede einzelne von Brander beanstandete Stelle zahlreiche Parallelstellen aus den mystischen Schriften anderer frommer oder auch heiliger Personen anzuführen. Bieten aber die Schippacher Schriften z. B. auch nur annähernd so schwierige Stellen, wie deren eine ganze Reihe in den Schriften der hl. Brigitta zu finden sind? Da sagt unter anderem der Heiland zur hl. Brigitta bezüglich pflichtvergessener Priester: ,,Sie haben den Schlüssel verloren, mit dem sie den armen Sündern den Himmel öffnen sollten". Und wiederum spricht dort die allerseligste Jungfrau von dem Verluste der Konsekrationsgewalt bei abgefallenen Priestern. An anderer Stelle läßt Brigitta den Heiland davon sprechen, daß er Glaube, Hoffnung und Liebe besitze. Daß diese Stellen sich in häretischem Sinne erklären lassen, liegt auf der Hand; und eine Brander'sche Exegese würde sie auch nicht anders deuten. Die großen Erklärer der hl. Brigitta, Durantus, Benedikt XIV. und Turrecremata aber geben zu diesen Stellen sehr schöne und korrekte Auslegungen. Ihnen zufolge haben pflichtvergessene und abgefallene Priester insofern die Schlüsselgewalt und die Konsekrationsgewalt verloren, als ihnen die Verwaltung der Sakramente von Rechts wegen verboten ist; und unter dem Glauben und der Hoffnung, welche der Heiland sich zuschreibt, sind nicht die betreffenden theologischen Tugenden, sondern das Wissen des Heilandes und die sichere Hoffnung, daß sein Leib verherrlicht werde, zu verstehen. Wenn aber eine solche weise Mäßigung in der Auslegung schwieriger Stellen von Privatoffenbarungen durchaus gefordert werden muß, dann hat Brander durch seine rücksichtslose Verketzerungssucht gegenüber den Schriften und Personen von Schippach schwer gefehlt.

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IV. Regeln bei der Prüfung von Privatoffenbarungen

Eine von den Lehrern der mystischen Theologie wieder und wieder betonte Regel ist die, daß man Privatoffenbarungen wegen in ihnen vorhandener Irrtümer, Widersprüche, nicht erfüllter Weissagungen u. dgl. nicht ohne weiteres in Bausch und Bogen verwerfen darf, falls sie im großen und ganzen geeignet sind, Erbauung und Nutzen zu bringen und wenigstens der Hauptsache nach als von Gott kommend angesehen werden können. Die Art, wie Brander und die von ihm inspirierte Presse gegen diese theologische Regel fehlt, vermag auch den letzten Rest von Vertrauen gegenüber der von den Genannten beliebten Prüfung und Kritik zu rauben.

Branders Grundirrtum liegt hier in der verkehrten Anwendung des an sich richtigen Schlusses: Gott kann nicht Irrtümer offenbaren; nun enthalten aber gewisse Schriften Irrtümer; also können sie keine von Gott stammenden Offenbarungen sein. Wie die Theologie durchweg lehrt, kann dieser Schleiß nur auf die allgemeine und ordentliche Offenbarung oder Prophetie, nie und nimmer aber auf die Privatoffenbarung angewendet werden. Brander aber wendet den genannten Schluß auch auf Privatoffenbarungen an und gründet darauf seine ganze journalistische und Broschüren-Argumentation gegen Schippach. Bereits in der Allgemeinen Rundschau schrieb er: ,,Wir wissen, daß eine göttliche Inspiration der B. W. durch die dogmatischen Irrtümer, Übertreibungen, Widersprüche, unerfüllten Vorhersagungen, abergläubigen Versprechungen und zahlreichen Ungereimtheiten ihrer Schriften als absolut ausgeschlossen zu betrachten ist. Auf derselben Beweisführung beruht auch seine Broschüre. Das ganze Kartenhaus dieser Schlußfolgerung fällt aber in sich zusammen durch den Nachweis, daß Irrtümer u. dgl. sehr wohl in Privatoffenbarungen vorkommen können und tatsächlich sogar in approbierten Privatoffenbarungen oft vorhanden sind, ohne solchen mystischen Schriften den Charakter göttlicher Offenbarungen zu rauben.

Letzteres ergibt sich schon aus dem Unterschied zwischen perfekter und imperfekter Prophetie, wie ihn die Dogmatik lehrt. Während diese unter perfekter Prophetie jene Offenbarung versteht, die mit der absoluten Gewißheit verbunden ist, daß Gott und nicht etwa der Geist des Propheten geredet hat, und derselben somit nie etwas Falsches beigemischt sein kann, bezeichnet sie als imperfekte diejenige, wo es an diesem klaren Lichte der Prophetie und dem darauf sich gründenden unfehlbaren Urteile fehlt. ,,Da bei letzterer," schreibt Heinrich, ,,sich mit der Eingebung des heiligen Geistes leicht Gedanken des eigenen menschlichen Geistes verbinden können, so kann solcher imperfekten Prophetie auch Falsches beigemischt werden, ohne daß die Möglichkeit gegeben wäre, beides mit genügender Sicherheit zu unterscheiden."

Die Gründe, aus welchen in Privatoffenbarungen vielfach Irrtümer vorkommen können, erklärt sehr schön der Redemptorist P. Gebhard Wiggermann in den Worten: ,,Was die Art und Weise der göttlichen Mitteilung anlangt, so waren die Empfänger und Vermittler der allgemeinen Offenbarung vom heiligen Geiste in der Weise erleuchtet und geleitet, daß sie nicht irren konnten, und daß ihre Aussprüche im eigentlichen Sinne Worte Gottes sind; die Träger von Privatoffenbarungen dagegen sind wohl auch vom Geiste Gottes übernatürlich erleuchtet; sie schauen im göttlichen Lichte verborgene Wahrheiten und besitzen zumeist auch die Gabe der Prophezeiung im eigentlichen Sinn; allein sie sind weder in Bezug auf das Schauen, noch in Bezug auf die Mitteilung vor jedem Irrtum durchaus gesichert; sie können zuweilen etwas als übernatürliche Erleuchtung ansehen, was nur das Resultat menschlicher Erkenntnistätigkeit ist; sie können, wenn sie eine bloße Vision (ohne Offenbarung) empfangen, derselben möglicherweise einen anderen Sinn beilegen, als dieselbe in Wirklichkeit hat; sie können ferner beim Mitteilen des Geschauten einzeln der geoffenbarten Dinge vergessen, verwechseln oder auch in Ausdrücken wiedergeben, welche nicht zutreffend sind, da es überaus schwierig ist, übernatürliche Wahrheiten, die man in der Ekstase geschaut, im gewöhnlichen Zustande in die passenden Worte zu kleiden."

Man beachte auch folgende Ausführungen des hier ebenfalls als Autorität anzusprechenden P. Jeiler O. S. Fr.: ,,Selbst dann, wenn eine Vision wirklich von Gott kommt und rein intellektuell und also an sich untrüglich ist, bleibt es keineswegs ausgeschlossen, daß in der Mitteilung derselben Irrtümer eingeschlichen sind, wie nach der gewöhnlichen Meinung Benedikt XV. lehrt. Denn ein solches an sich wahres, aber auch unaussprechliches Gotteswort muß erst in unvollkommene und inadäquate menschliche Worte übersetzt werden, was für gewöhnlich durch Anwendung menschlicher Geisteskräfte und nicht ohne die naheliegende Möglichkeit geschieht, mit dem göttlichen Lichte sich das beschränkte Vernunftlicht und mit der geoffenbarten Wahrheit ein Irrthum vorgefaßter Meinungen einmische. Mit Recht sagt Gueranger (L'Univers 1858 n. 22): Privatoffenbarungen gelangen nicht immer rein von jeder Beimischung zu uns. Gott läßt dieses zu, auf daß wir niemals der Versuchung nachgeben, das Ansehen derselben mit der heiligen Schrift auf eine Linie zu stellen."

Mit seiner Zusammenstellung einer Reihe von angeblichen oder wirklichen Irrtümern hat also Brander nicht das geringste gegen die Schippacher Offenbarungen bewiesen. Eine ähnliche und vielleicht noch längere Reihe von Irrtümern hätte er auch aus den Schriften einer hl. Brigitta, der beiden Mechtilden und anderer Ekstatischer zusammenstellen, und mit demselben Recht bzw. Unrecht auch deren Unechtheit ,,beweisen" können. P. Poulain S. J. führt nicht weniger als 31 fromme Personen an, in deren Offenbarungen sich Irrümer finden, und er sagt, man könne bei Personen, die noch nicht zu hoher Heiligkeit gelangt sind, ohne Unklugheit festhalten, daß drei Viertel all ihrer Offenbarungen Täuschungen seien; also auch beim Vorhandensein einer solchen Masse von Täuschungen bleibt dennoch ein Viertel richtige Offenbarungen, wegen deren man das ganze nicht in Bausch und Bogen verwerfen darf.

Brander behauptet nun, daß eben wegen der von ihm angegebenen Irrtümer eine Bestätigung der Schippacher Offenbarungen durch den Apostolischen Stuhl ganz unmöglich sei. Er zeigt damit, daß er seinen Deduktionen auch einen verkehrten Begriff von der päpstlichen Bestätigung oder Approbation von Privatoffenbarungen zugrunde legt; denn er nimmt offenbar an, daß diese Bestätigung die absolute und vollständige Wahrheit des Inhaltes solcher Schriften beglaubige. Eine solche Annahme ist jedoch falsch. Die päpstliche Approbation von Privatoffenbarungen will als sicher nur feststellen, daß ihr Inhalt bei vernünftiger und gemäßigter Auslegung (pie et prudenter intellectum) nicht dem Glauben und den guten Sitten widerspricht oder gefährlich ist; daß dieselbe durchaus nichts Absurdes und Unglaubliches enthält, sondern dem Leser Erbauung und Nutzen bringen kann; und endlich, daß man aus vernünftigen Gründen annehmen darf, die angeblichen Offenbarungen seien wirklich von Gott und ihre Mitteilungen wenigstens der Hauptsache nach wahr.

Nach diesen Grundsätzen würde die kirchliche Approation der Schippacher Offenbarungen keineswegs die volle Wahrheit alles dessen, was in denselben enthalten ist, verbürgen; es könnten Irrtümer in denselben entalten sein und selbst solche Meinungen, welche von seither in der Kirche frei gelehrten Lehrsätzen und Tatsachen abweichen, ja sogar Sätze, die auf den ersten Blick bei einer strengen Auslegung als häretisch erscheinen könnten. Ob aber die kirchliche Approbation in diesem ihrem richtigen Sinne für die Schippacher Schriften gänzlich ausgeschlossen sein soll, wird derjenige lebhaft bezweifeln, der weiß, wie sehr Brander die Schippacher Offenbarungen gerade ihrer Hauptsache nach, nämlich in ihren absolut korrekten, erbaulichen und nützlichen Partien unbeachtet läßt, und wie sehr seine Beanstandungen durchaus nicht auf einer gemäßigten Auslegung beruhen.

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V. Authentizität von Privatoffenbarungen

Es liegt auf der Hand, daß eine sachliche Kritik vor allem auch festzustellen hat, ob die zu beanstandenden Stellen einer mystischen Schrift authentisch sind, d.h., ob dieselben wirklich von der betreffenden visionären Person stammen, oder ob sie nicht etwa durch das Zutun anderer Personen, besonders von Sekretären oder Abschreibern, entstellt, geändert, korrumpiert sind. Sind sie nicht authentisch, so scheiden solche Stellen selbstverständlich für den Beweis der Echtheit der betreffenden Offenbarungen ganz aus und sind auch für die sonstige Beurteilung derselben nur mit Vorsicht zu verwenden.

Auch diese Regel wird von Brander gänzlich mißachtet. Er erkennt zwar, daß zahlreiche der von ihm beanstandeten Stellen offenbar nicht authentisch sind ; ja, er zieht sogar den viel zu weitgehenden Schluß, daß von den Schippacher Offenbarungen ein authentischer Text überhaupt nicht vorliege; auch findet er, daß es sich dabei um die Schuld einer oder mehrerer Sekretärinnen handelt. Gleichwohl nimmt er keinen Anstand, gerade auf diese Wahrnehmungen sein Verwerfungsurteil aufzubauen bzw. alle wahrgenommenen Anstände kritiklos der Seherin von Schippach selber aufs Konto zu schreiben.

Wie beim Wahrnehmen nicht authentischer Stellen eine wahrhaft sachliche, bescheidene und pietätvolle Kritik vorzugehen pflegt, zeigt z.B. B. P. Jailers Biographie der seligen Kreszenzia Höß von Keufbeuren. Der Biograph erkannte, daß schon in den ersten Quellen viel Unglaubwürdiges, Übertriebenes, Falsches über Kreszenzias wunderbare Zustände, Gnadengaben und sonstiges Leben enthalten ist. Aber weit entfernt, nun sofort auf die Unechtheit und Unglaubwürdigkeit aller bezüglich Kreszenzias überlieferten mystischen Dinge zu schließen, sieht er vielmehr nach, wo denn eigentlich die Schuld an diesen unglaubwürdigen Berichten liegt. Er findet alsbald, daß Kreszenzia selber keinerlei Schuld an den über sie verbreiteten verkehrten Erzählungen trägt. Vielmehr stellt sich heraus, daß die Sekretärin der Seligen, die Ordensschwester Maria Anna Neth, die Hauptursache der Entstehung und Verbreitung jener überschwenglichen und falschen Berichte war. Auf Befehl ihrer Oberin mußte Kreszenzia die ihr gewordenen außerordentlichen Gnaden jeweils der Schwester Maria Anna Neth zur Aufzeichnung mitteilen. Die genannte Schwester aber brachte viel Entstelltes und Unrichtiges in ihre Aufzeichnungen hinein, nicht etwa aus bösem Willen, wohl aber aus Vergeßlichkeit und Ungenauigkeit bei der schriftlichen Wiedergabe des aus dem Munde Kreszenzias Vernommenen. Der letzte Beichtvater Kreszenzias, P. Johann Baptist Pamer S. J. erklärte denn auch, daß die Schwester Maria Anna aus Einfalt, Phantasie und Vergeßlichkeit vieles Falsche, Unpassende und Sonderbare hineingemischt, und daß die selige Kreszenzia oft unter Tränen gegen diese Unwahrheiten protestiert habe. Nicht also die Sache Kreszenzias, sondern die Arbeit der Schwester Maria Anna war zu beanstanden. Und demgemäß urteilt denn auch ihr Biograph P. Jailer.

Auch durch die Aufzeichnungen über die ekstatischen Zustände und visionären Aussagen von Barbara Weigand ziehen sich wie ein roter Faden die oft ganz leicht als solche kenntlichen Abirrungen mehrerer, und besonders einer von Brander mit Namen genannten Sekretärinnen. So fragt z. B. eine der Sekretärinnen den aus der Ekstatischen redenden Heiland am Schlusse der Ekstasen öfters über mancherlei persönliche, private Verhältnisse u. dgl. Es liegt nun für den Sachverständigen auf der Hand, daß diese Fragen und Antworten sehr leicht in einen Zeitpunkt fallen konnten, in welchem die Ekstase selber bereits zu Ende war und das Reden des Heilandes zur Begnadigten schon wiederum aufhörte. Die Begnadigte selber aber gab nun wohl, wie der hl. Thomas von Aquin dies bei Visionären sehr gut für möglich hält, ex magno usu prophetandi, aus der Macht ihrer visionären Gewohnheit heraus, eine Antwort, welche die Begnadigte selber und ihre Sekretärin zwar in bestem Glauben für göttlich inspiriert hielten, während diese Antwort in Wirklichkeit nur ein gewohnheitsmäßiges Weiterarbeiten frommer Phantasie war.

Es kann auch der Fall eintreten, daß sich solche nur vermeintlich von Gott kommenden, in Wirklichkeit aber aus der menschlichen Phantasie des Visionärs stammenden Antworten mitten in einer Ekstase und mitten unter wirklich inspirierten Antworten ergeben. Man fragt inmitten der Ekstase den aus der Visionärin redenden Heiland über irgend eine Sache. Der Heiland aber würdigt uns in dieser Sache keiner Antwort. Die Visionärin, jedoch glaubt aus dem oben angeführten Grunde in ihrer Phantasie eine Antwort zu hören und bringt diese auch vor. Dann aber beginnt der Heiland wieder mit seinen göttlichen Ansprachen an die Begnadigte. Sehr schön erklärt der hl. Johannes vom Kreuz, wie menschliche Phantasien sich mitten in das übernatürliche Schauen manchmal einschleichen können. Der in das beschauliche Gebet versunkene Mensch führt nach den Darlegungen des Heiligen eine Art Selbstgespräch. Er spricht mit sich selbst und antwortet sich, wie eine Person der anderen und in gewisser Weise ist es auch so. Denn wenn auch der Geist des Menschen selbst hier tätig ist, so hilft ihm doch der heilige Geist zuweilen, jene Begriffe, Worte und Schlüsse der Wahrheit gemäß hervorzubringen und zu bilden. Da aber, so fährt der Heilige fort, ,,jenes Licht, das ihm mitgeteilt wird, oft sehr fein und geistig ist, so daß der Verstand nicht weit genug ausreicht, um sich darüber gut zu verständigen, und doch der Verstand es ist, der wie gesagt die Vernunftschlüsse aus sich bildet, so kommt es, daß er manchmal falsche, nur wahrscheinliche oder mangelhafte Schlüsse bildet. Da er anfangs den Faden der Wahrheit zu nehmen begonnen hat, und alsbald die Geschicklichkeit oder vielmehr Ungeschicklichkeit seines eigenen niedrigen Verstandes dazulegt, so ergibt sich leicht, daß er nach seiner Fassungskraft verschiedenes ausheckt, und alles so vor sich geht, als redete eine dritte Person. Ich kannte eine Person, die solche sukzessive Ansprachen hatte, unter denen sehr wahre und substantielle waren, die sie über das heiligste Sakrament der Eucharistie bildete, unter denen aber auch sehr irrtümliche sich befanden."

Man erkennt, wie weit ein Kritiker sich verirren und welch schweres Unrecht er zuzufügen vermag, wenn er aus dem Vorhandensein unechter Stücke auf die Unechtheit des ganzen Komplexes der betreffenden mystischen Schriften schließt, oder wenn er bei den in Betracht kommenden Begnadigten und deren Sekretären wegen vorhandener unechter Stücke ihrer Aufzeichnungen ohne weiteres bösen Willen, betrügerische Absichten voraussetzen wollte.

Dasselbe ist zu sagen mit Bezug auf solche Teile mystischer Schriften, welche sich als eigenmächtige Änderungen, Einschiebungen, Verbesserungen vonseiten dritter Personen kenntlich machen. Auch derartige Partien sind nicht schlechthin als Beweismaterial für die Unechtheit der ganzen Schrift anzusehen und auch sie lassen sich aus vielen anderen Ursachen, als wie nur aus beabsichtigtem Betruge erklären. In Barbara Weigands Offenbarungen gibt der Heiland selber ein oder das andere Mal den Sekretärinnen die Anweisung, Verbesserungen des Textes vorzunehmen, wenn solche ganz offenbar nötig erscheinen sollten. Die Sekretärin durfte sich in letzterem Falle also ohne Sünde gewisse Änderungen des Textes gestatten, und hat solche auch tatsächlich vorgenommen. Ob diese Änderungen aber stets das Richtige trafen und ob auf diesem Wege nicht oft des Guten bzw. des Verkehrten zu viel geschah, ist eine andere Frage.

In jedem Falle handelt es sich bei den von Brander betonten Anständen um eine lange Reihe von Stellen, die nicht authentisch sind, ohne daß sie dadurch der Gesamtheit der Weigand'schen Schriften den authentischen Charakter rauben und ohne daß sie gegen den Wahrheitssinn und die Redlichkeit der Seherin und ihrer Sekretärinnen den geringsten Verdacht zu erregen brauchen.

Nun beachte man aber, wie Brander gerade derartige, offenbar nicht authentische, willkürlich geänderte oder der rein menschlichen Phantasie der Seherin entsprungene Stellen der Schippacher Offenbarungen zum Beweise seiner These von der absoluten Unechtheit dieser Offenbarungen vor dem großen Publikum ausschlachtet. Er geht dabei so weit, daß er sogar Produkte des ordinärsten Mainzer Stadtklatsches, die mit den Schippacher Offenbarungen nicht das geringste zu tun haben, hereinzieht, um sie Barbara Weigand und deren Anhängern an die Rockschöße zu hängen. Die ,,quellenmäßig exakte" Methode Branders feiert hier ihre höchsten, wenngleich billigsten, Triumphe. Der Mann aus dem Volke fragt sich mit Brander verwundert, wie man Schriften, die ,,solches Zeug" enthalten, auch nur von ferne als göttliche Offenbarungen ansehen könne. Der mit der mystischen Theologie auch nur einigermaßen Vertraute jedoch gewahrt mit Bedauern die ganz verkehrten Wege, auf welchen eine nicht sachgemäße Kritik hier die öffentliche Meinung irreführt.

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VI. Die Trägerin von Privatoffenbarungen

Bezüglich der Privatoffenbarungen mahnt der Apostel: ,,Prüfet alles; was gut ist behaltet." Wie mangelhaft Brander den ersten Teil dieser apostolischen Mahnung befolgt hat, konnten wir aus dem Gesagten einigermaßen erkennen. Den zweiten Teil aber, das Behalten des Guten, hat er schlechthin ganz beiseite gesetzt. Der Radikalismus seines Verwerfungsurteils ist nicht zu überbieten. Er findet in den Schippacher Schriften überhaupt nichts Gutes. Sie sind ihm ein Sammelsurium von Widersinn, Ungereimtheit, Anstößigktit, Irrtum, Fälschung, Betrug. Sie sind ihm ein häretisches Machwerk, dem die teuflische Absicht einer neuen Sektengründung und der Erbauung der Mutterkirche dieser neuen Sekte zugrunde liege.

Die Ursache dieses radikalen Urteils ist Branders Methode, die darin besteht, in irgend einem Handbuch der Mystik, sei es Zahn oder Poulain, das Kapitel über die Merkmale falscher Offenbarungen nachzuschlagen, und nun an Hand dieser Merkmale, ohne Beachtung der übrigen wichtigen Regeln der mystischen Theologie, gegen Schippach loszugehen.

Schon allein das Ergebnis dieser Methode muß den ruhig Urteilenden bedenklich stimmen. Gegenüber dem, was Brander von beanstandeten Stellen anführt, muß offenbar in den 2000 Seiten Schippacher Offenbarungen, welche Brander nach seiner eigenen Angabe geprüft, doch noch ein recht erklecklicher Teil nicht zu beanstandender Stücke übrig geblieben sein. Letztere stellen also in den Schippacher Schriften das Gute dar, das nach der Mahnung des Apostels behalten werden soll. Hat Brander es behalten? Hat er es, um seinen Lesern ein gerechtes Urteil zu ermöglichen, auch nur einigermaßen einer ähnlich ausführlichen Behandlung gewürdigt, wie die beanstandeten Stellen? Davon, daß man aufgefundene Irrtümer und Mängel solcher Offenbarungen an die große Glocke hängen, vor der Menge des Volkes breittreten, und damit die betreffenden Offenbarungen im Ganzen und ihre Urheber der Verachtung, und dem Hohn einer urteilslosen Masse preisgeben soll, sagt der Apostel kein Wort. Aber daß man das Gute derselben behalten soll, dies befiehlt er ausdrücklich. ,,Wenn Paulus wiederkäme...", was würde er wohl zu Branders Methode sagen ?

Was Paulus zu dieser Methode sagen würde, ist uns ganz klar. Damit sagen wir aber nicht, was er etwa über die Schippacher Offenbarungen entscheiden würde. Wir betonen dies, um auszusprechen, daß wir weit davon entfernt sind, das in jenen Schriften enthaltene Gute über Gebühr hervorzuheben, oder gar in den noch gröberen Fehler zu fallen, nun unsererseits im voraus ein günstiges Urteil der obersten kirchlichen Behörde apodiktisch festzustellen. Wir haben uns, wie schon eingangs gesagt, nur zur Aufgabe gemacht, die Möglichkeit eines günstigen päpstlichen Endurteiles offen zu halten, nachdem diese so apodiktisch geleugnet worden ist.

Wir begründen nun diese Möglichkeit mit dem Hinweis auf das Gute der Schippacher Öffenbarungen, das Brander und die ihm folgende Presse fast keines Wortes gewürdigt haben. Um aber auch den Schein zu vermeiden, als ob wir über die guten Partien jener Schriften und über die guten Seiten der in Betracht kommenden Unternehmungen und Personen vorhandene Mängel und Schwächen ganz außer acht ließen oder irgend wie parteiisch vorgingen, sei hier kurz die Methode gekennzeichnet, der wir folgen.

Es ist die streng kirchliche Methode, die wir in einem Prozesse wahrnahmen, welchen wir bereits früher erwähnten, nämlich in dem Prozesse der Luxemburger Ekstatischen, Klara Moes.

Auch von den Offenbarungen, den Werken und den sittlichen Qualitäten dieser Begnadigten war in den Augen der öffentlichen Meinung nicht das geringste Gute mehr übrig geblieben. Auf den Rat einiger mit der Sache vertrauten römischen Prälaten aber setzte der jetzige Bischof von Luxemburg, Dr. Koppes, eine aus unparteiischen und anerkannten Fachmännern bestehende Prüfungskommission ein. Diese bestand aus nachbenannten Theologen: Dem Benediktinerabt Plazidus Woltei aus der Abtei Maredsous, dem Benediktiner Subprior Bonifatius Wolff, dem Dominikanerprior Alfons M. Portmanns und dem Jesuitenpater und Bolandisten Wilhelm van Hoff.

Diesem illustren Richterkollegium wurde nun zunächst von dem Hochwürdigsten Bischofe die genaue Prüfung der Originalakten anvertraut. Nach Erledigung dieser Aufgabe versammelten sich die Genannten am 10. Januar 1884 unter dem Vorsitze des Bischofs von Luxemburg in der Benediktinerabtei von Maredsous. Hier wurden nun drei scharf umschriebene Fragen vorgelegt und beantwortet. Sie lauteten:

1. Bieten die Schriftstücke des genannten Aktenmateriales Anzeichen welche die Theologen zur Annahme bestimmen müßten, Schwester Klara sei im ganzen Zusammenhang jener Angelegenheit vom bösen Feinde getäuscht?
Antwort : Nein.

2. Erscheint Schwester Klara in diesem Zusammenhang als eine solche, die andere hat täuschen oder betrügen wollen?
Antwort: Nein.

3. Ist der Zweck, den Schwester Klara glaubt erstreben zu müssen, ein guter?
Antwort: Ja.

Die beiden ersten Fragen wurden einstimmig verneint, die letzte einstimmig bejaht. Dieses Urteil ist im Kirchlichen Anzeiger der Diözese Luxemburg, 14. Jahrgang, Folge 1 und 2, veröffentlicht.

Schon die Formulierung der drei angegebenen Fragen bietet das Muster einer wahrhaft sachgemäßen und korrekten Behandlung derartiger Angelegenheiten. Die genannten Theologen sind sich vor allem bewußt, daß die Entscheidung über den Offenbarungscharakter mystischer Schriften allein dem Apostolischen Stuhle zusteht. Sie fragen sich also nicht, wie Rom entscheiden wird und muß, sondern darüber, welche Anhaltspunkte die Theologen aus dem Aktenmaterial gewinnen können. Sie zerbrechen sich nicht über den Offenbarungscharakter der vorliegenden Schriften die Köpfe, sondern erwägen die Frage, ob die in Betracht kommende Person vom bösen Feinde getäuscht ist. Sie kennen auch die Regel der mystischen Theologie, derzufolge begnadigte Personen in einzelnen Punkten vom Teufel oder sonstwie getäuscht sein können, ohne daß darum der ganze Komplex ihrer Visionen Täuschung sein muß; und so stellen sie die Frage, ob die betreffende Person im ganzen Zusammenhang jener Angelegenheit vom bösen Feinde getäuscht sein dürfte. Tiefes theologisches Wissen und tiefe theologische Bescheidenheit ringen in der Verhandlung dieser bischöflichen Kommission um die Palme.

Wir folgen demnach gewiß der denkbar besten Spur, wenn wir uns bei Beurteilung der Schippacher Sache an die Methode von Maredsous halten. Indem wir also neben dem Guten nicht die Mängel, und neben den Mängeln nicht das Gute der Sache zu übersehen bestrebt sind, wollen wir uns ebenfalls jener drei bestimmten Fragen bedienen:

1. Bieten die Schippacher Schriften Anzeichen, welche die Theologen zur Annahme bestimmen müßten, Barbara Weigand sei im ganzen Zusammenhang jener Angelegenheit vom bösen Feinde getäuscht?

2. Erscheint Barbara Weigand in diesem Zusammenhang als eine solche, die andere hat täuschen oder betrügen wollen?

3. Ist der Zweck der Gründung des eucharistischen Liebesbundes und der Erbauung der Sakramentskirche zu Schippach, den Barbara Weigand glaubt erstreben zu müssen, ein guter?

Dies sind die Fragen, an deren Hand der Theologe, ohne in die Rechtssphäre des Apostolischen Stuhles einzugreifen und ohne dem Urteil der Kirche vorzugreifen, sich sein dictamen conscientiae, sein Gewissensurteil, über die Sache von Schippach bilden kann und darf. Sie zeigen einen sicheren und klaren Ausweg aus all dem Wirrwarr der Meinungen, der das Problem von Schippach zur Zeit umgibt. Der Versuch ihrer ruhigen, sachlichen, bescheidenen und pietätvollen Beantwortung vermag wenigstens einigermaßen das nachzuholen, was die überstürzte und einseitige Brander'sche Pressefehde in dieser Sache versäumt hat.

Wir schließen uns der Methode von Maredsous um so lieber an, als dieselbe jüngst einen sehr bezeichnenden Angriff erfahren hat. Ein Kollege und Gesinnungsgenosse von Dr. Brander, der Kirchengeschichtsprofessor am Lyzeum zu Freising, Dr. phil. et rer. polit. August Ludwig hat in dem bekannten nichtkatholischen und auf Schritt und Tritt direkt kirchen- und glaubensfeindlichen Organ ,,Süddeutsche Monatshefte" (Aprilheft 1916) einen Aufsatz veröffentlicht mit dem Titel ,,Eine Luxemburger Heilige?" Darin macht er der Prüfungskommission von Maredsous den Vorwurf, daß sie in ihrer ganzen Fragestellung gerade das punctum saliens vergessen habe, nämlich die Frage: Ist die Person nicht psychopathisch zu beurteilen? In dieser Frage ruhe der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Angelegenheit. Man hätte die Mediziner, die Psychiater und Psychologen zu Rate ziehen sollen.

Jawohl! Dieselbe psychopathische Wissenschaft, die sich dazu hergibt, heute jeden Verbrecher und Lumpen zum Unschuldigen zu stempeln, die ist es, welche unsere Begnadigten zu Schuldigen bzw. zu Verrückten stempeln soll. Sie ist das punctum saliens mystischer Angelegenheiten durch die modernistische Theologie. Sie ist der Schlüssel zum Verständnis aller Fragen der mystischen Theologie, wenigstens nach der Anschauung der Modernisten.

Gott sei Dank, daß es, wie von Maredsous zeigte, doch noch Theologen gibt, welche das punctum saliens für die Entscheidung theologischer Fragen in den Grundsätzen der Theologie und nicht in irgend welchen weltlichen und oft recht unsicheren Wissenschaften erblicken. Gott sei Dank, daß doch noch Theologen da sind, welche den Schlüssel zum Verständnis der mystischen Fragen bei den Meistern der mystischen Theologie und nicht bei den Lehrlingen moderner Scheinwissenschaft suchen.

Sehen aber jene modernistischen Neologen gar nicht ein, was sie tun, wenn sie die Hagiographie und Mystik in erster Linie zu einer Frage für Irrenärzte machen? Daß sie vom Standpunkt der Theologie aus direkt unwissenschaftlich handeln, ist noch das Geringste. Aber das wahrhaft entsetzliche ist, daß sie den Heiligen Geist lästern, der da weht wo er will. Hinter den Begnadigten, den Auserwählten des Heiligen Geistes, in erster Linie den Irrenarzt hersenden, bedeutet nur die Fortsetzung jener Lästerung, welcher sich die Juden schuldig machten, aIs sie das erste Wehen des Heiligen Geistes in den Aposteln mit den frivolen Worten bedachten: ,,Sie sind voll des süßen Weines." Der Ruf nach der Psychopathographie als dem punctum saliens für die Prüfung des beschaulichen Lebens und seiner der ungläubigen Welt fremd gewordenen Äußerungen ist doch im Grunde nichts anderes als der Ruf nach derselben Behandlung für die Begnadigten Lieblinge des Herrn, welche der Rationalismus eines Herodes dem Herrn selber angedeihen ließ, als er diesem den Narrenmantel umwarf.

Die Kirche und die kirchliche Theologie, die seit neunzehnhundert Jahren in der Beurteilung mystischer Fragen ohne die Psychopathographie ganz gut ausgekommen sind, werden zwar auch die gesicherten Erkenntisse dieser Wissenschaft sich zunutzen machen, wann und wo sie es für angebracht finden. Aber niemals kann es ihnen in den Sinn kommen, die Wissenschaft des Herrn Lombroso zum Kernpunkt der theologischen Untersuchung mystischer Probleme zu machen. In einem solchen Unterfangen werden die Kirche und ihre Theologen stets nur eine Entwürdigung der Theologie, eine den frommen Dienern Gottes angetane Schmach, und eine Lästerung des Heiligen Geistes erblicken, der in jenen Dienern Gottes wirkt.

Bis zu welchen Ausschreitungen aber der lästernde Geist modernistischer Pathographenmystik führt, dafür bietet der genannte Aufsatz von Dr. August Ludwig ein abschreckendes Beispiel. In der denkbar pietätlosesten und schmachvollsten Weise gibt dieser Aufsatz die wunderbaren, einem auserwählten Gefäße der Gnade zuteil gewordenen göttlichen Hulderweise dem verständnislosen Hohne eines un- und irrgläubigen Leserkreises preis. ,,Das auserwählte Wunderkind Klara Moes," so beginnt Dr. Ludwig seine Lästerungen, ,,will nach seiner Behauptung bereits im Augenblick der Taufe den vollen Vernunftgebrauch erhalten haben. Sie erkannte das Geheimnis der göttlichen Trinität, ein herrlicher Engel des Himmels stieg zu ihr herab, um in ganz besonderer, wunderbarer Weise durch die Jugend sie zu geleiten, während der Teufel beim Anblick des neugeborenen Kindes mit seinen Krallen sein Gesicht bedeckte" usw. usw. Und der Mann, der dies alles nun von der Höhe seiner psychopathographischen Kenntnisse herab mit ausgesuchtem, ungläubigstem Spotte übergießt, scheint keine Ahnung davon zu haben, daß die genannten wunderbaren Dinge Punkt für Punkt im Leben einer Anna Katharina Emmerich und vieler anderer Begnadigten, ganz in derselben Weise vorkommen!

Und warum glaubt Dr. Ludwig, wie er bereits bezüglich einer begnadigten Beatrix Schuhmann und einer Barbara Weigand getan, nun auch eine Klara Moes in die Reihe der Hysterischen klassifizieren zu müssen. Weil er bei Klara Moes ,,allzusehr das vermißt, was man sobrietas christiana, die christliche Nüchternheit und Besonnenheit, die wahre Einfalt und Einfachheit, heißt"; denn ,,es ist alles viel zu sehr aufs Außerordentliche, nie Dagewesene gestellt".

Das ist die alte Anklage, welche der Zeitgeist gegen fast alle wunderbaren Heiligenleben erhebt. Diesen Begnadigten, oder vielmehr dem Heiligen Geist, der in ihnen wirkt, gebricht es an ,,Nüchternheit". Ganz ,,unbesonnen" stellt der Geist Gottes da sein Wirken aufs Außerordentliche ein, das die schlichte, einfache Denkungsart der rationalistischen Biedermänner doch so wenig sympathisch findet. Viel zu viel des Übernatürlichen, allzu Übernatürlichen.

Das war auch schon die Anklage, welche eine hl. Theresia wegen ihrer zahlreichen und ganz außerordentlichen göttlichen Gnadenerweise über sich ergehen lassen mußte. Aber ein Theologe wie Dr. Ludwig müßte doch eigentlich wissen, was die Theologen der Rota Romana auf diese Anklage antworteten. Sie schreiben im Kanonisationsprozeß der hl. Theresia in der Relatio de virtutibus (art. 21): ,,Daß Gott durch Visionen und Offenbarungen so vertraut zu seinen treuesten Freunden redet und ihnen seine Geheimnisse offenbart, ist weder neu noch ungewöhnlich... Ja, beinahe alle Heiligen, insbesondere die Ordensstifter, sind mit göttlichen Visionen und Offenbarungen ausgezeichnet gewesen, wie wir z. B. in den Lebensbeschreibungen eines hl. Benedikt, eines hl. Bernhard, eines hl. Dominikus, eines hl. Franziskus und anderer lesen; in diesen Büchern werden unzählige Visionen, Offenbarungen und andere göttliche Gunstbezeigungen berichtet, welche der Herr entweder den Stiftern selbst, oder einigen ihrer Schüler verliehen hat. Es ist darum nicht zu zweifeln, daß Gott vertraulich mit seinen Freunden redet, und besonders diejenigen zu begnadigen pflegt, welche Er zu großen Werken auserwählt."

Ja, wunderbar ist Gott in seinen Heiligen, und er läßt sich über die Quantität und Qualität dieser seiner Wunderwerke selbst von modernen Psychopathographen keine Vorschriften machen. Er hat auch die christliche Nüchternheit keineswegs in die Scheu vor den außerordentlichen übernatürlichen Gnadengaben verlegt. Nur eine ganz perverse, häretische Exegese kann das Wort des Apostels ,,sapere ad sobrietatem" dahin auslegen, daß die in ihm geforderte Nüchternheit und Besonnenheit in der Verweigerung des Glaubens an uns allzu außerordentlich erscheinende Wunderwerke Gottes und seiner Heiligen bestehe. Das ist die Exegese des Protestantismus, des Rationalismus. Die katholische Theologie dagegen erblickt, z. B. nach den Worten des Dogmatikers Dr. J. B. Heinrich, in der christlichen sobrietas oder Nüchternheit das Bestreben, das katholische Denken und Leben im engsten Anschluß an die übernatürliche Autorität der Kirche zu erhalten und es mit peinlichster Sorgfalt vor der geringsten Einträufelung des Weltgeistes rein zu bewahren.

