Barbara Weigand
 Schippacher Jungfrau und Seherin
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Predigten von

Prof. Dr. Georg May

Prof. Dr. Georg May
Video's Prof. Georg May
Audio - Das Bußsakrament
Das auserwählte Volk
Ein neues Jahr in Verantwortung vor Gott
Das Gleichnis vom Sämann
Arbeiten für das Reich Gottes
Das Vorbild der heiligen Familie

Freude über die Vorsehung Gottes

Jesus auf dem Weg zu seinem Leiden
Das große Glück des Bußsakramentes
Der verklärte Herr im Sakrament
Die gottgesetzte Ordnung der Geschlechtlichkeit
Von Sünde, Schuld und Gericht
„Warum glaubt ihr mir nicht?“
Die Ausreden der Leugner des Ostergeschehens
Der Sieg, der die Welt überwindet
Ostern – ein geschichtliches Ereignis
Wie Schafe, die keinen Hirten haben
Das Antlitz des Gottmenschen
Gott, Ursprung und Ziel des Lebens
Der Himmel – eine transzendente Wirklichkeit

Zeugnis geben für Christus im Heiligen Geist

Die Freude über den Geist Gottes in der Seele

Heiliger Geist – Spender aller Gnaden
Die heilige Messe – Opfer Christi

Bekenntnis zum dreieinen Gott

Die Liebe des heiligsten Herzens Jesu

Petrus und Paulus – Amt und Charisma

Die Kirche – Grundfeste der Wahrheit
Böses nicht mit Bösem vergelten
Die Vergeblichkeit im menschlichen Bemühen
Das Gleichnis vom ungerechten Verwalter
Christi Tränen über sein Volk
Das Sittengesetz als Grundlage des privaten und öffentlichen Lebens
Die Verdienste des Menschen – Geschenke der Gnade Gottes
Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes
Die Kirche Christi – auf den Fels gegründet
Christus und sein Reich der Gnade
Das unfehlbare Lehramt der Kirche
Die Bedeutung des Festes Maria Himmelfahrt
Das Hirtenamt der Kirche
Die Kirche – siegreich durch Kreuz und Gnade
Petrus der Fels – „Weide meine Schafe!“ 
Die Kirche, auf den Felsen gegründet
Die Welt – Werk und Abbild Gottes
Die Wahrheit des ewigen Lebens
Das tröstliche Dogma vom Fegfeuer
Leben, Lieben und Wissen in der Ewigkeit
Das Werden der menschlichen Persönlichkeit
Ehe und Familie nach den Normen Gottes
Die Sakramente des Alten Bundes
Geboren aus Maria, der Jungfrau
Apokalypse in unserer Zeit
Advent – Erwartung der Auferstehung der Toten
Seht, ich verkünde euch eine große Freude
Ein Kind ist uns geboren
Die Weihnachtsbotschaft in unchristlicher Zeit
Christus gestern, heute und in Ewigkeit
Das rechte Geschenk für den Gottessohn
Die Geschichtlichkeit der Weisen aus dem Morgenland
Über die rechte Erziehung der Jugend
Die hohe Bedeutung der katholischen Soziallehre
Christlich leben in der alltäglichen Welt
Das Verhältnis der Kirche zu Geist und Wissenschaft
Die Staatslehre der katholischen Kirche
Die Kirche, mit dem Volk verbunden
Das Evangelium der Arbeit
Die Sünde und die Freude
Das Christusbild des Irrlehrers Hans Küng
Christi Anspruch der Wesensgleichheit mit Gott
Die Eucharistie, Quelle der Freude und der Kraft
Gründe für den Niedergang der Religion
   Video's Prof. Georg May
   
Georg May wurde am 14. September 1926 in Liegnitz in Schlesien geboren. Am 1. April 1951 empfing er von Bischof Heinrich Wienken von Meißen (der seinerseits vom sel. Kardinal von Galen zum Bischof geweiht worden war) die Priesterweihe. Er wurde geweiht für die Diözese Breslau. In München wurde er summa cum laude zum Doktor der Theologie promoviert. Sein Lehrer war der berühmte Kanonist Klaus Mörsdorf. Nach seiner Habilitation lehrte er zuerst in Freising, ab 1960 an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz.
 

Prof. Dr. Georg May

„In kanonistischen Fachkreisen fand May hohe Anerkennung“, schrieb das Bistum Mainz 2001 anläßlich seine Goldenen Priesterjubiläums. Das zeigt sich nicht zuletzt in der Tatsache, daß ihm bereits zwei umfangreiche Festschriften gewidmet wurden, einmal zu seinem 65., dann zu seinem 80. Geburtstag.

In der ersten Festschrift „Fides et Ius“, die auf 639 Seiten 30 Beiträge vereint, u.a.. von Matthäus Kaiser, Audomar Scheuermann, Heinz Maritz, Konrad Repgen und dem späteren Kardinal Leo Scheffczyk, schreiben die Herausgeber Winfried Aymans, Anna Egler und Joseph Listl: „Georg May ist ein von seinen Hörern geschätzter, erfolgreicher akademischer Lehrer. In den Jahren 1965 und 1968 an ihn ergangene Rufe an die neugegründeten Universitäten Bochum und Regensburg lehnte er ab. Seine Standfestigkeit hat ihn nicht davor bewahrt, gelegentlich ungerecht behandelt zu werden und Zurücksetzung zu erfahren. Seine grundfeste Art, manche Erscheinungen in der heutigen Kirche kritisch zu hinterfragen und an den Maßstäben des Glaubens und der Tradition der Kirche zu messen, hat in der nachkonziliaren Ära nicht selten Mißfallen erregt und Ablehnung hervorgerufen. Nach seinem Verständnis von Pflichten eines Professors der katholischen Theologie konnte er sich diesem Einsatz nicht entziehen. Die Aufgabe des Theologieprofessors versteht er als Dienst an der Wahrheit des katholischen Glaubens. Daß mutiger Widerspruch und ein dem Zeitgeist entgegengesetztes Auftreten ihren Preis fordern und zu einem Hindernis der akademischen Laufbahn werden können, hat Georg May aus Treue zu seiner Glaubensüberzeugung in Kauf genommen“ (Fides et Ius, Regensburg 1991, S. 10).

Die zweite Festschrift, unter dem Titel „Dienst an Glaube und Recht" herausgegeben von Anna Egler und Wilhelm Rees, enthält auf 861 Seiten 32 Beiträge, darunter solche von Bruno Primetshofer, Anton Ziegenaus und Georg Schwaiger.

Quantität und Qualität seiner Werke lassen auf eine unglaubliche Schaffenskraft schließen. Die Herausgeber von "Fides et Ius" schreiben im erwähnten Vorwort, daß seine Veröffentlichungen auf intensiven Forschungen in Archiven beruhen und daß er hierin "vielen seiner Kollegen ein unerreichbares Vorbild“sei.

Im Laufe seiner wissenschaftlichen Tätigkeit beschränkte er sich nicht auf sein kanonistisches Fachgebiet, sondern schrieb z.B. ein viel beachtetes Werk über die Kirche im Nationalsozialismus, dessen Auszug auf kath-info die meistbesuchte Seite dieser Website ist. Darüberhinaus publizierte er immer wieder Artikel (etwa im FELS und in „Theologisches“) und Bücher zur Diagnose der kirchlichen Lage, z.B. "Glaube und Seelsorge in unserer Zeit", "Echte und unechte Reform", "Demokratisierung der Kirche. Möglichkeiten und Grenzen“, „Die Krise der nachkonziliaren Kirche und wir“. Die Liturgiereform analysierte er in „Die alte und die neue Messe“ und hielt als Konsequenz, die er aus seinen Erkenntnissen zog, an der überlieferten Messliturgie fest.

Alltäglich, mit nur sehr wenigen Ausnahmen, zelebriert er in einer Mainzer Kirche das heilige Meßopfer im überlieferten Ritus und erfreut sich in seiner Gemeinde eines hohen Zuspruchs. Seine Predigten sind Lehrstücke katholischer Glaubensfragen und für unsere Zeit unentbehrlich, bestechend klar und im höchsten Maße hilfreich für die Wahrheit im Vermächtnis des einen wahren Glaubens.
 

Aktueller Nachtrag:

Erst jetzt wurde Prof. May hohe päpstliche Ehrung zuteil, die sein hervorragendes Lebenswerk und seinen Kampf gegen die nachkonziliaren Missstände in der katholischen Kirche würdigt. Er wurde in den Prälatenstand erhoben mit dem Ehrentitel „Apostolischer Protonotar“. Wir danken Gott und dem Heiligen Vater, dass dieser Priester nun doch noch Ehre und Anerkennung erfährt. Gott gebe ihm noch viele Jahre!


 

Predigten Prof. Dr. Georg May

 

Das Bußsakrament

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Das auserwählte Volk

Am 29.3. 1987 begann Prof. Dr. Georg May seine Sonntagspredigt: «Am vergangenen Sonntag haben wir die Verheissungen, die GOTT, ergehen liess über die Ankunft des Erlösers, über sein Werk, über sein Leiden und Sterben betrachtet. Diese Verheissungen sind eingebettet in die Vorbereitung auf das Kommen des Erlösers.

GOTTES Plan

Die Vorbereitung des Erlösers geschah vorzüglich in der Weise, dass Gott sich ein Volk auserwählte,

das er als Priestervolk für die anderen Völker zu benutzen gedachte, um auch allen Heidenvölkern das Heil zuzuwenden. Dass GOTT ein auserwähltes Volk schuf, bedeutet also nicht die Verwerfung der übrigen Völker, sondern im Gegenteil, es bedeutet, dass er das Heil für alle Völker bereiten wollte, indem er ein Volk auserwählte, das priesterlich, also vermittelnd für andere Völker tätig werden sollte. Dieses Volk hat GOTT in vierfacher Weise für die Ankunft des Erlösers vorbereitet.

1. Indem er es schweren Prüfungen unterwarf. Dieses Volk war sinnlich und sinnenhaft, es verlangte mehr nach den Fleischtöpfen Ägyptens als nach dem gelobten Land. Deswegen liess Gott schwere Prüfungen über das Volk kommen. Die Knäblein in Ägypten sollten getötet werden, Bedrückungen ohne Zahl, Fortführung in Gefangenschaft, grausame Könige. So und auf diese Weise wollte Gott dieses Volk heiligen, sein Vertrauen anfachen, seine Liebe zu Gott erwecken.

2. Die zweite Weise der Vorbereitung waren strenge Gesetze, die GOTT ihm gab. Unter Donner und Blitz erfolgte die Gesetzgebung auf dem Berge Sinai, und sie war begleitet von vielen Verheissungen und Drohungen.

3. Die dritte Weise, wie Gott das Volk vorbereitete, waren Wunder, die er vor den Augen des Volkes durchführte. Denken wir nur an den Durchzug durch das Rote Meer, an die Ernährung in der Wüste, an das Wasser, das Moses aus dem Felsen schlug. Alle diese Wunder sollten im Volk den Glauben an den erlösenden GOTT festigen und erhalten.

4. Die letzte Weise, wie Gott dieses Volk vorbereitete, war die Sendung von Propheten. Etwa 70 insgesamt zählen wir, gotterfüllte Männer, die gesandt waren, den Glauben an Gott und das Vertrauen auf IHN zu erhalten und zu festigen.

Die Vorbereitung des auserwählten Volkes begann mit der Berufung des Abraham. Abraham lebte in Chaldäa, später in Mesopotamien. Eines Tages erhielt er die Weisung, seine Heimat, seine Verwandtschaft zu verlassen und in ein anderes Land zu ziehen, das Gott ihm zeigen werde. Abraham gehorchte.

So wurde er der Stammvater aller Gläubigen. Sein Sohn war lsaak, den er auf dem Berge opfern sollte. Sein Sohn war Jakob. Jakob ist der Vater von zwölf Söhnen. Einer von ihnen, Josef, wurde nach Ägypten verkauft. Dort stieg er zum Vizekönig auf und berief seine Verwandten nach Ägypten. Dort vermehrte sich das Volk, wurde stark und erregte den Neid und die Eifersucht der Ägypter, so dass sie dieses Volk bedrückten und quälten. In ihrer Not berief Gott den Moses, der das Volk aus Ägypten führte. In einem langen Wüstenzug kamen die Israeliten in die Nähe des gelobten Landes. Moses durfte wegen seines Zweifels das Land nur von dem Berge Nebo aus schauen, einziehen durfte er nicht. Das war seinem Nachfolger Josue vorbehalten, der das Land Israel, das heutige Palästina, aufteilte unter die zwölf Stämme. Es folgten ihm die Richter, der letzte war Samuel. Samuel musste dem Volk auf dessen Begehren hin einen König geben. Der erste König war Saul, ein grausamer Mann, der sich töten liess. Ihm folgte der König David, unter dem das Land und das Volk eine Blütezeit erlebte. David war ein frommer Mann. Wir verdanken ihm viele Psalmen, die wir Priester noch heute jeden Tag im Brevier beten dürfen. Er war auch ein reuiger Mann. Als er zwei schwere Sünden begangen hatte, tat er Busse. Den Tempel durfte er nicht bauen.
Das war erst seinem Nachfolger Salomon vorbehalten. Salomon war ein Mann von Weisheit und Reichtum, ein Mann, dem wir eines der heiligen Bücher des Alten Testamentes verdanken, nämlich das Buch der Sprichwörter. Zum weisen König Salomon kam die Königin von Saba, um seine Weisheit kennenzulernen.
 

Am Jordan. In der Nähe taufte Johannes Jesus.
Landnahme (Gen 13): Von Ägypten zog Abram den Negev hinauf, mit allem, was ihm gehörte, und mit ihm auch Lot. Abram hatte einen ansehnlichen Besitz an Vieh, Silber und Gold. Sie wanderten von einem Lagerplatz zum anderen bis zu dem Ort, an dem anfangs ihre Zelte standen, wo er den Altar erbaut hatte. Dort rief Abram den Namen GOTTES an. Auch Lot besass Schafe und Ziegen, Rinder und Zelte. Das Land war aber zu klein, als dass sich beide nebeneinander hätten ansiedeln können. Zwischen den Hirten Abrams und den Hirten Lots kam es zum Streit. Da sagte Abram zu Lot: «Zwischen mir und dir, zwischen meinen und deinen Hirten soll es keinen Streit geben, wir sind doch Brüder. Trenn dich also von mir! Wenn du nach links willst, gehe ich nach rechts; wenn du nach rechts willst, gehe ich nach links. Lot brach nach Osten auf, und sie trennten sich voneinander. Abram liess sich in Kanaan nieder.

 

Zerstreuung und Sammlung

Nach dem Tode Salomons verfiel sein Reich. Es entstanden das Nordreich Israel und das Südreich Juda. Sein Sohn vermehrte die Steuern. Da erhoben sich zehn Stämme im Norden und fielen von ihm ab. Es blieben nur zwei Stämme im Süden treu: Juda und Benjamin. So sind die beiden Reiche jahrhundertelang getrennt gewesen und haben verschiedene Schicksale erlitten. Das Nordreich Israel wurde schon 722 vom assyrischen König erobert. Der grösste und wertvollste Teil dieses Volkes wurde in Gefangenschaft weggeführt. Das Südreich konnte sich länger halten. Aber auch ihm machte der babylonische König Nabuchodonosor ein Ende. 588 v. Chr. wurde auch hier der grösste Teil des Volkes in die Gefangenschaft nach Babylon abgeführt. So waren beide Reiche zugrunde gegangen durch die eigene Schuld. Die Propheten haben es immer wieder betont: weil sie GOTT nicht treu waren, weil sie von GOTT abgefallen waren, weil sie in Sinnlichkeit und Gottvergessenheit sich fremden Göttern zugewandt hatten. In der Gefangenschaft blieben die Israeliten, bis das babylonische Reich durch die Perser zerstört wurde. Als der persische König Cyrus 538 das babylonische Reich eroberte, entliess er die Juden in ihre Heimat. 536 zogen sie wieder in ihr Land zurück. Es wird die Zahl von 42'000 angegeben. Sie bauten das zerstörte Jerusalem wieder auf. König Artaxerxes erlaubte ihnen im Jahre 453, die Stadt neu zu befestigen.

Unter persischer Herrschaft hatten die Juden nichts zu leiden. Aber auch die persische Herrschaft fand ein Ende, was wir noch aus der Schule wissen: Alexander der Grosse, König von Mazedonien, eroberte und zerstörte das Perserreich. Die Juden kamen jetzt unter die griechische Herrschaft der Seleukiden, der Nachfolger Alexanders des Grossen. Unter diesen waren böse Könige, z.B. Epiphanes IV., der die Juden grausam unterdrückte. Er zwang sie, ihre eigenen Gesetze zu übertreten. Gegen diesen Druck erhoben sich die Juden unter Führung der Makkabäer und warfen das syrische Joch ab. Es kamen wieder Könige an die Regierung aus der Sippe des Mattathias und Simon. Unter ihrer Regierung wurde das Religionswesen wieder aufgerichtet. Aber 64 v. Chr. erschien der römische Feldherr Pompeius in Palästina und unterwarf das Land Rom. Der letzte König aus der Sippe des Mattathias wurde abgesetzt. Mit Herodes dem Grossen wurde ein Fremdling und Nichtjude zum König eingesetzt. Er regierte von 39 v. Chr. bis 4 n. Chr. Das ist der Mann, unter dessen Regierung Jesus Christus, unser Heiland, geboren wurde. Er erhielt den Beinamen «der Grosse», weil er ein bedeutender Herrscher war. Ihm folgte sein Sohn Herodes Antipas. Dieser König liess Johannes den Täufer enthaupten und Jesus im Spottgewand vorführen. Auf ihn folgte Herodes Agrippa. Agrippa ist jener König, der Petrus einsperren und Jakobus den Älteren enthaupten liess. Im Jahre 70 n. Chr. endlich erschien der römische Feldherr Titus mit einem Riesenheer und umzingelte Jerusalem. Er zerstörte die Stadt im Feuerbrand und zerstreute das Volk über die ganze Erde.

 

Alle sind auserwählt

Das ist das Schicksal des auserwählten Volkes, das den Tag seiner Heimsuchung nicht erkannte. Auch die Völker, die nicht zum auserwählten Volk gehörten, erfuhren eine Vorbereitung. Zunächst durch das auserwählte Volk selbst. In der weltweiten Zerstreuung wurden die Gedanken der jüdischen Religion auch anderen Völkern bekannt. Die Hl. Schrift des Alten Testamentes wurde übersetzt. Wir haben eine syrische und eine griechische Übersetzung. (die Septuaginta) So wurden die fremden Völker mit dem Glauben an den einen GOTT bekannt, wie er in Israel einzigartig bewahrt wurde. Manche von ihnen waren davon so angetan, dass sie zum Judentum übertraten (= Proselyten). Die Zerstreuung des jüdischen Volkes erlaubte die Bekanntmachung des wahren Glaubens an den einen GOTT. Deshalb preist Tobias einmal die Gefangenschaft: «Lobet Gott, ihr Israeliten, dass er euch zerstreut hat, denn dadurch war es uns möglich, die Wundertaten GOTTES zu erzählen und den Heiden, die Gott nicht kennen, den allmächtigen GOTT bekannt zu machen.»

Auch unter den Heidenvölkern gab es edle Persönlichkeiten, die sich, vom Tau der Gnade berührt und ihrem Gewissen gehorsam, zu einer wunderbaren Höhe der Auffassung von der Religion erhoben. Ich erwähne aus Griechenland nur Sokrates, diesen weisen Mann. Er legte den Götterglauben ab, vertrat den Ein-Gott-Glauben, predigte Enthaltsamkeit, Sanftmut, Demut, Mässigkeit. Er wurde wegen seiner Auffassungen im Jahre 399 v. Chr. zum Tode verurteilt.

Auch durch Wundertaten bereitete GOTT die ausserisraelitischen Völker auf die Ankunft des Erlösers vor. Denken wir an die Wandschrift, die der König Balthasar während eines Gelages an der Wand erscheinen sah: «Mene - Tekel - Phares», eine furchtbare Ankündigung, dass sich seine Tage erfüllt hätten und sein Reich zerstört würde. Noch andere Wunder wirkte GOTT unter den Heidenvölkern. Durch Träume oder durch Zeichen -wie Daniel in der Löwengrube- machte er sie aufmerksam, dass nur EIN wahrer, allmächtiger GOTT ist. Alle diese Ereignisse machten die besten unter den Völkern bereit für die Sehnsucht nach dem Erlöser. Im Judenvolk herrschten Spaltungen. Es gab drei Parteien. Die Sadduzäer glaubten als Rationalisten nicht an die Auferstehung. Die Pharisäer waren sehr fromm, aber verknöchert und verhärtet. Die Essener zogen sich von der Welt zurück und verurteilten die Ehe. Das war der Zwiespalt im jüdischen Volke: drei Parteien, drei Sekten. Unter den Heiden war es noch schlimmer. Sie versanken in Unwissenheit und Sittenlosigkeit. Der Geschichtsschreiber Hesiod sagt: «Man kann die Götter gar nicht zählen, so viele Götter gibt es.» So erhob sich unter den besten der Heiden die Sehnsucht nach dem Erlöser. Der bekannte römische Dichter Horaz ruft in einer Ode aus: «0 komm, du Sohn der hl. Jungfrau, komm zu deinem Volke, bleibe lange bei ihm, kehre spät in den Himmel zurück und lass es dein Gefallen sein, von uns hier Vater und König genannt zu werden!» Diese ergreifende Sehnsucht hat in den besten der Heidenvölker Fuss gefasst. Diese Sehnsucht, die sie mit den Juden teilten, wurde in einzigartiger Weise erfüllt durch das, was unser GOTT in Jesus Christus zum Heile der Menschheit gewirkt hat. Amen.»

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Ein neues Jahr in Verantwortung vor Gott

01.01.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte, zur Feier der Jahreswende Versammelte!

Die meisten von Ihnen werden schon einmal eine Bergwanderung mitgemacht haben, wo Sie nach einem schwierigen Aufstieg auf dem Gipfel des Berges standen und dann zurückschauten auf den Weg, den Sie zurückgelegt hatten. Sie mochten denken an die Wälder, die Sie durchschritten hatten; es mag Ihnen die Steilheit des Weges zum Bewusstsein gekommen sein, die Quelle, die da gerauscht hat und an der Sie sich vielleicht erquickt haben. Man hält, wenn man auf einem Gipfel angekommen ist, Rast und schaut zurück und schaut auch vorwärts.

So ist es auch am ersten Tag eines neuen Jahres. Wir denken zurück an das, was das vergangene Jahr uns abverlangt hat an Kraft, an Dulden und Leiden, aber auch vielleicht an Freuden, an Erfolgen, an schönen Erlebnissen. Eines ist sicher: Am Beginn eines neuen Jahres tritt ein Gedanke mit beherrschender Gewalt vor unsere Seele, und der lautet: Vergänglichkeit. Alles ist vergänglich. Wieder ist ein Jahr versunken. Von der Mitternachtsstunde des vergangenen Jahres an bis heute, wie rasch sind die Monate, die Wochen und die Tage verflogen. Vergänglichkeit! Niemals steht uns das Bewusstsein der Vergänglichkeit deutlicher vor Augen als am Beginn eines neuen Jahres.

Und doch ist nicht alles vorbei. Es bleibt etwas, was uns in das neue Jahr folgt, ja was uns bis zur letzten Stunde unseres Lebens begleitet, nämlich die Verantwortung, die Verantwortung vor Gott. Im Buch der Apokalypse des Apostels Johannes steht der folgenschwere Satz: „Ihre Werke folgen ihnen nach.“ Alle Werke, die guten und die schlimmen. Sie folgen uns nach bis in die Ewigkeit. Nie berühren uns die Schauer der Ewigkeit deswegen auch so dringlich wie am Beginn eines neuen Jahres. Hier reichen sich tatsächlich Vergänglichkeit und Ewigkeit die Hand. Flüchtig wie ein Traum ist das Erdenleben, aber es birgt in sich das Schicksal der Ewigkeit. Alles ist ein Wandern und Vergehen, aber einmal wird die Wanderung zu Ende sein, und am Ende steht der Herr des Lebens und wird fragen: Was hast du mitgebracht? Was hast du in deinen Händen? Hast du deine Hände gefüllt mit wertlosem Tand oder mit Schätzen, die in die Ewigkeit hinüberdauern? Darauf kommt es an. „Sammelt euch nicht Schätze auf Erden“, sagt der Herr, „die Rost und Motten verzehren, wo ein Dieb kommt und sie wegnimmt. Sammelt euch Schätze vielmehr in der Ewigkeit, die Rost und Motten nicht verzehren und wo kein Dieb kommt, einbricht und stiehlt.“ Wahrhaftig, unsere Verantwortung ist groß. Auf dem Zifferblatt einer Schule habe ich die Worte gelesen: „Transeunt et imputantur.“ Das heißt: Sie gehen vorüber und sie werden angerechnet. Die Stunden nämlich; sie gehen vorüber, aber sie werden angerechnet.

So soll, so muss die Stunde der Jahreswende auch eine Rechenschaft für uns sein. Der Kaufmann macht am Ende des Jahres Inventur über Soll und Haben, und auch wir müssen Inventur machen und uns fragen: War es wert, dass wir das vergangene Jahr gelebt haben? Dürfen wir mit seinem Gewinn und Verlust zufrieden sein – zufrieden vor Gott? Denn was die Menschen über uns sagen, das ist wenig belangreich. Sie schauen ja nicht in unser Inneres. Aber Gott, er ist der Allwissende, der Allsehende, der Unentrinnbare, und um sein Urteil dreht sich alles, über sein Urteil kommt niemand hinweg. Eine ernste Frage stellt sich uns also: War es Weizen oder war es Streu, was wir im vergangenen Jahr in die Scheuern Gottes eingeführt haben? Im großen Hauptbuche Gottes ist alles eingetragen, Gewinn und Verlust, Verdienst und Schuld. Und wir müssen den Mut haben, uns Rechenschaft zu geben, nicht um zu klagen, obwohl Klagen auch eine Form der Reue sind, sondern um Antrieb und Wegrichtung zu gewinnen für das neue Jahr. Wir müssen wissen, was wir im neuen Jahr unternehmen sollen und wie wir uns vor Gott verhalten sollen.

Im 16. Jahrhundert lebte in England der Kardinal Wolsey. Wolsey war Kanzler des englischen Reiches, also der Erste Mann nach dem König, und er hatte seinem despotischen Herrn – und Heinrich VIII. war ein despotischer Herr! – treu gedient. Zum Schluß sollte er noch die Scheidung des Königs in Rom betreiben. Aber es ging dem König nicht schnell genug, und so fiel der Kardinal in Ungnade. Er wurde als Hochverräter an den Hof nach London zitiert. Schwer krank machte er sich auf den Weg, und mitten auf der Reise erreichte ihn das Ende. Seine letzten Worte waren: „Hätte ich Gott so eifrig gedient, wie ich dem König gedient hatte, er hätte mich nicht verlassen in meinen alten Tagen. Aber das ist der Lohn, dass ich bei allen meinen Bemühungen nicht meinen Dienst gegen Gott, sondern nur den Dienst gegenüber meinem Fürsten im Auge hatte.“

Das ist die entscheidende Frage, meine Freunde. Was habe ich im Auge? Wem diene ich? Ich habe einmal das furchtbare Wort gelesen: „Willst du wissen, wer dich lohnen wird, dann frage dich, für wen du deine Werke tust.“ Denn der ist es, der dich lohnen wird. Willst du wissen, wer die lohnen wird, dann frage dich, für wen du deine Werke tust.

Noch einmal gibt uns Gott eine Chance in diesem neuen Jahr. Ich halte es nicht für falsch, wenn Menschen ihre Wünsche aussprechen; denn Wünsche sind ja nichts anderes als Äußerungen des Wohlwollens, die wir freilich über die große Brücke, die Gott ist, geleiten müssen. Wenn die Wünsche nicht in Gottes Macht und Liebe einmünden, sind sie leerer Schall und Rauch. Aber Wünsche, die aus dem Herzen kommen und die sich an Gott wenden, die dürfen wir aussprechen, die sollen wir aussprechen. Meistens wünschen wir uns Glück, und das ist auch nicht falsch. Glück ist ein Zustand, in dem wir befriedet sind, wo Hoffnungen und Erwartungen in Erfüllung gegangen sind. Man spricht vom Glück auf zwei Weisen, nämlich Glück haben und glücklich sein. Das sind zwei sehr verschiedene Dinge. Glück haben, das heißt im äußeren Leben, bei den Unternehmungen Erfolg haben, reüssieren und die Aufgaben erfüllen können, die einem gesetzt sind. Glücklich sein dagegen heißt im Inneren befriedet sein, im Inneren die Ruhe gefunden haben und jetzt tatsächlich in Einklang mit sich selbst sein.

Das Glück ist aber nicht alles. Wir sind nicht auf Erden, um hier glücklich zu werden, sondern wir sind auf Erden, um unser Glück in der Ewigkeit zu bereiten. Wir sollen uns so verhalten, dass wir einmal eine ganze Ewigkeit bei Gott glücklich sein können, und deswegen muss eigentlich unser höchster und wichtigster Wunsch sein, dass Gott uns Gnade gibt und Kraft, Gnade, damit wir von ihm gehalten und geführt werden, Kraft, damit wir auf seinen Willen eingehen und ihm treu bleiben können. Das ist es: Gnade und Kraft. Das sollten wir wünschen, meine lieben Freunde, für das neue Jahr. Die Schicksale, die uns treffen werden, Erfolg oder Misserfolg, Erfüllung oder Enttäuschung, Glück oder Leid, das alles ist verborgen in Gottes Weisheit und Macht. Aber eines wissen wir: Was auch immer über uns kommen mag, aus allem können wir für Gott Werte schaffen, können wir Gold bilden, wenn wir es in der rechten Gesinnung tragen. Es kommt nicht darauf an, was wir tun und was wir leiden, sondern wie wir es tun und wie wir es leiden.

„Denen, die Gott lieben, gereichen alle Dinge zum Besten“, heißt es in der Heiligen Schrift im Römerbrief. Denen, die Gott lieben, gereichen alle Dinge zum Besten. Weil sie eben durch die Liebe alles, was über sie kommt, verwandeln, weil sie alles, was ihnen aufgetragen ist und was ihnen widerfährt, in das Gold der Liebe zu Gott verwandeln.

Unser schlesischer Dichter Joseph von Eichendorff hat einmal die schönen Verse geschrieben: „Die Welt mit ihrem Gram und Glücke will ich, ein Pilger, froh bereit betreten nur als eine Brücke zu dir, Herr, überm Strom der Zeit.“ Wie schön hat dieser fromme Edelmann es beschrieben! Die Welt mit ihrem Gram und Glücke will ich, ein Pilger, froh bereit betreten nur als eine Brücke zu dir, Herr, überm Strom der Zeit.

Wir wollen diese Brücke betreten, meine lieben Freunde, im Namen Jesu. Nicht umsonst feiern wir heute das Fest der Beschneidung, wo Jesus der Name gegeben wurde,  der über alle Namen ist, der Name unseres Heilandes und Erlösers. Vor einigen Jahren musste sich ein Mann einer schweren Operation unterziehen. Es wurde ihm die Zunge abgeschnitten. Der Operateur sagte zu ihm: „Bald werden Sie nicht mehr sprechen können. Wenn Sie noch etwas zu sagen haben, dann tun Sie es jetzt, denn das wird Ihr letztes Wort sein.“ Da sah der Kranke seine Angehörigen, die bei ihm waren, an und sprach: „Gelobt sei Jesus Christus!“ Das war das letzte Wort, das er sprechen konnte. Ähnlich ist es bei dem großen Volksschriftsteller Hansjakob gewesen. Als er zum Sterben kam, da sagte er zu seiner Umgebung: „Ich habe manches gesagt und geschrieben, was ich besser nicht gesagt und geschrieben hätte. Aber was ich jetzt sage, das brauche ich nicht zu bereuen.“ Und er sagte sein letztes Wort: „Gelobt sei Jesus Christus!“ Beide Männer standen vor dem Schweigen für immer, der eine vor dem erzwungenen, lebenslangen Schweigen, der andere vor dem Schweigen der Ewigkeit. Beide wussten in diesem Augenblick kein besseres Wort zu sagen als „Gelobt sei Jesus Christus!“ Denn dieses Wort kann ein ganzes Leben erfüllen. Dieses Wort füllt auch die ganze Ewigkeit. Und die Kirche weiß uns kein besseres Wort am Anfang des Jahres zu geben als den Namen Jesu, denn kein anderer Name ist unter dem Himmel gegeben, in dem die Menschen selig werden können, als der Name Jesus.

Das ist natürlich nicht nur ein Name, sondern mit dem Namen Jesu verbindet sich seine Gesinnung. Im Namen Jesu sollen wir alles tun, d.h. in seiner Gesinnung. Die Gesinnung Jesu aber ist uns bekannt. Sie lautet: „Mein Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat.“ Der Name Jesu soll uns auch in der Treue zu ihm befestigen. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Er soll uns auch im Vertrauen festigen, denn er hat uns verheißen, und er steht zu seinen Verheißungen: „Bittet, und ihr werdet empfangen. Alles, um was ihr den Vater in meinem Namen – in meinem Namen! – bitten werdet, das wird er auch gewähren.“

Das soll unsere gute Meinung im beginnenden Jahre sein. Gott soll mit uns gehen, Gott soll uns helfen. „Näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!“ Das muss unsere Devise sein. Wenn wir unser aufrichtiges Wollen mit der Kraft Gottes verbinden, dann sind wir stark, dann bleiben wir auf dem rechten Wege, dann mag uns Sonnenschein oder Gewittersturm begegnen, wir werden unerschütterliche Menschen sein. Gott ruft uns in dieses Jahr hinein, und wir sollen ihm antworten: Paratum cor meum, paratum cor meum – Mein Herz ist bereit, mein Herz ist bereit, o Gott. Und mit dieser Bereitschaft wollen wir ein unerschütterliches Vertrauen auf Gottes Vaterhilfe verbinden, ein unerschütterliches Vertrauen, das spricht: „Herr, dir in die Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt!“

Amen.

 

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Das Gleichnis vom Sämann

27.01.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Unser Heiland saß am Bug eines kleinen Fischerbootes auf dem See und predigte dem Volke. Das Volk hatte sich auf den Hügeln, die ringsum aufragen, gelagert, und der Herr beobachtete, was um ihn herum sich begab. Da sah er die breite Uferstraße, die festgetreten war von den Füßen der Menschen und der Tiere und den Rädern der Wagen. Dann erblickte er die Felshänge, die mit leichtem Boden nur bedeckt waren, den der Wind verwehte und den die Sonne durchglühte. Und dann sah er die kleinen Felder, die abgegrenzt waren durch Dornenhecken als lebendige Zäune, und vermutlich erblickte er auch die Sperlinge, die in der Luft sich bewegten und auf die Erde niederstießen, wenn sie etwas Essbares fanden. Dann hob er an, sein Gleichnis zu sprechen mit der Meisterschaft, die wir an ihm gewähnt sind: „Der Sämann ging aus, zu säen…“

Dieses Gleichnis hat eine große Bedeutung, denn, meine lieben Freunde, es kommen die Menschen immer wieder mit demselben Einwand: Die Kirche hat versagt. Sie herrscht jetzt 2000 Jahre, und sie hat es nicht fertiggebracht, die Menschen zu verwandeln. Immer noch toben Kriege, auch unter christlichen Völkern. Immer noch beuten die Menschen sich gegenseitig aus. Immer noch wahren sie die Gesetze der Sittlichkeit nicht, sondern fallen übereinander her. Da ist dieses Gleichnis wie eine Antwort auf diesen Vorwurf; denn es schildert uns, was die Kirche seit 2000 Jahren tut. Sie wirft den Samen des Wortes Gottes aus. Es ist guter Same, aber der Same benötigt zum Wachstum auch ein gutes Erdreich. Und so schildert der Herr die erste Gruppe von Menschen, deren Verhalten dem Samen gleicht, der auf den harten Weg fällt. Wenn Sie auf Asphalt oder auf Beton den Samen auswerfen, dann ist jede Hoffnung verloren, dass dieser Same jemals aufgehen könnte. Er kann keine Frucht bringen, denn er kann ja nicht Wurzeln schlagen; er kann ja nicht aufgehen. Und so kommen die Vögel des Himmels und picken ihn auf. So gibt es Menschenherzen, deren Herz hart ist wie eine Betonstraße. Es gibt Menschenherzen, die hart sind wie Stein, wo keine göttliche Anregung, kein Wort des Priesters, kein Glockenläuten die harte Schicht durchstoßen kann. Kein äußeres Ereignis kann diese Herzen erreichen. Sie sind verschlossen für Gott und sein Wort. Sie hören nicht das Flüstern der Gnade, aber auch nicht das Grollen des göttlichen Zornes. Sie sind, so scheint es, gottunfähig geworden.

Solche Menschen gibt es, und sie finden sich vor allem unter Gebildeten und Halbgebildeten. Sie haben in den Büchern von Friedrich Nietzsche oder Gotthold Ephraim Lessing gelesen. Sie haben die oberflächlichen Weisheiten aus dem Spiegel geschöpft oder aus den Büchern von Drewermann. Und sie meinen, sie hätten es nicht mehr nötig, den Kirchenglauben, den Kinderglauben zu bewahren. Es sind hochmütige, wissensstolze, selbstgefällige Menschen, die ihren Glauben abgeworfen haben. Ihre Seele ist wie ein festgetretener Boden, den die Saat des Gotteswortes nicht mehr durchdringen kann.

Das Verhalten der zweiten Gruppe gleicht dem Samen, der auf den Felsen fiel. Der Fels trägt eine leichte Humusschicht; der Regen durchweicht sie und die Sonne durchwärmt sie, und so geht der Same rasch auf. Aber er schlägt keine Wurzeln. Der Humus ist zu dünn, und dann glüht die Sonne, und dann peitscht der Regen, und das zarte Pflänzlein geht zugrunde. Auch das ist wieder ein Bild für eine bestimmte Schicht von Menschen. Es sind jene, die auch die Botschaft vom Reiche Gottes gehört haben: in der Kindheit oder in der Jugend. Aber sie hat in ihnen keine Wurzeln geschlagen; sie ist an der Oberfläche geblieben. Der Glaube ist in ihnen nicht zur Überzeugung geworden. Sie haben sich von der Gnade und von der Wahrheit Gottes nicht durchdringen lassen. Es sind das häufig Menschen, die gar nicht unreligiös sind. Sie schätzen das religiöse Erlebnis, das religiöse Gefühl. Sie fühlen sich erbaut, wenn sie manche Werke von Johann Sebastian Bach hören. Aber, meine lieben Freunde, religiöse Stimmung ist kein christlicher Glaube! Religiöse Stimmung genügt nicht, um den Fährnissen von außen und den Versuchungen von innen zu begegnen. Die Religion darf nicht an der Oberfläche bleiben, sie muss die Tiefe der Seele durchdringen. Die Religion darf nicht ein Teil des Lebens sein, sondern das Leben muss ein Teil der Religion sein. „Alles, was ihr tut in Werk oder Wort, tut alles zur Ehre Gottes!“ mahnt der Apostel Paulus.

Das Verhalten der dritten Gruppe wird dem Samen verglichen, der unter die Dornen fiel. Das passiert, wenn der Sämann ausgeht, sehr leicht. Sie haben vielleicht nicht mehr erlebt, wie ein Sämann mit der Hand den Samen ausstreut; wir haben jetzt die Sämaschinen, nicht wahr. Aber in früherer Zeit, auch noch im 20. Jahrhundert, bevor es die Sämaschinen gab, hatte der Sämann eine Schürze umgebunden, und in dieser Schütze war der Samen, und dann warf er ihn rechts und links aus. Da konnte es passieren, dass ein paar Körner auch neben das Ackerfeld fielen, auf den Weg fielen, auf den Rain, wo die Dornen sind. Und die Dornen wachsen auf, aber sie sind stärker als der Samen; sie ersticken ihn. So ist es mit Menschen, die das Wort Gottes hören, aber dem Wort Gottes nicht Raum geben. Der Herr nennt drei Weisen, wie man den guten Samen des Wortes Gottes ersticken kann, nämlich durch die Sorgen, die Freuden und den Reichtum.

Die Sorgen. Wen von uns begleiten die Sorgen nicht? Wir alle sind von Sorgen eingehüllt. Mehr oder weniger trägt jeder ein gerütteltes Maß an Sorgen mit sich herum: die Sorgen um die Gesundheit, um das Einkommen, um das Fortkommen, Sorgen um das Wohnen, Sorgen um das Essen, Sorgen um die Zukunft. Das alles ist ja berechtigt. Aber wir sollten uns an das schöne Wort erinnern, das ich als Knabe in der Wohnung meiner Eltern gelesen habe. Da stand an der Wand: „Sorg’, aber sorge nicht zuviel, es kommt doch, wie Gott es haben will.“ Ein wunderbares Wort. Sorg’, aber sorge nicht zuviel, es kommt doch, wie Gott es haben will. Man kann auch zuviel um seine Gesundheit besorgt sein. Man nennt solche Menschen Hypochonder, die fortwährend um sich kreisen, um ihre Gesundheit, und damit auch den größten Teil ihres Lebens verpassen. Man soll sich um eine Wohnung, um eine schöne Wohnung bemühen, aber wenn ich erlebe, wie manche Menschen gewissermaßen für ihr Haus leben und sterben, wie das ihre Hauptsorge ist und wie sie über dieser Sorge alles andere hintansetzen, dann kann ich nur sagen: Die Dornen dieser Sorge überwuchern den religiösen Keim. Oder die Sorgen um die Nahrung. Selbstverständlich müssen wir um Essen und Trinken besorgt sein. Aber es gibt Menschen, die sind fortwährend auf der Jagd nach Spezialitäten, die machen das Essen zu einer Art Kult. Das sind die Dornen, die das Religiöse ersticken. Wegen dieser Sorgen haben sie keine Kraft und keine Zeit und keine Muße mehr für das Reich Gottes. Die Religion erstickt, weil sie keine Luft zum Atmen hat.

Die zweiten Dornen sind die Freuden. Der Mensch benötigt Freuden, meine lieben Freunde. Der Mensch kann ohne Freuden nicht recht leben. Ein freudloser Mensch ist ein zutiefst unglücklicher und lebensunfähiger Mensch. Der Mensch benötigt Freuden. Aber die Jagd nach der Freude, die Sucht nach der Freude, die Jagd nach dem Genuß und die Sucht nach dem Genuß, das sind die Dornen, die die Religion ersticken. Wer fortwährend nur an Fahrten und Reisen, an Ausflüge und Urlaube denkt, der ist unfähig geworden, den Samen Gottes in seinem Herzen wachsen zu lassen. Wir stehen jetzt mitten in der Fastnacht. Ich bin skeptisch. Ich gönne einem jeden die wirklichen oder vermeintlichen Freuden, die er dort sucht. Aber sind es immer reine Freuden? Freuden müssen aus reinen Quellen fließen. Und wird bei diesen Freuden das Maß eingehalten? Freuden müssen mit Maß genossen werden. Für andere ist der Sport die Freude. Aber auch er kann zum Dornstrauch werden. Ich werde nie vergessen: In meinem ersten Priesterjahr hatte ich einen jungen Mann in meiner Jugend, der zunächst eifrig mitmachte unser Jugendleben, aber dann entdeckte er das Kanufahren. Er war ein begeisterter, ein leidenschaftlicher Kanufahrer, und da das meistens am Sonntag geschah, vernachlässigte er die Sonntagsmesse und fiel schließlich ganz ab. Die Freuden auch des Sporterlebnisses können die Religion ersticken. Freuden dürfen die Religion nicht ersetzen. Die Religion ist nicht billig zu haben; sie kostet etwas, und sie muss von den Menschen bezahlt werden.

Die dritten Dornen sind der Reichtum. Es ist dem Menschen nicht verboten, Reichtum zu erwerben. Wendelin Wiedeking, so war gestern zu lesen, Wendelin Wiedeking, der Vorstandsvorsitzende von Porsche, verdient im Jahre 50 – 60 Millionen Euro. Ich habe mich nicht versprochen. Er verdient 50 – 60 Millionen Euro im Jahre. Was tut er mit dem Vermögen? Wie verwendet er es? Das Vermögen, das so anwächst, kann eher zur Gefahr werden als die Dürftigkeit oder die Armut. Die Wohlhabenheit ist gewöhnlich für den Menschen eine größere Gefahr als die Bescheidenheit des Besitzes. Und deswegen warnt der Herr vor den Gefahren des Reichtums: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr (also das größte Tier des Orients), eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr (durch das kleinste Loch, das man sich denken kann), als dass ein Reicher ins Himmelreich eingeht.“ Er kennt die Gefahren des Reichtums, und er hat auch das andere schöne Wort gesagt: „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ So ist es.

Die Dornen können leicht den Samen des Wortes Gottes ersticken. Alle diese drei Gruppen haben das Wort Gottes gehört, aber alle haben es entweder nicht aufgenommen oder nicht gehegt.

Und doch war die Arbeit des Sämanns nicht umsonst. Es gibt ein Ackerfeld, wo der Samen aufgeht, wächst und Frucht trägt, hundertfältige Frucht. So ist es auch unter den Menschen, die den Samen Gottes aufnehmen, die ihn mit gutem und wackerem Herzen festhalten und Frucht bringen in Geduld. Mir soll niemand sagen, die Gläubigen, die Kirchgänger, sind nicht besser als die anderen. Das stimmt nicht. Dem widerspreche ich, und ich habe Erfahrung aus 57 Jahren Seelsorge. Die Kirchgänger, die Gläubigen, sie sind besser! Sie bringen Frucht. Sie mühen sich. Sie sind gewiß nicht frei von Sünde und von Schuld, aber sie geben ihre Sünde und ihre Schuld nicht als Tugenden aus.

Die Menschen, die Frucht bringen, zeigen, dass das Christentum nicht versagt hat. In ihnen hat es sich bewährt. Sie haben es angenommen, sie haben es gelebt, sie haben es bezeugt. Sie sind nicht schuld daran, dass andere das Christentum missachten, schmähen und schänden. Es ist auch ganz falsch, zu sagen, das Christentum habe seit 2000 Jahren geherrscht. O, meine Freude, wann hat das Christentum jemals geherrscht? Hat man nicht vielmehr unaufhörlich erlebt, wie die Menschen das Christentum benutzen, ausnutzen und wie sie das Christentum unterdrücken? Ist nicht der Satan seit 2000 Jahren unterwegs, Unkraut unter den Weizen zu streuen? Und ist er nicht unterwegs, den Samen aus den Herzen zu reißen? Welche anderen Mittel hat die Kirche, als den Samen auszustreuen, d.h. zu verkünden, zu bitten, zu mahnen, zu warnen? Wie kann man der Kirche vorwerfen, sie habe versagt, wenn ihre Verkündigung nicht gehört, vergessen oder unterdrückt wird?

Christentum vererbt sich nicht. Auch in 2000 Jahren gibt es keine Vererbung des Christentums, sondern das Christentum muss in jedem Menschen neu aufgebaut werden. Die Kirche muss ihre Sämannsarbeit ständig neu beginnen, bei jeder Generation, bei jedem Menschen. Jeder einzelne ist verantwortlich dafür, dass er den Samen des Wortes Gottes aufnimmt. Jeder einzelne ist auch verantwortlich dafür, ob der Samen zerdrückt, ob er fortgetragen oder ob er erstickt wird. Achten wir darauf, meine Freunde, dass der Samen des Wortes Gottes in uns keimt, aufwächst und Frucht trägt, Frucht trägt hundertfältig in Geduld und Liebe.

Amen.

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Arbeiten für das Reich Gottes

20.01.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Die zentrale Verkündigung Jesu ist das Reich Gottes. Immer und immer wieder hat er vom Reiche Gottes gesprochen, hat in Bildern und Gleichnissen den Jüngern zu erklären versucht, was das Reich Gottes ist und wie es um das Reich Gottes bestellt ist. Einmal sagte er: „Das Reich Gottes gleicht einem Sämann, der Samen streut.“ Oder: „Das Reich Gottes gleicht einem Senfkorn, das in den Boden gelegt wird.“ Oder: „Das Reich Gottes ist einer Frau gleich, die Sauerteig unter das Mehl mischte.“ Alle diese Bilder wollen etwas aussagen vom Reiche Gottes. Die Jünger haben sich um das Verständnis bemüht, auch wenn es ihnen manchmal schwer gefallen ist. Sie hatten ihren Vater und ihre Mutter, ihren Beruf und ihren Besitz verlassen, und sie erhofften sich dafür Lohn. „Was wird uns dafür zuteil werden?“ fragt Petrus einmal den Herrn. „Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, werdet, wenn der Menschensohn mit seiner Herrlichkeit kommt, auf zwölf Thronen sitzen und die Stämme des Volkes Israel richten.“ Lohn ist also angesagt. Freilich haben die Jünger auch in dieser Hinsicht oft mehr irdischen Vorstellungen nachgehangen. Die Mutter des Jakobus und des Johannes trat vor den Herrn und sagte: „Herr, sage, dass meine beiden Söhne in deinem Reiche auf den Ehrenplätzen sitzen, rechts und links von dir!“ Der Herr entgegnete ihr: „Ihr wisst nicht, um was ihr bittet.“ Ihr wisst nicht, um was ihr bittet! „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?“

Nun hat uns der Herr das Gleichnis von dem Weinberg und den Arbeitern im Weinberg erzählt. Wir können das Gleichnis relativ leicht deuten. Der Weinbergsbesitzer ist zweifellos Gott, und die Arbeiten im Weinberg, nun, das sind eben die Anstrengungen im Reiche Gottes. Aber das Gleichnis hat eine Reihe von Merkwürdigkeiten. Zunächst einmal fällt auf, dass sich die Arbeiter nicht nach der Arbeit drängen. Sie sind dort, wo damals das Arbeitsamt arbeitete, nämlich auf dem Marktplatz, dort stehen sie herum. Aber sie drängen sich nicht zur Arbeit. Sie warten, bis sie gerufen werden. Und das scheint ein Hinweis darauf zu sein, dass alle, die im Reiche Gottes, also auch in der irdischen Gestalt dieses Reiches, in der Kirche sind, warten, warten müssen, bis der Ruf an sie ergeht. Die Theologie und dann auch das Lehramt haben das so ausgedrückt, dass man sich die erste Gnade, also die Gnade der Berufung, nicht verdienen kann. Sie wird ungeschuldet dem Menschen gegeben. Der Mensch muss auf den Ruf warten, und dann kann er den Eintritt ins Gottesreich vollziehen. Freilich ist er dafür verantwortlich, dass er dem Rufe folgt. Das ist die erste Merkwürdigkeit: Man muss auf die Gnade warten, man muss sich für die Gnade bereiten, aber man ist verantwortlich dafür, dass die Gnade in unserem Leben wirksam wird.

Aber dann geht es noch merkwürdiger zu. Es kommt nämlich der Abend, und da beginnt die Auszahlung. Die Auszahlung findet in umgekehrter Reihenfolge wie die Einstellung statt, nämlich zuerst kommen die, die nur eine Stunde gearbeitet haben, von 5 bis 6 Uhr. Und sie erhalten 1 Denar. Dann kommen die anderen, die der Herr um 3 Uhr eingestellt hat, um 12 Uhr, um 9 Uhr. Und erst zum Schluß kommen die, die schon um 6 Uhr früh angefangen haben zu arbeiten. Auch sie erhalten 1 Denar. Ein Denar, das sind etwa 87 Pfennige; davon konnte man damals einen ganzen Tag leben. Alle erhalten das gleiche, ohne Rücksicht auf die Dauer der Arbeit. Kein Wunder, dass die zuerst Eingestellten zu murren beginnen: „Wir haben die Last und Hitze des Tages getragen, und du hast uns denen gleichgestellt, die nur 1 Stunde gearbeitet haben.“ Das ist doch empörend! Der Herr fasst einen dieser unwilligen Arbeiter ins Auge: „Freund, ich tue dir kein Unrecht. Sind wir nicht über 1 Denar übereingekommen? Ich will aber dem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder darf ich nicht tun, was ich will? Ist vielleicht dein Auge neidisch, weil ich gut bin?“ Man wird sagen können, Unrecht ist den Arbeitern der ersten Stunde nicht geschehen, denn der Vertrag lautete: 1 Denar für die Arbeit von 6 Uhr bis 18 Uhr. Aber freilich, unser moralisches Empfinden ist verletzt, weil der Lohn ungleich scheint. Er scheint deswegen ungleich, weil die einen, die so viel gearbeitet haben, nicht bevorzugt werden gegenüber jenen, die so wenig getan haben.

Wir müssen hier auf ein einziges Wörtchen achten, nämlich: „Ich will“. Der Herr will es, und sein Wille ist für uns verbindlich. Unter seine Willensmacht müssen wir uns unterwerfen. Es ist der menschliche Stolz und der menschliche Neid, der nicht ertragen will, dass einem anderen Gutes geschieht, dass ein anderer ebenfalls mit einem Lohn bedacht wird, den er, wie uns scheint, eigentlich nicht verdient hat.

Meine lieben Freunde, wir haben es uns, zumal in der nachkonziliaren Kirche, angewöhnt, Gott nur als den gütigen Vater anzusehen. Das ist er zweifellos. Und das ist auch sicher ein Hauptinhalt der Frohen Botschaft des Neuen Testamentes: Gott ist unser Vater, zu dem wir im Vaterunser rufen. Aber Gott hört deswegen nicht auf, der Herr und Schöpfer zu sein. Wenn wir das Bild des Herrn und Schöpfers verdecken mit dem Bilde vom Vater, dann kommen wir zu falschen Schlussfolgerungen. Gott bleibt der souveräne Herr. Durch seine Vaterschaft verliert er nichts von seinem Herrentum, von seinem göttlichen Herrentum, von seiner göttlichen Herrenhoheit. Wir denken oft zu menschlich von Gott. Im Kriege haben die Leute gesagt: Warum ist aus dieser Familie der Vater zurückgekehrt, und aus meiner Familie ist er nicht zurückgekommen? Und in den Bombennächten haben die Menschen gesagt: Ja, warum ist unser Haus zerstört worden und nicht das Haus des anderen? Und noch heute sagen die Menschen: Warum wird der mir vorgezogen, warum wird der befördert, und ich werde hintangesetzt? Meine lieben Freunde, wir haben keine Ansprüche gegen Gott. Der Gott des Alten Bundes hat das einmal dem Propheten Jeremias klargemacht. Er schickte den Jeremias in eine Töpferwerkstatt. In dieser Töpferwerkstatt sah er, wie der Töpfer an der Drehscheibe Gefäße formte, Tongefäße, und wenn sie missrieten, da warf er sie weg. Als Jeremias die Töpferwerkstatt verließ, hat Gott zu ihm gesprochen und ihm gesagt: „Kann ich nicht wie der Töpfer mit dem Haus Israel verfahren?“ Natürlich kann er das. Er ist der Herr, und alles muss sich ihm beugen.

Das gilt auch für die Arbeit im Reiche Gottes. Meine lieben Freunde, es ist nicht unser alleiniges Verdienst, wenn wir für Gott arbeiten, für Gott arbeiten dürfen. Es ist auch zugleich und noch viel mehr Gottes Gnade und Gottes Kraft. Er hat uns die Fähigkeit gegeben, für ihn zu arbeiten. „Was hast du, das du nicht empfangen hast?“ So schreibt einmal der Apostel Paulus. Was hast du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, warum rühmst du dich, als ob du es nicht empfangen hättest? Also: Die Arbeit im Weinberg ist gewiß Arbeit im Reiche Gottes, und die Seligkeit des Himmels ist der Lohn für diese Arbeit. Aber es ist nicht nur, nicht zuerst die eigene Leistung, die hier gelohnt wird, es ist Gottes Kraft, die uns diese Arbeit verrichten lässt. „Wenn Gott unsere Verdienste krönt, krönt er seine Gaben.“ Das ist ein ehernes Wort des heiligen Augustinus. Wenn Gott unsere Verdienste krönt, die wir ja haben, das sei nicht geleugnet, dann krönt er seine Gaben. Das Zusammen von Verdienst und Gnade ist freilich schwer aufzuhellen. Es wird uns im Himmel einmal klar werden. Aber es besteht ein solcher Zusammenhang. Der Apostel Paulus wusste, dass er ein tüchtiger Arbeiter im Reiche Gottes ist. „Ich habe mehr gearbeitet als alle anderen.“ Nanu. Gleich nachher aber sagt er: „Nein, nicht ich, sondern die Gnade Gottes in mir.“ Das ist die katholische Haltung. Ich habe mehr gearbeitet als alle anderen, aber nicht ich, sondern die Gnade Gottes in mir.

Wie der Ruf zum Eintritt in das Gottesreich, so ist auch das Leben- und das Arbeitendürfen im Gottesreich unverdiente Gnade. Der eine wird früh gerufen, der andere später. Der eine darf schon im Kindesalter im Glück des katholischen Glaubens aufwachsen, ein anderer findet erst nach einem irrenden Leben, nach einem verirrten Leben den Weg zum Glauben. Meine Freunde, ich habe mich immer dagegen gewehrt, dass man sagt: Ja, im Alter, da werden sie fromm, die Christen. Ja, warum denn nicht? Ja, Gott sei Dank, dass sie wenigstens im Alter fromm werden! Oder sollen sie das Lotterleben auch im Alter fortsetzen? Das ist kein rechter Vorwurf. Gott sei Dank, wenn einer im Alter sich besinnt und zu Gott zurückkehrt. Gott sei gedankt dafür. Niemand konnte eher im Gottesreiche stehen, als bis Gottes Gnade ihn rief. Und niemand konnte mehr arbeiten und leisten als das, was Gottes Gnade ihm an Kraft und Streben gab.

Ich meine, damit ist auch die Frage des Lohnes einigermaßen beantwortet. Die Apostel erhofften sich von ihrer Arbeit den entsprechenden Lohn, und das ist richtig so. Im 1. Korintherbrief, wie wir ja heute gehört haben, steht der Satz: „Jeder aber wird seinen eigenen Lohn erhalten nach dem Maß der angewandten Mühe.“ Es gibt also doch Gerechtigkeit, auch für die Arbeiter. Jeder wird den eigenen Lohn erhalten nach dem Maß der angewandten Mühe. Die sogenannten Reformatoren haben die Verdienstlichkeit unserer Werke geleugnet. Sie wollten von Verdienst nichts wissen. Alles macht Gott, der Mensch macht gar nichts. Ganz falsch! Ganz falsch! Dagegen ist das Konzil von Trient aufgestanden: „Wenn einer sagt, die guten Werke des gerechtfertigten Menschen seien so die Geschenke Gottes, dass sie nicht auch zugleich Verdienste des Gerechtfertigten selber seien, oder der Gerechtfertigte verdiene durch die guten Werke, die er verrichtet, nicht in Wahrheit selbst die Vermehrung der Gnade, das ewige Leben und die Erreichung des ewigen Lebens und die Vermehrung der Glorie, der sei ausgeschlossen!“ Das ist die Sprache des Konzils von Trient. Alles ist Gottes Geschenk, und alles ist unsere Leistung, wenn auch in je verschiedener Hinsicht. Wir arbeiten in der Kraft der Gnade, aber wir arbeiten, und wir haben nach Gottes Willen, nach seiner gnädigen Verordnung Anspruch auf Lohn. „Wenn jemand sagt, die Gerechten dürften für die guten Werke, die sie in Gott getan, wenn sie im Gutestun und der Beobachtung der Gebote Gottes bis zum Ende ausgeharrt haben, von Gott keinen ewigen Lohn erwarten noch hoffen, der sei im Banne!“ So ist es.

Die Seligkeit des Himmels wird allen zuteil, die von der Gnade gerufen sich ihrem Rufe angeschlossen und für Gott gearbeitet haben, ohne Rücksicht darauf, wann der Eintritt in das Reich Gottes erfolgt ist. Aber die Seligkeit kann verschieden sein. Es kann einer im Himmel mehr von Gottes Herrlichkeit durchdrungen sein als der andere. Auch im Himmel gibt es die Möglichkeit, dass Gott in der verliehenen Herrlichkeit die Verdienste des Menschen berücksichtigt. Das ist katholische Lehre.

Wir wollen also in unserer Zuversicht nicht nachlassen, dass unsere Arbeit nicht vergeblich ist. Wenn wir in der Gnade arbeiten, dann dürfen wir nach Gottes Willen Lohn erwarten. Im letzten Buch der Heiligen Schrift wird das noch einmal bekräftigt. Da sagt Gott dem Apokalyptiker Johannes: „Siehe, ich komme bald, und mein Lohn kommt mit mir, einem jeden zu vergelten nach seinen Werken.“

Amen.

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Das Vorbild der heiligen Familie

13.01.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Wir begehen heute das Fest der heiligen Familie. Es ist und bleibt eine Tatsache: Als Christus die Welt erlösen wollte, hat er mit der Heiligung einer Familie begonnen. In der Epistel des vorigen Sonntags wird uns der Zweck seines Kommens unterbreitet. Da heißt es nämlich: „Er war dem Gesetze untertan, um die zu erlösen, die unter dem Gesetze standen.“ Er war dem Gesetze untertan, um die zu erlösen, die unter dem Gesetze standen. So hat er das alttestamentliche Gesetz erfüllt in der Beschneidung, wo er das Bundeszeichen empfing, in der Darstellung im Tempel, wo die Erstgeburt ausgelöst wurde und wo Maria die Reinigung erfuhr. Er hat aber auch den Gehorsam bewiesen in der Unterordnung unter seinen Pflegevater Joseph und seine Mutter Maria. „Er zog mit ihnen hinab nach Nazareth und war ihnen untertan.“ Um dieses einen Satzes willen sind die Texte der heutigen Messe entstanden. Der ewige Gottessohn dient seinen Eltern, dient in einem verborgenen Leben seinem Pflegevater und seiner Mutter.

Das Fest der heiligen Familie stellt uns das schlichte Heim zu Nazareth vor die Augen. Es ist ein Abbild des Gotteshauses, so wie jede Familie ein Abbild des Gotteshauses sein soll. „Wie lieblich sind deine Wohnungen, o Herr der Heerscharen.“ So haben wir am Eingang dieser Messe gesungen, weil eben ein jedes Haus, ein jedes Heim ein Abbild des Gotteshauses sein soll. „In Freude frohlockt der Vater des Gerechten, sein Vater freut sich und seine Mutter.“

In der Epistel wird es dann ernster, denn in der Epistel des heutigen Tages, die ich ja eben vorgetragen habe, werden uns die Tugenden genannt, die ein christliches Haus nach dem Vorbild von Nazareth auszeichnen sollen. „Ziehet an, Brüder, herzinniges Erbarmen, Güte, Demut, Sanftmut, Langmut. Ertraget einander und verzeihet einander, seid dankbar!“ Achten wir darauf, welche Tugenden der Apostel Paulus für unerlässlich hält, damit ein jedes Haus ein Abbild von Nazareth werden kann. Ziehet an herzinniges Erbarmen, Güte. Erbarmen ist die Liebe zu der gefallenen, zu der schuldbeladenen, zu der elenden Kreatur. Ja, meine lieben Freunde, ohne Erbarmen wäre die Welt eine Hölle. Erbarmen wendet sich dem zu, der sich selbst nicht helfen kann. Erbarmen wird dem gezeigt, der nicht liebenswürdig ist. Das ist Erbarmen. Güte, das ist das Wohlwollen, das wir jedem Menschen beweisen wollen. Wenn wir uns nicht bemühen, wohlwollend gegen jeden zu sein, dann werden wir unwillkürlich grausam. Wir müssen wohlwollend gegen jeden sein.

Und dann heißt es weiter: Demut, Sanftmut, Langmut. Demut, das ist die Tugend, mit der wir uns hinten anstellen, die Tugend, die zufrieden ist mit dem letzten Platz, die Tugend, die sich nicht hervortun will und nicht vorgezogen werden will. Sanftmut, das ist jene Tugend, mit der wir den Zorn besänftigen. Der Zorn, der so viel Unheil anrichtet im Herzen des Zornigen und in der Familie. Sanftmut ist Milde, ist Ausgleich, ist Duldsamkeit. Langmut, Langmut ist ein anderes Wort für Geduld. Wir müssen warten können. Wir müssen mit den Menschen Geduld haben. Wir dürfen unsere Forderungen nicht übers Knie brechen. Geduld erträgt auch schwierige und komplizierte Menschen. Und dann wird uns auch gleich wieder gesagt: „Ertraget einander!“ Ja, das ist es, meine lieben Freunde, einander ertragen, das wäre das allerwichtigste in der Familie. Jeder Mensch will ertragen werden, jeder Mensch. Jeder Mensch hat sogar etwas Unerträgliches an sich. Ertraget einander. Verzeihet einander. Jeder weiß, dass es ohne Anstöße, ohne Schmerz in den menschlichen Beziehungen nicht geht, aber die Sonne nicht untergehen lassen über den Zorn! Das heißt, bevor es Abend wird, sich versöhnen. Verzeihet einander! Nicht nachtragen, nicht immer wieder darauf zurückkommen, wie das Menschen machen. Seid dankbar! Dankbar auch für das Selbstverständliche. Wie tut es den Menschen wohl, wenn man ihnen für ein Lächeln, für ein gutes Wort Dankbarkeit bezeigt! Seid dankbar!

Wenn wir diese Tugenden erwerben, meine lieben Freunde, dann kann auch unsere Familie eine heilige Familie werden, dann können wir vertrauensvoll die Fürbitte der heiligen Familie für uns erbitten und um die Kraft beten, sie nachzuahmen. Wir haben am Eingang gesungen: „Jesus, Maria und Joseph.“ Ja, das ist ein ganz ergreifendes Gebet. Es ist vor allem ein Gebet für die Sterbestunde. Jesus, Maria und Joseph, euch vertraue ich meinen Leib und meine Seele. Jesus, Maria und Joseph, lasst meine Seele in Frieden scheiden. Jesus, Maria und Joseph, steht mir bei im letzten Kampfe. Ja, das ist es. Jesus, Maria und Joseph sollen unser Leben, aber auch unser Sterben geleiten. Wenn wir die Tugenden erwerben nach dem Vorbild von Nazareth, dann wird der Friede in unsere Familien einziehen, der Friede, nach dem alle verlangen und für den viele so wenig tun. Eine Stätte des Friedens soll unser Heim sein, ein friedvolles Heiligtum eine jede christliche Familie. Die schlichte Mutter und der treue Arbeitsmann sind Vorbild für unsere Eltern. Wenn wir diese Menschen uns zum Vorbild nehmen, dann wissen wir, was wir als Eltern zu tun haben. „Wo jeder Mann ein Joseph ist, Maria jedes Weib und jedes Kind wie Jesus Christ gedeiht an Seel’ und Leib, da ist, mein Christ, o glaub mir dies, ein jedes Haus ein Paradies.“ Wahrhaftig, ein gutes Elternhaus ist der beste Start für das Leben. Wenn die Kinder aus einem guten Elternhaus kommen, können sie das zeitliche und das ewige Glück viel leichter erringen als jemand, der aus einem friedlosen Elternhaus auszieht in die Welt. Die ganze Geschichte gibt Zeugnis davon, wie segensreich die religiöse Festigung der Familie ist. Dort, wo das Ehesakrament feste Bande um die Gatten schlingt, eine Mauer aufrichtet, so dass sie nicht darüber hinausschauen und nicht aus der Ehe ausbrechen, da hat das Kind seinen kostbaren Schutz im Schoße einer solchen Familie, das Kind, die kostbare Frucht ehelicher Gemeinschaft.

Der französische Staatspräsident, meine lieben Freunde, Sarkozy, ist ein katholischer Christ, und er will es sein. Er bekennt sich als katholischer Christ. Aber er ist den Forderungen des katholischen Lebens offenbar nicht gewachsen. Er ist zweimal geschieden und zieht mit einer dritten Frau herum. Aus der ersten Ehe sind zwei Kinder da, aus der zweiten auch zwei. Man nennt so etwas eine Patchwork-Familie heute, also eine Familie, die aus Flickwerk besteht. Wie ist das schmerzlich! Ein solcher Mann, der katholisch sein will und es auch ist, aber der den elementaren Forderungen des Glaubens nicht genügt. Das ist kein Vorbild für Frankreich. Nein, wenn die Kirche den Lebensbund zweier Menschen vor den Stufen des Altares segnet, dann will sie damit, dass das eheliche Leben durchgehalten wird bis zum Ende, in guten wie in bösen Tagen! Und sie will auch, dass das eheliche Leben nicht ein Ausleben der Sinnlichkeit ist, sondern ein Gottesdienst, ein ehrfürchtiges Teilnehmen an Gottes geheimnisvollem Schöpferplan. Kindersegen ist keine unerwünschte Last, Kindersegen ist ein Gottesgeschenk, ein tiefes Glück und eine ernste Verpflichtung. Eine Ehe, meine Freunde, lässt sich nicht auf Geschlechtlichkeit aufbauen. Der Trieb erschöpft sich bald, und wenn er sich nicht erschöpft, dann schaut er nach anderen aus. Was die Ehe trägt, ist Achtung und Ehrfurcht, ist Wohlwollen und Dienstwille. Auch da haben wir zum Glück das Vorbild einer edlen Frau Die Familienministerin Ursula von der Leyen, eine gläubige evangelische Frau, ist Mutter von sieben Kindern, und wie man hört, nimmt sie sich der Kinder an trotz ihres hohen Amtes. Ich spreche nicht von ihrer Politik, sondern von ihrem Privaten Leben. Und das ist vorbildlich. Sie hat jeden Tag Zeit für ihre Kinder, und sie widmet sich auch der religiösen Erziehung der Kinder. Da haben wir ein wirkliches Vorbild einer Mutter, die als Priesterin in ihrer Familie waltet.

Und dazumahnt uns ja die Kirche: „Hütet den Tempelbezirk der Familie!“ Das einzige Ereignis, das wir aus dem verborgenen Leben Jesu erfahren, ist ein Gang zum Tempel – das einzige Ereignis! Und das wird uns offenbar nicht ohne Absicht enthüllt. Es soll uns gezeigt werden, dass die Religion die Seele jeder Familiengemeinschaft sein muss, eine gesunde Frömmigkeit, die Eltern und Kinder zu einer gesegneten Einheit verbindet. Die ganze Erziehung muss religiös geprägt sein. Das heißt für die katholische Familie: Kein Sonntag ohne heilige Messe, kein Tag ohne Gebet, kein großes Fest ohne Beicht und Kommunion. Das sollen die eisernen Grundsätze werden, die wir uns selbst aneignen und die wir unseren Kindern vermitteln: Kein Sonntag ohne heilige Messe, kein Tag ohne Gebet, kein großes Fest ohne Beicht und Kommunion.

Die Religion muss aber lebendig sein. Ich halte nichts von einer Häufung der Frömmigkeitsübungen, die nicht von einer wirklichen Überzeugung getragen sind. Das ist das Entscheidende, meine lieben Freunde, dass wir die Kinder nicht dressieren zu bestimmten Frömmigkeitsübungen, sondern dass wir ihnen Überzeugungen vermitteln. Sie müssen begreifen, dass die Frömmigkeit lebensnotwendig ist wie das Atmen und wie die Nahrung, dass es ohne Religion nicht gut geht. Sie müssen sich die Religion verinnerlichen, internalisieren, wie man das heute nennt. Wenn wir keine Überzeugung begründen, die Dressur hält nicht durch. Die Kinder müssen Grund und Zweck und Sinn der Religion und der religiösen Übungen begreifen. Die Religion muss in ihnen Wurzeln schlagen. Das ist es: Sie muss in ihnen Wurzeln schlagen. Dann wird sie auch halten. Sie müssen die Religion als unentbehrlichen Bestandteil ihres Lebens begreifen.

Das wird nur möglich sein, wenn die Eltern auch ihre Autorität wahren. Eltern sind Autoritätspersonen. Sie haben das Recht und die Pflicht, zu führen und zu befehlen, erforderlichenfalls auch zu strafen. Die Kinder haben die Pflicht des Gehorsams. Aber man kann die Autorität auch verlieren. Wie verliert man die Autorität? Indem man sich gehen lässt, indem man unbeherrscht ist, indem man widersprüchlich ist im Handeln und im Befehlen. Das sind die Weisen, wie man die Autorität verspielt: Unbeherrschtheit, Sich-Gehen-Lassen, Widersprüchlichkeit im Handeln und Befehlen. Wenn dagegen die Eltern ihre Autorität durch die Tugenden stützen, die sie erwerben sollen, dann können die Kinder auch das den Eltern erweisen, was unerlässlich ist, nämlich Ehrfurcht, Liebe und Gehorsam. Ehrfurcht, also diese heilige Scheu, den anderen zu kränken, dem anderen weh zu tun. Achtung und Wertschätzung, das ist Ehrfurcht. Liebe, das ist unbegrenztes Wohlwollen und Wohltun. Die Liebe hört nie auf. Sie hört auch nicht auf, wenn Eltern sich vergessen und sich verfehlen. Und Gehorsam, das heißt Einordnung, Unterordnung, Verzicht auf den eigenen Willen. Ehrfurcht, Liebe und Gehorsam sind die Tugenden, die die Kinder den Eltern erweisen müssen. Wenn die elterliche Autorität begründet ist durch ein vorbildliches Leben und wenn die kindliche Einordnung sich zeigt in den erwähnten Tugenden, dann wird wahrhaftig die Familie ein Heiligtum. Dann steht der Vater wie ein Priester in der Familie und die Mutter wie eine Tempelhüterin, dann kann man hoffen, dass die Eltern am Ende ihres Lebens einmal sagen können: „Keinen von denen, die du mir gegeben hast, habe ich verloren.“

Ein solches Familienleben, meine Freunde, verlangt viel sittliche Kraft und hohen Opfergeist, Geduld und vor allem Selbstverleugnung. Das ist ein Wort, das man heute nicht gern hört: Selbstverleugnung, und es ist vielleicht das Wichtigste, was in der Familie gelebt werden muss, dass man eben auf eigene Wünsche, Pläne, Vorlieben verzichtet, wenn höhere Werte auf dem Spiele stehen. Selbstverleugnung spricht: Nicht ich, sondern du, nicht dass es mir gut geht, sondern dass es dir gut geht. Das ist Selbstverleugnung. Die Selbstverleugnung bringt großen Segen in die Familie. Sie ist die Bürgschaft wahren irdischen Glückes und die Verheißung ewigen Glückes. Wir beten ja heute im Kirchengebet so ganz ergreifend: „Herr, du hast durch deine Tugenden das häusliche Leben geheiligt, da du Maria und Joseph untertan warst. Gib auf die Fürbitte beider, dass wir uns das Beispiel der heiligen Familie zur Lehre nehmen und dass wir einst die ewige Gemeinschaft mit dir erlangen.“

Amen.

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Freude über die Vorsehung Gottes

06.01.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte, zur Feier der Erscheinung des Herrn Versammelte!

Das Fest der heiligen drei Könige, wie wir es nennen, hat sich tief in unsere Herzen eingegraben. Schon als Kinder standen wir gern vor der Krippe und beobachteten, wie die Könige, wie die Weisen mit ihren orientalischen Tieren in das Gelände einziehen, wo das Kind mit seiner Mutter zu finden war. Die heiligen drei Könige sind unsere Freunde von Jugend auf. Uns zieht aber nicht nur das Äußere an, sondern auch das Geheimnisvolle. Sie kommen, aber man weiß nicht, woher; sie gehen, aber man weiß nicht, wohin; sie folgen einem Stern, aber der Stern entzieht sich wieder unseren Blicken. Doch sie werden geführt. Ein Stern ruft sie aus ihrer Heimat, ein Stern, der zunächst verschwindet, aber sich dann wieder zeigt und ihnen den Weg weist zu dem Kinde. Es ist verständlich, wenn es in der Heiligen Schrift heißt: „Als sie den Stern sahen, hatten sie eine überaus große Freude.“

Meine lieben Freunde, wir brauchen nicht dem anglikanischen Erzbischof von Canterbury zu folgen, der die Weihnachtsgeschichte als Legende erklärt. Wir halten uns lieber an die großen Astronomen wie Tycho de Brahe und Johannes Kepler, die fest überzeugt waren, dass ein solcher Stern die Weisen zur Krippe geführt hat.

Der Stern kann uns zu der Überlegung führen, daß auch über uns eine höhere Macht steht und unser Leben leitet. Wir wollen heute nur einem einzigen Gedanken folgen, nämlich der Freude über die Vorsehung Gottes, die uns führt. Der Katechismus sagt: Gott erhält und regiert die Welt. Gott erhält und regiert alles, was da besteht. Manche Menschen haben halb unbewußt die Meinung, die Welt ist ein großes Uhrwerk, der Herrgott hat es geschaffen, aber jetzt überlässt er dieses Uhrwerk seinem eigenen Gesetz. Es läuft ab, ohne dass sich Gott darum kümmert. Diese Meinung wurde seit dem 18. Jahrhundert vom Deismus vertreten, einer Irrlehre. Nein, Gott wirkt und schafft dauernd in der Welt. Er ist kein unparteiischer Zuschauer. Wenn Gott nur einen einzigen Augenblick seine Kraft entziehen würde, dann würde das All in das Nichts zurückfallen, dann wäre das die Vernichtung alles Geschaffenen.

Die Theologie hat über diese Wahrheit nachgedacht und uns manches Erhellenswertes beschert. Sie spricht vom „concursus generalis und universalis“, d.h. von der allgemeinen Mitwirkung Gottes mit allem, was an geschöpflichem Tun geschieht. Gott gibt nicht nur die Fähigkeit zum Tun, nein, er tut bei jedem menschlichen Tun mit, er wirkt bei jeder menschlichen Tätigkeit mit. Gott wirkt alles, aber er wirkt es nicht allein, und der Mensch wirkt mit, aber er wirkt es in der Kraft Gottes. Das ganze Tun, das wir verrichten – und wenn ich hier am Ambo stehe – das ganze Tun, das wir verrichten, ist von Gott getragen. Gott wirkt alles, und wir wirken alles, aber in jeweils verschiedener Weise, er nämlich in übergeordneter und wir in untergeordneter Weise.

Da höre ich den Einwand: Ja, sind es nicht die Naturgesetze, die alles Geschehen in der Welt bestimmen? Wo bleibt da noch Platz für die Vorsehung? Naturgesetze, meine lieben Freunde, sind Geschöpfe Gottes. Er hat sie geschaffen, und die Naturgesetze sprechen seine Sprache. Das ist es ja, dass alles, was auf Erden sich bewegt und was auf Erden geschieht in der Macht der Naturgesetze, auf Gottes Willen zurückzuführen ist. Er hält die Welt im Dasein, er lässt die Sterne kreisen, und wenn er einmal aufhören wird, sie kreisen zu lassen, dann fallen die Sterne vom Himmel, wie es Jesus vorausgesagt hat. Der Gott, der die Welt und alles, was in ihr ist, geschaffen hat, ist auch der Herr der Naturgesetze; sie sind der Ausdruck seiner Weisheit und seiner Macht.

Da höre ich einen anderen Einwand: Ja, aber wie ist es mit dem Zufall? Wo ist denn die Vorsehung bei den Zufälligkeiten meines Lebens und deines Lebens? Zufälle, die so eigenartig, so schmerzlich, aber auch manchmal beglückend in unser Leben eingreifen? Da löst sich oben am Berge durch ein flüchtiges Tier ein Steinchen, es rollt zu Tale, der Schnee ballt sich um das Steinchen zusammen und ein furchtbare Lawine verschüttet ganze Dörfer und Straßen und zerstört, was ihr in den Weg kommt. Zufall? Zufall gibt es nicht. Die Macht der Naturgesetze ist auch hier wirksam, und die Macht der Naturgesetze ist die Sprache Gottes, daran ist nicht zu rütteln. Und auch die Naturgesetze müssen Gott gehorchen. Auch sie müssen seiner Vorsehung dienen. Nichts geschieht von ungefähr, alles kommt vom Höchsten her.

Vor Jahrtausenden schon, ach, was sage ich, vor Anbeginn der Zeit hat der Herr gewusst, wie es kommen wird und hat es doch nach seinem unerforschlichen Willen zugelassen, dass die Kräfte zusammenwirken, und in der Stunde oder in der Sekunde, da er es wollte, löste sich das Steinchen, und die Lawine donnerte ins Tal. Ich gebe zu, wir stehen vor Rätseln, wir können es nicht begreifen. Aber in all den dunklen Geheimnissen gibt es doch den Trost: Gott weiß alles, er weiß auch, warum das geschehen musste. Der Zufall ist nichts anderes als die in Schleier gehüllte Notwendigkeit. Nichts geschieht von ungefähr, alles kommt vom Höchsten her.

Und so hat er auch vor Anbeginn der Zeit unser Leben geplant. Er hat einen Entwurf gemacht für unser Leben, und diesem Entwurf wird es folgen, was immer auch geschieht. Kein Künstler kann ein Kunstwerk mit solcher Liebe schaffen, wie Gott unser Leben geplant hat. Auch unser Leben ist ein Kunstwerk, ein Kunstwerk in der Hand Gottes. Und wir müssten dankbar sein, dass Gottes Vorsehung über uns waltet.

Doch gibt es noch einen letzten Einwand, nämlich: Wie steht es mit dem freien Willen des Menschen? Gibt es überhaupt einen freien Willen? Das ist der Gipfelpunkt der Vorsehung Gottes, dass die Vorsehung sogar den freien Willen des Menschen einbegreift in ihre Pläne. Gott lässt dem Menschen seinen Willen, aber dennoch lässt er seine Pläne nicht durchkreuzen. Er hat alle, auch unsere freien Handlungen in seine Pläne einbezogen. All unsere Gebete, all unsere Leiden, all unsere Tätigkeiten sind in seine Vorsehung aufgenommen. Er lässt dem Menschen nicht nur die Freiheit, er wirkt sie sogar. Wir sind nur frei, weil Gott uns frei macht. Gott zwingt den Menschen nicht, er lässt ihm seinen Willen. Das war der Irrtum der Jansenisten, dass sie meinten, die Gnade sei unwiderstehlich. Nein, die Gnade ist nicht unwiderstehlich, es gibt eine abgelehnte Gnade, für die wir Rechenschaft legen müssen. Der menschliche Wille bleibt auch unter dem Einfluß der Gnade frei. Die Gnade ist nicht unwiderstehlich. Wie freilich der menschliche Wille und die Vorsehung Gottes zusammenwirken, das bleibt ein undurchdringliches Geheimnis.

Sie kennen die Geschichte vom ägyptischen Josef. Die Brüder haben ihn verkauft an Händler, die nach Ägypten zogen. Sie wollten ihn unschädlich machen; er war ihnen lästig, weil ihn der Vater besonders liebte und weil er merkwürdige Träume hatte, die ihm eine führende Stellung einräumten. Sie haben ihn also verkauft und dachten: Jetzt haben wir ihn losgebracht. Aber was geschah? In Ägypten stieg er zum Vizekönig des Pharao auf. Gerade diese Missetat benutzte Gott, um seine Pläne mit Josef durchzuführen. Ja, alle Geschöpfe müssen ihm dienen, ob belebt oder unbelebt, ob mit oder ohne ihren Willen. „Ich bin der Herr, dein Gott!“

Und wir dürfen uns das Wort des heiligen Apostels Paulus zu eigen machen: „Denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Besten.“ O meine lieben Freunde, ein furchtbares Wort! Denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Besten, auch die Leiden und die Qualen, auch die Misserfolge und die Enttäuschungen, auch der Betrug und die Verleumdung, die wider uns aufstehen. Denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Besten, ohne Ausnahme. Auch das Leid, auch die schweren Stunden haben ihren Platz im Plane Gottes, meine lieben Freunde. Es wird wenige unter uns geben, die nicht schon manchmal gedacht haben: Ich kann nicht mehr, es geht nicht mehr, es ist zu viel, ich bin am Ende meiner Kraft. Und dann ist es doch wieder gegangen, dann hat doch wieder die Kraft Gottes uns gestützt, und dann sind wir doch weitergegangen. Es ist in Wahrheit so: Der Herrgott schickt uns soviel Leid, wie wir brauchen, um nicht in die Irre zu gehen. Er schickt uns soviel Leid, wie wir brauchen, um nicht in die Irre zu gehen.

Als ich im Priesterseminar war 1950, erschien unser Bischof und hielt uns einen Vortrag. Der Vortrag hatte zum Thema: „Es ist gut für mich, dass du mich gedemütigt hast.“ Das ist ein Wort aus dem 118. Psalm. „Es ist gut für mich, dass du mich gedemütigt hast.“ Es ist gut für mich, dass du mich geschlagen hast. Es ist gut für mich, dass du mir das Leid geschickt hast. Es ist gut für mich, das heißt, es ist nützlich für die Ewigkeit.

Wir sollten also unser Vertrauen zur Vorsehung Gottes erneuern am Beispiel der Könige, der Weisen, die aus dem Morgenlande zum Krippenkinde kamen. Nichts geschieht von ungefähr, alles kommt vom Höchsten her. Ein Student besuchte einmal einen frommen Pfarrer, und ein böses Wetter überraschte ihn. Als er beim Pfarrer ankam, da schimpfte er über das Wetter nach Kräften. Der Pfarrer hörte ihm zu, und nach einer Pause sagte er: „Junge, was schimpfst du denn? Es ist Gottes Wetter!“ Das ist wie ein Blitz in seine Seele eingezogen: Es ist Gottes Wetter. Ja, das Wetter ist Gottes, und unser Leben ist Gottes, und unsere Arbeit ist Gottes, und unsere Freude ist Gottes, unser Erfolg ist Gottes, und unser Misserfolg ist Gottes, und unser Leid ist Gottes. Alles ist Gottes. Gott ist weiser, er sieht weiter, er schaut tiefer, als wir es vermögen. Er regiert die Welt, und er hat am Anfang gesprochen. Als Gott sah, was er gemacht hatte, da erkannte er: Es war alles gut. Und wenn die Welt zu Ende geht, wird er wieder sagen: Er erkannte, was er gemacht hatte mit seiner Vorsehung, und es war alles gut.

Der große englische Theologe und Kardinal Newman hat einmal ein schönes Gebet verfaßt, das ich schon seit vielen Jahrzehnten auswendig kann. Dieses schöne Gebet lautet: „Führe, du mildes Licht, im Dunkel, das mich umgibt, führe du mich hinan! Die Nacht ist finster, und ich bin fern der Heimat, führe du mich hinan! Leite du meinen Fuß, sehe ich auch nicht weiter, wenn ich nur sehe jeden Schritt. Einst war ich weit zu beten, dass du mich führest, selbst wollt ich wählen, selbst mir Licht trotzend dem Abgrund dachte ich meinen Weg zu bestimmen, setzte mir stolz das eigene Ziel. Aber jetzt laß es vergessen sein. Du hast mich so lang behütet, wirst mich auch weiter führen über sumpfiges Moor, über Ströme und lauernde Klippen, bis vorüber die Nacht und im Morgenlicht Engel mir winken. Ach, ich habe sie längst geliebt, nur vergessen für kurze Zeit.“

Amen.

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Jesus auf dem Weg zu seinem Leiden

03.02.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Jetzt wirbeln noch einmal die Massen durch die Säle der Gastwirtschaften und der Rathäuser. Die Menschen suchen noch einmal Vergessen von dem grauen Alltag. Sie wollen sich Glück und Freude verschaffen, Seligkeit, wenigstens für gewisse Stunden. Zu diesem lustigen Kehraus passt das Evangelium des heutigen Tages gar nicht. Wir treffen den Herrn auf seinem Schicksalsweg nach Jerusalem. Dieser Weg führt von der Höhe des Taborberges auf den Golgothahügel, denn kurz nach der Verklärung lesen wir beim Evangelisten Lukas: „Und es geschah, dass sich die Tage seines Heimgangs erfüllten. Da wandte sich sein Angesicht stracks gegen Jerusalem.“

Der Herr weiß genau, was über ihn kommen wird. Doch mit keinem Schritt weicht er dem Willen seines Vaters aus. Der Weg nach Jerusalem ist noch weit, es sind noch einige Wochen bis zum Osterfest, aber unverrückbar folgt er seinem Ziele. Was wird aus den Jüngern geschehen? Wie werden die Jünger dieses schreckliche Geschehen ertragen, diese ahnungslosen Jünger? Da muss er sie vorbereiten. Und so spricht er einmal, zweimal dreimal seine Leidensweissagung. „Er aber nahm die Zwölf beiseite und sprach zu ihnen: ,Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und alles wird erfüllt werden, was durch die Propheten über den Menschensohn geschrieben worden ist.’“

Was über Jesus kommt, ist also nicht das Werk eines augenlosen Schicksals, ist auch nicht nur das Werk der gehässigen Juden, ist auch nicht nur das Werk der Heiden, und es ist auch nicht nur das Werk des Verräters. Nein, was ihm geschieht, das ist von Gott verordnet und durch seine Propheten vorherverkündet. Er wird den Heiden ausgeliefert, er wird misshandelt, er wird beschimpft, er wird angespuckt, er wird gegeißelt werden, und dann werden sie ihn kreuzigen. Diesem Schicksal geht er entgegen. Der Prophet Isaias hatte dieses Schicksal vorausverkündet: „Verachtet war er, der Letzte der Menschen; wir mochten ihn nicht ansehen.“ Und im Psalm 22 hatte der prophetische Dichter schon vorangekündigt: „Ich bin ein Wurm und kein Mensch, von den Menschen verspottet, von allen verachtet.“ Und doch ist es derselbe, den Daniel auf den Wolken des Himmels hat machtvoll kommen sehen. Beide Prophezeiungen gehören zusammen, die Prophezeiung über die Niedrigkeit und das Todesschicksal des Herrn und die andere über seine Erhöhung, über seine Macht, über sein Kommen mit den Wolken des Himmels. Und daran erinnert sie der Herr, an beide Propheten. Sie sollen nicht nur an den himmlischen Menschensohn beim Propheten Daniel denken, wenn sie an ihn als den Messias glauben. Sie müssen auch an den Gottesknecht bei Isaias denken. Aber die Jünger wollen so was nicht hören. Dreimal, dreimal sagt der Evangelist: Sie verstanden ihn nicht, es war ihnen dunkel, es war ihnen unbegreiflich, was der Herr ihnen sagte. Sie scheuchten diesen Gedanken von sich weg.

Der Mensch sträubt sich gegen zwingende Einsichten, wenn sie seinen Wünschen und seinen Plänen widersprechen. Der Mensch sträubt sich. Er will nicht wahrhaben, was doch vor aller Augen liegt. Ich erinnere mich, meine Freunde, es war im Jahre 1944. Die Rote Armee stand an der Weichsel. Die Katastrophe unseres Landes, der Zusammenbruch unseres Staates war abzusehen. Die Rote Armee sammelte sich zu ihrem letzten Todesstoß, und zuallererst musste er meine Heimat treffen, musste er Schlesien treffen, denn wir lagen im Osten. Da unterhielt ich mich mit einem meiner Lehrer über die Lage. Der Lehrer, ein Geschichtslehrer, sagte zu mir: „Ja, meinen Sie nicht, May, dass sich noch etwas Gutes herauskristallisieren wird?“ Im Jahre 1944, umgeben von einer wütenden Welt, die gegen das Großdeutsche Reich aufgebracht war, sollte sich noch etwas Gutes herauskristallisieren! Er wollte sich nicht eingestehen, was doch vor aller Augen lag, nämlich dass ein furchtbarer Zusammenbruch bevorstand. Das Menschenherz wehrt sich gegen das Leid. Es will nicht wahrhaben, was über uns kommen kann, und das ist in gewisser Hinsicht verständlich, denn der Mensch ist ja nicht für das Leid, sondern für das Glück geschaffen. Ursprünglich hat Gott den Menschen für die Freude geschaffen. Er hat ihm ein Paradies der Wonne bereitet. Er sollte in die Seligkeit des Himmels ohne den schmerzlichen Prozeß des Sterbens eingehen. Das Leid, der Tod, das sind Wirklichkeiten, die nach Gottes Willen nicht da sein sollten. Aber der Mensch hat sein Paradies verspielt, und so ist das Leid, so ist der Tod über ihn gekommen. Und jetzt steht Gott vor dem Menschen und fragt ihn: Wie willst du das Leid tragen? Willst du es tragen wie die Heiden, die es verwünschen und verfluchen, wenn es sie überfällt? Wehrst du dich dagegen in allen deinen Gedanken und mit deinem ganzen Herzen? Trägst du Groll und Verbitterung im Herzen und machst du Gott bittere Vorwürfe? Oder denkst du gar daran, sich dem Leid zu entziehen durch den selbstgewählten Tod?

Gott steht vor uns und fragt uns: Wie trägst du das Leid? Trägst du das Leid wie die Juden, die in allem Leid nur den Fluch und die Strafe Gottes sahen? Nein, das ist es nicht! Es ist nicht alles Leid nur Fluch und Strafe Gottes. Es gibt auch Leid, das über den Unschuldigen kommt. Das ist das Leid der Prüfung; das ist das Leid, in dem Gott seine Auserwählten auf ihre Treue, ihre Liebe und ihre Selbstlosigkeit prüft. Wir sollen das Leid tragen, wie es der Herr getragen hat. Er hadert nicht, er sträubt sich nicht, er grübelt nicht. Er weiß, der Vater will es, und so ist es gut. Das haben ja letztlich auch seine Jünger verstanden. Zwar sind sie noch einmal geflohen, als die Übermacht im Ölgarten den Herrn ergriff. Aber dann haben sie verstanden, was sein Leid bedeutete, dass es erlöserische Qualität hatte. Endlich haben sie begriffen, dass der Menschensohn sterben musste, damit die Menschheit leben konnte. Wie schwer war ihm der Weg nach Jerusalem hinauf! Und niemand war, der ihn tröstete. Die Jünger verstanden ihn nicht, sie wollten ihn nicht verstehen. Er musste allein diesen Opfergang auf sich nehmen.

Und ähnlich wie die Jünger dachte auch das Volk, das ihn in immer stärkeren Scharen begleitete, es stand ja das Osterfest bevor. Sie drängten sich zur heiligen Stadt, und am Wegesrande, am Stadtrande, da saßen Bettler, unter ihnen auch ein Blinder. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wie schrecklich es ist, meine Freunde, blind zu sein. Als junger Priester hatte ich die Aufgabe, eine Blindenanstalt zu betreuen, also ein ganzes Haus voller Blinder, junge und alte, die diesem furchtbaren Schicksal unterworfen waren. Nicht sehen können ist ein früher Tod. Da saß nun ein Blinder am Wege und bettelte. Er sah die Scharen, die vorüberzogen, und er fragte, was das sei. Sie sagten ihm, Jesus von Nazareth ziehe vorbei. Von dem hatte er schon gehört, und er hatte auch vernommen, dass er mächtig sei, dass er Heilungskraft besitze, ja dass er Blinden das Licht gegeben hatte. Und da bricht es aus ihm aus: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Achten Sie bitte darauf, dass er nicht sagt: Jesus von Nazareth, denn so sprachen von ihm seine Gegner. Nazareth, dieser verrufene Ort im heidnischen Galiläa. Was kann aus Nazareth Gutes kommen? Er sagt nicht: Jesus von Nazareth, er sagt: Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner! Das heißt, er weiß, Jesus ist der Messias; Jesus ist der Heilige Gottes, Jesus ist der von Gott gesandte Erlöser. Und deswegen, auch wenn ihn die Vorausgehenden abhalten wollen: er schreit: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Und der Herr fragt ihn: „Was willst du, das ich dir tun soll?“ „Herr, dass ich sehe.“ Und der Herr erbarmt sich seiner. Er wirkt sein letztes Wunder auf dieser Erde. „Ich will, sei sehend!“ Und der Blinde konnte sehen. Er jauchzte und jubelte zu Gott. Und das Volk, das es sah, war ergriffen und pries Gott. Jetzt hatte Jesus von Nazareth seine messianische Würde, seine messianische Fähigkeit bewiesen, zum letzten Mal bewiesen.

Die körperliche Blindheit ist ein unsagbares Leid. Aber noch schlimmer ist die geistige Blindheit, die Unkenntnis Gottes, die Verschlossenheit gegenüber dem Evangelium. Und noch immer gibt es Menschen, viele, allzu viele Menschen, die von dieser Blindheit befallen sind. Meine lieben Freunde, wir haben mit unseren schwachen Kräften die Aufgabe, die Blindheit der Menschen zu lösen. Wir sollen alles tun, um sie zu Gott, dem Heiland, unserem Herrn und Meister, zu führen. Sagen wir ihnen: Wenn dir keine Ewigkeit leuchtet, dann bist du auf ewig verloren!

Amen.

 

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Das große Glück des Bußsakramentes

10.02.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Als ich vor 57 Jahren den priesterlichen Dienst antrat, setzte mit dem Beginn der Fastenzeit eine besondere Aktivität ein, denn die Fastenzeit war auch gleichzeitig die österliche Zeit. Ein Kirchengebot, das auf das Konzil vom Lateran aus dem Jahre 1215 zurückgeht, bestimmte: „Du sollst wenigstens einmal im Jahre deine Sünden beichten, und du sollst wenigstens einmal im Jahre die heilige Kommunion empfangen!“ Dieses Gebot wurde damals sehr ernst genommen. Von den Priestern ausgehend, hat man in den Familien sich bemüht, alle ohne Ausnahme zum Beichtstuhl zu bringen, die Frau ihren Mann, die Kinder ihren Vater, die Verwandten ihre Angehörigen. Denn die österliche Zeit ist die Zeit des Heiles, das sind die Tage des Heiles. An jedem Tage in der Fastenzeit, an dem wir in den Beichtstuhl gingen, hatten wir ein Päckchen mit Bildern neben uns liegen, und ein jeder, der seine Osterbeicht ablegte, empfing ein Bild. Auf diese Weise konnten wir zahlenmäßig genau feststellen, wie viele Glieder einer Gemeinde die Osterbeicht abgelegt hatten. Es war auch damals nicht leicht, alle Menschen, alle Christen, alle katholischen Christen zum Bußsakrament zu führen. Es bedurfte der Anstrengung. Aber wir konnten erstaunliche Erfolge erzielen. Es gab Gemeinden, in denen 60-70 Prozent der Gläubigen die Osterbeicht empfingen.

Heute ist das Bild ein anderes. Sie wissen, meine lieben Freunde, dass das Bußsakrament ein verlorenes Sakrament geworden ist. Aber verloren nur bei denen, die sich um Gottes und der Kirche Gebote nicht kümmern. Nicht so bei uns, die wir uns bemühen, diesen Geboten nachzuleben.

Es gibt Widerstände gegen das Bußsakrament. Der Mensch will selbständig sein. Der Kaufmann sieht sein höchstes Ziel darin, ein eigenes Geschäft aufzumachen; der Handwerker will seinen eigenen Betrieb haben, und niemand soll ihm etwas zu sagen haben; er will ein kleiner König in seinem Bereich sein. Und da kommt die Kirche und sagt: Du sollst niederknien und deine Sünden nach Art, Zahl und Umständen bekennen. Wir leben in einer parlamentarischen Demokratie, und das heißt, für uns gibt es immer nur Vorgesetzte auf Abruf. Jeden kann man wählen und abwählen, jeden kann man kritisieren, jeden kann man beurteilen und verurteilen, und das wird in reichem Maße getan. Aber sich selbst wollen viele nicht beurteilen oder gar verurteilen. Und so ergeben sich die Schwierigkeiten gegenüber dem Beichtgebot.

Es ist aber zu überlegen, dass das Bußsakrament auch eine andere Seite hat. Es liegen gewaltige soziale Ideen in diesem Sakrament. Was ist es denn, was draußen in der Welt den Gegensatz zwischen arm und reich so schmerzlich und schroff macht? Nun, es ist das bohrende Gefühl in dem Armen: Ich werde immer mit gebeugtem Rücken einhergehen, und ein anderer wird mir die Last auferlegen. Ich werde immer zu Fuß gehen, und ein anderer wird im Auto an mir vorbeirauschen. Das werde ich nicht ändern können, und so wird es bleiben. Warum haben es die anderen immer besser und ich es so schlecht? Man mag über diese Stimmung denken, wie man will, sie ist vorhanden, und sie ist nicht von heute, sie ist Jahrtausende alt. Nun sehen Sie, meine lieben Freunde, wie die Kirche in geradezu grandioser Weise diesen Zwiespalt überwindet. Sie tritt hin vor den einfachen Mann und sagt: Du sollst bekennen, du sollst beichten! Vor wem? Vor dem Priester, vor demselben, den du in goldgewirkten Gewande am Altare stehen siehst. Aber dann tritt sie mit demselben Verlangen vor den Beichtvater hin und sagt: Du musst beichten! Auch du musst bekennen. Vor wem? Vor dem Priester, vor deinem Mitbruder. Ob diese Forderung leichter ist? Und sie verlangt vom Priester nicht eine einmalige Beicht, sie verlangt vom Priester die häufige Beicht, „frequenter“, so steht es im Gesetzbuch der Kirche, „häufig“ müssen die Priester beichten, das heißt also wenigstens alle 4 Wochen. Und je höher wir aufsteigen in der Rangordnung der Kirche, um so ernster wird ihr Gebot. Auch vor den Bischof und vor den Papst tritt die Kirche hin und legt ihnen die Beichtpflicht auf die Seele. Vor wem? Wenn du keinen Gleichgestellten hast, dann eben vor dem, der unter dir steht. Auch der Papst mit seinen Vollmachten muss niederknien und sprechen: Vater, ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor dir.