Diese wahrhaft katholische Nüchternheit des Denkens und Lebens hat Klara Moes nach dem Urteil der Prüfungskommission von Maredsous in hohem Maße besessen. Gerade deshalb aber die Frage stellen: Ist die Person nicht psychopatisch zu beurteilen? wäre eben nur eine Lästerung gegen das katholische Denken und Leben, und gegen den Heiligen Geist, der es zu dieser Nüchternheit anhält. Mit Recht hat also die Kommission von Maredsous, nachdem sie den echt kirchlichen Geist der Klara Moes festgestellt hat, es gänzlich vermieden, die Frage zu stellen, ob die Trägerin jener echt kirchlichen Gesinnung nicht etwa der Verrücktheit oder der Hysterie verfallen gewesen sei.

Der Kritiker aber, der von einer Klara Moes und den übrigen Begnadigten eine ganz verkehrte, rationalistische Nüchternheit verlangt, und die wahrhaft katholische in einem antikatholischem Blatt zum Spott und Hohn der Un- und Irrgläubigen als Ausgeburt der Verrücktheit behandelt, besitzt selber von der katholischen Nüchternheit auch nicht die Spur. Vom Standpunkt des Glaubens und der Theologie muß sein Vorgehen als durchaus unbesonnen, pietätlos und skandalös bezeichnet werden.

Daß ein Mann von dieser Gesinnung auch zu den Gegnern von Schippach gehört, ist nicht anders zu erwarten. Er hat sich denn auch im Aprilheft 1916 der Zeitschrift ,,Theologie und Glaube" an der Sache von Schippach vergriffen. Natürlich ganz im Sinne Branders. In Beiden hat der Geist, welchen Zahn in die Behandlung mystischer Fragen einzuführen sich bemühte, Schule gemacht. Es ist der Geist, der die gesamte Mystik zu einem pathologischen Problem macht.

Zu einem solchen Problem auch die Sache von Schippach zu stempeln, ist der ausgesprochene Zweck des Brander-Zahn-Ludwig'schen Feldzugs. Gegenüber der Gefahr, welche eine solche Tendenz in sich birgt, halten wir es im Interesse des katholischen Glaubens und Lebens und im Interesse der katholischen Theologie gelegen, auch das Problem von Schippach wieder der kirchlichen Theologie und der traditionellen Mystik der Kirche in Behandlung zu geben. Und eben deshalb empfehlen wir für die Beurteilung von Schippach die Methode von Maredsous.

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VII. Liegt eine krankhafte Phantasie vor ?

Bieten die Aufzeichnungen über die Visionen und visionären Aussprüche von Barbara Weigand aus Schippach Anzeichen, welche die Theologen zur Annahme bestimmen müßten, Barbara Weigand sei im ganzen Zusammenhang jener Angelegenheit vom bösen Feinde oder einer eigenen krankhaften Phantasie getäuscht?

Es gilt hier vor allem den Begriff der ,,Täuschung im ganzen Zusammenhang jener Angelegenheit" festzulegen. Unter dem ganzen Zusammenhang jener Angelegenheit ist zu verstehen

1. der ganze innere und äußere Zusammenhang jener Schriften unter sich,

2. der Zusammenhang jener Schriften mit der Person der Barbara Weigand,

3. der Zusammenhang jener Schriften mit dem Zweck, den Barbara Weigand erstrebt, d.h. mit der Gründung des eucharistischen Liebesbundes und der Erbauung der Sakramentskirche von Schippach.

Es fragt sich also, ob Barbara Weigand in diesem dreifachen Zusammenhang einer teuflischen oder sonstigen Täuschung unterlegen ist.

Zunächst ergibt sich also die Frage: Bieten die Schippacher Schriften Anzeichen, welche die Theologen zu der Annahme bestimmen könnten, Barbara Weigand sei im ganzen Zusammenhang, in welchem jene Schriften unter sich stehen, getäuscht worden?

Hier erwächst vor allem die Aufgabe, die Schippacher Schriften als Ganzes zu betrachten und zu beurteilen. Welches ist die Gesamttendenz des ganzen Komplexes dieser Schriften? Entspricht dieselbe der Glaubens- und Sittenlehre der Kirche? Wird diese Gesamttendenz in den einzelnen Schriften so konstant festgehalten und kommt sie in denselben derart zum Ausdruck, daß diese Schriften geeignet sind, Erbauung und Nutzen zu stiften? Vermag diese Gesamttendenz insbesondere die in den Schriften enthaltenen einzelnen dunkeln, schwierigen, mißverständlichen, irrigen Stellen derart zu paralysieren, daß trotz dieser Stellen die Gesamtwirkung der Schippacher Schriften diejenige der Erbauung und des geistlichen Nutzens bleibt?

Oder aber: Ist eine der katholischen Glaubens- und Sittenlehre entsprechende geistliche Gesamttendenz in den bewußten Schriften überhaupt nicht vorhanden? Bilden diese Schriften nur eine willkürliche Zusammenwürfelung voneinander widersprechenden pseudoreligiösen Wahnvorstellungen und aftermystischen Halluzinationen? Oder ist doch eine Gesamttendenz darin wahrzunehmen, aber eine dem ganzen Sinn und Ausdruck nach derart häretische, daß die vorhandenen korrekten Partien dieser Schriften von der häretischen Gesamttendenz der letzteren ganz verschlungen und nur zu Trägern und Hilfsmitteln des häretischen Giftstoffes gemacht werden?

Diese Fragen dürfen nur auf Grund einer der theologischen Bescheidenheit und Pietät entsprechenden Prüfung des Gesamtinhaltes der Schippacher Schriften beantwortet werden. Insbesondere ist dabei die Forderung einer maßvollen und möglichst rechtfertigenden Auslegung schwieriger Stellen zu erfüllen. Alle aber, die sich vor Gott das Zeugnis geben können, daß sie die Schippacher Schriften in diesem Geiste gelesen und geprüft haben, fragen wir, ob sich bezüglich der Gesamttendenz der Schippacher Schriften nicht folgendes nachweisen läßt.

Die Aufzeichnungen über die Visionen der Seherin von Schippach weisen deutlich eine bestimmte religiöse Gesamttendenz auf. Letztere hat zum Gegenstand eine allseitige Erneuerung des praktischen katholischen Lebens durch Förderung der übernatürlichen Gesinnung, der Liebe zur Kirche und der Treue zum Papste; also eine Erneuerung des katholischen Lebens in seinen supranaturalen, klerikalen und ultramontanen Elementen. Diese Gesamttendenz entspricht durchaus der katholischen Glaubens- und Sittenlehre. Sie wird zugleich durch den ganzen Zusammenhang der Schriften hindurch so konstant festgehalten und so klar und entschieden zum Ausdruck gebracht, daß die nach einer pia et modesta interpredatio noch etwa verbleibenden tatsächlichen Irrtümer nicht den Grund zur Annahme hartnäckiger Häresie bilden können, vielmehr gerade durch die Gesamttendenz einer aufrichtigen Unterwerfung Barbaras unter die Autorität der Kirche und des Papstes als im vorhinein berichtigt und ausgetilgt gelten müssen; und überhaupt verschwinden die angeblichen und wirklichen Mängel unter dem mächtigen Eindruck der Gesamttendenz dieser Schriften derart, daß sie Jahrzehnte hindurch der frommen Leserschar aus Geistlichen- und Laienkreisen kaum auffielen, auch für die ursprüngliche Approbation des eucharistischen Liebesbundes und des Baues der Sakramentskirche kein Hindernis bildeten, sondern erst nach der journalistischen und literarischen Ausschlachtung durch Brander Beachtung fanden. Durch ihre entschiedene Betonung der supranaturalen, klerikalen und ultramontanen Wesenselemente des praktischen katholischen Lebens bieten aber die Weigand'schen Schriften ihrer Gesamttendenz nach ein wertvolles Gegengewicht gegen den Zeitgeist, der gerade durch die gegenteiligen Bestrebungen, durch Einträufelung des Naturalismus, durch Entklerikalisierung und Entultramontanisierung, das katholische Leben zu schwächen sucht; und insofern vermögen die Schippacher Schriften in hohem Maße der wahren Erbauung und dem wahren Nutzen der Seelen zu dienen.

Über diese Gesamttendenz der Schippacher Schriften kann der Leser derselben schon darum nicht im Zweifel sein, weil dieselbe in den Schriften selber festgestellt, formuliert und in fast gleichlautender Formel oft wiederholt wird. So läßt Barbara den Heiland am Vigiltag von Christi Himmelfahrt 1898 sagen: ,,Siehe, alles, was ich in dir wirke, hat nur einen Zweck, und der ist, daß ich das Leben meiner Kirche wieder erneuern will. Da so viele abgewichen sind und mich hinausgeworfen haben aus ihrem Herzen, tut es sehr not, einen lebendigen Glauben zu haben in sich, und diesen Glauben durch gute Werke zu betätigen. Wie geht dies aber anders als nur dann, wenn der Christ sich wieder eng anschließt an das Leben meiner Kirche, d.h. an mich selbst, der ich unter euch wohne im allerheiligsten Sakrament." Ebenso am Feste Pauli Bekehrung 1900: ,,Es gibt doch noch viele gute Christen, die sich zur Aufgabe gesetzt haben, das Reich Jesu Christi wieder herzustellen, all ihr Sein und Leben einzusetzen, um die Christen wieder zurückzuführen zum guten alten Glauben, indem sie überall das eucharistische Leben anfachen. Durch den öfteren Empfang der hl. Kommunion wird neues Leben in die Christenheit eingegossen werden. Ein neues Leben wird wieder beginnen... Die ganze Welt muß erneuert werden, dadurch, daß zuerst die Kirche erneuert wird, aber das kann nur geschehen auf dem Wege, den ich (Jesus) selbst gegangen bin; der Weg führt durch Verachtung, Spott und Hohn hindurch. Den Großen, Mächtigen und Reichen muß man gegenüberstehen, wie ein Paulus; immer und immer ihnen wieder sagen, daß ein anderer Wind wehen, eine andere Richtung eingeschlagen werden muß, wenn die Throne feststehen sollen; man muß wieder mit der katholischen Kirche in Einklang kommen - tun sie es nicht, spotten und höhnen sie darüber, so werdet ihr es sehen und erleben, daß solche Throne in Trümmer gehen. Aber wenn ihr tut, wie mein Apostel getan, wenn ihr ihm nachfolgt in der Arbeit für die Wiederherstellung des Reiches Jesu Christi, so können die Tage der Prüfung abgekürzt und die Strafgerichte gemildert werden... Durch die Kirche möchte ich der Welt den Frieden geben."

Immer aufs neue betonen die Schriften, daß diese übernatürliche Erneuerung nur im engsten Anschluß an die Kirche erfolgen kann. Am Gründonnerstag 1898 mahnt darum der Heiland: ,,Schließt euch an die Kirche an, und nicht um ein Haar breit weichet von ihr ab." Ebenso am Fronleichnamfeste 1897: ,,Niemals kann eine Seele, die sich lostrennt von der Kirche, die nicht unter der Leitung des Priesters wandelt, den rechten Weg wandeln. Sie wandelt den Weg der Eigenliebe und des Hochmutes." Oder am 2. Freitag im Oktober 1897: ,,Der Gehorsam geht über alles bei einer Seele, die mit meinem (Mariens) Sohn verbunden ist. Diese ist dem Gehorsam unterworfen und soll nur gehorsam sein ihren sichtbaren Vorgesetzten. Dies ist das sicherste Zeichen, daß sie nicht irre geht."

Wie von diesen scharf klerikalen, kirchlichen Richtlinien wird die Gesamttendenz der Schippacher Schriften auch von bestimmt ultramontanem Geiste beherrscht. Wie die Erneuerung des religiösen Lebens nur darum eine wahrhaft übernatürliche ist, weil sie eine kirchliche ist, so ist sie nur darum eine wahrhaft kirchliche, weil sie im Papst ihre höchste Norm besitzt. Der Papst als Prinzip des übernatürlichen, kirchlichen Lebens: dieser so durchaus und spezifisch katholische Gedanke bildet den Glanzpunkt der Weigand'schen Schriften. Er kommt in einem Gesichte von wahrhaft majestätischer Würde zum Ausdruck. Es wird der Ekstatischen der Papst Leo XIII. gezeigt, der hoch auf einem Berge thronend den Stuhl Petri einnimmt; da sieht sie nun vom Papste den Glanz eines neuen Lichtes ausgehen, das die ganze Welt überstrahlt und alles durchdringt, sodaß ihm nichts widerstehen kann. Zugleich empfängt sie die Erleuchtung, daß hierunter dem erhabenen Bilde des Stuhles Petri und seines alles durchdringenden Lichtglanzes die Macht der katholischen Kirche gezeigt werde, der Kirche, die auf den Gipfel des Berges erhöht werden soll, damit sie von allem Volke gesehen werde. Am 4. Freitag im August 1899 wird sie an dieses bereits viele Jahre vorher empfangene Gesicht erinnert; und ihm entspricht wiederum, wenn in der Ekstase vom 7. September 1899 das Werk der Welterneuerung in engste Verbindung mit dem Papste gebracht wird. Dort vernimmt Barbara die Worte der Mutter Gottes: ,,Ein neuer Geist soll erstehen unter der Christenheit. Der Stellvertreter meines Sohnes, der Hl. Vater in Rom, hat alles aufgeboten, um diesen Geist zu schaffen. Er ist derjenige, der Licht bringen soll in das Menschenleben."

Diese Grundtendenz des Ganzen wird aber in den Schriften nicht bloß hier und da ausdrücklich hervorgehoben, sondern durch den ganzen Inhalt folgerichtig und zielbewußt zur Anwendung gebracht. Der Plan einer Erneuerung des katholischen Lebens durch Anschluß an Kirche und Papst erscheint wohlbegründet: in der Voraussicht einer durch eine gewisse Neuerungssucht hervorgerufenen Zersplitterung der Geister im katholischen Lager, welche auch die Gegner der Kirche ermutigt und einen gewaltigen Sturm über die Kirche hereinbrechen läßt. Daher nichts zweckentsprechender als die Winke, Belehrungen und Ermahnungen zur Erneuerung des übernatürlichen, kirchlichen, treupäpstlichen Geistes, wie sie die Schippacher Schriften bieten. Dem allen dienen die ständigen Aufforderungen zum Gebet, zu Opfer und Sühne, zur öfteren Kommunion, zur Hochhaltung des jungfräulichen Standes, zum Anschluß an Priester, Bischöfe und Papst, zum mutigen Bekenntnis des Glaubens; insbesondere auch die Aufforderungen an den Klerus, von der ihm übertragenen Gewalt und Autorität mutig Gebrauch zu machen und furchtlos den Mächtigen der Erde gegenüberzutreten in Verteidigung der Wahrheit, der Rechte und der Freiheit der Kirche. Für letzteres diene als Beispiel das am 2. Freitag im Dezember 1895 dem Heiland in den Mund gelegte Wort: ,,O ihr Diener meiner Kirche, höret die Stimme eures Meisters, fürchtet nicht diejenigen, die euch gegenüberstehen.

Denn wisset, daß die Gewalt, die euch gegeben, kein Mensch auf der ganzen Erde hat, auch nicht die mächtigsten; darum sollt ihr ihnen frei entgegentreten, und wenn sie eure Stimme nicht hören, will ich an dem Felsen Petri ihr Haupt zerschmettern und auf den Trümmern ihrer Throne meine Kirche aufblühen lassen. Siegreich wird meine Kirche hervorgehen aus allen Kämpfen, die man ihr bereitet; denn von Süden bis Norden, und von Westen bis Osten will ich meine Kirche ausbreiten; ehe aber dies geschieht, wird ein großes Blutbad die Erde tränken und ein Wehegeschrei wird die ganze Welt erfüllen, wenn sie sich nicht bekehren."

In dieser ihrer konstant entwickelten Gesamttendenz erscheint die Wirksamkeit der Schippacher Schriften deutlich als bewußte und durchaus zweckdienliche Gegenaktion gegen den modernen Irr- und Unglauben, insbesondere gegen den Liberalismus und Sozialismus, und vor allem gegen eine gewisse Neuerungssucht unter den Katholiken, welche Barbara Weigand unter der Bezeichnung ,,Neukatholizismus" bekämpft. Sie sieht in letzterem eine Richtung, welche die Welt durch Konzessionen an den Zeitgeist zu gewinnen sucht, dabei aber dem Feinde soweit Tür und Tor öffnet, daß sogar Wahrheiten, wie die Ewigkeit der Höllenstrafen, in Zweifel gezogen werden (20. Okt. 1900). Diesen Neukatholizismus erblickt sie auch in dem Bestreben, die historische Wahrheit des wunderbaren Lebens und Wirkens der Heiligen anzuzweifeln (26. Dez. 1899), und besonders in der zum großen Ärgernis des gläubigen Volkes in öffentlichen Blättern geübten Kritik an Begnadigten und deren Visionen (29. Okt. 1899). Sie findet in dem Neukatholizismus ein Vergessen der großen Wahrheit, daß die Kirche nur mit übernatürlichen Waffen, hauptsächlich mit dem Gebete siegen kann, und ein zu großes Vertrauen auf weltliche, natürliche Hilfsmittel (27. Dez. 1901). Sie vernimmt, daß dieser verkehrte, neologische, naturalistische Geist in Amerika und in Deutschland die Katholiken bedroht (Amerikanismus und Modernismus). Besonders apostrophiert sie einen Priester in Bayern, der an der Hochschule mit diesem Geiste seine Schüler vergifte und ihn durch seine Schriften in ganz Deutschland verbreite (20. Okt. 1900). An anderer Stelle nennt sie in diesem Zusammenhang Würzburg. Es ist ganz offenbar, daß der Modernismus Schell'scher Richtung gemeint ist.

Barbara Weigand unternimmt es jedoch nicht, diese Strömungen des Zeitgeistes etwa mit irgend welchen der Wissenschaft abgelauschten Worten zu bekämpfen. Ihre Gesichte decken schlicht, aber mit beachtenswerter Treffsicherheit, die Gefahren auf, welche dieser Neukatholizismus für das katholische Leben bietet. Und niemand wird leugnen wollen, daß die Gegenmittel, welche Barbaras Visionen empfehlen, nicht ganz und gar einer wahrhaft erleuchteten kirchlichen Kampfestheorie entsprechen.

Die Gesamttendenz der Weigand'schen Visionen ist also vollkommen klar: Erneuerung des katholischen Lebens durch Stärkung der übernatürlichen, kirchlichen, päpstlichen Gesinnung zum Kampfe gegen den modernistischen Zeitgeist.

Nun stelle man dieser Gesamttendenz alle die wirklichen oder vermeintlichen Mängel gegenüber, wie sie etwa Brander in den besagten Schriften finden will. Vermag irgend einer derselben oder, vermögen sie alle zusammengenommen an der festgestellten Gesamttendenz irgend etwas zu ändern? Mitnichten. Wie ein edler Fruchtbaum an seinem Stamme mit manchen Runzeln bedeckt, von allerhand Auswüchsen hier und da besetzt, in seinem Gezweig manches dürre Ästchen, manches vergilbte Blatt, manch taube Frucht tragen mag, während der gesunde Wuchs seines Stammes, der Reichtum seines grünen Blattschmuckes und die Fülle seiner prangenden Edelfrüchte allen Mißwachs vollkommen verschwinden läßt, so tun auch die Fehler und Mängel der Schippacher Schriften der überragenden herrlichen Gesamttendenz und Gesamtwirkung keinen wesentlichen Eintrag.

Der edle Stamm dieser Schriften trägt vielmehr ein Leben in sich, das wie alles gesunde organische Leben, alle etwa eingeschlichenen kranken Stoffe von selber ausscheidet. Nicht umsonst ruhen die Wurzeln dieses Stammes in dem Felsen Petri; nicht umsonst greift seine Blätterkrone hinaus in die reine Atmosphäre des kirchlichen Geistes. Aus diesem Boden und aus dieser Atmosphäre empfängt der Stamm des Weigand'schen Werkes jenes gesunde katholische Leben, das von selbst gegen jede ihm fremden Stoffe reagiert, die sich etwa eingeschlichen haben. Die aktive Unfehlbarkeit des Papstes und der Kirche wirkt die passive Unfehlbarkeit aller derer, die sich dem Papst und der Kirche treu anschließen. Wer auf dem Felsen Petri steht, d.h. auf einem Boden der Kirche, kann sich wohl momentan irren, er kann aber nicht hartnäckig im Irrtum verharren. Nur der hartnäckig am Irrtum Festhaltende ist dem irr- und ungläubigen Lügengeiste der Höllenpforten verfallen: Diese Pforten der Hölle aber werden niemals die auf dem Felsen Petri gebaute Kirche überwältigen und darum auch alle diejenigen nicht, welche sich in dieser Kirche an den Felsen Petri anklammern. Letzteres tut aber Barbara Weigand in dem ganzen Zusammenhang ihrer Schriften. Also ist es unmöglich, daß sie im ganzen Zusammenhang ihrer Schriften vom bösen Feinde getäuscht worden sei.

Indem wir aussprechen, daß hierfür die Theologen in den Weigand'schen Schriften die deutlichsten Anzeichen finden können, vermeiden wir jedoch sorgfältig ein Urteil abgeben zu wollen. Die Frage, ob diese Schriften im großen und ganzen oder auch nur in einzelnen Teilen auf außerordentlicher Eingebung beruhen, oder ob sie auf gewöhnliche Weise zustande gekommen sind, überlassen wir gänzlich dem Urteile des Apostolischen Stuhles, der sich nach den Dekreten Urbans VIII. die Entscheidung solcher Fragen vorbehalten hat. Uns genügt es, deutliche Anzeichen gefunden zu haben, welche die Theologen zu der Annahme bestimmen müssen, daß Barbara Weigand im ganzen Zusammenhang mit ihren Schriften nicht vom bösen Feinde getäuscht worden ist. Denn mehr als die menschlichen Irrtümer fesselten uns bei der Lektüre der Weigand'schen Schriften die Herrlichkeiten katholischer Wahrheit und Gnade, welche diese Schriften unverkennbar in sich tragen und kundtun, und zwar derart, daß es doch nur ein von dem hoffärtigen Weltgeiste sehr getrübtes Auge sein muß, welches unter der schlichten Hülle, unter den oft eckigen Worten und schlecht gefügten Sätzen Barbaras nicht den Geist des Herrn gewahrt, der eben weht, wo er will.

Voll Kraft erhebt dieser Geist des Herrn in jenen Schriften als Geist vom Felsen Petri, als Geist der echten Kirchlichkeit, als Geist des wahren übernatürlichen Lebens seine Schwingen. Wie brausender Orgeltton und voller Glockenklang aus der Heimat der katholischen Seele muten diese so ganz ultramontan gesehenen Visionen, die rückhaltlos klerikal geprägten Anmutungen, diese ganz und gar der übernatürlichen Ordnung entprechenden Lebensregeln an. Was verschlägt es, daß dabei ein Gedanke theologisch vielleicht nicht ganz korrekt zum Ausdruck kommt, daß eine Bibelstelle nicht richtig zitiert wird, daß das brennende Feuer der Gottes- und Nächstenliebe in Worten lodert, die unserem veralteten Sinne fremd geworden sind. Wer so, wie die Seherin von Schippach mit beiden Füßen auf dem Felsen Petri steht, wer so wie sie mit allen seinen Gedanken und Strebungen im Herzen der Kirche wurzelt und lebt, der kann, wie gesagt, wohl momentan irren, aber er verirrt sich nicht und führt noch weniger andere in Irrtum. Denn sein Lebensschiff besitzt den Kompaß, der jede Abweichung vom rechten Kurs alsbald korrigiert, er hält sich an die so viel verhöhnte katholische Elle, welche auch die kleinste Ungenauigkeit im Denken und Leben sofort erkennen läßt und alles auf das rechte katholische Maß zurückführt.

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VIII. Trägerin von Privatoffenbarungen

Wir haben nicht bloß den inneren Zusammenhang der Schippacher Schriften unter sich, sondern auch den Zusammenhang der ganzen Angelegenheit zu prüfen; und darum ist - gemäß dem zweiten Punkte unserer ersten Hauptfrage - auch der äußere Zusammenhang jener Schriften mit der Person ihrer geistigen Urheberin ins Auge zu fassen. Denn wenn auch, wie wir zuletzt gesehen, die bewußten Schriften keine Anzeichen einer Täuschung der Barbara Weigand bieten, so wäre es immerhin möglich, daß doch in der Person von Barbara Weigand solche Anzeichen vorhanden wären. Es könnte vielleicht zutreffen, daß Barbara eine Person wäre, die ihrer Gesamttendenz nach aussprechen, gar nicht in Betracht gezogen werden dürfte.

Trifft dies indessen wirklich zu? Liegen Anzeichen vor, welche die Theologen zur Annahme bestimmen müßten, daß Barbara Weigand im ganzen Zusammenhang jener Schriften mit ihrer Person, d.h. über die Berufung ihrer Person zur Verkündigung einer Erneuerung des katholischen Lebens, vom bösen Feinde getäuscht worden sei?

Ausdrücklich betonen wir wiederum, daß wir auch hier die Frage nach einem tatsächlich vorliegenden visionären oder Prophetenberuf der Jungfrau Barbara unberührt lassen. Unsere Frage ist vielmehr die, ob Gott, ganz abgesehen von einer außerordentlichen Berufung, in der gewöhnlichen Ordnung seiner Vorsehung eine Person von der Art Barbara Weigands zur Erfüllung einer so bedeutenden Aufgabe wohl berufen haben dürfte.

Fassen wir die Persönlichkeit der Jungfrau von Schippach näher ins Auge. Aus sehr achtbarer, gut katholischer Familie des etwas abgelegenen Spessartdörfchens Schippach stammend, von guten Anlagen des Geistes und Herzens, ländlich einfach erzogen, mit guter Volksschulbildung gehört Barbara ihrer religiösen Gesinnung nach zu jenen Personen, die nach den Worten des hl. Paulus pie vivere volunt, d.h. bestrebt sind, ein frommes Leben zu führen: Ihre Seelsorger behaupten, daß dieses ihr Streben die Zeichen wahrer und erprobter Tugend an sich trage. In diesem Streben verließ Barbara als junges Mädchen ihr Heimatdorf, in welchem sie ihren Wunsch nach öfterem Empfange der hl. Kommunion nur schwer erfüllen konnte, um in der Stadt Mainz, wo ihr die öftere Kommunion eher möglich war, bei Verwandten, die eine kleine aber sehr anständige Gastwirtschaft führten, in Dienst zu treten. Hauptsächlich während der seit dieser ihrer bescheidenen Dienstbotenstellung glaubt sie den göttlichen Ruf zur Erfüllung der oben genannten Aufgabe zu vernehmen.

Offenbar ist also Barbara Weigand eine jener, einfachen, frommen Seelen, von welchen die Welt und die in deren Geist Gebildeten, die Männer moderner Wissenschaft, die führenden Persönlichkeiten der Zeitgeiströmungen und die Aufpeitscher der öffentlichen Meinung sich wenig beeinflussen lassen. Der Kurswert des Ansehens solcher frommer Personen steht gerade auch in den von dem Zeitgeist berührten Kreisen im katholischen Lager heute nicht hoch. Und doch will in unserem Falle eine dieser verkannten Personen eben auf die genannten Kreise Einfluß gewinnen. Noch mehr, diese einfache Dienstmagd richtet den Aufruf zu einer katholischen Welterneuerung selbst an die Mächtigen der Erde, die Fürsten, an die Führer im Gebiet der Politik und des sozialen Lebens, ja sogar an die kirchliche Autorität, an Priester, Bischöfe und Papst. Rein natürlich betrachtet scheint da doch eine kaum überbrückbare Kluft zwischen der Niedrigkeit der rufenden Stimme und der Erhabenheit und Schwierigkeit ihrer Aufgabe zu stehen.

Es hat denn auch an solchen nicht gefehlt, welche auf diese Kluft nachdrücklich aufmerksam machten und in ihr ein sprechendes Anzeichen dafür finden wollten, daß Barbara Weigand über ihren reformatorischen Beruf sich einer bedeutenden Selbsttäuschung hingebe. Das Auge des Glaubens und das der Theologie muß jedoch eine solche Sache im übernatürlichen Lichte betrachten. Und da ergeben sich über die niedrigen Gefäße göttlicher Auserwählung wesentlich andere Urteile. ,,Um zu wissen," sagt der katholische Staatsmannn Donoso Cortes, ,,was ich glauben soll, blicke ich nicht auf die Philosophen, sondern auf die Lehrer der Kirche; ich frage nicht die Weisen, sie könnten mir nicht antworten; ich frage vielmehr fromme Frauen und Kinder, zwei Gefäße des Segens, weil das eine gereinigt durch Tränen, und das andere noch mit dem Dufte der Unschuld umgeben ist."

,,Für mich," betont derselbe an anderer Stelle, ,,ist im Leben der Heiligen und besonders der Väter der Wüste ein Umstand der merkwürdigste, der, wie ich glaube, noch nicht gehörig gewürdigt wurde. Der Mensch, welcher gewohnt ist, mit Gott zu verkehren und sich in göttlichen Betrachtungen zu üben, übertrifft, wenn sonst alle Umstände gleich sind, alle übrigen entweder durch die Intelligenz und Stärke seiner Vernunft, oder durch die Sicherheit seines Urteils, oder durch seinen durchdringenden, scharfsinnigen Geist; aber überdies kenne ich keinen, der sich nicht vor den anderen durch jenen praktischen und weisen Sinn auszeichnet, den man den gesunden Menschenverstand heißt. Würde das Menschengeschlecht nicht alles meistens von verkehrter Seite ansehen, es müßten unter allen Menschen die Männer der Gotteswissenschaft zu seinen Räten wählen, unter ihnen die Mystiker, und unter diesen die, die von der Welt und ihrem Treiben am zurückgezogensten leben. Unter den Personen, die ich kenne, und ich kenne deren viele, sind jene, die ein kontemplatives und zurückgezogenes Leben führten, die einzigen, in denen ich einen unverwüstlichen gesunden Verstand, einen wahrhaften Scharfsinn und eine wundervolle Fähigkeit erkannt habe, um den schwersten Problemen praktische und verständige Lösungen zu geben, und stets in den schwierigsten Angelegenheiten eine Ausflucht oder einen Ausweg zu finden; dagegen traf ich noch keinen jener vorgenannten Geschäftsmänner an, welche die geistlichen Betrachtungen und die göttlichen Kontemplationen verachten, der irgend eine Angelegenheit gehörig anzugreifen wüßte. Zu dieser sehr zahlreichen Klasse gehören jene, welche die übrigen zu täuschen versuchen und sich selber zuerst täuschen."

Die wunderbare Demut vollkommener Glaubensgesinnung, mit welcher ein Riesengeist wie Donoso Cortes sich in diesen Worten vor den aus dem höheren Gebete gewonnenen Verstandeskräften der in Zurückgezogenheit lebenden frommen Seelen verbeugt, ist unserer Zeit vielfach fremd geworden. Letztere glaubt fast nur noch an die auf dem Wege natürlicher Geistesdressur gewonnenen Kräfte des Intellektes. Schell und seine Würzburger Modernistenschule verkünden die Irrlehre: ,,Ohne planmäßige wissenschaftliche Arbeit gibt es für den Menschen keinen Wahrheitsbesitz." Das ist die hochfahrende Leugnung all jener Wahrheitserkenntnis und wahren Geistesbildung; die auch auf nicht spezifisch wissenschaftlichem Wege errungen werden kann, vor allem auch auf dem Wege der einfachen Glaubenserkenntnis, und nicht selten in jenem Schauen, welches der Heilige Geist verleiht, der da weht, wo er will. Der Geistes- und Wissensstolz unserer Tage dürfte wohl eine der Hauptursachen sein, welche die öffentliche Meinung zu der Annahme verleitet, daß die nicht wissenschaftliche Geistesbildung kontemplativer Seelen von der Art einer Barbara Weigand der Welt nichts zu bieten vermöge. Dieser Geistesstolz der Geschäftsmänner moderner Wissenschaft, der sich und andere so gründlich täuscht, ist es, der die unter der Niedrigkeit und Zurückgezogenheit verborgenen wundervollen Fähigkeiten kontemplativer Naturen, ihren gesunden und praktischen Verstand, ihren wahren Scharfsinn und ihr sicheres Urteil betreffs der geistlichen und weltlichen Dinge verkennt, und in ihnen nur Täuschungen vermutet.

Die wahre, und darum demütige und bescheidene Wissenschaft aber, und besonders die Glaubenswissenschaft oder Theologie stellt sich in der Bewertung des im Gewande der Schwäche und Niedrigkeit wandelnder Kontemplation ganz auf den Standpunkt von Donoso Cortes. Der hl. Thomas von Aquin weist nach, daß es durchaus angemessen ist, wenn Gott die Gabe himmlischer Erleuchtung öfter Ungebildeten als gebildeten und öfter Frauen als Männern verleiht, und einen Hauptgrund dafür findet er darin, daß bei Ungebildeten und bei Frauen im allgemeinen mehr Demut und darum auch mehr Gnade zu finden sei als bei Gebildeten und Männern.

Es mag also die persönliche Note der Schippacher Schriften auf ein nur bescheidenes Niveau allgemeiner Bildung hinweisen; es mag ihre Sprache nicht bloß der feinen Politur und manchmal der Urbanität entbehren, sondern auch in ungeschickten, mißverständlichen und verkehrten Ausdrücken reden; es mag das ganze Milieu von Menschen und Verhältnissen, in dem sie entstanden und dem sie angepaßt sind, nur die Welt des Alltags, der breiten Schichten des Volkes sein; es mag die Welt in diesen Schriften gemalt sein, wie sie sich eben aus im Geiste einer einfachen Dienstmagd malt: das alles hindert nicht, daß die Urheberin dieser Schriften wirklich von Gott mit der großen Aufgabe betraut sein könnte, welche sie in ihren Schriften angibt.

Ja, es will uns bedünken, daß die göttliche Vorsehung in den Tagen des geistesstolzen Modernismus zur Ausführung ihres Welterneuerungsplanes kaum eines geigneteren Werkzeuges sich bedienen könnte, als gerade einer aller höheren Bildung entbehrenden Magd des Herrn. Als in ähnlichen Zeitläufen die hl. Katharina von Siena den Herrn einst fragte; warum er gerade sie, eine unnütze und gebrechliche Jungfrau, mit einer erhabenen und schwierigen Mission betraue, da antwortete Jesus: ,,Wisse, meine Tochter, heutzutage hat der Stolz in der Welt, besonders bei jenen, die sich für gelehrt und weise halten, so überhand genommen, daß meine Gerechtigkeit sie nicht mehr ertragen kann. Weil aber meine Barmherzigkeit über alle meine Werke geht, so habe ich für ein Mittel gesorgt, das ihnen Rettung bringt, wenn sie es demütig annehmen. Das eigentliche Heil- und Strafmittel des Stolzes ist die Beschämung und die Verdemütigung; und darum will Ich, daß diese, die in ihren Augen weise sind, gedemütigt und beschämt werden, wenn sie sehen, wie schwache Geschöpfe, gebrechliche Jungfrauen ohne alle natürlich erworbene Wissenschaft, ohne Welterfahrung, ohne alles Studium, ohne alles menschliche Zutun, einzig und allein mit der vom Geber aller guten Gaben eingegossenen Weisheit begabt, meine Lehre und die wahre Wissenschaft der Heiligen erfassen, die verborgenen Geheimnisse meines Vaters kennen, durch die Kraft des Wortes und das Beispiel des Lebens meine Lehre in der Welt verbreiten, und dieselbe durch Zeichen und Wunder bekräftigen. Ich werde jetzt tun, wie Ich getan habe, als Ich auf Erden weilte; damals habe Ich ungebildete Männer gesendet, Fischer ohne Gelehrsamkeit, aber voll der Wissenschaft und Kraft des heiligen Geistes. Ebenso will Ich dich und andere unwissende Frauen und ungelehrte Männer zur Beschämung jener Stolzen senden; wenn sie diese Beschämung annehmen sich verdemütigen und bekennen, daß Mein ist die Weisheit und Mein alle Kraft, wenn sie Meine, durch schwache und gebrechliche Werkzeuge verbreitete Lehre mit Ehrfurcht annehmen, dann werden sie die Fülle meiner Erbarmung zu verkosten bekommen, und jene Beschämung wird ihnen ein Heilmittel sein zur Rettung. Werden sie aber trotz dieser Beschämung in ihrem gewohnten Stolze verharren und meinen Namen nicht bekennen, sondern fortfahren, Mich in Meinen Dienern zu verachten, indem sie diese verachten, dann sollen sie wissen, daß Ich in meiner Gerechtigkeit geschworen habe, so viele Beschämungen über sie zu bringen, daß sie von allen Geschöpfen mit Füßen getreten und verachtet werden. Und wenn sie ewig in ihrem Stolze verharren, werden sie, auch ewige Schande als Strafe erdulden; in der Bitterkeit ihres Herzens und in fruchtloser Reue werden sie sich dann in demselben Grade sogar unter sich selbst erniedrigt sehen, als sie zuvor bestrebt waren, sich über sich selbst zu erheben."

Der Modernismus hat sich bis jetzt in seinem Stolze über alles, was übernatürliche Autorität ist auf Erden, erhoben. Auch über die Stimme des höchsten Lehrers und Gesetzgebers in der Kirche hat er sich freventlich hinweggesetzt. Noch immer schleicht diese verderbliche Pest in der Kirche Gottes heimlich weiter, wie der Hl. Vater Benedikt XV. in seiner ersten Enzyklika betonte. Was könnte der göttlichen Weisheit und Barmherzigkeit angemessener erscheinen, als daß sie dem verstockten Hochmut des Modernismus gegenüber nun das letzte und eigentliche Heil- und Strafmittel des Stolzes, die Beschämung, anwendete? Der Modernismus gedachte das katholische Leben zu erneuern, zu modernisieren im Geiste des Naturalismus, der Entklerikalisierung, der Entultramontanisierung. Welche gründlichere Beschämung könnte ihm zu teil werden, als die Irrgänge und Gefahren dieser seiner Bestrebungen durch eine ganz ungebildete, ungelehrte Person erkannt, aufgedeckt und nicht durch den Apparat der Wissenschaft, sondern einzig durch die Kraft des einfachen Glaubens siegreich bekämpft zu sehen? Welche Beschämung für den Modernismus, das Werk der Welterneuerung, mit dem er sich brüstete, in einem ganz anderen und wahrhaft katholischen Sinn durchgeführt zu sehen vermittelst einer jener frommen demütigen Seelen, die er selber mit seinem Hohn und Spott, mit aller erdenklichem Schmach und mit einer Grausamkeit sondergleichen verfolgte?