Das ist die großartige Idee des Ausgleichs aller Rangunterschiede im Bußsakrament. Die Kirche kennt keine Lieblingskinder und keine Stiefkinder der Beichte. Je höher das Amt, um so tiefer muss die Seele sich beugen. Vor der Schranke des Bußgerichtes gibt es kein Ansehen der Person und keine doppelte Wahrheit. Wenn also, meine lieben Freunde, Ihnen das Beichten schwer fallen sollte, dann denken Sie daran: Derjenige, vor dem Sie die Beichte ablegen, der kniet genauso wie Sie vor einem anderen Priester nieder und sagt: Vater, ich habe gesündigt. Wir könnten also, meine ich, Vertrauen in dieses Sakrament haben. Welche Gemeinschaft auf Erden wagt es, ihren Führern solche Lasten aufzuerlegen wie die katholische Kirche? Keine. Das hat uns noch keine Gesellschaft nachgemacht und kann auch keine nachmachen. Das hat der Heilige Geist erfunden. Darum ist es für Sie die geringste Demütigung, wenn Sie vor dem Priester knien und Ihre Sünden bekennen.

Wir können diesen Gedanken noch vertiefen, idem wir einen zweiten Satz prägen, nämlich: Die Kirche legt ihren Vertretern nicht nur die gleiche Last auf, sie legt ihnen bedeutend mehr auf die Schultern. Und das mit Recht. Wer die Würde hat, der soll auch die Bürde tragen. Erinnern wir uns an die biblische Erzählung vom Patriarchen Jakob. Er rang einst mit Gott und flehte ihn an, erzwang sich seinen Segen: „Ich lasse dich nicht, es sei denn, du segnest mich!“ Und Gott segnete ihn, aber zuvor berührte er seine Hüfte, und er war sein ganzes Leben lang lahm. Ein dauerndes Opfer sollte ihn an Gottes Segen erinnern. Seitdem ist es ein Gesetz im Gottesreich geblieben: Wer den Segen hat, der muss auch den Preis dafür bezahlen. Wer den Vorzug hat, der muss das Opfer bringen. Gewiß, es ist ein großes Amt, das dem katholischen Priester im Bußsakrament anvertraut ist, aber Gott fordert dafür seinen Preis.

Als wir am Weihealtar standen zur Priesterweihe, da war eine Zeremonie besonders ergreifend, nämlich wir mussten unsere Hände darreichen, und dann umwand sie der Bischof mit einem weißen Tuch, und dabei sprach er: „Denke, dass ihr von nun an gebunden seid in Gott!“ Denke, dass ihr von nun an gebunden seid in Gott. Was da in dem jungen Priester vorgeht! Priesterkleid, Priesterberuf, Priesteraufgaben, tägliches Breviergebet, regelmäßige Beicht, alles Bindungen in Gott. Ihr habt den Vorzug, aber ihr sollt auch doppelt und dreifach verpflichtet sein. Und noch eines muss ich erwähnen, nämlich den Zölibat, die Verpflichtung, allein durch das Leben zu gehen. Er ist nur zu begreifen in Verbindung mit dem Bußsakrament und mit dem Altarsakrament. Es war kein Freund der Kirche, der einmal das Wort geprägt hat: „Es ist die tiefste Nützlichkeit des katholischen Priesters, ein heiliges Ohr, ein verschwiegener Bronnen, ein Grab für Geheimnisse zu sein.“ Ich wiederhole noch einmal diesen schönen Satz von Friedrich Nietzsche: „Es ist die tiefste Nützlichkeit des katholischen Priesters, ein heiliges Ohr, ein verschwiegener Bronnen, ein Grab für Geheimnisse zu sein.“ Und wegen dieser Nützlichkeit legt die Kirche dem Priester den Zölibat auf. Das Vertrauen, das er von den Menschen erwartet, das soll er keinem anderen Menschen gewähren. Er soll allein durch die Welt gehen, einsam und allein, nimmer gebunden an einen Menschen. Der als Vertreter der Kirche im Bußsakrament das Vertrauen aller anderen verlangt, der darf selbst keinem Menschen sein innerstes und völliges Vertrauen schenken. Das ist sein Preis.

Wir wissen, meine Freunde, aus der russischen Kirche, auch aus der griechischen Kirche, dass dort die Menschen, wenn sie beichten wollen, zu den Ordenspriestern gehen, die nicht verheiratet sind. Sie gehen nicht zu ihren Weltpriestern, die verheiratet sind, sie gehen zu den Ordenspriestern, die nicht verheiratet sind. Es ist sicher: Die Beichtpraxis lässt sich auf die Dauer ohne den Zölibat nicht oder höchstens in verkümmerter Form halten. Und deswegen geht es beim Zölibat um deine Sache, mein Christ, nicht nur um die Sache des Priesters, damit du mit allem Vertrauen sagen kannst, was dich drückt, damit du es begraben kannst im Herzen des Priesters, in einer Seele, die ewig verschwiegen ist. Deswegen die Notwendigkeit des Zölibats. Es ist rührend, diese Fürsorge der Kirche zu betrachten. Keine Forderung ist ihr zu groß, um ihren Kindern zu helfen. In jeder anderen Gemeinschaft würde diese Forderung abgewiesen werden; die Kirche wagt es, seit Jahrtausenden Tausenden und Abertausenden diese Forderung aufzuerlegen. Und warum? Um auch das letzte ihrer Kinder zu schützen und ihm den Weg freizumachen zum Sakrament der Buße. Die Beichte schwer, die Beichte demütigend? Von wem verlangt die Kirche mehr in der Beicht, vom Beichtkind oder vom Priester?

Und noch einen dritten Gedanken möchte ich vortragen, nämlich, meine lieben Freunde, was ist der Sinn der Beichte? Nicht Demütigung, sondern Befreiung, nicht Knechtung, sondern Lösung. Die Beicht ist keine Tyrannei der Gewissen, sie ist die Befreiung des Gewissens von der Tyrannei der Schuld. Beicht macht leicht. Hier wirft man die Last der Schuld ab. Irgendwo war einmal eine Versammlung angesetzt von Leuten der verschiedensten Richtungen. Man wollte ein sogenannte Antiselbstmordbüro einrichten, also eine Beratungsstelle für Lebensmüde. Nach verschiedenem Hin und Her kam man allgemein zu der Ansicht, dass eine Notwendigkeit bestehe für ein solches Antiselbstmordbüro. Aber da trat ein katholischer Priester vor, der auch eingeladen war, und sagte: „Wir Katholiken machen da nicht mit. Wir brauchen nicht mitzumachen. Wir haben ein von Gott gesetztes Mittel, um die inneren Spannungen zu lösen: die heilige Beicht. Und deswegen haben wir auch in unserem katholischen Volk erfahrungsgemäß die wenigsten Selbstmörder.“ Da war man still und wusste nichts mehr zu sagen.

Das Bußsakrament, meine Freunde, ist ein Ventil für Lebensunlust und Lebensüberdruß, für den furchtbaren Druck der Schuld. Solange es Menschen gibt, die am Leben verzagen, und solange sich Menschen gegen Menschen stellen, und solange Menschen zu kämpfen und zu ringen haben um Frieden und Reinheit, solange brauchen wir die heilige Beicht, solange sollten wir dem Herrgott auf den Knien danken, dass wir das Bußsakrament haben. Der tiefste Sinn der Beicht ist Befreiung und Lösung.

Das ist auch der tiefste Grund des Priesterglücks im Beichtstuhl. Manche quälen sich mit dem Gedanken: Was wird der Beichtvater denken? Was wird er von mir denken? Ach, meine lieben Freunde, er ist glücklich. Er ist glücklich, wenn die Menschen kommen und ihre Schuld bekennen. Er denkt nichts Arges, er denkt nichts Niedriges, sondern er dankt Gott für diejenigen, die ihm ihr Vertrauen schenken und ihre Sünden vor ihm ausbreiten. Es gibt ein Priesterglück im Beichtstuhl. Ein erfahrener Priester wurde einmal gefragt, welches der schönste Tag in seinem Leben gewesen sei. Der Tag der heiligen Kommunion? „Gewiß ein schöner Tag, aber nicht der schönste.“ Der Tag der Priesterweihe? „Ein schöner Tag, aber nicht der schönste.“ Der Tag der Primiz? „Ein schöner Tag, aber nicht der schönste.“ Und dann fing dieser Priester an zu erzählen. Er hatte lange, lange im Beichtstuhl gesessen und war eben dabei, ihn zu verlassen, als ihn noch ein Herr ansprach, der beichten wollte. Jahrzehntelang war er Gott und der Kirche fern geblieben, hatte schweres Ärgernis gegeben der ganzen Gemeinde. Aber jetzt kam er und schüttete seine Sünden aus vor dem Priester. Und der Priester fuhr fort: „Als die Uhr vom Turme Mitternacht schlug, da wandte ich noch einen Blick zurück zum Tabernakel und wusste: Das war der schönste Tag in meinem Leben.“

Ich weiß nicht, ob Sie, meine lieben Freunde, verstehen können, sich hineindenken können: Wir Priester sind doch eigentlich die glücklichsten Menschen auf Erden. Wer kann helfen und lösen wie wir? Gewiß, wenn Stunde um Stunde vergeht und die Nerven zum Zerreißen gespannt sind, denn die Dienst im Bußsakrament ist ein schwerer Dienst, dann fühlt man die Freude vielleicht nicht äußerlich, aber man spürt die Pflicht. Und es ist eine Pflicht, die glücklich macht. Es war in den 60er Jahren, etwa 1964 oder 1965, da saßen wir, der Pfarrer und ich, im Beichtstuhl, am Heiligen Abend, vor Weihnachten. Stunde um Stunde verging, und immer noch kamen Beichtkinder. Um 8 Uhr tat der Pfarrer etwas, was ich nicht verstanden habe: Er schloß die Kirche ab. Er wollte auch etwas vom Heiligen Abend haben, die Krippe aufstellen, unter dem Christbaum sitzen. Ich war tief betroffen. Ich war so betroffen, dass ich das nie vergessen habe. Wie kann man am Heiligen Abend das Schönste zu tun aufhören, was man tun kann, nämlich Menschen von der Sünde zu befreien?

Als wir das erste Mal in den Beichtstuhl gingen, da geschah es mit dem Schauer heiliger Verantwortung. Als wir Hand zur ersten Absolution erhoben, da hätten wir hinausjubeln können: Ich kann lossprechen, ich kann lösen. Das vergisst man nie und nimmermehr. Und Sie, meine lieben Freunde, sollten die Worte dieser heutigen Predigt, beherzigen und sich sagen: Es gibt ein Sakrament, das ein Sakrament des Ausgleichs ist, vor dem alle gleich sind und wo sich keiner erhaben dünken darf. Das ist das Bußsakrament. Zu diesem Sakrament wollen wir eilen, es befreit meine Seele, es löst mich von der Fessel der Schuld, es macht mich glücklich, und ich kann meinem Herrgott wieder offen in die Augen schauen.

Amen.

 

 

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Der verklärte Herr im Sakrament

17.02.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie der Schnee. Kein Wunder, dass die Jünger diese Tabor-Herrlichkeit festhalten wollten, indem sie zum Bau von Hütten schreiten wollten. Die Tabor-Herrlichkeit ist vergangen, aber was an ihr wesentlich war, nämlich die Gegenwart des verklärten Herrn, ist geblieben, ist geblieben im Gezelt unserer Tabernakel. Der Herr hat tatsächlich sein Zelt – und Tabernakel heißt ja „Zelt“ – unter uns aufgeschlagen und will bei uns wohnen. Wir suchen den Altar, wir sehen die strahlende Monstranz, und wir erblicken die kleine weiße Hostie. Der Glaube sagt uns: Gott und Mensch ist hier. So wie der Herr in der Seligkeit des Himmels lebt und wirkt, so wie dort seine heiligen Wunden strahlen, so ist es auch in unseren Tabernakeln in der Gegenwart des Herrn in der heiligen Hostie. Unser geistiges Auge, unser Glaubensauge schaut ihn hier im Sakrament. Hier weilt derselbe, der Mensch wurde und für uns am Kreuz verblutete, um uns zu retten. Seine Liebe lebt hier weiter mit unverminderter Kraft, mit unverkürztem Arm. Und so singt das gläubige Volk: „Preiset, Lippen, das Geheimnis dieses Leibs voll Herrlichkeit und des unschätzbaren Blutes, das zum Heil der Welt geweiht, Jesus Christus hat vergossen, er, der aller Welt gebeut.“

Die Kirche hat immer um das Geheimnis der Gegenwart Christi gewusst, und sie hat stets mit wechselnden Formen versucht, es den Gläubigen nahezubringen. Ursprünglich hat man das Allerheiligste in Gefäßen aus Elfenbein, Silber oder Gold aufbewahrt. Später, als die Kirche frei wurde, als sie aus den Katakomben stieg, hat man das Allerheiligste in der Gestalt einer Taube über dem Altar aufgehängt. Da wurde der Herr, da wurde der Herrenleib geborgen. Man setzte sie auch im heiligen Grab unter dem Altare bei. Schließlich hat man Wandnischen geschaffen in den Wänden der Kirche, wo man das Allerheiligste barg, und daraus entwickelten sich die wunderbaren Sakramentshäuschen, die freistehend das kostbarste Gut bargen, welches die Kirche ihr eigen nennt. Schließlich hat man den Tabernakel errichtet, auf den Altar gestellt, und das Barock hat wunderbare Girlanden, Baldachine und Kronen – denken Sie nur an die Augustinerkirche in Mainz – über diesen Tabernakel gestellt, um zu zeigen: Hier wohnt der König der Könige.

Die christlichen Dome sind nicht zu erklären, wenn man sie nur als Versammlungsstätten der gottesdienstlichen Gemeinde ansieht. Nein, diese Dome haben einen weit höheren Zweck. Sie wollen ein Haus, ein würdiges Haus für den sein, der in Brotsgestalt unter uns gegenwärtig ist. Deswegen konnten sie nicht hoch genug, nicht weit genug sein, viel mehr Platz bieten, als Menschen waren. Aber es ging ja eben gar nicht darum, nur Menschen zu versammeln, es ging darum, den in der Brotsgestalt gegenwärtigen Gott zu ehren, ihn zu preisen. Und die Kirche hat auch die anderen Künste in den Dienst des Allerheiligsten, unseres Herrn, gestellt. Denken wir nur an die Meisterwerke der Tonkunst, die die hohen Dome durchhallen. Wer kennt nicht das Ave verum von Mozart oder die 14 Meßkompositionen von Joseph Haydn? Wer kennt nicht die Missa Solemnis von Ludwig van Beethoven? Und auch andere Künste wurden in den Dienst der Gegenwart unseres Herrn gestellt. Die kostbarsten Stoffe hat man verwendet, um Mäntelchen zu erzeugen, die um den Speisekelch gelegt wurden. Die Sage vom heiligen Gral hat den Herrn und seine Gegenwart verherrlicht. Unter dem Gral stellte sich das Mittelalter die Schale vor, die der Herr beim Abendmahl, beim Letzten Abendmahl, benutzt hatte, und in die Joseph von Arimatäa das Blut des verblutenden Heilandes aufgefangen hat. Das ist die Sage vom heiligen Gral.

Die katholische Religion kennt nichts Kostbareres als den Herrenleib, als den Fronleichnam. Als der große Papst Leo XIII. zum Sterben kam, da hat er noch eine Enzyklika geschrieben über das allerheiligste Sakrament. „Das ist mein innigster Wunsch“, schreibt er in dieser Enzyklika, „bevor ich dahinscheide, dass alle Herzen entzündet werden in Dankbarkeit und Ehrfurcht gegen das heilige Sakrament.“ Im 19. Jahrhundert lebte ein geschichtsforscher, Albert von Ruville. Dieser protestantische Gelehrte äußerte vor seiner Konversion das heiße Verlangen: „Ich möchte der Kirche angehören, in der Jesus Christus am höchsten verehrt wird.“ Und da wurde er katholisch.

Vor einiger Zeit, es ist schon eine Reihe von Jahren her, war in einer katholischen Kirche eine Volksmission. Am Abend war die feierliche Andacht mit Aussetzung des Allerheiligsten und Beichtgelegenheit. Nachdem die Andacht vorüber war, ging der Priester noch einmal durch die Kirche, und da sah er in der letzten Bank einen Herrn knien. Er fragte ihn: „Möchten Sie noch beichten?“ „Nein“, sagte er „beichten kann ich nicht. Ich bin der evangelische Superintendent.“ Aber dann fügte er hinzu unter Tränen: „Dass man uns den genommen hat!“ Er meinte damit den Herrn im Sakrament. „Dass man uns den genommen hat!“ Ein anderer evangelischer Theologe, Lavater, hat einmal das schöne Wort gesagt: „Könnte ich an die Gegenwart Christi im Sakrament glauben, ich würde mich vor Anbetung nicht mehr von den Knien erheben.“ Aber er konnte es nicht glauben, denn sein Glaube war durch Zwingli und Calvin geprägt.

Gewiß, dieser Glaube ist schwer, wir stehen vor einer unsagbaren Großtat Gottes. Es ist nicht Menschenwerk, es ist Gottes Tat. Wenn wir die Möglichkeiten durchdenken, die Gott gehabt hätte, um uns seiner dauernden Gegenwart zu versichern, meine lieben Freunde, ich glaube, wir kommen immer wieder zu dem Ergebnis: So wie er es gemacht hat, ist es richtig, ist es das einzig Mögliche, ist es das wahrhaft Göttliche. Dass er uns in Brotsgestalt nahe sein wollte, das ist seine göttliche Tat. Sie haben vielleicht einmal von der Stadt Skutari gehört in Albanien. Dort leben Mohammedaner, hauptsächlich Mohammedaner mit Christen zusammen. Eines Tages fragt ein Mohammedaner einen christlichen Jungen: „Wie kannst du nur glauben, dass dein Christus in der Hostie gleichzeitig zu jedem Christen kommen kann?“ Einen Augenblick stand der Junge verblüfft, dann warf er den Kopf zurück: „Sage mir, wie viele Fenster gibt es in Skutari?“ „Meinst du, ich habe sie gezählt?“ entgegnete der Mohammedaner. „Und wie viele Sonnen gibt es?“ „Eine einzige.“ „Gut“, schloß der Junge, „wenn eine einzige Sonne so viele Fenster, wie es in Skutari gibt, erhellen kann, dann kann auch mein Heiland, der allmächtige Gott, zu einem jeden Christen ins Herz kommen.“

Wegen dieser Gegenwart des Herrn sind unsere katholischen Kirchen nicht nur Versammlungsorte für den sonntäglichen Gottesdienst, nein, unsere christlichen, unsere katholischen Kirchen sind Heimstätten für jeden Tag, und deswegen sollten sie auch jeden Tag offen stehen. Man kann auch in protestantischen Kirchen sich sammeln und andächtig sein und sich zu Gott erheben. Aber man kann in protestantischen Kirchen nicht den Heiland finden, der im Tabernakel gegenwärtig ist. Und deswegen ist es notwendig und vom Kirchenrecht vorgeschrieben, dass jede Kirche täglich geöffnet ist, geöffnet ist für die, die dort beten wollen und die der Herr zu sich ruft. In den letzten Jahren ist der Unfug eingerissen, auch katholische Kirchen geschlossen zu halten. Man sagt, es könnte etwas gestohlen werden. In der Tat ist es möglich, dass Vandalismus einreißt. Und tatsächlich ist ja allerhand vorgekommen; man hat Beichtstühle als Bedürfnisanstalten benutzt. Aber gegen diese Mißbräuche gibt es Mittel. Wenn Sie die herrlichen Barockkirchen in Bayern besuchen, da sehen Sie, dass sie immer geöffnet sind, aber freilich im hinteren Teil ist ein Gitter angebracht, an dem man niederknien und beten kann, anbeten kann. Die Kirche selbst aber ist zur Besichtigung nur zu bestimmten Stunden geöffnet. Das ist eine Möglichkeit, die Kirchen offenzuhalten zum Gebet, zum einladenden Gebet vor dem Herrn. Aber es gibt auch noch eine andere Möglichkeit. In meiner Heimat war ein eifriger Pfarrer, der hatte in seiner Kirche die Tabernakelehrenwache eingerichtet. Was ist die Tabernakelehrenwache? Er hatte die Gläubigen seiner Pfarrei aufgerufen, sich zu melden. Ein jeder möge eine Stunde in der Woche übernehmen, in der er in der Kirche anwesend ist und vor dem Herrn betet und auf diese Weise auch den erforderlichen Wachdienst leistet. Das haben die Gläubigen angenommen und getan. Zu jeder Stunde war ein Glied der Gemeinde anwesend und betete für die Anliegen der Gemeinde. Meine Großmutter am Montag von 9 bis 10 Uhr, ich weiß es noch ganz genau.

Die Kirche hat für die Anbetung besondere Einrichtungen getroffen. Ich erwähne nur die „Heilige Stunde“. Im Jahre 1674 hatte Margareta Maria Allacoque eine Vision. Der Heiland sprach zu ihr: „Jede Nacht von Donnerstag auf Freitag werde ich dich teilnehmen lassen an der Todesangst im Ölgarten.“ Daraus entstand die Übung der „Heiligen Stunde“, und sie ist in vielen Pfarreien eingeführt worden. Am Donnerstagabend vor dem Herz-Jesu-Freitag, da wird in Gemeinschaft mit dem Herrn am Ölberg vor dem Allerheiligsten gebetet. Und in dieser „Heiligen Stunde“ und in den anderen Stunden, die wir vor dem Allerheiligsten knien, da haben wir ja so viel zu tun, meine lieben Freunde, da haben wir zu beten um das eigene Wohlergehen. Das dürfen wir. Das sollen wir. Wir dürfen für unser Wohl und Wehe beten. Denn wir haben die Pflicht der Eigenliebe, der gesunden, der normalen, der von Gott gewünschten und befohlenen Eigenliebe. Wir gehen zum Guten Hirten, auf dass er uns bewahre und führe. Wir haben aber auch zu beten für unsere Wohltäter. Wir dürfen nie vergessen, von wie vielen Menschen wir leben, von der Güte, von der Geduld, von der Nachsicht so vieler Menschen, von denen wir leben. Und für die sollen wir beten. Es ist ein wunderbarer Gedanke, dass wir unsichtbar und ohne Wissen der anderen ihnen Wohltaten durch das Gebet verschaffen können. Dazu dient die Besuchung des Allerheiligsten. Wir sollen sodann beten für die Anliegen der Leidenden in der ganzen Welt. Kein Leid der Kranken, der Sterbenden, der Behinderten, der Ratlosen, der Hilflosen, der Zweifelnden und Verzweifelten, der Irrenden und der Suchenden, kein Leid soll uns fremd sein. Wir sollen diese Menschen in unser Herz nehmen und sie dem Herrn im Tabernakel vortragen. Und schließlich noch eine letzte Intention: Wir dürfen unsere Verstorbenen nicht vergessen. Beten wir für sie, die sich selbst nicht mehr helfen können, aber denen wir durch unser Gebet Hilfe bringen können. „Lieber Heiland, sei so gut, lasse doch dein teures Blut in das Fegefeuer fließen, wo die Armen Seelen büßen. Ach, sie leiden große Pein; wollest ihnen gnädig sein!“

Der Gedanke, und da ist auch eine wichtige Anregung, an unsere reiche Begabung, an den Reichtum, den Gott uns geschenkt hat, sollte uns zur Dankbarkeit ermutigen. Wir haben so viel an Wahrheit und Gnade empfangen, dass wir verpflichtet sind, Gott zu danken. Gott hat uns auch in unserem natürlichen Leben immer wieder geführt, gerettet, beschützt und seine Hilfe gezeigt. Er hat uns seinen Willen geoffenbart; er hat uns seine Gebote gegeben. Das ist ein ganz besonderer Grund, um dankbar zu sein. Dankbarkeit sollen wir auch dem Herrn im Tabernakel erweisen. „Nie kann ich danken dir genug. Es soll dir danken jeder Atemzug. Es soll dir danken jeder Herzensschlag, bis zu dem letzten Schlag am Letzten Tag.“

Wenn wir also unsere Kirchen betreten, von denen wir wissen, der Herr ist anwesend, dann soll das in großer Ehrerbietung geschehen. Im Hause Gottes ist heiliges Verhalten gefordert; da wohnt die höchste Majestät, der König der Könige. Hier sollen wir unseren Schritt mäßigen, hier sollen wir uns nicht darum bekümmern, wer noch anwesend ist und ob wir von allen auch gesehen werden. Nein, hier sollen wir ehrerbietig und gesammelt und eingezogen uns verhalten. Innere und äußere Ehrerbietung sind unbedingt erforderlich. Wo die Ehrfurcht fällt, da fällt bald der Glaube hinterher. Unser lieber Heiliger Vater hat nicht umsonst wiederholt gesagt: „Die Krise der Kirche ist hervorgegangen aus der Krise des Gottesdienstes.“ Und er hat recht. Wir müssen deswegen mit Sorge sehen, wie sich manche heute im Gotteshaus verhalten, wie das eingerissen ist, das Schwätzen und Erzählen, das Lachen und das Klatschen und andere Dinge. Sie gehören in den Konzertsaal, aber nicht in die Kirche!

Der edle König Ludwig IX. von Frankreich, der heilige, hat einst einen Kreuzzug geführt. Aber auf dem Kreuzzug wurde er gefangen genommen, und er musste ein riesiges Lösegeld versprechen, um wieder freigelassen zu werden. Der Sultan, der die hohe Loskaufsumme bestimmt hatte, wollte sich ihrer Entrichtung versichern, indem er sagte: „Ich begehre eine konsekrierte Hostie zum Pfand.“ Er begehrte eine konsekrierte Hostie zum Pfand. Er hatte nämlich beobachtet, wie die Christen vor der Hostie niederknien und wie der König selbst einer Messe beiwohnte, in Ehrfurcht vor dem allerheiligsten Sakrament in die Knie sank, und daraus schloß er mit Recht, dass die Eucharistie, dass der Leib des Herrn das höchste Gut der Christen sein müsse.

Erinnern wir uns, meine lieben Freunde: Der Herr ist im Tabernakel gegenwärtig. Besuchen wir ihn. Er wartet auf uns. Es ist ein schmerzliches Warten. Lassen wir ihn nicht umsonst warten! Eilen wir zu ihm, lassen wir keine Gelegenheit unbenützt, in eine Kirche einzutreten, an der wir vorbeigehen, und beten wir vor ihm: „In Demut bet ich dich, verborgen Gottheit, an, die du den Schleier hier des Brotes umgetan. Mein Herz, das ganz anschauend sich in dich versenkt, sei ganz dir untertan, sei ganz dir hingeschenkt!“

Amen.

 

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Die gottgesetzte Ordnung der Geschlechtlichkeit

24.02.2007

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Geliebte im Herrn!

In der heutigen Epistel aus dem Brief an die Christen in Ephesus ist an mehreren Stellen die Rede von der Unzucht, und wir erschrecken über das Urteil, welches der Apostel, vom Heiligen Geist belehrt, über dieses Laster fällt. „Unzüchtige“, sagt er, „sind Götzendiener.“ Sie können das Reich Gottes nicht erben, das heißt, sie werden die ewige Verwerfung erfahren. Ephesus war eine Hafenstadt, und Hafenstädte sind bekannt für lockere Sitten. Aber es war nicht nur diese geographische Lage, die Ephesus zu einer Stätte des Lasters machte, sondern auch die Verfallsmoral des Heidentums. Das Heidentum hatte die Unsittlichkeit und die Unzucht weitestgehend freigegeben. Wir wissen von bedeutenden griechischen Philosophen, die die Knabenliebe pflegten. Es gab Tempel, in denen Unzucht getrieben wurde. So war also die Umgebung der Christen denkbar ungünstig, von Unzucht betroffen. Und jetzt sollten sie ein ganz neues Leben beginnen. In der Taufe war ihnen das neue Gnadenleben geschenkt worden. Jetzt wurden die höchsten sittlichen Leistungen von ihnen gefordert: Beherrschung der Sinne, Zucht der Triebe, jungfräuliche Lebensweise und Treue in der Ehe.

Meine lieben Freunde, die Geschlechtlichkeit des Menschen ist eine gottgegebene Tatsache. Sie ist gut, weil sie aus der Hand Gottes hervorging. Die Sexualität ist ein Trieb, dessen sich niemand zu schämen braucht. Aber er muss in der gottgewollten Ordnung verbleiben. Der Geschlechtstrieb mit seiner Lust ist vom Schöpfer zu einem erhabenen Zweck in den Menschen gelegt worden, nämlich die Art soll so erhalten werden, die Kinder sollen in der Familie von den durch rechtmäßige Ehe verbundenen Eltern erzogen werden. Und niemand kann etwas an diesem ehernen Gesetz ändern. Ehe und eheliche Liebe sind ihrem Wesen nach auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft hingerichtet, wie zuletzt das Zweite Vatikanische Konzil gelehrt hat. Gleichzeitig sind die ehelichen Akte dazu bestimmt, die Verbundenheit der Gatten zum Ausdruck zu bringen und zu bestärken. Die beiden Sinngehalte, Fortpflanzung und liebende Vereinigung, sind nach Gottes Bestimmung unlösbar verknüpft.

Der Sexualtrieb hat also zwei große Funktionen. Er soll durch seine bebende Lust die Menschen immer wieder zur Zeugung, zur Erhaltung des Menschengeschlechtes, bringen. Er soll aber auch dann in den langen Jahren der Ehe und der Kinderaufzucht die naturhafte Basis der ehelichen Liebe sein. Er soll den beiden Gatten das Kreuz des Lebens, das Kreuz der Ehe, das Kreuz der Kinder tragen helfen. Ich sage noch einmal: Der Sexualtrieb ist ein Trieb, dessen sich niemand zu schämen braucht. Aber er muss in der gottgewollten Ordnung verbleiben. Und diese Ordnung fassen wir in einem einzigen Worte zusammen, nämlich Keuschheit. Keuschheit ist der Gebrauch des Geschlechtstriebes nach der gottgesetzten Ordnung. Da gibt es zwei Möglichkeiten: entweder die dauernde oder zeitweilige Enthaltsamkeit oder der geschlechtliche Verkehr in der Ehe nach dem Willen Gottes. Darüber hinaus gibt es nichts, was von Gott erlaubt wäre. Entweder zeitweilige oder dauernde Enthaltsamkeit üben oder im geschlechtlichen Verkehr handeln nach dem Willen Gottes.

Keuschheit zeigt uns den Vorrang des Geistes vor dem Körper. Mich fragte einmal eine Dame: „Warum ist denn der Geschlechtstrieb so stark?“ offenbar an ihr auch. Ich sagte ihr: „Weil wir die Vernunft bekommen haben.“ Wir haben nicht nur den Trieb, sondern wir haben auch das Regelungsprinzip für den Trieb, das ist die Vernunft. Der Vorrang des Geistes vor dem Körper muss im geschlechtlichen Bereich gewahrt bleiben. Darüber kommt die Tatsache, die Paulus im 1. Korintherbrief immer wieder einschärft: „Der Leib gehört nicht dir, der Leib gehört Christus. Du bist ein Glied am Leibe Christi. Du bist ein Tempel des Heiligen Geistes. Also halte den Tempel heilig!“ Die Gottgehörigkeit des Leibes ist der entscheidende Grund, warum wir die Geschlechtlichkeit nach Gottes Willen zu verwalten haben. Denn die Sünde der Unkeuschheit, der Unzucht, besteht in der Verletzung, die sich aus dem Ziel des Geschlechtstriebes ergibt. Sie besteht im ungeordneten Streben nach Geschlechtslust. Jede außerhalb der Ehe unmittelbar gewollte sexuelle Lust ist Sünde. Ich wiederhole noch einmal diesen fundamentalen Satz: Jede außerhalb der Ehe direkt gewollte sexuelle Lust ist Sünde. Die Ehe, die gültige Ehe ist der einzige legitime Ort geschlechtlicher Betätigung.

Und auch innerhalb der Ehe muss die eheliche Keuschheit herrschen. Das heißt: Der erlaubte Geschlechtsverkehr in der Ehe ist an sittliche Forderungen gebunden, die alles verbieten, was den Aufgaben der ehelichen Gemeinschaft und der ehelichen Treue widerspricht. Außerhalb der Ehe, noch einmal, sowohl vor der Ehe als auch nach der Ehe ist volle Enthaltsamkeit geboten. Jede freiwillig gesuchte Befriedigung des Geschlechtlichen ist Sünde.

Die Sünden sind freilich sehr vielartig. Es gibt Sünden ohne die Vereitelung der Fortpflanzung und Sünden mit Vereitelung der Fortpflanzung. Sünden ohne Vereitelung der Fortpflanzung sind der unerlaubte Geschlechtsverkehr etwa mit Prostituierten, Geschlechtsverkehr zwischen ungültig Verheirateten. Mir erzählte einmal eine Mutter, eine ihrer Töchter lebe mit einem Manne zusammen. Sie wollen es ausprobieren, ob es geht. Sie haben es zwölf Jahre ausprobiert, und dann sind sie auseinander gegangen. Die Sünden mit Vereitelung der Fortpflanzung sind ebenfalls schlimm und folgenreich. An erster Stelle die Selbstbefriedigung. Sie ist vor allem eine Sünde, die in der Pubertät auftritt, aber sie kann Menschen bis ins hohe Alter verfolgen. Es ist die Sünde der Einsamkeit. Sie kommt nicht nur bei Unverheirateten vor, sondern auch bei Verheirateten. Die eheliche Onanie besteht darin, dass der eheliche Zweck der Fortpflanzung vereitelt wird. Man kann sich in zweifacher Weise gegen die eheliche Keuschheit verfehlen. Einmal, wenn man dem Partner einen Verkehr aufnötigt, der weder auf sein Befinden noch auf seine berechtigten Wünsche Rücksicht nimmt. Ein solcher aufgenötigter Verkehr ist kein wahrer Ausdruck der Liebe. Er widerspricht der sittlichen Ordnung. Ebenso widerspricht aber auch ein Akt gegenseitiger Liebe dem göttlichen Plan, wenn er der Eignung, zur Weckung neuen Lebens beizutragen, abträglich ist. Wer einerseits Gottes Gabe genießen will und andererseits Sinn und Zweck dieser Gabe ausschließt, stellt sich gegen Gottes heiligen Willen.

In den letzten Jahren ist viel die Rede von der gleichgeschlechtlichen Betätigung. Früher nannte man das Sodomie nach dem, was in der Stadt Sodoma sich zugetragen hatte. Sodomie ist widernatürlich, weil sie dem Hauptzweck des Geschlechtsverkehrs, der Erhaltung der Art, zuwider ist. Sie ist ein schweres sittliches Vergehen; sie ist eine himmelschreiende Sünde. Sie ist ein Greuel vor Gott, todeswürdig und widernatürlich, der gesunden Lehre widerstreitend. Wegen dieser Sünde wurden Sodoma und Gomorrha mit Feuer und Schwefel ausgetilgt. Die Homosexualität wird häufig durch Verführung weitergetragen. Sie ist auch oft die Folge äußerer Umstände, etwa wenn viele Jungen in einem Internat zusammen sind oder viele Männer in der Kaserne, auf einem Schiff, im Gefängnis. Auch der noch nicht deutlich entwickelte Geschlechtstrieb junger Menschen kann vorübergehend zu Homosexualität führen. Besonders verwerflich ist die gleichgeschlechtliche Unzucht, wenn sie auftritt in der Knabenliebe. Immer wieder lesen wir und hören wir davon, dass Päderastie, das ist der Fachausdruck dafür, betrieben wird, also Unzucht mit Kindern, etwas vom Schrecklichsten, was sich auf diesem Gebiete zutragen kann.

Nun, meine lieben Freunde, ist man heute sehr nachsichtig gegenüber der Unzucht geworden. Wir wissen, dass Unzucht bis in die höchsten Kreise hinein üblich geworden ist. Wir wissen, dass gleichgeschlechtliche Unzucht nicht abhält, höchste Regierungsämter zu übernehmen. Es war nicht immer so. Also die geschlechtliche Unordnung ist weit verbreitet. Und es ist auch wahr: Für die meisten Menschen gibt es zeitweise ein geschlechtliches, ein sexuelles Problem in ihrem Leben, sei es als Heranwachsende, sei es als Kinder oder in der Jugendzeit, sei es in der Ehe. Die Versuchung macht sich gebieterisch geltend, und die Anfälligkeit gegen die sexuelle Verführung ist bei den meisten Menschen vorhanden. Sie fehlt bei wenigen ganz; bei den meisten wird sie schmerzlich fühlbar.

Aber auch wenn es so ist, wenn die geschlechtliche Unordnung weit verbreitet ist, ist daraus nichts zu entnehmen gegen ihre Sündhaftigkeit. Auch andere Verhaltensweisen sind weit verbreitet, wie zum Beispiel der Mangel an Liebe, und niemand wird daran denken, das Liebesgebot aufzuheben. So ist auch, wie stark der Geschlechtstrieb sein mag, die Verantwortlichkeit und die Freiheit des Menschen nicht aufgehoben. Es gibt keinen Zwang zur geschlechtlichen Betätigung. Das ist die Irrlehre von Luther gewesen, und die wollen wir uns nicht aufreden lassen. Es ist völlig fehl am Platze, die geschlechtliche Verfehlung als normal, den Trieb als unwiderstehlich zu bezeichnen. Und es ist auch Unsinn, zu behaupten, die geschlechtliche Betätigung sei für die Gesundheit notwendig. Es ist etwas ganz anderes mit dem Nahrungstrieb und mit dem Geschlechtstrieb. Der Nahrungstrieb ist tatsächlich für einen jeden zu befriedigen, aber der Geschlechtstrieb braucht nicht befriedigt zu werden, weil daran niemand zugrunde geht.

Die Folgen der Unzucht sind für den Einzelnen und für die Gesellschaft verheerend. Der heilige Hieronymus schreibt einmal: „Usu crescit, numquam satiatur.“ Also der Geschlechtstrieb, er wächst dadurch, dass man ihm nachgibt, er wird niemals satt. Usu crescit, numquam satiatur. Er wächst durch das Nachgeben, er wird niemals satt. Es ist also ganz falsch, wenn man meint, man könne sich Ruhe verschaffen, indem man dem Trieb nachgibt. Der Trieb gibt nicht nach, er verlangt immer stärkere Dosen. Die Nachgiebigkeit gegen den Trieb führt zur Unbeständigkeit und zur Übereilung. Wer sich vom Triebe leiten lässt, der wird getrieben. So kommt es zu geschlechtlichen Handlungen unter Jugendlichen, zu vorehelichem Geschlechtsverkehr, zum Ehebruch. Die Nachgiebigkeit gegenüber dem Geschlechtstrieb führt zur Gleichgültigkeit gegen Ehre, Hab und Gut. Um zur unerlaubten Befriedigung des Triebes zu gelangen, setzen Menschen Beruf, Stellung, Fortkommen aufs Spiel. Wir haben es soeben erlebt, wie der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates von Volkswagen, der Herr Volkert, fast drei Jahre ins Gefängnis gehen muss, weil er den Trieb ausgelebt hat, weil er u. a. einer brasilianischen Geliebten Scheinverträge von 400.000 Euro zugeschanzt hat. Jetzt muss er für seine Untreue drei Jahre im Gefängnis büßen.

Der Geschlechtstrieb, dem man nachgibt, führt zu Unlust und Verdrossenheit. Weil der Sinn fixiert ist auf die Geschlechtlichkeit, ist der Mensch verstimmt und gereizt, wenn er ihn nicht befriedigen kann, wenn er darauf verzichten muss. Das Schlimmste freilich, und das deutet der Apostel Paulus an, das Schlimmste ist, dass der Trieb zur Furcht vor der Ewigkeit führt, zur religiösen Unempfänglichkeit, zum Unglauben, zum Haß gegen Gott. „Die Welt wäre nicht ungläubig, wenn sie nicht unkeusch wäre“, hat einmal der heilige Augustinus geschrieben. Die Welt wäre nicht ungläubig, wenn sie nicht unkeusch wäre. Und wir Seelsorger haben es so manches Mal erlebt, wie ein Jugendlicher oder auch ein Verheirateter zunächst religiös praktizierte, eifrig und fromm war, aber als dann die Fäulnis der Unzucht in diesem Herzen sich ausbreitete, hat er alle religiöse Praxis aufgegeben und ist zum Götzendienst gekommen. Tatsächlich: Die Unzucht führt weg vom Dienste Gottes. Sie ist vielleicht die Hauptursache dafür, dass so viele unserer Jugendlichen nicht mehr beten, nicht mehr die Sakramente empfangen, nicht mehr zum Gottesdienst kommen. Der Unzucht hängt ein dämonisches Moment an.

Dazu kommen die sozialen Folgen der Unzucht. Wir lesen davon, dass durch Geschlechtskrankheiten immer mehr Menschen erkranken, manche tödlich erkranken durch Aids. Das ist ja jetzt die neue Seuche geworden. Diese Geschlechtskrankheiten können auch auf die nachkommende Generation sich auswirken und zur erblichen Belastung werden. Sie gefährden also die Nachkommenschaft. Durch Unzucht wird das Familienleben zerrüttet. Am Übermaß und am Missbrauch der geschlechtlichen Betätigung stirbt die Liebe! Achtung und Rücksicht, Schonung und Verzicht haben keine Stelle mehr. Wer sich dem Geschlechtstrieb überlässt, der kommt leicht zur Verrohung und zur Grausamkeit. Um zum Geschlechtsgenuß zu kommen, werden alle Regeln des Anstandes, der Treue, der Nächstenliebe über den Haufen geworfen.

Unsere Kirche kämpft gegen Unzucht, für Reinheit und Beherrschung. Sie kämpft fast allein. Die anderen Religionsgemeinschaften verlassen sie mehr oder weniger. Es ist das Ruhmesblatt unserer Kirche, dass sie in einer Welt der Verderbnis die Gebote Gottes über der geschlechtlichen Sittlichkeit hochhält. Der Staat, ach, der Staat verlässt uns. Er hat immer mehr abgebaut die Gesetze, die die geschlechtliche Sittlichkeit schützen sollten, vor allem seit der sozial-liberalen Koalition. Dann hat das Unheil sich weitergefressen. Der Staat hat sich aus der Bestrafung der Unkeuschheit zurückgezogen. Die so genannten Volksvertreter haben eine Gesetzgebung geschaffen, die es ihnen, jedenfalls vielen von ihnen, gestattet, die gottgesetzte Ordnung der Sittlichkeit ungestraft zu übertreten. Sie haben den Ehebruch freigegeben, sie haben die Ehescheidung freigegeben, sie haben die Homosexualität freigegeben, sie haben homosexuelle Partnerschaften anerkannt. Der Staat lehrt die Kinder, wie man die Folgen geschlechtlicher Betätigung vermeiden kann. Er lehrt sie, wie man die Kondome gebraucht. Das wird heute in der Schule gelehrt.

Der Apostel Paulus ruft uns heute zu: „Einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht. Wandelt als Kinder des Lichtes!“ Was in der Taufe strahlend begann, das muss im Leben des Alltags kräftig betätigt werden. Eine neue Welt ist in dem entstanden, der das Taufbad hinter sich gebracht hat, eine neue Welt, in der die Schöpfungsordnung Gottes vollauf beachtet wird, in der der rechte Sinn der geschlechtlichen Betätigung erfüllt wird. Und so höre ich, meine lieben Freunde, heute die Mahnungen: Habe Ehrfurcht vor die selbst! Mißbrauche nicht die Kräfte, die Gott dir zu hohen Zwecken gegeben hat! Wünsche nie etwas, was durch Mauern oder Vorhänge verborgen werden muss! Bete: Durchglühe mein Herz und meine Nieren mit dem Feuer des Heiligen Geistes, auf dass wir keuschen Leibes dir dienen und mit reinem Herzen dir gefallen! Ich höre den Ruf der Engel und der Heiligen: Hüte das Edelweiß auf den Bergen! Pflege die Lilie in den Tälern!

Amen.

 

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Von Sünde, Schuld und Gericht

02.03.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Nachdem der verlorene Sohn die Becher ausgetrunken und alle sieben Hauptsünden kennengelernt hatte, erhoben seine Kumpane den Stock und prügelten ihn davon. So geht es zu im Wirtshaus der Welt. Wenn einer alles genossen hat und fertig ist, wie man so sagt, dann ruft der Wirt nach dem Hausknecht und lässt den fertigen Gast hinaussetzen. Es könnte nämlich sein, dass neue Gäste kommen und, an seinem Beispiel erschreckend, sehen, wohin die Trunksucht führen kann, und das darf nicht vorkommen. Der Betrieb muss weitergehen.

Aber der verlorene Sohn war schuldig geworden. Während er den Vater verließ, um alles zu gewinnen, hat er alles verloren. Schuld verlangt Gericht oder Gnade. Es ist nicht gleichgültig, was der Mensch tut, Gutes oder Böses. Er hat die wunderbare Gabe, zu wählen, zu wählen zwischen dem Guten und dem Bösen. Er hat die freie Entscheidung, das Rechte oder das Unrechte zu tun. Aber er hat nicht mehr die Freiheit, sich von seinen Taten oder Untaten zu trennen. Sie folgen ihm nach. Und jede Tat trägt in sich den Keim des Gerichtes. „Du hast es befohlen, o Gott, und so ist es, dass sich zur Strafe wird jeder ungeordnete Geist.“  Das prägt sich in seine Seele ein und auch in sein Gesicht. Eine alte Volksweisheit hat das ausgedrückt in dem Vers: „In deinem Gesichte steht deine Geschichte, dein Hassen und Lieben deutlich geschrieben.“

In einem berühmten Roman eines englischen Schriftstellers wird erzählt von einem jungen Mann, der sich ein Bild malen ließ, und diesem Bilde wohnte eine Zauberkraft inne. Es konnte nämlich alle Veränderungen, die in seinem eigenen Leben auftreten würden, in sich aufnehmen. Der junge Mann verfiel dem Laster, der Ausschweifung, dem Verbrechen. Sein körperliches Antlitz blieb jugendlich, frisch und rein, aber auf seinem gemalten Bildnis wurden alle diese Veränderungen, die sich in seiner Seele in seinem Leben zugetragen hatten, sichtbar. Entsetzliche Veränderungen entstellten dieses gemalte Bild, verzerrten die einstige Schönheit. Der junge Mann verbarg das Bild vor fremden Blicken und betrachtete es nur selten. Wenn er es ansah, erschrak er, denn sein wahres, vom Laster zerstörtes Antlitz wurde auf dem Bilde sichtbar, blickte ihn an als sein eigener Richter, dem er zu entfliehen trachtete, zu dem ihn aber eine unentrinnbare Macht immer wieder zurücktrieb. Ein grauenvoller Haß gegen das Bild wuchs in ihm. Eines Tages zog er den Dolch und durchbohrte es, und blutüberströmt brach er zusammen, denn das Bildnis war er selbst. Er hatte sich selbst gerichtet. Das ist der berühmte Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde. Ein Roman, also erdichtet. Aber, meine Freunde, das Leben erzählt genau so. Wo hört die Sünde auf? Wo gibt es Umkehr?

In einer Schweizer Zeitung war vor einiger Zeit zu lesen: An den Ufern der Seine in Paris fand man die Leiche einer 29-jährigen Frau, Louise Cranson. Im Alter von 18 Jahren war Louise nach Paris gekommen, schön und stolz, ehrgeizig und eigensinnig, eine moderne Mona Lisa mit zweideutig lächelndem Munde. Sie mischte sich unter die Figuranten in den Musikhallen, unter die Statistinnen beim Film. Dann entdeckten sie die Maler. Sie verewigten ihre Gesichtszüge und ihren Körper, jeder auf seine Weise. Aus der Unbekannten wurde das berühmteste und gesuchteste Pariser Modell, Lise vom Montparnass. Lise liebte es, fröhlich zu sein, auszugehen, zu lachen, zu tanzen, zu trinken und zu diskutieren. Nachdem sie den Gipfel erreicht hatte, begann der Abstieg. Sie trank eines Abend zu viel. Es begann ihr an materiellen Mitteln zu fehlen. Sie, die als erste die Bücher von Sartre gelesen hatte, war zu alt, um vom Juniorenclub  der Existentialisten aufgenommen zu werden. Sie versuchte ihre Schwierigkeiten zu verbergen. Sie suchte Trost im Alkohol und im Rauschgift. Nun fand man ihre Leiche. Sie hinterließ ein fünfjähriges Mädchen. Das ist keine erdichtete Geschichte, meine lieben Freunde, das ist eine Geschichte, die das Leben geschrieben hat, und sie lehrt uns Schuld, immer tiefere Schuld, zuletzt Gericht ohne Gnade. „Du hast es befohlen, o Gott, und so ist es, dass seine Strafe sich wird jeder ungeordnete Geist.“

Es ist nicht gleichgültig, ob wir Gutes tun oder Böses. Die Sünde ist eine furchtbare Wirklichkeit des inneren Lebens. Wenn sie nicht abgefangen wird, wächst sie. Aus kleinen Sünden werden große, aus großen Sünden wird das Laster. Die Sünde trägt ihre Folgen in sich. Es müssen nicht immer Folgen für das äußere Leben sein, obwohl sie sehr häufig sind. Es müssen nicht immer Lebenskatastrophen sein, obwohl sie vorkommen. Auch die Folgen der Sünde für das innere, seelische Leben sind zerstörend. Die Sünde macht die Seele hart, unempfänglich für das Gute, unempfänglich für die Gnade Gottes. Sie fesselt den Sünder. In einem Faustfragment von Lessing sagt Faust: „Es gibt keinen Gott. Wenn es einen Gott gäbe, könnte er nicht zuschauen und mich weiter sündigen lassen.“ Da vernahm er eine Stimme, die sprach: „Gerade dass ich dich sündigen lasse, ist deine Strafe.“ Gerade dass ich dich sündigen lasse, ist deine Strafe. Das ist das schlimmste Gericht über die Sünde, dass Gott den Sünder sich selbst überlässt. „Du hast es befohlen, o Gott, und so ist es, dass seine Strafe sich wird jeder ungeordnete Geist.“

Vor einiger Zeit wurde vor einem Landgericht ein Prozeß geführt. Eine Frau klagte gegen die Witwe eines Mannes. Und warum? Der Herr, ein wohlhabender Herr, hatte eine Schiffsreise gemacht. Auf dem Traumschiff lernte er eine entzückende Frau kennen. Er drang in sie, dass sie sich ihm schenke. Er hat auf den Knien vor ihr gelegen. Aber sie verweigerte sich ihm. Dann sprach er: „Ich lasse mich scheiden und heirate Sie.“ Dann hat sie sich ihm hingegeben. Als die Schiffsreise vorbei war, hat der Mann Gewissensbisse bekommen. Er wollte sich nicht von seiner Frau trennen. Aber seine Geliebte verfolgte ihn und erinnerte ihn an sein Versprechen. Sie trafen sich in Hotelzimmern. Schließlich, ein Getriebener und Gehetzter, starb der Mann an zerbrochenem Herzen. Jetzt klagte die Geliebte gegen die Witwe auf Schadensersatz. „Du hast es befohlen, o Gott, und so ist es, dass seine Strafe sich wird jeder ungeordnete Geist.“ Gott will seine Feinde nach Gerechtigkeit und Schuld strafen. Deswegen überlässt er sie ihren jeweiligen Gelüsten, auf dass sie, ihren Begierden hingegeben, im Übermaß der Freiheit sch selbst zugrunde richten.

Noch einmal Oscar Wilde. Er schrieb einmal eine Vision nieder, die das Gericht Gottes über die Menschenseele spiegeln sollte. Die Seele erscheint vor dem Richterstuhl des Herrn. „Ich muss dich verurteilen“, spricht Gott. „Du hast die anderen ausgebeutet, die Mitmenschen verachtet, die Eltern gekränkt, fremde Habe dir angeeignet.“ „Ja, Herr, das alles habe ich getan.“ „Du hast deine Sinne und Triebe herrschen lassen, bist blind deinen Leidenschaften gefolgt, hast dir alle Lust der Erde gegönnt.“ „Ja, Herr, das alles habe ich getan.“ „Ich muss dich also verurteilen.“ „Ja, Herr, das musst du.“ „Ich muss dich verstoßen zur Hölle!“ „Herr, das ist nicht möglich; mein Herr, das kannst du nicht tun. In der Hölle bin ich schon gewesen!“

Der Mensch, der in der Todsünde lebt, befindet sich im Zustand der Verdammnis. Der Sünder hat keinen Frieden, sondern er lebt in der Unruhe. Er ist nicht mit sich geeint, denn er ist zerrissen. Der Apostel Paulus drückt es so aus: „Wer auf das Fleisch sät, wird vom Fleische Verderben ernten. Wer aber auf den Geist sät, wird vom Geiste ewiges Leben ernten.“ Gott weiß die Sünde so einzufügen, dass gerade das, was dem Menschen beim Sündigen Genuß verschafft, ein Werkzeug der Bestrafung wird. Sünde fordert Strafe. Wer in verkehrter Weise durch Sünde Unordnung anrichtet, wird durch die Strafe wieder in die Ordnung eingerückt. Einem jeden Menschen erwächst die Züchtigung aus seiner eigenen Sünde, und sein eigenes Vergehen schlägt auf ihn zurück. „Du hast es befohlen, o Gott, und so ist es, dass seine Strafe sich wird jeder ungeordnete Geist.“

Fastenzeit ist Bußzeit, meine lieben Freunde. Buße tun heißt sich bekehren und Genugtuung leisten für die Schuld. Sich bekehren besagt, eine Wende vornehmen, umkehren auf einem irrigen, auf einem falschen Wege, das Gegenteil von Sünde tun, also gute Werke vollbringen, Gottesliebe und Nächstenliebe üben, beten, fasten, Almosen geben. Es gibt Christen, die in der Fastenzeit jeden Tag die heilige Messe besuchen. Verzeihen, Feindschaften abbauen, Frieden halten, Hilfe leisten, das sollen wir tun als Zeichen unserer Bekehrung. Und gleichzeitig auch Genugtuung leisten. Das heißt, dass wir uns Strafen auferlegen: Enthaltung von Speisen, Verzicht auf Genüsse des Gaumens, Verzicht auf Alkohol, Verzicht auf Rauchen, Verzicht auf Fernsehen. Der neue Erzbischof von München, Marx, hat erklärt, dass er in der Fastenzeit auf das Rauchen verzichte. Nun, immerhin, für einen Raucher ein recht ansehnliches Opfer. Das Himmelreich leidet Gewalt, und nur die Gewalt brauchen, reißen es an sich. Wir haben zwei Möglichkeiten: entweder uns selbst zu schonen, dann schont Gott uns nicht, oder uns selbst nicht zu schonen, dann schont uns Gott. „Willst du, dass Gott dich schone, so schone dich selbst nicht“, schreibt einmal der heilige Augustinus.

Schwebt nicht eine Wolke der Angst über unserer Welt? Diese Angst ist nicht von den Sternen herabgestiegen, sie ist aus den Herzen der Menschen aufgestiegen. Es ist die Angst vor dem Gericht, das wir heraufbeschworen haben. Das Heil vor dem Gericht müssen wir in uns selbst suchen. Jetzt ist der Tag des Heiles, jetzt ist der Tag der Umkehr. Jetzt müssen wir flehen: „Richter du gerechter Rache, Nachsicht üb’ in meiner Sache, eh ich zum Gericht erwache!“

Amen.

 

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„Warum glaubt ihr mir nicht?“

09.03.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Passionssonntag ist heute. Das heißt, wir beginnen mit ihm die Zeit des Kirchenjahres, die in besonderer Weise dem Gedächtnis des Erlöserleidens geweiht ist. Die Kirche trauert. Sie hat den Witwenschleier angelegt, das Kreuz ist verhüllt. Unser Blick soll ganz nach inner gerichtet sein auf unseren Erlöser und auf seinen Leidensweg, er, der jetzt als Lamm Gottes, als das Sühnopfer Gottes den Weg nach Golgotha nimmt. Und so tritt das Kreuz stark in unser inneres Bewusstsein. Es ist das Königsbanner, vexilla regis. „Die Königsbanner flattern voran“, so heißt es in einem wunderbaren Hymnus; und es ist der Baum der Erlösung. Ich lade Sie immer wieder ein, meine Freunde, in dieser Passionszeit das zu betrachten, was uns besonders nahe steht, nämlich das Kreuz. In der Präfation der Passionszeit heißt es: „Der am Holze gesiegt hat, (nämlich der Satan im Paradiese), der sollte auch am Holze besiegt werden“ (nämlich durch Jesus und sein bitteres Leiden). Am Holze ist Satan Sieger gewesen, am Holze hat Christus ihn besiegt.

Wir sehen den Erlöser, wie er den Weg zum Kreuze nimmt. Aber ehe die Kirche ihn uns zeigt, wie er wehrlos seinen Feinden ausgeliefert wird, bringt sie uns noch einmal zu Bewußtsein, wer das ist, der hier leidet. Ein Gerechter ist es, ein Gerechter, der unschuldig in den Tod geht, der Hohepriester des Neuen Bundes, der ewige Gottessohn. Im Eingangsgebet der heutigen Messe heißt es mit den Worten des 42. Psalms: „Schaff Recht mit Gott gegen ein unheiliges Volk. Entscheide meinen Rechtsstreit wider meine Feinde.“ Und die Epistel schildert uns den Hohenpriester: Nicht mit dem Blut von Böcken und Stieren, wie im Alten Bunde, trete er in das Zelt des Allerheiligsten ein, sondern mit seinem eigenen Blut als makelloses Opfer des Neuen Bundes. Und im Evangelium, da offenbart sich der Herr noch einmal selber: „Wer aus euch kann mich einer Sünde beschuldigen?“ Antwort: Niemand! Und: „Ehe Abraham ward, bin Ich!“ Damit ist seine Ewigkeit als der Sohn Gottes ausgesagt. Opfergabe und Priester zugleich, das ist der Herr, das ist das Thema der Passionszeit.

Die Worte des Evangeliums künden uns auch die Auseinandersetzung des Herrn mit den Juden. „Warum glaubt ihr mir nicht?“ Das ist die Frage, die er an sie richtet. Sie hätten doch allen Anlaß gehabt zu glauben. Niemals ist ein Zeuge so beglaubigt worden wie er. In ihm sind die Verheißungen der Propheten in Erfüllung gegangen. Er hat Wunder gewirkt, die kein Mensch wirken kann. Seine Lehre ist von erhabener Vollkommenheit; sein Wandel ist von äußerster Reinheit; sein sittliches Leben ist makellos. „Wer von euch kann mich einer Sünde beschuldigen?“ Niemals hat ein Bote solche Zeugnisse aufweisen können wie unser Herr und Heiland. Und doch stößt er auf eine Mauer des Unglaubens. „Warum glaubt ihr mir nicht?“ Das ist die Schicksalsfrage, die der Messias an die verblendeten Führer seines Volkes richtet. Die Antwort gibt der Herr selber: „Weil ihr nicht aus Gott seid.“ Sie glauben nicht, weil sie nicht glauben wollen. Sie verharren in ihren menschlichen Lehren, in ihren Wünschen, in ihren Ansprüchen, in ihrem Dünkel. Sie wollen sich nicht vom Throne stoßen lassen durch die Wahrheit. Sie wissen, dass im Gottesreiche kein Raum ist für Pharisäer. Deswegen darf seine Lehre nicht wahr sein, deswegen greifen sie zum letzten und niedrigsten Mittel: sie beschimpfen ihn. Sie heben Steine auf, um ihn zu töten.

„Warum glaubt ihr mir nicht?“ Diese Frage, meine Freunde, ist stehen geblieben. Sie ist die Frage, die Christus an alle Zeiten richtet: „Warum glaubt ihr mir nicht?“ Am Glauben hängt alles, und ohne Glauben ist alles nichts. „Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen, denn wer Gott naht, muss glauben, dass er ist und dass er denen, die ihn suchen, ein Vergelter wird.“ So fasst der Hebräerbrief den Inhalt des Glaubens zusammen: „Er muss glauben, dass Gott ist und dass er denen, die ihn suchen, ein Vergelter ist.“ An einer anderen Stelle heißt es: „Nur wenn wir glauben, gehen wir in die Ruhe ein.“ Und wieder an einer anderen Stelle: „Das ist der Sieg, der die Welt überwindet: unser Glaube.“

Wenn auch die äußeren Verhältnisse heute andere sind als zur Zeit Jesu, das Menschenherz hat sich nicht geändert. Immer aufs neue wiederholt sich, was der Apostel Johannes schrieb: „Das Licht leuchtete in der Finsternis, aber die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.“ Das Licht leuchtete in der Finsternis, aber die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. So schreibt der Apostel Johannes vor 2000 Jahren. Und in unserer Zeit hat ein englischer Schriftsteller, Bruce Marshall, sich in einem Roman ähnlich ausgedrückt. Da unterhalten sich ein Geistlicher und ein anderer über die Glaubensunwilligkeit des Menschen. Es werden Gedanken ausgetauscht zwischen ihnen, aber schließlich sagt der Geistliche zu dem Gegenüber: „Die Menschen glauben nicht, weil sie sich nicht wollen in ihren Vergnügungen stören lassen.“ O wie recht hat er! Sie glauben nicht, weil sie sich nicht wollen in ihren Vergnügungen stören lassen.

Der Glaube ist eine Gnade, aber er ist auch zugleich eine Tugend, ein Werk des Willens. Fast stets entspringt der Unglaube nicht dem Verstande, sondern dem Willen, dem Herzen. Da hat er seinen Ursprung. Der Menschengeist, der viele Geheimnisse der Natur durchforscht hat, will sich nicht beugen vor jenen Wahrheiten, die immer ein Geheimnis bleiben. Man ruft, meine lieben Freunde, die Wissenschaft an, eine Scheinrechtfertigung für den Unglauben. Man missbraucht die Wissenschaft zu diesem Zweck. Man spricht davon, dass die Wissenschaft, die Naturwissenschaft, gegen den Glauben stehe. Selbstverständlich gibt es ungläubige Wissenschaftler, aber es gibt ebenso viele gläubige. Ich hatte in meiner Schulzeit zwei Lehrer in Physik, also in Naturwissenschaft. Der eine war untüchtig, er war Atheist. Der andere war tüchtig, er war jeden Sonntag um 8 Uhr in der heiligen Messe. So also sieht es mit dem Glauben und mit dem Unglauben der Wissenschaftler aus. Es ist lächerlich, die Wissenschaft für den Unglauben in Anspruch zu nehmen. Der Glaube ist nicht wider die Vernunft, er ist über der Vernunft. Er klärt uns das, was die Wissenschaft nicht klären kann. Wer glaubt, braucht nicht der Wissenschaft den Abschied zu geben, er schreitet vielmehr weiter in Gefilde, die der Wissenschaft nicht zugänglich sind. Der Glaube ist nicht dagegen, er ist darüber. Glaube ist dem Wesen nach die Annahme einer Wahrheit, die unsere Vernunft nicht erreichen kann, einfach auf das Zeugnis hin. Noch einmal der Hebräerbrief: „Der Glaube ist das feste Vertrauen auf das, was man erhofft, das Überzeugtsein von dem, was man nicht sieht.“ Der Glaube ist das feste Vertrauen auf das, was man erhofft, das Überzeugtsein von dem, was man nicht sieht.

In der letzten Zeit wird häufig die Evolutionstheorie, die Entwicklungstheorie gegen den Glauben angeführt. Es gebe eine Entwicklung vom Einzeller bis zum Menschen über verschiedene Stufen in überaus langen Zeiten. Im Laufe von Jahrmillionen habe sich das Leben von einfachsten Formen über zahllose Zwischenstadien zu der heutigen Höhe emporgeschwungen, und deswegen sei die Lehre von der Schöpfung überholt. Es brauche keinen Gott, um das Leben und seine Entwicklung zu erklären. Ich gebe darauf eine doppelte Antwort: 1. Der Beweis für die behauptete Entwicklung fehlt. Niemand hat erlebt, wie eine Art aus der anderen hervorginge. Die behauptete Entwicklung beruht nur auf Rückschlüssen aus fragmentarischen Funden. Diese Rückschlüsse gehen außerordentlich weit auseinander. Was der eine Forscher vor 5 Millionen Jahren verlegt, für das braucht der andere 7 Millionen. Die Gelehrten sind sich nicht einig; und wo sie einig sind, spricht der eine dem anderen nach. Der Konsens der Gelehrten ist kein Beweis für die Wahrheit. Wir wissen, wie solche Einigkeiten zustande kommen. 2. Selbst angenommen, es habe eine solche Entwicklung gegeben, dadurch wird Gott nicht überflüssig. Es muss doch erst einmal etwas da sein, was sich entwickeln kann. Es muss eine Wirklichkeit geben, die etwas aus dem Nichts schafft, das sich dann entwickeln kann. Es muss eine übermächtige, unendlich mächtige Wirklichkeit geben, die aus dem Nichts etwas hervorbringt. Wir nennen sie Gott. Es muss auch jemand leben, der die Entwicklung lenkt. Die Gesetze entstehen ja nicht von selbst. Von selbst entsteht überhaupt nichts. Es muss jemand da sein, der diese Gesetze gibt. Es muss einen Gesetzgeber geben. Wir nennen ihn Gott. Die Entwicklungstheorie, meine lieben Freunde, die ich schon als Kind in der Schule gelernt habe, zerstört nicht den Glauben, sie bestätigt ihn. Die Vernunft steht nicht wider den Glauben, sie ist über dem Glauben. Und deswegen kann man auch die Vernunft nicht anrufen gegen den Glauben.

Der zweite Grund, warum die Menschen nicht glauben, liegt in ihren unbeherrschten Trieben und Begierden. Sie wollen nicht Wahrheiten annehmen, die ihnen schwere Pflichten auferlegen. Die Selbstüberwindung, der beharrliche Kampf, das Opfer, das wollen sie fliehen, und deswegen nehmen sie den Glauben nicht an. Jeder echte Glaube muss die Wiedergeburt des Lebens bewirken. Und davor versuchen sich die Menschen zu drücken. Sie leben weiter in ihrer Fäulnis, in ihrem Schlamme; sie wollen nicht ablassen von ihren Begierden und Leidenschaften. Die Welt will weiter in ihren Vergnügungen bleiben, die gegen die Religion gerichtet sind. Der unvergessliche Münchener Erzbischof Faulhaber hat einmal den schönen Satz geschrieben: „Wenn das Einmaleins und der pythagoräische Lehrsatz die gleichen Forderungen an das sittliche Leben stellten wie die Artikel des Glaubensbekenntnisses, sie würden ebenso ungläubig wie diese aufgenommen werden.“ Wie wahr! Wenn das Einmaleins und der pythagoräische Lehrsatz die gleichen Forderungen an das sittliche Leben stellten wie die Artikel des Glaubensbekenntnisses, sie würden ebenso ungläubig wie diese aufgenommen werden. Schon die edlen Denker des Heidentums wussten um den Zusammenhang von Unglauben und Unsittlichkeit. Cicero schreibt einmal: „Viele denken schlecht von den Göttern, das bewirken ihre schlechten Sitten.“ Und der große Plato hat den schönen Satz geschrieben: „Wer ungerecht ist, ist immer Gott feind. Der Gerechte kommt leicht mit ihm zurecht.“

Der häufigste Grund, weshalb Gläubige vom Glauben lassen, ist der Aufstand gegen die geschlechtliche Sittlichkeit. „Die Welt wäre nicht ungläubig, wenn sie nicht unkeusch wäre!“ Dieses Wort des heiligen Augustinus hat bis heute seine Gültigkeit behalten. Die Welt wäre nicht ungläubig, wenn sie nicht unkeusch wäre! Wir dürfen die Religion nicht nach unseren sittlichen Maßstäben formen. Wir dürfen sie nicht nach unserem sittlichen oder unsittlichen Verhalten formen, sondern wir müssen unser sittliches Verhalten nach der Religion formen. Und wenn wir daran schuldig werden, dann müssen wir eben bereuen. Aber wir dürfen nicht die sittlichen Normen nach unserem Versagen formen wollen.

„Warum glaubt ihr mir nicht?“ fragt der Herr, fragt er die Juden seiner Zeit, fragt er auch unser Volk, fragt er auch uns heute. „Warum glaubt ihr mir nicht?“ Am Glauben hängt alles, meine lieben Freunde. Ohne Glauben ist alles nichts. Unser Glaube muss vollständig sein, keine Abstriche, keine Verkürzungen. Nein, keine Auswahl; ganz integral muss der Glaube sein. Unser Glaube muss fest sein, unerschütterlich, wahrhaftig, ohne Schwanken, ohne Zweifel. Und unser Glaube muss lebendig sein. Er muss Taten aufweisen. Wenn man nämlich das tut, was der Glaube sagt, dann wird man auch inne, dass er stimmt. Taten der Gottesliebe, Taten der Nächstenliebe befestigen unseren Glauben. Beten wir um die Kraft, zu glauben, für uns und für unsere ungläubigen Mitmenschen. Wir wollen nicht über sie richten. Wir wollen sie bedauern. Es muss uns schmerzen, dass sie den Glauben nicht finden, dass sie ihn noch nicht gefunden haben. Beten wir für die, denen der Herr heute die Frage entgegenhalten muss: „Warum glaubt ihr mir nicht?“

Beten wir für sie, dass sie die Kraft und den Mut zum Glauben finden, denn dazu braucht es Kraft und Mut. Beten wir, dass der Herr sich nicht vor ihnen verbirgt, wie er sich vor seinen Feinden verborgen hat, sondern dass er sich ihnen mit seiner Wahrheit und mit seiner Gnade offenbart, dass er Wohnung in ihnen nimmt und dass sich an ihnen erfüllt das Wort: „Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben.“

Amen.

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Die Ausreden der Leugner des Ostergeschehens

24.03.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Der Unglaube ist um Ausreden nicht verlegen. Er versteckt sich hinter unverständlichen Ausdrücken und hinter harmlos klingenden Ausreden. So erklärt er, die Auferstehung Jesu sei nicht eine historische, sondern eine metahistorische Wirklichkeit. Ich habe alle Lexika, die mir zur Verfügung stehen, durchgesehen, um zu finden, ob dort das Wort „metahistorisch“ enthalten ist. In keinem einzigen Lexikon taucht das Wort auf. Soviel aber ist sicher: Diejenigen, die solche Behauptungen aufstellen, wollen damit die Historizität, also die Geschichtlichkeit der Auferstehung Jesu bestreiten. Nicht eine historische, sondern eine „metahistorische“ Wirklichkeit sei sie.

Der Unglaube erklärt weiter, die Auferstehung Jesu sei nicht ein Ereignis, sondern ein Interpretament. Was ist denn das wieder? Ein Interpretament ist eine Erklärung. Man habe die Auferstehung erfunden, um damit etwas anderes zu erklären. Was denn? Dass die Sache Jesu weitergeht. Also hier soll erklärt werden, wie die Sache Jesu weitergeht, obwohl er tatsächlich nicht auferstanden ist! Das ist der Sinn, wenn man sagt, die Auferstehung Jesu sei ein Interpretament. Meine lieben Freunde, ich habe diese ungläubigen Bücher gelesen, damit Sie sie nicht zu lesen brauchen, und um Ihnen die Sicherheit zu geben, wenn wir im Glaubensbekenntnis sagen: „Auferstanden von den Toten am dritten Tage.“

„Die Sache Jesu geht weiter.“ Ja meinen Sie, die Sache Jesu wäre weitergegangen, wenn er im Tode geblieben wäre? Kein Mensch hätte sich um die Sache Jesu geschert, wenn er im Grabe verblieben wäre. Wie soll denn die Sache Jesu weitergehen, da sie doch am Karfreitag zu Ende gegangen ist? Der Karfreitag ist doch das Fiasko der Sache Jesu. Kein Mensch hätte sich auf die Sache Jesu eingelassen, kein Finger wäre für ihn gerührt worden, wenn er nicht aus dem Grabe erstanden wäre. Die Verleugnung des Petrus, die Flucht der Jünger, der Emmausgang der beiden Jünger, alles das bezeugt, wie niedergeschlagen und wie trostlos die Jünger waren, dass die Sache Jesu eben nicht weiterging. Nein, es muss etwas geschehen sein, damit sie weiterging, und das ist die Auferstehung Jesu; das ist die Auferstehung gemäß der Schrift. Das ist die Auferstehung, die wirklich und leibhaftig geschehen ist und von der die Apostel sagen: „Wir haben mit ihm gegessen und getrunken nach seiner Auferstehung.“ Sie berufen sich nicht auf eine Vision, sie berufen sich auf die Tischgemeinschaft mit dem Auferstandenen. Das ist die Wirklichkeit der Auferstehung.

Wir stehen deswegen unverbrüchlich zu dem, was 2000 Jahre lang geglaubt worden ist, und zwar so, wie es dasteht. Wir freuen uns, den Glauben bekennen zu dürfen, den die Apostel mit ihrem Blute besiegelt haben. Da höre ich einen Einwand, nämlich: Auch andere, sagt man, auch andere sind für eine Idee, für eine Ideologie, für eine Weltanschauung gestorben. Ohne Zweifel. Aber das ist es ja gerade, das ist ja gerade der Unterschied: Die Jünger sterben nicht für eine Ideologie, sie sterben für eine Tatsache. Und sie sind für eine Tatsache in den Tod gegangen, die sie nicht vom Hörensagen kannten, sondern die sie selbst erlebt haben. Das ist der Unterschied. Und deswegen berufen sie sich vor dem Hohen Rate nicht auf eine Lehre, sondern auf eine Tatsache. „Wir können nicht aufhören zu reden von dem, was wir gesehen und gehört haben.“ Eine Tatsache. Der heilige Irenäus, Bischof von Lyon im 2. Jahrhundert, also 1800 Jahre näher heran am Tode und an der Auferstehung Jesu, hat ein Buch geschrieben: „Gegen die Häresien“. In dem 5. Buche der „Häresien“ kommt er dann auf die Auferstehung Jesu zu sprechen, und er wird nicht müde, herauszustellen, dass derjenige, der aufersteht, derselbe ist wie der, der am Kreuze gehangen hat. Ja, es ist dasselbe Fleisch, sagt er, das wir nach der Auferstehung berührt sehen wie das, was er während seines irdischen Wandels getragen hat. Und so kann Jesus zu Thomas sagen: „Reich deinen Finger her und sieh meine Hände, leg deine Hand in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“

Der Unglaube, meine Freunde, kennt noch einen anderen Trick, um sich zu verbergen. Er spricht von dem historischen vorösterlichen Jesus und dem nicht historischen nachösterlichen Christus. Der Jesus, der vor Ostern gelebt hat, ist historisch, aber der Jesus, der nach Ostern angeblich gelebt hat, der sei nicht historisch. Das heißt, er ist ein Produkt der Gemeindetheologie, ein Phantasieprodukt der Jünger. Ostern bedeutet nach dieser Meinung einen Einschnitt zwischen Geschichte und Nachgeschichte. Und das ist ganz falsch. Der Einschnitt liegt nämlich nicht zwischen Karfreitag und Ostern, der Einschnitt liegt zwischen dem ersten Auftreten Jesu am Jordan und der Himmelfahrt. Was nach der Himmelfahrt kommt, das ist nicht mehr Geschichte, das ist Ewigkeit. Aber alles, was vor der Himmelfahrt liegt, das ist Geschichte. So verstehen die Jünger, so verstehen die Apostel, so verstehen die Evangelisten das Leben Jesu. Petrus verlangt nämlich von dem neu zu erwählenden Apostel, dass er Zeuge sein muss von allem, was Jesus getan hat von der Taufe des Johannes, „bis er von uns weg aufgenommen wurde“. Also der Einschnitt liegt nach der Himmelfahrt. Und ebenso ist es im Evangelium des heiligen Lukas. Er will in seinem Evangelium sprechen von all dem, was Jesus von Anfang an tat bis zu dem Tage, an dem er von uns aus in den Himmel aufgenommen wurde. Das heißt, die Geschichte, die Geschichte Jesu reicht vom Auftreten am Jordan bis zum Tag der Himmelfahrt. Und die Auferstehung gehört in diese Geschichte hinein; sie ist ein Bestandteil dieser Geschichte. Sie gehört zum historischen Jesus und nicht zum nachösterlichen. Die Sache Jesu geht weiter, gewiß. Aber nur weil der, der sie angefangen hat, nach seinem Tode wieder lebendig geworden ist und diese Sache vorantreiben konnte.

Warum, meine lieben Freunde, ereifere ich mich, um die Irrlehren über die Auferstehung Jesu zurückzuweisen? Weil an der Auferstehung buchstäblich alles hängt! Das ganze Christentum ist auf die Auferstehung aufgebaut. „Wäre Christus nicht auferstanden“, sagt der Apostel Paulus, „dann sind wir noch in unseren Sünden, dann sind wir falsche Zeugen.“ Aber weil er auferstanden ist, deswegen sind wir erlöst. Getrost, jetzt sind wir erlöst durch die Auferstehung Jesu. Jetzt haben wir Zuversicht auf das ewige Leben. Freilich hindert das nicht, dass wir österlichen Menschen auch jetzt noch das Leiden Christi an unserem Leibe herumtragen müssen. Von Jesus gilt das ja auch: „Mußte er nicht alles das leiden, um so in seiner Herrlichkeit einzugehen?“ Und sagt nicht Paulus: „Allezeit tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leibe herum, damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe sichtbar werde“? Also, das Leiden, das Mit-Leiden mit Jesus wird auch uns österlichen Menschen nicht abgenommen. Wir gehen als österliche Menschen durch die Welt, aber das hindert nicht, dass wir auch am Leiden Jesu Anteil gewinnen müssen. Anders kann man nicht in die Herrlichkeit, die Christus uns bereitet hat, eingehen. Wir singen an Ostern: „Christus erstand wahrhaft vom Tod.“ Aber wir fügen gleich hinzu: „Du Sieger, du König, sieh unsere Not!“ Die Ewigkeit hat mit der Auferstehung Jesu begonnen. Er ist der Erstling der Entschlafenen, und das ist eben der Anfang der Ewigkeit. Die große Auferstehung am Jüngsten Tage nimmt ihren Anfang mit Jesus. Die anderen kommen später dran. Aber sie werden so gewiß auferstehen, wie Jesus vom Tode erweckt wurde. Die Ewigkeit hat bereits begonnen, aber auch das Gericht. Auch das Gericht hat bereits begonnen. Das ist das Gericht, dass Christus in die Welt kam und dass die Welt ihn nicht annahm. „Wer nicht glaubt, der ist schon gerichtet.“

Die Auferstehung Jesu gibt dem ganzen Leben Jesu einen besonderen Sinn. Alles in seinem Leben konvergiert auf die Auferstehung Jesu. Alle Wunder erfüllen ihre Bedeutung, indem sie auf die Auferstehung Jesu hinweisen. Das Wunder der Brotvermehrung zeigt, dass es einmal eine Wirklichkeit geben wird, in der aller Hunger verbannt ist. Das Wandeln auf dem See zeigt, dass der Leib Jesu nicht mehr an die Gesetze der Schwerkraft gebunden ist. Und das Verwandlungswunder zeigt, dass der Leib einmal in Unverweslichkeit verwandelt werden wird. „Dieses Verwesliche“, sagt Paulus, „muss die Unverweslichkeit anziehen.“ Wir dürfen also ausschauen auf die Ewigkeit. Wir dürfen unsere große Hoffnung auf die Auferstehung Jesu setzen, dürfen freilich auch nicht vor unserer Verantwortung in dieser Zeit fliehen. Diese Zeit ist ein Provisorium. Wir sind auf das Definitivum, auf das Endgültige hin unterwegs. Aber in diesem Provisorium fällt die Entscheidung für das Definitivum. In dieser Zeit müssen wir das bewirken, was uns vor dem ewigen Tode rettet.

Theologie der Hoffnung wird heute großgeschrieben, und warum nicht? Wir haben eine solche Theologie der Hoffnung. Christus hat sie uns geschenkt mit seiner Auferstehung. Einer der führenden sowjetischen Literaturwissenschaftler hat vor einiger Zeit in einem Artikel geschrieben, er sei besorgt um die Zukunft seiner, nämlich der kommunistischen Weltanschauung. Die Nacht breche herein, die Nacht der heraufkommenden Christentums. Was er fürchtet, ist unsere Hoffnung. Die Nacht, vor der bangt, ist die Osternacht, in der das Leben über den Tod gesiegt hat. Für uns Christen ist es schon Morgen geworden, und nun schreiten wir in der Tageshelle der Ewigkeit zu, hoffend, liebend und glaubend, wie wir es jetzt gleich im Glaubensbekenntnis der heiligen Messe aussagen werden.

Amen.

 

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Der Sieg, der die Welt überwindet

30.03.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

In der Epistel des heutigen Sonntags steht der Satz: „Das ist der Sieg, der die Welt überwindet, unser Glaube.“ Von drei Dingen ist in diesem Satz die Rede: vom Glauben, von der Welt und vom Sieg des Glaubens über die Welt. Der Glaube, von dem hier die Rede ist, ist der Glaube an Jesus Christus, den Sohn Gottes. Wenn wir eine Ahnung davon gewinnen wollen, welche Kraft der Glaube besitzt, dann müssen wir uns das Beispiel der Apostel vor Augen führen, die in der Kraft dieses Glaubens hinausgingen in eine feindliche Welt, eine ganz kleine Schar in eine unermessliche, reiche Welt des römischen Imperiums, und die dort begannen, den Glauben zu verbreiten, getrieben von der Kraft des Heiligen Geistes, der in ihnen wirksam war. Sie haben das Wort des Herrn verstanden: „Gehet hin in alle Welt und kündigt das Evangelium allen Geschöpfen!“ Die Wurzel des Erfolges der jungen Kirche war der Glaube der Apostel. Sie haben den festen Punkt gefunden, von dem Archimedes, der große Physiker und Mathematiker des Altertums, einmal sagte: „Gebt mir einen festen Punkt, und ich hebe die ganze Welt aus den Angeln.“ Archimedes ist ja der Erfinder des Hebelgesetzes. Diesen festen Punkt haben die Apostel gefunden: Es ist die Auferstehung Jesu. Es ist die leibhaftige Auferstehung unseres Herrn. „Wer ist es, der die Welt überwindet, wenn nicht der, der glaubet, dass Jesus der Sohn Gottes ist?“

Die Gottessohnschaft, meine Freunde, ist Kern und Stern der Botschaft, die wir auszurichten haben. Die Gottessohnschaft Jesu besagt: Jesus ist wahrer Gott und wesenhafter Gottessohn. Behutsam hat der Heiland die Jünger an diese Wahrheit herangeführt, an die Wahrheit seines göttlichen Ursprungs und seines gottmenschlichen Wesens. Bis Thomas demütig vor ihm niederfiel und sagte: „Mein Herr und mein Gott!“ Von diesem Augenblick an beginnt für die Jünger eine neue Welt, eine Welt, die nicht von dieser Erde stammt. Drei Jahre lang hatte sich der Herr um sie gemüht. Sie hatten mit ihm gegessen und getrunken, sie waren mit ihm gewandert, sie hatten seine Predigten gehört und seine Unterweisungen, sie hatten seine Wunder erlebt. Aber das alles war noch nicht genug, um den festen und unerschütterlichen Glauben an ihn zu begründen. Erst in der Auferstehung wurde das Tor weit aufgestoßen, das Tor, das aus dieser Welt in die Welt Gottes führt. Erst da haben sie ihn erkannt als den Eingeborenen vom Vater.

Die Kirche hat diese Lehre aufgenommen und tiefer zu durchdringen, mit philosophischen Kategorien zu erklären versucht. Sie hat im Konzil von Nizäa festgestellt: Jesus ist wahrhaftig der Gottmensch. Er besitzt eine göttliche und eine menschliche Natur, die in der göttlichen Person ihren Einheitspunkt findet. Die menschliche Natur ist in die Einheit und in die Herrschaft der göttlichen Person aufgenommen. Die göttliche Person wirkt in der menschlichen Natur und durch die menschliche Natur.

Das Verhältnis Jesu zum Vater im Himmel wird als Sohnschaft bezeichnet. Es ist eine wahre und wesenhafte Sohnschaft, nicht eine Adoptivsohnschaft. Wir sind ja in einem gewissen Sinn Adoptivkinder Gottes. Er hat uns durch die Erlösung zu Söhnen und Töchtern angenommen. Nicht so Christus. Er ist der wahre und wesenhafte Gottessohn, er besitzt eine natürliche Gottessohnschaft. „Gezeugt, nicht geschaffen“ bekennen wir im Glaubensbekenntnis. Es wird also zunächst einmal die Geschöpflichkeit abgelehnt. Jesus ist nicht ein Geschöpf, wie wir Geschöpfe sind, sondern er ist „gezeugt“. Das hat natürlich nichts zu tun mit Geschlechtlichkeit, denn die Geschlechtlichkeit ist von Gott unendlich weit entfernt. Gott ist kein geschlechtliches Wesen. Die Geschlechtlichkeit ist bei den Menschen und bei den Tieren angesiedelt, aber nicht bei Gott. Gott ist über alle Geschlechtlichkeit erhaben. Der Ausdruck „gezeugt“ soll nichts anderes ausdrücken, als dass Jesus wesenhaft mit dem Vater verbunden ist, dass er ihm wesensgleich ist. Das ist das entscheidende Wort: Er ist ihm wesensgleich. Er hat dasselbe Wesen wie der Vater. Das drückten die Menschen, die griechisch sprachen, mit dem Wort aus: homoousios. Homoousios, gleich wesentlich mit dem Vater.

Wir wissen, dass diese Aussagen das Wesen Christi nicht erschöpfen, denn es ist unerschöpflich. Keine menschliche Redeweise kann auch nur annähernd das wiedergeben, was Christus ist. Aber diese Aussagen geben etwas Richtiges, ja etwas Unaufgebbares wieder. Deswegen müssen wir an ihn festhalten. An der Gottessohnschaft Jesu, meine lieben Freunde, hängt buchstäblich alles, seine Lehre und unser Glaube, seine Machttaten und ihre Wirklichkeit, sein Erlöserleiden und unsere Befreiung. Nur als der Sohn Gottes ist Jesus der verbindliche Lehrer, ist er der Herr der Zeiten, ist er der Richter der Menschen. Weil er der Sohn Gottes ist, überragt er unendlich alle Religionsstifter, ob sie Buddha oder Mohammed heißen. Er ist in einem wahren Sinne konkurrenzlos.

Das ist unser Glaube. Es scheint aber, dass er nicht mehr von allen, die ihn verkünden sollen, geteilt wird. Soeben bezeichnete der Münsteraner Theologe Stefan Schreiber den Sohn Gottes-Titel als „Metapher“, als Metapher! Was ist eine Metapher? Eine Metapher ist das sprachliche Ausdrucksmittel der uneigentlichen Rede. Das eigentlich gemeinte Wort wird ersetzt durch ein anderes, das eine gewisse Ähnlichkeit aufweist. Ich erinnere mich, dass der Sportlehrer eines Tages über mich sagte: „Das ist ein famoser Hund.“ Ich war ein „famoser Hund“, weil ich beim Fußballspielen viel lief, viel rannte. Natürlich war ich kein Hund, es sollte ein Beispiel, ein Bild sein. So ähnlich, meint Stefan Schreiber in Münster, ist es, wenn Jesus als Sohn Gottes bezeichnet wird. Er ist nicht wirklich der Sohn Gottes, sondern er besitzt lediglich eine besondere Nähe und Unmittelbarkeit zu Gott, er ist der erwählte und vollmächtige Repräsentant Gottes. Er vertritt Gott, er tritt für ihn ein, aber er ist nicht Gott. Also der Glaube, als metaphysische Gottessohnschaft Christi verstanden, ist eine nachträgliche Konstruktion der Kirche. Das ist die Lehre, die Stefan Schreiber in Münster seinen angehenden Priestern und Religionslehrern verkündet.

Damit ist er bei Hans Küng angelangt. Sie kennen alle den Schweizer Theologen Küng. Jeder kennt ihn, denn er ist der meistgelesene Theologe unserer Zeit. Die Menge seiner Bücher ist kaum zu zählen. Einige stehen auf der Liste der Bestseller. Er schreitet von Ehrung zu Ehrung; zuletzt haben ihn die Freimaurer geehrt. Er behauptet, Millionen Menschen den christlichen Glauben nähergebracht zu haben. Es fragt sich nur, welchen Glauben. Gewiß nicht den Glauben der katholischen Kirche, sondern das, was er davon übrig gelassen hat. Und was hat er übrig gelassen? Für Küng ist ähnlich wie für Schreiber Jesus der „Sachwalter Gottes“. Der Sachwalter. Das heißt: Er verwaltet die Sache Gottes; er tritt für die Sache Gottes ein; er nimmt sich der Sache Gottes an. Das haben Moses und die Propheten auch getan. Wenn Jesus nur Sachwalter Gottes ist, dann gehört er in die Reihe von Moses und den Propheten, dann überragt er nicht Menschenmaß. Der Glaube der Kirche sagt anderes: Sachwalter Gottes ist Jesus nur deswegen, weil er der wesensgleiche Sohn Gottes ist. Jesus kann nur deswegen in seinem Leben und Handeln die Sache Gottes vertreten, weil er vom Vater stammt und wiedergibt, was er vom Vater gehört hat. So muss man ganz klar feststellen: Küng bestreitet die metaphysische Gottessohnschaft Jesu. Metaphysische Wesensaussagen sind nach ihm unangemessen, um die Wirklichkeit Jesu zum Ausdruck zu bringen. Aber diese metaphysischen Wesensaussagen hat das Konzil von Nizäa verbindlich für alle Zeiten vorgeschrieben. Jesus, so heißt es dort, ist der wahre Sohn Gottes, aus dem Wesen des Vaters hervorgegangen, gleichen Wesens mit dem Vater. Diese metaphysischen Wesensaussagen stehen unter der Garantie des Heiligen Geistes! Sie sind keine Verfremdung des Evangeliums durch die griechische Philosophie; sie sind der sachgemäße Ausdruck – in  Kategorien der griechischen Philosophie – für das Wesen Jesu.

Wer nicht mit dem Konzil von Nizäa bekennt: Jesus von Nazareth ist wahrer Gott und wahrer Mensch, der hat um Jesus herumgeredet. Der Christusglaube der Kirche ist die sachgemäße Wiedergabe der biblischen Aussagen über Jesus, und wir müssen Herrn Küng sagen: Lassen Sie die Finger vom Konzil von Nizäa! Bischof Lehmann meinte vor einiger Zeit, man könne Küng nicht als einen Aussätzigen behandeln. Gewiß nicht. Aber man muss ihn behandeln als das, was er ist, nämlich als einen Abgefallenen.

Dem Glauben der Kirche steht die Welt gegenüber, die Welt, von der Johannes, der Lieblingsjünger Jesu, sagt, dass sie im argen liegt. Die Welt ist das Reich der Sünde und des Todes, das Reich des Untergangs und der Finsternis. Das Licht Gottes ist durch die Sünde in der Welt erloschen. Der Fürst dieser Welt – das ist der Satan – übt seine Herrschaft über die Kinder der Finsternis aus. Das Licht kam in die Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht ergriffen. Er kam in die Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht worden, aber die Welt hat ihn nicht erkannt. Und so sucht auch die Welt uns, die Kinder des Lichtes, in ihre Macht hineinzuziehen, uns, die wir aus der Macht der Finsternis errettet und in das Reich des geliebten Sohnes versetzt sind. Das ist unsere Lebensaufgabe, dem Reiche der Welt das Reich Gottes entgegenzusetzen. Und so ist unser Leben ein ständiger Kampf. Das Leben des Christen kann nur ein Kampf sein, weil es in den Gegensatz zwischen Gott und die Welt hineingestellt ist.

Die Welt lockt, meine lieben Freunde, sie lockt mit ihren Genüssen und mit ihrer Lust. Sie hat allerhand zu bieten, und sie lädt ein, zuzugreifen. Die Welt schmeichelt: Nur nicht sich anstrengen. Nach dem Konzil, sagt man mir heute, ist alles nicht mehr so schlimm. Jawohl, es ist alles nicht mehr so schlimm, weil man den Glauben auf Sparflamme gedreht hat. Die Welt verführt. „Mach dir’s auf der Erde schön, kein Jenseits gibt’s, kein Wiedersehn.“ Ich höre den Philosophen des Diesseits rufen: Meine Brüder, ich beschwöre euch, bleibet der Erde treu. Diese Beschwörung ist unnötig, die Masse der Menschen bleibt dieser Erde treu. Die Welt droht. Sie droht dem, der sich ihr nicht anpasst mit Entzug von Vorteilen und Annehmlichkeiten. Sie droht mit Isolierung und Ausschluß aus der Gesellschaft. Wehe dem, der sich als gläubiger, unversehrter, integraler Katholik bekennt! Die Welt straft. Sie straft mit Missachtung und Geringschätzung. Der gläubige Katholik ist nach wie vor eine Zielscheibe der Massenmedien in Deutschland. Die Welt straft auch mit Zurücksetzung und Benachteiligung. Ein überzeugter katholischer Gelehrter hat es schwer, an der Universität einen Lehrstuhl zu erringen.

Die Welt ist also im Gegensatz zu uns, und wir müssen ihr widerstehen. Aber wir haben ein Mittel, ihr zu widerstehen, nämlich unseren Glauben. Das ist der Sieg, der die Welt überwindet, unser Glaube. Der Glaube vermag uns in den Angriffen der Welt zum Sieger zu machen. Freilich nur dann, wenn wir den Glauben unversehrt bewahren. Als Paulus den Gläubigen in Korinth die Auferstehungsbotschaft verkündete, hat er ernste Mahnungen daran geknüpft: „Ich mache euch, Brüder, aufmerksam auf die Heilsbotschaft, die ich euch verkündet habe. Ihr habt sie angenommen; ihr steht in ihr fest. Durch sie werdet ihr gerettet, wenn ihr sie genauso festhaltet, wie ich sie euch verkündet habe. Sonst hättet ihr ja vergebens geglaubt.“ Man muss also am Glauben festhalten. Weil viele an diesem Glauben nicht festhalten, weil sie sich nach den Irrlehrern, die ich vorhin genannt habe, richten, deswegen sehen wir selten, dass der Glaube die Welt überwindet. Wir sehen vielmehr, wie die Gläubigen vor der Welt kuschen, wie sie sich ihr anpassen, wie sie selbst weltförmig werden. Unter dem Vorzeichen des Ökumenismus gehen viele katholische Christen zu nichtkatholischen Religionsgemeinschaften über. In Lateinamerika nimmt der Abfall von der katholischen Kirche erschreckende Ausmaße an. In Brasilien fällt jedes Jahr 1 Prozent der Katholiken zum Protestantismus ab. Und auch in unseren Breiten wissen wir, dass unermeßliche Verluste entstehen. Vor wenigen Tagen schreibt mir ein Pfarrer aus der pfälzischen Diaspora, dass in seiner Pfarrei die Katholiken durch die Mischehen wegschmelzen wie der Schnee in der Sonne. Dazu kommt der Abfall zu nichtchristlichen Religionen, in Deutschland jedes Jahr 4000 – viertausend! – Abfälle zum Islam!

Warum wird die Welt nicht überwunden? Weil der Glaube fehlt oder schwach ist. Ach wenn ich diese schwächlichen Allerweltsreden vieler Bischöfe schon höre und das mitmenschliche Gerede zahlloser Priester und die feige Zurückhaltung so vieler Christen! Sieghaft ist nur der ganze und unverkürzte Glaube. Nur auf den vollen und ganzen wahren Glauben kann man sich einlassen. Sieghaft ist nur der lebendige, ein in der Tat bewährter, ein im Leben sich zeigender Glaube, keine schwächliche Anpassung an die Welt, kein Kompromiß mit dem Zeitgeist, meine lieben Freunde, kein Ausweichen vor den klaren Forderungen Gottes. Denn im Glauben, im vollen, im wahren, im unverkürzten Glauben überwinden wir die Welt. Wieso? Weil er uns die Wahrheit gibt. Er lehrt uns, was die Welt ist, was sie wert ist und was sie nicht wert ist. Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden leidet an seiner Seele? Im Glauben überwinden wir die Furcht. „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten können, fürchtet vielmehr den, der Leib und Seele in die Hölle stoßen kann. Ja, den sollt ihr fürchten!“ Im Glauben überwinden wir auch die Versuchungen, denn der Glaube verbindet uns mit dem Sieger über die Sünde, mit Christus. Er verbindet uns mit Christus, dem Sieger über die Höllenmacht. Und Gott ist stärker als alle Versuchungen.

Meine lieben Freunde, an der Spitze unserer Kirche steht ein Mann, welcher der Hydra des Zeitgeistes machtvoll auf die Häupter schlägt, der mit den Feinden Gottes und der Menschheit ringt, der dem Ungeist der Häresie furchtlos entgegentritt, der den Schlinggewächsen des Bösen an die Wurzel geht, unser Heiliger Vater Benedikt. An ihn wollen wir uns anschließen. Sein Gaube soll unser Glaube sein, und wenn unser Glaube der seine ist, dann sind wir auch des Sieges gewiß. Das ist der Sieg, der die Welt überwindet, unser Glaube!

 

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Ostern – ein geschichtliches Ereignis

23.03.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte, in heiliger Osterfreude Versammelte!

Ostern ist heute, das Fest der Auferstehung unseres Herrn und Heilandes aus dem Tode. Vor wenigen Tagen standen wir unter dem Kreuz, an das ihn seine Feinde gebracht hatten. Wir sahen zu, wie der entseelte Leib in eine Grabkammer gelegt und ein Stein davor gewälzt wurde. Wir beobachteten, wie eine Wache aufzog, um den Toten zu behüten. Aber heute, am ersten Wochentag, ist alles anders. Heute gilt das Wort: „Erfreue dich, o Christenheit, der Tod ist überwunden; die Welt von Sünd’ und Schmach befreit, sie hat das Heil gefunden. Denn eh der dritte Tag erwacht’, erhob sich aus des Grabes Nacht, der uns am Kreuze freigemacht.“

Ostern ist keine Idee. Ostern ist ein Ereignis. An Ostern geht es um ein wirkliches Geschehen, um eine Tatsache, nicht um Gedankengebilde. Das ist nicht selbstverständlich. Es gibt Menschen, die sehen an Ostern nichts anderes als das Frühlingserwachen, als den Sieg der Natur über den Winter, über die Kälte, über den Frost, eine Phase im Rhythmus des Naturlebens. Dem Sterben folgt das Wiederauferstehen in der Natur, die Knospen und Blüten besiegen den Schnee und das Eis und die erstarrte Umwelt. Wer Ostern in dieser Sache zu deuten versucht, der hat es gründlich missverstanden. An Ostern ist etwas geschehen, an Ostern hat sich etwas ereignet. Ostern ist ein Vorgang nicht in der Natur, sondern in der Geschichte. Es geht um die Ostertatsache. Was wird uns davon berichtet? Was wird behauptet, was sich an Ostern zugetragen hat? Diese Behauptung ist allerdings so ungewöhnlich und so unerhört, ja geradezu aufregend, dass sie vom ersten Augenblick an heftige Opposition ausgelöst hat, zu einer Scheidung der Geister zwischen Glauben und Unglauben geführt hat.

Die Osterkunde lautet: Der bekannte Wanderprediger Jesus von Nazareth, der auf der Seite Gottes zu stehen behauptete, der durch das Kreuz hingerichtet wurde, derselbe ist am dritten Tage aus dem Tode wieder auferstanden, hat sich als der Lebendige gezeigt, mit seinen Jüngern gesprochen, und sein Felsengrab ist leer geworden.