Was also die Person Barbara Weigands betrifft, dürfte weder die Niedrigkeit ihres Standes, noch der Mangel höherer Bildung, noch auch die unsägliche Verachtung und Schmach, mit welcher die Verfolgungssucht des modernistischen Zeitgeistes sie bekleidet hat, irgend ein Anzeichen bieten, welches die Theologen zu der Annahme bestimmen müßte, Barbara Weigand sei über ihre Berufung zur Verkündigung einer Erneuerung des katholischen Lebens vom bösen Feinde getäuscht. Im Gegenteil, auch nach dieser Seite rechtfertigt der ganze Zusammenhang der Angelegenheit die Annahme, daß Barbara über ihre Berufung sich nicht irren dürfte.

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IX. Liegt Täuschung vor ?

Wir schließen hier noch ein Wort an über die Frage, ob Barbara Weigand über das große Ganze ihrer Schriften vielleicht durch die eigene, und zwar krankhafte Phantasie getäuscht sein dürfte. In Anbetracht der kirchlichen Korrektheit der Gesamttendenz jener Schriften erscheint es allerdings wenig angebracht, die Diskussion auch auf diesen Punkt auszudehnen. Allein die Bestimmtheit, mit der Brander und die ihm folgende Presse die ganze Angelegenheit von Schippach im letzten Grund auf hysterische Krankheit Barbaras zurückführt, zwingt uns, diese Frage zu berühren.

Weil Barbara selbst erwähnt, daß ihr Leiden seit ihrem 25. Jahre dauere, schließt Brander ohne weiteres, daß die Seherin von Jugend an an Hysterie gelitten habe. Daß Barbara unter jenem Leiden ein anderes Kranksein versteht, da sie in den Schriften vielfach ausdrücklich betont, daß ihr mystisches Leiden nicht Hysterie sei, das zieht Brander nicht in Erwägung.

Mit derselben Leichtfertigkeit sucht er aus den Worten Christi an Barbara: ,,Deine Nerven sind zerrüttet" einen Beweis für die Hysterie der also Angeredeten zu machen. Jede nicht tendenziöse und ungezwungene Kritik wird finden, daß die angeführten Worte viel eher einen Nervenschock oder sonst eine der vielfältigen Arten von Nervendepression bezeichnen wollen, keineswegs aber Hysterie. Auch erscheint an jener Stelle die Erregung der Nerven als eine Folge des mystischen Leidens und Schauens, und nicht als die Ursache desselben.

Weil Barbara den Herrn und seine Mutter sagen läßt, daß noch nie das Kreuz so sehr geflohen worden sei, wie heute, daß noch nie der Glaube so sehr geschwunden, daß es noch in keinem Jahrhundert so viele Heilige gegeben habe, wie in diesem, bricht Branden in die Worte aus: ,,Wer so übertreibt, hat das Recht verwirkt, für normal genommen zu werden." Brander hat offenbar keine Ahnung davon, welche scheinbar übertriebenen Urteile in den Privatoffenbarungen frommer und auch heiliger Personen vorkommen. Der selige Heinrich Seuse sagt in seinem Büchlein von den neun Felsen: ,,Wisse, der größte Teil der jetzt lebenden Menschen macht die heilige Ehe zu einer Mistgrube; denn sie leben darin, wie das Vieh." Oder: ,,In vielen hundert Jahren waren die Menschen nicht so böse, als sie jetzt sind." Ähnliche scheinbar übertreibende Urteile kommen übrigens auch in den Werken sonstiger Schriftsteller und gerade auch von solchen aus neuester Zeit mannigfach vor. So schreibt z. B. der Jesuitenpater Cohausz in einer seiner apologetischen Schriften: ,,In keinem Jahrhundert wurde das kritiklose Nachreden so sehr bekämpft, in keinem die Eigenforschung, das Studium der ersten Quellen so sehr gefordert, als in dem unsrigen... In keinem Jahrhundert ferner war das blinde jurare in verba magistri so verpönt als in dem unsrigen." Man kann hinter solche Sätze vielleicht ein Fragezeichen einklammern; aber die Autoren, einerlei ob sie nun Heinrich Seuse, Otto Cohausz oder Barbara Weigand heißen, ohne weiteres für anormal oder hysterisch erklären, das heißt doch die Kritik in einer schlechthin ungerechten und lieblosen Weise übertreiben. Und gerade solcher Übertreibung macht sich Brander schuldig, indem er wegen der ihm übertrieben scheinenden Worte Barbaras letztere kurzerhand für anormal und hysterisch erklärt.

Man sieht, wie schwach es mit dem mit so großem Selbstbewußtsein und so großer Bestimmtheit vorgetragenen Anwürfen Branders bestellt ist. Auf den ersten oberflächlichen Blick vermögen sie den Unkundigen zu täuschen. Bei näherem Zuschauen aber zerfallen die Branderschen Argumente wie Staub.

Dies erfährt man auch dort, wo Brander die hysterische Veranlagung Barbaras aus den, übrigens verhältnismäßig wenigen, Vexationen beweisen will, die Barbara von seiten des Teufels auszustehen hatte. Er erwähnt die bei Barbara vorgekommenen Erstickungsanfälle, Grimassen, höllisches Gelächter u. dgl., schlägt dabei dem geduldigen Leser verschiedene medizinische Werke vor, wie Kapellmann, Bergmann, Familler und ,,beweist" aus denselben, daß dies alles bei Hysterischen vorkomme. Ergo muß Barbara Weigand hysterisch sein! Daß dieselben Vorkommnisse fast bei allen Begnadigten, und zwar bei den meisten viel häufiger und intensiver zu finden sind, als bei B. Weigand, weiß Dr. Vitus Brander entweder nicht oder will es nicht beachten. Seit der Heiland der hl. Magdalena von Pazzi eine derartige, und zwar fünfjährige Reihe von teuflischen Plagereien mit den Worten ankündigte, Magdalena werde in eine Löwengrube geworfen, ist in den meisten Lebensbeschreibungen von Heiligen und Begnadigten unter dem Titel ,,Die Löwengrube" ein eigenes Kapitel zu finden, in welchem die dämonischen Vexationen beschrieben werden, welche die betreffende Person zu erleiden hatte. Brander könnte in der Löwengrube einer Christina Mirabilis, Rosa von Lima, Franziska Romana, eines hl. Petrus von Alkantara, Paschalis, des ehrw. Dominikus von Jesus Maria, der Veronika Giuliani, der sel. Kreszenzia Höß, der gottsel. Anna Katharina Emmerich Vorkommnisse finden, die er an der Hand von Zitaten aus Kapellmann, Bergmann und Familler noch viel effektvoller als Wahrzeichen von Hysterie dartun könnte, da die betreffenden Vorkommnisse dort noch weit heftiger und schrecklicher auftraten als bei Barbara Weigand. Wenn der Teufel die Barbara Weigand während des Gebetes einmal zum Lachen reizt, wenn er ein andermal zu furchtbarem Schreien, zu Grimassenschneiden veranlaßt oder sie den Namen Jesus nicht aussprechen läßt und bewirkt, daß Barbara ihre Freundinnen mit höllischem Gelächter auslacht, so sind dies alles doch recht unbedeutende Wahrnehmungen gegenüber derartigen Dingen, wie solche z.B. im Leben der Ekstatischen Klara Moes mitgeteilt werden.

Da Brander schon aus einigen Grimassen auf Hysterie schließen will, was für bedeutende Merkmale von Hysterie würde ihm die Lebensgeschichte der Klara Moes bieten, wenn er dort liest, wie der Teufel zur Nachtzeit mit Klara umgesprungen, sie körperlich mißhandelt hat bis zum Blutvergießen, wie selbst geweihte Gegenstände gegen die teuflischen Plagen keine Wirkung gezeigt, wie Klara beim Aussprechen des Namens Jesu vom Teufel beim Halse gepackt und fast erwürgt wird; wie sie im Beichtstuhl durch Teufelstrug das Gegenteil von dem hört, was der Beichtvater sagt, oder nur Lästerungen aus seinem Munde vernimmt; und erst, wie sie der Teufel zum Selbstmord verleiten will, ihr Messer, Gift und Strang auf den Tisch legt; wie der Teufel sie sogar einmal zwingt, Gift zu nehmen, das sie aber sogleich erbrechen muß; wie der Beichtvater ihr ein Schlächtermesser abnehmen muß, welches ihr der Teufel auf dem Wege zum Beichtstuhl zum Zweck des Selbstmordes zugesteckt; wie der Teufel sie zwingt Dinge zu sagen oder zu schreiben, die sie selber in keiner Weise billigt; wie sie eines Tages vom Teufel veranlaßt wird, ihr Kloster zu verlassen, und dann in Trier vor dem Dom zur Mittagszeit vom Teufel in die Luft erhoben und nach Paris und Berlin entführt wird, wo sie entsetzlichen Teufelsorgien beiwohnen muß; wie der Teufel sie von Berlin durch die Luft nach einem Urwalde bringt, aus dem sie dann durch die Mutter Gottes in majestätischem Fluge über Land und Meer zu dem Wallfahrtsorte Eberhardsklausen in der Diözese Trier geführt wird. Sind dies nach Brander nicht recht grobkörnige hysterische Phantasien? Die Prüfungskommission von Maredsous und das hl. Offizium in Rom indessen waren anderer Ansicht. Sie haben selbst in diesen Dingen keine Anzeichen gefunden, die zu der Annahme bestimmen mußten, daß das Werk von Moes dasjenige einer hysterischen oder vom Teufel getäuschten Person sei.

Was dürfte Brander bezüglich einer hysterischen Veranlagung der Seherin von Schippach bewiesen haben? Nichts, als daß er einen neuen Beleg für die Wahrheit erbringt, welche der Bekannte italienische Geistesmann Joseph Frassinetti in den Worten ausspricht: ,,Leider bekunden so viele Priester die gröbste Unwissenheit in mystischen Dingen. Einige gehen in ihrem Unverstande so weit, alles derartige zu verachten und glauben besonders vorurteilsfrei zu sein, wenn sie jede einigermaßen außerordentliche Gnade für eine Ausgeburt einer krankhaften Phantasie halten."

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X. Ist das große Ganze der Schriften katholisch ?

Der dritte Punkt unserer ersten Hauptfrage betrifft in Zusammenhang der Schippacher Schriften mit den praktischen Unternehmungen von Barbara Weigand, dem eucharistischen Liebesbund und dem Bau der Sakramentskirche in Schippach.

Ist das große Ganze der Weigand'schen Schriften katholisch, dann werden diese Schriften in diesem ihrem katholischen Charakter durch die Projekte, in welchen die Jungfrau von Schippach die Gesamttendenz ihrer Ideen praktisch zu verwirklichen begann, nicht im geringsten beeinträchtigt. Denn der Gehalt und Charakter dieser Projekte ist unzweifelhaft katholisch.

Wie sollen wir ihn näher schildern? Vielleicht dürfen wir an ein Wort von P. A. M. Weiß O. Prae. erinnern. Dabei wissen wir freilich nicht, ob dieser jemals etwas von Schippach zu hören bekam. Aber in seiner herrlichen Apologie des Christentums schließt er seine Vorträge über die soziale Frage mit einem Passus, in welchem der Gedanke jener Papst-Sühne- und Friedenskirche, deren Fundamente später in dem stillen Elsavatale zu sprießen begannen, bereits vor 30 Jahren für die kommende Ära des Weltkrieges folgendermaßen geschildert wird:

,,Es mehren sich die Kassandrastimmen, welche die Katastrophe für unausbleiblich, für nahe bevorstehend klären. Sei es also, wenn es nicht anders mehr sein soIl. Wir wollen uns nicht gegen den Lauf der Gerechtigkeit zur Wehr setzen. Vielmehr geben wir uns der zuversichtlichen Hoffnung hin, daß die Welt, ob sie auch jetzt vom Reiche Gottes nichts hören will, dem Worte zugänglicher wird, wenn die Tage der Heimsuchung die Herzen für die Wahrheit empfänglicher gemacht haben. Emil Gregorovius schildert in seinem Buche ,,Der Himmel auf Erden" den Vollzug des großen Strafgerichtes, die kurze Dauer der Verblendung und die Frucht davon, die Rückkehr der geläuterten Menschheit zu Gott. Das Ende des furchtbaren Sturmes, sagt er, wird sein, daß die Menschen wieder den Gott ihrer Väter suchen und ihm eine Sühnekirche erbauen. Ein schöner, tröstlicher Gedanke! Noch schöner und trostvoller wäre es, wenn die Gesellschaft nicht erst die Sündflut abwartete, sondern schon zum voraus mit gemeinsamen Bestrebungen eine Friedenskirche erbaute. Gewiß, Gott ließe sich noch beschwichtigen, denn er kann dem Worte Friede und noch mehr der Tat des Friedens nicht widerstehen. Die schönste, die segensreiche gottgefälligste Friedenskirche aber wäre ohne Zweifel die nach christlichen Grundsätzen eingerichtete Gesellschaft, die Gesellschaft unter Leitung der Kirche, die Verwirklichung des Reiches Gottes auf Erden."

Die Verwirklichung des Reiches Gottes auf Erden durch Zurückführung der Gesellschaft unter die Leitung der Kirche: Das ist nicht bloß die große Idee, welche die P. Weiß'sche Apologie, sondern auch jene, welche die Schriften der Barbara Weigand beherrscht. Und sie ist im Munde der letzteren nicht weniger katholisch als im Munde vom P. Weiß. Wenn die Katholizität dieser Idee noch irgend einer Bestätigung bedürfte, so hätte sie dieselbe durch die Worte Pius X. empfangen, der eben diese Idee als den eigentlichen Inhalt seines Programms der Erneuerung in Christus kennzeichnete, als er schrieb: ,,Wir müssen die menschliche Gesellschaft, welche den Pfad der Weisheit Christi verloren hat, unter die Leitung der Kirche zurückführen."

Schön und trostvoll nannte P. Weiß das Projekt dieser Idee der kirchlichen Erneuerung der Gesellschaft durch die Erbauung einer Sühne- und Friedenskirche auch einen monumentalen Ausdruck zu geben. Wer aber hat diesen wundervollen Plan, und zwar offenbar ganz unabhängig von P. Weiß, praktisch erfaßt? Niemand anders, als die demütige, ungebildete, verachtete Jungfrau aus dem einsamen Spessarttale.

Und wenn P. Weiß betont, daß diese Bestrebungen zur Erneuerung der Welt vielleicht noch das göttliche Strafgericht abzuwenden vermögen, wer hat auch diesen Gedanken praktischer anzuwenden gesucht, als Barbara Weigand von Schippach? Noch schöner und trostvoller, so lauteten die Worte. von P. Weiß, wäre es, wenn die Gesellschaft nicht erst die Sündflut abwartete, sondern schon im voraus mit gemeinsamen Bestrebungen eine Friedenskirche erbaute: Barbara Weigand wollte die Sündflut, welche sie selber in ihren Schriften so oft signalisierte, nicht abwarten. Ihren inneren, wenn auch noch dunklen, Weisungen folgend hat sie kurz vor dem Hereinbruch der großen Weltkatastrophe den Bau ihrer Sühnekirche begonnen. Sie hatte ihn in innigste Beziehung gesetzt zu dem großen eucharistischen Welterneuerungsplane Pius X., indem sie die Kirche dem Andenken der Kommuniondekrete dieses Papstes widmete, jener Dekrete über die frühzeitige, öftere und tägliche Kommunion, welche die göttliche Kraftquelle in den kommenden Heimsuchungen für die Gläubigen werden sollte. Wer hat die eucharistische Großtat Pius X. in ihrer providentiellen Bedeutung für die vorhandenen und noch hereinbrechenden Nöte des katholischen Volkes tiefer erfaßt, als die schlichte Bauernmaid von Schippach? Hat irgend ein Großer im Reiche der Theologie uns gesagt, daß die Kommuniondekrete des zehnten Pius eine wahrhaft monumentale Dankesäußerung der katholischen Zeitgenossen verlange? Niemanden war dieser Gedanke gekommen; nur die demütige Magd aus dem weltverlorenen Waldtal hat ihn geäußert und auszuführen begonnen. Und soll dieser großartige und durchaus katholische Gedanke nun auf einmal weniger gut, ja schlimm und gefährlich sein, weil der Welt- und Zeitgeist über die Urheberin eines solchen Gedankens plötzlich das Übermaß seiner Verachtung und Gehässigkeit ausgießt?

Auch als die Fluten des göttlichen Strafgerichtes über die Welt hereinbrachen, hat Barbara die Bedeutung des begonnenen Sühnewerkes für die Herstellung des Friedens nicht verkannt. Gewiß, so hatte P. Weiß geschrieben, Gott ließe sich noch beschwichtigen, denn er kann dem Worte Friede und der Tat des Friedens nicht widerstehen. Die Jungfrau von Schippach hatte das Wort des Friedens, und zwar das allein wahre Wort des Friedens verkündigt, als sie vor Jahren bereits den Heiland sprechen ließ: ,,Durch die Kirche möchte ich der Welt den Frieden geben." Die Jungfrau von Schippach hat auch die wahre Tat des Friedens verrichtet, als sie seit dem Ausbruch des Weltkrieges in dem Werk der eucharistischen Welterneuerung und seiner monumentalen Gedächtniskirche die Augen der Menschen, auf die wahren Friedensquellen, wie sie nur in der katholischen Kirche sprudeln, hinlenkte. Die Sakramentskirche in Schippach sollte erstehen gleichsam als die in Stein gehauene Wahrheit, daß nur die nach den Grundsätzen der katholischen Kirche eingerichtete und an den Gnadenquellen der katholischen Kirche geläuterte und gestärkte Gesellschaft das wahre Gottes- und Friedensreich auf Erden darstellt.

Und daß diesem gläubigen Wort und dieser gläubigen Tat des Friedens, falls die Menschen ihre Herzen dem allen nicht verschließen würden, auch die unendliche Barmherzigkeit Gottes sich nicht verschließen werde, das durfte Barbara Weigand nach den Worten des obengenannten Apologeten mit Recht hoffen, und sie hat es gehofft mit all den Tausenden und Hunderttausenden aus dem katholischen Volke, die, sozusagen mit katholischem Instinkte, die wahre Bedeutung des Werkes von Schippach erfaßt hatten. Im Verein mit diesen allen hatte Barbara ja durch die Gebetsgemeinschaft des eucharistischen Liebesbundes schon längst das Werk der Erneuerung des Friedensreiches so inständig dem Himmel empfohlen. Wer wollte leugnen, daß ein so mächtiger und volkstümlicher Feldzug des Gebetes und der Erneuerung des Lebens, wie er in dem eucharistischen Liebesbund und der Sakramentskirche inauguriert war, unter der entsprechenden Leitung und Förderung des Klerus ein gewaltiges Bollwerk gegen die Blutgier und Kriegswut Satans geworden wäre? Wer wollte leugnen, daß, wenn irgend etwas, so gewiß die Sühne- und Friedensarbeit in diesem Gnadenbund und an dieser Gnadenstätte dem göttlichen Herzen Jesu das Machtwort des Friedens abgerungen hätte?

Aber während hunderte von Soldaten, zum Teil von ihren Offizieren geführt, ihren Weg zum Schlachtfelde über Schippach nahmen, nur um die Stätte sehen zu können, auf der der Friedenstempel sich erheben sollte, war die Hand bereits erhoben und die Feder bereits zugerüstet, welche die Hoffnung so vieler zunichte machten. Der Gnadenbund mußte zu einer Sekte und die Gnadenstätte zu einer Sektenkirche gestempelt werden. Und dies um weniger mißverständlicher Ausdrücke willen, die zu korrigieren und zu eliminieren wahrlich nicht schwer gehalten hätte. Dieselben Kritiker und Blätter jedoch, die zu derselben Zeit den von Anbeginn des Krieges geradezu uferlosen Schlammstrom des häretischen Interkonfessionalismus ungehindert und unberedet über das katholische Volk hereinbrechen ließen, spielten sich Schippach gegenüber als die Großinquisitoren auf, welche das Volk vor der Gefahr einer neuen Irrlehre bewahren müßten. Und gerade Zeitungen und Zeitschriften, welche in jeder Nummer ganze Flöße modernistischer, interkonfessioneller Balken daherschwemmten, machten aus der Jagd auf die Splitter in den Schippacher Schriften ein Geschäft.

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XI. Welche Merkmale sind bei den Schippacher Schriften erkennbar ?

Unsere zweite Hauptfrage lautet: Erscheint Barbara Weigand im ganzen Zusammenhang ihrer Angelegenheit als eine solche, die andere hat täuschen oder betrügen wollen?

Zunächst weisen wir hier auf die Tatsache hin, daß kaum irgend welche Privatoffenbarungen, und darunter auch kirchlich approbierte, vorhanden sind, deren Träger nicht mit dem Vorwurf des Betrugs, der beabsichtigten Täuschung, ebenso wie mit dem Vorwurf der Hysterie, der Halluzinationen u. dgl. bedacht worden wären. Die Theologen sehen diese Art von Vorwürfen sogar als Kennzeichen echter Offenbarungen an. ,,Die Offenbarungen heiliger Personen," schreibt P. Tiggermana C. SS. R., haben samt und sonders dieses Merkmal aufzuweisen. Von der hl. Katharina von Siena, von der hl. Hildegard, von der hl. Brigitta sagten Zeitgenossen, sie seien vom Teufel betrogen; die hl. Theresia wurde als Schwärmerin verschrieen, als eine Person die man der Inquisition überliefern müsse; die Offenbarungen der ehrw. Maria von Agreda wurden à la Märchen, Träumereien und so fort behandelt und verfolgt. Ja, um die Wahrheit zu sagen, muß jeder, der die Geschichte der Privatoffenbarungen einigermaßen kennt gestehen, daß der Widerspruch, den sie stets bis auf unsere Zeit erfuhren, ein unbeschreiblicher war."

Barbara Weigands Schriften und Unternehmungen würden also eines deutlichen Merkmales ihrer Echtheit und Güte entbehren, wenn ihnen die Verfolgung und Verdächtigung mittels der bewußten Vorwürfe fehlte. Aber Branders Journalistik hat ausgiebig dafür gesorgt, daß der Seherin von Schippach nichts von dem erspart blieb, was je irregeführter Eifer und fanatische Hetze begnadigten Dienern Gottes gegenüber an Verdächtigungen aufbrachten.

Das Wort Betrug hat Brander selbst zwar nicht, soweit wir uns zu erinnern glauben, auf Barbara angewendet. Aber was er und seine Helfershelfer der Seherin von Schippach unter der Hand verschiedentlich andichten, kommt oft auf nichts anderes als auf die Anklage des Betruges hinaus. Oder was bedeutet es anders, wenn diese Gegner von Schippach in ihrer ,,sachlichen" und ,,pietätvollen" Kritik soweit gehen, daß sie behaupten, Barbara habe den ,,Geist" in sich mit Hilfe der Kognakflasche erweckt? Wo eben die Hysterie nicht ausreicht zur ,,Erklärung" der mystischen Zustände, da denkt moderne Kritik bald auch an das Likörglas. Wir glauben nicht, daß Brander den Spirituosendampf für ein geeignetes Mittel hält, um mit demselben den Geist auch nur für eine richtige Betrachtung oder Predigt zu wecken. Barbara Weigand aber soll ihre gehaltvollen und zielbewußten geistlichen Reden, welche für das Bildungsniveau dieser Seherin tatsächlich eine bedeutende Leistung darstellen, dem Alkohol verdanken. Und nicht bloß mit dem Alkohol, sondern auch noch mit anderem, besonders auch mit dem für die Sakramentskirche gesammelten Gelde, soll sie Betrug getrieben haben. Die Augsburger Postzeitung erhebt die Beschuldigung, daß mit diesem Gelde die Verwandten von Barbara bereichert worden seien. Man braucht indessen nur die Vermögensverhältnisse der angesehenen, ehrlichen und redlichen Landwirt- und Handverkerfamilien der Weigand'-schen Verwandtschaft zu kennen, um solche niedrigen Pauschalverleumdungen richtig einzuschätzen.

Hätte Barbara Weigand in solchen Hinsichten auch nur den geringsten Anlaß zu berechtigtem Verdachte gegeben, dann freilich läge die Annahme nicht ferne, laß sie wohl auch im ganzen Zusammenhang ihrer Sache andere habe täuschen oder betrügen wollen. Allein wann und wo gibt Barbaras religiös-sittliches Leben eine Handhabe zu einer derartigen Annahme? Barbara Weigand bietet von ihrer ersten Jugend an das Bild einer wahrhaft tugendhaften und aufrichtig frommen Person, die gerade während ihrer außerordentlichen Zustände unter der Führung anerkannt tüchtiger Beichtväter stand. Es ist nicht anzunehmen, daß so gediegene ,,Seelenführer, wie der verstorbene Kapuzierprovinzial P. Alphons in Mainz und der derzeitige Mainzer Bischof Dr. Kirstein, die nacheinander durch eine Reihe von Jahren hindurch die Beichtväter von Barbara Weigand waren, auch nur kurze Zeit, geschweige denn lange Jahre, sich von dem falschen Mystizismus einer Betrügerin hätten täuschen lassen oder gar demselben die Hand geboten hätten.

Dagegen ist es durchaus nicht unwahrscheinlich, daß Gott eine Person, welche einem von der göttlichen Vorsehung für unsere Zeit geplanten Werke, nämlich der Wiederbelebung der täglichen Kommunion schon im voraus seit langen Jahren in wahrhaft heroischer Weise diente, mit besonderen Erweisen göttlicher Huld sollte begnadigt haben. Eine Jungfrau, die in ihrer Jugend, um öfter kommunizieren zu können, sich mehrmals in der Woche um 1 Uhr nachts auf den fünfstündigen Weg von Schippach nach Aschaffenburg aufmacht, um morgens 8 Uhr im Aschaffenburger Kapuzinerkloster kommunizieren zu können, und dann den ganzen Weg wieder heimzuwandern, ist gewiß ein ernst zu nehmender Charakter. Und wenn dieselbe Jungfrau, um von der öfteren zur täglichen Kommunion übergehen zu können, unter Verzicht auf eine sehr gute eheliche Verbindung, bei Verwandten in Mainz als dienende Magd eintritt, und Jahre lang zum Zweck ihrer eucharistischen Übungen in dieser Stellung treu ausharrt, so wird auch darin doch nur das Zeichen einer gediegenen und erprobten Frömmigkeit zu erblicken sein; sollte aber Gott ein solches Opferleben nicht mit besonderen Gaben belohnen dürfen? Sollte vielmehr einem solchen heroischen Leben schon bei den ersten Zeichen mystischer Erscheinungen nur mit dem Verdacht des Betruges gelohnt werden dürfen? Noch bis auf diese Stunde ist Barbara Weigand diesem ihrem gewohnten Opfer- und Sühnungsleben treu geblieben. Seit sie wieder in ihrer Heimat Schippach wohnt, arbeitet sie freiwillig und um Gotteslohn bei einer Frau, die in entsetzlicher Weise am Gesichtskrebs leidet. Sie macht auch die Pflegerin dieser Ärmsten, in deren Umgebung es sonst kaum jemand aushält. Auf das Unsagbare dieser Abtötungen und Selbstverleugnungen wollen wir hier gar nicht näher eingehen. Vielen von den tapferen Kämpen der antischippacher Garde würde vielleicht der Mut oder die Kraft fehlen, die Erzählung dieser Selbstaufopferungen nur anzuhören. Aber aus dem Gesagten vermögen sie sich schon zu erklären, aus welcher Schule die Seherin von Schippach die Kraft schöpft, die unsäglichen Verdemütigungen und Seelenqualen ruhig und geduldig zu ertragen, welche das Brander'sche Vorgehen ihr bereitete. Es ist die Schule des Kreuzes Jesu, die Schule der wahren Gottes- und Nächstenliebe.

Diese Schule aber ist nicht die Pflanzstätte der gewollten Täuschung, des Betrugs. Es müßte entsetzlich bestellt sein um die Menschheit, wenn man selbst bei den edlen Brandopfern der Caritas, den stillen und demütigen Freunden des beschaulichen und zurückgezogenen Lebens, den Tabernakelwächtern, den eifrigen Beichtstuhl- und Kommunionbankfreunden immer nur Betrug und Heuchelei wittern müßte. Und doch sind es eben diese Leute, gegen welche die so durchaus unwahrhaftige Sophistik des modernen Zeitgeistes ihre Verdachtsmomente geltend machen will. Seitdem die Kant'sche Philosophie das Gebet überhaupt als eine innerlich unwahrhaftige Handlung, über welche der Mensch sich schämen müsse, hinzustellen begann, ist die Welt ihren Argwohn gegen die ,,Stillen im Lande", gegen die kontemplativen Seelen, die beschaulichen Orden, die Betschwestern und Betbrüder nicht mehr los geworden. Und je mehr die Gedankenwelt eines Kant durch den Liberalismus und Modernismus auch in die Reihen der Katholiken verpflanzt wird, umsomehr kommt auch im katholischen Lager der landläufige Argwohn gegenüber frommen Seelen zum Vorschein. Politische Mephistogestalten haben durch geschickte Manöver, wie Taxierenthüllung u. dgl., diesen Argwohn wirksam und erfolgreich genährt. Und im Kampf gegen Schippach feiert er zur Zeit seine Triumphe. Aber es sind im Grunde nur Triumphe des Un- und Irrglaubens und der Sophistik, Betrug des Irrtums, der die Wahrheit in Betrug und Lug umstempeln möchte. Es gilt auch diesen Bestrebungen das Wehe, welches der Prophet über diejenigen ausruft, welche das Gute bös und das Böse gut nennen.

In besonderer Weise wird dieses Wehe aber denjenigen katholischen Priestern gelten, welche sich in den Geist des Argwohns und der Abneigung gegen alle Erscheinungen einer etwas intensiveren Frömmigkeit hineinreißen lassen. Welche Verwüstung im Reiche Gottes, welche Zerstörung im Weinberg des Herrn, welche Greuel der Zerrüttung am heiligen Orte müssen sich dort ergeben, wo der Priester durch die Verdächtigung jedes außerordentlichen Zeichens von Frömmigkeit, durch eine ständige Verfehmung der sogenannten Betschwestern, durch seichten Spott über mystische Zustände sein Wort zum Ärgernis für Gläubige und Ungläubige macht. Da predigen wir auf der Kanzel immer wieder die übernatürliche Lebensordnung; wo aber eine Seele diese Lebensordnung tiefer erfaßt, und zum Lohne dafür von Gott etwas in die Geheimnisse seiner Gnade eingeführt wird, hat eine solche Seele die Geiselstreiche zu fühlen, welche verkehrte Tempelhüter dort sparen, wo sie dieselben austeilen sollten. Wir predigen, daß der Himmel nur denen gehört, die wie die Kinder werden; wo aber ein kindlicher Glaube seine kindliche Sprache redet, geben ihn Priester der Verachtung einer wissensstolzen Welt preis. Der Eifer, mit welchem liberale und sozialistische Buchhandlungen die Brander'sche Broschüre gegen die Seherin von Schippach verbreitet haben, redet da eine traurige Sprache. Wie diese Schwindlerin, so sind sie alle, die Frommen, die Katharina Emmerich, die Margareta Alacoque, die Kreszenzias und Hildegards, die Brigitten und Theresias: das war der Refrain des Unglaubens auf der Gasse und im Kasino, den Brander hervorgerufen hat.

Schwindel und Betrug! So mußte der Unkundige über den ganzen Zusammenhang der Schippacher Sache urteilen, wenn er Brander über die ,,Raffiniertheit" dozieren hörte, mit welcher Barbara ihre Offenbarungen zu einem förmlichen System zusammengeschlossen, oder über den Ungehorsam und die Hartnäckigkeit, mit welcher Barbara entschlossen sei, unter allen Umständen und gegen alle Instanzen ihre Sache durchzuführen, oder wenn Brander ihr die Absicht einer neuen Sektenstiftung nach Art der ecclesiola der Prophetinnen Priscilla und Maximilla des Irrlehrers Monfanus andichtet.

Der Kenner des ganzen Zusammenhangs der Schippacher Sache jedoch war sich über die plumpe, jämmerliche Mache dieser Brander'schen Betrugshypothesen sofort im klaren. Hier war die Stelle, wo er einem Brander mit besonderem Nachdruck zurufen konnte: Ex ore tuo iudico te, aus deinem eigenen Munde richte ich dich.

Da behauptet also Brander, daß Barbara ihre Offenbarungen mit ,,Raffiniertheit" zu einem ,,förmlichen System" zusammengeschlossen habe! Ist das nicht derselbe Brander, der fast eine ganze Broschüre dem Nachweis widmete, daß die mystischen Äußerungen Barbaras die ,,Halluzinationen einer bedauernswerten Nervenkranken" seien, ,,nur die Ausgeburten eines kranken Hirnes," ein Sammelsurium von Widersprüchen, anstößigen Redensarten, verworrener Wahnideen? Nun dort, wo er dies alles behauptet, galt es eben, die Spessarter ,,Wahrsagerin" als eine bemitleidenswerte Epileptikerin, eine an zerrütteten Nerven und Krämpfen leidende Hysterische hinzustellen. Jetzt aber, wo es gilt die Betrugshypothese zu stützen, wird aus Barbara plötzlich eine höchst konsequent denkende, gerissene und geriebene Sybille, und aus den Halluzinationen und widerspruchsvollen Hirngespinnsten, plötzlich ein mit Raffiniertheit zusammengestelltes ,,förmliches System".

Man kann wohl sagen, daß keiner der angeblichen Widersprüche, welche Brander in den Weigand'schen Schriften finden will, an den Widerspruch heranreicht, welcher hier im Kernpunkt der Brander'schen Beweisführung sich breit macht. Nichts hat Brander eingehender zu beweisen gesucht, als Barbaras angebliche Hysterie, derzufolge ihr ganzes Reden und Weissagen ein wirrer Plunder grotesker Einfälle, transitorischer Traumirrungen, leidenschaftlicher Wutausbrüche, hirnverbrannter Phantasien sind. Vom ersten Blatt seiner Broschüre, wo Brander von den ,,Halluzinationen" Barbaras redet, bis zu den Worten von den ,,Ausgeburten eines kranken Hirns" auf der letzten Seite wird Barbara als der Typus der anormalen, jeglicher Suggestion unterliegenden, von allen möglichen Denkhemmungen beschwerten, hysterischen Person geschildert; daß deren periodische Anfälle, was das Reden betrifft, nur ein wirres, abgebrochenes, zerfahrenes Durcheinander von rätselhaften Wortverbindungen aufzuweisen vermögen, wird jeder Psychiater bestätigen. Brander aber will, wo es gerade eine andere, seiner gegen Barbara vorgebrachten Verdächtigungen so verlangt, uns weiß machen, daß das zerbrochene Gehirn dieser epileptischen Jammergestalt in dem Chaos seines pathologischen Geschwätzes ein gar noch mit Raffiniertheit ausgehecktes, ,,förmliches System" einer ganz zielbewußten, aftermystischen Sektiererei biete! Man muß sich wohl, wo Vorurteil und überstürzender, fanatischer Eifer sich irgend einer mißliebigen Sache oder Person bemächtigen, stets auf starke Stücke gefaßt machen. Was hier aber Brander in der ,,psychopatographischen" Kritik ,,mystischer Phänomäne" dem geduldigen Leser zumutet, geht doch über die Hutschnur.

Überboten wird es vielleicht nur noch von Branders journalistischer Gefolgschaft, wenn diese darangeht, aus Barbara Weigand die von Alkoholdämpfen narkotisierte Pythia zu machen. Da soll das theologische System von Schippach aus dem deliranten Gestotter einer likörseligen Quartalsäuferin destilliert sein. Und sonderbar, was ansonsten selbst die Stärksten der Starken unter den Tisch zu bringen pflegt, das muß eine Barbara Weigand - sie hat sich freilich vorsichtigerweise zuvor ins Bett gelegt - auf die Höhe theologischer Spekulation erheben. Das Raffinement, das ,,förmliche Systeme" ausheckt, kommt nach dieser journalistischen Version der frommen Barbara erst mit der nötigen Bettschwere, im Nebel des Kognakdusels. Wir möchten aber doch eher glauben, daß jene hochgestimmte antischippacher Begeisterung, welche auf solchen Wegen mystische Phänomäne erklärt, selber auf manche zu stark dosierten Bonnekamps, Vermouts' oder Grande Chartreuses zurückzuführen ist. Von Raffiniertheit ist übrigens in dem ganzen Vorgehen Barbaras und ihrer Freundinnen auch nicht die Spur zu finden. Wären diese Frauenzimmer mit Raffiniertheit vorgegangen, dann hätten sie sicher Mittel und Wege gefunden, alles das, was heute in Barbaras Schriften den Anstoß der Weltkinder erregt, zuvor gründlich ausräumen und jene Schriften so dem Geist und der Richtung des Modernismus, Interkonfessionalismus, Opportunismus und der übrigen Zeitgeistströmungen anpassen zu lassen, daß Brander und Konsorten sich ganz gewiß ebensowenig gegen solche Weigand'schen Schriften gewendet hätten, als sie sich jemals gegen die modernistischen, interkonfessionellen, opportunistischen Tendenzen eines Hochland, einer Augsburger Postzeitung, einer Allgemeinen Rundschau gewendet haben. Mit etwas Raffinement und einem kühnen Griff in die gesammelten Kirchenbaugelder hätte Barbara sicher einen Theologen zeitgeistigen Wurfes gefunden, der ihr die Offenbarungen entsprechend purgiert und nach dem Geschmacke der Welt zugestutzt und frisiert hätte. Von den Würzburger und sonstigen katholischen Universitätsprofessoren der Theologie, welche den Firmen Sonnemann, Mosse oder Scherl gegen gute Bezahlung ihre diversen liberalisierenden, zum Teil direkt gegen Papst und Kirche gerichteten Artikel für die Frankfurter Zeitung, das Berliner Tageblatt, den Tag, die Süddeutschen Monatshefte, den Türmer liefern, wäre doch mehr als einer gegen einige tausend Mark für die Umarbeitung der Schippacher Offenbarungen zu haben gewesen. Mit Leichtigkeit hätte einer dieser Herren die Schriften Barbaras mit dem nötigen Köln-M.-Gladbacher Öle gesalbt, sie in die beliebten Tinten eines Martin Spahn, Muth, Bachem getaucht, sie mit dem Parfüm umgeben, welches die Schriften einer Blennerhasset, Dr. F. Imle, Handel-Mazetti und ähnlicher modernistizierenden Damen so unfehlbar des Lobes der Welt versichert.

Allein Barbara Weigand hat an solche Mittel und Wege nicht gedacht. Und da, wo man ihr dieselben anbot, hat sie dieselben ausgeschlagen. Wir könnten einen bekannten Schriftsteller und Professor der Theologie nennen, welcher der guten Barbara für die Ausführung ihres Kirchenbaus garantieren wollte, falls sie ihm für einen bestimmten Zweck 50000 Mk. aus den Schippacher Kirchenbaugeldern zur Verfügung stellen wollte. Barbara hat den sauberen Vorschlag entsprechend abgelehnt. Sie hat ihr Bauprojekt wie ihre Schriften im unversehrten Zustand ehrlich und harmlos der bischöflichen Behörde übergeben. Sie hat dabei allerdings nicht vermutet, daß sie hierfür eines Tages auch noch des raffinierten Betruges geziehen werde.