Diese Behauptung ist so ungeheuerlich, dass man ein gewisses Verständnis dafür haben kann, dass immer wieder Leute behauptet haben, es sei das eine Phantasie, eine fromme Einbildung derer, die meinten, den Auferstandenen gesehen zu haben. Man erklärt sich das so: Die Jünger wollten nicht wahrhaben in ihrer erregten Phantasie, dass Jesus tot, endgültig tot war, und so steigerten sie sich in den Wahn hinein, er sei nicht tot. Und so hatten sie dann in diesem Wahn Halluzinationen, das sind Trugvorstellungen, in denen sie meinten, den Auferstandenen zu sehen. Für die Ungläubigen – auch unter den Theologen – ist Ostern eine persönliche Täuschung und Einbildung. In Marburg, meine lieben Freunde, lehrte ein weltbekannter evangelischen Theologe, und von ihm stammt das Wort: „Ein toter Leib kann nicht wieder lebendig werden.“ Das sagen auch die Fleischer. Aber weil das einmal geschehen ist, deswegen gibt es ja das Christentum!

Diese psychologische Erklärung scheitert an zwei Tatbeständen. Einmal fehlte bei den Jüngern nach dem Zusammenbruch am Kreuze jede Spur einer Erwartung, es könne sich die Lage doch noch verändern, oder der ins Grab gelegte Gekreuzigte müsse wieder lebendig werden. Die seelische Erschütterung der Jünger war total. Ihre Lage war hoffnungslos, so dass überhaupt kein Raum vorhanden war, sich an derartige zuversichtliche Gedanken zu klammern. In ihren verwüsteten Seelen fanden keine hoffnungsvollen Ideen Eingang. Für eine solche Einbildung fehlte bei den Jüngern jeder Erwartungshorizont. Es existierte keine seelische Grundlage für das Hervortreiben einer derartigen Phantasie. Auch Phantasien brauchen eine Wurzel; bei den Jüngern Jesu existierte keine derartige Wurzel. Sodann aber kann die radikale Umwandlung, die in den Jüngern geschehen ist, durch die Annahme einer Selbsttäuschung niemals verständlich gemacht werden. Es bleibt ein Rätsel, wie die in Schmerz und Trauerniedergebrochenen Menschen mit einem Schlage zu freudeerfüllten starken Persönlichkeiten wurden, wie die durch Menschenfurcht verängstigten Jünger zu tapferen Bekennern und Zeugen vor der Weltöffentlichkeit umgewandelt wurden. Es ist widersinnig, zu glauben, dass eine Illusion derartige umwandelnde Kräfte besitzen könnte; eine Illusion wandelt niemanden um. Durch Einbildung wird man nicht zuversichtlich und todesmutig. Und diese Umwandlung vollzog sich nicht in einem längeren Zeitraum, sondern sie geschah in wenigen Stunden. Sie erhob sich auch nicht aus anfänglicher Unsicherheit, sondern sie war mit einem Male da und mit absoluter Sicherheit.

Damit wird die Frage, was an Ostern geschah, doppelt brennend. Vertiefen wir uns in die Berichte, die das Ostergeschehen bezeugen. Ich habe gestern noch einmal die Synopse in die Hand genommen, also die Zusammenstellung aller Berichte aus den Evangelien und aus den Briefen des Neuen Testamentes, die sich mit der Auferstehung befassen. Da sind Unterschiede. Da werden die Zeitangaben, die Ortsangaben unterschiedlich dargestellt. Die Namen derer, die Jesus gesehen haben, unterscheiden sich. Ja, meine lieben Freunde, warum denn nicht? Verschiedenheiten sind keine Gegensätze. Wer nicht den bösen Willen hat, diese Verschiedenheiten zu Gegensätzen aufzubauschen, der ist in der Lage, diese angeblichen Widersprüche aufzulösen und zu erklären. Fragen Sie einmal die Besucher des Gottesdienstes am Karfreitag, wer an dem Gottesdienst teilgenommen hat. Da werden die verschiedenen Besucher verschiedene Namen angeben. Jeder hat eben den und jenen gesehen, ein anderer hat wieder andere gesehen. Und trotzdem haben sie alle recht. Jeder beschreibt eben das, was in seinen Gesichtskreis getreten ist. Das sind keine Gegensätze, das sind Unterschiede, die selbstverständlich und unvermeidlich sind.

Ein ganz besonderes Interesse an dem österlichen Geschehen hat der älteste urchristliche Bericht von der Auferstehung, der uns vorliegt im ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther. Wer hier von der Auferstehung spricht, das ist ein Mann, der Augen- und Ohrenzeuge der Ereignisse gewesen ist. Vor 20 Jahren sind sie geschehen, denn der erste Korintherbrief ist etwa im Jahre 50 geschrieben worden – vor 20 Jahren! Und deswegen, er blickt nicht weiter zurück als wir auf die Wiedervereinigung Deutschlands, die auch vor 20 Jahren geschehen ist. Und wenn wir heute die Menschen in Berlin fragen, wie das war, dann können uns viele Auskunft geben, und sie können uns zuverlässige Auskunft geben. So steht auch außer Zweifel, dass Paulus Erlebtes berichtet. Aber er steht nicht allein. Er hat andere, die dasselbe bezeugen können. Er kann sich auf Menschen berufen, die zur Zeit der Abfassung seines Schreibens noch lebten und die, wie Paulus, Augenzeugen des Erscheinens des Auferstandenen waren. Und es waren nicht wenige. Wir werden gleich hören: Es waren 500 Brüder auf einmal.

Es kommt nun Paulus alles darauf an, eine Aufzählung der Zeugen zu bringen, die den auferstandenen Christus gesehen haben. Das ist eine Art juristischer Beweisführung. Bei Gericht muss man Zeugen anführen. Und Paulus ist in der Lage, solche Zeugen anzuführen. Nach dem damaligen Recht galten nur Männer als zeugnisfähig, und so ist es nicht zu verwundern, dass Paulus als seine Zeugen nur Männer anführt. Das hindert aber nicht, dass auch Frauen vollgültige Zeugen der Auferstehung des Herrn, der Erscheinungen des Auferstandenen geworden sind. Der Herr macht keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Seine Erscheinungen vor den Frauen waren genauso real wie jene vor den Männern. Er hat sich Maria Magdalena, Johanna und der anderen Maria ebenso gezeigt wie dem Petrus und den Emmausjüngern. Auch die Reihenfolge der Auferstehungszeugen ist nicht willkürlich oder gleichgültig. Es werden Namen genannt, die in der damaligen Kirche eine Rolle spielten, an erster Stelle Petrus. Es besteht in den neutestamentlichen Berichten Übereinstimmung, dass der erste männliche Zeuge des Auferstandenen Petrus war. Eines der ältesten urchristlichen Überlieferungsworte lautet: „Der Herr ist wahrhaft auferstanden und dem Petrus erschienen.“

Aber Petrus steht nicht allein, denn der Herr erschien danach den Zwölfen. Eigentlich waren es ja nur noch elf, aber der Name „die Zwölf“ hat sich eben durchgehalten. Der Herr hatte zwölf auserwählt, und so trugen auch die übriggebliebenen elf den Namen von den Zwölfen. Dann ist der Herr 500 Brüdern erschienen, nicht nacheinander, sondern auf einmal. Sie waren alle beisammen, also eine Riesenmenge, vor der sich der Herr gezeigt hat. Dann erschien er dem Jakobus, ein besonders wichtiger Zeuge, ein Verwandter des Herrn, einer, der seinen Verwandten kannte. Und schließlich erschien er sämtlichen Aposteln, das heißt dem weiteren Jüngerkreis, den man eben auch als Apostel, weil sie in die Welt gesandt wurden, bezeichnete. Zuletzt aber erschien er dem Paulus. Die ihm gewordene Erscheinung gehört in die Reihe der einmaligen kirchenbegründenden Erscheinungen hinein, wenn auch als letzte. Er ist derselben Offenbarung gewürdigt worden wie alle anderen Zeugen der Ostergeschichte. Ihm ist der Auferstandene erschienen.

Achten Sie bitte, meine lieben Freunde, auf diese sprachliche Wendung: „Er ist erschienen.“ Das „ist erschienen“ hat mit Vision, mit einem innerseelischen Vorgang nichts zu tun. Der auferstandene Christus wird von außen, nicht von innen gegenwärtig. Er tritt vor die Augen, vor die physischen Augen der Jünger, nicht als ein Hirngespinst im Gehirn. Der Ausdruck „ist erschienen“ bezeichnet das Offenbarungsgeschehen und die Begegnung mit dem auferweckten Jesus. Er ist als der Lebendige durch den Tod hindurchgeführt worden; er selbst ist der Inhalt dieser Erscheinung. Der Ton liegt auf dem, was Christus tut: Er zeigt sich, und allein dadurch wird das Sehen der Zeugen möglich gemacht. Das „ist erschienen“ aber wiederum ist nur möglich, zeitlich wie sachlich, weil Christus auferweckt worden ist. Nun hat ihn Gott sichtbar werden lassen, so dass Menschenaugen ihn sehen können.

Das Zeugnis von der Auferstehung Jesu ist gewiß ein Glaubenszeugnis, also ein Zeugnis von Männern und Frauen, die gläubig geworden sind. Aber dieses Zeugnis redet von einem tatsächlichen Geschehen. Was sie bezeugen, ist das Heil in der Geschichte, ein wirkliches Geschehen, das aber, was es ist, nur vom Glaubenden erkannt wird. Da höre ich den Einwand des Unglaubens: Die Jünger, die von der Auferstehung Jesu berichten, sind keine neutralen Beobachter, sondern Männer, deren ganzes Leben durch die Begegnung mit dem Auferstandenen umgewandelt worden ist. Ganz richtig. Sie sind keine neutralen Beobachter, aber dass sie durch den Auferstandenen umgewandelt worden sind, das verhindert nicht die Wahrhaftigkeit ihres Zeugnisses, das verstärkt sie. Dass sie von dem Auferstandenen umgewandelt wurden, zeigt die Realität, die Macht und die Wirkkraft des Auferstandenen. Wem er begegnet, und wem die Begegnung mit ihm wichtig ist, der wird von seiner Gnade erfaßt und umgewandelt. Ja, gerade weil die Jünger umgewandelt wurden, sind sie glaubhafte Zeugen. Der Auferstandene hat sie nicht kalt gelassen.

Dieses unerhörte Ereignis ist der Inhalt von Ostern. Selbstverständlich, meine Freunde, kann man immer wieder Ausreden erfinden. Das ist ja schon in der Urkirche so gewesen. Für die Heiden war die Kunde von der Auferstehung eine Torheit, für die Juden war sie ein Ärgernis. Die Juden haben damals die Lüge verbreitet, die Jünger seien gekommen und hätten den Leichnam gestohlen. Und so wird es weiter bis heute in ihrem Talmud, in dem jüdischen Buch, verbreitet. Wir aber wissen: Der Herr ist wahrhaft auferstanden. Achten Sie bitte immer darauf, dass es in den Texten der Liturgie nicht heißt: Christus ist auferstanden, sondern dass es heißt: „Christus ist wahrhaft auferstanden.“ Das heißt, er ist dem Fleische nach auferstanden. Er ist nicht ins Kerygma, wie Herr Bultmann in Marburg verkündet, er ist nicht ins Kerygma auferstanden, in die Verkündigung. Nein, er ist mit seinem Leibe auferstanden!

Triumph! Der Tod ist überwunden, zum Leben der Unsterblichkeit ist selbst durchs Grab der Weg gefunden. Bekenner Jesu, singt erfreut: Alleluja, alleluja. Zersprengt sind nun des Todes Ketten auf Jesu mächtiges Gebot. Uns von des Todes Macht zu retten, besiegte Jesus selbst den Tod.

Alleluja! Alleluja!

 

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Wie Schafe, die keinen Hirten haben

06.04.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

„Wir waren einst wie Schafe, die keinen Hirten haben“, schreibt Petrus den Empfängern seines Briefes. Er spielt damit an auf die Verlorenheit der Menschen in der vorschriftlichen Zeit. Hier gibt er ihnen knapp und eindringlich eine Diagnose ihrer vorschriftlichen Vergangenheit. Wie Schafe, die keinen Hirten haben. In der Taufe und in der Bekehrung wurde dieser Zustand überwunden. Da haben sie den guten Hirten Jesus gefunden, den wahren Hirten ihrer Seelen, die Gemeinschaft der Heiligen und die Geborgenheit in der Liebe Gottes. Aber gilt dieses Wort nicht auch für die nachchristliche Zeit, für diejenigen, die das Christentum abgeworfen haben und deswegen wiederum sind wie Schafe, die keinen Hirten haben? Ist es nicht so, dass – vorchristlich oder nachchristlich – fern von Christus die Menschen richtungslos, haltlos und heimatlos sind?

Die Richtungslosigkeit unserer Zeit ist offensichtlich. Viele Philosophien und Heilslehren kommen und gehen; sie versprechen Befreiung des Menschen, Erlösung und Fortschritt. Die Sinne werden vernebelt und verwirrt; falsche Propheten buhlen lautstark um die Gunst der Massen. Die gesunde Lehre aber, das Wort Gottes, ist vielen fremd geworden. Hoffnungslos verwirrt stehen viele Menschen unserer Zeit vor dem Warenhaus der Meinungen und Ideen, der angeblichen Weisheiten und Torheiten, ausgeliefert dem Wirbelwind der Tagesmode. Da gibt es einen so genannten Wunderheiler, Reinhard Bonke. Er zieht durch die Lande, ja durch die Erdteile und behauptet, in den letzten 7 Jahren 44 Millionen Menschen bekehrt zu haben. Bis 2010 will er noch einmal weitere 56 Millionen Menschen bekehren. Und die Menschen laufen ihm nach, neulich in Stuttgart Tausende.

Eine merkwürdige Anziehung hat in den letzten Jahren der Dalai Lama, also der oberste Vertreter des tibetischen Buddhismus, gefunden. Er gibt sich als eine Reinkarnation Bodhisattvas aus. Die Lehre des Lamaismus, meine lieben Freunde, ist eine gigantische Verirrung. Der Lamaismus vertritt eine Vielgottlehre, einen Polytheismus. Manche Forscher sagen, man nehme dort 2 Millionen Götter an. Er verspricht Erlösung durch magische Praktiken. Durch Versenkung und Abschaltung und durch den Vollzug von bestimmten Ritualen könne man absolute Befreiung erhalten, würden alle Gegensätze in einer Vereinigung aufgehoben. Eine gigantische Verirrung. Wir wissen doch: In keinem anderen Namen ist Heil gegeben, in dem die Menschen selig werden können, als in dem Namen Jesu. Aber wir leben in einer Zeit der Auswahl. Die Menschen suchen sich aus den verschiedenen Heilslehren, Philosophien und Religionen das für sie (angeblich) Passende aus und lassen das andere beiseite. Was gefällt, wird angenommen, was missfällt wird fallengelassen.

Es gibt auch andere, die in ihrer Richtungslosigkeit zur vollendeten Skepsis gekommen sind. Sie geben das Suchen überhaupt auf, sie meinen, die Wahrheit sei unerkennbar, man müsse sich mit vorläufigen Meinungen bescheiden. Das erinnert an den deutschen Dichter Heinrich Heine. Er stand einmal in Antwerpen vor dem herrlichen gotischen Dom, und angesichts dieses Domes sagte Heinrich Heine: „Die Menschen, die dieses Dom gebaut haben, hatten Dogmen. Wir haben nur Meinungen. Mit Meinungen baut man keine Dome.“

Wahrhaftig, die Richtungslosigkeit ist den Menschen eigen, die fern von Christus sind. Unser Glaube gibt uns Richtung. Wir wissen, woher wir kommen, und wir wissen, wohin wir gehen. Wir wissen auch, an wen wir uns zu halten haben. Die Wahrheit ist uns geschenkt, und uns ist die Pflicht auferlegt, diese Wahrheit zu bezeugen. Wir wollen ,meine lieben Freunde, an der Wahrheit nicht irre werden. Wir wollen nicht gleichgültig sein gegen die Wahrheit, und wir wollen uns auch nicht trennen von der Wahrheit.

Wer richtungslos ist, ist auch gewöhnlich haltlos. Ich sage nicht, dass alle Atheisten sittlich verderbt sind. Nein, aber in der Regel führt die Gottlosigkeit auch zur sittlichen Haltlosigkeit. Ein Beispiel aus der jüngsten Zeit: Eine Budenheimer Dame erklärte mir, dass ihr Schwiegervater sie zur Unzucht verführen wolle, und sie fügte hinzu: „Ohne Gott und ohne Gebot.“ Richtungslos im Geistigen, das ist auch in der Regel dann richtungslos und haltlos im Sittlichen. Das entspricht einander. Eine sittliche Ordnung, die allgemein anerkannt ist und für alle verpflichtend ist, gibt es praktisch nicht mehr. Unser Volk ist auch in grundwesentlichen Werten nicht mehr eines Sinnes. Denken Sie nur an die Weltanschauung der meisten Grünen. Man beobachtet einige Konventionen, man hält bestimmte Anstandsregeln ein, aber Gut und Böse, Recht und Unrecht, Ordnung und Unordnung sind keine festen Größen mehr. Die meisten Menschen wissen nicht mehr um den letzten und absoluten Maßstab der Sittlichkeit, nämlich um den heiligen Willen Gottes.

Und wie es immer ist, die schlimmsten Verirrungen zeigen sich auf dem Gebiete der geschlechtlichen Sittlichkeit. Lebenspartnerschaften zwischen Homosexuellen werden dem heiligen Bund der Ehe gleichgestellt. In München wurde eine Wohngemeinschaft für lesbische Seniorinnen geschaffen, und in diesem Jahre soll noch eine solche für homosexuelle Senioren dazukommen. Die Unzucht verbreitet sich immer weiter. Im Jahre 2007 zahlten die etwa 500 Prostituierten in Köln 877.000 Euro an das Finanzamt. In Afrika, südlich der Sahara, sind 28 Millionen Menschen aidskrank. Und der Staat Israel finanziert jeder weiblichen Soldatin während des zweijährigen Wehrdienstes zwei Abtreibungen. In Italien werden jährlich 300 Pornofilme gedreht, und 400.000 Porno-DVDs verkauft; über 400 Lokalsender strahlen nachts Pornoprogramme aus. Und was tun die Herren und Damen in Brüssel und in Straßburg? Sie denken darüber nach, die Abtreibung zu entkriminalisieren, d.h. die Abtreibung soll völlig freigegeben, aus den Strafgesetzbüchern herausgenommen werden. Das ist das Europa, von dem wir nichts wissen wollen! Von diesem Europa nehmen wir Abschied! Britische Stammzellenforscher haben Stammzellen eines Menschen und einer Kuh verbunden – eines Menschen und einer Kuh! – und ein solches Embryo erzeugt.

Gottlos, das heißt auch in der Regel sittenlos. Die Tafeln der beiden Gesetze gelten für die Menschen nicht mehr, und die größte Not liegt nicht darin, dass sie die Tafeln vergessen haben, sondern dass sie, wenn sie in den Schlamm gefallen sind, sich nicht mehr heraushelfen lassen. Es ist so schwer, sie von ihrem Unrecht zu überzeugen. Es ist so schwer, ihnen klar zu machen, dass Gott fordernd und verpflichtend vor ihnen steht. Sie müssen lernen, dass die Forderungen Gottes unabdingbar sind und dass die Forderungen Gottes unverfügbar sind für den Menschen. Daran hat er nichts zu deuteln, er hat sie zu erfüllen. Gottes Gesetz ist heilig und unantastbar. Der Mensch muss sich ihm beugen, er darf nicht daran rütteln. Wahrhaftig, der richtungslose Mensch ist in der Regel auch haltlos. Unsere Religion gibt uns Halt. Die Gebote Gottes sind der Wegweiser zum Heil. Einen anderen gibt es nicht.

Und schließlich sind diese Verirrten auch noch heimatlos. Die verirrten Schafe haben keine Heimat mehr, denn sie haben die Erde von der Sonne Gott losgekettet. Schuld und Irrtum führen den Menschen immer in die Isolierung und Einsamkeit. Das getäuschte und belastete Gewissen wird auf sich selbst zurückgeworfen. Die neurotischen Erkrankungen nehmen zu. Schuld und Unrecht werden nicht mehr bewältigt, weil eine gesunde, tragende Gemeinschaft fehlt, weil hervorragende Beispiele von Menschen ihnen abgehen. Es leuchtet ihnen nicht mehr das Licht einer unfehlbaren Wahrheit. Jeder ist mit seiner Schuld allein. Diese Verlorenheit, diese Heimatlosigkeit der gottlosen Menschen findet ihren Ausdruck in der Dichtung. Ich habe, meine lieben Freunde, aus den letzten Tagen folgende Bemerkungen zu diesem Zustand gesammelt. Vor wenigen Tagen ist der jüdische Dichter George Tabori gestorben. Dieser Dichter hat Stücke geschrieben, und in einem dieser Stücke heißt es: „Gott ist tot. Ich wusste gar nicht, dass der krank war. Heute sterben eben Leute, die früher nicht gestorben wären.“ So schreibt der jüdische Dichter George Tabori. Und der bekannte Liedermacher und Sänger Wolf Biermann tönt: „Die alten Götter, ja gerade die, die liegen auf dem Schrott. Na endlich auf dem Schrott. Mit neuen Göttern kommt uns nicht. Wir brauchen keinen Gott, auch keinen kleinen Gott.“ So singt Wolf Biermann. Und das Bundesfamilienministerium musste sich beschäftigen mit dem Buche „Wo, bitte, geht’s zu Gott?, fragte das kleine Ferkel“. Ein Buch für alle, die sich nichts vormachen lassen. Autor: Michael Schmidt-Salomon. In diesem abscheulichen Produkt werden die Religionen nach Strich und Faden madig gemacht. Es gibt die drei monotheistischen Religionen der Lächerlichkeit preis. In Mannheim, im Mannheimer Nationaltheater, das einmal eine Berühmtheit im deutschen Theaterwald war, wird das Theaterstück „Jetzt und in Ewigkeit“ aufgeführt. In diesem Stück wird die Weihnachtsgeschichte widerwärtig persifliert, wird der Papst in unverschämter Weise angegriffen, wird das Priestertum geschmäht. Nach diesem Stück dient die Religion nur als Deckmantel für private Abgründe. Alle beruflichen Beziehungen beruhen auf sexueller oder monitärer Abhängigkeit.

Das, meine lieben Freunde, ist eine kleine Auswahl aus der Zerrissenheit der Dichtung, die heute auf unser Volk losgelassen wird. Christa Meves hat einmal die Frage gestellt: „Wieviel Verführung verträgt ein Volk?“ Ich bin überzeugt, dass dieses Maß längst überschritten ist. Unser Volk wird durch diese Verführung buchstäblich zugrunde gerichtet.

„Wir waren einst wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ So schrieb Petrus den Christen in bezug auf ihre vorchristliche Vergangenheit. Aber das Wort gilt auch heute in der Zeit des Nachchristentums, in einer Zeit, wo das Christentum für Millionen und Abermillionen seine bindende Kraft verloren hat. Wenn es eine Wende geben soll, dann kann sie nur dadurch erfolgen, dass unser Volk zum Christentum zurückfindet, dass er dort wieder die Richtung findet, wo sie allein zu finden ist, dass es dort wieder den Halt sucht, wo er allein vorhanden ist, und dass es dort seine Heimat gewinnt, wo allein eine Heimat zu finden ist, nämlich am Herzen Jesu.

Amen.

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Das Antlitz des Gottmenschen

13.04.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Der heilige Augustinus hat einmal einen dreifachen Wunsch ausgesprochen, was er sehen möchte, nämlich 1. die Stadt Rom in ihrer kaiserlichen Pracht, 2. das Heilige Land, in dem der Herr gewandelt ist, und 3. das Antlitz des Herrn selbst. Diesen Wunsch, meine Freunde, haben wohl viele Christen schon gehabt: Ja, wenn ich ihn einmal sehen könnte! Ich erinnere mich, wie mir einmal in einer sächsischen Industriestadt ein Arbeiter sagte, indem er auf den Tabernakel verwies: „Ja, wenn er doch einmal herauskommen möchte!“ Ja, wenn er doch einmal herauskommen möchte!

Gott ist ein Mensch geworden, ein Mensch wie wir, so sagen wir. Das ist der Inhalt des christlichen Glaubens: Jesus Christus ist Gottes Sohn, der eine menschliche Natur angenommen hat. Er ist ein Mensch geworden, auf dass wir der göttlichen Natur teilhaftig werden. Wäre er nur Gott, dann könnte er uns kein Beispiel sein. Wäre er nur ein Mensch, so hätte er uns nicht erlösen können. Also ist der Gottmensch erschienen. Er war ein Mensch, aber nicht ein Mensch wie wir. Der Heiland war ein eigenartiger, ein einzigartiger Mensch. Es gibt keinen, der ihm gleichkommt. Wir haben von Kindheit an Bilder unseres Herrn betrachtet. Gewöhnlich wird er dargestellt als junger Mann – er war ja, als er aufzutreten begann, 30 Jahre alt – mit Bart, mit hoher Stirn, ein aufrechter, ein edler Mann, eine edle Erscheinung – das Idealbild eines Menschen. Und die Maler aller Zeiten haben versucht, uns sein Bild zu entwerfen. Im Grunde sind sie aber nicht über die Gemälde hinausgekommen, die uns die großen Italiener, Niederländer und Deutschen geschaffen haben: Leonardo da Vinci, Fra Angelico, Michelangelo, Raffael. Sie haben uns gezeigt, wie sie sich Christus vorgestellt haben in ihrer Phantasie. Denn das eine ist klar: Es gibt kein Bild Jesu, das ihn so wiedergäbe, wie er in der Wirklichkeit gewesen ist. Kein Pinsel und kein Malerwerkzeug hat den Herrn uns aufbewahrt, wie er war. Auch keine Schreibfeder hat es überliefert. Wir möchten den Evangelisten manchmal gram sein, dass sie uns nichts über die äußere Gestalt Jesu mitteilen; aber sie hatten gute Gründe, denn sie wussten: Die Gestalt des Herrn ist so beschaffen, dass das Äußere weit weniger wichtig ist als seine geistige Persönlichkeit. Und sie trugen ja sein Bild in ihrem Herzen. Wir sollten, das ist vielleicht auch eine Überlegung gewesen, innerlich ihm gleichförmig werden, nicht äußerlich.

Das Christusbild der großen Maler ist auch unseres. Was van Eyck oder Memling geschaffen haben, was Grünewald oder Dürer uns übermittelt haben, das ist auch unser Christusbild. Sie haben es nicht nur mit sicherer Hand gezeichnet, sondern auch mit glühendem Herzen. Von Fra Angelico ist bekannt, dass er jedes Mal betete, bevor er den Pinsel ansetzte, um ein Bild des Herrn zu malen. Und Leonardo da Vincis sichere Hand zitterte, wenn er daranging, das Bild des Herrn zu zeichnen. Was hätten sie dafür gegeben, wenn sie einmal hätten seine Gestalt sehen können, so wie die Apostel ihn gesehen haben, wie das Auge seiner Mutter ihn gesehen hat, wie die Kranken und die Siechen ihn geschaut haben, wie der rechte Schächer ihn angeblickt hat! „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“, verkündet Johannes, und das ist es, was wir jeden Tag am Schluß der heiligen Messe beten: Wir haben seine Herrlichkeit gesehen – freilich wir eine verborgene, aber ihm war sie ja auch verborgen. Und „Du bist wahrhaft der Sohn des lebendigen Gottes“, so haben sie ausgerufen. Sicherlich war der erste, unvergessliche Eindruck, den Jesus auf das Volk machte, von der gewaltigen Kraft seines Geistes getragen. Aber dieser Geist muss sich auch irgendwie in der äußeren Erscheinung ausgeprägt haben. Wir wissen doch, dass das Wort gilt: „Es ist der Geist, der sich den Körper baut.“ Man kann am Gesicht eines Menschen viel ablesen. Das Gesicht prägt Züge aus, die den Menschen in seinem Leben bestimmen. Je stärker der Geist eines Berufes ist, desto ausgeprägter, unverwischbarer wird das Gesicht eines Menschen sein, desto ergreifender werden seine Züge predigen.

Das Beherrschende im Antlitz Jesu wird wohl sein Auge gewesen sein. Sein Auge strahlte. Er hat es selber einmal ausgedrückt mit den Worten: „Die Leuchte deines Leibes ist dein Auge. Ist dein Auge gesund, so wird dein ganzer Leib licht sein.“ Und so ist es wohl kein Zufall, wenn der Evangelist Markus immer wieder an bedeutsamen Stellen eines hervorhebt: „Er blickte ihn an und sprach…“ „Er blickte ihn an und rief…“ „Rede, damit ich dich sehe“, hat einmal ein Menschenkenner gesagt. An der Rede kann man tatsächlich den Menschen erkennen. Welche zündende Rede muss unserem Heiland zu eigen gewesen sein! Jedes seiner Worte war ein herrenhafter Befehl. In ihm war ja die Tatkraft Gestalt geworden, in diesem Führer aller Führer. Er ruft autoritativ, und Jakobus und Johannes lassen den Vater zurück und folgen ihm. Gegen sein „Komm und folge mir nach!“ gab es kein Widerstreben und keinen Augenblick der Unentschiedenheit. Einer wurde von ihm aufgefordert: „Folge mir nach!“ Doch dieser machte Einwände: „Herr, erlaube, dass ich vorher hingehe und meinen Vater begrabe!“ Jesus entgegnete ihm: „Laß die Toten ihre Toten begraben. Du komm und folge mir nach!“ Er treibt die Händler aus dem Tempel mit herrischen Worten, und keiner wagt eine Widerrede oder einen Widerstand. Er schleudert den Pharisäern sein achtmaliges „Wehe“ entgegen, und niemand wagt ihm zu entgegnen. Alle erblassen und verstummen. Wie glaubhaft wurde da seine großartige Prophezeiung, dass er auf den Wolken des Himmels wiederkommen werde mit großer Macht und Herrlichkeit! Wie anders sprach er zu den Frauen und Müttern: „Ihr Frauen von Jerusalem, weinet nicht über mich, weinet über euch und eure Kinder, denn es werden Tage kommen, da man sprechen wird zu den Bergen: Fallt über uns! und zu den Hügeln: Bedecket uns! Wenn das am grünen Holze geschieht, was wird dann am dürren geschehen?“ Und wie mag er zu den Kindern gesprochen haben, die er herzte und liebte? Wie mag er zu den Sündern geredet haben, wohlwollend, wenn auch ernst: „Sündige nicht mehr! Gehe hin und sündige nicht mehr!“

Seine Rede hat die Anhänger, aber auch das ganze Volk fasziniert. Der Herr sprach eben nicht wie die Pharisäer, sondern er redete wie einer, der Macht hat. Seine ganze hoheitsvolle Erscheinung zog die Menschen in seinen Bann. Die Jünger, die doch Tag und Nacht, jahraus und jahrein mit ihm zusammen waren, wagten es nicht, sich allzu vertraulich mit dem Herrn auf eine Stufe zu stellen. Sie gerieten vielmehr immer wieder in Staunen über sein Reden und Tun und fanden nicht den Mut, ihm eine Frage zu stellen. Die Nazarener, die ihn von dem Berge, auf dem ihre Stadt gebaut war, herabstürzen wollten, erschraken über seine Rede, und sie hatten nicht den Mut, an ihn eine Frage zu stellen. Er schritt gelassen durch sie hindurch, und als das Volk ihn zu einer Stunde, die der Vater nicht bestimmt hatte, zum König machen wollte, da verließ er die heilige Stadt Jerusalem, da ging er still durch die begeisterte Menge und begab sich auf einen einsamen Berggipfel, um zu beten. Und in der Stunde, da sich ihm der Verräter nahte, trat er der Rotte entgegen, die mit Schwertern und Prügeln gekommen war, um ihn gefangen zu nehmen. „Wen suchet ihr?“ „Jesus von Nazareth.“ „Ich bin es !“ Da wichen sie zurück und fielen zu Boden.

Ohne jede reißerische Geste, ohne Sucht, zu glänzen, trat er vor das Grab des Lazarus, trat er vor das Sterbelager des Töchterleins des Jairus, trat er an den Sarg des Jünglings von Naim, und Tod und Leben verspürten die Macht des Imperators. Nie tat er auch nur einen Schritt, sprach er auch nur ein Wort, rührte er auch nur einen Finger, um angenehm und willkommen zu sein, um das Wohlgefallen der Menschen zu gewinnen. Er war kein Opportunist! Denn von ihm wurde gesagt: „Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und dich vor niemand scheust.“ Hier war kein Schein, hier war Echtheit und unbedingte Treue zu sich selbst. Nach dem übereinstimmenden Zeugnis der Evangelisten, meine lieben Freunde, muss Jesus ein überaus leistungsfähiger, abgehärteter und kerngesunder Mann gewesen sein. Schon dadurch unterscheidet er sich von anderen Religionsstiftern. Mohammed war ein kranker Mann, erblich belastet, in seinem Nervensystem zerrüttet, als er die Fahne des Propheten entrollte. Buddha war innerlich zerbrochen, verlebt, ausgelebt, als er die Welt verließ. Von Jesus hören wir niemals, dass er von irgendeiner Krankheit heimgesucht wurde. Alle die Leiden, die über ihn kamen, waren Berufsleiden, Entbehrungen und Opfer, die ihm seine messianische Sendung auferlegte.

Jesus versagte niemals und nirgends, selbst nicht in den aufregendsten und gefährlichsten Lagen, etwa im rasenden Sturm des Sees Genesareth. Da ruhte er auf einem Kissen und schlief. Als seine Jünger ihn weckten, aus tiefem Schlaf gerissen, da hat er sofort die Situation gemeistert: „Schweige! Verstumme!“ Und das Seebeben hörte auf, und der Sturm ließ nach. „Was ist denn das für einer“, sagten die Leute, „dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?“ Was ist denn das für einer? Er muss ein ganz innerlich gefestigter und beherrschter Mensch gewesen sein, der niemals ein fahriges, aufgeregtes Wesen zeigte. Er ist das Ideal des Menschen. In ihm sind alle gegensätzlichen Eigenschaften vereinigt: Erhabenheit und Liebe, Ernst und Helle, Kraft und Zärtlichkeit, das alles überstrahlt von der Würde seines göttlichen Wesens. Wir begreifen jetzt, wie die Jünger ihm sehnsüchtig nachschauten, als er gen Himmel fuhr. Und auch als der Tröster, der Geist, zu ihnen gekommen war, hat die Sehnsucht nach ihm sie nicht verlassen. „Er wird wiederkommen, und wir werden ihn sehen, und unsere Freude wird niemand von uns nehmen.“

Wie entrückt muss Stephanus ausgesehen haben, als er in seinem Todesleiden den Herrn zur Rechten Gottes stehen sah! Und auch tieffromme Menschen haben immer diese unaussprechliche Sehnsucht in sich getragen, den Herrn zu sehen, und sie waren von heiliger Begeisterung, wenn sie daran dachten, dass sie ihn einmal sehen werden. Der heilige Pfarrer von Ars, Johannes Vianney, hat einmal gepredigt: „Wir werden ihn sehen! Wir werden ihn sehen! Wir werden ihn sehen! O meine Kinder, wisst ihr: Wir werden ihn sehen!“ Eine Viertelstunde rief er nur aus: „Wir werden ihn sehen!“ Und die Tränen rollten über sein heiliges Antlitz: „Wir werden ihn sehen!“

Der heilige Augustinus hatte einmal ein Gespräch mit dem Heiland, und in diesem Gespräch, da hieß es: „Du kannst dir wählen, dass dir alle irdische Freude immer verbleibt oder dass du mein Antlitz sehen kannst.“ Da fiel der heilige Augustinus dem Herrn in die Arme und sagte: „Ich will nichts anderes als dich sehen. Lieber soll mir alles genommen werden, aber dein Antlitz will ich schauen.“

In diesen Tagen zieht in Mainz das Peter-Cornelius-Konservatorium um. Peter Cornelius war ein gläubiger katholischer Christ. Von ihm stammt, aus einem Briefe entnommen, der schöne Satz: „Ich weiß, dass wir ewig leben und dass der geringste Mensch eine unsterbliche Seele hat, welche zu derselben Herrlichkeit berufen ist wie der glänzendste Geist: Gott zu schauen.“ Und unser schlesischer Dichter Angelus Silesius hat so schön in seinem „Cherubinischen Wandermann“ geschrieben: „Das Antlitz Gottes sehen ist alle Seligkeit. Von dem verstoßen sein das größte Herzeleid.“ Das Antlitz Gottes sehen ist alle Seligkeit. Von dem verstoßen sein das größte Herzeleid. Der unvergleichliche Denker Aristoteles macht uns darauf aufmerksam, dass alles Erkennen darin besteht, dass der Erkennende eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Erkenntnisgegenstand gewinnt. Wenn es sich so verhält, dann kann ein Schauen Christi nur dem in Aussicht gestellt werden, der wirklich sich Christus zu verähnlichen strebt, in dem der Herr gleichsam seine himmlischen Züge herausgearbeitet hat.

Im 19. Jahrhundert gab es einmal einen Professor Arthur Drews. Dieser Herr verkündete, dass Jesus nie gelebt habe. Er leugnete die historische Existenz Jesu. Es gibt keinen Unsinn, meine lieben Freunde, den nicht schon ein Professor von sich gegeben hätte. Aber immerhin, Drews fand seine Anhänger. Und einer dieser Anhänger kam zu dem tiefreligiösen Maler Hans Thoma und sagte triumphierend: „Meister, jetzt brauchen Sie kein Christusbild mehr zu malen.“ Thoma antwortete ihm leuchtenden Auges: „Mein Christusbild kann mir niemand zerstören. Ich trage es im Herzen!“

Amen.

 

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Gott, Ursprung und Ziel des Lebens

20.04.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Jesus verstand sehr gut, dass seine Jünger traurig waren, als er von ihnen scheiden musste. Der Gedanke beherrschte sie: Jetzt verlässt er uns. Und da legte er ihnen eine Frage nahe, nämlich die Frage: Wohin gehst du? Die Antwort auf diese Frage konnte nur lauten: „Ich gehe zum Vater.“ Aber diese Frage: Wohin gehst du? ist eigentlich die Frage der ganzen Menschheitsgeschichte und eines jeden einzelnen Menschenlebens. Wohin gehst du?

Der große russische Dichter Graf Tolstoi hat ein erschütterndes Buch geschrieben, das den Titel trägt: „Meine Beichte“. In diesem Buche berichtet er, wie er sich, als Ungläubiger,  jahrelang fragte: Wozu alles? Ich bin Herr über 6.000 Morgen und 300 Pferde; ich habe eine Familie, ich habe Kinder. Ich bin ein Schriftsteller und kann berühmter werden als Gogol oder Puschkin oder Molière. Aber alles wozu? Wozu das alles? Und er fand keinen Ausweg aus dieser Verlorenheit, aus dieser Ungewissheit. Er schreibt an einer Stelle: „Ich legte alle Schnuren beiseite, damit ich nicht in die Gefahr geriete, mich mit einer zu erhängen.“ Lange Zeit hat er unter diesen Anfechtung gelitten, bis er eines Tages bei einem Spaziergang im Walde eine Stimme hörte, die ihm zuflüsterte: „Gott ist wirklich.“ Und diese Stimme hat ihn bekehrt. In diesem Augenblick, in dem er wusste: Gott ist wirklich, da wußte er auch: Gott kennen und leben, das gehört zusammen. Lebe, indem du Gott suchst!

Und so ist es, meine lieben Freunde, in einem jeden Leben. Ohne Gott ist alles Spott. Mit Gott hat alles Wert. Wir müssen drei Fragen wissen und die Antwort auf sie kennen, nämlich woher ich komme, wofür ich lebe und wohin ich gehe. Also woher? Wozu? Wohin? Das sind die drei Fragen, die unser Leben entscheiden. Die Frage: Woher kommst du? ist in unserem Glauben beantwortet. Wir wissen: Alles, was existiert, hat seinen Grund in Gott. Gott ist der Schöpfer von allem. Ach, was sind das für lächerliche Ausflüchte, welche die Ungläubigen haben: Die Welt ein Spiel des Zufalls. Ja, der Zufall erklärt nichts, meine lieben Freunde. Wer etwas mit dem Zufall erklärt, der lässt es unerklärt. Andere grewifen zu der Ausflucht der Evolution. Ja, warum denn nicht Evolution. Aber woher kommt denn die Evolution? Auch die Evolution hat doch den Grund nicht in sich selbst.

Gewiß handelt Gott durch Zwischenursachen. Wir sind entstanden durch das Wirken Gottes und unserer Eltern, aber diese Zwischenursachen müssen münden in einer Erstursache, und die nannten schon die Griechen den ersten unbewegten Beweger, das „ens a se“, dasjenige Sein, das seinen Grund in sich selbst trägt. Unser Glaube ist vernünftig. Wir sagen nicht: Gott hat wieder eine Ursache, nein, wir sagen: Gott ist der Grund seiner selbst. Er ist das „ens a se“, das Sein, das wegen seiner unendlichen Seinsfülle seinen Grund in sich selbst trägt. Unser Glaube ist vernünftig. Und wenn man auf jede Erklärung verzichtet, also sich auf das Nichtwissen zurückzieht, da müssen wir sagen: Wir sind klüger. Wir Christen, wir kennen den Grund von allem, was ist. Gott ist der Urheber der Welt, der Schöpfer aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge, der geistigen und der körperlichen. Er hat mit seiner allmächtigen Kraft gleichzeitig zu Beginn der Zeit beide Schöpfungswelten aus dem Nichts erschaffen. Diese Wahrheit stammt aus dem 4. Laterankonzil vom Jahre 1215. In dieser Zeit, in der die Philosophie blühte und die Theologie einen ungeheuren Aufschwung nahm, ist diese Wahrheit vom Konzil für alle Zeit gültig festgelegt worden. Gott ist Schöpfer. Und die Schöpfung im ursprünglichen Sinne besagt das Hervorbringen aus dem Nichts. Das Nichts ist nicht ein Stoff oder eine Materie, aus der Gott geschaffen hätte. Nein, das Nichts besagt die Anfanglosigkeit alles Irdischen, alles Geschöpflichen. Aus seiner unendlichen Seinsfülle hat Gott das Irdische, das Geschöpfliche, hervorgebracht. Die Materie und die Form, die belebte und die unbelebte Welt, alles hat in ihm seinen Grund.

Auch der Mensch stammt von Gott. Er ist sogar ein Abbild Gottes, ein unendlich weit entferntes, gewiß, aber immerhin: Gott hat ihn nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen. „Er bildete“, so heißt es in kindlicher Redeweise, die vor Jahrtausenden den Menschen vorgelegt wurde, „den Menschen aus Lehm der Erde und blies in sein Angesicht den Odem des Lebens, und es ward der Mensch zu einem lebenden Wesen.“ Das Dogma sagt nichts, wie Gott dabei zu Werke ging. Hier wird nur in einer schlichten, für einfache Menschen bestimmten Redeweise erklärt, dass alles seinen Ursprung in Gott hat. Die Bibel spricht in bildhafter Weise, wie man eben zu Menschen auf einer niederen Kulturstufe sprechen musste, wenn man verstanden werden wollte.

Die Schöpfungsberichte wollen uns keine Auskunft geben über Naturkunde, über Biologie oder über Physik. Sie wollen uns die Herkunft alles Geschaffenen aus der Allmacht Gottes lehren. Was der Mensch mit seinem Verstande erforschen kann, das soll er erforschen. „Dass der Mensch von Gott erschaffen ist, das bezweifelt kein Mensch außer ein undankbarer“, hat einmal der heilige Augustinus geschrieben. Wir sind also zum Dank verpflichtet, dass wir geschaffen sind. Wir kommen nicht aus der Tiefe, wir kommen aus der Höhe. Wir entstehen nicht aus dem Niederen, sondern wir entstehen aus dem Erhabenen. Wir haben also, bildlich gesprochen, einen Adelsbrief, nämlich den Adelsbrief, den Gott durch seine Schöpfung ausstellt. Unser Leib und unsere Seele sind ein Abbild, ein unendlich fernes gewiß, und dennoch ein Abbild Gottes.

Dieses Abbild Gottes zeigt sich besonders in der Erkenntnis und in der Freiheit, die dem Menschen mitgegeben sind. Der Mensch kann erkennen, und er kann wollen. Er soll das Rechte erkennen, und er soll das Rechte wollen. Damit ist er weit über alle Natur erhaben. Die Sonnen und die Sterne, die Meere und die Kontinente, die Tiere und die Pflanzen, Wälder und Felder, alles, was sich bewegt, lobt Gott, ist kraft der Schöpfung Gottes ausgestattet mit Harmonie und mit Schönheit. Die Geschöpfe sind tatsächlich Fußspuren Gottes. Die Ordnung und die Harmonie der Dinge sind wie Buchstaben, die von ihrem Herrn und Schöpfer berichten. Jede Kreatur ist ein Strahl des Schöpfers. „Himmel und Erde“, so singen wir ja im Liede, „Luft und Meer sind erfüllt von deinem Ruhm. Alles ist dein Eigentum.“ Aber die Geschöpfe wissen nicht darum, dass sie Gott verherrlichen. Sie tun es, ohne es zu wissen. Nur der Mensch weiß es oder kann es wissen und ist deswegen aufgerufen, sich in den Dienst des höchsten Herrn zu stellen. Die erste Frage des Katechismus, den Sie vielleicht – vielleicht – noch gelernt haben, lautete: „Wozu ist der Mensch auf Erden?“ Die Antwort: „Der Mensch ist auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen.“ Das ist eine geradezu erschütternd tiefe und einfache Antwort. Der Mensch ist auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen. Das besagt nicht, dass man immerfort beten muss. Gebet ist gewiß höchste Verehrung Gottes und auch höchste Pflicht des Menschen. Aber alles andere soll ebenfalls in den Dienst Gottes gestellt werden. „Ihr möget essen oder trinken oder was immer tun“, sagt der Apostel Paulus, „tut alles zur Ehre Gottes!“ Durch die gute Meinung, die wir an jedem Morgen fassen, stellen wir den ganzen Tag, das ganze Tagewerk in den Dienst Gottes. Wir sollten jeden Morgen beten, meine lieben Freunde: „O Gott, laß mich diesen Tag zu deiner Ehre, zum Heil meiner Seele und zum Segen für meine Mitmenschen verbringen.“ Das ist der schönste Vorsatz, den man sich machen kann. Laß mich diesen Tag zu deiner Ehre, zum Heile meiner Seele und zum Segen für meine Mitmenschen verbringen. Dadurch wird das ganze Tagewerk Gott geweiht und übergeben. Und selbst ohne diese Absicht, wenn wir nur das Rechte tun, ehren wir damit Gott. Es lässt sich in einem richtigen Sinne sagen: Das Sachgemäße ist immer das Gott Wohlgefällige. Wer sachgemäß handelt, der handelt Gott wohlgefällig.

Also nicht nur unser Beten und unser Arbeiten, sondern unser ganzes Wesen rühmt die Ehre Gottes, ist ein wahrhaftiges Gotteslob. Es hat doch Menschen gegeben, meine lieben Freunde, um deretwillen man sich freuen konnte, dass es einen Schöpfer gibt. Und immer wieder gibt es solche Menschen, um deretwillen wir nicht nur die Erde lieben und das Leben preisen, sondern um deretwillen wir an den Himmel glauben und den Herrgott loben. Alles Starke in uns, alles Leuchtende, das ist Kraft von Gott, das ist Glanz von Gott. Und alles soll ihm dargebracht sein. Nicht uns, o Herr, nicht uns, sondern deinem heiligen Namen gib die Ehre!

Weil Gott lebt, wissen wir, wie wir leben sollen. Er erwartet unsern Dienst, er gibt uns Weisung, wie dieser Dienst aussehen soll. Und damit wird auch das Leben in den schwersten Situationen erträglich. Wenn man das Leben als eine Aufgabe betrachtet, dann vermag man es immer zu tragen. Weil Gott lebt, wissen wir, dass jeder Tag, jede Stunde kostbar ist, dass wir die Zeit als Geschenk Gottes ansehen müssen. „Denke immer an das Ende und daran, dass die verlorene Zeit nicht wiederkehrt“, so heißt es im Buch von der Nachfolge Christi. Denke immer an das Ende und daran, dass die verlorene Zeit nicht wiederkehrt. Und der heilige Pfarrer von Ars lehrt uns: „Wenn die Verdammten die Zeit hätten, die wir so unnütz vertun, welch heilsamen Gebrauch würden sie davon machen! Hätten sie nur eine halbe Stunde Zeit, diese halbe Stunde würde die Hölle entvölkern.“ Wie recht hat er! Trage Gott in dein Leben, dann trägt dich dein Leben zu Gott. „Das Leben ist ein leerer Krug, du hast ihn anzufüllen, und was du dir gesammelt hast, wird dich im Jenseits stillen.“ „Wenn du nur willst, so ist der Himmel dein, wie unermesslich reich kann auch der Ärmste sein“, sagt unser schlesischer Dichter Angelus Silesius.

Wahrhaftig, meine lieben Freunde, die Erde ist eine Straße, die nur wichtig ist wegen des Zieles. Dieses Ziel liegt weit draußen in einer unermesslichen Ferne. Aber derselbe gütige Gott, der uns erschaffen hat, gibt uns die Gnade, dass wir seine Straße wandeln und sein Ziel erreichen. Wer in der Gnade lebt, wer in der Gnade glaubt und wirkt, dem liegt das Ziel schon nicht mehr weit draußen, sondern dem ist es schon in nächster Nähe. Er weiß sich in der Gottesnähe und in der Gottesfreundschaft. Was er jetzt im Glauben besitzt, das wird er einmal im Schauen erwerben. Er trägt ein Stück des Himmels wie ein Heiligtum in sich selbst. Und so konnte der Martyrerbischof Ignatius von Antiochien, als er auf dem Wege zur Hinrichtung war, schreiben: „Schön ist es, unterzugehen von der Welt zu Gott, damit ich in ihm meinen Sonnenaufgang habe.“

Wahrhaftig, wir sind Menschen, die eine Hoffnung haben. Ich habe vor Jahrzehnten einmal ein Buch in der Sowjetzone veröffentlicht, in der DDR. Und der Zensor, der staatliche Zensor beanstandete eine Stelle des Buches, weil ich nämlich geschrieben hatte: „Die Ungläubigen sind Menschen ohne Hoffnung.“ „Nein, nein, sie haben eine Hoffnung“, so meinte er, die Ungläubigen nämlich, „die Erde besser zu gestalten.“ Ich musste also diese Stelle im Buch ändern und schreiben: „Die Ungläubigen sind ohne Hoffnung auf das ewige Leben.“ Das ließ er dann durchgehen; denn an ein ewiges Leben glaubten die Marxisten nicht. Wir aber glauben daran. Wir beten in der Totenmesse: „In Christus ist uns die Hoffnung ewigen Lebens, seliger Auferstehung erschienen. Bedrückt uns auch das unabänderliche Schicksal des Sterbens, so tröstet uns doch die Verheißung der Unsterblichkeit. Deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben nicht geraubt, sondern neu gestaltet. Bricht auch das Zelt, in dem wir hier auf Erden leben, ab, dann erwartet uns drüben eine unzerstörbare Heimat im Himmel.“

Diese Hoffnung ist der Grund, warum die Christen in den Katakomben in Rom und anderswo die Gräber ihrer Verstorbenen geziert haben mit Blumen, mit Fruchtgehängen, mit Weinlaub, denn sie wussten was auf ihren Inschriften stand: „in Frieden, in der Erquickung, in Gott.“ Es gibt einen letzten Sinn, der Welt, meine lieben Freunde, denn Gott existiert. So wahr Gott lebt, so wahr ist auch der unsterblichen Seele ewiges Leben bei Gott verheißen. Welche Bedeutung, welche Weihe, welches Glück strahlt aus diesem Leben, aus diesem ewigen Leben in unser irdisches Dasein! Kein Tag ist wertlos oder gleichgültig, auch kein Tag der Mühsal und der Leiden ist verloren. Verloren wäre nur ein Tag der Gottesferne. Darum lässt sich die Nutzanwendung auf die große Frage: Wohin gehst du? zusammenfassen in den beiden Sätzen: „Vergiß seinen Gott nicht! Sorge für seine Seele!“

Amen.

 

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Der Himmel – eine transzendente Wirklichkeit

01.05.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte, zur Feier der Himmelfahrt unseres Herrn und Heilandes Versammelte!

Erfurt ist eine Patenstadt von Mainz. Die Hauptstraße von Erfurt trägt den Namen „Juri-Gagarin-Ring“. Juri Gagarin war ein sowjetischer Fliegermajor, der am 12. April 1961 als erster Mensch in einer Raumkapsel die Erde umkreiste. Nach seiner Rückkehr von der Weltraumfahrt stellte er fest, dass er im Weltraum „keine Spur von Gott, den Engeln oder dem Himmel entdeckt“ habe. Ähnliches hatte er schon während seines Fluges an die Bodenstation gefunkt. Darüber brach große Freude aus in der atheistisch ausgerichteten Sowjetunion. Jetzt endlich, so hieß es, ist wissenschaftlich bewiesen, dass das mit dem Himmel eine fromme Einbildung oder ein Schwindel der Kirchen ist. Ein Jahr später, im Februar 1962, schickten die Amerikaner ihren ersten Astronauten in den Weltenraum, John Glenn. Als John Glenn zurückkam, erklärte er, der Gott, an den er glaube, sei größer als das, was man durch die winzige Luke eines Raumschiffes sehen könne. Er fügte hinzu: „Von hier auf die Schöpfung zu schauen und nicht an Gott zu glauben, ist für mich unmöglich.“

Nicht nur Russen und Amerikaner beteiligten sich an der Raumfahrt, sondern auch Deutsche. Im Jahre 1997 blieb der aus Mönchengladbach stammende Kosmonaut Reinhold Ewald 18 Tage an Bord der russischen Raumstation Mir. Nach seiner Rückkehr hielt er in seiner rheinischen Heimat einen Vortrag, und in diesem Vortrag erklärte er wörtlich: „Der Himmel, in den ich als Raumfahrer fliege, nimmt mir nicht den Himmel des Kommunionunterrichts, in den unserem Glauben nach alle Menschen eine Chance haben, nach dem Tode zu gelangen.“ Ich wiederhole noch einmal diesen schönen Satz von Reinhold Ewald: „Der Himmel, in den ich als Raumfahrer fliege, nimmt mir nicht den Himmel des Kommunionunterrichts, in den unserem Glauben nach alle Menschen eine Chance haben, nach dem Tode zu gelangen.“ Wir sehen, der Glaube Ewalds wurde durch die Raumfahrt nicht erschüttert. Aber er war nicht nur gläubig; er besaß auch einen denkenden Glauben. Erfügte nämlich hinzu: „Für Gott bleibt allemal genug Raum, wenn er denn überhaupt welchen bräuchte.“ Ich wiederhole auch diesen schönen Satz: „Für Gott bleibt allemal genug Raum, wenn er denn überhaupt welchen bräuchte.“

Menschliche Himmelfahrten widersprechen dem Glauben nicht, den wir am heutigen Tage bekennen. Vierzig Tage nach Ostern ist Christus vor den Augen seiner Jünger in den Himmel aufgenommen worden. Die Apostelgeschichte berichtet davon: „Er wurde emporgehoben, und die Wolke nahm ihn vor ihren Augen weg.“ Im Lukasevangelium, das ja derselbe Verfasser geschrieben hat wie die Apostelgeschichte, heißt es: „Hierauf führte er sie hinaus, Bethanien zu. Er hob seine Hände und segnete sie, und es geschah, während er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr in den Himmel hinauf.“

Die Zeit des vom Staate verordneten Atheismus ist vorbei. Aber der Himmel bleibt auch danach eine problematische Angelegenheit. Wenn man die Kinder im Kindergarten auffordert, den Himmel zu zeichnen, dann sitzt auf einem Thron ein alter Mann mit Bart, mit einem weißen Gewande angetan, umgeben von umher fliegenden Engeln. Wir lächeln über solche Vorstellungen; wir lächeln mit Recht. Aber man kann auch ein gewisses Verständnis dafür haben; denn wie soll man denn das Unsagbare aussagen? Wie soll man sich denn das Unvorstellbare vorstellen? Es liegt auch hier ein Missverständnis vor. Es wird nicht unterschieden zwischen dem Himmelsgewölbe, wo die Raumschiffe fahren, wo die Wolken ziehen und die Flugzeuge kreisen, und der Himmelsherrlichkeit, in welche die Vollendeten nach Gottes Willen eintreten und ihn schauen. Aber eine solche Unterscheidung ist unbedingt notwendig. Der Himmel, den wir sehen, ist eine materielle Angelegenheit; der Himmel, an den wir glauben, ist eine geistige Wirklichkeit. Das Deutsche besitzt leider für beide Gegenstände nur ein Wort, nämlich Himmel. Die Engländer haben zwei. Sie bezeichnen den Wolkenhimmel mit sky, und sie bezeichnen die Gott vorbehaltene Wirklichkeit mit heaven. Sky und heaven sind völlig verschiedene Wirklichkeiten. Das eine bezeichnet eine Quantität, das andere eine Qualität.

Der Himmel, von dem wir heute sprechen, als Bereich Gottes, ist eine transzendente Wirklichkeit. Transzendent heißt übersteigend. Das heißt, der Himmel übersteigt alles, was uns aus der Erfahrung bekannt ist. Er übersteigt alles, was wir mit den Mitteln der Erfahrung erkennen und erreichen können. Weder Satelliten noch Raumschiffe können in die Wirklichkeit vorstoßen, die wir mit dem Wort Himmel bezeichnen. Es wäre also ganz falsch, wenn man meinen würde: Ja, die Raumfahrer müssen halt weiter fliegen. Sie sind nicht weit genug vorgedrungen. Wenn sie weiter mit ihren Raumschiffen in den Weltraum vorgestoßen wären, dann hätten sie Gott doch gefunden. Nein, meine lieben Freunde, Gott ist nicht zu finden. Er ist mit Raumschiffen nicht zu erreichen. Der Himmel ist jenseits jeder Entfernung, und wäre sie noch so groß.

Der Himmel ist die Gott vorbehaltene Wirklichkeit. Das heißt nicht, dass diese Wirklichkeit nirgendwo ist. Sie muss irgendwo sein, denn die Seelen der Verstorbenen, die Seelen der Vollendeten müssen sich irgendwo aufhalten. Sie sind ja nicht zerstört, sie haben sich nicht aufgelöst; also müssen sie irgendwo sein. Aber wir können keinen Ort angeben, an dem sie sich befinden könnten. Und der Ort, an dem sich die vollendeten Seelen befinden, ist von anderer Art als alle Orte, die wir aus unserer Erfahrung kennen. Dieser Ort kann von keinem Menschen wahrgenommen werden. Dieser Ort ist jenseits der Ausdehnung, die wir mit jedem Ort verbinden. Örtlichkeit ja, aber Örtlichkeit anderer Qualität, als wir sie kennen.

Man kann also auch nicht sagen: Der Himmel, wo die Vollendeten sind, sei oben oder unten. Das alles sind Angaben, die uns verwehrt sind. Aber da könnte jemand fragen: Ja, warum ist denn dann der Heiland nach oben aufgefahren? Warum ist er nicht in die Erde versunken? Er hätte ja auch in die Erde eintauchen und darin verschwinden können. Er ist nach oben aufgefahren. Die Richtung nach oben ist von tiefer Symbolik. Wir Menschen verbinden mit „oben“, wo die Sonne ist, das Helle, das Lichte, das Freie, und mit dem Begriff „unten“ verbinden wir das Dunkle, das Finstere, das Gebundene. Und diesen Vorstellungen hat sich Gott angeschlossen; dieser Vorstellungen hat er sich bedient, um auszusagen, dass Jesus in die Welt der Herrlichkeit Gottes, in den Glanz seiner überirdischen Schönheit eingekehrt ist. Wenn wir sagen: Gott wohnt im Himmel, dann wollen wir damit nicht ausdrücken, Gott habe einen abgeschlossenen Raum, einen Palast oder ein Wohnhaus. Nein. Wenn wir sagen: Gott wohnt im Himmel, dann soll damit ausgesagt werden: Gott lebt in einer Wirklichkeit, die über alles Geschaffene unendlich erhaben ist. Gott übersteigt nicht bloß die Erde, er übersteigt nicht bloß das Weltall, er übersteigt auch den Himmel. Achten Sie bitte darauf, was wir jetzt in den nächsten 9 Tagen tun werden, was wir in der Pfingstnovene beten: „König der Glorie, Herr der Heerscharen, als Sieger bist du heute über alle Himmel – über alle Himmel – emporgestiegen.“

Gott wohnt in unzugänglichem Licht. Er ist unermesslich und absolut raumlos. Er erfüllt jeden Raum, denn er ist in jedem Raum gegenwärtig, aber er wird von keinem Raum umschlossen. Die Unermesslichkeit oder Raumlosigkeit Gottes besagt, dass jede räumliche Beschränkung von ihm ferngehalten werden muss. Die Heilige Schrift bezeugt die Erhabenheit Gottes über alle räumlichen Maße. Das Weltall reicht nicht aus, ihn zu fassen. Als König Salomon den Tempel, den herrlichen Tempel in Jerusalem gebaut hatte, da betete er: „Herr, siehe, der Himmel und die Himmel können dich nicht fassen, um wie viel weniger dieses Haus, das ich erbaut habe.“ Noch einmal: „Die Himmel der Himmel können dich nicht fassen, um wie viel weniger dieses Haus, das ich erbaut habe.“

 Meine lieben Freunde, so muss es sein. Es muss so bleiben, wenn Gottes Wirklichkeit für den Menschen unerreichbar und unangreifbar bleiben soll. Wenn Gott im Weltenraum anzutreffen wäre, dann wäre er von derselben Art wie die geschaffenen Dinge, dann wäre er nicht mehr Gott. Der Gott, der im Weltraum auffindbar wäre, hörte auf, Gott zu sein. Gott ist der ganz andere. Er ist anders als alles, was uns in der Erfahrung begegnet. Er ist anders als alles in der Welt. Er ist überweltlich. Deswegen tritt die Raumfahrt dem Glauben an Gott nicht zu nahe, und Gott wird durch die Raumschiffe nicht gestört. Der Himmel bleibt eine Wirklichkeit, auch wenn die Kosmonauten sie nicht erreichen können. Gott allein verfügt über den Eintritt in sein himmlisches Reich. Wer aus der Raumfahrt falsche Folgerungen für den Himmel und für Gott zieht, der hat Gott und den Himmel nicht verstanden; an dem wiederholt sich, was im 2. Psalm geschrieben steht: „Es toben die Volker, die Nationen machen vergebliche Pläne. Die Großen haben sich verbündet gegen den Herrn und seinen Gesalbten. Laßt uns ihre Fesseln zerreißen.“ Und was antwortet Gott auf diesen Aufstand? „Der im Himmel thront, lacht, er lacht ihrer und verspottet sie.“

Amen.

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Zeugnis geben für Christus im Heiligen Geist

04.05.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Es liegt eine eigenartige Weihe über den Texten der heutigen heiligen Messe. Sie sind von einer Stimmung erfüllt, die man leichter nachfühlen als beschreiben kann. Vielleicht verstehen wir die Texte am besten, wenn wir annehmen, dass die Jüngergemeinde in der Stunde, zu der sie im Abendmahlssaale versammelt war, ähnliche Gedanken gehabt und ähnliche Gebete gesprochen hat. Wir müssen uns in die Jüngergemeinde hineindenken, die nach der Himmelfahrt des Herrn im Abendmahlssaal, wie wir wissen, versammelt war. Das Ereignis der Himmelfahrt hat sie zutiefst bewegt. Es klingt eine Jubelstimmung in ihnen: Aufgefahren ist Gott im Jubel, der Herr beim Schalle der Posaunen. Die Himmelfahrt war für die Jünger kein trauriges, sondern ein freudiges Ereignis, und sie sind jetzt innerlich zur Ruhe gekommen. Sie wissen, der Meister ist endgültig eingetreten in die jenseitige Welt. Er ist enthoben aller Gefährdung. Auf Erden hat er sich seinen Hassern und Verfolgern ausliefern wollen. Aber jetzt ist er ihnen entzogen, jetzt ist der Haß seiner Feinde nicht mehr fähig, ihm Leides zuzufügen. Er ist einmal gestorben für die Sünden, jetzt stirbt er nicht mehr.

Er ist auch eingegangen in die Herrlichkeit des Vaters, hat Platz genommen zur Rechten des Vaters, also am Ehrenplatz des Vaters. Ohne Bild gesprochen: Er hat die Herrlichkeit des Vaters empfangen und die Herrschaft über Himmel und Erde angetreten. Er hat auch den Lohn empfangen für sein Leben, Leiden und Sterben. Jetzt hat er einen Namen bekommen, der über alle Namen ist, so dass sich in diesem Namen alle Knie beugen müssen im Himmel, auf der Erde und unter der Erde. Die Freude über die Aufnahme Jesu in die Herrlichkeit des Vaters lebt in den Jüngern.

Aber nicht nur die Freude. Auch die Sehnsucht ist in ihnen wach geblieben, die Sehnsucht, sein Antlitz zu schauen. Im Eingangslied haben wir ja gerade gebetet: „Erhöre, o Herr, mein Rufen. Es spricht zu dir mein Herz. Zeige mir dein Antlitz, dein Antlitz wende nicht hinweg von mir.“ Die Sehnsucht bleibt, den Herrn zu sehen, sein geliebtes Antlitz zu schauen. Dieses Lied könnten die Jünger im Abendmahlssaal gesungen haben, in ihm lebt die christliche Sehnsucht nach dem Kommen des Herrn, die in dem Rufe ausklang: „Maranatha“ – Komm, Herr Jesus!

Diese Sehnsucht teilen wir, meine Freunde. Auch wir harren auf den Herrn. Wir warten auf seine Wiederkunft, „von dannen er kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten“, so beten wir in jedem Credo der heiligen Messe. Wir sind gewiß, dass der Herr seine Verheißung erfüllen wird. Er wird wiederkommen mit großer Macht und Herrlichkeit. Die Engel haben es bei der Himmelfahrt angekündigt: „Dieser Jesus, den ihr habt auffahren sehen, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt auffahren sehen.“ Wir wissen nicht, wann er kommen wird. Die Uhr Gottes geht anders als die Uhren der Menschen. Vor ihm sind tausend Jahre wie ein Tag. Der Herr wird kommen, wann seine Stunde geschlagen hat. Und eines ist sicher: Was jederzeit eintreten kann, ist immer nahe. Deswegen haben alle Generationen der Christen mit dem Kommen des Herrn gerechnet, mit Recht gerechnet. Und ich sage noch einmal: Was jederzeit eintreten kann, ist immer nahe. Er wird kommen, und alle werden ihn sehen, die Blasierten und die Skeptiker, die Hasser und die Verfolger, die Agnostiker und die Atheisten, und auch die, die ihn durchbohrt haben. Sie alle werden ihn sehen.

In der Epistel ergreift das Oberhaupt der Urkirche, Petrus, das Wort. Nach der Himmelfahrt hat er sofort die Leitung der Gemeinde übernommen, und als geistlicher Hausvater spricht er zu uns in der Epistel, knapp, nüchtern, wie es seine Art war, ein rauher Fischersmann. Seine Forderungen sind klipp und klar: Seid klug und wachsam im Gebete! Liebet einander allezeit! Seid gastfreundlich zueinander ohne Murren! Dienet einander! Das sind seine Weisungen. Sie gipfeln in der Liebe zueinander. Die Nächstenliebe ist nun einmal das Hauptgebot des Christentums, und ihm zu genügen, ist uns täglich aufgegeben.

In jenen Tagen nach der Himmelfahrt war das Evangelium noch nicht aufgeschrieben. Aber alles, was der Herr gesagt hatte, war lebendig in den Herzen der Jünger. Sie erinnerten sich an seine Abschiedsrede am Gründonnerstag, und die haben wir ja eben im Evangelium vernommen: „Wenn der Tröster kommt, den ich vom Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, er wird Zeugnis von mir abgeben.“ Sie wissen, wie notwendig sie dieses Zeugnis brauchen. So vieles ist ihnen dunkel und unklar geblieben, und so harren sie jetzt auf die Verheißung, die der Herr ihnen gegeben hat. Der Tröster, er wird kommen! Er heißt der Geist der Wahrheit. Das bedeutet: Er ist die Wahrheit, und er lehrt die Wahrheit. Der Geist der Wahrheit, er ist die Kraft der Verkündigung und die Seele der Kirche. Kraft dieses Geistes steht die Kirche in der Wahrheit. Ohne diesen Geist wäre die christliche Kirche längst in Irrtum und Wahn versunken, hätten sich die Menschen Gott nach ihrem Bilde geschaffen, hätten sie die Gebote Gottes nach ihren Gelüsten gemodelt. Das ist das Geheimnis der katholischen Kirche, dass in ihr der Geist der Wahrheit lebendig ist. Wir kennen die Ärgernisse, wir kennen die Verluste, wir kennen die Schwächen. Wir wissen das alles, und wir verheimlichen es nicht. Aber wir glauben an diese Kirche, weil der Geist der Wahrheit sie bewegt und belebt und weil er in ihr herrscht. Man wird immer in dieser Kirche die Wahrheit finden können. Sie mag hie und da verborgen sein, es gibt falsche Propheten auch in unserer Kirche. Aber der Geist der Wahrheit sorgt dafür, dass die Wahrheit niemals untergehen wird in dieser Kirche.

Der Geist der Wahrheit ertüchtigt auch die Gläubigen, Zeugnis von der Wahrheit abzulegen. Das Zeugnis ist ein dreifaches. Es ist einmal ein Zeugnis des Wortes. Wir müssen mit unserer Rede für die Wahrheit des Glaubens einstehen. Wir haben die heilige Pflicht, den Menschen, die uns begegnen, Zeugnis von der Wahrheit zu geben. Das Zeugnis ist zweitens ein solches des Lebens. Unser Leben muss für die Wahrheit zeugen. „Führt einen ehrbaren Wandel unter den Heiden“, so mahnt der Apostel. „Sie sollen eure guten Werke sehen und Gott preisen am Tage der Heimsuchung.“ Aber das Zeugnis kann auch drittens ein Zeugnis des Blutes sein. Es werden Verfolgungen über die Christen kommen, und nur in der Kraft des Heiligen Geistes können sie die Verfolgungen überstehen. Solche Zeugen hat es gegeben und gibt es immer wieder, meine lieben Freunde.

Am 1. Mai ist Freiherr Philipp von Boeselager gestorben im Alter von 91 Jahren. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb von ihm, er sei ein überzeugter und überzeugender Katholik gewesen – ein überzeugter und überzeugender Katholik! Und wir haben einen Herrn in unserer Mitte, der das bezeugen kann. Unser lieber Lorenz Schreiber aus Klein-Winternheim hat in seinem Regiment gedient. Herr Schreiber, ich darf Sie bitten, stehen Sie einmal auf, damit die Leute sehen, wen wir unter uns haben! Er kann bezeugen, dass Philipp von Boeselager wahrhaftig ein gläubiger und bezeugender Katholik war. Dieser Offizier hat zur heiligen Messe gedient, wenn Feldgottesdienst war, und das im Heere Hitlers. Einmal war Philipp von Boeselager eingeladen in einer Runde von Generälen, und der General Burgdorf, der Chefadjutant Hitlers, erklärte: „Nach dem Kriege werden nicht nur die Juden aus der Wehrmacht entfernt, sondern auch die Katholiken!“ Da stand Boeselager auf und sagte zu Burgdorf: „Das ist ja interessant, was Sie da sagen. Ich bin aktiver Offizier. Ich bin fünfmal verwundet, ich habe im Kampf für unser Volk das Ritterkreuz empfangen. Da muss ich mich also nach dem Kriege nach einem anderen Beruf umsehen.“ So ist Boeselager vor Burgdorf hingetreten und hat seinen Glauben bekannt. Gott braucht solche Zeugen, meine lieben Freunde. Aber Zeuge kann man nur sein, wenn man überzeugt ist. Die letzte innere Sicherheit des Glaubens gibt nur der Heilige Geist. „Was nicht aus deinem Herzen stammt, das dringt auch nicht zu Herzen. Das Licht, das dir im Auge flammt, es leuchtet sehr und zündet mehr als hunderttausend Kerzen.“

Die letzte innere Sicherheit des Glaubens ist nur möglich als Geschenk des Heiligen Geistes. Und das müsste unser großes Gebet sein in der Pfingstoktav, dass wir die Kraft des Geistes empfangen, dass wir die Firmungsgnade in uns erneuern, dass es hell und stark in uns wird, um Zeugnis abzulegen von unserem Glauben, um Rechenschaft zu geben von der Hoffnung, die uns beseelt.

Welches Maß an Prüfungen uns bevorsteht, wissen wir nicht. Aber wir ahnen, dass es kälter wird um uns. Die Gleichgültigkeit gegen die Religion und der Haß gegen die Religion nehmen zu. Wir Priester spüren zuerst, am allerersten die Feindseligkeit, die Abwehr und das Befremden der Menschen, wenn sie uns begegnen. Aus ihren Augen, aus ihrem Gesicht, aus ihrem Verhalten spricht das Erstaunen, die Verwunderung, das Befremden. Was, gibt es die auch noch, die Pfaffen? Was wollen die noch? Wir werden harten Zeiten entgegengehen, aber, meine Freunde, wir sind nicht verlassen. Um der Auserwählten willen werden die Tage der Prüfung abgekürzt werden. Der verklärte Herr zur Rechten des Vaters hat uns nicht vergessen. Er betet für uns mit einem Gebet für seine Zeugen. Mit einem Lied von ergreifender Innigkeit geleitet uns heute die Kirche zum Opfermahl: „Vater. solange ich bei ihnen war, habe ich sie bewahrt, die du mir gegeben hast. Jetzt aber gehe ich zu dir. Ich bitte nicht: Nimm sie weg von der Welt, sondern ich bitte: Bewahre sie vor dem Bösen!“

Der Herr betet für uns. Und welches Gebet kann inniger, dringender und der Erhörung gewisser sein als das Gebet unseres Herrn? Er betet in uns und für uns, dass wir bewahrt bleiben vor der Ansteckung der Welt, dass der Unrat uns nicht ergreift und dass die Versuchung uns nicht überwindet.

Amen.

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Die Freude über den Geist Gottes in der Seele

11.05.2008

„Wißt ihr nicht, dass ihr ein Tempel Gottes seid
und der Geist Gottes in euch wohnt?“

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte, in heiliger Pfingstfreude Versammelte!

Vom heiligen Philipp Neri stammt das Wort: „Es ist kein gutes Zeichen, wenn man an Hochfesten sich nicht besonders ergriffen fühlt.“ Heute ist ein solches Hochfest, das Hochfest des Heiligen Geistes, des Heiligen Geistes, dessen Früchte Friede und Freude sind. So wollen wir versuchen, die Freude auch in uns zu erwecken, die Freude, die vom Heiligen Geiste stammt. Ich möchte zu Euch sprechen von der Würde, die Ihr besitzt.

Wenn Sie, meine lieben Freunde, das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland aufschlagen, da finden Sie den ersten Satz, der lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Was ist die Menschenwürde? Worin gründet sie? Wer garantiert sie? Darüber gibt das Grundgesetz keine Auskunft. Das ist der Auslegung in den Kommentaren und der Rechtsprechung überlassen. Darin liegt eine große Gefahr. Denn es ist in Deutschland genauso wie in Russland, und von Russland schreibt Horst Teltschik dieser Tage; „Es gibt in Rußland kein allgemeines Wertsystem, keine ethischen, religiösen oder ästhetischen Maßstäbe, die von einem gesellschaftlichen Konsens getragen sind.“ Diese Feststellung gilt nicht nur von Russland, sie gilt auch von Deutschland. Auch bei uns gibt es kein allgemein anerkanntes Wertsystem, und wegen der Uneinigkeit über die grundwesentlichen Werte kann es auch keine Einigkeit über das Wesen der Menschenwürde geben. Dahin kommt es, wenn man die Religion als Grundlage aller Werte aufgibt.

Wir Gläubigen sind in der glücklichen Lage, von Gott über die Würde des Menschen belehrt worden zu sein. Wir wissen, woher sie kommt und worin sie besteht. Die Würde des Menschen gründet darin, dass er von Gott geschaffen und von Gott erlöst ist. Seine Würde besteht in der natürlichen und übernatürlichen Gottebenbildlichkeit.

Die Welt macht es uns schwer, uns unserer Würde zu freuen. Wir sind Staubkörnchen in einer großen Menge. Wir sind Nummern in einer großen Zahl. Und doch will der Mensch etwas sein, will etwas gelten. Wenn wir einmal hinüberschauen in das Zweistromland, wo Euphrat und Tigris fließen, da stoßen wir auf Trümmer, auf die Trümmer des Turmbaus von Babel. Da wollten die Menschen auch etwas sein und gelten, und sie versuchten einen Turm zu errichten, der in den Himmel reicht. Der Mensch will etwas gelten, und das ist berechtigt, denn Gott hat ihm eine Geltung verliehen. Im Alten Bunde hatte Gott sich ein Volk auserwählt. Er führte dieses Volk in die Wüste, und er selbst zog voran in einer Wolkensäule. Das Volk folgte erschauernd und flüsterte: „Gott ist mit uns.“ Man baute ein Bundeszelt, um eine Wohnstätte für Gott zu bereiten. Eine Wolke ließ sich auf der heiligen Lade nieder, und Moses rief jubelnd aus: „Wo ist ein Volk, dem seine Götter so nahe sind wie unser Gott?“ Moses begehrte noch mehr: Er wollte die Herrlichkeit Gottes schauen. Aber der sterbliche Mensch ist unfähig, Gottes Herrlichkeit zu schauen. Nur ein Abglanz, ein ferner Abglanz der Herrlichkeit Gottes wurde ihm gewährt, und Moses hat niemals darüber gesprochen, als hätte es ihm die Sprache verschlagen.

Aber noch viel inniger und herzlicher wollte Gott mit den Menschen verkehren. Das war, als er ein Mensch wurde unter den Menschen, als er an den Ufern des Jordan entlang wanderte und über die Berge Judäas schritt. Einmal stand er am Jordan, und Johannes der Täufer wies mit dem Finger auf ihn: „Seht, das Lamm Gottes!“ Das hörten zwei von seinen Jüngern, und sie folgten Jesus nach; es waren Johannes und Andreas. Jesus schaute sich um und fragte sie: „Was sucht ihr?“ Da kam es über ihre Lippen, verlegen, so wie Kinder verlegen fragen: „Meister, wo wohnst du?“ Lächelnd mag der Herr geantwortet haben: „Kommt und seht!“ Da kamen sie zu ihm und blieben den ganzen Tag bei ihm. Wie mögen ihre Herzen geglüht haben, als der Herr zu ihnen sprach! Noch im hohen Alter, vielleicht mit 80 Jahren, weiß Johannes davon zu berichten: „Es war um die zehnte Stunde.“ Das heißt um 16 Uhr nachmittags. So sehr hat ihn diese Begegnung ergriffen. Es war um die zehnte Stunde!

Es gibt aber noch eine Stelle in der Heiligen Schrift, ergreifender als alle anderen, und diese Stelle heißt: „Wenn jemand mich liebt, so wird er meine Lehre halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“ Das ist kein schönes Bild, das ist keine Übertreibung, wie mir einmal ein Theologieprofessor sagte, sondern das ist eine Wirklichkeit. Wenn Gott die Seele liebt und die Seele in der Gnade ist, dann kommt der dreieinige Gott und schlägt seine Wohnung in der Seele auf. Gewiß ist Gott allgegenwärtig; die ganze Welt ist wie eine große Kirche. Aber die Seele des Gerechten ist wie ein Tabernakel in dieser Kirche. Dort wohnt Gott in geheimnisvoller Weise. Wenn Mann und Frau sich am Altare die Hand reichen zum Bunde, dann strömen geheimnisvolle Kräfte von Seele zu Seele. Aber das ist nur ein schwaches Bild für die innige Vereinigung des dreifaltigen Gottes mit unserer Seele. „Wenn jemand mich liebt, dann werde ich kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“ Gott wollte seine Wohnung aufschlagen unter den Menschen. Dem Moses befahl er, ein Zelt zu bauen. Das Kostbarste, was die Israeliten hatten, trugen sie zusammen, Gold und Silber und Steine und Holz. Das Beste war gerade gut genug für die Wohnung des Allerhöchsten. Aber das war gar nichts gegenüber der Wohnung, die Gott aufschlug in einem Menschen, im besten und reinsten Menschen, der je auf dieser Erde gewandelt ist. Er suchte sich das heiligste Menschenkind aus, das heiligste, und überschüttete es mit seinem Glanz und mit seiner Gnade, und dann zog er ein, um neun Monate darin zu wohnen.

Und wiederum wird das noch übertroffen von dem, was Gott mit der Seele des Gerechten tut. Er nimmt bei ihm Wohnung: „Wir werden kommen und Wohnung bei ihm nehmen." Sehen Sie, meine lieben Freunde, das ist es, was Pfingsten heißt. Pfingsten heißt sich freuen über den Geist Gottes in unserer Seele. Wir sprechen von der heiligmachenden Gnade, und es ist richtig, davon zu reden. Aber die heiligmachende Gnade ist nicht nur eine neue Qualität, die den Menschen gegeben wird, sondern die heiligmachende Gnade bringt auch die ungeschaffene Gnade, nämlich den dreifaltigen Gott zu uns. Sie macht den Gerechten zu einem Tempel Gottes. Gott wohnt in uns nicht nur mit geschaffenen Gnadengaben, die er spendet, sondern mit seiner ungeschaffenen göttlichen Wesenheit. „Wißt ihr nicht, dass ihr ein Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ So ruft Paulus in seinem ersten Korintherbrief den Sklaven in Korinth zu. „Wißt ihr nicht, dass ihr ein Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ Die Einwohnung Gottes in der Seele wird dem Heiligen Geist zugeschrieben, und das ist berechtigt, weil der Heilige Geist eben die Liebe zwischen Vater und Sohn ist. Aber alle Werke Gottes nach außen sind der Dreifaltigkeit eigen. Das heißt, wenn der Heilige Geist in die Seele einzieht, dann auch der Vater und der Sohn. Wir haben in der Seele des Gerechten die Einwohnung der drei göttlichen Personen.

Und was bedeutet das für uns? Zunächst einmal Ehrfurcht, tiefe Ehrfurcht vor der eigenen Seele. Wenn ein Verstorbener in einem Hause liegt, dann bewegt man sich auf Zehenspitzen, da geht man ehrfurchtsvoll durch die Räume. Es ist, als ob die Majestät der Ewigkeit über diesem Hause liegt. Aber viel mehr erschauernde Ehrfurcht müsste um uns sein angesichts einer reinen Seele, in der Gott eingezogen ist. Haben wir Ehrfurcht vor dem Gott in unserer Seele! Haben wir Ehrfurcht und lassen wir uns trösten von dieser Gegenwart! Wenn uns Demütigungen treffen, denken wir daran: Die Würde ruht in unserer Brust! Die Sklaven der ersten christlichen Zeit lachten über die Demütigungen und die unwürdige Behandlung, die sie über sich ergehen lassen mussten. Sie wussten, sie haben eine Seele, und in dieser Seele wohnt der dreifaltige Gott. Viele Menschen wissen nicht, dass sie eine Seele haben, und verhalten sich entsprechend. Sie denken an Essen und Trinken an Pfingsten; sie wissen nicht, dass sie eine Seele haben. Und wir treffen Menschen, denen die Sünde zur Gewohnheit geworden ist. Arme Menschen; sie wissen nicht, dass sie eine Seele haben. Wir aber wissen es, und wir wollen Ehrfurcht vor dieser Seele haben, Ehrfurcht vor der Wohnung, in der Gott sein Zelt aufgeschlagen hat. „Wenn wir durch den Geist das Leben haben, so lasst uns auch im Geiste wandeln,“ schreibt Paulus an die Gemeinde in Galatien. Wenn wir durch den Geist das Leben haben, dann lasst uns auch im Geiste wandeln! Und in der Tat, durch das Sakrament der Taufe wurden wir zu einem Tempel des Heiligen Geistes. Wir wollen ihn nicht vertreiben durch schlechte Handlungen. „Betrübet den Geist nicht, mit dem ihr besiegelt seid,“ schreibt Paulus an die Gemeinde in Ephesus. Betrübet den Geist nicht, mit dem ihr besiegelt seid! Und an seinen Schüler Timotheus schreibt er: „Bewahre das dir anvertraute köstliche Gut durch die Kraft des Geistes, der in dir wohnt!“

Wißt ihr nicht, dass ihr Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Diese Überlegung, diese Überzeugung, diese Wirklichkeit kann uns eine große Kraftquelle sein, meine lieben Freunde. Wenn die Versuchung uns naht, wenn die Schwäche uns übermannen will, dann denken wir an das Wort des heiligen Stanislaus Kosta: „Ich bin zu Höherem geboren.“

Man klagt, dass es so wenige Kirchen des Heiligen Geistes gibt. Ich glaube, der Grund liegt darin, dass wir eben selbst Wohnungen des Heiligen Geistes sind. Wir tragen den Heiligen Geist in uns und brauchen deswegen nicht unsere Kirchen dem Heiligen Geist zu weihen, so löblich dieses Beginnen ist. Wir freuen uns, dass wir einmal unsere Seele schauen werden, wenn wir in der Ewigkeit sind. Dort werden wir ja, so hoffen wir, unsere Lieben wieder finden. Dort werden wir das Vaterauge Gottes schauen. Aber wir werden dort auch unsere Seele schauen. Suarez, der große spanische Theologe, lag im Sterben. Er hatte wie wenige in die Wirklichkeit Gottes hineingeschaut. Jetzt lag er blaß und ergeben und wartete auf sein letztes Stündlein. Da ist uns das Wort überliefert, das er in dieser Stunde gesprochen hat: „Videbo animam meam – Ich werde meine Seele schauen.“ Darauf freute er sich, und das machte ihm das Sterben lieb. Auch wir werden unsere Seele schauen. Jetzt mühen wir uns um sie und sorgen uns um sie. Wir tragen das Leid, wir bringen es zur heiligen Kommunion, alles für die Seele, die doch niemals auf Erden zu schauen ist. Aber der Pfingstjubel soll in unserer Seele sein: Wir werden unsere Seele schauen. Wir sind kein Stäublein, das irgendwo zugrunde gehen wird. Wir besitzen eine unsterbliche Seele, und wir wollen uns zu dieser Seele neigen und Gott in ihr anbeten. Wir schön muss eine Seele sein, dass der dreifaltige Gott in ihr seine Wohnung aufschlagen konnte.

Amen.

 

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Heiliger Geist – Spender aller Gnaden

12.05.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Pfingsten ist heute. Die Kirche weitet den Pfingstsonntag aus für die ganzen folgenden Tage, die Pfingstoktav, und mit Recht. Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes und damit auch das Fest der Gnade. Denn der Heilige Geist ist der Träger und der Bringer der Gnade. Wir feiern heute gewissermaßen die letzte Tat des Auferstandenen, nämlich die Sendung des Heiligen Geistes.

Gnade. Brauchen wir Menschen Gnade? Es gibt zweifellos Zeitgenossen, denen sind der Beruf, das Essen und das Trinken und die Vergnügungen dieser Erde mehr wert als die Gnade. Für jeden denkenden, in sich selbst schauenden und sich erkennenden Menschen aber ist die Notwendigkeit der Gnade offensichtlich. Denn er kennt Stunden des Verzagens an sich selbst, Stunden, wo er seine Kraft fehlen spürt. Wie oft haben selbst die Großen im Gottesreich, wie Moses oder Isaias, Stunden solchen Verzagens erlebt und gesagt: „Herr, sende mich nicht! Sende einen anderen, ich bin zu schwach.“ Es scheint, als ob in unseren Tagen die Seelen besonders die Notwendigkeit der Gnade verspüren ob ihrer Ohnmacht. Ich rede nicht von denen, die sich mit törichten Entschuldigungen von ihren Verfehlungen freizukaufen versuchen: Man kann nicht immer die Wahrheit sagen, nicht wahr? Und: Man kann nicht immer die Keuschheit üben. Von solchen rede ich nicht, sondern in spreche hier von jenen, die sich ringend bemühen, den Willen Gottes zu erfüllen, die aber dennoch oft von heiliger Verzagtheit ergriffen werden, von jener Stimmung, an der kein Mensch ohne tieferes Nachdenken vorbeikommt. Menschen, die spüren, dass sie rufen müssen: Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir. Das haben wir vielleicht empfunden, als ein schweres Leid uns niederdrückte, als wir unsere Kraft zerbrechen spürten, als unsere Seele wimmernd vor dem Herrgott stand. Vielleicht haben wir unsere Ohnmacht auch gespürt, als wir mit Lob überschüttet wurden, mit Lobsprüchen; denn ein ehrlicher, sich selbst kennender Mensch denkt dabei: O, wie werde ich da verkannt! Wie sind die Menschen grausam! Wie weh tun sie mir mit ihrem Lobe! Denn ihr zeigt mir nur, wie ich sein sollte, und nicht, wie ich bin. Manchmal werden wir durch eine Niederlage aus unserem selbstsicheren Wesen herausgerissen und erschrecken über uns selbst: So also bin ich! Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal beobachtet haben, meine lieben Freunde, wenn ein gütiger Mensch, den man sich gar nicht anders als wohlwollend vorstellen kann, die Herrschaft über sich selbst verliert. Da geht es wie ein Erschrecken durch alle Seelen in der Umgebung: So ist der auch? Auch der ist so? Und vielleicht erschrickt dieser arme Mensch im nächsten Augenblick über sich selber: So also bin ich – nach Jahren der Arbeit an mir, nach vielen Mühen eines jahrelangen, jahrzehntelangen Christenlebens? So also bin ich? Wer ist nicht schon einmal über sich selbst erschrocken? Ich bin ja gar nicht so, wie ich mich nach außen gebe und wie die Menschen von mir annehmen. Ich habe bei dem englischen Kardinal Heenan in seiner Autobiographie „A Crown of Thorns“ den ergreifenden Satz gelesen: „Wenn die Menschen wüssten, wie ich wirklich bin, würden sie allen Respekt vor mir verlieren.“ Das schreibt der englische Kardinal Heenan.

Und dann kommt noch die äußere Not dazu, in der Gegenwart, in der Zukunft. Wer mit wachen Augen durch die Welt geht, der kann gar nicht an dieser Not vorübergehen – das Klima, die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Jugend, die Kirche, die Priester, der Priesternachwuchs. So viele Sorgen, so viele Befürchtungen. Was soll noch werden? Wie soll es weitergehen? Was soll aus mir werden? Werde ich das Leben, seine Prüfungen und seine Entbehrungen bestehen? Werde ich mit der Last meiner Vergangenheit, den Anforderungen meiner Gegenwart und den Ungewissheiten meiner Zukunft zurechtkommen?

Aus diesem dunklen Hintergrunde, meine lieben Freunde, lässt die Kirche das Licht ihrer Lehre von der Gnade aufleuchten. Zwei Sätze möchte ich Ihnen heute einprägen. Erstens: Es gibt eine Gnade! Es gibt geheimnisvolle Kräfte, welche die Seele treffen, eine innere Freudigkeit, eine Erleuchtung, eine Wegweisung, einen innerer Antrieb. Und das alles kommt von Gott. Es ist nicht wahr, dass es nur elektrische Energie gibt oder Gravitationsanziehung. Nein, es gibt auch Kräfte, die in die Seele selbst greifen und die Seele in ihren tiefsten Gründen anrühren. Was ist die Gnade? Der Katechismus gibt die Antwort, die immer gültig sein wird, wie sie gültig war, als die ersten Katechismen entstanden. Die Gnade ist eine innere Gabe, die Gott uns zu unserem ewigen Heile verleiht. Jede innere Gabe, die Gott uns zu unserem Heile verleiht, nennen wir Gnade. Und Sie erinnern sich auch, dass es zwei hauptsächliche Arten von Gnade gibt, die helfende Gnade und die heiligmachende Gnade. Die helfende Gnade ist jene Kraft, mit der wir das Gute zu erkennen und zu tun vermögen und das Böse zu meiden imstande sind. Die heiligmachende Gnade macht uns Gott wohlgefällig, zu Kindern Gottes und zu Erben des Himmels. Sie gibt unserer Seele eine neue Qualität. Und diese Gnade brauchen wir. Unsere Bekehrung zu Gott ist unmöglich ohne seine anregende und helfende Gnade. Die Gnade kommt dem, der nicht will, zuvor, dass er wolle, und die Gnade folgt dem, der will, dass sein Wollen nicht vergeblich bleibe. Niemand ist imstande, das Gute zu tun, das er will, und das Böse zu meiden, das er nicht will, außer durch die Gnade Gottes.

Manchen kommen die Gebote Gottes schwer vor: Ich kann es nicht, ich schaffe es nicht, Gott befiehlt Unmögliches. Nein, meine Freunde, Gott befiehlt nicht Unmögliches, aber Vollkommenes. Wenn er befiehlt, mahnt er zugleich, das zu tun, was wir können, und das zu erbitten, was wir nicht können. Und dann hilft er, dass wir es können. Der erste Satz lautet: Es gibt eine Gnade!

Der zweite Satz heißt: Alle Gnade wird uns gegeben um der Verdienste Jesu Christi willen. Wir sprechen deswegen von der Gnade Christi. Er hat sie uns verdient durch sein Leben, Leiden, Sterben, Auferstehen und Himmelfahren. Die Kirche pflegt ihre liturgischen Gebete zu schließen mit der Formel: „Durch Jesus Christus.“ Das ist keine Floskel, das ist keine Phrase, meine lieben Freunde. Das ist eine fundamentale theologische Aussage. Denn diese Worte: „Durch Jesus Christus“ –durch! – wollen uns erklären, dass Jesus unser Mittler ist, dass er unsere Gebete zu Gott trägt und dass er  von Gott die Erhörung erwirkt. „Durch Jesus Christus“, das sollten wir mit Bewusstsein und mit Verstand beten. Damit appellieren wir an das Herz unseres Heilandes, an das Herz unseres Mittlers. „Es gibt nur einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, den Menschen Jesus Christus.“ So schreibt Paulus in seinem ersten Brief an Timotheus. Und im Hebräerbrief, da steht der fundamentale Satz: „Jesus ist der Mittler eines neuen Bundes.“

Wir sprechen also von der Gnade Christi und meinen damit das Erlösungswerk, das Gott in Christus zu unserem Heile gewirkt hat. Wir appellieren an die Wunden Christi, die zu unserem Heile geöffnet wurden. Und die Gnade trifft uns so, wie jetzt im Frühling die Sonne das neue Leben hervorbringt. Wenn die Strahlen der Sonne kommen, die Wärme mit sich bringen, dann erwacht das Leben. Es ist ergreifend, das in unseren Gärten und auf den Feldern zu beobachten. Überall fängt es langsam an zu grünen, und manchmal fast explosionsartig. Ähnlich ist es mit der Gnade. Die Strahlen der Gnade gehen aus dem Herzen Jesu hervor und treffen uns. Sie treffen das schlafende Kind, das zur Taufe getragen wird, sie treffen den Kranken auf dem Operationstisch, und sie treffen den Sterbenden. Sie begleiten auch den Priester am Altare, und sie treffen den gläubigen Beter im Kämmerlein und in der Kirche. Dieser Glaube an die Gnade gibt uns Zuversicht, Trost und Kraft. Ja, es gibt eine geheimnisvolle Welt mit ihren Wundern hinter den äußeren Dingen. Das ist der Grund für die Zuversicht der Kirche. Menschlich gesehen müsste man verzagen und verzweifeln; menschlich gesehen ist alles verloren. Aber wir rechnen eben nicht nur mit dem Menschlichen, wir rechnen mit dem Göttlichen, wir rechnen mit der Gnade, und wir bauen auf die Gnade, und wir hoffen gegen alle irdische Hoffnung, gestützt auf göttliche Hoffnung.

Was wäre die Welt, wenn wir diese Gnade nicht hätten? Wenn ein Gewohnheitssünder in den Beichtstuhl kommt und der Priester fragt ihn: Wie lange leben Sie in diesem Zustand? 15, 20 Jahre. Wenn man nicht wüsste, dass es eine Gnade gibt, dann wäre es zum Verzweifeln. Aber wir wissen, dass auch einen solchen Gewohnheitssünder die Gnade herausreißen kann aus seiner Not. Oder wenn ein Menschenkind in einer ganz verseuchten Umgebung heranwächst, in der es nach menschlichem Ermessen nicht gut bleiben kann, wenn man nicht wüsste, dass es eine Gnade gibt, dann müsste man auch hier verzweifeln. Oder was soll ich von uns Seelsorgern sagen, meine lieben Freunde? Wenn wir durch die Straßen gehen und wissen, wieviel Abfall, wieviel Abständigkeit, wie viel Laster in diesen Häusern wohnt, dann müssten wir nach menschlichem Ermessen verzweifeln, dann wäre das Priesterleben das nutzloseste und sinnloseste der ganzen Welt. Aber nein: Es gibt eine Gnade, und sie vermag den Gewohnheitssünder zur Umkehr zu bewegen. Sie vermag Kinder aus diesen Miasmen der Verdorbenheit zur Reinheit zu führen. Und sie vermag dem Priester Zuversicht zu geben, dass sein Wirken letztlich doch nicht umsonst, nicht vergeblich ist. Es gibt eine Gnade!

Wenige haben sie so tief erfahren wie der heilige Augustinus. Sie wissen, dass er im Laster gelebt hat und nach langem Kampfe erst sich bekehrt hat. Er schildert seine Bekehrung in seinen „Confessiones“ – in seinen Bekenntnissen. Und das ging folgendermaßen zu. Ein Gast war zu ihm gekommen und erzählte ihm von der merkwürdigen Bekehrung zweier Menschenseelen am kaiserlichen Hofe. „Während der Erzählung“, so berichtet Augustinus, „schaute ich mich und erschrak, und ich wusste doch nicht, wohin ich fliehen sollte.“ Das Erschrecken über sich selbst, das Erschrecken über sich selbst ist häufig der Anfang der Bekehrung. Augustinus stürzte hinaus in den Garten. Er war nicht mehr der feingebildete Rhetor voller Selbstbeherrschung, sondern nur noch der ringende Mensch. Der Freund folgte ihm; er wollte ihn in dem zerrütteten Seelenzustand nicht alleine lassen. Weit weg vom Hause setzten sie sich nebeneinander. Augustinus beschreibt dann, wie er seine Fassung verlor. Er gebärdete sich wie ein Verzweifelter, und dabei sagte er das Wort: „Du aber, Gott, setztest mir zu!“ „Du aber, Gott, setztest mir zu!“ Der Freund saß schweigend neben ihm. Er wusste, dass hier zwei Welten um Augustinus rangen. Da nützte des Menschen Wort nichts. „Du aber setztest mir zu!“ Augustinus sprang auf, ging weiter in dem Garten. Im äußersten Kampf mit sich selbst warf er sich unter einen Baum: „Du aber setztest mir zu!“ Es sollte sich entscheiden, ob die Kirche einen Heiligen oder die Hölle einen Vorkämpfer gewinnen sollte. Endlich siegte die Gnade. Eine Kinderstimme rief: „Nimm und lies!“ Er griff zur Bibel, zu den Paulusbriefen, und las, und seine Seele gesundete. Das war die Bekehrung des heiligen Augustinus, wie er sie selbst in seinen „Confessiones“ beschrieben hat. „Du aber setztest mir zu!“ Die Gnade hat ihm keine Ruhe gelassen. Die Gnade ist ihm gefolgt, und die Gnade hat ihn besiegt.

Gibt es nicht auch, meine lieben Freunde, in unserem Leben Stunden, in denen wir empfinden, dass Gott in unsere Seele eingreift? Was Augustinus erlebt hat, das hat sich in unzähligen Leben wiederholt. Warum sprechen wir davon, und warum hat es Augustinus aufgeschrieben? Er hat die Antwort gegeben: „Damit niemand sagen kann: Ich kann nicht.“ Das ist nämlich die Ausrede, die wir Menschen gebrauchen: Ich kann nicht beten, ich kann nicht beichten, ich kann nicht in die Kirche gehen – ich kann nicht. Meine lieben Freunde, zerbrechen wir dieses Wort! Jeder, der will, kann. Du hast soviel Gnade, dass du selig werden kannst. Du kannst, weil du musst. Du kannst, wenn du willst.

Amen.

 

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Die heilige Messe – Opfer Christi

22.05.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte, zur Feier des heiligen Fronleichnam Versammelte!