Indessen muß doch vielleicht der Ungehorsam gegen die kirchliche Autorität, dessen Barbara geziehen wird, vermuten lassen, daß eine solche Person betrügen könne. Brander macht es der Schippacher Seherin zum besonderen Vorwurf, daß sie entschlossen sei, ,,unter allen Umständen und gegen alle Instanzen ihre Sache durchzuführen." Der Umstand, daß Barbara Weigand nach einer verwerfenden Entscheidung der ersten Instanz, d.h. des bischöflichen Ordinariates, sich des legalen Mittels der Appellation an die weiteren Instanzen bedient, genügt einem Brander zu diesen Ausfällen.

Auch da können wir Brander aus seinen eigenen Worten und aus seinem eigenen Vorgehen überführen und widerlegen. Ist es nicht Brander, der schon im Vorwort seiner Broschüre der bischöflichen Behörde den Vorwurf macht, ,,daß man von kirchlicher Seite immer noch zu schonend gegen die Seherin von Sehippach und ihren Anhang vorgegangen"? Brander gibt sich also mit den bischöflichen Maßnahmen keineswegs zufrieden. Er tadelt sie öffentlich. Er nennt sie ,,zu schönend", selbst zu einer Zeit, wo Barbara durch die Verlesung der verschiedenen bischöflichen Verfügungen von den Kanzeln und durch das Verbot ihres Kirchenbaues und Liebesbundes schwerer und empfindlicher getroffen worden war, als irgend einer derjenigen, gegen welche die kirchliche Behörde in Sachen des Glaubens in den letzten Jahrzehnten eingeschritten ist. Keiner der Modernistenführer in Deutschland hat in seiner Person von den Kanzeln aus etwas ähnliches erfahren, wie Barbara Weigand. Und doch tadelt Brander die kirchliche Behörde, sie sei zu schonend gegen Barbara vorgegangen. Wenn aber Brander glaubt, solchen öffentlichen Tadel mit der Ehrerbietigkeit und dem Gehorsam gegenüber der kirchlichen Autorität vereinigen zu können, warum soll dann Barbara deshalb, weil sie gegen eine bischöfliche Entscheidung das ihr von der Kirche selber gebotene Rechtsmittel glaubt ergreifen zu sollen, zur Aufrührerin gegen die kirchliche Autorität gestempelt werden?

Und wie hatte sich denn Brander gegenüber den ersten, für Schippach günstigen Maßnahmen der bischöflichen Behörde benommen? Hat er sich mit denselben zufrieden gegeben? Im Gegenteil, die Bekämpfung der bischöflichen Genehmigung des Werkes von Schippach war ja der Zweck seiner ganzen Agitation. Der in der politischen Presse begonnene Feldzug Branders richtete sich gerade gegen die damals noch zu Recht bestehenden bischöflichen Maßnahmen, welche den Bau der Sakramentskirche gestattet und gefördert, und den eucharistischen Liebesbund approbiert hatten. Gegen diese bischöflichen Maßnahmen erlaubte sich Brander, die ganze öffentliche Meinung aufzuhetzen. Und wie man sich aus seiner Pressefehde auf Schritt und Tritt überzeugen kann, war Brander, genau wie er dies von Barbara behauptet, selber ,,entschlossen, unter allen Umständen und gegen alle Instanzen seine Sache durchzuführen." Die höchste Instanz, den Apostolischen Stuhl, sowie dessen Entscheidung sucht Brander am liebsten ganz auszuschalten. Daher verfällt er gar auf die Idee: ,,Es ist geradezu eine Beleidigung der höchsten kirchlichen Stellen, daß man ihnen überhaupt zugemutet hat - und auch noch in der Kriegszeit, wo Rom doch wahrlich ganz andere Aufgaben zu erfüllen hat - dieses Sammelsurium zu prüfen und zu approbieren." Nichts ist eben einem Brander und seiner Presse unbequemer, als die Aussicht, daß der Apostolische Stuhl sich noch mit der Sache befassen soll. Daher auch Branders Bestreben, durch den Druck der erregten öffentlichen Meinung, dem Apostolischen Stuhl ein Verwerfungsurteil förmlich abzunötigen. Wie kann aber ein Mann, der eine solche Haltung gegenüber der kirchlichen Autorität einnimmt, in dem Beschreiten des Instanzenwegs durch Barbara Weigand ein Zeichen des Ungehorsams und der Auflehnung erblicken wollen? Brander glaubt annehmen zu dürfen, daß die bischöfliche Behörde in ihrem ersten Urteile sich geirrt habe; wenn aber Barbara das zweite Urteil für irrig und das erste für richtig hält, dann sieht Brander darin ein Vergehen. Brander darf mit Hilfe des Terrorismus einer politischen Parteipresse das erste bischöfliche Urteil umstoßen helfen; wenn aber Barbara Weigand auf dem Wege ordnungsgemäßer Appellation an den Heiligen Stuhl das erste bischöfliche Urteil wieder zu reaktivieren sucht, dann soll sie als Aufrührerin gegen die bischöfliche Behörde dastehen. Derart sehen die Gründe aus, mit welchen man die Seherin von Schippach als eine widerspenstige Demonstrantin, und damit als unglaubwürdig und schließlich auch des Betruges für fähig erklären will.

Brander und seine Presse machen dabei auch ein großes Getöse wegen der mancherlei Mahnungen, Warnungen und auch Tadelsworte, welche Barbara Weigand in ihren Schriften dem geistlichen Stande gegenüber gebraucht. Wer indessen die mystische Literatur älterer und neuerer Zeit nur einigermaßen kennt, wird Barbara Weigands Ausstellungen am Leben des Klerus doch sehr maßvoll finden. Bei Heinrich Seuse, der hl. Brigitta und anderen Gottesfreunden könnte Brander doch bedeutend schärfere Töne finden, als Barbara in diesem Punkte anschlägt. Und was vor nicht langer Zeit von Würzburg aus dem katholischen Klerus und der ganzen Kirche hinsichtlich ,,Inferiorität" und anderen Dingen zum Vorwurf gemacht wurde, war doch bedeutend bitterer, als die Weigand'schen Ermahnungen an eine gewiße Spezies neuerungssüchtiger und schwacher Priester. Der Sarkasmus und giftige Hohn aber, welchen ein Würzburger Theologieprofessor in einer Berliner - hauptsächlich von Protestanten besuchten - Versammlung und vielfach auch in seinem Kollegium über manche Kategorien des katholischen Klerus ausgoß und ausgießt, ist einer B. Weigand völlig fremd.

Und diese Würzburger theologischen Spezimina wird man auch wohl im Auge behalten müssen, um das richtige Maß für jene Verdächtigungen zu finden, welche eine Barbara um jeden Preis zu einer Sektiererin, zu einer moatanistischen Priszilla oder Maximilla machen wollen. Daß solche Vorwürfe gerade aus der ganz von Liberalismus und Modernismus verseuchten Würzburger Atmosphäre kommen, ist mehr als bezeichnend. Im Jahre 1913 hielt der katholische Professor der alttestamentlichen Exegese, Dr. Hehn, als Rektor magnifikus bei dem Stiftungsfest der Universität Würzburg eine Rede über ,,Wege zum Monotheismus". Dieselbe gipfelte in dem Satze: ,,Moses ist der genialste Religionsstifter des Altertums." Um dieselbe Zeit schrieb ein anderer Würzburger Theologieprofessor in der Frankfurter Zeitung über ,,Die Krallen des Papstes" und ähnliche interessante Dinge. In dieser theologischen Luftschicht müssen Brander und seine übrigen gegen Schippach eifernden Kombattanden leben. Sie sind dafür nicht verantwortlich zu machen. Aber das Leben in einer solchen Atmosphäre erklärt doch manches. Brander mag dem Konzern der neologischen Theologaster der Universität fern stehen. Doch wagt auch er nicht, gegen diese tatsächliche Sektiererei öffentlich aufzutreten. Er hat noch keine Broschüre gegen sie geschrieben; er hat weder in Tagesblättern noch in Zeitschriften den Klerus und das Volk auf die ungeheuere Gefahr für den Glauben und die Sitten aufmerksam gemacht, welche dort unter dem Mantel der Wissenschaft einherschleicht; er hat noch nicht mit Hilfe des Druckes der öffentlichen Meinung die geistliche und die weltliche Gewalt zur Abstellung dieser entsetzlichen Gefahr zu veranlassen gesucht. Aber gegen Barbara von Schippach hat er keines dieser Mittel anzuwenden vergessen. Gegen dieses arme Weib den Inquisitor zu spielen, dazu hat ihm der Mut nicht gefehlt. Er hat damit jedoch nur den Beweis erbracht, daß auch er sich dem Einfluß der ihn umgebenden Atmosphäre nicht ganz zu entziehen weiß. Wir haben schon gesehen, wie viel Brander von dieser Atmosphäre bereits auf dem Wege über Zahns Einführung in die Mystik in sich aufgenommen hat. Niemand wird an dem Brander'schen Feldzug gegen Schippach eine größere Freude gehabt haben, als die liberalisierenden Männer der neuesten ,,Würzburger Schule". Dieser Feldzug Branders ist ja nur das Seitenstück zu dem Feldzug Merkles gegen den Exjesuiten Berlichingen.

Hat nun ein Mann, der selber so sichtlich unter dem Einflusse einer falschen Richtung steht, irgend welches Recht, einer Barbara Weigand Sektiererei vorzuwerfen? Aber das war ja von jeher geradezu ein Kennzeichen aller abirrenden Richtungen im katholischen Lager, daß sie den Trägern außerordentlicher Gnadengaben den Vorwurf der Sektiererei machten. Wie glaubten nicht die Jansenisten, die Kirche Gottes vor den ,,Irrlehren" der ehrwürdigen Maria von Agreda bewahren zu müssen! Dreizehn angeblich häretische Sätze zog die Pariser Universität aus den Offenbarungen dieser Begnadigten und erließ infolgedessen eine scharfe Zensur gegen das ganze Werk. Und wie sekundierte diesen Jansenisten der bayerische Theologe P. Eusebius Amort, der ,,Brander" des achtzehnten Jahrhunderts! Nicht etwa eine Broschüre, sondern ganze Bände widmete er dem Nachweis der angeblichen Sektierereien der Agredinischen ,,Mystischen Stadt Gottes". Und, wie waren die Josephiner und Febronianer hinter den vermeintlichen Häresien der sel. Margareta Alacoque her! Wie viele Hirtenbriefe erwirkten sie nicht gegen diesen ,,neuen Kultus"! Und welche Besorgnisse für die Reinerhaltung des Glaubens hegten nicht die Aufklärer gegenüber den Offenbarungen der gottseligen Anna Katharina Emmerich! In allem Ernste machten sie das Bedenken geltend, hinter Katharinas Freundschaft mit dem Pilger Klemens Brentano stecke nur die Absicht der Gründung einer neuen Sekte! ,,Diese Leute," so sagt sie selber, ,,fielen entsetzlich über mich her und beschimpften mich über die Maßen, daß ich mich mit dem Pilger abgebe, und wie da eine neue Sekte daraus würde."

Wäre es nicht zu verwundern, wenn der Modernismus sich anders gegen Privatoffenbarungen und deren Träger benehmen würde? Und ist es nicht für die Schippacher Schriften geradezu ein Wahrzeichen ihrer gesunden katholischen Lehre, daß sie aus der Metropole des deutschen Modernismus heraus der Irrlehre beschuldigt werden? Es ist auch sehr bezeichnend, daß Brander seine Kampagne gegen die ,,Sektiererei" von Schippach gerade in solchen Tägesblättern und Zeitschriften eröffnete, welche den vom Heiligen Stuhl tatsächlich als Häresie erklärten Modernismus am eifrigsten gegen ,,Modernistenschnüffler" und ,,Ketzerriecher" in Schutz nahmen. Es ist dieselbe Presse, die sich mit allen möglichen Sekten auf die ,,gemeinsame Basis" gestellt hat, ihnen allen mit heißer Liebe die allgemein christliche Bruderhand zum gemeinsamen Kampfe reicht, und zu diesem Zweck ihren eigenen Katholizismus so retraktiert, restringiert und temperiert, daß fast nichts mehr von demselben übrig bleibt. Wenn Barbara Weigand wirklich eine Sektiererin, eine ,,Andersgläubige" wäre, müßten dann diese Blätter, wenn sie konsequent bleiben wollen, nicht auch ihr die Bruderhand reichen und nicht auch für sie die gemeinsame Basis bereit halten? Warum aber soll auf das Kommando dieser Presse plötzlich die ganze Welt in der Sache von Schippach solche Ketzer riechen und solche Sektierer schnüffeln, für welche es keine ,,tolerantia politica" und keinen ,,konfessionellen Frieden" sondern nur Kampf bis aufs Messer geben darf?

Wir haben hierfür nur eine Antwort: Weil Barbara Weigand das besitzt, was die Welt, vom liberal angehauchten Katholiken bis zum Gottesleugner, im letzten Grunde allein haßt, nämlich den genuinen kirchlichen, ultramontanen Glauben, den Katholizismus sans phrase, das katholische Denken und Leben ohne Abstrich und ohne Beistrich, die Religion der römisch-katholischen Kirche.

Und eben wegen dieser katholischen Treue, welche sie in einer der für die Katholiken gefahrvollsten Epoche standhaft ihrer Kirche bewiesen hat, halten wir Barbara Weigand des Betruges für unfähig.

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XII. Ist der Zweck ein guter?

Unsere dritte Hauptfrage untersucht den Zweck, welchen Barbara Weigand glaubt erstreben zu müssen. Ist dieser Zweck ein guter?

Sowohl über den näheren Zweck, die Gründung des Liebesbundes und die Erbauung der Sakramentskirche, wie auch über den entfernteren Zweck, die Erneuerung des kirchlichen Lebens, haben wir bereits genügende positive Angaben gemacht. Beide Zwecke entsprechen darnach der katholischen Lehre. Wir können uns sonach hier auf die Abfertigung von Einwänden beschränken.

Brander hat es vor allem auf den nächsten Zweck, den Liebesbund und die Sakramentskirche, abgesehen. Diese will er vernichten. Er sucht sie deshalb sowohl in ihrer Herkunft als auch in ihrem Endzweck als häretisch, dem Irrglauben dienend, ketzerisch hinzustellen. Als Mittel dazu dient ihm der Nachweis eines ursächlichen Zusammenhangs des Liebesbundes und der Sakramentskirche mit den Schippacher Schriften, die er von vornherein für ketzerisch erklärt. Aber hier liegt auch das fehlerhafte seiner Beweisführung. Wie wir bereits gezeigt haben, beruht letztere auf einer durchaus unbescheidenen, pietätlosen, überstrengen Kritik der Privatoffenbarungen von Barbara Weigand.

Diese verkehrte Kritik tritt vor allem dort zutage, wo Brander die häretische Herkunft des Liebesbundes beweisen will. Er stellt zunächst den Statuten und Gebeten des Liebesbundes eine Reihe von Stellen aus den Offenbarungen an die Seite. In letztere liest er infolge seiner Hyperkritik Häresien hinein und will, da er triumphierend die Übereinstimmung der beiden Reihen von Stellen aufzeigt, damit die häretische Herkunft von
Liebesbund und Sakramentskirche bewiesen haben.

Man betrachte sich nur einige der Brander'schen hyperkritischen Verketzerungsversuche etwas näher, und man wird finden, auf wie schwachen Füßen seine ganze Beweisführung steht.

Barbara läßt den Heiland sagen: ,,Glückselig derjenige, der es glaubt, daß Ich mit dir rede." Wir haber hier eine jener Stellen, aus welchen Brander beweisen will, daß Barbara unter Glauben nur den Glauben an die Echtheit ihrer Privatoffenbarungen verstehe. Daß diese Behauptung viel zu weit geht, zeigt gerade eine pietätvolle und gemäßigte Auslegung aller jener Stellen, welche Brander auf Seite 22-28 seiner Broschüre anführt. Aus diesen Stellen geht hervor, daß Barbara das Wort Glauben sowohl für den göttlichen und katholischen Glauben an das kirchliche Glaubensdepositum, als auch für den göttlichen bzw. menschlichen Glauben an ihre Privatoffenbarungen gebraucht. Und sie darf dies tun, da ja auch die Kirche und die Theologen das Wort Glauben sowohl für das Fürwahrhalten der ordentlichen als auch der Privatoffenbarungen gebrauchen. Das Wort Glauben ist eben jeweils in dem richtigen, jedem einigermaßen unterrichteten Gläubigen bekannten Sinne zu verstehen. Wenn aber Brander glaubt, daß mit Bezug auf Privatoffenbarungen nur ein rein menschlicher Glaube notwendig und möglich sei, so weiß in dieser Sache Barbara Weigand offenbar besser Bescheid. Sie könnte sich auf den Dogmatiker Heinrich Seuse berufen, welcher festhält ,,an der sententia communis et certa, daß nicht nur die durch die Kirche proponierte, sondern eine jede göttliche Offenbarung, also auch eine sogenannte Privatoffenbarung für denjenigen, welchem sie genügend proponiert ist, Grund und Gegenstand wahrer fides divitia sein kann." Wohl sagt Papst Benedikt XV., daß Privatoffenbarungen nicht mit fides catholica (katholischen Glauben) für wahr gehalten werden können, weil sie nicht zum Gegenstand des katholischen Glaubens gehören. Indessen sagt Benedikt XV. dennoch von allen Privatoffenbarungen, welche die Zeichen der Echtheit tragen: ,,An ihrer übernatürlichen und göttlichen Qualität darf in keiner Weise gezweifelt werden." Wenn Barbara Weigand also für ihre Offenbarungen, die ihr selber genügend proponiert waren, im allgemeinen ,,Glauben" verlangte, so hat sie sich dadurch in keiner Weise gegen den katholischen Glauben verfehlt. Brander aber, der ohne zwingenden Grund in das von Barbara gebrauchte Wort Glauben einen häretischen Sinn hineinlegt, hat damit gegen die wichtige theologische Regel verstoßen, derzufolge man schwierige und mißverständliche Worte in den Offenbarungen frommer Personen nicht schlechthin als falsch und ketzerisch bezeichnen darf, weil sie auf den ersten Blick in solchem Sinne verstanden werden können, vielmehr ihnen einen solchen Sinn beimessen muß, der sich mit der Regel des Glaubens vereinbaren läßt.

Auch darin findet Brander Ketzerei, daß Barbara den Herrn mit den Worten: ,,Sie sollen verkosten, wie süß der Herr ist", denjenigen einen Lohn verheißt, welche an Barbaras Offenbarungen glauben; und ebenso, daß, den Spöttern dort die Züchtigung von seiten Gottes angedroht wird. Dabei zieht aber Brander nicht in Betracht, daß solche Verheißungen und Drohungen in fast allen Privatoffenbarungen vorkommen. Wir haben oben im Kapitel VIII. die Worte des Herrn an Brigitta vernommen, worin denjenigen, welche solche Privatoffenbarungen in Ehrfurcht annahmen, die Fülle der göttlichen Barmherzigkeit versprochen wird, während den Verächtern derselben zeitliche und ewige Strafen angedroht werden. Brander beweist also auch hier nicht den Irrglauben von Barbara Weigand, sondern nur seine eigene Unkenntnis der mystischen Theologie.

Aberglauben will Brander darin finden, daß Barbara von der ,,Aufopferung am Abend", welche die Mitglieder des Liebesbundes täglich beten sollen, folgendes Maria sagen läßt: ,,Seht, durch die tägliche Aufopferung dieses Gebetchens, das mein Sohn verfaßte, mehr mir zu Ehren als ihm zur Verherrlichung, werden all die Gebrechen und Unvollkommenheiten eurer Gebete getilgt.

Es ist geradezu empörend, wenn Brander in dieser Äußerung Aberglaube wittern will. Der Gedanke, daß durch ein besonderes am Schlusse vorausgegangener Gebetsübungen zu verrichtendes Gebet die Mängel und Gebrechen der vorausgegangenen Gebete getilgt werden können, ist durchaus nicht abergläubig. Die Kirche selber läßt den Priester am Schlusse des täglichen Breviergebetes ein besonderes Gebet (Sacrosanctae et individuae Trinitati) verrichten, von welchem die ihm vorgedruckte Rubrik sagt: ,,Denjenigen, welche folgendes Gebet nach dem Offizium andächtig verrichten, hat Papst Leo XIII. Nachlaß der aus menschlicher Schwäche während desselben verschuldeten Mängel und Sünden gewährt." Es verstößt durchaus nicht gegen den Glauben, ist vielmehr der Lehre und dem Geiste der Kirche ganz entsprechend, wenn Barbara aus dem Munde der Muttergottes die Anweisung zu einem ähnlichen Gebete erhalten haben will. Und daß Gott seinen begnadigten Dienern mannigfach in Privatoffenbarungen Nachlaß und Verzeihung von Mängeln und Unvollkommenheiten auf Grund einfacher Gebete anbietet und verheißt, ist eine in der Mystik allbekannte Sache. So wird in dem herrlichen Buche der hl. Gertrudis der Großen ,,Der Gesandte der göttlichen Liebe" von dieser Heiligen folgendes erzählt: ,,Da sie eines Tages ihr Herz erforschte, fand sie einiges, das sie gern gebeichtet hätte. Weil sie aber keinen Beichtvater haben konnte, flüchtete sie zu dem einzigen Tröster, dem Herrn Jesus Christus, und klagte ihm diese Schwierigkeit. Der Herr antwortet ihr: ,,Warum betrübst du dich? So oft du es verlangst, werde ich, der höchste Priester und wahre Bischof, bei dir sein und jedesmal die sieben Sakramente zugleich in deiner Seele wirksamer erneuern, als dies irgend ein Priester oder Hohepriester zu sieben Malen vermöchte. Denn mit meinem kostbaren Blute werde ich dich taufen, in der Kraft meines Sieges dich firmen, in der Treue meiner Liebe dich mir vermählen, in der Vollkommenheit meines heiligsten Wandels dich weihen, in der Huld meiner Barmherzigkeit von jeder Fessel der Sünde dich lossprechen, in dem Übermaß meiner Liebe dich mit mir selber speisen und sättigen und in der Süßigkeit meines Geistes dein ganzes Innere mit so wirksamer Salbung durchdringen, daß die Fülle der Andacht durch alle deine Sinne und Bewegungen träufeln wird, so daß du ohne Unterlaß befähigt und geheiligt wirst zum ewigen Leben."

Was hätte wohl aus diesen Verheißungen, falls sie in Barbara Weigands Offenbarungen enthalten wären, ein Brander herausgelesen? Entwertung der Sakramente, Verachtung der priesterlichen und bischöflichen Gewalt, abergläubiges Vertrauen auf die Kraft des eigenen Gebetes: dies wären doch zum mindesten seine Anklagen gewesen. Eine korrekte Theologie und die Kirche selber jedoch haben niemals solche Anklagen gegen angeführte und ähnliche Stellen mystischer Schriften erhoben. Und sie werden auch gegen die Verheißungen, welche Barbara Weigand bezüglich des Gebetes ,,Aufopferung am Abend" aus dem Munde des Herrn bzw. seiner heiligsten Mutter vernommen haben will, vom Standpunkt des Glaubens und der Sitte nichts einzuwenden haben. Vielmehr dürfte eine gesunde Theologie in diesem Gebet nur einen Beweis dafür finden, wie tief diese Schriften von Schippach in den Geist der Kirche eingedrungen sind. Sie dürfte es wohl nur von ganzem Herzen begrüßen, wenn das bewußte Aufopferungsgebet des Liebesbundes der Anlaß würde, daß die Kirche, wie sie dem Pflichtgebet des Priesters durch ein Aufopferungs- und Ablaßgebet zu Hilfe gekommen ist, in ähnlicher Weise auch das Gebet der Laien durch ein besonderes Ablaßgebet unterstützen würde. Der kirchliche Theologe wird es aber zugleich bitter empfinden, daß aus den Reihen des Klerus heraus ein so eminent praktischer Gedanke, wie er hier in dem Liebesbund geäußert und angewendet wurde, schmähliche Verdächtigung und Bekämpfung erleben mußte.

Diese Verdächtigung setzt Brander dadurch fort, daß er die Lehre Barbaras, der zufolge das genannte Aufopferungsgebet seine Wirkung aus dem Blute und Verdienste Jesu Christi schöpfe und so die Mängel der menschlichen Mitwirkung ersetze, als häretisch darstellen will. Barbara läßt die Mutter Gottes sagen: ,,Mein Sohn macht dieses Gebet zu seinem eigenen Gebet, weil durch die Aufopferung und die Vereinigung seines kostbaren Blutes sein Blut an diesem Gebete klebt und vor seinen himmlischen Vater hintritt und um Versöhnung schreit für seine Kinder", und weiter: durch die Eintauchung der Gebete in das kostbare Blut Jesu ,,werde schneller alles ersetzt als durch persönliches Verdienst erreicht werden könne." Brander sagt hierzu: ,,Diese bequeme Sittenlehre ist neu in der Kirche, ebenso die Art und Weise, sie ohne die kirchliche Schlüsselgewalt in Anspruch zu nehmen, Befreiung von Fehlern, Unvollkommenheiten und Mängeln, und Teilhaftigmachung der Verdienste Christi einem bestimmten Gebete als Wirkungen zugesprochen werden".

Brander weiß also nicht, daß diese ,,neue" und ,,bequeme" Lehre in der mystischen Theologie mindestens so alt ist, als die Offenbarungen der hl. Gertrudis, aus welchen wir oben jene bemerkenswerte Stelle wiedergegeben haben, die ebenfalls ohne Inanspruchnahme der kirchlichen Schlüsselgewalt, ja noch wirksamer als durch irgend einen Priester oder Hohenpriester, Befreiung von Fehlern und Mängel, ja sogar Lossprechung von jeder Fessel der Sünde in Aussicht stellt, und zwar unter demselben Hinweis auf das kostbare Blut Jesu, auf die Vollkommenheit, Barmherzigkeit und Liebe Jesu, wie dies bei Barbara Weigand der Fall ist.

Es ist kaum nötig, hier auseinanderzusetzen, wie diese Stellen mit der Regel des katholischen Glaubens trefflich übereinstimmen. Uns genügt es zu wissen, daß das, was im Munde einer hl. Gertrudis nicht Häresie gewesen, auch eine Barbara Weigand nicht zur Ketzerei zu stempeln vermag. Um aber darzustellen, wie schwer das Unrecht ist, welches Brander hier einer Barbara Weigand zufügt, ist es doch am Platze, die vollkommene Übereinstimmung der bewußten Weigand'schen Stellen mit der Kirchenlehre anzudeuten. Was durch die ,,Aufopferung am Abend" um der Verdienste Christi willen getilgt und ersetzt werden soll, sind die den Gläubigen bei der Verrichtung ihrer täglichen Gebete unterlaufenen Fehler und Mängel, also läßliche Sünden und Unvollkommenheiten, die nicht einmal läßliche Sünden, sondern nur Schwächen sind, wie z. B. gerade die häufigen unfreiwilligen Zerstreuungen beim Gebete. Barbara Weigand befindet sich aber in vollkommener Übereinstimmung mit der katholischen Katechismuslehre, wenn sie annimmt, daß solche Unvollkommenheiten und auch läßliche Sünden nicht bloß durch Akte der kirchlichen Schlüsselgewalt, sondern schon durch gute Werke, wie z. B. durch Gebet, nachgelassen werden können. So sagt z. B. der bekannte Volkskatechismus von F. Spirago: ,,Nachgelassen werden die läßlichen Sünden durch gute Werke, die man im Stande der Gnade verrichtet. Solche guten Werke sind: Gebet, Fasten, Almosengeben, Anhörung der hl. Messe, Empfang der hl. Kommunion, Gebrauch der Sakramentalien, Gewinnung von Ablässen, Verzeihung der Beleidigungen."

In dem genannten Katechismus wird besonders der hl. Augustinus angeführt, welcher schreibt: ,,Ein Vaterunser, aus dem Herzen gesprochen, zerstört die läßlichen Sünden eines ganzen Tages." Wie glänzend rechtfertigt hier die katholische Tradition eine Barbara Weigand, wenn diese es unternimmt, die Mitglieder des Liebesbundes zu einer schon vom hl. Augustinus empfohlenen frommen Übung anzuhalten, indem sie dieselben ermahnt, am Abend durch ein Gebet alle Gebrechen und Unvollkommenheiten, die bei den täglichen Gebeten unterlaufen sind, zu tilgen.

Nicht hoch genug kann man es der Seherin von Schippach anschlagen, daß sie damit eine alte katholische Übung und Lehre betonte, welche in manchen katholischen Kreisen derart in Vergessenheit geraten ist, daß selbst ein Theologe wie Brander in ihr auf den ersten Blick nur Häresie vermutet.

Riecht aber Barbaras Berufung auf die Verdienste Jesu Christi nicht gar zu sehr nach der bequemen protestantischen Lehre, derzufolge das Verdienst Christ alles, die guten Werke aber nichts bedeuten? Brander kann diesen Argwohn nicht los werden. Wie aber beruft sich denn Barbara auf die Verdienste Christi? Sind es denn nur allein diese Verdienste Christi, durch welche sie Nachlassung der bewußten Gebrechen und Unvollkommenheiten erlangen will? Oder ist es nicht gerade ein gutes Werk, nämlich ein Gebet, in welchem sie mit der aus dem Verdienst Christi stammenden Gnade mitwirkt? Es gehört doch eine gute Portion kurzsichtiger Verbohrtheit dazu, um letzteres zu übersehen.

Und Brander übersieht derartiges immer dort, wo er eben nur auf solche Weise seine These von der Häresie Barbaras stützen kann. Hier paßt es ihm in den Kram zu zeigen, daß Barbara Ketzerei lehre, indem sie in übermäßiger Weise die Verdienste Jesu Christi heranziehe. An anderer Stelle kennt Brander hinwiederum kaum einen schärfer betonten Vorwurf als den, daß Barbara ein völliges Ungenügen (Insuffizienz) des Leidens und ganzen Mittleramtes Christi lehre! So verwickelt sich Brander gerade wieder bei einem seiner Hauptzüge in die offenbarsten Widersprüche. Denn das Weigandsche System, wenn es das Ungenügen des Verdienstes Christi lehrt, kann doch nicht zugleich auch das Genügen des Verdienstes Christi betonen. Wollte man aber Brander so verstehn, als ob Barbara wirklich beide einander ausschließenden Lehren vortrage, dann würde Brander sich wieder darin widersprechen, daß er Barbaras Offenbarungen ein mit Raffiniertheit zusammengestelltes System nennt; es wäre ja alsdann nur ein Haufe grober Widersprüche vorhanden, der allem anderen als eben dem Begriff des raffinieren Systems entspräche. Brander hat sich in der Zwickmühle der ,,Widersprüche", in welcher er Barbara bloßstellen wollte, selber
in jämmerlicher Weise gefangen.

Die Sache könnte zum Lachen reizen, wenn sie nicht vorderhand für Barbaras Ehre und guten Namen eine so bittere Wendung genommen hätte. Die Welt hat bis jetzt nur Augen und Ohr für die Brander'schen Anwürfe gehabt, so paradox und unsinnig die letzteren auch sein mochten. Und so konnte ein Menschenleben, das in wahrer Frömmigkeit, Demut, Edelmut, Opfersinn dahingeflossen war, in den Kot der schlimmsten Verketzerung niedergetreten werden. Wo eben die dem Übernatürlichen abgekehrte und mißtrauende Welt gegen eine Begnadigte das auf Ketzerei lautende Urteil gesprochen sieht, da trägt sie gerne das Holz zum Scheiterhaufen zusammen, vor welchem sie sonst so emsig alle Ketzer zu retten sucht. So haben denn auch gewisse, sonst recht kritisch veranlagte Literaten- und Journalistenkreise die Brander'schen Verketzerungen der Schippacher Offenbarungen mit dem stupidesten Köhlerglauben hingenommen und in der Presse wiedergekaut. Waren damit doch zwei der verhaßten Übernatürlichkeitsrichtung dienende Werke, Liebesbund und Sakramentskirche, in ihrer Wurzel und Herkunft schon als ketzerisch verfehmt. Denn den ursächlichen Zusammenhang jener Werke mit den nun allgemein als ketzerisch geltenden Schriffen von Barbara Weigand hatte ja Brander in der Tat unwiderleglich nachgewiesen.

Wie sehr muß aber gerade dieser Nachweis wieder der Rechtfertigung Barbaras und ihrer begonnenen Werke dienen, sobald eben der Wurzelbezirk dieser Werke, die Offenbarungen der Seherin von Schippach, wieder von dem Verdachte der Häresie gereinigt sind! Und wie leicht dies letztere zu bewerkstelligen ist, dürften unsere Ausführungen doch wohl zur Genüge gezeigt haben. Der Nachweis des Zusammenhangs der Schippacher Offenbarungen mit dem Liebesbund und der Sakramentskirche aber, den Brander zum Kern und Stern seiner Argumentation machte, wird dann zum radikalsten, fundamentalsten Erweise des unversehrten katholischen Charakters und der sittlichen Güte der Schippacher Werke werden. Inzwischen jagt Brander noch seiner zweiten Absicht nach, nämlich auch den entfernteren Zweck, den Barbara verfolgt, d.h. ihr Projekt der Erneuerung des katholischen Lebens, nach Kräften zu verketzern.

Brander kennt dieses großartige Projekt in seiner wahren Bedeutung sehr wohl und er kann sich der Güte und Herrlichkeit derselben kaum verschließen. Aber seine vorgefaßte Abneigung verdunkelt doch wieder gänzlich seinen Blick und legt auf seine Lippen gerade hinsichtlich dieser Seite der Schippacher Sache die schmachvollste Lästerung.

So kommt er in seiner Broschüre zu folgenden Worten: ,,Welch schöner Plan! Zusammenschluß aller guten und getreuen Kinder der hl. katholischen Kirche, um einen Damm zu bilden gegen den herrschenden Zeitgeist! Nur schade, daß a) das Fundament dieses Dammes nicht der Fels Petri ist, sondern Barbara Weigand und ihre zwei Freundinnen und b) daß man den Damm bauen will nicht so sehr wegen des Unglaubens, sondern daß man umgekehrt den reißenden Strom des Unglaubens und der Sittenlosigkeit braucht, um seinen geplanten und erwünschten ,,Damm" bauen zu können."

Wenn diese Worte nicht Unsinn sind, so sind sie Lästerung. Vielleicht sind sie Unsinn und Lästerung zugleich!

Diesen Brander'schen Worten zufolge ,,braucht", d.h. erfand Barbara nur für ihre Betrugszwecke das Bild vom heutigen Strom des Unglaubens und der Sittenlosigkeit. In Wirklichkeit entspricht, wie Brander ausdrücklich behauptet, die Weigand'sche Annahme, daß unsere Zeit die schlechteste seit Beginn der Schöpfung sei, nur der ,,krassesten Unwissenheit aller geschichtlichen Verhältnisse". Und dies behauptet ein Brander während der Regierungszeit des Hl. Vaters Benedikt XV., der sofort in seiner ersten Enzyklika das Bild zeichnete, ,,das Europa und mit ihm die ganze Welt bietet, ein Bild, wie es schrecklicher und trauriger seit Menschengedenken wohl nie geschaut wurde," das Bild einer ,,solchen Verwirrung der Geister und Verwilderung der Sitten, daß, wenn Gott nicht bald Hilfe schafft, der Zusammenbruch der menschlichen Gesellschaft nahe bevorzustehen scheint." Wahrlich, die Angaben Barbaras über den heutigen Zustand der Welt haben vom Felsen Petri aus die ausgiebigste Bestätigung erfahren! Barbara hat das traurige Bild der heutigen Welt nicht erfunden, sie ,,brauchte" es nicht. Wohl aber brauchte oder bedurfte die Welt des von Barbara schon seit Jahrzehnten geschauten Planes einer Erneuerung der Welt in Christus und der Kirche, eines Planes, welchen Papst. Pius X. in seiner ersten Enzyklika so großartig bestätigte und darlegte, und welchen Papst Benedikt XV. in seiner ersten Enzyklika aufgreift und weiterverkündigt. Will man aber das Wort vom ,,brauchen" des traurigen Weltbildes gelten lassen, dann kann man nur sagen, daß die beiden genannten Päpste dieses entsetzliche Bild in demselben Sinne und zu demselben Zwecke in ihren Rundschreiben gebrauchten oder anwendeten, zu welchem es auch Barbara Weigand in ihren Schriften angewendet hat.

Brander aber hat neben der Stimme der Seherin, die er verachtete, die Stimme des Papstes in dieser Frage der heutigen Weltlage gänzlich überhört. Er stimmt in dieser Frage mit dem Papste so wenig überein, daß er das vom Papste bestätigte Weltbild Barbaras als ,,krasseste Unwissenheit aller geschichtlichen Verhältnisse" bezeichnet. Brander steht also in seiner Auffassung der heutigen Weltlage nicht auf dem Felsen Petri. Und er will nun gerade eine Person, welche sich auch in dieser Frage als mit beiden Füßen auf dem Felsen Petri stehend erweist, in den Verdacht bringen, daß sie den Damm, welchen sie gegen den Strom der modernen Sittenlosigkeit und des modernen Unglaubens aufrichten will, nicht auf das Fundament des Felsens Petri, sondern auf demjenigen ihrer eigenen Person und der Person ihrer Freundinnen errichtet habe.

Und diese unsinnige Verdächtigung sucht er mit folgender Deduktion zu stützen: ,,Dieser Liebesbund ist der Mittelpunkt zur Besserung der menschlichen Gesellschaft; das Fundament und der Mittelpunkt des Liebesbundes aber ist Barbara Weigand und ihre zwei Freundinnen. Immer betont Jesus in den Gesprächen: ,,Wer sich euch anschließtl!" Damit ist die hierarchische Verfassung der Kirche gesprengt; Papst, Bischöfe und Priester sollen sich an drei Jungfrauen anschließen, um die Welt zu retten!"

Auch hier wieder eine ganz hyperkritische, pietätlose unbescheidene Auslegung einer ganz leicht im Sinne der kirchlichen Lehre auszulegenden Stelle! Wenn Barbara sich und ihre beiden Freundinnen als die Fundamente des von ihnen gegründeten Vereines bezeichnet, mußte sie dadurch notwendig diesen Verein von dem allgemeinen Fundamente der ganzen Kirche, dem Felsen Petri, hinweggerückt haben? Wenn ich Benedikt und Scholastika als die Fundamente des abendländischen Ordenslebens, oder wenn ein Ignatius von Loyola seine erste Exerzitienbetrachtung als das Fundament der von ihm gepredigten Lebenserneuerung, oder wenn ein Volksverein für das katholische Deutschland einen Windthörst und Ketteler als die Fundamente seiner Organisation bezeichnet, sind dadurch alle diese von dem allgemeinen Fundamente der ganzen Kirche, dem Felsen Petri, abgerückt worden? Oder kann nicht eben jeder Verein, jede Unternehmung innerhalb der Kirche außer dem generellen Fundamente, dem Felsen Petri, auch noch ihre speziellen Fundamente besitzen, welche selber wieder in das generelle Fundament, den Felsen Petri, fest eingebaut sind, und so das Ganze ihres Aufbaus nur um so inniger mit dem Felsen Petri verbinden?

Und hat dies nicht eben Barbara bezüglich des Liebesbundes bewerkstelligt, indem sie den innigen Zusammenschluß seiner Gründerinnen mit Papst, Bischöfen und Priestern aufs schärfste betont? Aber, so meint die Brander'sche Einrede, Barbara will ja weniger sich an den Papst, als vielmehr den Papst an sich und ihre Freundinnen anschließen, und damit ist die hierarchische Verfassung der Kirche gesprengt."

Dann wäre wohl auch damals die hierarchische Verfassung der Kirche gesprengt worden, als die arme Jungfrau von Siena, die hl. Katharina vom Papste und den Kardinälen verlangte, sich ihr und ihren Ansichten und Offenbarungen anzuschließen und demgemäß den Sitz der päpstlichen Hofhaltung von Avignon wieder nach Rom zu verlegen.

Nach Brander'scher Auffassung hätten dann auch jeweils so manche heilige Ordensstifter die hierarchische Ordnung der Kirche gesprengt, indem sie den Papst von der Seite ihrer oft zahlreichen und mächtigen Gegner abzuziehen und ihn zum Anschluß an ihre, den Ordensstifter, Ansichten und Unternehmungen zu bewegen suchten und so oft bewogen haben.

Nach Brander'scher Auffassung müßte dann überhaupt jede gute, das kirchliche Leben betreffende Idee immer nur im Kopfe des Papstes entspringen. Vom Papst selbst müßte immer das zur Erneuerung des kirchlichen Lebens gerade notwendige ,,Projekt" zuerst gefunden worden sein; denn der Papst darf sich ja nach Brander'scher Ansicht nicht an ein von anderer Seite dargebotenes Projekt anschließen, weil sonst die hierarchische Ordnung gesprengt werde.

Daß eine solche Ansicht jedoch blanke Absurdität ist, liegt auf der Hand. Brander hat offenbar eine ganz verkehrte Auffassung vom Walten und Wirken des heiligen Geistes in der Kirche. Branders Ansicht über den Zusammenschluß vom Papste mit den übrigen Gliedern der Kirche läßt sich nur aufrecht erhalten, wenn man den Papst als das einzige, und zwar inspirierte Werkzeug des Heiligen Geistes in der Kirche ansieht. Um den rechten Zusammenschluß aller in der Kirche zum Zweck einer Erneuerung des kirchlichen Lebens zu bewirken, dürfte nur der Papst den Plan dieser Erneuerung zuerst fassen, damit eben nie der Papst sich dem Plane eines anderen Gliedes der Kirche anzuschließen bräuchte. Dem Papste also müßte der heilige Geist den betreffenden Plan direkt eingeben oder inspirieren. Nun ergibt sich aber aus der Lehre der Kirche, daß der Papst in seinem obersten Lehr- und Hirtenamt nicht die Inspiration oder Eingebung, sondern nur die Assistenz oder den Beistand des heiligen Geistes besitzt, sowie auch, daß er nicht das einzige Organ des heiligen Geistes in der Kirche ist.

Die Kenntnis der ,,geschichtlichen Verhältnisse" unserer Kirche bestätigt aber die Lehre der Kirche. Oftmals hat sich der heilige Geist anderer, und gewöhnlich unansehnlicher, demütiger, ungelehrter Glieder der Kirche und unter ihnen nicht selten schwacher Jungfrauen bedient, um seine Pläne für die Erneuerung des kirchlichen Lebens zur Kenntnis des Stellvertreters Christi in Rom zu bringen. Und unter dem oft ganz sichtlichen Beistand des heiligen Geistes haben die Päpste trotz der Bedenken, welche die Welt und deren fleischliche Klugheit geltend machte, die vielfach verhöhnten und verketzerten Pläne der verachteten Diener Gottes entgegengenommen, sich selber diesen Dienern Gottes und deren Plänen bestätigend, segnend, aufmunternd, angeschlossen. So hatte in unseren Tagen Papst Leo XIII. aus den Händen einer schwachen Jungfrau den Plan der Weltweihe an das göttliche Herz Jesu entgegengenommen; desgleichen Papst Benedikt XV. den der Thronerhebung des hl. Herzens aus den Händen eines armen Ordensmannes. Und mit welcher Freude und kräftigen Unterstützung haben sich nicht beide Päpste den bewußten Personen und ihren Plänen angeschlossen! Sie wollten gewiß mit diesem Anschluß nicht die hierarchische Ordnung der Kirche sprengen und haben sie nicht gesprengt.

Barbara Weigand kann also über den sittlichen Wert und katholischen Charakter ihres Welterneuerungsplanes vollkommen beruhigt sein. Der Damm, welchen sie mit der Erneuerung des katholischen Lebens dem Unglauben und der Sittenverderbnis entgegengesetzt hat, ruht mit seinen Fundamentquadern tief in dem Felsen Petri. Wären nur auch die Ansichten und Absichten ihrer literarischen und journalistischen Gegner ebenso tief in dem Felsen Petri fundamentiert! Dann würden diese Gegner nie der Sache von Schippach feind geworden sein.

So erscheinen die Gründungen der Seherin von Schippach, eucharistischer Liebesbund und Sakramentskirche auch in ihrem Endzweck, der Erneuerung des katholischen Lebens, als kirchlich korrekt durchaus gerechtfertigt.

Damit fällt aber auch der Brander'sche Einwand, daß die Schippacher Werke gefährlich seien. Was kirchlich korrekt ist, kann nicht gefährlich sein: Welche Gefahren sollte auch ein religiöser Verein bieten, der sich so eng an die kirchliche Hierarchie anschließt und sich so ganz und gar der Leitung der kirchlichen Autorität anheimgibt? Wahrlich, es gibt doch heute ,,katholische" und interkonfessionelle Vereine genug, deren Anschluß an die kirchliche Hierarchie mehr als problematisch ist und die sich oft geradezu zum Grundsatz machen, die Unterwerfung unter die Leitung der kirchlichen Autorität abzulehnen; wir haben aber Brander diesen Vereinen gegenüber nicht auf dem Plane gesehen, von den Blättern aber, die unter Branders Führung gegen Schippach eiferten, treiben die meisten für solche Vereine die regste Propaganda. Haben diese Gegner von Schippach irgend welches Recht, von den ,,Gefahren" des eucharistischen Liebesbundes und der Sakramentskirche zu reden?

Und um speziell noch von der Sakramentskirche zu reden, welche Gefahren für Glauben und Sitten soll dieselbe in sich bergen, da doch ihre spätere Verwaltung ganz unter der Leitung des Diözesanbischofs und der bischöflichen Behörde stehen wird? Kein Priester wird an ihr angestellt werden, den eben nicht der Bischof gesandt und angestellt hat; keine Funktion wird in ihr vorgenommen, welche nicht mit der Genehmigung, und dem Willen der kirchlichen Vorgesetzten geschieht. Die Gefahr aber, daß in ihr Irrtümer gepredigt werden, ist gewiß nicht größer, als in jenen Kirchen, in welchen Gegner von Schippach predigen. Wir brauchen uns nur an die Menge irriger Ansichten und schiefer Ideen zu erinnern, welche ein Dr. theol. Vitus Brander, sowohl was die mystische als auch die sonstige Theologie betrifft, auf seinem gegen Schippach gerichteten Kreuzzug entwickelt hat.

Es bleibt schließlich nur der Einwand Branders, daß die Werke von Schippach entbehrlich, d.h. überflüssig seien. Und zwar deshalb entbehrlich, weil schon andere ähnliche Werke in der Kirche bestehen.

Das ist der törichteste aller verkehrten Einfälle, mit welchen Brander die Schippacher Sache attackiert. Auf Grund dieses Einwandes könnte man jeden neuen Orden, jede neue Bruderschaft, jeden neuen kirchlichen Verein, jede neue Wallfahrtskirche usw. für entbehrlich erklären. Wie müßte dann aber das kirchliche Leben allmählich stagnieren und eintönig werden! Es wäre gar bald seiner prächtigen und praktischen Mannigfaltigkeit, seines tausendfältigen Blütenschmuckes beraubt. Und beraubt auch jener wohltuenden Freiheit des Geistes, wie sie auf dem Grunde des kirchlichen Glaubens und der kirchlichen Disziplin gerade durch die mannigfaltige Entwicklung des kirchlichen Lebens ermöglicht ist und sich dokumentiert.

Daß diese Freiheit gerade auch den Liebhabern einer intensiveren Frömmigkeit, den Freunden jener höheren Vollkommenheit, wie sie die Mystiker lehren, den Gottesfreunden, wie sie das Mittelalter nannte, gewahrt bleiben muß, sehen freilich Männer wie Brander, Zahn, A. Ludwig u. a. nicht ein. Wo immer eine kontemplativ veranlagte Seele ihre höheren Wege geht, ihre tiefere Auffassung des Lebens und der Welt betont, die vom Standpunkt ihres übernatürlichen Wissens und Schauens praktisch in das Leben eingreifen will, rufen ihre gleichgestimmten Freunde sogleich nach der Inquisition und, wie im Falle von Schippach, auch nach der Staatsgewalt und dem Polizeistock. Irrenanstalt oder Gefängnis erscheinen ihnen als die geeignetsten Aufenthaltsorte für solche Begnadigten, je nachdem die moderne Psychopathographie und ähnliche Wissenschaften auf Hysterie, Betrug oder Säuferwahnsinn erkannt hat. Dort können dann die Begnadigten ihre Kontemplationen darüber anstellen, daß die moderne Theologie eine Geistesfreiheit nur für die natürliche Dressur des Geistes und nur für die ordinären Wege der Frömmigkeit anerkennt, während sie alles, was über dieses Niveau hinausgeht, als entbehrlich mit Gewalt aus dem Wege räumt.

Man könnte, jenen terroristischen Angstmaiern, die auf eine wahre Verfolgungswut gegenüber allen Erscheinungen des mystischen Lebens verfallen, am besten das Löschhorn ins Wappen setzen. Denn der horror rerum supernaturalium, die knieschlotternde Angst vor den mystischen Dingen, welche diese Leute und ihren ganzen Stammbaum seit den Tagen des Humanismus befangen hält, hat bei uns in Deutschland so gründlich ,,den Geist ausgelöscht", daß während der letzten vier Jahrhunderte nur 5 Heilige deutscher Nation kanonisiert wurden. Nicht als ob während dieser langen Zeit nicht noch viele andere, wahrhaft heilige und begnadigte Seelen im deutschen Volke gelebt hätten. Aber die Vorsehung hielt sie im Verborgenen, um der Kirche das Leid zu ersparen, das ihr aus der Verfolgung erwächst, welche die eigenen Söhne und sogar Priester der Kirche zur größten Freude des Irr- und Unglaubens regelmäßig beim Bekanntwerden mystischer Zustände und Erscheinungen gegen die Träger solcher Begnadigungen mit Fleiß erregen. Eine naturalistische und rationalistische Richtung im katholischen Lager Deutschlands glaubt, daß das katholische Leben in unserem Land der höheren Wege der Vollkommenheit und Mystik entbehren könne und entbehren müsse. Und so entbehrt tatsächlich Deutschland seit den letzten Jahrhunderten jenes wundervollen Flors der Heiligen, welche bereits der Prophet als die herrlichste Zierde des Reiches Christi gepriesen hat, indem er dem kommenden Erlöser zurief: ,,Mit Dir ist die Herrlichkeit am Tage Deiner Kraft im Glanze Deiner Heiligen."

Möge die Zeit wiederkehren, wo dem Glanze der Heiligkeit und dem Wehen des Heiligen Geistes auch in unserem Vaterlande wieder freie Bahn geschaffen ist. Dazu ist notwendig, daß sich vor allem unsere Priester und Theologen erinnern, daß sie sich befähigen müsssen, nicht etwa die Verfolger, sondern die geistlichen Führer frommer und begnadigter Seelen zu sein. Diese Befähigung erlangen sie aber nicht an den Pfützen des Rationalismus und bei den Trebern des Modernismus, sondern nur bei der gesunden und reichen Kost des Vaterhauses, wie sie auch in der Mystik nur die Tradition der katholischen Kirche bietet. Anstatt mit dem Abhub einer fälschlich sogenannten Wissenschaft des Irr- und Unglaubens mögen unsere Priester mit den großen Meistern der mystischen Theologie der Vorzeit sich mehr und mehr beschäftigen. Dann werden uns Irrwege und Ärgernisse, wie sie in der Bekämpfung der Sache von Schippach wieder offenbar wurden, erspart bleiben.

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THEOLOGISCHE WÜRDIGUNG

ÜBER BARBARA WEIGAND
v. P. Bonifatius Günther OCD

Zur Beurteilung der Aufzeichnungen der Barbara Weigand lagen mir 48 Notizbücher, sowie zwei große Hefte vor, dazu auch die Schrift von Dr. Vitus Brander ,,Die Seherin von Schippach" und die Biographie von DDr. Wilhelm Büttner ,,Barbara Weigand von Schippach."

Wenn man den Maßstab, den das Leben und die Schriften echter Mystiker bieten, hier anlegt, gewinnt man den Eindruck: Die Offenbarungen der Barbara Weigand sind glaubwürdig. Für deren Echtheit spricht:

a) Die geradezu rücksichtslose Aufdeckung der ganzen Armseligkeit des Werkzeuges, dessen sich der Herr für seine Pläne bedient hat.
   
b) Die Tatsache ihres heroischen Lebens
   
c) Das Bild Gottes, das man aus den Aufzeichnungen von ihm gewinnen kann. Zu diesen Themen ist im einzelnen zu fragen:

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1. Enthalten die Aufzeichnungen Verstöße gegen die kirchliche Lehre?

Bei manchen Stellen scheint es der Fall zu sein. Nun muß aber doch berücksichtigt werden: Auch in den Schriften heiliger Mystiker gibt es Irrtümer. Poulain, S. J. führt in seinem zweibändigen Werk die Fülle der Gnaden (im 2. Band) dreißig Beispiele frommer Personen an. Darunter jene der hll. Gertrud, Hildegard, Norbert, Vinzens Ferreri. (S. 35)

Er betont aber zugleich: Die Fehler sind nicht so häufig und von untergeordneter Bedeutung. Und wenn die eine oder andere Offenbarung falsch ist, folgt keineswegs, dass auch die Ekstasen unecht sind. (S. 34)

Als Aussprüche in den Aufzeichnungen der Barbara Weigand, die der Lehre der Kirche nicht entsprechen, seien, nur die wichtigsten angeführt: ,,Tag um Tag lasse ich mich hinschlachten im hl. Messopfer durch die Hände des Priesters auf geheimnisvolle Weise, und selbst der Priester kennt mich nicht. Er schlachtet mich und geht hinaus aus der Kirche und schaut sich nicht mehr um nach seinem Gott, den er eingeschlossen hat in die hölzerne Tür...

,,Die Welt erkaltet in der Liebe. Mein Eucharistischer Leib ist verschmäht und verachtet. Er wird zerrissen von Tag zu Tag immer mehr. Ein Stück um das andere löst sich los von meinem Eucharistischen Leib und vermodert in der Sinnlichkeit..." wahrscheinlich ist der mystische Leib gemeint. (S. 31 - 1899/249)

,,Als die Wandlung vorüber war, sah ich neben dem Priester meinen verstorbenen Beichtvater mit ganz weißem Gewand, jedoch nicht deutlich. Als der zelebrierende Priester die hl. Kommunion empfing, sah ich wie die weiße Gestalt sich mit dem Priester in der hl. Hostie vereinigt." (S. 6 - 95/6) Christus sagte: ,,Ich war gestern so bedrängt durch die Todsünden und konnte dir nichts mitteilen". (S.30-1908/289) ,,Du mußt wissen, das Kloster, die Klostmauern sind nur gebaut für diejenigen, die in der Welt zu schwach sind". (S.32-1896/70)

Nun finden sich aber in den Aufzeichnungen selbst bereits die Richtigstellungen.

,,Obwohl ich im Tabernakel mit Fleisch und Blut gegenwärtig bin, habe ich aber nur einen verklärten, einen leidensunfähigen Leib." (S. 18 - 1906/260)

,,Ich bin zurückgekehrt in den Schoß meines Vaters ... deshalb bin ich leidensunfähig." (S. 114/15 - 1896/70) ,,Weil ich leidensunfähig bin, so lege ich meine Schmerzen auf meine liebsten Kinder." (S. 90 - 1901/104)

Bei Beurteilung der Aufzeichnungen sind dann besonders die Stellen wichtig, in welchen die Begründungen gegeben werden, warum das eine oder andere falsch ist oder anstößig erscheint. Deshalb kann auf die Anführungen weiterer solcher Stellen verzichtet werden.

Als Gründe für die Unrichtigkeiten in den Aufzeichnungen sind folgende angegeben: ,,Gott muß sich anpassen, damit das armselige Wesen ihn verstehen kann." (S. 14 - 1998/172)

 ,,Der Geist des Menschen ist verbunden mit meinem Geist, wenn ich in ihm wirke. Er fasst es nach seiner Auffassungsgabe auf und so kommt es manchmal vor, dass ein kleiner Irrtum einschleicht und ein andermal lasse ich es zu, um die Seele in der Demut zu üben und sie vor der Selbstgefälligkeit zu bewahren." (5.10/11 - 1999/264)

,,Weil der Mensch aus Leib und Seele besteht und der Geist doch auch mit seinem Menschenherz verbunden bleibt, kommt es vor, daß er manchmal zu dem, was ich rede seine Gedanken mit einmischt." (S. 127 - 1896/51)

Barbara fragt einmal: ,,Wie kommt es aber, daß ich verstanden habe: ich hätte jetzt eine Zeitlang Ruhe. Jetzt wird man erst recht sagen: ich bin eine Schwindlerin." (Sie hatte nämlich keine Ruhe.)

,,Meine Tochter", erhielt sie zur Antwort, ,,kümmere dich nicht, lass andere nur sagen was sie wollen. Freilich hättest du gerne Ruhe gehabt. Der Mensch ist einmal so. Er möchte gerne in der Ruhe seinen Himmel verdienen und zum Leiden sind die allerwenigsten bereit; denn alle gehen gern einen bequemen Weg. Und das ist auch bei dir der Fall. Darum wundere dich nicht. Ich habe dir neulich gesagt, daß sich dein Geist manchmal mit einmischt, besonders wenn du etwas wünscht und gern hättest, daß ich es dir tue. Du möchtest gern deinen Willen durchführen und nicht den meinen, darum glaubst du, wenn du mir etwas vorschwätzt, so würde ich es tun wie du willst. Ich will aber nicht, ich will daß die Menschen und die Diener meiner Kirche gerade an deinem Leiden sehen sollen, daß ich es bin, daß das Leiden ein Kennzeichen ist, daß meine Hände im Spiele sind!" (S. 147 - 1896/51)

Ausdrücklich heißt, es: ,,Die Vorgesetzten haben die Pflicht, nicht sogleich und absolut zu glauben." (S. 12/13 - 1898/51) Einem Leser wurde geraten: Er studierte die Schriften, ohne an Kleinigkeiten Anstoß zu nehmen. Was er aber kindisch und mangelhaft findet, soll er ruhig streichen. (S. 39 - 1899/225)

An anderer Stelle heißt es: ,,Wo ein Fehler vorkommt, soll er verbessert werden." (S. 57 - 1897/113)

Der Verfasserin eines guten Buches wird gesagt: ,,Sie soll nur den Honig aus den Hülsen herausziehen und ihn meinen Kindern zu verkosten geben. Was sie in den Schriften findet, ist noch in deine Worte eingekleidet und viele können es nicht fassen, weil sie von den großen Hülsen nichts annehmen." (S. 40 - 1901 - 104)

ln einer Erscheinung sagte ihr die hl. Barbara: ,,Du glaubst getäuscht zu sein, aber wisse, um sich der Fassungskraft der Menschen anzupassen, zeigt sich der liebe Gott seinen treuen Kindern nur in Bildern und Gleichnissen wie der Sohn Gottes es auch tat, als er persönlich zu den Menschen redete. Was du hier siehst, ist nur bildlich gezeigt und deutet auf den Lohn der Tugend, die die verklärte Seele im sterblichen Leben geübt hat." (S. 54 - 1900/1)

Diese Worte: ,,nur bildlich gezeigt" sind sehr wichtig. Sie erklären, was sonst sehr schwer verständlich ist: daß Christus als Kreuzträger erscheint, daß das Herz der Mutter Gottes von sieben Schwertern durchbohrt ist, daß sie weint.

Eindeutig heißt es: bildlich gezeigt. Christus trägt kein Kreuz mehr. Die Mutter Gottes weint nicht mehr, das Leiden ihres göttlichen Sohnes und das ihrige war mit seinem und ihrem Tod entgültig vorbei. Beide sind jetzt leidensunfähig.

Wenn Mystiker aber sehen, daß Christus leidet und die Mutter Gottes weint, dann kann man nicht sagen: Christus oder die Mutter Gottes täuschen hier. Bei Gott ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines. Was hier bildlich gezeigt wird, hat sich in den Kartagen als Wirklichkeit zugetragen. Auch unsere Sünden hatten damals Jesus und Maria vor Augen, auch über unsere Sünden haben sie geweint, auch für unsere Sünden haben sie gelitten. Durch die Erscheinungen Christi als Schmerzensmann und der Gottesmutter als Schmerzensmutter soll den Mystikern und den Gläubigen nur lebhaft zum Bewusstsein kommen, was wir durch unsere Sünden ihnen angetan und was sie für jeden einzelnen gelitten haben.

Darum schenkte Gott die Leidensvisionen einer Katharina Emmerich und einer Therese Neumann. Darum die Mutter-Gottes-Erscheinungen in La Salette und die weinende Madonna in Syrakus. Die Menschen sollten dadurch angeregt werden sich zu bessern, Gott treuer zu dienen und ihn inniger zu lieben.

Es ist allgemeine Ansicht der Gottesgelehrten, daß Christus nach seiner Himmelfahrt keinen mehr auf Erden in seinem verklärten Leib erschienen sei, außer dem hl. Paulus bei seiner Bekehrung. Deshalb verlieren aber echte Christuserscheinungen nicht an Wert. Hieronymus Jaegen schreibt in seinem Buch ,,Das mystische Gnadenleben" S. 52: ,,Der Heiland, der als Gott allgegenwärtig ist, kann überall einen von einem Engel gebildeten Christuskörper beleben, während er gleichzeitig als Gott mit seinem verklärten Leib im Himmel bleibt."

Also ist Christus durch seine allgegenwärtige Gottheit wirklich da und will unter den dargebotenen Darstellungen der verschiedenen Szenen seines Lebens und Leidens jeden von seiner Liebe überzeugen, Teilnahme, Mitleid, Vertrauen und die Gegenliebe seines Kindes erwecken und vermehren.

Ich betone darum nochmals: Die abgrundtiefe Liebe des Herrn erlebt der Mystiker also wirklich. Diese kann aber auch jeder Gläubige an sich erfahren, wenn er demütig und voll Vertrauen an Christus glaubt und ihn liebt. Ausdrücklich sagt der hl. Paulus: ,,Sofern ich noch im Fleische lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich geopfert hat." (Gal. 2,20) Er betont also nicht sein Erlebnis vor Damaskus oder sein Verzücktsein in den dritten Himmel, sondern den Glauben an den Sohn Gottes. Tatsächlich gibt der einfache kindliche Glaube eine größere Sicherheit als alle mystischen Erlebnisse und schenkt der Glaube und das Leben nach dem Glauben immer innigere Verbundenheit mit Christus und größere Verähnlichung mit ihm.

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2. Schwierigkeiten für die Schriften der Barbara Weigand ergeben sich auch aus ihren Prophezeiungen:

Bischof Haffner erklärte: ,,Barbara Weigand sagt Strafprophezeiungen voraus." Ich sehe aber keine Strafen. (S. 64 - 1910) Vier Jahre danach hat man sie aber im Weltkrieg erlebt. Barbara Weigand teilt hier das Los mit anderen Propheten. Man denke bloß an Jonas: Vierzig Tage, und Ninive wird untergehen. Es ist aber nicht untergegangen, weil seine Bewohner Buße getan haben.

Bei Strafprophezeiungen darf nie übersehen werden: Bessern sich die Menschen, dann vollzieht Gott die Strafe nicht, wie es bei Ninive der Fall war. Außerdem fällt sehr in die Waagschale, wieviel Gerechte noch da sind. Hätte Sodom und Gomorrha noch zehn Gerechte gehabt, wäre es nicht untergegangen. In den Aufzeichnungen heißt es: ,,Gott ist langmütig und unendlich gut. Eine Seele, die sich ihm entgegenwirft, kann ein ganzes Land verschonen." (S. 45 - 1898/198) Ferner bringen die Aufzeichnungen der Barbara Weigand auch für das Nichteintreffen mancher Prophezeiungen gute Erklärungen: So klagt sie einmal: ,,O Herr, ich bin so gedrückt, weil ich doch meine, daß du mir versprochen hast, daß ich unter P. Alfons sterben werde. Jetzt ist P. Alfons und P. Ambrosius gestorben und so war es also unrichtig, was ich gehört habe." Sie bekommt zur Antwort: ,,Wie kleinlich bist du doch, daß du meine Sprache nicht verstehst. Damals, als ich diese Worte an dich richtete, handelte es sich nicht darum, ob du zu P. Alfons oder P. Ambrosius zur Beichte gehst; damals handelte es sich darum, dein Gemüt über den Verlust deines Bruders zu beruhigen, weil du glaubtest, durch seinen Tod deine Existenz zu verlieren und diese Stadt verlassen zu müssen. Darum gab ich dir die Versicherung, daß du nicht mehr aus Mainz gehen würdest, daß ich hier deine Existenz sichern werde und daß du immer wieder in der Nähe dieser Ordensmänner sein werdest: Es kommt auch die Zeit, wo du wieder unter ihrer Leitung stehen wirst. Du mußt nicht alles beim Buchstaben nehmen. So wie ich zu meinen Lebzeiten in Gleichnissen gesprochen habe, so auch hier. Ihr aber nehmt es buchstäblich und lasst euch verwirren." (S. 28/29 - 1904/243)

Ein andermal wird Priestern aufgetragen: Sie sollen so zielbewusst handeln, als ob sie ganz sicher wüssten, daß alles zum besten der Kirche und der geistlichen Orden gereichen werde; denn der Herr bejaht die Absicht, nicht den Erfolg. Der Erfolg ist aber immer bei seinen Geschöpfen an gewisse Bedingungen geknüpft. Wenn er zum Beispiel durch ein von ihm erwähltes Geschöpf irgend eine Botschaft oder Strafe ankündige, so knüpfe er die Ausführungen seines Planes immer an Bedingungen. Wenn er den Völkern Strafen ankündigt, nimmt er sie zurück oder hält sie auf, wenn seine Geschöpfe seine Autorität wieder anerkennen.

Als er der Jungfrau einen Engel gesandt, hat er nicht direkt gesagt ,,du mußt", sondern ,,ich will und will wissen, ob auch du gewillt bist". Obwohl er den Messias verheißen hatte, hätte er die Verheißung doch zurückgenommen, wenn die dazu berufene Jungfrau nicht eingewilligt und nicht mitgewirkt hätte. Dann sei aber nicht der Bote zu tadeln. Die Ankündigung gehe in Erfüllung oder nicht, je nach dem Wollen oder Nichtwollen seiner Geschöpfe. daß sie nämlich absolut den Erfolg voraus wissen wollen, sei ein Eingriff in seine Rechte. Diese behalte er sich allein vor. (126/7-1901/104)

Als Barbara Weigand ein andermal wieder glaubt, sie wäre von Christus getäuscht worden, sagte er ihr. ,,Wenn ich um euertwillen die Welt verschonen kann, kann es euch dann nicht einerlei sein, ob ihr Märtyrer der Liebe oder des Blutes seid; denn wenn ich es so mache, wie ich es euch gesagt habe, so gibt es Märtyrer genug. Wenn ich um euertwillen die Welt verschone, habt ihr doch genug gewonnen, oder wollt ihr lieber Märtyrer des Blutes oder der Liebe sein." (S. 139 - 1901/104)

Einleuchtend ist auch folgendes: Die Prophezeiung: Papst Leo XIII. werde das nächste Rosenkranzfest nicht mehr erleben, ging nicht in Erfüllung. Warum nicht? Zehn Jungfrauen Frankreichs hatten den Hl. Vater schriftlich ex voto ein Jahr ihres Lebens abgetreten. (S. 123 - 1902/166)

Neben den Prophezeiungen der Barbara Weigand, die sich nicht erfüllten, gibt es aber solche, die in Erfüllung gingen. Schon 1900 soll sie verkünden: ,,Die katholische Kirche darf nicht mehr geknechtet werden, wenn die Kronen der Herrscher bewahrt bleiben wollen." (S. 16-A - 19.00/280)

Ein Auftrag lautet: ,,Die Bischöfe sollen dem Kaiser unumwunden sagen, daß er für seine Krone zittern soll, wenn er nicht dafür sorgt, daß die ­katholische Kirche die gleichen Rechte wie die Protestantische genieße." (S. 7 - 1901/48)

,,Die Bischöfe sollen ein Zirkular herumgehen und alle Katholiken unterzeichnen lassen, daß sie die gleichen Rechte beanspruchen wie die Protestanten, die ungestraft von der Regierung uns Katholiken in unserer Religion verspotten dürfen, während ganz Deutschland ein Zetergeschrei erhebt, wenn das Oberhaupt der Katholiken warnt. Es muß betont werden, ob die Regierung nachweisen könne, daß die Katholiken ihre Pflichten als Steuerzahler und treue Staatsbürger nicht so erfüllten wie die Anhänger von Luther. Dieser Zirkular sollen die Katholiken an den Kaiser schicken und ihm sagen, er könne versichert sein, dass, wenn er länger diese Gehässigkeit in seinem Lande duldet, wir einer blutigen Revolution entgegengehen. Er möge nach Frankreich schauen und dort sehen, dass, immer mit dem Sturz der Altäre, auf denen das wahre Kreuzesopfer dargebracht wird, auch der Sturz der Throne folgen werde." (S. 59/61 - 1910)

Barbara Weigand sah auch einen furchtbaren Kampf. Ob er jedoch geistig und wirklich zu verstehen ist, muß die Zukunft klären. (Hieß es damals). Es schien, als gehe alles gegeneinander. Die Luft war angefüllt mit Mordinstrumenten. (S. 87 - 190/01)

Eine andere Prophezeiung lautet: ,,Siegreich wird die Kirche hervorgehen, ehe aber dies geschieht, wird ein großes Blutbad die Erde tränken und ein Wehegeschrei wird sie erfüllen, wenn die Menschen sich nicht bekehren." (S. 138 - 1895/6 - 1)

Schließlich erfüllte sich auch die Verheißung: ,,Der Nachfolger des Heiligen Vaters (Leo XIII.) soll sehen, wie die Kirche nach außen hin ihr Licht verbreitet, wie sie zum Sieg geführt wird." (S. 21 - 1899/195) Die Kirche hat den Sieg unter Pius X. bis Pius XII. erlebt.

Die Aufzeichnungen der Barbara Weigand zeigen auch, wie dringend das zielbewusste Vorgehen des hl. Papstes Pius X. gegen den Modernismus war.

Ein Gymnasiast kam heim: ,,Mutter, was meinst du, unser Professor sagte heute: Die Lehre vom Schutzengel sei ein Märchen. Man sollte nicht glauben, daß die Kinder vom Schutzengel beschützt seien, wenn sie fallen. Kinder hätten biegsame Knochen." (S. 113 - 1905/252) Ein Professor in München hat in einer öffentlichen Versammlung die Unbefleckte Empfängnis verspottet. Barbara Weigand bekommt den Auftrag für die Schmach, die der Mutter des Herrn dadurch angetan wurde, allwöchentlich eine Wallfahrt in die Nähe von Mainz zu machen. (S. 2 - 1903 - 212).

,,Die letzte Woche war ein abgefallener Priester in Aachen und hielt Vorträge über die Ehe und die Mutter Gottes und stellte die Mutter Gottes neben ein gefallenes eheloses Weib." (S. 99 - 1908/289) Neuerer gaben vor, die Kirche zu einem reineren Glauben zurückzuführen. (S. 39 - 1896/70)

Darum redete diesen der Herr ernst in das Gewissen: ,,Auch die gelehrten Geister, die in der Theologie bewandert sein wollen, sind vor meinen Augen nur arme bunte Schmetterlinge, die sich schön vorkommen, weil sie bunte Farben tragen, die ich ihnen gegeben habe. So ist jeder, der sich in dieser Wissenschaft ausgebildet glaubt und gefällt, die aber ich, sein Herr und Gott ihm gegeben habe, weil ich durch ihn andere belehren und zeigen will, wie groß der Geist sein müsse, der solches in einem armseligen Menschenherz erschaffen kann. Sieh, du armer Gelehrter, der du nicht mehr an die Wunder glauben willst, ein bunter Schmetterling bist du, der sich in seinen Farben gefällt und tummelt, dem die Kinder nachlaufen und ihn fangen wollen, und den ich vor ihren Augen vernichte und ins Grab der Verwesung stürze. Sieh, auch du hochgelehrter Geist! Ein Schmetterling bist du, dem ich die Wissenschaft gegeben, und wenn ich sie dir am Rand des Grabes nehme, sinkst du zurück in den Staub der Erde, von der ich dich genommen habe. Aber den einfachen kindlichen Glauben, den ich dir geben will, von dem ich sehnlichst wünsche, daß du zu ihm zurückkehrst, den wird dir niemand nehmen. Er wird mit dir hingehen vor die goldene Pforte, vor das große Tor, das abschließt mit der Zeit und einführt in die Ewigkeit. Der kindliche Glaube wird übergehen in volles Schauen, und du wirst alles, was dir jetzt dunkel vorkommt in vollem Lichte und Glanze sehen und begreifen, warum ich dir so manches hier in dieser Prüfungszeit dunkel sein ließ. Du mußt wissen, daß ich allein Gott bin und alle Weisheiten mir vorbehalte." (S. 104/6-1897/125)

Unter den vielen Erlebnissen mit den armen Seelen ist auch folgendes aufgezeichnet: ,,Auf einmal trat ein Mann vor mich hin und sagte: Ich bin Professor Schell, der in Würzburg gestorben ist. Hätte ich es auch nur so gemacht wie du. Du hast deinen Geist in die Höhe der Gottheit erschwungen und ich habe meinen Verstand gebraucht, um zu glänzen. Es war der Stolz, der mich veranlasste, dich hervorzutun durch die Wissenschaften, die den Reichen schmeichelten."

Ein andermal sagte er: ,,Deine Schriften kommen von Gott und führen zu Gott, die meinen kommen aus der Vernunft und führen zum Irdischen und wer sie liest, nimmt Seichtes und Leichtes in sich auf. Sie enthalten viel irrige Lehren und das Gift, welches durch dasselbe ausgestreut ist unter den Gelehrten, ist nicht beseitigt, obwohl ich meinen Irrtum wieder gutmachen wollte und reumütig, gestorben bin. Darum tue mir den Gefallen, deinem Bischof mitzuteilen, er möge doch alle Bischöfe in ganz Deutschland auffordern, daß sie alle einstimmig dem Dekret des Hl. Vaters an den Wiener Professor Commer zustimmen; denn der Papst hat die Ehre Gottes im Auge, die durch das Gift, das durch meine Schriften in die Herzen vieler Gelehrten eingedrungen ist, sehr geschmälert wird. Die Ehrung, die mir durch Errichtung eines Denkmales zugedacht ist, gilt bei vielen mehr dem Geist meiner Schriften als meiner Person. Ich bin zwar gerettet, aber wie sehr wünschte ich gutzumachen, was ich gefehlt habe. Ich gabe es gut gemeint, ich wollte alles vereinigen, aber ich habe einen großen Missgriff getan. Es muß jetzt darauf hingearbeitet werden, daß das Gift wieder beseitigt wird, was die Leser meiner Schriften in sich aufgenommen haben." (S. 98/100 - 1907/276)

Ernst sind auch folgende Worte: ,,Er will das ganze Herz des Menschen besitzen. Nun ist aber dieses Christenleben so in den Materialismus eingewurzelt, daß der Christ sich von ihm nicht mehr loslösen kann, und die meisten Menschen keine halbe Stunde mehr für Gott übrig haben, um ihm den schuldigen Tribut darzubringen. Wo soll er nun seine Verherrlichung suchen. Soll er sich freuen, wenn er sieht, wie Satan täglich sein Reich und seinen Thron schöner ausschmückt und ziert. Satans Reich und Thron sind all diejenigen, die ihm Handlanger sind um alles Böse, alles Gift in die Welt hineinzustreuen und all diejenigen, die in der Hochschule sitzen, den Unglauben dem armen Volk lehren, die die Jugend vergiften. Handlanger, um den Thron Satans aufzurichten, sind aber auch all jene, die es nur darauf abgesehen haben, dem Volk Vergnügen zu verschaffen und so den Glauben aus den Herzen zu reißen, indem sie ihm jeden Tag neue Spiele auftischen um das Herz mit lauter Vergnügen, Putz und Tanz zu verstricken." (S. 80/81-1899/256)

Treffend sich auch folgende Worte: ,,Die meisten Christen sind wankelmütig. Sie haben Zweifel und lassen sich von jedem Wind wie ein schwankendes Rohr hin- und herwehen. Es kommt dies durch die vielen Schriften, die verbreitet werden und die vielen bösen Beispiele, die auf alle Menschen einwirken. Sie saugen alle diese unreine Luft in sich ein. Sie werden mutlos und lassen von ihrem ersten Eifer nach. In mancher Seele erwachen Gedanken, die ihnen nie gekommen waren und Ängste, Nöte und Zweifel bedrängen das arme Christenherz in der jetzigen Zeit." (S. 2 - 1898/198)

Bezeichnend ist: ,,Einige meiner Diener meinten, man müsse mit der Welt übereinstimmen. Es sei nicht mehr die Zeit vom Wunderglauben zu reden; denn auch die guten Christen glauben nicht mehr daran, besonders nicht mehr die Reichen, die seien aufgeklärt und sagen, man wisse jetzt, woher der Wunderglauben stamme." (S. 37 - 1898/185)

,,Schon ein ganzes Jahrhundert wurde darauf hingearbeitet, eine Staatsreligion einzuführen und jetzt geht man mit einer Schlauheit vor, um den anderen Glauben zur Geltung zu bringen." (S. 37 1901/1)

Interessant ist auch folgendes: ,,Seht, die einzige Ursache, warum ich zulasse, daß all die Sekten sich überall in Ruhe und Frieden ausbreiten, ist nur eine Strafe für meine Kirche. Ich will meinen Dienern zeigen, daß ich der Herr und daß ich mit meiner Kirche unzufrieden bin. Solange sie sich nicht tief demütigen können, sind alle ihre Reden und Arbeiten umsonst. Selbst wenn ihr noch so viele Vereine stiftet wird es euch wenig nützen wenn ihr, die ihr an der Spitze steht, nicht einen lebendigen Glauben besitzt." (S. 126 - 1903/212)

,,Wenn ich mein Volk züchtigen will, dann entziehe ich ihm meine Gnade, und wenn ich mein Volk sinken lassen will, dann lasse ich das Priestertum sinken. Und alle sind gestraft. Und wenn ich mich meines Volkes erbarmen will, dann sende ich eifrige Diener meines Herzens, Priester, die von meinem Geist beseelt sind." (S. 20 - 1897/93)

,,Die Kirche muß von Zeit zu Zeit abgestaubt werden. Im Mittelalter lag der Staub des Reichtums auf ihr, jetzt der Staub der modernen Wissenschaft." (S. 48 - 1909/301)

Für die Echtheit der Offenbarung der Barbara Weigand spricht auch die schonungslose Aufdeckung der ganzen Armseligkeit des Werkzeuges, dessen sich der Herr für seine Pläne bedient hat.