Als im 16. Jahrhundert der Unglaube und der Irrglaube in die Kirche einzudringen versuchte, da richtete sich ein Hauptstoß gegen das eucharistische Opfersakrament. Und so hat das große Konzil von Trient in lichtvoller Weise die katholische Lehre vom eucharistischen Opfersakrament in bleibend gültiger Weise vorgelegt. In der 22. Sitzung dieses Konzils ist Folgendes uns als bleibend gültige Lehre der Kirche vorgelegt worden: „Um die ewige Erlösung zu wirken, wollte Christus sich einmal auf dem Altare des Kreuzes dem Vater zum Opfer darbringen. Sein Priestertum sollte aber mit seinem Tode nicht aufhören. Deshalb brachte er beim Letzten Abendmahl seinen Leib und sein Blut unter den Gestalten von Brot und Wein Gott dem Vater dar und wollte damit seiner Kirche ein Opfer hinterlassen, durch welches das blutige, einmal am Kreuze darzubringende Opfer vergegenwärtigt, das Andenken daran bis zum Ende der Welt festgehalten und seine heilsame Kraft zur Nachlassung der Sünden zugewendet wurde, die von uns täglich begangen werden.“ So hat das Konzil von Trient die Meßopferlehre der Kirche dargelegt.

Das Messopfer ist, wie gesagt, ein gegenwärtiges Opfer, ein wahres und eigentliches Opfer. Zum Opfer gehören drei Dinge: ein Opferpriester, eine Opfergabe und eine Opferhandlung. Der Opferpriester in der heiligen Messe ist kein anderer als Christus selbst. Er hat das Opfer am Kreuze dargebracht; er bringt auch das Opfer in der heiligen Messe dar. Mit der gleichen Gesinnung, mit dem gleichen Opferwillen wie am Kreuze opfert er in der heiligen Messe. Er opfert nicht mehr in sichtbarer Gestalt. Aber wenn das Opfer in der Messe überhaupt einen Sinn haben soll, dann kann es ihn nur dadurch haben, dass Christus opfert, freilich in verhüllter Weise durch seinen Stellvertreter, durch sein Werkzeug, den menschlichen Priester. Christus ist der Priester, aber er hat einem Menschen die Vollmacht verliehen, in seiner Person zu sprechen, zu handeln und zu wirken. Der Priester spricht in der heiligen Messe die Wandlungsworte: Das ist mein Leib. Das ist mein Blut. Er spricht sie in der Person Christi. Er schlüpft gleichsam in die Rolle Christi. Er spricht die genannten Worte als wirksames sakramentales Zeichen. Er spricht sie also nicht als jemand, der einen Bericht vorträgt. Nein, er spricht die Wandlungsworte im Auftrag, in der Macht und in der Person Christi. Durch diese Worte geschieht etwas, nämlich die Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi. Er ist tatsächlich, wie Pius XI. einmal erklärt hat, ein zweiter Christus. Und nur dadurch ist das Messopfer das Opfer Christi. Christus hat das Messopfer nicht nur befohlen, er hat ihm auch nicht nur seine Kraft verliehen, er hat es nicht bloß angeregt, nein: Christus opfert. Unmittelbar und wirksam und persönlich bringt er dieses Opfer dar. Christus verwandelt die Gaben; der Priester ist sein Werkzeug, sein Instrument, sein Mittel, aber die Opferung in der heiligen Messe, nämlich die Konsekration, die Verwandlung, die geschieht durch Christus. Hier bestätigt Christus seine priesterliche Gesinnung und seine priesterliche Würde.

Zum Opferpriester muss die Opfergabe kommen. Die Opfergabe, die in der heiligen Messe dargebracht wird, kann keine andere sein als dieselbe, wie sie am Kreuze dargebracht wurde, nämlich Christus selbst. Christus, der Gottmensch, ist die Opfergabe: „Ipse offerens, ipse et oblatio“ – Er ist der Opferdarbringer, er ist auch die Opfergabe. Christus ist die vollkommene, nicht zu überbietende Opfergabe in der heiligen Messe. Und wir, die wir uns am Messopfer beteiligen, die wir mit Christus opfern, wir opfern Christus, jawohl, nicht mehr und nicht weniger: Wir opfern Christus. Die Messe ist ein Selbstopfer Christi von unendlichem Wert. In diese seine Opfergabe nimmt unser Hoherpriester alles hinein, was er als der menschgewordene Gottessohn ist und hat, also seinen Leib, seine Seele, sein Herz mit allem, was es an Huldigung und Liebe, an Heiligkeit, Genugtuung und Verdienst in sich schließt. In der heiligen Messe haben wir einen Opferpriester, und wir haben eine Opfergabe.

Aber wir haben auch eine Opferhandlung. Die Opferhandlung der heiligen Messe ist die Doppelkonsekration von Brot und Wein. Ich möchte Sie nicht irremachen. Wenn in unseren Gebetbüchern das Herbeibringen der Opfergaben als Opferung bezeichnet wird, so ist das nicht falsch, denn das Opfer Christi nimmt eben damit seinen Anfang. Ohne die Opfergaben kann es überhaupt nicht geschehen. Brot und Wein sind unerlässlich. Wenn kein Brot und kein Wein vorhanden ist, kann sich auch kein Opfer vollziehen. Insofern ist es nicht falsch, wenn wir vom Beginn der heiligen Messe, wo der Priester diese Opfergaben in die Höhe hebt, sagen: Es ist Opferung. Es ist tatsächlich Opferung, es ist der (notwendige) Beginn der Opferung. Freilich der Gipfel, der Höhepunkt der Opferung ist erst die Doppelkonsekration von Brot und Wein. In der sakramentalen Trennung des Leibes und des Blutes des Herrn, abgebildet durch Brot und Wein, liegt die Hinopferung Christi. Die sakramentale Hinopferung ist der sinnenfällige Ausdruck seiner immerfort lebendigen inneren Darbringung und Opfertat.

In den letzten Jahrzehnten ist in manchen katholischen Kreisen versucht worden, den Opfercharakter der Messe auf das Andenken zu beschränken, auf das Andenken der Kreuzestat, des Kreuzesopfers. Das ist falsch. Die Messe ist ein Andenken, aber sie ist mehr als ein Andenken, sie ist eine Opferhandlung. Sie ist ein wahres und eigentliches Opfer. Sie ist eine wahre, in der Gegenwart sich vollziehende Hinopferung. Christus hat tatsächlich in jeder heiligen Messe die Absicht, durch die Verwandlung der Gaben von Brot und Wein in sein heiliges Fleisch und Blut einen Opferakt zu setzen. Die Opfergesinnung, die er am Kreuze bewährt hat, tritt in der heiligen Messe in die Gegenwart hinein. Und deswegen ist es ganz richtig, zu sagen: Die Messe ist das Kreuzesopfer in sakramentaler Gestalt. Genau das ist es: das Kreuzesopfer in sakramentaler, also in veränderter, aber wirklicher Gestalt. Oder auch, wie mein Lehrer Michael Schmaus zu sagen pflegte: „Das Messopfer ist eine sakramentale Epiphanie von Golgotha.“ Eine sakramentale Epiphanie, also ein In-Erscheinung-Treten von Golgotha, eine Vorführung, eine Vergegenwärtigung, eine Erneuerung des Kreuzesopfers. Das Wort Erneuerung wird vom römischen Katechismus gebraucht und sollte deswegen nicht eliminiert werden: eine wahre Vorführung, eine wahre Darstellung, eine wahre Vergegenwärtigung, eine echte Erneuerung des Kreuzesopfers.

Die Beziehung zum Kreuzesopfer erklärt, dass das Messopfer kein neues Opfer ist, kein Opfer neben dem Kreuzesopfer, das dem Kreuzesopfer Abbruch täte. Das ist ja immer die Befürchtung der Protestanten gewesen. Aber das ist es nicht. Die Messe ist das in der Gegenwart in Erscheinung tretende Kreuzesopfer. Hier wird das Werk unserer Erlösung tatsächlich gewirkt, so wie es am Kreuze geschehen ist. Weil wir aber nicht unter dem Kreuze standen wie Maria und Johannes, deswegen muss eben das Kreuzesopfer auch unter uns in Erscheinung treten, und das eben geschieht im Messopfer.

Also noch einmal: Das Messopfer ist ein Gedächtnis, aber es ist ein Gedächtnis als Tathandlung. Es ist ein Gedächtnis als gegenwärtiges Opfer. Es ist ein Gedächtnis, das die Tat Jesu am Kreuze in die Gegenwart hineinholt, eben durch die Vergegenwärtigung, repraesentatio, wie das Konzil von Trient es nennt: repraesentatio, Gegenwärtigsetzung. Genau das ist es.

Und freilich ist mit dem Kreuzesopfer, das hier gegenwärtig gesetzt wird, auch die Auferstehung und die Himmelfahrt des Herrn verbunden. Denn das Kreuzesopfer ist unvollständig ohne Auferstehung und Himmelfahrt. Erst durch die Auferstehung wissen wir, dass Gott das Opfer angenommen hat. Und sie ist das Ziel dieses Opfers am Kreuze, und die Himmelfahrt, die Verklärung ist der Abschluß dieses Geschehens. Deswegen achten Sie auch heute wieder bei der heiligen Messe darauf: Nach der Wandlung beten wir: „Daher sind wir denn eingedenk, Herr, deines heilbringenden Leidens, deiner Auferstehung und deiner glorreichen Himmelfahrt.“ Wahrhaftig, wir haben den Herrn gegenwärtig. Wir dürfen uns an ihn klammern. Wir dürfen sagen: „Jesus, du gehst durch dein Kreuz und deine Auferstehung und deine Himmelfahrt zum Vater. Nimm mich mit! Mein Heiland, nimm mich mit!“

Amen.

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Bekenntnis zum dreieinen Gott

18.05.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Die Großen dieser Erde haben schon oft der heiligen Kirche schweres Ungemach bereitet. Im Jahre 483 ließ der König Hunerich, der König der Vandalen in Nordafrika, einen Befehl ausgehen, dass alle katholischen Bischöfe sich am 1. Februar 484 in Karthago zu einem Religionsgespräch einfinden müssten. Der König war nämlich Arianer, also ein vom katholischen Glauben Abgefallener, und er wollte die katholischen Bischöfe zu seiner Religion bekehren. Die Bischöfe waren in größter Sorge; sie ahnten, was auf sie zukommen würde. Einige von ihnen, die besonders durch ihren Scharfsinn hervorragten, waren schon verschwunden. Als sie am festgesetzten Termin nach Karthago kamen, da brachten sie das vorformulierte Bekenntnis zum dreifaltigen Gott mit sich. „In diesem Glauben wollen wir leben und sterben,“ so sagten sie dem König. Hunerich entbrannte in Wut und gab das Signal zur allgemeinen Verfolgung der Katholiken in seinem Reiche. 302 Bischöfe wurden vertrieben, 46 nach Korsika verbannt zur Zwangsarbeit. Den Gläubigen wurde verboten, den Bischöfen Nachtlager oder Nahrung zu geben. Den widerstehenden Gläubigen wurde die Nase abgeschnitten, wurden die Hände abgehackt, die Ohren wurden ihnen abgeschnitten. Aber auch dieser Sturm brach sich am Glauben, und eines Tages ist der Arianismus von der Bildfläche verschwunden.

Was ist der Arianismus? Das ist eine Irrlehre, die auf den Priester Arius zurückgeht. Arius sprach dem Sohne Gottes das göttliche Wesen und die göttlichen Eigenschaften ab. Christus – der Logos – ist nicht Gott, sondern ein Gebilde Gottes, ein Geschöpf Gottes. Er ist das erste und vornehmste Geschöpf und aus nichts erschaffen, und zwar zu dem Zweck, damit er bei der Erschaffung der übrigen Geschöpfe Gott zur Hand gehe. Der Logos ist veränderlich und entwicklungsfähig; er ist dem Wesen des Vaters fremd und nur dem Willen nach mit ihm vereint. Das war die Irrlehre des Arianismus, und gegen sie hat sich der Glaube, haben sich die Gläubigen und die gläubigen Bischöfe erhoben, und am 19. Juni 325 haben sie in Nicäa (in der heutigen Türkei) das Glaubensbekenntnis formuliert, das wir noch heute jeden Sonntag in der heiligen Messe beten: „Der Sohn Gottes“, so heißt es da, „ist aus dem Wesen des Vaters. Gott aus Gott, Licht aus Licht, wahrer Gott aus wahrem Gott, gezeugt, nicht geschaffen, wesensgleich dem Vater, durch den alles im Himmel und auf Erden entstanden ist.“

Das ist unser Glaube, der Glaube an den dreifaltigen Gott. Heute feiern wir das Fest der Dreifaltigkeit, oder vielleicht ist der Ausdruck besser: der Dreieinigkeit. Wir bekennen diesen Glauben jedes Mal, wenn wir über uns das Kreuzzeichen machen. Da sagen wir: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Und noch deutlicher wird es, wenn wir das sogenannte kleine Kreuzzeichen machen, also uns dreimal bekreuzigen, auf der Stirn, auf dem Mund und auf dem Herzen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Seitdem wir getauft sind, tragen wir den dreifaltigen Gott in unserem Herzen und bekennen wir, dass das ewige Heil das Werk der Dreifaltigkeit ist. Achten Sie bitte – auch heute – bei der heiligen Messe im 2. Gebet vor der Kommunion darauf, wie hier der dreifaltige Gott als Urheber unseres Heiles angesprochen wird. Da heißt es: „Herr Jesus Christus, dem Willen des Vaters gehorsam hast du unter Mitwirkung des Heiligen Geistes durch deinen Tod der Welt das Leben geschenkt.“ Hier sind sie beisammen, die drei: „Herr Jesus Christus, dem Willen des Vaters gehorsam hast du unter Mitwirkung des Heiligen Geistes durch deinen Tod der Welt das Leben geschenkt.“

Wenn wir das Kreuzzeichen machen, dann denken wir zuerst an den Vater. Er ist der Schöpfer der Welt. Alle kulturlosen Völker und alle Völker auf hoher Kulturstufe haben einen Schöpfer als Urheber des Weltalls bekannt, haben sich zum Herrn aller Dinge bekannt, haben gewusst, dass die Welt eine höhere Ursache für ihre Entstehung haben muss als das dürre Prinzip Entwicklung. Jesus aber hat uns noch mehr gelehrt. Er hat uns gelehrt, dass Gott nicht nur der Schöpfer ist, sondern dass er unser Vater ist. Das war seine schönste Predigt, und seine eigene Liebe zum Vater hat ihn gelehrt, uns mit dem Vater bekannt zu machen. Seine Apostel haben das aufgenommen. Dem Apostel Paulus ist es wie ein Licht in der Finsternis erschienen, als er begriff, dass Gott unser Vater ist. „Nicht den Geist der Knechtschaft haben wir empfangen, sondern den Geist der Kindschaft, in dem wir rufen: Abba, lieber Vater.“ Knechte erben nicht, aber Kinder erben; und weil wir Kinder sind, erben wir. Uns liegt das verheißene Erbe bereit, der Himmel der Freuden, das ewige, wunderbare Reich. Und alles, was uns auf Erden begegnet, Freude und Leid, Kummer und Schmerz, soll uns dazu dienen, dass wir nach diesem unvergänglichen Erbe verlangen. Nur eine Bedingung hat Gott gesetzt, dass wir gehorsam gegen seinen Willen sind. Sein Wille ist unser Heil. Meine lieben Freunde, davon müssten wir immer mehr durchdrungen sein, dass uns nichts erfreuen, beglücken, befriedigen kann, was gegen Gottes Willen ist. Unser Glück liegt im Willen Gottes. „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“ O welche Verheißung! „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“

Wenn wir das zweite Kreuzzeichen machen, dann bekennen wir uns zum Sohne, zum Wort Gottes. Das griechische Wort „logos“ bedeutet ja „Wort“. Das ist natürlich nicht ein flüchtiger Hauch des Mundes, der damit gemeint ist, sondern das Wort ist jenes innerste und innerlichste Wort, in dem Gott sich selber ausspricht, in dem Gott sein eigenes Wesen ausspricht, das Wort, in dem Gott sich selbst denkt und erkennt von Ewigkeit her. Dieses Wort war am Anfang bei Gott, und durch dieses Wort ist alles geschaffen worden. Es ist selber Gott, „Abglanz Gottes und Ebenbild seiner Wesenheit“, wie es im Hebräerbrief heißt.

Nun hat Gott den Menschen frei geschaffen, und mit der Freiheit war die Möglichkeit des Ungehorsams gegeben, die Möglichkeit des Abfalls vom Willen Gottes. Das ist traurigerweise geschehen. Der Mensch hat die wunderbare Ordnung Gottes gestört durch seinen Ungehorsam. Und so machte sich der Sohn Gottes auf, durch seinen Tod das heilige Erbe des Vaters wiederherzustellen, die Menschheit zu befreien, mit seinem menschlichen Blute die alte Schuld auszulöschen. Jesus Christus, er hat, dem Willen des Vaters gehorsam unter Mitwirkung des Heiligen Geistes durch seinen Tod der Welt das Leben geschenkt. Das ist das wunderbare Wort, die zweite Person in Gott. Die Wiederbegnadigung geschah durch das Wort.

Mit dem dritten Kreuze bezeichnen wir das Herz, und damit meinen wir den heiligen Geist, der seit der Taufe in uns wohnt. Ja, so ist es: Gottes ewiger Geist, in dem Vater und Sohn sich lieben, nimmt in dem armseligen kleinen Menschenherzen Wohnung, erfüllt es mit seinen Gaben, durchglüht es mit dem Feuer seiner Liebe. Er stärkt, was schwach ist, er bereichert, was arm ist, er erwärmt, das kalt ist, er lässt wider grünen, was verdorrt ist, er heilt alle Schäden. Der große englische Kardinal Manning hat ein schönes Gebet zum Heiligen Geist verfasst. Es lautet wie folgt: „O Heiliger Geist Gottes, nimm mich auf in die Zahl deiner Schüler, leite, erleuchte und heilige mich, fessele meine Hände, auf dass sie nichts Böses tun, bedecke meine Augen, dass sie das Böse nicht mehr sehen, heilige mein Herz, dass das Böse nicht mehr in mir wohne, sei du mein Gott, sei du mein Führer. Wohin immer du mich führst, will ich gehen. Was du mir verbietest, dem will ich entsagen, und was immer du befiehlst, das will ich, von dir gestärkt, vollbringen.“ Dieses schöne Gebet hat der große, soziale Kardinal Manning im 19. Jahrhundert verfasst.

Wir begehen das Fest der heiligsten Dreifaltigkeit, oder besser der Dreieinigkeit. Die Dreieinigkeit ist und bleibt für jeden menschlichen Verstand ein undurchdringliches Geheimnis. Gott ist unbegreiflich. Ja, meine lieben Freunde, das muss so sein, das kann gar nicht anders sein. Die Unbegreiflichkeit ist eine Wesenseigenschaft Gottes. Einen Gott, den wir begreifen könnten, dessen könnten wir uns bemächtigen, den könnten wir übermächtigen, dessen könnten wir uns bedienen. Nein, es muss so sein. Gott muss unbegreiflich sein, damit wir ihn nicht in unsere Gewalt bringen können. Wir wollen uns gewiß bemühen, in das Geheimnis der Dreieinigkeit einzudringen, aber wir sollen auch wissen, dass es unmöglich ist, Gott zu begreifen. „Wer die Majestät erforschen will, den zerdrückt ihre Herrlichkeit.“ So heißt es im Buche der Weisheit. Wer die Majestät erforschen will, den zerdrückt ihre Herrlichkeit.

Machen wir also weiter gläubig und mit inniger Liebe das heilige Kreuzzeichen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Es soll unser ganzes Wesen, unsere Gestalt, unsere Seele, unsere Gedanken, unseren Willen umfassen. Wir wollen es am Morgen machen, wenn wir uns ans Tagewerk begeben. Wir wollen es am Abend machen, wenn wir uns erinnern an das letzte Ziel. Wir wollen es vor dem Beten machen, damit die Gnade Gottes in uns bleibe. Wir wollen es in der Versuchung machen, damit wir gegen die Gefahren gewappnet werden. Wir wollen es beim Evangelium machen und in der heiligen Messe beim Segen, damit das Wort Gottes in uns bleibe im Acker unserer Seele. Vom heiligen Sturmius, dem Gefährten des heiligen Bonifatius, wird berichtet, wie er in dem damaligen unwirtlichen deutschen Gebiet sich zur Ruhe begab, indem er das Kreuzzeichen über sich schlug. Irgendwo im Gestrüpp legte er sich zur Ruhe, aber immer im Schutze Gottes durch das Zeichen des Kreuzes. Wenn wir im Kreuzzeichen unser Heil suchen, werden wir es auch finden, meine lieben Freunde. Jesus Christus hat, dem Willen des Vaters gehorsam, durch seinen Tod unter Mitwirkung des Heiligen Geistes uns das Leben geschenkt. Und im Namen des dreifaltigen Gottes wollen wir unser Lebenswerk, unsere Gebete und unsere Tage verbringen.

Amen.

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Die Liebe des heiligsten Herzens Jesu

01.06.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Die ganze menschliche Natur Jesu ist anbetungswürdig; denn sie ist verbunden mit der Gottheit. Wenn die ganze Natur anbetungswürdig ist, sind es auch alle ihre Teile. Seit dem Mittelalter, vor allem seit den Kreuzzügen ist die Verehrung der menschlichen Natur Jesu und zu ihrer Teile besonders intensiv geworden. Man hat die heiligen Wunden des Herrn in besonderer Weise ins Auge gefasst, das Haupt des Herrn, sein Antlitz, aber auch sein kostbares Blut und sein heiligstes Herz. Die Herz-Jesu-Verehrung hat sich seitdem kontinuierlich entwickelt und ihren Höhepunkt erreicht im 17. Jahrhundert, als eine Jungfrau in Frankreich, Maria Margareta Alacoque, vom Herrn besonderer Visionen gewürdigt wurde. Maria Margareta Alacoque ist die Heroldin der Herz-Jesu-Verehrung geworden, und ihr verdanken wir das Herz-Jesu-Fest, das wir am vergangenen Freitag begangen haben.

Die Verheißungen, welche Margareta Maria Alacoque vom Herrn empfing, sind bekannt. Ich erwähne nur eine: „Ich werde die Häuser segnen, wo das Bild meines Herzens aufgestellt ist.“ Ach, meine Freunde, ich denke an meine Vorfahren. Sie waren arme Leute. Im Hause meiner Großeltern spielte sich das ganze Leben in der Küche ab, aber über dem Küchentisch, da hing das Bild des heiligsten Herzens Jesu. „Ich werde die Häuser segnen, in denen das Bild meines Herzens aufgestellt ist.“ Margareta Maria Alacoque hat aber außer den Verheißungen auch andere Weisungen und Erleuchtungen vom Herrn empfangen. Einmal, am Fronleichnamstag, als sie vor dem Allerheiligsten kniete, hörte sie den Herrn zu sich sprechen: „Sieh da, dieses Herz, das die Menschen so sehr geliebt hat, dass es nichts sparte, sondern sich ganz verzehrte und erschöpfte, um ihnen seine Liebe kundzutun! Und zum Lohn empfange ich von den meisten nur Undank durch Unehrerbietigkeit und Lästerungen, durch die Kälte und Verachtung, die sie mir im Sakrament der Liebe bezeigen. Noch schmerzlicher aber ist es, dass auch Herzen, die mir geweiht sind, mich so behandeln.“ Das ist eine Vision gewesen, die der Herr Maria Margareta Alacoque hat zuteil werden lassen. „Sieh da, dieses Herz, das die Menschen so sehr geliebt hat.“ Das Heilandsherz, die menschgewordene Liebe Gottes.

Als der Sohn Gottes daranging, zu uns Menschen auf die Erde herabzusteigen, da schuf ihm der Heilige Geist ein Gefäß, ein Gefäß, in dem er die ganze unendliche Liebe seines Gottesherzens bergen sollte. Und dieses heilige Gefäß war sein gottmenschliches Herz. Ganz groß, ganz rein, ganz lauter, ein Menschenherz, aber ganz anders als wir, ein Menschenherz, in dem die ewige Liebe Gottes schlug. Mensch geworden unter uns Menschen, ein Herz, so lauter, so stark und gewaltig, wie nur dieses Herz eine Liebe kannte und sonst keines mehr. Wie hat sie sich verströmt, diese Liebe! Wenn wir aufmerksam und mit Andacht die Evangelien lesen, da wird es uns warm ums Herz, wenn wir den Herrn reden und handeln sehen; wenn wir die Worte seiner Liebe vernehmen: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Er lädt die Bekümmerten, die Leidenden, die Geplagten ein. „Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder.“ Ja, das ist seine Sendung gewesen, nicht Gerechte zu berufen, sondern Sünder, wie wir es im heutigen Evangelium gehört haben. Er geht den Verirrten, den Gestrandeten, den Verlorenen nach. Am Kreuze noch betet er für seine Peiniger: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Er sucht sie zu entschuldigen: „Sie wissen nicht, was sie tun!“ Und die Taten der Liebe; wir haben es ja gehört: der Freund, der Zöllner und Sünder, das ist er. Den Verachteten, den Gemiedenen geht er nach, lädt sie ein und lädt sich bei ihnen ein, nimmt bei ihnen Wohnung. Das geknickte Rohr bricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus. Der reuigen Sünderin hat er sich angenommen: „Geh hin und sündige nicht mehr!“ Und dem reuigen Schächer am Kreuze verheißt er das Paradies. Und selbst seine Wundermacht hat er für seine Liebe eingesetzt. Als die Menschen in der Wüste nicht zu essen haben, wirkt er das große Wunder der Brotvermehrung: „Mich erbarmt des Volkes.“ Und aus dem Erbarmen des Herzens wirkt er diese einmalige Tat. Ebenso, als die Jünger im Seesturm schreien: „Herr, rette uns, wie gehen zugrunde!“ Da setzt er wieder seine Wundermacht ein, steht auf, reckt sich empor: „Schweige! Verstumme!“ Und das Seebeben hört auf, und der Wind legt sich. Das ist das Herz Jesu. In der Litanei vom heiligsten Herzen Jesu wird versucht, die Tiefe dieses Herzens auszuloten. Drei Anrufungen stellen auf die Liebe des Herzens Jesu ab: „Herz Jesu, du Feuerherd der Liebe; Herz Jesu, voll Güte und Liebe; Herz Jesu, du Wohnstatt der Gerechtigkeit und Liebe.“ Es ist die Liebe eines Gottes, eine Liebe, die nicht müde wird wie unsere Liebe, eine Liebe, die nicht auswählt, wie wir es machen, eine Liebe, die nicht aufhört, wie sie bei uns so schnell zu Ende ist. Sieh da, dieses Herz! Wahrhaftig, das Heilandsherz ist die menschgewordene Liebe Gottes.

Aber das war ihm noch nicht genug. Das Heilandsherz ist auch die auf den Tod verwundete Liebe Gottes. Der hat die größte Liebe, der ohne Grund liebt, der zuerst liebt, der mit Feuer liebt und der bis zum Tode liebt. So ist die Liebe unseres Gottes. Er wollte seine Liebe nicht nur mit Worten und Taten bezeugen, er wollte sie mit der ergreifendsten Sprache bezeugen, die es überhupt gibt, nämlich mit der Sprache seines Blutes. Dieses Herz sollte sich verzehren auf dem Opferaltar des Kreuzes. Es sollte verglühen in einem Opfer ohnegleichen. Was hat dieses Herz in den letzten 24 Stunden seines irdischen Lebens nicht durchgemacht! Ein Apostel verrät ihn; die Jünger fliehen; Petrus verleugnet ihn; seine Peiniger überhäufen ihn mit Spott und Hohn, Erniedrigung und Lästerung. Mit Geißelhieben und einer Dornenkrone und einem Spottkleid verhöhnen sie das auf Erden erschienene Leben Gottes. Alle drei Synoptiker, also Matthäus, Lukas und Markus, alle drei Synoptiker berichten, dass Jesus von seinen Henkern angespuckt wurde. Mitglieder oder Diener des Hohen Rates, Soldaten der Besatzungsmacht, sie haben ihn angespuckt. Anspucken ist das Zeichen des Abscheus und der Verachtung. Abscheu und Verachtung wollten sie dem Herrn bezeigen. Und das muss uns zu Herzen gehen, wie es ja in dem ergreifenden Liede heißt: „Du edles Angesichte, davor sonst schrickt und scheut das große Weltgerichte, wie bist du so bespeit! Wie bist du so erbleichet! Wer hat dein Augenlicht, dem sonst kein Licht mehr gleichet, so schändlich zugericht’?“ Wahrhaftig, das Heilandsherz ist die auf den Tod und bis zum Tode verwundete Liebe. Vier Anrufungen der Litanei vom heiligsten Herzen Jesu stellen uns die verwundete Liebe vor: „Herz Jesu, mit Schmach gesättigt; Herz Jesu, voll Qual ob unserer Missetaten; Herz Jesu, gehorsam geworden bis zum Tode; Herz Jesu, von der Lanze durchbohrt.“ Wahrhaftig, das ist die bis zum Tode verwundete Liebe unseres Heilandes.

Und doch, das alles hat ihm noch nicht genügt. Das Heilandsherz ist auch die verkannte Liebe Gottes. Und so fährt der Herr in seiner Klage bei Maria Margareta Alacoque fort: „Und zum Lohn empfange ich Undank.“ Ist es wahr oder nicht? Wo ist die Glut der Gegenliebe, die allein der Liebesglut dieses Herzens entspräche? Wo ist auch nur die Treue zum heiligen Opfer? Ach, meine Freunde, es ist für mich jeden Sonntag schmerzlich, wenn ich sehe, wie meine Nachbarschaft den Tag des Herrn verbringt: mit Essen, Schlafen, Ausruhen, Vergnügen. Statt Dank Undank, statt Ehrerbietung Unehrerbietigkeit, statt Liebe Kälte und Verachtung. Ja, auch Unehrerbietigkeit. Wo ist denn die Ehrfurcht vor diesem Herzen, vor dem Sakrament dieses Herzens? Ich habe vor mir, meine lieben Freunde, einen Ausdruck aus dem Internet vom 27. Mai 2008. Da ist berichtet von einem Vortrag, den der Erzbischof Ranjit, der Sekretär der Gottesdienstkongregation in Rom, in Wien gehalten hat. In diesem Vortrag hat dieser Fachmann, dieser gläubige Fachmann einmal die Ärgernisse und Unehrerbietigkeiten aufgelistet, die heute im Gottesdienst unserer Kirche geschehen. Er hat zum Beispiel hingewiesen auf die Änderung der Zelebrationsrichtung. Der Priester ist doch abgelenkt, wenn er ins Volk schaut. Warum schaut er nicht zum Kreuz? Die Handkommunion. Warum haben wir nicht die Ehrerbietung, das Allerheiligste nicht in die Hand zu nehmen, um dem Herrn zu zeigen, wir sind es nicht wert, wir sind es nicht würdig. Gewiß, der Mund ist nicht weniger schuldig oder unschuldig als die Hand, aber es ist ein Zeichen der Ehrfurcht, dass man etwas nicht in die Hand nimmt. Er weist dann auf die Preisgabe der Stille und Anbetung hin. Er erinnert daran, dass die Gesten des Kniens und des Verbeugens immer weniger geworden sind und kaum noch geübt werden. Das alles ist Ausdruck der verkannten Liebe Gottes.

Und da ruft uns der Heiland, da ruft uns Maria Margareta Alacoque, da ruft uns die Herz-Jesu-Verehrung auf, zu sühnen – zu sühnen. Was heißt sühnen? Sühnen heißt, das Böse nicht bloß bereuen, sondern gutmachen, gleichsam aus der Welt schaffen. Sühne will wiedergewinnen, was durch die Sünde verlorenging. Sühne muss sein. Wir müssen wiedergutmachen, was wir in unserem Leben durch Schuld und Sünde verfehlt haben. Sühne also für eigene Sünden. „Ach Herr, was du erduldet, ist alles meine Last. Denn ich hab das verschuldet, was du getragen hast. Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat! Gib mir, o mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad!“ Sühne für eigene Sünden, Sühne aber auch für die Sünden anderer. Wir können auch für andere sühnen kraft der Gemeinschaft der Heiligen. Gott nimmt die Sühne, die wir für andere leisten, an.

Im 18. Jahrhundert regierte in Frankreich Ludwig XV., ein trauriger König, meine lieben Freunde, ein Mann der Unzucht, ein Mann der Schwäche, ein Mann, der sicher auch zu seinem Teil das Verhängnis der Revolution heraufbeschworen hat. Aber er hatte ein Tochter, Louise. Und Louise, die Tochter, trat in ein Kloster ein, um für ihren sittenlosen Vater zu sühnen. Im Karmeliterorden ist aus einer Prinzessin die Schwester Teresia vom heiligen Augustin geworden. Und ihre Sühne war nicht vergebens. Auf dem Sterbelager hat Ludwig eine öffentliche Erklärung an sein Volk gerichtet, dass er sein Leben verurteile.

Sühne leisten, das ist auch unsere Aufgabe, und Gott sei es gedankt, auch heute gibt es solche Sühneseelen. Unsere guten frommen Frauen, die da in Heroldsbach die Nacht durchbeten, das sind solche Sühneseelen. Sie leisten Sühne. Es ist nicht angenehm, die ganze Nacht zu beten und das Messopfer mitzufeiern, aber es ist Sühne, und es ist wirksame Sühne. Und so wollen wir denn heute, meine lieben Freunde, den Vorsatz fassen, auch uns dem heiligsten Herzen Jesu zu übergeben. „Göttliches Herz“, so wollen wir sagen, „ich verbinde mein Herz innig und fest mit dir, dass mich bis zum Ende meines Lebens nichts von dir trennen kann. Herz Jesu, erbarme dich meiner!“

Amen

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Petrus und Paulus – Amt und Charisma

29.06.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Geliebte, zur Feier der Apostelfürsten Petrus und Paulus Versammelte!

Die Kirche begeht das Gedächtnis des Petrus und des Paulus an einem Tage. Das könnte verwundern, denn sie waren nicht miteinander verwandt, und sie standen sich wohl auch, was die Freundschaft betrifft, nicht besonders nahe. Es bestanden vielmehr zwischen ihnen erhebliche Gegensätze. Ihre Lebenswege gingen auseinander; Petrus war unter den Erstberufenen, sein Bruder Andreas führte ihn ja zum Heiland. Paulus wurde erst lange nach der Himmelfahrt des Herrn, auf dem Wege nach Damaskus, vom Rufe Gottes betroffen, als der Herr schon nicht mehr sichtbar auf Erden wandelte. Sie waren auch sehr verschiedenen Charakters. Petrus war nachgiebig, ängstlich, furchtsam; Paulus war ein Feuerkopf, ein Mann der Tat und der Entschiedenheit, von rücksichtslosem Kampfgeist erfüllt. Sie waren auch verschiedener Herkunft. Petrus war ein einfacher Fischer vom See Genesareth, Paulus war ein hochgebildeter Mann, ein Schriftgelehrter, weltgewandt, der sicher die Sprache der damaligen Welt, griechisch, fließend sprach.

Dennoch gibt es auch Ähnlichkeiten zwischen ihnen. Beide gingen durch das tiefe, dunkle Tal der Schuld. Petrus in jener Stunde, wo er von einem Fehltritt überrascht wurde und dann hinausging und bitterlich weinte, Paulus dagegen von dem harten Verfolgerwillen erfüllt. Beide sind durch die Erinnerung an ihre Schuld klein, still und reif geworden. Sie wussten, dass sie allein durch die Erbarmung des Herrn gerettet worden waren. Beide gaben ihr Leben und ihr Blut für den Meister, den sie über alles liebten. Es ist eigenartig, dass beide, Petrus und Paulus, ihr Martyrium in Rom vollendet haben, in Rom, der Hauptstadt der Welt, und in Rom, der Hauptstadt des Reiches Gottes auf Erden. Es war, als hätte die Christengemeinde von Rom durch das Blut der beiden Apostel zusammen genährt werden müssen. Und so ist auch die Erinnerung an beide in der Kirche immer zusammengenommen worden. Fünfmal in der heiligen Messe werden Petrus und Paulus, immer zusammen, genannt. Und auch die Feste, die wir feiern, erwähnen immer nach dem heiligen Petrus den heiligen Paulus. Damit zeigt die Kirche, dass beide von einziger und einzigartiger Bedeutung für ihre Geschichte und ihr Leben sind. Sie nennt sie die Apostelfürsten. Jeder besitzt nämlich ein Führertum, einen Primat, wenn man so sagen will. Petrus trägt den Primat des Amtes, Paulus den Primat des Charismas, der lebendigen, begnadeten Persönlichkeit. Und diese beiden Führertümer, diese beiden Primate geben der Geschichte der Kirche ihren Charakter und ihre Eigenart.

Petrus hat den Primat erhalten durch ausdrücklichen Auftrag Christi. In jener stillen Stunde am See Genesareth, nach dem Frühmahle, das sie gehalten hatten, sprach der Herr zu ihm: „Weide meine Lämmer, weide meine Schafe!“ Damit war ihm der Primat der Führung übertragen. Damit war erfüllt, was der Herr ihm vor Cäsarea Philippi verheißen hatte: „Ich will über dir meine Kirche bauen.“ Und noch früher, schon beim ersten Zusammentreffen, hat er ihm den Namen gegeben, der für diesen Kirchenbau charakteristisch war: „Du bist Kephas“, d.h. der Fels.

Der Apostel Paulus wurde auf andere Weise bestellt. Er ist ein Spätberufener, und ihm wurde eigentlich nur der allgemeine Auftrag der Apostel zuteil, nämlich der Herr wollte ihm sagen, dass er ein auserwähltes Werkzeug sei, dass er den Namen Christi durch alle Länder, zu den Heiden und zu den Juden tragen werde und dass er viel leiden müsse um dieses Namens willen; er hat also keine besondere Sendung erhalten. Und doch war es ihm durch den Herrn bestimmt, eine richtunggebende und bestimmende und befruchtende Wirkung auf die junge Kirche auszuüben. Er hat einen Einfluß ausgeübt wie kein anderer Apostel, denn er hat die Kirche aus der größten Gefahr, die ihr damals drohte, hinweggerissen, nämlich aus der Gefahr, in den Schranken und Fesseln der jüdischen Gesetzlichkeit gefangen zu bleiben, stecken zu bleiben. Auf die ersten heilsbegierigen Heiden war zwar auch der Heilige Geist herabgekommen, und sie waren getauft worden, aber sie waren noch nicht im vollen Sinne als Christen anerkannt. Sie hatten noch nicht die völlige Gleichberechtigung mit den aus dem Judentum kommenden Christen erlangt.

Theoretisch wurde diese Frage auf dem ersten Konzil, dem Apostelkonzil in Jerusalem, entschieden. Auf diesem Konzil hatte Paulus keine entscheidende Stimme; es war ein Konzil der Altapostel. Er selbst war nur der Abgesandte der Heidengemeinden, der das Anliegen dieser Gemeinden vor die Apostel trug. Die Entscheidung fiel durch den Primat des Amtes. Damals hat Petrus zum ersten Mal seine Unfehlbarkeit bewährt bei dieser ersten Entscheidung ex cathedra. Aber nun galt es, diese Entscheidung in der Praxis durchzusetzen. Es gab schwere Hemmungen, es gab Widerstände, es gab Rückschläge, und Petrus hat sich bei dieser Entwicklung nicht sehr rühmlich benommen. Er suchte nämlich seiner Entscheidung, die er selbst gefällt hatte, auszuweichen. Und so hat Paulus ihm in Antiochien, wie er im Galaterbrief berichtet, „ins Antlitz“ widerstehen müssen. Er hat ihn hinweggerissen über seine Bedenken. Bei dieser Gelegenheit sehen wir, was Paulus geleistet hat, und das ist nur ein Beispiel für seine unermessliche Tätigkeit. Überall, in allen kritischen und gefährlichen Fragen, die das junge Christentum bewegten, wirkte er entscheidend mit. Und nicht so sehr als der beamtete, sondern als der begnadete, nicht so sehr als der bestellte, sondern als der geborene Führer des jungen Christentums.

So wirkten schon am Anfang der christlichen Geschichte diese beiden Formen des Führertums zusammen. Sie sind seit damals niemals mehr erloschen oder getrennt worden. Der Primat Petri pflanzte sich über Hunderte von Nachfolgern fort, von Papst zu Papst in langer Reihe, über Heilige und Sünder, über Heroen und Unwürdige, doch immer siegreich und immerfort auf seinem Felsenfundament die Kirche tragend. Aber auch der andere Primat, das Führertum des Paulus, dieses Führertum der individuellen, persönlichen Begnadung, sprang immer wieder von einem Geistesgewaltigen über zu einem anderen. Zuweilen waren beide Primate verbunden, wenn ein besonderer Charismatiker zum Papst gewählt wurde. Und es gab auch unter den Bischöfen solche Charismatiker. Wir denken alle gern zurück an den Bischof von Fulda, an Johannes Dyba. Zuweilen waren die Träger des Charismas stille Mönche oder Frauen wie Katharina von Siena, die den Träger des Primates zurückriß aus seiner Verbannung in Frankreich nach Rom, wohin er gehörte.

Dass der amtliche Primat auch heute nicht erloschen ist, wissen wir, und wir sind dankbar für den jetzigen Träger dieses Primates. Ich wüsste, meine lieben Freunde, ich wüsste keinen anderen, der besser das Amt verwalten könnte.

Aber auch der Primat des persönlichen Geistes ist nicht erloschen. Auch der Primat der charismatischen Begabung lebt in unserer Kirche fort. Er lebt fort einmal in den als heilig verehrten Männern und Frauen, in einem heiligen Johannes Bosco, in der wunderbaren Blüte von Lisieux, Theresia, in Mutter Teresa oder Pater Pio. Aber er lebt auch fort in Männern und Frauen, die nicht als Heilige verehrt werden, aber die ihre Begnadung und ihre Berufung in die Kirche eingebracht haben. Ich denke etwa an Pater Werenfried van Straaten, ich denke aber auch an Männer wie Martin Mosebach oder Robert Spaemann. Das sind Männer der charismatischen Begabung. Sie haben ihren Dienst in die Kirche eingebracht, und der oberste Träger des Amtes, Benedikt, hat ihre Beiträge aufgenommen und mit dem Amt, mit der Autorität des Amtes verbunden.

Der Primat des Amtes verkörpert die unantastbare Autorität Gottes. Er gibt der Kirche die Stetigkeit und die Ruhe, auch die Festigkeit über die Jahrtausende. Erst dieser überpersönliche Primat hebt die Kirche über die Zeiten hinweg und über das Milieu, rettet sie vor der momentanen Anpassung, die wir ja im Protestantismus jeden Tag beobachten können. Aber der Primat des Charismas ist es, der das Amt vor Erstarrung und vor Versteinerung bewahrt, der den Organismus der Kirche immer wieder durchströmen lässt von Glut und Feuer. Der Primat des Amtes ist unentbehrlich. In ihm wirkt sich ja der Gute Hirte selbst aus, und trotz aller Unzulänglichkeit der menschlichen Gehilfen, die ja nie auszuschließen ist, trotz aller Unzulänglichkeit hat die Herde Christi doch immer gute Weide gefunden. Aber ebensoviel verdankt die Kirche ihren begnadeten Einzelpersönlichkeiten, den Bahnbrechern der Seelsorge und der Nächstenliebe, den großen Leuchten. Denken wir nur an die vielen Frauen, die im 19. Jahrhundert ihre Kongregationen gegründet haben, von denen wir heute noch zehren und deren Zusammenschrumpfen wir mit Bitterkeit des Herzens erleben. Diese Menschen haben immer wieder die starre Kruste der Gewohnheit und der Schablone durchbrochen. Sie haben die einschläfernde Wirkung, die von falschen Theologen und von einer irrig verstandenen Vergangenheit ausgingen, durchbrochen durch ihre feurige Bewegtheit.

Die Kirchengeschichte, meine lieben Freunde, ist voll von großen und ergreifenden Erscheinungen, von entzückenden und bedrückenden Geschehnissen, von Licht und Finsternis, von Heroentum und Ärgernis. Aber zu den erstaunlichsten Offenbarungen dieser Geschichte der Kirche gehört doch unzweifelhaft das Zusammenwirken von Petrus und Paulus. Das Amt, ein absoluter und in reiner Objektivität dargestellter Wille, und das Charisma, eine lebendige Quelle, die sich immer wieder, Menschen unbegreiflich, erneuert. An der Spitze der Menschheit gehen deswegen zwei Führer. Sie gehen nebeneinander, Petrus und Paulus, die Hierarchie und das Charisma, die überpersönliche Autorität und die persönliche Begnadung. Von diesen beiden Vollmachten singt die Kirche: „Du hast sie als Fürsten gesetzt über die ganze Erde, o Herr, und sie werden deinen Namen allezeit verkünden.“

Amen.

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Die Kirche – Grundfeste der Wahrheit

22.06.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Der Volksmund sagt: Undank ist der Lohn, den man für gute Taten bezieht. Das hat sich im Leben unseres Heilandes deutlich gezeigt. Wohltaten spendend ging er durch die Lande, und wie hat das Volk, wie haben die Führer des Volkes seine Heilandsliebe vergolten? Indem sie ihn ans Kreuz schlugen.

Ähnlich geschieht es auch dem fortlebenden Christus, seiner Kirche; Verachtung, Hohn und Spott trifft sie. Das Strahlende ihrer Gestalt, ihre Leistungen werden unterschlagen, aber die Flecken und Makel, die ihre Glieder ihr zugefügt haben, werden unaufhörlich den Menschen unterbreitet; vor allem der Jugend weiß man manches Wahre und vieles Unwahre über die Kirche zu erzählen. Leicht ist die Jugend zur Geringschätzung zu verführen, schwer aber zur rechten Würdigung und zu einer Verehrung für das Große, von dem sie so wenig Kenntnis besitzt. Was nützt es, meine Freunde, wenn wir immer tiefer eindringen in die Geheimnisse der Natur, wenn wir immer schärfer die Ereignisse der Geschichte durchschauen? Was nützt es, wenn wir die Gesetze des Weltenbaues ergründen und zum Nutzen der irdischen Wohlfahrt verwenden, wenn wir aber den letzten Sinn des großen Weltenbaues und das letzte Ziel eines jeden Lebens nicht kennen? Durch Nachsinnen aus einem lauteren Herzen ist es möglich, auf diese Gegenstände seine Aufmerksamkeit zu richten und auch zu gültigen Erkenntnissen zu kommen. Aber der Mensch ist nicht nur von seinen besten Gedanken, sondern auch von seinen schlimmsten Neigungen heimgesucht. Und deswegen finden viele durch eigenes Nachdenken nicht den Sinn der Welt und das Ziel ihres Lebens. So hat Gott uns seine Offenbarung gegeben, in der er uns beides erklärt hat. Und er hat diese Offenbarung seiner Kirche anvertraut, im besonderen dem unfehlbaren Lehramt seiner Kirche anvertraut, auf dass die Wahrheit nicht zugrunde ginge. Es sollte die Wahrheit irrtumslos und unabänderlich erhalten werden.

Dieses Lehramt besteht in der Kirche seit der Aussendung der Apostel. Es ist durch die Führung des Heiligen Geistes geleitet, und dank des Beistands des Heiligen Geistes weiß es die Wahrheit der Offenbarung zu hüten und zu bewahren. Es hat deutlich genug gesprochen; es ist ihr immer treu geblieben, und es hat gewaltiges Geistesgut der Welt geschenkt. Ein Segensstrom ist von dem Lehramt der Kirche ausgegangen.

Keine Rettung, kein Halt, so haben viele Menschen geklagt, nirgends Rettung, nirgends Halt. Und so haben viele den Weg gefunden in unsere Kirche. Denken Sie nur an die beiden großen Engländer Newman und Manning, die der Papst dann zu Kardinälen erhoben hat. Sie haben Ordnung gesucht und sie in der Kirche gefunden. Sie haben nach Sicherheit gesucht, und sie haben sie in der Kirche erfunden. Sie haben nach einem Zusammenhang der Wahrheit geforscht, und sie haben ihn in der Kirche entdeckt. Was hätte es genützt, wenn Gott eine Offenbarung gegeben hätte, aber nicht dafür gesorgt hätte, dass sie irrtumslos weitergegeben würde? Das Wort Gottes hätte ja auch verfälscht werden können durch Rechthaberei, durch Verbilligung. Wenn jeder es sich selbst deuten müsste – wie der Protestantismus behauptet –, wenn jeder es sich selbst deuten müsste, dann kommt er eben zu unmöglichen Ergebnissen. Wenn Gott sein eigenes Wort retten wollte, dann gab es nur zwei Möglichkeiten: entweder dass er jeden einzelnen mit der unfehlbaren Schriftdeutung ausrüstete oder aber dass er seine Säule und Grundfeste der Wahrheit errichtete, die wir die katholische Kirche nennen.

Die Kirche erfindet die Geheimnisse Gottes nicht. Sie ist nicht die Schöpferin der Wahrheit, sondern sie fasst sie nur in begriffliche Form, ähnlich wie ein Goldschmied das Gold nicht selber erzeugt, sondern es nur nach den Gesetzen der Technik und des Handwerks bearbeitet. So ähnlich tut es die Kirche mit der Wahrheit; sie fasst sie nur, sie fasst sie in begriffliche Formen, die freilich dank des Beistandes des Heiligen Geistes unaufgebbar und richtig, wenn auch nicht erschöpfend sind. Wir wissen: Die Dogmen sind auf dem Amboß der Geschichte gehämmert worden, und diese Dogmen sind wahrhaftig in ihrer Majestät erschütternd und in ihrer Lieblichkeit verlockend. Dass es ein Dogma von Gott gibt, dem Vater im Himmel, dem Schöpfer Himmels und der Erde, das ist ja die Grundlage für jede Religion. Religion heißt nämlich Bindung, Bindung an Gott. Diese Bindung ist nur möglich, wenn wir zuvor wissen, wer Gott ist.