Gott schenkte ihr wohl außergewöhnliche Gnaden, aber er sorgte auch dafür, daß sie sich deshalb nicht das geringste einbilden konnte. Er sagte ihr: ,,Ich habe dich aus der alleruntersten Klasse von Menschen herausgezogen, damit niemand sagen kann, das hat sie aus Büchern oder das hat sie sich selbst ausgedacht. Ich habe dir schon vor acht Jahren gesagt, daß ich dein Zutun nicht brauche, ich verlange von dir nichts als Beharrlichkeit." (S. 82 - 1895/96-1)

,,Du bist ein armseliges Wesen. Wer mit dir spricht, der muß es herausfinden, daß du keine Schule genossen hast, daß du ein armes, unwissendes Dorfmädchen bist aus einer Gegend, wo man noch sehr zurück ist und wo die Leute nicht allzu gescheit und aufgeklärt sind. Ich habe dich mit Absicht aus einer Familie genommen, die in der ganzen Verwandtschaft keine Seele aufzuweisen hat, die zu den Gebildeten gehört, die alle miteinander ihr Stücklein Brot im Schweiße ihres Angesichtes verdienen müssen." (S. 188/70 - 1897/123)

,,Du arme Kleine. Siehst du, was du aus dir bist. Ich habe es dir diese Woche gezeigt, daß du nichts aus dir vermagst, daß du eine arme Sünderin bist. Du bist nicht mehr wie andere. Glaube nur, andere sind tausendmal besser als du und doch hat es mir gefallen, dich an mich zu ziehen und Großes in dir zu wirken, du armseliges Werkzeug in meiner Hand." (S .81 - 1895/96 - 1)

,,Wohl ist wahr, daß du ein armseliges Geschöpf bist, ja das Ärmste, daß ich mir hätte erwählen können, und doch geruhte ich dich zu erwählen, du Armselige, um allen ein Trost und Beispiel zu sein, wenn einer auch noch so armselig und schwach ist." (S. 30 - 1897/113)

,,Wenn du nur einsiehst, daß du alles aus mir hast, daß du nicht stolz dein Haupt erhebst und dir einbildest, als hättest du je ein Verdienst aus dir." (S. 71 - 1896/34)

In der Josephsmesse am neunten Josephsmittwoch zeigte ihr der Herr die ihrer Seele noch anhaftenden Unvollkommenheiten in Gestalt einer sehr plumpen Person, so daß sie ganz entmutigt war. ,,So seid ihr alle," sagte der Herr. (S. 1 - A 1900/280)

Sie schreibt auch: ,,Obwohl mir der Herr zeigte, daß ich eins mit ihm geworden bin, zeigte er mir doch auch, wie sehr er uns lieben muß, daß er sich diese Vereinigung gefallen lässt. Meine Seele schaut ihn plötzlich in majestätischer Gestalt vor sich, zugleich ließ er zu, daß ich den Zustand meiner Seele sah und erschrak so sehr, daß ich gern geflohen wäre." (S. 96 - 1908/289)

Christus erklärte ihr: ,,Hast du vergessen, daß du nur ein Sprachrohr bist und ein Briefträger. Du mußt dich immer nur als das Sprachrohr ansehen. Wenn der Schall entflohen ist, bleibt auch nicht ein Klang darin zurück. So ist es mit dir; denn nichts davon gehört dir." (S. 122 - 1896/34)

,,Du bist immer so, wenn ich dir etwas gesagt habe, drehst du dich herum und hast es wieder vergessen." (S. 101 - 1903/212)

Einmal klagte sie, daß sie so zaghaft sei. Darauf bekam sie die Antwort: ,,Wenn ich danach fragen wollte, wäre ich längst von dir zurückgetreten und hätte mir ein Werkzeug gesucht, daß meiner würdiger wäre als du." (S. 14 - A 1900/273)

 ,,Wenn deine beiden Freundinnen nicht wären, so hätte ich mich schon längst zurückgezogen." (S. 131 - 1901/48)

,,Die Gnaden, die ich in dir wirke, sind nicht dein Verdienst. Du Erdenstäubchen, du Hand voll Staub und Erde, von der du genommen bist. Ziehe ich meine Gnade zurück, dann bist du der schlechteste Mensch. Merk dir das wohl, meine Tochter. Kein Stäubchen soll an dir hängen bleiben. Bewahre nur die Demut." (S. 9 - 1896/51)

,,Die Demut ist die Grundlage aller Tugenden. Sie ist auch die Bewahrerin aller Tugenden und der Deckmantel aller Fehler, die dem Menschenherzen anhaften und ankleben. Der arme Mensch hat seine Fehler, solange er auf der Welt ist." (S. 26 - 1897/98-145)

,,Der Mensch ist zu schwach, um sich nicht selbst das zuzuschreiben, was mir gebührt. Um dieses zu verhüten, muß ich ihn tief verdemütigen. Er muß warten auf meine Hilfe oder wie ihr viele Verachtung und Verdemütigung ertragen. Wenn alles so glatt abginge, wie sich der Mensch es vorstellt, wäre er zu schwach, um nicht Schaden zu leiden und sich nicht selbst etwas anzueignen." (S. 2 - 1910)

,,Es ist ein furchtbarer Stolz, wenn ein frommer Mensch alles von sich weist und sich selbst durcharbeiten will." (S. 42 - 1901/48)

 ,,Der Mensch gleicht einem Baum, der immer wilde Schößlinge austreibt und werden diese nicht gestutzt, dann trägt er keine guten und reichen Früchte mehr, weil dann alle Säfte in die Zweige schiessen. So ist der Mensch. Er hat den Trieb zu den bösen Neigungen in sich, besonders den Stolz. Dieser trägt ihn immer höher empor als er steigen sollte. Wird dieser Trieb nicht abgestutzt und hängt sich der Mensch an die Neigungen, so trägt er keine guten Früchte. Deshalb dankt mir, weil ihr gewürdigt worden seid solche Verdemütigungen mir zulieb zu ertragen. Welch Glück ist es für den Menschen, wenn ich ihn verdemütige." (S. 98 - 1904/237-241)

,,Es ist gut, wenn man all seine Kräfte im Dienst anderer anstrengt wie du es getan - aber es war auch Stolz dabei. Ich lasse darum zu, daß manches anders kommt wie ihr denkt und wünscht, weil ich den Stolz aus der Seele reißen will. Der Stolz ist das Urlaster und mit tausend Fasern in die Seele eingesenkt. Wenn man die Wurzel auch abgeschnitten hat, bleibt doch immer noch eine Faser und daran hakt der Teufel ein, und diese Faser wächst bei jeder Gelegenheit empor." (S. 47/48 - 1903/212)

,,Solange nicht ein demütiges Herabsteigen in all den frommen Seelen, auch den Ordensleuten, stattfindet, so daß jeder sich als den Letzten betrachtet und es nicht verschmäht, sich der Gesinnung nach neben das letzte Dienstmädchen zu stellen, solange der Stolz alle beherrscht, kann ich in der Kirche nichts wirken." (S. 117/18 1900/1)

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3. Die Tatsache ihres heroischen Lebens

Schon vor der mystischen Begnadigung ging das Gebetsleben über das gewöhnliche Maß hinaus. Damals war die öftere Kommunion noch nicht Brauch. Der Herr legte ihr aber die Sehnsucht danach ins Herz. In ihrer Heimatkirche konnte sie durch ihren Kaplan nur kurze Zeit alle Tage kommunizieren. Dann verbot es der Pfarrer, weil er nicht wollte, daß in seiner Pfarrei die öftere Kommunion eingeführt würde. Als Barbara erfuhr, bei den Kapuzinern in Aschaffenburg werde die hl. Kommunion alle Tage ausgeteilt, stand sie selbst im strengen Winter 1879 jede Woche zweimal nachts um 1 Uhr auf und machte mit nur einem Stück Brot versehen den Weg von zehn Stunden hin und zurück, um die hl. Kommunion zu empfangen. (S. 3 - 1908/289)

Bald erlebte Barbara die außergewöhnliche Liebe des Herrn. Er zeigte sich ihr und sprach mit ihr. Er nimmt sie als seine Braut. ,,Nachdem ich die ganze Oktav von Fronleichnam bis zum Herz-Jesu-Fest 1895 vieles gelitten, rief Jesus seine eigene Mutter herbei und sagte: Diese soll meine Braut werden. Stelle mich mit ihr als solche meinem himmlischen Vater vor. Meine liebste Mutter, mit diesem Erdenkind will ich mich vermählen. Ersetze du mir, was ihr noch fehlt." Als der liebe Heiland diese Worte an seine hl. Mutter richtete, wurde ich mit solcher Scham erfüllt, daß ich gern zurückgetreten wäre, wenn die Liebe zu meinem himmlischen Bräutigam mich nicht gefesselt hätte. Voll Scham und Reue wandte ich mich an die liebe Mutter Gottes und flehte: Ach Mutter, was wird der himmlische Vater sagen, wenn ich mit deinem Sohn komme. Ich elende Sünderin vor dem allmächtigen Gott. Voll Mitleid überreichte sie mir ihr eigenes Herz mit all seinen Tugenden und sagte: ,,Sieh, meine Tochter, das zeigst du vor." Nun kam Jesus in unaussprechlicher Herablassung zu mir. Wenn ich aber einen Blick auf ihn warf, da stand mein ganzes sündhaftes Leben vor mir und ich schämte mich vor ihm. Da trat wieder die liebe Mutter Gottes herzu und nahm mich bei der Hand und Jesus nahm meinen Arm und zitternd und zögernd ging ich zwischen beiden. So wurde ich dem himmlischen Vater vorgestellt. Meine Feder kann die Furcht nicht schildern, die in mir war. Aber da trat die liebe Mutter Gottes vor mich hin und sprach zum himmlischen Vater. ,,Sieh, o himmlischer Vater, allmächtiger ewiger Gott, mein und dein Sohn, den du von Ewigkeit her gezeugt und ich in der Zeit als Jungfrau geboren habe, will diese Adamstochter hier zu seiner Braut annehmen. ,,Die liebe Mutter Gottes trat zurück. Ich war nicht mehr verzagt; beherzt und voll Freude, wie eine Königstochter überreichte ich dem himmlischen Vater das allerreinste Herz Mariens mit all seinen Tugenden und Verdiensten, die ich wie ein Bouquet Blumen in Händen hielt. Darüber freute sich der himmlische Vater so sehr, daß er sprach: ,,Was der Wille meines göttlichen Sohnes ist, ist auch mein Wille und du meine Tochter, bitte von mir heute, was du willst. Heute sollen dir alle deine Bitten gewährt werden." (S. 13 - 18 - 1895 - 1)

Entsprechend dieser Gnaden mußte Barbara viel Zeit für Christus haben. Dies war nicht leicht. Sie stand in einer Wirtschaft und mußte für viele da sein. Der Herr aber verlangte, daß sie in erster Linie für ihn Zeit habe: ,,Dein Beruf ist, viel vor dem Allerheiligsten zu knien." (S. 120 - 1898/157)

So verharrte sie am 25. Februar 1898 von morgens ein halb sechs Uhr bis abends neun Uhr, mit Ausnahme einer kurzen Mahlzeit, in zwei Kirchen ständig im Gebet. (S. 54 - 1898/157)

Während der Fastenzeit betete sie den ganzen Morgen ununterbrochen von ein halb sechs Uhr bis 12 Uhr. Von 12 bis 4 Uhr nachmittags half sie in der Hausarbeit und betete dann wieder bis abends acht Uhr. (S. 97 - 1898/157)

Einen Einblick in ihr Gebetsleben gewähren auch Gebete in ihren Aufzeichnungen. So wandte sie sich an Christus: ,,Mein Jesus, o meine süße Liebe, ich danke dir für das Wunder, das du gewirkt, um unsere Speise zu werden. Ich danke dir im Namen aller Menschen, die nicht an dich glauben, die dich nicht erkennen, die im Irrtum und Heidentum sitzen, die nicht wissen, wie gut du bist. Ich danke dir auch im Namen aller gläubigen Christen, die dich zwar in der hl. Kommunion aufgenommen, die aber wieder abgefallen und dich vergessen haben, und für die du wolltest, daß ich leiden sollte. Ich danke dir, daß du mich gewürdigt hast einen geringen Teil deines Leidens zu verkosten. Ich opfere dich auf in Vereinigung mit deiner lieben Mutter, in Vereinigung mit jener hl. Stunde, wo du das Allerheiligste Sakrament eingesetzt hast für alle Menschen, die dich nicht mehr in der hl. Kommunion empfangen. Ich bitte dich, gib mir ein Herz so groß und so weit, wie die ganze Welt. Entflamme es mit der Liebe der hl. Mutter, mit der Liebesglut der Seraphim und Cherubim, aller Heiligen und hl. Engeln, die im Himmel vor dir stehen. Ich vereinige mich mit allen heiligen und gerechten Seelen auf Erden und opfere dir dies alles auf und mein geringes Leiden und meine geringe Liebe dazu für all die Sünder und Glieder des mystischen Leibes, die zwar in deinem hl. Leib einverleibt sind, in die aber dein hl. Blut nicht überströmen kann. Lenke das Wasser deiner Gnade in diese ausgedorrten Rebzweige, belebe sie mit dem Blut, das aus deinen hl. Wunden strömt..." (5.1 - 4 - 1897/104)

Über das gewöhnliche Maß hinaus ging auch der Opfergeist der Barbara Weigand. Es ist nicht alltäglich, daß ein Bauernmädchen zu ihrer schweren Arbeit im Haus und im Feld noch die Bußwerke der Heiligen vollbringt. Sie hat es aber getan.

Später wurden gerade die außergewöhnlichen Gnaden Gottes und die von ihm erteilten Aufträge ihr großes und ständiges Kreuz. Barbara war beim Auftreten der mystischen Erlebnisse nicht leichtgläubig. Sie fragte nüchtern: ,,Wer ist die Stimme, die zu mir spricht. Ich traute nicht. Ich sagte mir: Es ist doch eine Täuschung. Ich bin nicht wert, o mein Jesus, daß du dich zu mir herablässt und mit mir verkehrst." (S. 5 - 1895/96 - 1)

Der Frage ,,Wer ist die Stimme, die zu mir spricht" fügte sie bei: ,,Um jeden Preis möchte ich wissen, welche Stimme zu mir spricht. Aber mir steht das nicht zu das zu beurteilen. Darum, o Gott, gib mir doch einen Priester, dem gegenüber ich mich offen aussprechen kann." (S. 4 - 1895/96 - 1)

Bei zwei Beichtvätern fand sie Licht und Trost. Der eine aber wagte nicht öffentlich für sie einzutreten, der andere wurde nicht anerkannt und von seinen Gegnern buchstäblich zugrundegerichtet. So blieb ihr viele Jahre dieses Kreuz: Ist es nicht Täuschung?

Wie sehr sie bereit war, sich dem Urteil des Priesters zu unterwerfen, beweisen folgende Aussprüche: ,,Ich glaube deinem Diener mehr als dir, weil du ihn mir an deiner statt gegeben hast." (S. 40 - 1896/12)

,,Ich unterwerfe mich der Kirche, deinen Dienern." (S. 68 - 1895/961)

Aber was mußte sie erleben: ,,Seitdem ich mich meinem Beichtvater zu erkennen gab, ging keine Beichte vorüber, wo ich nicht als eine aufgeblähte stolze Person behandelt wurde. Vor acht Tagen verlangte ich einige Briefe zurück. Da sagte er: ,,Nein mit diesen Briefen hat der Teufel seine Hand im Spiel, damit will er sie fangen. Die Briefe werden verbrannt." Das machte mich sehr traurig, weil ich mir dachte, verbrennt er die Briefe, dann verbrennt er auch die Mitteilungen, die ich mit so vielen Opfern aufschreiben muß, weil ich doch über meine Zeit gar nicht Herr bin. Innere Verlassenheit und äußere Leiden aller Art brachten mich vorige Woche so weit, daß ich mich nicht mehr getraute zu beten. Wenn ich vor ausgesetztem heiligen Gut beten wollte, schlug ich die Augen nieder und sagte: Ich muß die elendeste Sünderin auf Erden sein, weil ich mich so getäuscht habe." (S. 105 - 1898/198)

Ein andermal klagte sie: ,,Ich bin eine armselige Sünderin, verworfen und hinausgestoßen aus der Gesellschaft; denn kein Priester wagt sich an mein Bett - selbst nicht mit dir im allerheiligsten Sakrament - aus Furcht, er möchte für einen Schwachkopf gehalten werden, der solche Dinge glaube, die von Weibern herkommen." (S. 164 - 1895/96-1)

Erschütternd kommt auch an anderer Stelle die dadurch bedingte tägliche Not zum Ausdruck: ,,Siehe, ich erkläre mich bereit, alle Leiden zu ertragen, aber sag mir doch, bist du es nicht, der mit mir verkehrt, da ich seit den Tagen meiner Jugend mir vorgenommen, einzig und alleine dich zu lieben. Siehe, ich habe alles auf's Spiel gesetzt, aus Liebe zu dir habe ich meine Heimat verlassen und mich nicht mehr umgesehen und was besitze ich jetzt als das bisschen Essen und ich weiß nicht, was noch kommen kann, ob ich nicht doch aus meiner Familie ausgestoßen werde, wenn alles als Täuschung erklärt wird." (S. 129 - 1896/51)

Neben diesen Leiden verlangte Gott von ihr auch auffallende Bußwerke: Ihr und ihren beiden Freundinnen wurde aufgetragen: ,,Macht die Wallfahrten, denn damit will der Herr der Welt zeigen, daß der Glaube offen und frei bekannt sein muß, daß ihr nicht zurückschreckt vor dem Gespött und Hohngelächter der Welt. Seht, wie kleinlaut sie werden, weil sie sich sagen müssen, hier muß etwas anderes vorliegen. Deswegen schickt euch der Herr barfuß, trotz der Kälte und des strömenden Regens. Freut euch meine Kinder, es wird euch kein Leid geschehen, wenn du auch ein offenes Bein hast und große Schmerzen leidest. Weil es der Herr von euch verlangt, wird es euch nicht schaden, im Gegenteil, ihr werdet gesund und kräftig werden." (S. 11 - 1899/256)

Die Erfüllung dieses Auftrages brachte Barbara viele Anfeindungen und auch ein Verbot von der vorgesetzten Stelle. Heute versteht man nicht, warum barfuß gehen anstößig sein soll, aber damals war es so.

All diese Opfer und Leiden genügten aber noch nicht. Barbara wurde auch von verschiedenen Krankheiten heimgesucht. Eine Nichte erzählt: ,,Am Donnerstag abend, den 21. September 1905, ist Barbara sehr erkrankt. Schon einige Tage vorher hatte sie furchtbare Schmerzen im Leib. Sie mußte die ganze Nacht und den ganzen Tag so laut schreien, daß die Nachbarsfrauen herbeikamen und jede wusste ein anderes Mittel. Der Reihe nach wurde angewandt: Heiße Wasseraufschläge, heißer Essig, Branntwein, Kartoffeln, Kleie, Kamillensäckchen, ein großer Laib Brot und alle Sorten Tee. Alles war umsonst. Später sagte ihr der Herr, sie müsse Sühne leisten für die Sünden der Jugend, besonders der Unkeuschheit." (S.20/21-1905/252) Typisch für Brabara waren auch die Leiden der ,,drei Stürme", die oft über sie kamen. Bei einem lesen wir: ,,Das drittemal krachte das Bett vor Gewalt, ich wollte rufen, aber ich konnte keinen Laut herausbringen. Ich flehte innerlich: Herr, hilf mir doch, aber in meiner Seele hatte ich die Zuversicht, daß ich nicht sterben werde." (S. 49/1901/48)

DDr. Wilhelm Büttner ,,Barbara Weigand von Schippach" schreibt dazu: Die Stürme vor den Ekstasen sollten ihr Mitleiden mit der Passion des Herrn darstellen, wie ihr im letzten April 1899 der Herr selber offenbarte: ,,Ich lasse, ehe du eingehst in meine Liebe, erst jedesmal drei Stürme vorausgehen zum Andenken an meine dreistündige Todesangst am Kreuz. Manche Züge dieses Leidens zeigten das Mitleiden mit der Geißelung, wie am vierten Freitag 1899, von dem die Zuschauerin bezeugt: Als wir zu Babett kamen, war sie bereits in ihrem Leiden. Wir sahen dann, wie sie die Geißelung durchmachte, denn während zwanzig Minuten zuckte ihr Körper, wie von Hieben schmerzlich zusammen.

Außergewöhnlich ist auch die Liebe zu ihren Angehörigen und allen Notleidenden. Wo sie gebraucht wurde, sprang sie ein. Besondere Erwägung verdient ihre zwanzigjährige Tätigkeit in der Wirtschaft ihres Bruders in Mainz. Welcher Segen dabei von ihr ausging, beweist das Zeugnis der Polizei von Mainz, daß es die Wirtschaft in der ganzen Stadt sei, wo sie am wenigsten zu tun haben." (S. 44 - 1896/97-85)

Wichtiger aber als die stets hilfsbereite Liebe in den irdischen Nöten ihrer Umgebung war ihr Eifer für die unsterblichen Seelen. ,,Mein Jesus, o wenn es möglich wäre, gleich wie du dein Leiden für den himmlischen Vater aufgeopfert, für alle Menschen gelitten hast, so möchte ich leiden bis zum jüngsten Tag, wenn ich damit alle Menschen retten könnte. O könnte ich mein Herz so viel tausendmal verteilen, als es Menschen auf Erden gibt; denn je mehr ich eingeführt werde in die Schönheit der Menschenseele und in die Glückseligkeit, die sie dereinst genießen soll, desto mehr wächst mein Durst nach Seelen. O mein Jesus, ich will keine andere Gnade, als daß keine Seele verloren geht. Sieh, mein Jesus, es ist nicht immer Bosheit, wenn die Menschen sündigen. Du hast ihnen einen Leib gegeben, der sie abwärtszieht. Sieh, jeder noch so großer Sünder hat immer noch eine gute Seite und diese opfere ich dir auf." (S. 64/65 - 1897/104)

Die Liebe zu den Seelen galt auch besonders zu den armen Seelen. Einmal betete sie: ,,Darum nimm die Verdienste deiner heiligsten Mutter, ihren Glauben, ihre Demut, ihr Vertrauen und schenk uns dafür die armen Seelen. Nimm auch dazu die Verdienste aller Heiligen, die schon gelebt haben und noch leben werden und schenk uns diese Seelen und mach das Fegfeuer leer. Lass den Himmel reich bevölkert werden, meine Barmherzigkeit, mein Jesus."

,,Du Quälgeist", sagte darauf der Heiland. (S. 25 - 1899/249)

Wie wohlgefällig aber die Gebete und Opfer für die armen Seelen waren, verriet er ihr einmal bei der hl. Kommunion: ,,Ihr habt in der Zeit von Maria Himmelfahrt bis zu Maria Geburt zweitausend Seelen aus dem Fegfeuer befreit. Dies ist so wahr, als der Theologe P. wieder gesund und ein guter Priester wird." (S. 31 - 1895/96 - 1)

Als Barbara wieder einmal um die Rettung armer Seelen aus dem Fegfeuer betet, fragte der Herr: ,,Meine Kinder, könnt ihr auch das glauben, daß ich euch die Seelen schenken will, die noch hundert und zweihundert Jahre Fegfeuer zu leiden hätten?." Sie antworteten: ,,Ja, wir glauben, daß du so gut bist. O schenk sie uns." ,,Ihr sollt sie haben."

Eine Bemerkung des Herrn ist aber noch wichtig: ,,Ich schenke sie euch nicht allein wegen eures Gebetes, sondern um des Gebetes der Kirche willen." (S. 30 - 1899/225)

Eines Tages erhielt Barbara vom Herrn folgende Belehrung: ,,Man wundert sich und will es nicht glauben, daß Seelen noch Jahrzehnte und hundert Jahre im Fegfeuer zu leiden haben, während ich hier eine Seele, die noch nicht so lange gestorben ist aus dem Fegfeuern befreie, weil Barbara mich so inständig gebeten hat, diese Seele zu befreien. Glaubt ihr wohl, ein Gott wäre wie die Menschen? Ein Gott muß großmütig sein und ist unendlich großmütig, wenn so ein armseliges Wesen, wie dieses, großmütig über sich hinweggeht, wenn es leidet und sich wie ein Leichnam dahinschleppt, dies alles für andere tut, wenn dieses Wesen mir eine Bitte vorträgt, besonders wenn sie zu meiner Ehre und Verherrlichung gereicht, sollte ich ihr die Bitte nicht gewähren." (S. 47 - 1899/264)

Hier bestätigt der Herr selbst, daß die Liebe der Barbara Weigand heroisch war.

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4. Das Bild Gottes

Die Offenbarungen der Barbara Weigand haben zum Ziel, die Menschen erkennen zu lassen, wie gut Gott ist und wie sehr er seine Geschöpfe liebt. Zugleich beweisen sie auch, daß er der Herr und in seinen Entscheidungen vollkommen frei ist.

,,Für den Menschen muß Gott immer ein Rätsel sein und bleiben - rätselhaft seine Werke und seine Fügungen, weil er Gott ist und ihr alle seine Geschöpfe seid." (S. 131 - 1898/172)

Er ist aber kein Rätsel, durch das wir verunsichert werden und er uns unheimlich erscheinen will; denn das größte Rätsel an ihm ist, daß er seinen eigenen Sohn für uns geopfert hat. In den Schriften lesen wir: ,,Der Herr zeigte mir den Schöpfungsplan und wie er sich bei allem was er tue und je getan habe sein Eigentumsrecht vorbehalte vom ersten Augenblick an, wo er angefangen habe ein Geschöpf ins Dasein zu rufen bis zum letzten am Weltende. Deshalb müssten sich alle bewähren. Im Himmel habe er seine Pläne nur so weit erschlossen, als es für seine Geschöpfe notwendig war, nämlich um eine Prüfung zu bestehen. Wenn sie auch mit mir, sagte er, im Rate sitzen, so behalte ich mir doch die Unterwerfung unter meinen Willen vor. Als ich den Himmel erschuf mit seinen Geschöpfen, da erschuf ich sie gut, und als ich die Welt erschuf mit dem König der Schöpfung, da war wieder alles gut und wenn du fragen wolltest: Ja, Herr, warum ließest du zu, daß diese Geschöpfe im Himmel und auf Erden böse wurden, da du sie doch gut erschaffen hast, so antworte ich dir. Weil sie alle wissen sollen, daß ich der Herr bin und daß sie mir unterworfen sind und daß ich mir meine Schöpferrechte nicht nehmen lasse. Darum mußten alle, auch die Engel, die im Rate zugegen waren, als ich den Plan fasste, den Menschen zu schaffen, zeigen, ob sie gewillt seien sich meinen Plänen zu unterwerfen. Und zwar tat ich dies, weil Luzifer und ein großer Teil der Engel stolz war. In ihrer hohen Stellung wollten sie mir gleich sein und nicht zugeben, daß noch ein Geschöpf neben ihnen existiere, dem sie sich unterwerfen müssten. Ich fragte: O Herr, da du doch wusstest, daß viele deiner Geschöpfe dich nur beleidigen, wäre es denn nicht besser, wenn du kein Geschöpf hättest. Da antwortete der Herr: Dies wollte ich dir heute zum Troste sagen, daß ich diese Geheimnisse, die nur meiner Majestät zustehen, keinem Geschöpf erschließen werde. Die Engel mußten durch demütige Unterwerfung ihre Prüfung bestehen, und der Mensch durch den Glauben. Darüber könne niemand hinweg, auch wenn er auf dem päpstlichen Stuhle sitze." (S. 63/64 - 1900/1)

,,Als ich den Menschen erschuf, erschuf ich ihn im Paradies, und der Mensch lebte in Unschuld wie ein Kind. Er wusste nichts vom Leiden. Ich erschuf ihn aber weniger vollkommen als die Engel, denn der Engel ist ein rein geistiges Wesen, weil er erschaffen ist, um in meiner allernächsten Nähe zu stehen. Wegen der Menschen erschuf ich das Weltall. Alles legte ich dir zu Füßen, o Mensch. Du bist der König der Schöpfung. Weil ich aber den Menschen materiell erschuf oder mit andern Worten: aus Erde und einem geistigen Wesen, der Seele, zusammensetzte, darum ist sein Leib der Erde zugeneigt. Ich wusste im voraus, daß er schwach sein und sinken werde.

Da trat mein Sohn vor mich hin und sagte: Erschaffen wir trotzdem den Menschen, obwohl wir wissen, daß er fällt.

Wir wollen unsere Liebe vervielfältigen. Ich selbst will hinabsteigen und den Menschen aus freien Stücken erlösen. Ich will ein Mensch werden und den Menschen und den Engeln zeigen, wie ich die Menschen liebe.

Als wir diesen Plan fassten und ihn unseren Geschöpfen, den Engeln, mitteilten, entstand der erste Streit. Luzifer schaute sich in seiner Vollkommenheit und sagte: Wir sollen einmal einen Menschen anbeten! Diesem Plan stimmen wir nicht zu. Er trat vor die andern hin und sagte: Wer will mir folgen und es aufnehmen mit diesem Gott, der von uns verlangt, daß wir seine zweite Person in Menschengestalt als Gott anbeten sollen. Das wollen wir nicht. Wir wollen nicht dienen. Das war die erste Sünde. Die Engel wurden in den Abgrund gestürzt. Von da an gibt es die Hölle." (S. 203 - A 1900/287)

Nachdenklich müssten auch folgende Bemerkungen stimmen: ,,Einmal war unter sechszehn Stadtabgeordneten nicht ein Zentrumsmann und unter zweiundvierzig nur fünf Zentrumsmänner. Der Herr sagte: Dies ist die Strafe für die Geistlichkeit, weil sie die Augen zubinden, um ja nicht aufgerüttelt zu werden." (S. 91 - 1901/104)

1904 war ein Priester der Diözese vor Gericht verurteilt worden. Da klagte Barbara nach der hl. Kommunion: ,,O Herr! Wie konntest du zulassen, daß solche Schmach über die Kirche kommt!" ,,Meine Tochter", sagte der Herr, ,,das ist die Strafe für meine Kirche hier wegen der Missachtung meiner Worte, die ich schon jahrelang durch dich gesprochen habe." (S. 73 - 1904/243)

Hier liegen klare Hinweise vor: Niederlagen der Kirche sind keine Siege Satans, sondern Strafen Gottes.

In den Aufzeichnungen findet sich auch, wie Gott über die Sünde denkt, wie gut er aber auch gegenüber dem Sünder ist, wenn er reumütig und bußfertig zu ihm kommt.

,,Ich war ja gekommen, die Menschen zu retten, auch die Gottlosen, auch diejenigen, die mich hassten und verfolgten. Deswegen hielt ich mich als ein unbekannter Gott unter ihnen auf. Ich offenbarte mich aber durch Zeichen und Wunder, so daß alle - auch die schlimmsten und verstockten Sünder - hätten zur Einsicht kommen können. Sie haben es aber nicht getan. Und doch ist ihre Bosheit nicht so hoch anzuschlagen wie die der Kinder der katholischen Kirche, die sich jetzt so im Laster tummeln, die sich von mir abwenden, die mich behandeln als einen unbekannten Gott, der nie gewesen, noch war, noch sein wird." (S. 101 - 1896/12)

,,Die Welt liegt im argen, der Glaube schwindet von Tag zu Tag mehr und mehr, und auch die guten Katholiken werden vom Strom der Zeit mit fortgerissen. Weggeschwemmt wird alles Heilige und Ehrwürdige durch die allzu große Vergnügungssucht dieser Tage, denn es reihen sich Feste an Feste, die darauf abgezielt sind, den Glauben und die guten Sitten zu untergraben und alles religiöse aus den Herzen herauszureißen." (S. 73 - 1897/113)

,,Der größte Krebsschaden der heutigen Zeit ist die immer mehr überhand nehmende Vergnügungssucht. Sie erzeugt den Unglauben und die Unsittlichkeit. Wo sie Platz ergreift, muß der Geist Gottes weichen, denn er findet keinen Platz mehr in den Herzen der Menschen. Die Schwester der Vergnügungssucht ist die abscheuliche Modesucht bei dem weiblichen Geschlecht. Einmal, am Ende der Zeit, wird es offenbar, wie die Hölle in euerer Zeit durch das Frauengeschlecht bevölkert worden ist." (S. 98 - 1910)

,,Der Geist der Finsternis glaubt: Jetzt habe die Stunde geschlagen, wo er seinen Thron aufrichten könne. Er ist bestrebt, den Himmel, den er sich einst verscherzt hat, sich jetzt unter den Erdbewohnern zu schaffen, sich in dieser Schöpfung alles zu unterwerfen, sich zu einem Gott auf Erden emporzuschwingen. Darum wirft er seine Netze weit aus und hat schon viele ins Garn gezogen. Tag für Tag nimmt die Zahl derer zu, die sich unter seine Herrschaft stellen." (S. 152/53 - 1897/134)

,,Da nun aber das einzige Reich, das ich auf Erden gestiftet habe, meine Kirche, selbst so fahl und faul geworden ist, daß Satan mit den Christen wie mit den Heiden sein Spiel treiben kann, jubelt er entsetzlich. Er brüllt und heult Tag und Nacht und je mehr er brüllt, desto mehr lockt er sie in seine Netze. Er brüllt in Wort und Schrift, auf allen öffentlichen Plätzen, in allen Versammlungen, die nicht für Gott sind, er brüllt sogar in den einzelnen Familien, denn da stehen überall solche, die andere Familienmitglieder noch mit in die Netze Satans hineinziehen." (S. 26 - 1898/165)

Ernst wendet sich der Herr daher an jeden Menschen: ,,Jetzt hast du die Wahl. Wähle zwischen Gut und Bös, und weil ich dem Menschen seinen freien Willen gegeben habe, darum zwinge ich niemand und werde mit der Gerechtigkeit solange zögern, bis meine Barmherzigkeit erschöpft ist und das dauert, solange der Mensch lebt." (S. 197 - A 1900/2)

Eine klare Aussage gibt der Herr auch über die Todsünde: ,,Der Mensch muß unbedingt merken, wenn er sich von mir scheidet, denn eine gewaltige Erschütterung geht in ihm vor, wenn er sich freiwillig von mir trennt. Nicht jedesmal bin ich von ihm gewichen, wenn er einmal der Leidenschaft nachgegeben. Nur dann weiche ich von ihm, wenn er mit vollem Bewusstsein und mit freier Überlegung handelt und der Gnade ständig widersteht." (S. 49 - 1896/34)

Eindringlich warnt darum der Herr vor der Sünde: ,,Du sollst alles aufschreiben, damit die Menschen sehen, wie hart die Strafe für diejenigen ist, die im Leben auf die Barmherzigkeit Gottes lossündigen und mit meiner Gerechtigkeit spielen wollen. Denk an jenen furchtbaren Ort, wo die Frau seither büßte. (Er spielt auf ein Fegfeuererlebnis an!) Viele, viele Seelen sind dort, die bis zum Jüngsten Tag leiden, denn dort ist jeglichem Trost der Eingang verschlossen. Darum blieb der Engel, der dich dorthin begleitet, und der Schutzengel der Frau, am Eingang stehen und nur, damit die Menschen wieder meine Gerechtigkeit fürchten lernen; aber damit auch meine Güte und Barmherzigkeit zu sehen ist, befördere ich diese Frau an einen Ort, wo die guten Werke der streitenden Kirche hingelangen können." (S. 29/30 - 1906/268)

 ,,Nie ist es zu beschreiben, wie ich mit jenen verfahre, die ein Volk verführten wie Luther und Calvin. Neben sie stelle ich jene Lehrer und alle, die es mit ihnen halten, die halb und halb mit der Welt liebäugeln wollen." (S. 73 - 1899/256)

 ,,Auch der geistliche Stand und Ordensstand, wenn er nur geschäftsmäßig wie ein anderer Stand aufgefasst wird, hat seine Klippen und kann zur Hölle fahren." (S. 20 - 1910)

Damit stellt der Herr allen Menschen vor Augen: man darf die Sünde nicht leicht nehmen und nicht auf Gottes Barmherzigkeit sündigen. Er zeigt aber auch wieviel verstehende und erbarmende Liebe er für seine armen Kinder hat: ,,Ich bin ein gütiger Gott. Meine Kinder sind meine Ebenbilder, auch wenn sie die Züge meines Bildes, die sie an sich tragen durch die Sünde und durch die Laster noch so sehr verzerrt haben. Mein Blut klebt an jeder Seele." (S. 42 - 1896/12)

,,Wie gern verzeihe ich den Menschen, wenn sie mit reumütigen Herzen kommen. Ich bin bereit in reichem Maße meine Gnaden ihnen zuzuwenden. Wie lenke ich ihre Schritte, wie bahne ich ihre Wege, um ihr Schicksal zu erleichtern!" (S. 87 - 1896/2)

,,Ihr seid Adams Kinder und täglich zum Bösen geneigt. Ihr werdet deshalb auch oft fallen. Diese Fehler müssen gesühnt und abgebüßt werden. Darum wird euch manches in die Quere kommen, nehmt dies zur Strafe für euere Sünden an. Somit könnt ihr alle Strafen in dieser Welt abbüßen." (S. 52 - 1896/12)

Das gleiche sagt Christus auch Barbara: ,,Du mußt die Sünden, die du von Tag zu Tag begehst auch wieder abbüßen. Darum lasse ich so manches über dich kommen, was dir nicht gefällt und dir das Leben der Frömmigkeit verleidet." (S. 68 - 1897/134)

Hier wird auf zwei Wahrheiten hingewiesen: die eine: daß jeder Fehler gesühnt werden muß, denn Gott ist gerecht; die zweite: daß Gott selbst durch seine Vorsehung die Gelegenheit zur Sühne gibt. Darum sollte man sich dessen mehr bewusst sein. Wenn einem etwas in die Quere kommt oder wenn etwas kommt, was uns nicht gefällt, soll man es als verdiente Strafe ansehen und als solche demütig hinnehmen, dann wird es nämlich zugleich auch leicht.

Interessant ist auch: ,,Alle Menschen sind stolz und haben ihren eigenen Willen, besonders das Frauengeschlecht. Sie möchten überall oben anstehen, so war Eva. Alle Frauen sind Evas Kinder, alle Männer aber sind Adams Kinder. Adam ließ sich von der Eva verführen. Adam glaubte ihr alles und weil sie es sagte, ließ er sich von ihr verführen, obwohl sein Herz ihm sagte: Gott hat es verboten, gab er diesem armseligen Frauchen nach." (S. 77/78 1904/230)

Wie gütig Gott ist, zeigt sich auch in folgendem: ,,Der allweise, gütige Gott muß sich den Menschen anpassen, wenn es die Menschen schon nicht mehr tun, sich ihrem Schöpfer anzupassen und zu fügen. Du mußt wissen, daß der liebe Gott sich so nach seinen Geschöpfen richtet, daß es niemand auf der Welt fasst wie unendlich die Geduld des Schöpfers ist, und zu allen Zeiten ersinnt der Herr Mittel, um sich dieser armseligen Geschöpfe zugänglich zu machen." (S. 2 - 1896/70)

,,Seht, das ist nun einmal, daß alle Menschen etwas Eigenartiges an sich haben: einen Fehler, den ich mit Geduld ertragen muß, sonst müsste ich das ganze Menschengeschlecht vernichten." (S. 23 - 1896/97 - 85)

,,Man muß mit den Charakteren Geduld haben, die so verschieden sind. Auch ich muß Geduld haben mit den frommen Seelen und ihren Charakter ertragen und tue es auch." (S. 111 - 1909/301)

,,Als ich auf Erden wandelte, habe ich mit Schonung alle behandelt: Die Samariterin am Jakobsbrunnen mit ihren sechs Männern, den 38jährigen Kranken. Ich sagte nicht: wieviel hast du gesündigt; ich sagte teilnahmvoll und wohlwollend: geh hin und sündige nicht mehr." (S. 6/7 - 1897/123)

Wie Gott über die Seinen wacht und für sie sorgt, beweist er auch in weiterem: ,,Alles, was dem Menschen auf seinem Lebensweg zustößt, ist für ihn eingebaut, um ihn zu dem Ziel zu führen, zu dem er bestimmt ist. Das für den Menschen Angenehme begreift er leicht, aber was gegen seinen Willen ist, will er nicht verstehen. Darum wird er zur Zeit der Prüfung an mir irren." (S. 59 - 1904/247)

,,Wie glücklich wären die Menschen, wenn alle mit ihrem Stand zufrieden wären. Siehe, das ist das einzige Kreuz in der Welt: alle Menschen machen sich durch ihre Unzufriedenheit den Querbalken selbst. Ich habe jedem seinen Lebensplan festgelegt. Es liegt nur an ihm, den Plan auszuführen." (S. 94 - 1895/96 - 1)

,,Alle, die mir treu dienen, mögen sie auch ganz verschiedene Wege wandeln, sind mir wohlgefällig. Wenn nur der Mensch gewillt ist mir zu dienen, dann komme ich ihm schon entgegen und richte mich ganz nach der Neigung des Menschen, die ihm am meisten liegt. Darum braucht sich kein Mensch beunruhigen, wenn er sieht, der andere gehe einen anderen Weg zu Gott, weil ich mich jedem anpasse und mit jedem zufrieden bin, wenn er nur guten Willens ist." (S. 20 - 1906/260)

 ,,Bekümmere dich nicht um andere, bekümmere dich nicht um die Zeit, die noch in ferner Zukunft liegt. Lass mich sorgen, sei aber auch einfältig wie die Taube. Glaube alles, was sich auf mich und auf den Fortschritt im guten bezieht, was dich zur größeren Liebe zu Gott und zur tieferen Erkenntnis deiner selbst führt..." (S. 174 - 1895/96 - 1)

,,Lege alle deine Sorgen und Ängste ab, sie sind null und nichtig solange du dich selbst damit herumreißt. Wenn du es doch verstündest, alles in mein Herz zu legen und meinem Willen zu übergeben, wie leicht und glücklich würdest du Tag für Tag leben; denn nichts geschieht ohne meine Zulassung und alles, was ich tue, tue ich zum besten der Menschen." (S. 83 - 1905/252)

Wie sehr das stimmt, zeigen folgende Worte: ,,Ich muß auf die Beschaffenheit des Körpers einer jeden Seele Rücksicht nehmen. Ich will ja jene nicht überbürden, die nicht den Körperbau und die Nerven dazu haben, weil mit den äußeren Leiden innere und mit den inneren äußere Leiden verbunden sind und diese zusammenwirkend eine Seele zugrunde richten können." (S. 86 - 1895/96-1)

,,Übermäßige Strengheiten sind mir gar nicht so wohlgefällig, weil der Mensch seine Kraft nach der Beschaffenheit und Gesundheit des Körpers bemessen muß. Dieser mein Diener N. soll noch viel zu meiner Ehre und Verherrlichung wirken, er soll sich begnügen mit dem, was er getan hat." (S. 41 - 1896/97 - 85)

,,Die Kräfte sparen, um länger wirken zu können ist mir lieber, als in wenigen Jahren sich aufreiben; denn ich brauche eifrige Diener in meinem Weinberg, damit sie die Schäflein, die vom rechten Weg abgeirrt sind, zurückführen." (S. 177 - 1897/93)

,,Du mußt die Mittel anwenden, um die Kräfte wieder zu heben. Wenn man sich so schlapp und erschöpft fühlt, muß man nachgeben, das ist keine Trägheit." (S. 78 - 1906/260)

Als Barbara einmal sagte: ,,Ach, Herr, ich glaube längst, du habest mich vergessen", bekam sie zur Antwort: ,,Nein, nein, meine Tochter, ich habe dich nicht vergessen, du bist noch meine Braut wie damals, wo ich Woche um Woche mit dir verkehrte. Glaubst du denn, ich wäre so unbeständig wie du. Du gabst mir deine Einwilligung und so bist du mein." (S. 104 - 1902/166)

Das beste Zeugnis seiner Liebe liefert der Herr aber im heiligsten Sakrament: ,,Siehe, dreimal habe ich das Ostermahl mit meinen Jüngern gegessen, aber nicht, daß ich ihnen damit ein bleibendes Denkmal hinterließ. Ich aß mit ihnen nur wie ein Freund mit seinen Freunden. Aber heute beim letzten Abendmahl bin ich nicht ihr Freund allein. Heute will ich ihnen alles sein. Ich will heute in eine so innige Vereinigung mit ihnen treten, daß sie inniger nicht gedacht werden kann, was nie ein Menschenherz ausdenken könnte, was noch nie ein Freundesherz, noch nie ein Bräutigam ausgesonnen hat: nach dem Tod gegenwärtig zu bleiben. Dies aber tat ich. Darum ihr Menschenkinder, liebt denjenigen, der sich euch ganz geschenkt. Er hat alles gegeben, was er hatte: sich selbst." (S. 45 - 1896/34)

Immer wieder schenkt er sich im hl. Opfer und in der hl. Kommunion. Überraschend und doch für jeden tröstlich sagt er: ,,Niemand soll glauben, daß mir eine Seele, mit der ich in so auffallender Weise umgehe wie mit dir, lieber wäre als eine andere, die mir ebenso treu oder noch treuer gedient hat als du. Niemand ist von meinem Herzen ausgeschlossen. Auf dem Haupt eines jeden, der mir treu dient, liegt meine liebende, schützende Hand. Mein zärtlich väterlicher Blick ruht auf jedem, der mir dient, ganz gleich, in welchem Stand er lebt." (S. 97 - 1897/98 - 145)

Sehr wichtig sind auch folgende Worte an Barbara: ,,Ich kann mich nicht mit jedem auf so auffallende Weise unterhalten wie es hier geschieht, das würde die menschliche Ordnung und Gesellschaft stören." (S. 97 - 1897/8 - 145)

Daß aber keiner bei ihm zu kurz kommt; versichert er im folgenden: Er nennt das Menschenherz das Kämmerlein, in dem er wohnt und sagt: ,,Dieses Kämmerlein ist für mich geschaffen, dahin sollst du dich flüchten, wenn du merkst, daß du durch die Geschäfte des Tages allzu zerstreut wirst, oder wenn dich der Kummer niederbeugt, oder wenn du glaubst, du seist von mir verlassen, flüchte dich dorthin und wenn du mich auch nicht findest oder glaubst mich nicht zu finden, wenn ich mich vor dir verberge. Es gefällt mir doch, wenn du kommst, und ich bin bei dir, wenn du es auch nicht siehst." (S. 32/33 - 1897/123)

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5. Wie ist die Echtheit zu beurteilen?

Sind sie durch hysterische oder sonstige krankhafte Zustände zu erklären?

Diese Frage hat auch damals die bischöfliche Behörde und die Zeitgenossen lange beschäftigt. Bis 1905 fanden sechs Untersuchungen statt. Seit 1900 wurde Barbara Weigand nicht mehr selbst verhört, sondern solche, welche an die Offenbarungen glaubten. Vom Bischof Paulus Leopold liegt folgendes Schreiben vor:

  ,,Mainz, den 28. Juni 1896
 
Betreffend der Aufzeichnungen der Mitteilungen der kranken Jungfrau Barbara.
Nach Prüfung der mir übergebenen Hefte, bemerke ich folgendes:
 
1. Die Lebensbeschreibung lässt erkennen, daß die Barbara eine schlichte, tugendhafte und fromme Person ist. Sie macht nicht den Eindruck einer Betrügerin. Persönlich kenne ich sie nicht und habe darum nicht ein bestimmtes Urteil.

2. Die Krankheitserscheinungen kenne ich auch nicht, zweifle aber nicht, daß sie in die unermessliche mannigfaltige Gruppe hysterischer Krämpfe gehören.

3. Die der bisherigen Bildung der Barbara gegenüber auffallend feine und edle Sprache, sofern sie nicht etwa von der Schreiberin herrührt (wie bei Katharina Emmerick v. Brentano) lässt sich wohl natürlich erklären aus der abnormalen Nervenerregung, welche sich an die Krämpfe anschließt.

4. In den Aufzeichnungen erscheinen besonders bedenklich die Aussprüche über Personen, die sich im Fegfeuer befinden. Als göttliche Eingebung sie zu betrachten, liegt kein Grund vor. Sie haben keinen Zweck. Sie sind leichtfertige Annahmen und müssen unterdrückt werden.

5. Gegen den Glauben verstoßen die frommen Ermahnungen, Betrachtungen und Anmutungen nicht. Sie übersteigen aber nicht die Linie der gewöhnlichen frommen Anschauungen, welche in Gebetsbüchern, Predigten und Betrachtungen sich finden und können darum wohl natürlich erklärt werden.

6. Die zum Teil auf die Zeitverhältnisse: Sozialismus, Atheismus eingehenden Mahnungen und Klagen sind sehr wohl natürlich zu erklären, obwohl dem Gesichtskreis der Barbara ferner liegend.

7. Wenn die Mitteilungen als Worte des Heilandes sich darstellen und als Offenbarungen desselben vorgetragen werden, so kann es auf reiner Phantasie beruhen. Was Barbara denkt und will, das kleidet sie in ihrer Phantasie in die Form von Aussprüchen und Befehlen des Herrn. Es soll das nicht als absichtlicher Betrug angesehen werden, wohl aber als Selbsttäuschung. Die Formeln kann Barbara aus zahllosen Schriften entnommen haben.

8. Besondere Kennzeichen übernatürlicher Erleuchtung sind keine vorhanden.

9. Es ist darum die Annahme einer solchen als unbegründet und irrig zu verwerfen. Der Arzt soll die Kranke beobachten, die Aufzeichnung ihrer Mitteilung aber hat zu unterbleiben.

  gez. Paulus Leopold"

Dann beauftragte er einen Arzt, den Ekstasen beizuwohnen und ihm sein ärztliches Urteil darüber mitzuteilen. Derselbe wohnte fünfmal der Ekstase bei und erklärte nicht nur Luise Hannappel, sondern auch dem Beichtvater von Barbara, daß die Erscheinungen keine natürlichen Erkrankungen seien, er jedoch das weitere - da er Theologie nicht studiert habe - dem Priester zur Beurteilung überlasse. Der hochwürdigste Herr vermied es jedoch geflissentlich, das Urteil des Arztes einzufordern, weil er die Sache, wie er selbst zu Luise Hannappel sagte, gern losgewesen wäre. (Gr. Heft - S.156/7)

Besondere Erwähnung bedarf der Aufenthalt im Elisabethenstift. Auf Befehl des Bischofes ging Barbara am 26. Juli 1900 entschlossen und mutig dorthin.

Am folgenden Tag, den 27. Juli, spürte sie in der hl. Messe bei der Wandlung, wie das Leiden kam. Wohl zu ihrer Prüfung sandte der Herr ihr heute, wo alles darauf wartete, keine körperlichen Leiden, sondern verkehrte nur innerlich mit ihr, sprach jedoch auch einiges laut. Als die Oberin das merkte, führte sie Barbara auf das Zimmer und bat sie, ins Bett zu gehen. Barbara jedoch bat sie, nur einfach ruhig sitzen bleiben zu dürfen.

Obwohl der Herr laut sprach, rief die Oberin niemand. Am Tag darauf kam ihr Beichtvater und fragte die Oberin: ,,War gestern nichts?" Die Oberin sagte: ,,Nein, sie hat so ein Unwohlsein bekommen, sie hat auch gesprochen, aber ich weiß kein Wort mehr." Barbara sagte: ,,Der Herr hat gesagt: Ich bin der Herr. Wenn sie sich nicht meinem Willen unterwerfen, werde ich meine Sache doch durchführen." ,,Richtig", sagte die Oberin, ,,jetzt fällt es mir wieder ein."

Weil die Oberin niemand gerufen, so glaubte man schon, wie ihr Beichtvater zu Luise Hannappel am Samstag sagte: ,,Alles ist zerfallen. Der
Heiland kommt nicht mehr." Weiter sagte er spöttisch zu Luise Hannappel: ,,Es ist alles aus."

Am Mittwoch, den 1. August, stellte sich das Leiden dafür umso heftiger ein, daß die Herren deutlich sehen konnten, daß sie so etwas nie machen könne. In der Tat waren alle ganz erschüttert und verängstigt und getrauten sich nichts zu tun. ,,Als ich zu mir kam, sahen sie alle ganz zerstört aus. Der Arzt, der sonst immer bleich war, hatte dunkelrote Augen und Wangen." Barbara sagte: ,,Sie werden wohl selbst gesehen haben, daß das keine Einbildung sein und man sich das nicht machen kann." ,,Ach", riefen sie alle drei. ,,Wer denkt denn das. Nein, nein, nein, das wissen wir, daß sie sich das nicht machen können und daß das keine Einbildung ist." Der Weltpriester hatte am meisten Mitleid. In der Rede hatte der Herr die Gesinnung von allen dreien geschildert und hatte namentlich über die Männerwelt in Mainz gesprochen. Der Arzt muß sich sehr betroffen gefühlt haben; denn die Tage vorher war er immer sehr freundlich, von dieser Stunde an aber war es fertig. Er sah Barbara nicht mehr an und wollte nichts mehr wissen.

Das drittemal kam das Leiden am 3. August. Es war diesmal so eklatant, daß der Arzt sagte: So fürchterlich habe er sich das Leiden nicht gedacht. Die Schwestern, die dabei waren, riefen alle Heiligen an und der Arzt ließ kein Mittel unversucht, um herauszubringen, ob es nicht Krankheit sei. Er ließ ihr Tropfen eingeben, dann Rizinusöl, dann ließ er ihr ab und zu Milch einschütten, obwohl der Magen nichts annahm und sie dieselbe jedesmal wieder erbrechen mußte, weshalb der Weltpriester die Bemerkung machte: ,,Lasst das doch, ihr seht ja, daß es nicht geht."

Die Herren gingen fort, um sich zu beraten. Unterdessen ließ der Arzt ihr soviel Wasser einpumpen, bis es ihr aus dem Mund herauskommen wollte. Es war für Barbara so schmerzlich, daß sie bald gestorben wäre. Sie wurde eiskalt und lag wie tot da. Die Schwestern riefen Gott und alle Heiligen an: ,,Schwestern, kommt zu Hilfe! Jesus, Maria, Joseph steht bei. Hl. Antonius komm zu Hilfe!" Barbara bekam fortwährend Ohnmachtsanfälle. Als sie wieder ins Bett geschafft war, sagte der Arzt: ,,So, jetzt schlafen sie ruhig." Aber kaum gesagt, kam der erste der drei Stürme. Der Arzt wollte ihn verhindern und fasste ihren Kopf mit aller Kraft, um es ihm unmöglich zu machen, daß er schüttelt, aber es half nichts. Die Kraft war so groß, daß er mit herumgeschleudert wurde.

Bei dem zweiten Sturm griff ihr der Arzt mit aller Wucht in die Arme, um sie festzuhalten. Aber die Gewalt schüttelte den starken Mann mit herum. Er sprang vor sie hin und sagte: ,,Sie sind mir vom Bischof übergeben und haben mir zu folgen und zu tun, was ich sage." Dann hielt er ihr etwas Glänzendes entgegen und schrie: ,,Wollen sie mir folgen, wollen sie augenblicklich hierher sehen!" Barbara strengte all ihre Kräfte an. Die Augen waren jedoch von einer unsichtbaren Macht gehalten. Sie könnte sie nicht drehen und auf den Punkt richten. Desto zorniger wurde der Arzt: ,,Heute, wenn sie mir nicht folgen, sollen sie sehen." Er tobte wie rasend und wollte, sie solle auf einen Punkt hinsehen, konnte es aber nicht erreichen. Als der Arzt jedoch ein geweihtes Bild von der hl. Familie von der Wand nahm und es vorhielt, da konnte sie sofort darauf sehen, weil die Gewalt sie verließ. Als die drei Stürme herum waren, sprach der Herr wie immer.

Nach der Ekstase sagte die Generaloberin, die dabei war, zu Barbara: ,,Ach, lieber Gott, was machst du aber durch. Aber ich glaube sicher, daß du auch einen großen Lohn bekommst in der Ewigkeit."

Anderntags kam der Arzt und sagte: ,,Ich kann nichts anderes erklären, als daß das alles Hysterie ist. Von mir aus können sie jetzt gehen."

Am Freitag, den 10. August, bekam Barbara das Leiden wieder. Der hochwürdigste Herr Bischof sollte herzukommen, aber er ließ sich durch Unwohlsein abhalten und es kamen nur die beiden Priester. Das Leiden und Rede des Herrn waren schon fast vorbei. Er hatte zu Barbara gesagt: ,,Obwohl du jetzt überzeugt bist, daß ich es bin, sollst du, wenn meine Diener kommen nicht tun, was ich sage, sondern was die Vorgesetzten sagen. Unterwirf dich jetzt ihrer Gewalt. Ich habe sie ihnen abgetreten. Wie sie es mit dir machen wollen, so lass es geschehen."

Da traten die Herrn ein und weil der Arzt erklärt hatte, alles sei Hysterie, gaben sie nichts auf die Belehrungen des Herrn sondern verführen mit dem Geist auf die unhöflichste Weise. Sie fielen ihm in die Rede, sie spotteten ihn aus und sagten: ,,Es ist alles nicht wahr, was du sagst, schweig still." Der Geist ließ sich jedoch davon nicht einschüchtern, wie wohl der Weltpriester viele Fragen stellte, fuhr er ruhig in der Rede fort wie wenn nichts wäre. Nur wenn der Beichtvater sprach, gehorchte er auf der Stelle und war ruhig.

Einmal ging Barbara plötzlich das Licht des Geistes aus, da sagte sie: ,,Eben verbietet mir mein Beichtvater weiter zu sprechen." Er war nämlich gerade abwesend.

Sonntags darauf kam der Beichtvater und sagte: ,,Jetzt haben wir es klar gesehen. Wenn es der Heiland gewesen wäre, so hätte er dreinschlagen müssen. Wir haben ihn schrecklich behandelt. Wenn er es wäre, hätte er sich das nicht gefallen lassen." (S. 1 - 8 - 19.00/1)

Somit stand als Urteil über Barbara fest: Sie ist hysterisch. Nicht darf aber übergangen werden: schon beim ersten Auftreten der mystischen Erlebnisse hatte der Beichtvater (es war ein anderer) einen gut katholischen Arzt ersucht, festzustellen, ob nicht körperliche Schwachheit und dergleichen schuld sei, daß Barbara nach der hl. Kommunion oft stundenlang nicht Herr ihres Willens sei, regungslos wie eine Bildsäule knien bliebe und schon Ansprachen hatte.

Auch Bischof Haffner beauftragte einen gut katholischen Arzt mit der Prüfung der Zustände der Barbara. Dieser war fünfmal Zeuge ihres Leidens am Freitag. Sein Urteil lautete: ,,Eine natürliche Krankheit ist es nicht, weil ihr Auftreten in mehreren Punkten von der Krankheit abweiche."

Als er das letztemal wegging, sagte er: ,,Hier haben Theologen das letzte Wort." (S. 40 - 1909/301)

In den Aufzeichnungen sind noch folgende Begründungen dafür angeführt, daß die mystischen Erlebnisse keine Krankheiten seien.

  1. Weil das Leiden nur an den Freitagen komme.
     
  2. Weil die Stürme vor den Ekstasen die gleichen sind, was bei keiner Krankheit der Fall ist.
     
  3. Weil Barbara alles weiß, was sie in ihrem Zustand gesehen und gehört hat.
     
  4. Weil in den Schriften alles Hand und Fuß hat, während bei Somnambulen ein buntes Durcheinander ist.

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6. Was soll man zu der Untersuchung im Elisabethenstift sagen?

Zum Vorgehen des Arztes: daß Barbara beinahe dabei gestorben wäre?

Zu dem Verhalten der hochw. Herren: ,,Wenn er (Christus) es gewesen wäre, hätte er es sich nicht gefallen lassen." Er ließ es sich auch nicht gefallen: ,,Im folgenden Jahr bekam der Geistliche seine Antwort. Er mußte seine eigene Schwester im selben Haus unterbringen, ja im selben Zimmer, wo ich drei Wochen bewacht wurde. Der Priester kam unter Tränen zu meiner Freundin und sagte: ,,Meine Schwester ist hysterisch geworden, ich mußte sie ins Krankenhaus bringen." Nach einigen Tagen hörte ich, daß die Selbstmörderin im Elisabethenstift, von der die Zeitung berichtete, die Schwester dieses Priesters war." (S. 43 - 1909/301)

Klar trat der Herr auch selbst für seine Braut ein: ,,daß ich mich so auffallend mitteile, ist nur ein Beweis meiner übergroßen Liebe zu meinen Auserwählten und das Mitleid mit denjenigen, die sich verführen lassen." (S. 9 - 1909/301)

,,Ich habe dich von Mainz weggeführt, (es war auf einige Zeit) um der Welt zu zeigen, daß ich es bin, der mit dir redet, und daß ich dies überall kann, auch wenn du noch so harte Arbeit zu verrichten hast." (S. 45 - 1903/212)

Ausdrücklich nennt Christus das auffallende Leiden das Zeichen: ,,daß meine Diener erkennen sollen, daß ich es bin. Weil ja unmöglich eine Seele, und noch dazu ein so armseliger Mensch wie du es bist, imstande ist, in solchem Leiden auch nur einen Gedanken zu fassen, noch weniger, sich mit etwas anderem zu befassen und noch viel weniger mit etwas, was über seine Kraft hinausgeht. Ich habe dir gesagt, daß ich es bin." (S. 35 - 1897/93)

Sehr deutlich sprach Gott auch in folgendem Fall: ,,Als ich Luise Hannappel, meiner Magd, die Botschaft mitteilte, sagte sie: ,,Das habt ihr erfunden" und war ganz unwillig. Als sie aber den Bericht von Ostern hörte, sagte sie: ,,Ich habe unter dem Lesen erkannt, daß das die Stimme Jesu Christi ist, aber ich kann mich doch mit dem Ekstasenkram nicht abgeben. Ihr könnt für euch machen, was ihr wollt, ich will ruhig für mich bleiben!"

Daraufhin bekam sie mehrmals Anfälle von Irrsinn. Luise Hannappel hielt es für augenblickliche Geistesschwäche, bis sich am 18. April ein starker Anfall von Tobsucht einstellte. Der Arzt erklärte: daß es von jetzt an für die Umgebung lebensgefährlich sei und sie noch vor der Nacht ins Vinzenzspital gebracht werden müsse, was mit Hilfe von zwei Patres, besonders der ihres Beichtvaters, gelang. Sie gehorchte und ließ sich auf dessen Befehl dorthin bringen.

Am folgenden Tag sagte der Herr zu Barbara: ,,Ich habe den Patres einmal zeigen wollen, was ein Narr ist. Sie mögen urteilen, ob eine Person in einem solchen Zustand so erhabene Worte reden könne wie ich sie durch dich spreche." (S.70-1899/225)

Erschütternd sind auch folgende Worte: ,,Solange die geistlichen Vorgesetzten ihr Urteil, das auf Hysterie lautet, nicht zurück nehmen, trägt dein Leiden und die daran geknüpften Belehrungen für die Gläubigen der Stadt Mainz und der Diözese keine Frucht. Dies kannst du an deiner Umgebung sehen. Man glaubt nur solange, als man einen zeitlichen Vorteil vor Augen hat. Ist dieser Vorteil erreicht, dann denkt man: Ja, wenn ich glaube, müsste ich auch danach handeln und lehnt sich lieber an das Urteil der Kirche von Mainz an." (S.7-1909/301)

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7. Wie sind ,,die Gesichte und Ansprachen" zu erklären?

Bei dem Bild, welche die vorgelegten Auszüge aus den Schriften der Barbara Weigand und der Biographie des Dr. D. Büttner geben, erhebt sich die Frage: Sehen die Hysteriker und die falschen Mystiker so aus?

Wo finden sich in deren Aussagen und Schriften derartige Verdemütigungen, welche Barbara vom Herrn ertragen mußte. Im Gegenteil diese werden immer gelobt und werden von ihren Anhängern verhimmelt. Wehe, wenn jemand daran nicht glauben würde.

Wo finden sich bei Hysterikern und ,,Begnadeten" solche heroischen Tugenden, eine solch selbstlose Liebe zum Nebenmenschen und zu den Verstorbenen wie bei Barbara. Das Gegenteil findet sich: Die Selbstsucht und das Bestreben für sich viele Vorteile herauszuschlagen.

Wo findet sich bei Hysterikern und ,,Begnadeten" ein solches Gottesbild wie in den Aufzeichnungen von Barbara.

Barbara Weigand passt nicht in diese Gesellschaft hinein. In ihr haben wir eine seelisch vollkommen gesunde Frau vor uns. Sie steht mit beiden Beinen im Leben. Sie hat ein Herz für jeden Menschen ihrer Umgebung und setzt das letzte dabei ein. Sie ist eine Beterin von ganz großem Ausmaß, sie entwickelt einen Seeleneifer und dabei einen Opfergeist, daß sie den größten Missionaren nicht nachsteht. Sie gehört nicht in die Reihe der Hysteriker und falschen Mystiker, sondern in die Reihe der Heiligen, denen sie durch ihre heroischen Tugenden ebenbürtig ist, und gerade ihr Leben ist eine Verherrlichung Gottes: ,,Denn in der Krönung ihrer Verdienste krönst du das Werk deiner Hände".

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SCHIPPACH EINE ENTGEGNUNG UND RICHTIGSTELLUNG

Pater Peter Lippert, S. J.


(zur Infragestellung der Mystik der Barbara Weigand)
5. Auflage


 

In Nr. 11 (vom 18. März 1916) der Münchener Wochenschrift für Politik und Kultur ,,Allgemeine Rundschau" veröffentlichte Dr. theol. Vitus Brander, Subregens am Priesterseminar in Würzburg, einen Artikel mit der Überschrift: ,,Das theologische System der Seherin von Schippach." Die in diesem Artikel an dem Werke von Schippach geübte Kritik bedarf einer Entgegnung und Richtigstellung, da sie selbst einer objektiven Kritik gegenüber nicht standhält.

Schon die Überschrift ,,Das theologische System der Seherin von Schippach" schießt über das Ziel hinaus und muß darum irreführend wirken. Dadurch wird auch der ganze Aufsatz zu dem gleichfalls übertreibenden Schlusssatz geführt, es bestehe die Gefahr, ,,daß die geplante Sakramentskirche in Schippach die Mutterkirche einer neuen Sekte werde!"

Wer so bestimmt den Argwohn der Sektenstiftung, also nicht nur der materiellen, sondern sogar der formellen Häresie und des Abfalls vom Glauben, der Ketzerei im vollendeten Sinne, öffentlich auszusprechen wagt, der muß vor Gott und der Welt den Nachweis erbringen, daß er auch den Charakter, die religiös-sittlichen Eigenschaften und die erwiesene Gesinnung der in Frage kommenden Personen einer einwandfreien Prüfung unterzogen hat. Diesen Nachweis lässt aber die genannte Kritik vollständig vermissen. Schon um dessentwillen erscheint das audiatur et altera pars beachtenswert; denn der ausgesprochene Vorwurf der ,,raffinierten" Einschmuggelung eines falschen Religionssystems ist überaus schwerwiegend und von großer Tragweite für den guten Ruf und die Ehre einer ganzen Reihe mit der Sache in Verbindung stehender Personen.

Das Endurteil, das nur der Apostolische Stuhl abgeben kann und der bereits angerufen ist, steht noch aus. Es ist aber sehr fraglich, ob dieses Endurteil mit dem durch solche weitgehende Kritik arg getrübten Bade jener sog. Privatoffenbarungen zugleich auch das - nach der öffentlichen Erklärung des Bischöflichen Ordinariats Würzburg selbst - vollständig unschuldige Kind des ,,Eucharistischen Liebesbundes" und der Schippacher Sakramentskirche einfach ausschütten wird.

Wenn solche unschuldigen Kinder bloß wegen des Missbrauchs, der mit ihnen oder mit sogenannten Privatoffenbarungen getrieben werden kann, regelmäßig umgebracht werden müssten, dann würde bald in der Kirche Gottes überhaupt nichts mehr sicher sein. Denn konsequenter Weise müsste dann auch - genau so wie einst die Reformatoren es wollten - das meiste Gute in der Kirche, ja diese selber vernichtet werden, weil eben mit dem allen und mit ihr selber oft Missbrauch getrieben wurde und wird. Schon diese Erwägung sollte zur Vorsicht in der Kritik der ganzen Sache mahnen.

Man muß mit eigenen Augen in den aufgezeichneten Anmutungen und Beschauungen der Barbara Weigand von Schippach gelesen haben, wie diese Person selbst ihre über das gewöhnliche Maß nicht hinausgehende Glaubenserkenntnis oft sehr gering einschätzt. Erst dann versteht man, wie verkehrt es ist, dieser Person die Absicht der Begründung eines neuen ,,theologischen Systems" zuzuschreiben. Des öfteren spricht sie unverhohlen die Befürchtung aus, daß sie infolge ihrer geringen Kenntnis die ihr eingegebenen Gedanken nicht ganz richtig wiedergeben werde. So demütig und offen spricht niemand, der sich in dem Wahn befindet, die Welt mit einem neuen ,,theologischen System" zu beglücken.

In Wirklichkeit wendeten sich die frommen Anmutungen und Mahnungen der Barbara Weigand gerade gegen ein neues ,,theologisches System", das damals, um das Jahr 1896, von Würzburg aus gewaltig rumorte. Es war das System Schells, gegen dessen naturalistische, rationalistische, liberalisierende, modernistische Grundgedanken die Mahnungen der Barbara Weigand den instinktiven Widerstreit einer ganz dem Übernatürlichen zugewandten, tief gläubigen und mit großer Liebe der Kirche anhangenden Seele darstellen. Nicht als ob Barbara Weigand auch nur eine Ahnung von der theologischen Bedeutung des Schellianismus besessen hätte. Ihr ausgesprochener Widerwille richtete sich aber gegen jene Regungen des Zeitgeistes, denen Schell besonderen Ausdruck verliehen hat.

Zu einer Zeit, da ein großer Teil unserer Presse der Richtung Schells ein auffallend weites Entgegenkommen zeigte, war es einesteils leicht erklärlich, andernteils aber auch durchaus anerkennenswert, daß in dem treukatholischen Volke, bis zu welchem der Wellenschlag jener naturalistischmodernistischen Richtung gedrungen war, schlichte, gläubige Herzen daran großen Anstoß nahmen und auf ihre Weise eine Gegenaktion zu unternehmen begannen. daß dabei Barbara Weigand und ihre Freunde in mancherlei heute befremdenden oder weniger verständlichen Formen redeten, ist ihnen aus verschiedenen Gründen zu verzeihen.

Ihr Verdienst aber ist es auf jeden Fall, daß sie zu einer Zeit, wo so viele mit dem Strom des Zeitgeistes schwammen, sich um so enger und inniger der alten Übernatürlichkeitsrichtung ihres Glaubens, dem Heilande, seinem göttlichen Herzen, seiner jungfräulichen Mutter und an die Gnadenquellen der Kirche anzuschließen suchten. Wohl mehr als genügend haben sie dadurch gezeigt und bewiesen, daß ihnen nichts ferner lag als die Sucht nach einem neuen ,,theologischen System".   

In Mainz, wo Barbara Weigand damals wohnte, saß auf dem bischöflichen Stuhle Paulus Leopoldus Haffner, der tapfere Kämpfer aus der Kulturkampfszeit, der in seiner Geschichte der Philosophie dem modernen Zeitgeist so energisch entgegentrat. Sein Urteil sowohl über Schell, wie auch über die Anmutungen von Barbara Weigand ist gewiss von Wert und Interesse. Das Urteil über ersteren vernahm der Verfasser selber aus dem Munde Haffners; es lautete: ,,Ich stelle Schell auf dieselbe Stufe wie Hoensbroech; sie sind beide Verräter an der Kirche". Sein Urteil aber über die Anmutungen von Barbara Weigand hat Haffner nach persönlicher Prüfung unter dem 28. Juni 1896 schriftlich niedergelegt; es lautet: ,,Gegen den Glauben verstoßen die frommen Ermahnungen, Betrachtungen und Ergießungen nicht; sie übersteigen aber nicht die Linie der gewöhnlichen frommen Anschauungen, welche in Gebetbüchern, Predigten und Betrachtungen sich finden, und können darum wohl natürlich erklärt werden."

Aus dem maßvollen Urteil dieses strengen Kritikers und wachsamen Oberhirten ergibt sich erst recht, wie wenig von einem ,,theologischen System" der Barbara Weigand die Rede sein kann und wie vorsichtig man auch hier mit dem Vorwurf sein muß, es handle sich um ein ausgesprochen häretisches System.

Schon die Grundgedanken der Anmutungen von Barbara Weigand sind keineswegs so verkehrt, wie sie schon oft verkehrt ausgelegt wurden. Bei der heutigen ungeheuerlichen Verbreitung von Unglauben und Sittenlosigkeit, welche die Menschen von dem Gebrauch der ordentlichen Heilsmittel vielfach gänzlich abgebracht haben, ist der Gedanke und Wunsch durchaus korrekt, daß es Gott gefallen möge, durch außerordentliche Mittel die Menschen wieder zum eifrigen Gebrauch der ordentlichen Heilsmittel zurückzuführen. Wie ehedem zu diesem Zwecke ein hl. Vinzenz Ferrerius, eine hl. Katharina von Siena, ein hl. Franziskus von Assissi, ein hl. Dominikus (Rosenkranz), ein hl. Ignatius von Loyola (Exerzitien), eine sel. Margareta Alcoque (Herz-Jesu-Andacht) besondere Mittel anwendeten, so sollte als außerordentliches Mittel zum gleichen Zweck der Eucharistische Liebesbund dienen.

Die Unterstellung, als ob Barbara Weigand durch dieses besondere Mittel die ordentlichen Heilsmittel ersetzen oder ausschalten wolle, ist absolut unwahr. Es soll vielmehr durch den Eucharistischen Liebesbund gerade der lebendige Glaube, der eifrige Empfang der Sakramente, die Nachfolge Jesu im Kreuztragen, die Hochschätzung der Jungfräulichkeit, die wahre und echte Nächstenliebe erst recht empfohlen und immer mehr in Übung gebracht werden.

Notwendig ist es auch nicht, den Grundgedanken und vorgeschlagenen Mitteln von Barbara Weigand wegen der zum Teil ungenauen Ausdrucksweise einen häretischen Sinn beizumessen. Die angegriffenen Ausdrücke lassen sich alle auch in einem richtigen Sinne auffassen. So z. B. die Worte vom Leiden Jesu in der hl. Eucharistie. In wie vielen Andachts- und Erbauungsbüchern wird nicht gerade die Gegenwart Jesu im hh. Altarsakrament als eine fortgesetzte Verdemütigung, ein fortgesetztes Leiden bezeichnet. In dem von dem Dogmatiker Dr. Heinrich verfassten herrlichen Gesang- und Gebetbuch der Diözese Mainz heißt es z. B. in der ersten sakramentalischen Andacht Nr. 127: ,,Ich verlange, Dir (o Jesu im hl. Sakramente) für die so vielen Wunden genug zu tun, welche Deinem Herzen täglich geschlagen werden."

Auch in dem Gebet- und Gesangbuch für das Bistum Würzburg finden sich mehrfach Stellen des gleichen Inhalts. Z. B. S. 141: ,,Ich bete Dich in tiefster Ehrfurcht an, o mein Jesus, wahres Sühneopfer für unsere Sünden, und opfere Dir diese Huldigung auf zum Ersatze für die gottesräuberischen Mißhandlungen, welche Dir von so vielen Christen widerfahren, die sich erkühnen, mit einer schweren Sünde auf dem Herzen sich Dir zu nahen und Dich in der hl. Kommunion zu empfangen."

Oder S. 476: ,,O Jesus, Gottessohn! Bei dem Anblick der unüberwindlichen Geduld und Langmut, mit der Dein göttliches Herz das bitterste Leiden und den qualvollsten Tod ertragen hat, und noch täglich im hochheiligen Sakramente des Altars tausend Unbilden und frevelhafte Beleidigungen erträgt, bitten wir Dich, ..."

Die hl. Margareta von Kortona hörte aus dem Munde des Heilands die Worte: ,,Die mich unwürdig empfangen, kreuzigen mich und weihen mir jenen bitteren Trank, den mir einst die Juden gereicht haben."

Der hl. Alphons von Liguori schildert den Gottesraub als etwas für den Heiland gleichsam unerträgliches, indem er schreibt: ,,Vernehmen wir, wie Jesus Christus sich durch den Mund der Propheten über den Gottesräuber beklagt;" ,,Ja, wenn mein Feind mir geflucht hätte, so würde ich es ertragen haben. Aber du, mein Gleichgesinnter, mein Führer, mein Bekannter, der mit mir süße Speise gekostet."

In allen diesen Worten reden jene gewiss rechtgläubigen Personen nur in einem übertragenen Sinne von einem Leiden Jesu in der hl. Eucharistie, wobei die dogmatische Lehre von der tatsächlichen Leidensunfähigkeit des verklärten Leibes Christi unangetastet bleibt und als bekannt vorausgesetzt wird. Warum will man nur in den Worten von Barbara Weigand diesen geläufigen übertragenen Sinn nicht gelten lassen?

In einer öffentlichen Versammlung wurde Barbara Weigand von einem Geistlichen (!) sehr heftig und in Ärgernis erregender Weise auch deshalb angegriffen, weil sie von einem bräutlichen Verhältnis der Seele zu Jesus Christus redet. Und nun erinnere man sich, wie die hl. Schrift des alten Testamentes bereits ein eigenes ganzes Buch, das Hohelied, gerade auf die Darstellung dieses Verhältnisses verwendet, wie im neuen Testament Christus sich selber als den Bräutigam schildert und wie die ganze Mystik und Scholastik dieses Gedankens sich bedient.

Die einschlägige Literatur ist angegeben in dem unvergleichlich schönen und lehrreichen Werkchen von Dr. Scheeben ,,Die Herrlichkeiten der göttlichen Gnade" (Freiburg 1912, 10. Aufl.), in dem ein eigenes Kapitel sogar die Überschrift trägt: ,,Durch die Gnade wird unsere Seele eine Braut Gottes."

Und wiederum das Mainzer Gesangbuch und das Würzburger ,,Ave Maria". Ersteres redet in einem uralten, kräftigen Gebete den Heiland mit den Worten an: ,,O Du meiner Seele allerliebster Blutbräutigam Jesu Christe!" Nach dem Würzburger Gebet- und Gesangbuch aber (S. 477) wird in der Andacht zum heiligsten Herzen Jesu gemeinsam gebetet: ,,O allerkeuschestes Herz Jesu, des Liebhabers und Bräutigams keuscher Seelen!" Auf S. 712 des gleichen Gesangbuches ist das allbekannte und allbeliebte Lied abgedruckt:


                 ,,O Herr, ich bin nicht würdig,
                 Zu Deinem Tisch zu gehn,
                 Du aber mach mich würdig,
                 Erhör mein kindlich Flehn!
                 O stille mein Verlangen,
                 Du Seelenbräutigam,
                 Im Geist Dich zu empfangen,
                 Du wahres Osterlamm!

Ist das katholische Denken und Beten von heute wirklich bereits derart herabgestimmt, daß man schon an solchen traditionellen, warmkatholischen Ausdrücken Anstoß nimmt? Dann möge man aber zusehen und bei Zeiten dazutun, daß dieser Zeitgeist und diese Scheu vor Schippach nicht noch manch anderes Stück echt katholischen Denkens und Fühlens hinwegreißt!

Die Behauptung, daß Barbara Weigand unter dem Wort ,,lebendiger Glaube" nur den Glauben an ihre Privatoffenbarungen verstehe, ist einfach unwahr. Zwar verlangt Barbara Weigand, wie jeder anständige Mensch, der sich keiner Lüge bewusst ist, daß man ihr glaube und sie nicht als Betrügerin behandle; aber daß durch diesen menschlichen Glauben der zum Heile notwendige übernatürliche, göttliche, katholische Glaube ersetzt werden soll, sagt sie an keiner Stelle ihrer Anmutungen.

Um nun gleich hier auf die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Barbara Weigand einzugehen, so muß betont werden, daß auch in dem Falle, daß ihre Anmutungen nicht als übernatürliche Eingebungen, sondern nur als natürliche Erkenntnisse anzusehen sind, keineswegs ohne weiteres von Betrug, Schwindel und dgl. geredet werden darf. Denn es gibt auch eine natürliche Ekstase, eine natürliche Verzückung, ein natürliches Hellsehen in religiösen Dingen, wie dies z. B. der gediegene Artikel ,,Verzückung" des Freiburger Kirchenlexikons eingehend nachweist.

Will man nun aber trotz alledem in der ungenauen Ausdrucksweise der Barbara Weigand die Gefahr der Ketzerei und Sektenstiftung wittern, dann wäre zunächst doch noch festzustellen, ob es einer Barbara Weigand nach ihrem ganzen seitherigen religiös-sittlichen Verhalten, ihrem Charakter, ihrer Gesinnung überhaupt zuzutrauen sei, daß sie sich von der katholischen Kirche abwenden und daß sie mit Hartnäckigkeit ihren Anmutungen einen falschen, nichtkatholischen Sinn zugrunde legen, daran festhalten und auch andere in solche Ketzerei hineinziehen wolle. Wir glauben indes sagen zu können, daß auch strenge Kritiker bei der erprobten Tugend, der schlichten Frömmigkeit, der echt kirchlichen Gesinnung der Barbara Weigand keinen Augenblick zaudern werden mit der Erklärung, daß bei ihr die Anzeichen häretischer Gesinnung und sektiererischer Neigungen vollständig fehlen. Haben ihr doch selbst ihre schärfsten Gegner das Zeugnis schon ausstellen müssen, daß sie ,,sittlich intakt" und von ausnahmsweis großer Frömmigkeit sei.

   daß sich eine solche Person gar dazu versteigen sollte, in dem von ihr stammenden Projekte einer dem Gedächtnis der Kommuniondekrete Pius X. gewidmeten Sakramentskirche ,,die Mutterkirche einer neuen Sekte" errichten zu wollen oder etwas derartiges auch nur zu begünstigen, das ist ein Gedanke, der von vornherein bei allen Kennern der einschlägigen persönlichen Verhältnisse dem Fluche der Lächerlichkeit verfällt.

Auch dem ,,Verein für die Sakramentskirche in Schippach, e.V.", der den Kirchenbau betreibt, kann kein vernünftiger Mensch sektiererische Bestrebungen zuschreiben. Selbst die bloße Vermutung einer derartigen Gefahr ist bei dem Verein und seinem Unternehmen von vornherein hinfällig und ausgeschlossen. Denn nach § 3 der beim Amtsgericht München unterm 9. August 1915 eingetragenen Satzung des Vereins hat ,,die Mitgliedschaft das Bekenntnis zum römisch-katholischen Glauben zur Voraussetzung." In demselben Augenblick also, in dem sich ein Mitglied sektiererischen Bestrebungen zuwendet, schließt es sich selbst aus diesem Verein aus! daß doch bei allen Vereinen, in welchen heute Katholiken sich befinden, den Gefahren für den katholischen Glauben so gründlich schon durch die Satzungen vorgebeugt wäre wie hier!

Allein nicht bloß bezüglich der Mitgliedschaft, sondern auch hinsichtlich seines Unternehmens, seines Zweckes selber hat der Verein schon in seiner Satzung jeglichen widerkatholischen, sektiererischen Tendenzen den Boden entzogen. Der § 2 der Satzung legt nämlich als einzigen und alleinigen Zweck des Vereins fest, ,,zum immerwährenden Gedächtnis der von Papst Pius X. erlassenen Kommuniondekrete und zur Danksagung dafür in Schippach in Unterfranken eine Sakramentskirche, die zugleich Friedenskirche für den Weltkrieg sein soll, zu erbauen, einzurichten und zu unterhalten."

Die echt katholische Tendenz dieses Zweckes aber, welche so klar und deutlich der Liebe zum Papste und dem Geiste des freudigen Gehorsams gegenüber den päpstlichen Dekreten Ausdruck verleiht, schließt deshalb sektiererische Bestrebungen aus, weil, wie schon der hl. Cyprian lehrt, der Anschluss an den Papst der beste Beweis dafür ist, daß einer zur Einheit der wahren Kirche gehört. Der hl. Ambrosius würde sagen: Ubi Papa, ibi Ecclesia neque ulla ecclesiola. Wo der Papst, da die Kirche und nicht eine Sekte!

Wie genau die ganze Einrichtung des Vereins für die Sakramentskirche in Schippach jenen päpstlichen Weisungen entspricht, welche neuestens der hl. Vater Benedikt XV. in seiner Enzyklika Ad beatissimi vom 1. Nov. 1914 für das Vereinswesen der Katholiken gegeben hat, zeigen zur Genüge die Erläuterungen, welche die Druckschriften des Vereins zu dem in der Satzung festgelegten Zwecke geben. Darnach ist es dem Vereine um nichts anderes zu tun, als mitten in unserer materialistisch und naturalistisch gesinnten Zeit ein sichtbares Mahnzeichen aufzurichten an die übernatürliche Gnadenquelle der hl. Eucharistie und an den Gehorsam gegenüber dem sichtbaren Stellvertreter des eucharistischen Heilands. Dadurch will er ,,den Geist des Glaubens, der Bruderliebe und der sittlichen Vertiefung, des Leidensmutes und des Opfersinnes neu beleben" und zugleich auch eine Friedenskirche erbauen, welche den einzigen Gedanken verkörpert: ,,Liebet einander, wie ich euch geliebt habe!"´

Dies alles entspricht genau den Forderungen, welche Papst Benedikt XV. in seiner ersten Enzyklika an jene Vereine stellt, welche von der Kirche empfohlen werden können und von den Bischöfen und Priestern aufs eifrigste gefördert werden sollen!

Die Forderungen lauten: Vollkommener Gehorsam gegen Papst und Kirche, Hinordnung der ganzen Vereinstätigkeit auf das übernatürliche Endziel des Menschen, Verharren in der Liebe Gottes und des Nächsten. Soll ein diesen päpstlichen Forderungen so treu und gewissenhaft entsprechender Verein, wie jener für die Sakramentskirche in Schippach, wirklich die Gefahr der Sektenbildung in sich bergen?

Getreu hält sich der genannte Verein auch an die Weisungen der Kirche hinsichtlich der Stellung zu Privatoffenbarungen, welche von der Kirche als solche nicht oder wenigstens noch nicht anerkannt sind. Der Verein hat es darum jederzeit auf das peinlichste und gewissenhafteste vermieden, sich und sein Werk irgendwie zu derartigen Privatoffenbarungen in Beziehung zu setzen. Weder in der Satzung noch in den sonstigen Verlautbarungen des Vereins ist irgendwie von Privatoffenbarungen die Rede. Der Verein hat überdies schon vor längerer Zeit und aus freien Stücken, ,,um einen Beweis seiner kirchlichen Gesinnung und seines Gehorsams gegen die geistliche Obrigkeit zu erbringen", der zuständigen kirchlichen Behörde die bündige Erklärung abgegeben, daß ,,der Bau der Sakramentskirche von ihm keineswegs wegen der Privatoffenbarungen von Barbara Weigand befördert und durchgeführt wird."

Wenn gleichwohl von einzelnen Vereinsmitgliedern oder von sonstigen Personen das Projekt des Vereins mit solchen Privatoffenbarungen in Verbindung gebracht werden sollte, so stände derartiges im Widerspruch mit den klar ausgesprochenen Absichten des Vereins und dürfte unter keiner Bedingung dem Vereine zur Schuld angerechnet werden.

Ganz unerlaubt wäre es, dem Verein andere Zwecke und Tendenzen zuzuschreiben und unterzuschieben, als er selber statutarisch und urkundlich festgelegt hat. Das geht schon aus dem Grunde nicht an, weil an der Spitze des Vereins Männer stehen, deren gut- und treukatholische Gesinnung und deren ganze Stellung und Haltung im privaten wie im öffentlichen Leben die Gewähr dafür bieten, daß das Werk, welches sie errichten und unterhalten wollen, den Forderungen und dem Geiste der katholischen Kirche entspricht.

Die Idee aber, in jenem weltabgeschiedenen und dennoch leicht zugänglichen Spessarttale der Elsava eine dem Gedächtnis der eucharistischen Großtaten Pius X. gewidmeten Sakramentskirche zu errichten, welche die tiefen Welterneuerungsgedanken Pius X. in monumentaler Weise verkörpern und in das Gedächtnis des Volkes hineinschreiben soll und besonders auch eine stille eucharistische Zufluchtsstätte für beladene und verwundete Herzen bietet - diese Idee ist so einzig schön, so durchaus katholisch, so wahrhaft pastoral-praktisch, daß sie es ohne Zweifel verdiente, möglichst bald mit Unterstützung aller verwirklicht zu werden.

Kein kirchlich Gesinnter kann die Reinheit, Schönheit und Nützlichkeit dieser Idee verkennen. Denn was könnte die Erbauung der Sakramentskirche auch schaden? Soll es ein Schaden sein, wenn Tausende und Abertausende, allein schon durch die schöne Idee dieser Kirche angezogen, dort im Sinne Pius X. die eucharistische Erneuerung ihres Seelenlebens in Angriff nehmen? Soll es ein Schaden sein, einen Brennpunkt zu besitzen, an dem das Feuer der Begeisterung für die tägliche und die frühzeitige Kommunion ständig genährt wird und von dort immer mehr sich verbreitet? Soll es ein Schaden sein, wenn eine Kirche entsteht, in der das Lob des großen und heiligmäßigen Papstes unserer Tage, Pius X., von seinen Zeitgenossen verkündet und wachgehalten wird? Soll es ein Schaden sein, wenn die Nachwelt durch ein monumentales Denkmal erfährt, daß auch die Katholiken dieser Zeit und dieses Landes die Größe dieses Papstes zu würdigen wussten? Schon heute kann nicht übersehen werden, wie gerade in dieses Schippacher Kirchenbauprojekt das katholische Volk seine heiße Liebe und Dankbarkeit für den Papst der täglichen heiligen Kommunion und der Kinderkommunion hineingelegt hat.

Es dürfte also wahrlich kein Grund gegeben sein, den Bau der Sakramentskirche in Schippach mit allen Mitteln zu vernichten und gar an der Stelle des begonnenen herrlichen und wirklich großartigen Bauwerks eine Trümmerstätte liegen zu lassen, die nur den Hohn und Spott des Irr- und Unglaubens herausfordern wird.

In Erwägung aller von uns angeführten Momente scheint uns der Wunsch und die Bitte gerechtfertigt: Die Schippacher Angelegenheit möge mit mehr Ruhe und Sachlichkeit, mit wahrer und aufrichtiger Nächstenliebe und vor allem auch mit einer innigeren, begeisterten und begeisternden Liebe zum eucharistischen Heilande geprüft und gewürdigt werden.

  Verfasser: P. Peter Lippert S. J.

        Inhaltsverzeichnis

 

BRIEF AN S. H. PAPST PIUS XII.

Pfarrer P. M. Weihmann, Schifferstadt (Diözese Speyer)

Brief vom 13. Januar 1943

An „S. Heiligkeit Papst Pius XII.“

Gedanken zur Vision des Heiligen Vaters

1. Einleitung

Die Nachricht von einer Vision des Heiligen Vaters während seiner schweren Erkrankung im verflossenen Jahre hat die ganze Welt aufhorchen lassen und, wie die Presseberichte bezeugen, die verschiedensten Reaktionen ausgelöst: die einen antworten mit verständnislosem Kopfschütteln, die andern mit absolutem Nichtglauben, die gläubige katholische Welt mit heiligem Schauer und ehrfürchtigem Staunen.

Ohne hier eine Analyse des Geschehens geben zu wollen - dazu fehlen bis jetzt alle weiteren Angaben - möge doch kurz auf die Bedeutung dieses und ähnlicher Ereignisse im Leben unserer Heiligen hingewiesen werden.

Wenn Gott einem Menschen einen solchen außerordentlichen Hulder- weis seiner Gnade schenkt, daß er sich ihm persönlich zeigt, mit ihm redet oder die Heiligen des Himmels, etwa die Muttergottes, erscheinen lässt, so verfolgt Gott damit immer eine besondere Absicht. Dieser besondere Zweck ist aber nicht, wie vielfach angenommen wird, die persönliche Heiligung des so begnadeten Menschen, wenn dieser naturgemäß durch eine solche Auszeichnung auch reichen Gewinn davonträgt, sondern vielmehr die Berufung des Begnadigten zu einer besonderen Aufgabe im Reiche Gottes.

Die katholische Glaubenslehre drückt dies mit den dogmatischen Bezeichnungen gratia gratis data aus, d.h. der Gnade, die zum Wohl der übrigen Menschen gegeben wird, nicht der gratia gratum faciens, d.h. der Gnade zur eigenen Heiligung.

Wenn uns - um einige Beispiele zu nennen - in der Bibel von der Erscheinung Gottes im brennenden Dornbusch berichtet wird, so geschah diese zu dem Zweck der Berufung des Moses zum Führer des Volkes Israel: „Du mußt mein Volk aus Ägypten fortführen“; oder wenn uns die Bibel von der Erscheinung Jesu an Saulus vor den Toren von Damaskus erzählt, so wissen wir, daß jene Vision nicht in erster Linie der Bekehrung des Saulus galt, die Gott auch auf andere Weise, wie in ungezählten anderen Fällen, herbeiführen konnte, sondern seiner Berufung zu einer besonderen Mission in der Kirche: „Dieser soll mir als auserwähltes Werkzeug dienen, um meinen Namen vor die Heiden, die Könige und die Kinder Israels zu bringen“ (Apostelgeschichte 9,15). Das also war der Zweck jener Erscheinung auf dem Wege nach Damaskus. So hat auch der Völkerapostel seine Aufgabe aufgefasst, wenn er einmal schreibt: „Ich sehne mich euch zu sehen, damit ich euch etwas mitteile von den geistigen Gnadengaben, um euch zu stärken“ (Röm. 1,11).

Oder man denke an die Vision des heiligen Petrus (Apostelgeschichte 10,16 ff), wo ihm der Auftrag zur Bekehrung der Heiden zuteil wurde.

Diese Wahrheit: Berufung zu einer besonderen Aufgabe finden wir denn auch im ganzen Verlauf der Kirchengeschichte bestätigt: Die großen, tief in das Leben der Kirche und ihrer Sendung eingreifenden, mitunter geradezu umwälzenden Ereignisse sind aus besonderen Gnadengaben geflossen, die Gott einzelnen Gliedern der Kirche zuteil werden ließ.

Das ist eine geschichtliche Tatsache, über das man ein ganzes Buch schreiben könnte; wer immer die Kirchengeschichte kennt, wird auf Schritt und Tritt auf dieses besondere Walten des Heiligen Geistes stoßen. Die großen Erneuerer des religiösen Lebens, mögen sie auch im äußeren Organismus der Kirche nur eine bescheidene oder gar keine Rolle gespielt haben, wurden zu ihrer Sendung durch Visionen berufen, man denke etwa an Franz von Assisi und die Rückführung der Welt zu Armut und Innerlichkeit, an Juliana von Lüttich und ihre Anregungen zur Feier des Fronleichnams- festes, an Simon Stock und die Gründung der Skapulierbruderschaft, an Theresia von Avila und Johannes vom Kreuz und die Wiedererweckung der kirchlichen Mystik, an Johann Baptist Eudes und die Verehrung der heiligsten Herzen Jesu und Mariä, an Ignatius von Loyola und die Gründung seines Ordens, an Bernadette Soubirous und die Botschaft von Lourdes, an Margarete Alacoque und die Herz-Jesu-Verehrung, an Maria Droste zu Vischering und die Weltweihe an das Heiligste Herz-Jesu, an die Kinder von Fatima und die Rufe Mariens zum Gebet für die gottentfremdete Welt.

Was uns so die Geschichte lehrt, wird durch die kirchliche Praxis und päpstliche Verlautbarungen erhärtet. So lesen wir beispielsweise in der Oration zum Feste der Wundmale des heiligen Franziskus: „Als die Welt zu erkalten begann, hast du, um unsere Herzen mit dem Feuer deiner Liebe zu entzünden, am Leibe des heiligen Franziskus die heiligen Wundmale deines Leidens erneuert“.

Damit lehrt uns also die vom Heiligen Geist geleitete Kirche, daß die in einer Vision erfolgte Stigmatisierung des Heiligen einem universalen, apostolischen Zwecke dienen sollte, nämlich die Erwärmung der kaltgewordenen Herzen der Menschen.

Oder man lese die Worte des nunmehr ebenfalls charismatisch begnadigten Papstes Pius XII. in seinem Rundschreiben vom 29. Juni 1943 über den mystischen Leib Christi: „Bald - und dies zumal in schwierigen Zeit- umständen - erweckt Er im Schoße der Mutter Kirche Männer und Frauen, die durch den Glanz ihrer Heiligkeit hervorleuchten, um den übrigen Christgläubigen zum Beispiel zu dienen ... Ohne Fehl erstrahlt unsere verehrungswürdige Mutter ... endlich in den himmlischen Gaben und Charismen.“

Oder man höre die Worte desselben Heiligen Vaters vom 1. Juni 1946 an das Kardinalskollegium: „Wir fühlen Uns gedrängt, aufs neue Unsere Stimme zu erheben, um Unseren Söhnen und Töchtern der katholischen Welt die Warnung in Erinnerung zu rufen, die der Göttliche Heiland im Laufe der Jahrhunderte in Seinen Offenbarungen an bevorzugte Seelen nie aufgehört hat einzuschärfen: Entwaffnet die strafende Gerechtigkeit des Herrn durch einen Kreuzzug der Sühne in der ganzen Welt!“

Mit diesen letzten Worten hat der Heilige Vater auch die große Aufgabe unserer Zeit ausgesprochen: Durch einen Kreuzzug der Sühne die heraus- geforderte Strafgerechtigkeit Gottes zu entkräften und so die Rückführung einer Gott fremd gewordenen Welt vorzubereiten.

Jedem einsichtigen katholischen Christen dürfte es heute klar sein, daß die zahlreichen Visionen im letzten Jahrhundert, besonders auch die gehäuften, von der Kirche anerkannten oder doch nicht beanstandeten Muttergottes-Erscheinungen (an Katharina Labouré 1930, in La Salette 1846, Lourdes 1858, Pontmain 1871, Pellevoisin 1876, Fatima 1917, Beauraing 1932, Banneux 1933, Tre Fontane 1947, Lipsa 1948, Urucaina 1947, Syracus 1951) einem außerordentlichen Zwecke in unserer aus dem Gleis geworfenen Welt dienen sollen.

Es ist mir schon oft die Frage vorgelegt worden, warum denn die Muttergottes bei ihren Erscheinungen die Länder außerhalb Deutschlands bevorzuge und sich nicht auch bei uns zeige. In einer Zeit, wo auch bei uns die Massen des katholischen Volkes zu Wallfahrten an jene Stätten in Frankreich, Spanien, Portugal, Italien gerufen werden, muß eine solche Frage geradezu auf den Lippen liegen. Ich denke mir die Antwort hierauf also: Alle Berichte über Erscheinungen sind einer technischen, mathematischen Kontrolle entzogen; über sie besitzen nur ihre Empfänger die intuitive Gewissheit, nicht aber die Außenstehenden. Diese aber müssen hierfür auch eine gewisse Bereitschaft mitbringen. An dieser Bereitschaft aber scheint es im deutschen Katholizismus zu mangeln. Wir stecken zu sehr im Antisupranaturalismus (Scheu vor dem Übernatürlichen), der seit vierhundert Jahren den katholischen Menschen in uns verschüttet hat. Unser Glaube ist zu sehr intellektualisiert, um nicht zu sagen säkularisiert, wie die französischen Bischöfe während des ersten Weltkrieges dem deutschen Katholizismus vorwarfen, daß er das äußerliche, das Irdische, das Menschliche dem Übernatürlichen vorziehe. Man denke nur an die Scheu der katholischen Theologie von der Lehre über Maria, wie selbst große Theologen wie Graber oder Semmelroth in der jüngsten Zeit beklagt haben.

Unser Heiliger Vater ist uns kein Fremder, er ist unser Vater. Darum nehmen wir als seine Kinder auch innigen Anteil an dem großen Glück, das ihm zuteil geworden. Es ist auch unsere Beglückung und ein Anruf zu neuem Dienste Gottes in seinem Geiste.

 

2. Brief

Schifferstadt, den 13. Januar 1943. Diözese Speyer

An S. Heiligkeit Papst Pius XII.

Betr.: Sakramentskirche von Schippach.

Hl. Vater!

Im Vertrauen auf die Väterliche Güte Ew. Heiligkeit wendet sich der ehrerbietigst Unterzeichnete nach Anrufung des Heiligen Geistes und mit Hilfe der himmlischen Mutter im obigen Betreff in schlichter, kindlicher Form unmittelbar an den Statthalter Christi.

Mein lieber Hoher Freund, Sr. kgl. Hoheit Prinz Friedrich Christian von Sachsen, schrieb mir vor einigen Jahren nach der Heimkehr von Rom, er habe Ew. Heiligkeit als damaligem Staatssekretär von meinem vom Himmel so auffallend gesegneten Eucharistischen Kreuzzug berichtet und Ew. Heiligkeit habe sich darüber außerordentlich gefreut.

Bei meiner 1. Romwallfahrt im Jubeljahr 1925 besuchte ich 5mal das Grab des hochsel. Papstes Pius X. und weihte mich dort unter innigem Beten dem Eucharistischen Kreuzzug. Ich bat den hochseligen glühenden Verehrer des Eucharistischen Heilandes im Himmel, mit der lieben Gottesmutter Fürsprache für mich einzulegen, daß ich auch ignis ardens werden und mit- helfen dürfte, seine unsterblichen Kommuniondekrete in Deutschland durchzuführen und als feuriger Apostel des Eucharistischen Heilandes Tausende, ja Zehntausende von Seelen für den Eucharistischen Gottkönig der Liebe zu erobern.

„Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu schleudern, und was will ich anderes, als daß es brenne.“ - „Ach, die Liebe wird nicht geliebt!“ (St. Franziscus) - „Du weißt es, o Herr, wie sehr und wie oft du mir Deutschland ans Herz gelegt hast, damit ich mich ganz dafür hingebe und nichts anderes mehr wünsche, als für dasselbe zu leben und zu sterben.“ (St. Petrus Canisius, Confessionen)

Wie die außerordentlichen Gnadenwunder der kommenden Jahre es bestätigten, hat der Himmel mein armes, aber ehrliches heißes Bitten angenommen. In demütiger Dankbarkeit seien hier einige Tatsachen der ordentlichen und außerordentlichen Seelsorge angeführt.

Ordentliche Seelsorge

Pfarrei Lambsheim bei Ludwigshafen (1928 - 1933)

Diese meine erste Pfarrei zählte rund tausend Katholiken unter drei- tausend Protestanten, darunter viele exkommunizierte Mischehen. Die Osterkommunionen stiegen in kurzer Zeit von ca. 500 auf 750, die Jahreskommunionen stiegen im 1. Jahr von 5000 auf ca. 40000, dann 62000, dann 70000, dann 75000 und im letzten Jahr gegen 80000. Dabei war ich mir immer wohl bewusst, daß die Kommunionen nicht bloß zu zählen, sondern noch viel mehr zu wägen sind und daß nur eine intensive Pflege des inneren Lebens die fruchtbaren Kommunionen bewirkt. Daher Messopfererziehung; die hl. Messe muß zur Lebensmesse, zur Tagesmesse werden mit ständig sich wiederholender Wandlung, Opferung und Kommunion. Besuchung, tägliche fromme Lesung am Abend in heiliger liebender Zweisamkeit zwischen Seele und Gott, ethisches zielbewusstes Ringen durch klaren Beichtvorsatz, täglich erneuert und kontrolliert.

Pfarrei Schifferstadt b/Speyer (seit Oktober 1933 bis jetzt)

Im Oktober 1933 führte mich die göttliche Vorsehung in meine jetzige große Pfarrei Schifferstadt mit ca. 9000 Katholiken. 1938 wurde eine Tochterpfarrei abgetrennt. Die beiliegende Abschrift eines Artikels, den ich vor Jahren auf Bitten des H.H. Pater Kentenich von Schönstatt für eine Priesterzeitschrift in die Maschine diktierte, und welcher außerordentlich reiche und freudige Zustimmung fand, gibt einen Einblick in die außerordentlichen Erfolge des hiesigen Wirkens, die bis zur Stunde anhalten. (Beilage 1)

Außerordentliche Seelsorge: Eucharistische Triduen und Missionswochen

A priori sei bemerkt, daß ich als Weltpriester nie an außerordentliche Missionstätigkeit dachte, sondern ohne mein Zutun plötzlich und unerwartet durch die Verhältnisse geradezu hineingeworfen wurde.

Das Werkzeug dazu war ein lieber Freund, Prälat Mäder von Basel, der mich dringend bat, zum Christ-Königs-Fest 1930 seiner Heilig-Geist-Pfarrei ein Eucharistisches Triduum zu predigen. Dieses Triduum schlug so ein, daß die Pfarrei von heiligem Feuer erglühte, und ich selbst vor Staunen über den wunderbaren Segen fast sprachlos wurde und nur ein Magnificat jubeln konnte.

Dieses Triduum wiederholte ich in der Folgezeit in mehreren Pfarreien meiner Heimatdiözese und der Erzdiözese Freiburg, wo Pfingstwunder auf Pfingstwunder folgte. So stiegen z. B. die Jahreskommunionen in der Gemeinde Eppelheim b/ Heidelberg innerhalb eines Jahres von 6000 auf 39000, ähnlich in Mörsch b/ Karlsruhe die Monatskommunionen von 2000 auf 13000, was dauernd anhielt, weil der Pfarrer mitgerissen wurde. Der dortige Pfarrer hatte in seiner kommunistisch verseuchten Pfarrei jahrelang mit allen Mitteln gearbeitet, hatte eine große Volksmission durch Redemptoristenpatres halten lassen, aber alles ohne durchschlagenden Erfolg.

Das Eucharistische Triduum brachte fast über Nacht eine ganz neue warme Atmosphäre der glühenden Heilandsliebe, verbunden mit einem kindlichen, himmelstürmenden Gottvertrauen in die arme Pfarrei. Solche Pfingstwunder durfte ich bei fast allen Eucharistischen Missionswochen in 7 Diözesen in Stadt und Land erleben. Aus vielen Dankesbriefen sei der von Stadtpfarrer Rüger in Karlsruhe-Durlach als Beispiel angeführt, (Beilage 2), ebenso ein amtlicher Bericht des Bekennerpriesters Prälat Dr. Feurstein von Donaueschingen, den dieser auf Anforderung an das Erzbischöfliche Ordinariat Freiburg sandte. (Beilage 3)

Quellgrund des Segens

Wenn nun der Untergrund dieser auffallenden und außerordentlichen Erfolge aufgezeichnet werden soll, so muß vor allem bemerkt werden, daß der Prediger selber nur ein armes, wenn auch überglückliches Werkzeug des Eucharistischen Heilandes und der lieben himmlischen Mutter ist. Er kann nur die Worte der großen hl. Theresia nachsprechen: „Theresia ohne Gott nichts, Theresia mit Gott alles.“

Auf zwei Momente sei besonders hingewiesen:

1. Nach dem Vorbild der großen hl. Missionare scharte ich schon als Kaplan und später als Pfarrer einen immer größer werdenden Kreis von treuen frommen Seelen um mich, darunter auch ganze Klöster und missionierte Pfarreien, die allmählich zu einer stattlichen „Beter-Armee“ heran- wuchsen. Vor jeder Mission schickte ich Rundbriefe an dieselbe mit der Bitte: „Auf zum Trommelfeuer auf den Knien!“ Dieser Ausdruck erklärt sich aus meinem Fronterlebnis als Artillerie-Offizier. Von diesen Rundbriefen und Aufrufen sind einige der letzten Jahre als Muster beigelegt (Beilagen 4 - 13). Es wurde dabei versucht, das Missionsfeuer durch neue Anregungen immer weiter zu schüren, was allgemein sehr dankbar begrüßt wurde. Die Beter-Armee erstreckte sich von Rom bis zum hohen Norden, von Wien bis nach Paris, ja bis nach Amerika.

2. Eine zweite Quelle des außerordentlichen Himmelssegens meines Eucharistischen Kreuzzuges sowohl in der ordentlichen Pfarr-Seelsorge wie bei den Missionen sehe ich in „Schippach“. Ich bekenne dies ehrlich und wahrheitsgetreu und glaube nicht, daß ich mich täusche. Selbstverständlich will ich damit in keiner Weise dem endgültigen Urteil Roms vorgreifen. Da gibt es für mich nur eines: Roma lucuta, causa finita. Ich bekenne freudig mit dem hl. Clemens Maria Hofbauer: „Ich begreife nicht, wie ein Mensch ohne Glauben leben kann. Ich bin stolz, eitel und ein Sünder, ich habe nichts gelernt, aber eines habe ich durch Gottes Gnade: Ich bin durch und durch katholisch. Meinen Glauben möchte ich mit niemand vertauschen. Meinem Auge traue ich weniger als dem Ausspruch der Kirche. Dieser kann nicht irren, mein Auge kann sich täuschen.“ Darum ging er durch dick und dünn mit dem Papst.

Seit 1922 mit „Schippach“ bekannt, besuchte ich im Jahre 1925 nach meiner 1. Romwallfahrt zum ersten Mal Barbara Weigand in Schippach, die damals bei ihren 80 Jahren noch außerordentlich rüstig und schaffensfroh war. Wir beteten auf den Knien liegend ca. 4 Stunden auf den Ruinen der Sakramentskirche um den Siegeszug des Eucharistischen Heilandes, wobei Barbara mir prophetisch versicherte, daß ich zum Sieg des Eucharistischen Heilandes und zum Bau der Sakramentskirche viel mithelfen dürfte. Heute bin ich überzeugt, daß das Eucharistische Charisma neben der Weihe am Grab Pius X. auch in „Schippach“ begründet ist. Die Vorbereitung der Herzen durch den Eucharistischen Kreuzzug ist gleichsam der geistige Unterbau der Sakramentskirche aus Steinen. In der Folgezeit konnte ich Barbara Weigand noch öfters besuchen und tiefen Einblick in den Beginn ihrer Begnadigung und in ihr reiches Innenleben gewinnen, das noch in den 90er Jahren von Liebe zum eucharistischen und leidenden Heiland glühte.

Bei einem Kreuzweg, den sie laut und frei aus dem Herzen vorbetete, war ich von ihrer zarten Christusmystik ganz ergriffen. Die angeblich „Hysterische“ konnte noch als Neunzigjährige auf dem Feld arbeiten, besaß eine seltene Gesundheit und Nerven wie von Stahl und Eisen, dabei schlicht und bescheiden. Ich beobachtete, wie Leute vom Dorf zu ihr kamen und sie in dringenden Anliegen um ihr Gebet baten.

Auch der hochsel. Bischof Ludwig Maria Hugo von Mainz, ein Fachmann in der Mystik und Seelenführer von Begnadigten, mit dem ich persönlich gut befreundet war (seine leibliche Schwester war Oberin in meiner Pfarrei), sprach mit größter Hochachtung von Barbara Weigand als einer zwar derben, aber durchaus ehrlichen, frommen, opferstarken, ja heiligmäßigen Person und war von der Echtheit ihrer Begnadigung überzeugt.

Im Sommer 1942 war ich zum letzten Mal in Schippach und brachte Barbara Weigand, die noch täglich kommunizieren kann und im Dezember 97 Jahre alt war, die hl. Kommunion. Wenn ihre Kräfte auch stark abgenommen haben, so kann sie immer noch Tag und Nacht innig beten. Sie wollte meine Hand kaum mehr loslassen.

Der beste Kenner von „Schippach“ ist ohne Zweifel der Pfarrer und Geistl. Rat Dr. Büttner, der als langjähriger Pfarrer von Schippach und Beichtvater der Barbara Weigand auf Grund der Akten das beim hl. Offizium vorliegende Manuscript „Der Schippacher Kirchenbau“ herausgab. Ich schickte dieses Manuscript an P. Carlo Friedrich, damals Generalprocurator der Steyler Missionsgesellschaft in Rom, der in seinem Brief vom 31.12.1926 folgendes sehr feine Urteil abgab:

„Für die Zusendung des Buches danke ich Ihnen recht sehr, weil ich so auch einmal sehen konnte, wie man mit den Dingen umging und „geistige Werte entwertete“. So ungefähr habe ich die Lektüre beendet und kann mir nun ein Urteil bilden. Ein Fernstehender kann sich gewiss nicht alles auf den ersten Blick gleich zurechtlegen, auch ich stand bei der Lektüre oft stille und fragte mich, wie das doch möglich war, einem jungen Manne solchen Einfluss einzuräumen! Manches ist wirklich rätselhaft. Meine Eindrücke kann ich vielleicht in folgende Gedanken pressen: Die Schrift zeigt und beweist, wo das Recht und wo das Unrecht bislang gewesen ist. Insofern scheint mir auch die Bearbeitung die beste Garantie des endlichen Sieges zu bieten. Selbst wenn man sich auch nicht auf die Seite der Barbara Weigand stellen will, so muß man wenigstens zugeben, daß mit einem wirklich frivolen Leichtsinn der Feldzug gegen Barbara Weigand geführt worden ist und von Männern, die sicher in der mystischen Theologie Neulinge waren und vieles überhaupt nicht werten konnten. Die Beweisführung ist überzeugend und wahrscheinlich werden sich die Gegner hüten, mit offenem Visier von neuem auf den Kampfplatz zu erscheinen. Der Herr hat gut getan, für die Unschuld den Schild zu erheben.

Die Form der Schrift scheint mir, als Außenstehendem, etwas zu scharf. Zu erklären ist ja alles. Man kann sich denken, wie einem Priester die Galle steigt, wenn er Tag für Tag an einem solchen „Trümmerhaufen“ vorübergeht und das Unheil jeden Tag mit Händen greifen kann. Die Polemik ist a