Im 18. Jahrhundert lebte der Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing. Er ist einer der Aufklärer. Von Lessing stammt das Wort: „Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen, immer regen Trieb nach Wahrheit, obwohl mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: „Wähle!“ Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: „Vater, gib; die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein.“ Diesen inhaltsschweren Satz haben Lessing viele nachgesprochen. Die reine Wahrheit ist nur für Gott, uns Menschen ist nur der Trieb nach Wahrheit, der aber immer zum Irrtum führt, überlassen. Meine lieben Freunde, das ist eine trostlose Weltanschauung. Sie hat vor allem den Nachteil, dass sie falsch ist. Eine Suche nach Wahrheit, die stets zum Irrtum führt, ist kein Anlaß zur Hoffnung, sondern zur Verzweiflung. Eine Suche nach Wahrheit, die immer in den Irrtum führt, ist sinnlos. Man braucht sie überhaupt nicht zu beginnen. Ohne das Finden der Wahrheit ist eine Suche nach Wahrheit zwecklos.

Wir brauchen aber die Wahrheit, weil die Wahrheit ja das Abbild der Wirklichkeit ist. Ohne die Wahrheit vermögen wir die Wirklichkeit nicht zu begreifen und auch nicht zu bewältigen. Deswegen musste Gott uns Anteil an seiner Wahrheit geben. Gewiß, die reine, die vollkommene, die alles umfassende Wahrheit, das ist Gottes Sache allein, aber er hat uns Anteil daran gegeben, wir partizipieren an der Wahrheit durch die Bemühungen unseres Verstandes, durch das Suchen in der Erfahrung, durch das Nachdenken in der Spekulation, aber auch und vor allem durch die Offenbarung Gottes. Offenbarung heißt Kundmachen der Wahrheit, und diese Wahrheit hat uns Gott gegeben. Er ist ja auf Erden erschienen voll der Gnade und Wahrheit, wie wir am Schluß jeder heiligen Messe bekennen. Und diese Wahrheit hat er uns vermacht, in dieser Wahrheit will er uns erhalten. In seinem Lehramt bürgt er dafür, dass diese Wahrheit nicht zugrunde geht. Denn dieses Lehramt, meine Freunde, ruht auf einem Felsengrund; es ruht auf dem Felsengrund, der Christus selber ist. „Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“ Wäre die Wahrheit nicht mehr bei uns, würde die Wahrheit endgültig zugrunde gehen, dann hätte Jesus uns verlassen, dann hätte er seine Verheißung nicht wahr gemacht. Aber nein: „Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“ Und noch eines hat er gesagt: „Ich werde ihn euch senden, den Geist der Wahrheit, den Tröster, der in alle Ewigkeit bei euch bleibt.“ Wenn die Wahrheit zugrunde geht, dann wäre der Tröster von uns gegangen, aber nein, der Herr hat ihn uns verheißen, und sein Wort ist untrüglich. Er wird in Ewigkeit bei uns bleiben. Er führt die Kirche und durch die Kirche uns in alle Wahrheit ein.

Und diese Wahrheit macht uns frei. Das heißt: Sie löst die Bande der Triebe, und sie zerschlägt die Fesseln, die uns an das Niedrige binden wollen. Die Wahrheit fördert alle Wohlfahrt der Völker, und sie beschert uns die Gaben des Geistes und der Natur. Am 9. Januar 1882 erklärte der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck im Deutschen Reichstag: „Auch diejenigen, die an die Offenbarungen des Christentums nicht mehr glauben, möchte ich daran erinnern, dass doch die ganzen Begriffe von Moral, Ehre und Pflichtgefühl, nach denen sie ihre anderen Handlungen in dieser Welt ausrichten, wesentlich nur die fossilen Überreste, nur die fossilen Überreste des Christentums ihrer Väter sind, die unsere sittliche Richtung, unser Rechts- und Ehrgefühl von heute, so manchem Ungläubigen unbewußt, bestimmen, wenn auch die Quelle selbst sie vergessen haben, aus der unsere heutigen Begriffe von Zivilisation und Pflicht geflossen sind.“ Ja, so ist es. Wir leben – eingestanden oder nicht eingestanden – aus dem Fundus, den uns Gott in seiner Offenbarung geschenkt und den die Kirche bewahrt hat. Die christliche Sitte, der christliche Glaube, das ist es, wovon wir heute noch leben. Es ist das wie mit einem Stein, auf den die Sonne lange Zeit geschienen hat. Wenn die Sonne untergegangen ist, ist der Stein noch geraume Zeit warm. So ist es auch mit unserer nachchristlichen Zeit, von der man spricht. Sie lebt noch von den Resten des Christentums, sie lebt noch von der Nächstenliebe, von der Gerechtigkeit, von der Reinheit, welche das Christentum verkündet und die Kirche bewahrt hat. Warten wir nur einmal ab, bis auch diese Restbestände vernichtet sind, dann ist das Ende gekommen!

Wir brauchen die Wahrheit, aber wir brauchen auch die Kraft, ihr zu folgen. Wir brauchen die Kraft, die Wahrheit festzuhalten. Wir brauchen die Kraft, nach der Wahrheit zu leben. Und auch das vermittelt uns die Kirche. Sie ist ja die Kirche desjenigen, der gekommen ist, uns die Wahrheit und die Gnade zu bringen. In der Kirche sind göttliche Gnadenkräfte wirksam, die ihr Christus anvertraut hat. Wir sind nicht allein mit unseren Schwächen und Trieben. Wir fühlen Impulse, die uns vom Bösen abhalten und zum Guten hinführen. Wir besitzen des Geist Gottes, der uns mahnt und warnt, der uns leitet und führt. „Alles vermag ich in dem, der mich stärkt“, sagt der Apostel Paulus. Und so ist es, meine lieben Freunde. So ist es, und ich erlebe es immer wieder beglückend als Beichtvater, wie die Macht Gottes in den Menschen über ihre Schwäche und über ihre Triebhaftigkeit obsiegt. Die Kirche ist wahrhaftig die mächtige Ruferin Gottes, die die leisen Mahnungen des Gewissens verdeutlicht und verstärkt. Sie ist es, die die Menschheit die Wahrheit lehrt. Menschlichkeit und Christlichkeit schließen sich nicht aus, sondern je mehr eine Christ wird, desto mehr wird er Mensch. Denn der vollkommene Mensch ist Christus, und wenn wir nach seinem Bilde gestaltet werden, dann werden auch wir vollkommene Menschen.

Die Missstände auf der Erde zu verbessern ist nicht falsch. Aber sie werden so lange nicht wahrhaft überwunden werden, als nicht die Gesinnung der Menschen, als nicht die Herzen der Menschen verändert werden. Und das ist es ja, was sich die Menschen immer wieder leicht machen: Sie versuchen sich der schweren Aufgabe, die Herzen zu verändern, zu entschlagen und Strukturen zu verändern. Deswegen erleben wir ja dauernd diese Hektik, diese Betriebsamkeit in der Kirche, neue Strukturen für Pfarreien und so weiter. Das ist alles umsonst, wenn wir nicht die Gesinnungen ändern, wenn wir nicht die Herzen verbessern, wenn wir uns nicht nach dem Bilde Jesu ausbilden lassen. Ein neues Paradies wird auf Erden nicht kommen, aber die Herzen können wir nach dem Bilde Christi formen. Und die Aufgabe der Kirche ist es, ihnen die höchsten Ziele zu zeigen und sie unermüdlich zu mahnen, danach zu streben. Dabei soll nicht vergessen sein, dass die Kirche auch den irdischen Anstrengungen immer wieder ihre Aufmerksamkeit gewidmet hat. Sie hat immer und zu allen Zeiten Wissenschaft und Kunst gefördert. Die Blüte der Religion war auch immer mit einer Blüte der Wissenschaft und der Kunst verbunden. Und wenn Wissenschaft und Kunst ihre Bindung an die Religion verlieren, dann werden sie zu zersetzenden Erscheinungen.

Ich habe hier vor mir, meine lieben Freunde, einen Bericht über das Theaterstück „Corpus Christi“. Das Theaterstück „Corpus Christi“ hat folgenden Inhalt: Darin werden Jesus Christus und seine Apostel als homosexuell, das Letzte Abendmahl als ein Saufgelage und die Gottesmutter Maria als intelligente Hure dargestellt. Ich meine, tiefer kann es nicht mehr hinabgehen! Das ist der Abgrund, der absolute Abgrund! Das ist Gotteslästerung in Potenz! Immer wenn die Kunst ihre Bindung an die Religion aufgibt, wird sie zu einem zersetzenden Element. Die Kirche hat Wissenschaft und Kunst immer gefördert, nicht nur die Geisteswissenschaften, auch die Naturwissenschaften. Das will ich Ihnen beweisen. Solange die Menschen einen Willkürgott annahmen, war auch die Welt ein Spielball der Willkür. Unberechenbar war Gott, und unberechenbar war die Welt. Bei einem solchen Gottesbegriff kann man von Naturgesetzen nicht reden, weil ja Gott selber als Gesetz nicht existiert, sondern ein Willkürgott ist. Erst als das Christentum die Wahrheit predigte, dass die weltschöpferische Weisheit die Welt regiert, dass alles nach Zahl, Maß und Gewicht geordnet ist, dass Gott alles nach Zahl, Maß und Gewicht geordnet hat, erst da ist der Begriff des Naturgesetzes möglich. Erst wenn Gott selbst ein mathematischer Geist ist, kann man auf Erden mit der Mathematik und mit der Physik eine Technik und eine Zivilisation schaffen. Jawohl, die Kirche ist von weltgeschichtlicher Bedeutung geworden dadurch, dass sie den richtigen Gottesbegriff verkündet hat. Sie ist die Mutter der Naturwissenschaft.

Finstere Mächte des Umsturzes gefährden heute den Kulturbestand. Nur unter Aufbietung aller religiösen und moralischen Kräfte können die drohenden Gefahren, kann die drohende Katastrophe abgewendet werden. An diesem Rettungswerk sich zu beteiligen, ist die Kirche berufen und befähigt. Die Kirche, die so viele Schlachten geschlagen, so viele Niederlagen erlitten, aber auch so viele Siege errungen hat, schreckt vor dieser Aufgabe nicht zurück; denn sie weiß, Christus steht ihr bei in ewiger Treue.

Halten wir uns, meine lieben Freunde, halten wir uns an die Kirche! Folgen wir ihren gerechten Weisungen! Verteidigen wir sie gegen Schmähungen! Schmücken wir die Kirche mit unserer Persönlichkeit!

Amen.

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Böses nicht mit Bösem vergelten

15.06.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Eine primitive Form der Strafrechtspflege war die Blutrache. Ein jeder, der einer Sippe angehörte, konnte das Unrecht, das einem seiner Sippenangehörigen angetan worden war, rächen, und zwar in demselben Maße, wie die Untat geschehen war. Die Blutrache konnte den Täter oder auch einen Angehörigen des Täters treffen. Blut musste mit Blut, Tod mit Tod gesühnt werden. Diese Blutrache hat auch ihre Spuren im Alten Testament hinterlassen. Im Buche Genesis, dem 1. Buche Moses, ist die Rede von Lamech. Dieser Lamech sagte zu seinen Frauen – er besaß mehrere Frauen – : „Einen Mann erschlage ich für eine Wunde und einen Knaben für eine Strieme. Wird Kain siebenfach gerächt, dann Lamech siebzigmal siebenmal.“ Lamech hatte also das Maß der Blutrache weit ausgedehnt. Für eine Strieme wollte er einen anderen Menschen erschlagen. Da erkennt man, dass das Alte Testament mit seinem Gesetze „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ eine bedeutende Milderung brachte. Das war eine Zähmung der Strafrechtspflege, das war eine Einschränkung der Blutrache. Die Römer haben es anders gehandhabt. Sie haben das Wort erfunden: „Fiat iustitia, pereat mundus“ – Die Gerechtigkeit muss geschehen, auch wenn die ganze Welt darüber zugrunde geht. Hier war ein Rechtsfanatismus am Werke, der uns schauderhaft erkennen lässt, wohin die Liebe zur Gerechtigkeit führen kann: nicht zum Recht, sondern zum Gegenteil, zum groben Unrecht.

Nicht nur in alter Zeit gab es Menschen, die das Recht um jeden Preis durchsetzen wollten. Von dem Königsberger Philosophen Immanuel Kant stammt das Wort: „Wenn morgen die Welt unterginge, müssten heute noch alle todeswürdigen Verbrecher hingerichtet werden.“ So sollte nach seiner Meinung die sühnende Gerechtigkeit bewahrt werden.

Doch das geschriebene Recht ist nicht das höchste. Es gibt auch ein ungeschriebenes Recht, und es gibt auch über dem Recht eine Barmherzigkeit, und beides gilt es zu beachten. Der Reichspräsident Friedrich Ebert – von Hause aus übrigens katholisch – hat das schöne Wort gesagt: „Wenn wir eines Tages vor der Frage stehen: die Verfassung oder Deutschland, dann werden wir nicht um der Verfassung willen Deutschland zugrunde gehen lassen.“ Wahrhaftig ein mannhaftes Wort von einem redlichen Politiker der Weimarer Zeit.

Wir wollen uns nicht zu Richtern aufwerfen über vergangene Zeiten. Wir kennen die Motive und die Einstellungen dieser Menschen zu wenig. Wir wollen lieber vor der eigenen Tür kehren. Und da haben wir heute ein Wort gehört in der Epistel, das uns nachdenklich machen soll: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem, nicht Schmähung mit Schmähung, vielmehr segnet einander, wie ihr ja auch berufen seid, Segen zu erben.“ So spricht der Apostel Petrus heute zu uns: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem, nicht Schmähung mit Schmähung, vielmehr segnet einander, wie ihr ja auch berufen seid, Segen zu erben.“ Blutrache ist heute aus der Übung gekommen. Wir halten uns viel zugute, dass wir zu besseren Formen des Rechtes gelangt sind. Aber wie steht es um den Geist, aus dem die Blutrache hervorgegangen ist? Gibt es den Geist der Rache und der Vergeltung nicht auch heute noch? Und dieser Geist der Rache und der Vergeltung muss sich nicht in Mord und Totschlag auswirken, sondern er kann sich auch in kleinerer Münze auszahlen. „Das lasse ich mir nicht gefallen“, so trumpfen schon die Knaben in der Schule auf bei Raufereien. Viele Eltern geben ihren Kindern auf den Lebensweg die Mahnung mit: „Laß dir ja nichts gefallen!“ Es ist eine der schlimmsten Lebensregeln, die man Kindern geben kann: „Laß dir nichts gefallen!“ Damit werden Konflikte, Auseinandersetzungen, Reibereien und Zerwürfnisse ohne Zahl und ohne Ende hervorgerufen. Als Lehrling, als Schüler, als Anfänger, als Auszubildender muss man sich etwas gefallen lassen: Mahnung, Warnung, Rüge, Tadel, Zurechtweisung. Der Direktor der Oberschule, die ich besucht habe, hat uns viele Mahnungen auf den Weg gegeben. Die meisten habe ich vergessen, aber eine habe ich behalten, und die lautete: „Jungs, ihr müsst lernen ungerechte Kritik ertragen.“ Der Direktor hatte recht: „Jungs, ihr müsst lernen ungerechte Kritik ertragen.“ Auf Erden muss man sich etwas gefallen lassen: von den Eltern, von den Kameraden, von den Lehrern, von den Nachbarn, von den Vorgesetzten. Wer sich nichts gefallen lässt, der ist fortwährend im Streit und im Unfrieden. Auch in der Ehe, meine lieben Freunde, muss man sich etwas gefallen lassen. Und selbst in der Freundschaft, vom Freund, von der Freundin muss man sich etwas gefallen lassen. Die Menschen haben nun einmal ihre Eigenarten und Unarten. Wir werden sie ihnen nicht abgewöhnen, wenn wir uns nichts gefallen lassen.

Einer der schlimmsten Grundsätze, die Menschen haben können, lautet: „Wie du mir, so ich dir.“ Das heißt, wer mir freundlich begegnet, dem begegne auch ich freundlich. Wer mir aber abweisend begegnet, dem begegne auch ich abweisend. Das ist ein zutiefst unchristlicher Grundsatz. Der Herr, unser Lehrer und Meister, weist ihn ausdrücklich und energisch zurück: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde! Tuet Gutes denen, die euch hassen, und betet für die, die euch verfolgen!“

Spuren und Auswüchse des Rachegeistes gibt es auch heute in unserer Gesellschaft. Sie werden wie selbstverständlich angenommen und gewohnheitsmäßig gepflegt. Rache muss ja nicht mit wutverzerrtem Gesicht herumlaufen. Sie kann sich auch hinter einem Lächeln verbergen und um so sicherer ihr Ziel erreichen. Kleine Schikanen, ständige Nadelstiche, kleine Bosheiten können einem unersättlichen Vergeltungswillen zu furchtbaren Waffen werden und ein Familienleben, eine Arbeitsstätte und eine Nachbarschaft zerrütten. Man spricht heute von dem sogenannten Mobbing. Mobbing besagt, dass man einem anderen fortwährend und wiederholt böswillige Handlungen zufügt, am Arbeitsplatz oder in der Schule. Mobbing ist eine besondere und heute übliche Form der Rache. Gewiß, ich habe nicht gesagt, man muss sich alles gefallen lassen. Es gibt eine Grenze. Auch der Herr hat sich nicht alles gefallen lassen. Als der Diener des Hohenpriesters ihn auf die Wange schlug, da hat er sich zur Wehr gesetzt: „Habe ich unrecht geredet, so beweise es mir, habe ich aber recht geredet, warum schlägst du mich?“ Der Herr hat sich gewehrt; aber er schlägt nicht zurück. „Da er gescholten wurde, schalt er nicht“, heißt es im 2. Petrusbriefe. „Da er litt, drohte er nicht, sondern stellte seine Sache dem gerechten Richter anheim.“ Menschen, die einen kränken und beleidigen, muss man mit äußerster Höflichkeit und Freundlichkeit behandeln. Solche Rücksichtnahme und Vornehmheit kann sie zur Besinnung bringen. Vom heilige Clemens Maria Hofbauer wird folgende Begebenheit erzählt: Er sammelte für seine Armen in den Gasthäusern Almosen. Er kam an einen Tisch, wo vier Männer Karten spielten. Er brachte seine Bitte vor, da spuckte ihn einer an. Clemens Maria Hofbauer wischte sich ab und sagte ruhig: „Das war für mich. Jetzt bitte ich noch um eine Gabe für meine Armen.“

Die Mahnung des Apostels Petrus: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem!“ wird merkwürdigerweise wörtlich vom Apostel Paulus aufgenommen im Römerbrief: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem! Seid auf das Gute bedacht! Schafft euch nicht selbst Recht, sondern lasst dem Zorngericht Raum! Denn es steht geschrieben: ,Mein ist die Rache. Ich will vergelten.’ Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen; wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Dann sammelst du feurige Kohlen auf sein Haupt. Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch das Gute!“ Was heißt diese merkwürdige Wendung: Wenn du dem Feind Gutes tust, sammelst du feurige Kohlen auf sein Haupt? Das besagt: Die Guttaten, die man dem Feind erweist, werden ihn nachdenklich machen. Sie werden an sein Gewissen rühren. Sie werden ihm vielleicht zur Besinnung und zur Umkehr gereichen.

Einmal, meine lieben Freunde, muss die Rache ein Ende nehmen, und das geschieht nur, wenn Böses nicht mit Bösem vergolten wird. Einmal muss die Kette des Bösen unterbrochen werden. Das besteht darin, dass man auf Rache verzichtet. Das Böse ist keine Naturgewalt, der wir unterliegen müssten, sondern wir besitzen die Güte und Liebe Gottes, die Kraft zur Vergebung und den Antrieb zum Verzeihen. Das Verzeihen ist auch so eine Sache. Es muss nämlich aus dem Herzen kommen; es muss innerlich, echt und wahr sein. Mit ein paar Worten ist es nicht getan. Ein bloß äußerliches Vergeben ändert nicht das Herz und ändert auch nicht die Beziehung zu dem anderen. Das Herz muss geändert werden. Wir müssen die Gereiztheit, die Feindseligkeit, die Wut, den Zorn gegen den Nächsten aus dem Herzen schaffen. Nichts vergiftet das Verhältnis zum Nächsten so sehr wie der Groll. Groll, das ist verhaltene Wut und Feindseligkeit gegen einen anderen. Einem anderen grollen heißt ihm Böses nachtragen, auf Vergeltung sinnen, Schadenfreude über das Unglück des anderen empfinden. Man spricht auch vom Ressentiment, das ist eben ein heimlicher Groll, ein unterschwelliges Haß- und Rachebedürfnis, das aufgrund einer unbewältigten schmerzlichen Situation entstanden ist.

Nein, meine lieben Freunde, Segen statt Fluch, Vergebung statt Rache, Güte statt Gewalt, das ist die Sprache der heutigen Lesung. Wer das Kreuz Christi nicht versteht, mag diese Haltung für Torheit oder Schwäche halten. Wer aber einmal versucht hat zu vergeben, wo der natürliche Mensch um Rache schreit, der hat begriffen, dass dazu eine heroische Kraft notwendig ist, eine heroische Kraft. Die Gegenwart des Christen in der Welt muss für die Welt zum Segen werden, und das wird sie nur, indem wir das Böse in Schranken halten, indem wir nicht Böses mit Bösem vergelten, nicht Schmähung mit Schmähung, sondern mit Segen. Der große französische Prediger Lacordaire hat einmal das schöne Wort gesagt: „Willst du Befriedigung für einen Augenblick, so räche dich. Willst du Befriedigung für immer, dann vergib!“ Und wir wollen schließen, meine lieben Freunde, mit dem Anruf aus der Litanei von allen Heiligen: „Von Zorn, Haß und allem bösen Willen erlöse uns, o Herr!“

Amen.

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Die Vergeblichkeit im menschlichen Bemühen

08.06.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

„Wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen.“ So haben wir eben im Evangelium nach Lukas gehört. Die Jünger hatten sich mit großer Mühe und Anstrengung auf das „Galiläische Meer“, wie man den See Genezareth nannte, hinausbegeben, aber ihre Arbeit war vergeblich.

Die Vergeblichkeit, meine Freunde, begleitet unser Leben. Vergeblich ist oft unser Denken und Planen; es kommt ganz anders. Vergeblich ist menschliches Schaffen und Bauen; ein Wirbelsturm, ein Erdbeben vernichtet ganze Landschaften. Vergeblich ist oft das Mahnen und Warnen der Eltern; die Kinder handeln ganz anders. Vergeblich scheint auch häufig die Arbeit der Seelsorger. Mir sagte einmal ein Priester: „Mir ist es, als ob ich mit Erbsen gegen eine Wand würfe.“

Die Vergeblichkeit sucht nach einer Erklärung. Oft, zu oft ist es die eigene Schuld. Wir waren zu schwach, zu feige, zu bequem, zu ängstlich. Wie oft haben wir etwas begonnen und nicht vollendet! Wie oft haben wir in einer Bewährungsprobe versagt! Wie oft haben wir Verheißungen erweckt und sie nicht erfüllt! Wie oft haben wir bauen wollen und den Grund gelegt, aber wir konnten den Bau nicht vollenden. „Was ich begangen, lässt sich nicht sühnen. Man schätzt den Klugen, man preist den Kühnen. Allein das Herz, das Herz in der Brust ist sich unendlicher Schuld bewusst.“ So hat der Dichter Wedekind einmal die Situation beschrieben. Nicht immer ist es eigene Schuld; es gibt auch schuldlose Tragik. Es gibt auch den Zwiespalt zwischen Wollen und Unvermögen. Wir haben uns gemüht, wir haben uns eingesetzt, wir haben das Beste versucht, aber es ist uns nicht gelungen. „Über jeder Freude seh ich schweben den Geierwald, der sie bedroht. Was du gesucht, geliebt im Leben, bald ist’s verloren oder tot“, dichtet Nikolaus Lenau. In der Tat: das beste Wollen, die reinste Absicht, das edelste Beginnen wird oft zerschlagen, scheitert, geht zugrunde. Der Widerstand war zu groß, die Kräfte waren zu gering, die erwartete Hilfe blieb aus. „Frei geht das Unglück durch die ganze Erde“, heißt es in Schillers „Wallenstein“.

Was versuchen die Menschen für Reaktionen auf die Vergeblichkeit ihres Wollens und ihres Schaffens? Wie kommen sie damit zurecht? Die einen ergreifen die Flucht. Sie suchen den Wachposten zu verlassen und zu entfliehen. Das Geschehen scheint sinnlos, das Leben ohne Wohlsein erscheint wertlos. Man kommt sich unnütz vor. Und so berichtet schon die Heilige Schrift wiederholt von Menschen, welche das Leben satt hatten und die Flucht ergriffen haben. „Ich habe es aufgegeben, ich will nicht leben fürderhin“, heißt es im Buche Job. Der Prophet Jonas wünschte sich den Tod und sagte: „Es ist besser für mich zu sterben als zu leben.“ Und manche haben den Tod nicht nur gewünscht, sondern sie haben ihn gesucht. Der König Saul ließ sich nach der verlorenen Schlacht von seinem Waffenträger töten, eine Art Selbstmord durch einen anderen. Und ihm haben es viele nachgemacht. Kurt Tucholsky nahm sich am 21. Dezember 1935 das Leben aus Verzweiflung über seine Krankheit und die Lage in Deutschland. Stefan Zweig beging am 23. Februar 1942 Selbstmord in Petropolis in Brasilien, ebenfalls aus Verzweiflung und Enttäuschung über sein Leben und über die politische Lage in Europa. Es wird wenige Menschen geben, denen nicht schon einmal der Gedanke gekommen ist: Ach, wenn ich doch sterben könnte! Wenn ich doch endlich Ruhe fände!

Man kann auch versuchen, in ein Traumland zu gehen und das Leben in seiner Flüchtigkeit anzusehen wie eine Welle, die emporgehoben wird und versinkt, wie ein Wolke, die zerrinnt. „Erglühen und Verbleichen gabst du uns als Traum. Ach wie flüchtig ist die Zeit. Was wir gestern kaum begonnen, heute liegt es schon so weit, grau und nebelhaft zerronnen. Ach, wie flüchtig ist die Zeit!“ hat Clemens von Brentano gedichtet. Und tatsächlich: „Rauch ist alles irdische Wesen. Wie des Dampfes Säule weht, schwinden alle Erdengrößen. Nur die Götter bleiben stet“, heißt es bei Schiller.

Viele, sehr viele machen das Schicksal für die Erfolglosigkeit und die Ergebnislosigkeit ihres Lebens verantwortlich, die Schicksalsverstrickung, die schon in der Antike eine große Rolle spielt. Das Schicksal ist mächtiger nach den griechischen Philosophen und Dichtern als alles menschliche Bemühen. Und so kommen manche zu pessimistischen Aussagen wie etwa Sophokles: „Niemals geboren zu werden wäre das beste. Auch in der Kindheit zu sterben, ist gut. Rings auf dem Meere des Lebens umdrohen dich Brandung und Klippen. Es treibe dein Kiel west- oder ostwärts, stets bleibst du in Sorgen, Wogen und Winden ein sicheres Ziel.“ Nicht nur die griechischen Philosophen und Dichter haben das Schicksal angerufen, auch in unserer Gegenwart gibt es Äußerungen, die das Schicksal für die Ergebnislosigkeit, ja manchmal sogar für die Sinnlosigkeit des Lebens verantwortlich zu machen versuchen. „Es murmeln die Wogen ihr ewiges Gemurmel. Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken. Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt, und ein Narr wartet auf Antwort“, heißt es bei Heinrich Heine. „Ja, Schicksal, ich verstehe dich. Mein Glück ist nicht von dieser Welt. Es blüht ein Traum der Dichtung nur. Du sendest mir der Schmerzen viel und gibst für jedes Leid ein Lied.“ So hat uns Ludwig Uhland gedichtet.

Die Dichter und Philosophen sprechen oft von der Unentrinnbarkeit des Schicksals. Wir sind ihm ausgeliefert. „Sic erat in fatis“, heißt es bei Ovid, so stand es im Schicksalsbuche. Sic erat in fatis. „Wissend, schauend, unverwandt muss sich mein Geschick vollenden“ spricht Kassandra bei Friedrich Schiller. „Willst du mit den Kinderhänden in des Schicksals Speichen greifen, seines Donnerwagens Lauf hält kein sterblich Wesen auf“, dichtet Franz Grillparzer.

Viele Menschen, vielleicht auch wir reagieren auf die Ergebnislosigkeit ihres Mühens mit Lebensangst. Die Angst begleitet unser Leben. Die Lebensangst ist der natürliche Aufschrei der Kreatur. Lebensangst, die sich häufig mit Übermut paart, Lebensangst, die gierig nach dem Becher greift, um zu trinken; sie sucht Lebenswasser, aber sie findet nur Abwasser. Ich habe mich immer gewundert, wie sich die deutschen Unterseebootfahrer im letzten Kriege verhalten haben. Keine deutsche Waffe hatte so hohe Verluste wie die Unterseebootfahrer. Wenn sie von ihren Stützpunkten in Frankreich ausfuhren, wussten sie mit größter Wahrscheinlichkeit: Wir kommen nicht zurück. Und wie reagierten sie darauf? Sie feierten am letzten Abend vor der Ausfahrt wilde Feste mit Alkohol und Frauen. So gingen sie in den fast sicheren Tod. So suchten sie die Lebensangst zu betäuben.

Manche meinen mit Stolz ihr Leben wenden zu können, mit stolzer Gleichgültigkeit: Ach, im Grunde ist alles halb so schlimm. Dieser Stolz ist jedoch eine seelische Verkrampfung. Er führt zur müden Resignation, zum Neinsagen. Dieser Stolz erkennt nur das Gesetz der Notwendigkeit und nicht das Gesetz der Liebe. Ein Stoiker hat einmal gesagt: „Ich denke mir die Natur wie eine Frau, die einen prächtigen Mantel trägt mit einer Schleppe, und mit dieser Schleppe schreitet sie dahin und tötet die Ameisen, die ihr in den Weg kommen. Und ich bin so eine Ameise.“

Das alles sind Irrwege, auch wenn sie manchen als Auswege erscheinen mögen. Die einzige richtige Haltung gibt uns das Christentum, und diese Haltung lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Geduld. Im Römerbrief ist uns das Hohelied der Geduld angeklungen, wenn Paulus schreibt: „Trübsal wirkt Geduld (nicht Verzweiflung, nicht Angst), Geduld wirkt Bewährung, Bewährung wirkt Hoffnung, die Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden.“ Geduld, christliche Geduld ist Ausdauer und Einsatz aller Kräfte in schwierigen Lagen. Geduld ist Kraftentfaltung der Seele gegenüber den Lasten, die uns zufallen. Geduld ist das Ertragen gegenwärtiger Übel ohne ungeordnete Trauer. Geduld müssen wir aufbringen, wenn wir unser Leben und die Ergebnislosigkeit, die scheinbare Sinnlosigkeit unseres Schaffens ertragen wollen. Die Jünger hatten die ganze Nacht gearbeitet, doch das durfte sie nicht zum Aufgeben zwingen. „Werft eure Netze aus!“ sagt der Herr, und die enttäuschten, ermatteten Jünger werfen ihre Netze aus. Moses hat einmal in einer trüben Stunde gläubig und in Zuversicht ausgeharrt. „Er hielt sich an den, den er nicht sah, als sehe er ihn.“ Er hielt sich an den, den er nicht sah, als sehe er ihn. Die Apostel haben neu begonnen: „Auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“ So nur wird die Vergeblichkeit der Nacht in den Erfolg des Tages verwandelt. Und so höre ich den Ruf heute an uns ergehen, meine lieben Freunde: Nicht aufgeben, weitermachen, warten können, Vertrauen haben. Ich höre die Stimme des Herrn: „Jünger Christi, werft eure Netze aus! Katholische Männer und Frauen, werft eure Netze aus! Priester des Herrn, werft eure Netze aus! Katholische Eltern, werft eure Netze aus! Überwindet Mutlosigkeit und Verzagtheit, habt Zuversicht und Vertrauen. Gebt Zeugnis von dem Glauben, der euch trägt, legt Rechenschaft ab von der Hoffnung, die euch bewegt!

Gewiß, wir sind ohnmächtige Kinder Gottes. Aber der Mensch mit Gott ist stärker als alle anderen Menschen. Nichts Gutes, was ich will und was ich vollbringe, nichts Gutes, meine lieben Freunde, kann umsonst sein. Was Menschen vergeblich scheint, das ist ein Gewinn vor Gott. Nichts Schweres, was ich trage, hinterlässt nur Narben, sondern bringt auch Früchte in die Scheuer Gottes. All dies, auch das menschlich Vergebliche, auch das was uns sinnlos scheint, schwingt sich zum allwissenden und verstehenden Gott empor. Joseph von Eichendorff hat es einmal in die Worte gefasst: „Wenn die Wogen unten toben, Menschenwitz zuschanden wird, weist mit feurigen Zügen droben heimwärts dich der Wogen Hirt. Sollst nach keinem anderen fragen, nicht zurückschaun nach dem Land. Faß das Steuer, laß das Zagen, aufgerollt hat Gottes Hand die Wogen zu bewahren und die Sterne, dich zu wahren.“

Amen.

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Das Gleichnis vom ungerechten Verwalter

06.07.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

 

Da ist es wieder, dieses Ärgernis erregende Evangelium. Ärgernis erregend, ja. Die Gegner des Christentums nehmen das Gleichnis zur Zielscheibe schwerer Vorwürfe gegen Jesus, seine Verkündigung und die Kirche. Sie stolpern über die Worte: „Der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte.“ Daraus wird nun fälschlich der Schluß gezogen, Christus erkläre sich irgendwie einig mit dem Verhalten des Verwalters. Das ist ein einziges Missverständnis. Nicht der reiche Mann, ein Großgrundbesitzer, wie es sie in der Zeit Jesu, vor allem in Galiläa, gab, nicht der reiche Mann ist die Hauptgestalt des Gleichnisses, sondern der Verwalter. Er wird bei seinem Herrn angeklagt, dass er seine Güter veruntreue, ob mit Recht oder nicht, bleibt unklar, ist auch für das Gleichnis gar nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass der Herr der Klage Glauben schenkt und es dem Verwalter nicht gelingt, das erschütterte Vertrauen wieder zu gewinnen. Er wird seines Amtes entsetzt und zur Rechenschaft gezogen, d. h. er muss alle Rechnungen vorlegen, alle Schuldscheine, die der Herr offenbar bisher nicht geprüft hat; vielleicht lebte er sogar im Ausland.

In dem Selbstgespräch, das jetzt das Gleichnis wiedergibt, wird gezeigt, dass der Mann mit Überlegungen für seine Zukunft beschäftigt ist. Etwa durch Bitten bei seinem Herrn etwas zu erreichen, sieht er offenbar als aussichtslos an. Nun gibt es aber zwei andere, anständige Wege, um sein Auskommen nach der Entlassung zu finden. Er könnte graben, d.h. er könnte schwere körperliche Arbeit tun. Oder er könnte betteln, also durch Fechten seinen Lebensunterhalt verdienen. Doch beides kommt aus verschiedenen Gründen für ihn nicht in Frage. Aber da kommt ihm ein rettender Gedanke, dessen Ausführung ihm über alle Zukunftssorgen hinweghelfen kann. Er ist entschlossen, mit absoluter Skrupellosigkeit und auf Kosten seines Herrn sich selbst zu helfen. Er nutzt die kurze Frist, die er noch hat; er muss ja die Papiere vorlegen. Und seine Überlegungen führen ihn zu der Erkenntnis, dass alles darauf ankommt, seine Vollmacht, die er noch für kurze Zeit besitzt, für die Sicherung seiner Zukunft zu benutzen. Er macht es so, dass er sie Schuldner seines Herrn, mit denen abzurechnen ja immer noch seine Aufgabe ist, kommen lässt und ihnen weitgehend entgegenkommt, indem er ihre Schuld herabsetzt. Er lässt jeden einzeln kommen. Das ist natürlich verständlich, denn solche Geschäfte, wie er sie vorhat, kann man nur einzeln, unter vier Augen, machen. Die Frage, wieviel der Schuldschein enthält, ist nicht zu dem Zweck gestellt, dass er sich selber informiert. Er weiß es ja, denn er hat ja die Schuldscheine in Händen, sondern das gehört zu der lebensvollen Darstellung und dient dem Verständnis des Zuhörers. Er lässt also einen nach dem anderen kommen, zwei nur werden vorgeführt. Der erste schuldet dem Herrn 100 Bat Öl. Ein Bat sind 36 Liter. 100 Bat Öl ist so viel wie der Jahresertrag von 160 Ölbäumen, der Jahresertrag von 160 Ölbäumen, das ist eine gewaltige Menge. Und bei dem anderen ist der Wert der Schuld nicht geringer: 100 Kor Weizen. Ein Kor sind 10 Bat, also auch eine gewaltige Menge. Die Schuld wird bei beiden ungefähr gleich sein. Die Schuldscheine werden jetzt geändert, und zwar so, dass der alte Schein durch einen neuen ersetzt wird. Die neuen Schuldurkunden gewinnen verpflichtende Kraft durch die Unterzeichnung für beide Beteiligte, und das sichert dem Verwalter die Zukunft, denn die Schuldner werden sich dank dieser Manipulation dankbar zeigen und ihn in ihre Wohnungen aufnehmen. Er braucht sich also für die Zukunft keine Sorgen zu machen.

Und jetzt kommt der entscheidende Satz: „Der Herr lobte den ungerechten Verwalter.“ Er lobte ihn wegen seiner Klugheit, nicht wegen seiner Ungerechtigkeit. Er wird nicht umsonst der ungerechte Verwalter genannt, weil der Herr an der Ungerechtigkeit überhaupt nicht rüttelt, aber er lobt seine Klugheit, dass er seine Vollmacht benutzt hat in der Zeit, wo er noch darüber verfügt, um für seine Zukunft zu sorgen. In der Klugheit, und in nichts anderen, liegt die Vorbildlichkeit seiner Handlung. Das ist immer so bei den Gleichnissen, die der Herr erzählt. Es ist ein einziger Zug, auf den es ankommt, alles andere ist Beiwerk. Und dieser Zug, auf den es hier ankommt, ist die Klugheit des Verwalters. Dadurch verliert das Gleichnis seine Bedenklichkeit. Mathilde Ludendorff, die die Älteren unter Ihnen vielleicht noch kennen, Mathilde Ludendorff, die in den 30er Jahren eine eigene Religionsgemeinschaft stiftete, hat wegen dieses Gleichnisses die katholische Kirche in schwerster Weise verdächtigt. Sie hat es nicht verstanden.

Es ist auch gar keine Frage, dass mit dem Herrn, der hier lobt, Jesus selber gemeint ist. Er lobt nicht den Betrug, und noch viel weniger empfiehlt er seinen Jüngern, nun auch zu betrügen, um sich Freunde zu machen. Er lobt nur die Klugheit des Mannes. Klüger, als er gehandelt hat, hätte er in seiner Lage gar nicht handeln können. Und allein darin setzt Jesus ihn, der gerade jetzt betont ihn als ungerechten Verwalter bezeichnet, ihn zum Vorbild. Und dann kommt eine sentenzenartige Schlussfolgerung, eine allgemeine Begründung, nämlich: Die Kinder dieser Welt sind im Verkehr mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes. Hier werden also zwei Gruppen von Menschen gegenübergestellt. Kinder dieser Welt. Wer ist damit gemeint? Nun, da wir wissen, dass nach dem Evangelium die Welt im argen liegt, dass der Teufel der Herrscher dieser Welt ist, muss man annehmen, dass die Kinder dieser Welt solche sind, die sich dieser im argen liegenden Welt verpflichtet halten und die dem Teufel als ihrem Herrn dienen. Weltmenschen sind das, Kinder dieser Welt. Kinder des Lichtes dagegen sind jene, die sich vom Glauben haben erleuchten lassen, die aus der Finsternis in das Licht Christi eingetreten sind, die jetzt als Kinder des Lichtes zu wandeln berufen sind.

Und jetzt kommt die Mahnung und, wenn Sie wollen, der Tadel an die Kinder des Lichtes. Sie tun nämlich weniger für ihr himmlisches Ziel, als die Weltmenschen für ihr irdisches Ziel unternehmen. Sie sollten sich bei der ungleich wichtigeren Aufgabe, nämlich für das ewige Ziel zu sorgen, mehr mühen als bisher und sich an dem auf den Eigennutz ausgerichteten Verhalten der Weltmenschen ein Beispiel nehmen. Sie sollten von ihnen lernen. Wie jene, die für ihren Untergang sorgen, sollten sie für ihr Heil besorgt sein. Die Jünger bedürfen offenbar solcher Belehrung. Sie sind zwar aus dieser Welt und ihren Bindungen durch Jesus herausgenommen, und sie sind in das Licht gestellt, das Gott umgibt und das in Jesus erschienen ist und wirksam geworden ist. Aber das Handeln, das Handeln nach den Maßstäben des Lichtes ist ihnen keineswegs selbstverständlich, wie es das Handeln nach den Maßstäben der Dunkelheit ist für diejenigen, die dort verblieben sind. Die Mahnung Jesu an seine Jünger lautet deswegen: „Seid nun die Menschen des Lichtes, zu denen euch Gottes vergebende Gnade gemacht hat. Und seid es bewusst und ganz. Und vor allem: Bewährt es durch die Art und Weise, wie ihr mit den Gütern dieser Welt und besonders mit dem Mammon umgeht.“ Es heißt also alles daran setzen, damit wir das ewige Leben erlangen. Oder wie es das kleine Verslein ausdrückt, das wir als Kinder gelernt haben: „Das hab ich mir vorgenommen: In den Himmel will ich kommen. Mag es kosten, was es will, für den Himmel ist nichts zuviel.“

Das Gleichnis gestattet aber noch eine andere Überlegung. Es gibt eine fundamentale Unterlegenheit des guten, himmlisch gesinnten Menschen gegenüber dem gerissenen, irdisch eingestellten Menschen. Es gibt eine fundamentale Unterlegenheit. Wieso? Erstens, der himmlisch eingestellte Mensch setzt nicht seine ganze Kraft und nicht alle seine Unternehmungen für irdische Ziele ein. Er verwendet einen Teil seiner Kraft für das jenseitige Ziel, zum Beispiel, dass er sonntags in die Kirche geht. Der irdisch eingestellte Mensch dagegen benutzt alle seine Kräfte dazu, auf Erden Gewinn zu machen, voranzukommen, und in dieser rücksichtslosen Entschlossenheit ist er dem himmlisch eingestellten Menschen überlegen. Zweitens, der himmlisch eingestellte Mensch ist bei Streitigkeiten leichter geneigt nachzugeben als der irdisch gesinnte Mensch. Er weiß, es gibt wichtigere Dinge als Besitz und Genuß. Der irdisch eingestellte Mensch dagegen beharrt unerbittlich auf seinen Forderungen. Er gibt nicht nach. Dadurch ist er dem himmlisch eingestellten Menschen überlegen. Er kommt leichter zu seinem Ziel. Drittens, der himmlisch eingestellte Mensch verzichtet bei seinen irdischen Bestrebungen auf Tricks und Winkelzüge. Er verzichtet auch auf den Ellenbogen. Er verzichtet erst recht auf unlautere Mittel. Dadurch ist er dem irdisch gesinnten Menschen unterlegen. Der irdisch eingestellte Mensch bedient sich aller Mittel, um seine Bestrebungen zum Erfolg zu führen. Er schreckt vor Täuschung und Lüge nicht zurück. Dadurch ist er dem himmlisch eingestellten Menschen überlegen.

Der Herr knüpft an dieses Gleichnis noch eine weitere Anwendung, nämlich die: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit man euch, wenn es zu Ende geht, in die ewigen Hütten aufnehme.“ Freunde machen mit dem ungerechten Mammon. Das Wort „ungerecht“ vor dem Mammon zeigt, dass eben leicht beim Gewinnstreben Unrecht unterlaufen kann. Wenn wir in unser Herz schauen, können wir vielleicht auch feststellen, dass wir bei dem Bestreben, Gewinn zu machen, nicht immer Gottes Willen getan haben. Deswegen die Bezeichnung des Mammons als „ungerecht“. Und der Herr fordert nun auf, den ungerechten Mammon so zu benutzen, dass man sich Freunde macht im Himmel. Wer ist denn damit gemeint? Es ist niemand anders gemeint als Gott selber, denn er ist es, der die Gerechten belohnt und die Ungerechten bestraft. Er ist es, der urteilt, wie wir mit dem Mammon umgegangen sind. Und wenn wir recht damit umgegangen sind, dann wird der Herr uns in die „ewigen Hütten“ aufnehmen. So heißt es nämlich im griechischen Text: in die ewigen Hütten, nicht Wohnungen. Und das ist offenbar im Gegensatz gesagt zu den Wohnungen, in die der ungerechte Verwalter aufgenommen werden will. Wir streben nach den Hütten der Ewigkeit, in die ewigen Hütten, die der Herr für uns bereitet hat.

Was wir heute nicht vorgelesen haben, weil es im Text der heiligen Messe nicht vorgesehen ist, das geht noch weiter. Da heißt es nämlich: „Wer im Kleinsten treu ist, der ist auch im Großen treu, und wer im Kleinsten untreu ist, der ist auch im Großen untreu. Wenn ihr nicht treu waret mit dem nichtigen Mammon, wird euch dann das wahre Gut anvertraut werden? Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Das ist tatsächlich eine weitere Anwendung. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder Gott diesen, dem ewigen Ziel, und alles, was wir auf Erden tun, auf dieses Ziel ausrichten, oder den irdischen Bestrebungen nachgeben, dem Mammon, also dem Verdienst, dem Gewinn, und auf diese Weise das ewige Ziel verpassen.

Wir, meine lieben Freunde, sollten aus diesem Gleichnis die Folgerung ziehen, dass uns Geld, Gut und Besitz Freunde schaffen kann im Himmel, wenn wir sie richtig verwenden. Das heißt nicht nur, dass wir Almosen geben, was auch dazu gehört. Nein, sondern dass wir eben mit dem Geld verantwortungsvoll umgehen, dass wir unseren Besitz so verwenden, wie wir es einmal vor dem Richterstuhl Gottes wollen verantworten können. Wir müssen also in die heilige Welt der wahren Werte gehen und uns vor allem an das unvergängliche Wort des Herrn erinnern: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne, aber Schaden litte an seiner Seele?“

Amen.

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Christi Tränen über sein Volk

13.07.2008 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Geliebte im Herrn!

Es gehört zu den erschütterndsten Zeugnissen der Offenbarung: Gott weint über den Menschen. Enthüllt uns das nicht klarer als viele Worte das Wesen Gottes, das Herz Gottes, seine Gesinnungen gegenüber den Menschen? Und zeigt es uns nicht auch auf der anderen Seite, was der Mensch ist, welches dunkle Geheimnis er birgt und in welche Tiefen er hinabsteigen kann? Was ist Gott – und was ist der Mensch! Die letzten und tiefsten Fragen überfallen uns angesichts des weinenden Christus. Wer ist Gott, dass er über die Menschen weint? Was die ganze Geschichte des Volkes Israel offenbar gemacht hat, das wird hier auf dem Höhepunkt von Gottes Offenbarung in erschütternder Weise kund. Gott geht den Menschen nach auf ihren Wegen. Er sucht sie mit der ganzen Liebe seines Herzens heim.

Die Propheten haben in ergreifender Weise, durch Gott erleuchtet, mit dem Heiligen Geist begabt, diese Wege Gottes uns geschildert. „Ich, der Herr, rief dich in Güte“, heißt es beim Propheten Isaias. „Ich fasste dich bei der Hand und behütete dich.“ „So spricht der Herr: Ich will meinen Schafen nachgehen und sie heimsuchen. Wie ein Hirt seine Herde heimsucht und in ihre Mitte kommt, so will ich suchen, was verloren war, zurückführen, was verscheucht war. Was verletzt ist, will ich verbinden, und was schwach ist, will ich stärken“, so spricht Gott durch den Propheten Ezechiel. Und an einer anderen Stelle desselben Propheten heißt es: „Ich schließe einen Bund, den Bund des Friedens mit ihnen. Ein ewiger Bund soll es sein. Ich will sie segnen und sie mehren und meine Wohnung unter ihnen nehmen.“

Jesus kennt seinen Vater wie niemand sonst, und er selbst ist, von solcher Liebe gedrängt, als der Gute Hirt zu seinem Volk gekommen, um diese Verheißungen wahrzumachen. Er hat in seinen Reden unermüdlich die Botschaft vom Vater im Himmel und seiner erbarmenden Liebe verkündet, und er hat durch seine Machttaten und Wunder gezeigt, dass Gott alles daransetzt, um die Menschen zu gewinnen. Sie sollten spüren, dass das Reich Gottes in ihm auf die Erde gekommen ist. Er hat sich die Füße wundgelaufen und Hunger und Durst ertragen, um die Verlorenen zu suchen. Er selbst sagt es: „Jerusalem, Jerusalem, wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, wie eine Henne ihre Küchlein sammelt!“ Dies ist ein ganz gewichtiges Wort: „Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln.“ Dieses Wort zeigt uns, dass Jesus wiederholt in Jerusalem gewirkt hat und dass es also nicht richtig ist, zu behaupten, Jesus habe nur ein Jahr lang das Wort Gottes verkündet und sein Volk heimgesucht. Er muss mehrere Jahre gewirkt haben, und wir nehmen mit Recht an: es waren drei Jahre. „Wie oft habe ich deine Kinder sammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein sammelt.“ Rastlos und unermüdlich hat er sich um sein Volk und namentlich um die Bewohner von Jerusalem bemüht. Und wenn er es jetzt sagt, wo er zum letzten Mal nach Jerusalem einzieht, dann ist das ein Zeichen, ein Ausdruck, ein wehmütiger Ausdruck einer verschmähten Liebe. Man könnte auch das Wort vom Karfreitag zitieren: „Mein Volk, mein Volk, was tat ich dir? Was hätte ich noch tun sollen? Was hätte ich dir noch mehr tun sollen und tat es nicht?“ Jetzt bietet der Herr noch einmal eine letzte Gelegenheit, jetzt am Palmsonntag, wo er in Jerusalem einzieht. Jetzt soll die Menge noch einmal zum Glauben geführt werden, und er lässt es jetzt geschehen, dass sie ihm huldigen. Früher hat er es abgewiesen, als sie ihn zum König machen wollten, weil er kein politischer Messias sein wollte, sondern ein religiöser. Aber jetzt, jetzt dürfen sie ihn als Messiaskönig ausrufen, jetzt dürfen sie ihm die Tore ihrer Stadt und ihrer Herzen öffnen. Der liebreiche Gott kommt jetzt einmal, noch einmal, zum letzten Mal durch seinen Sohn zu seinem geliebten Volke und bietet ihm Leben und Heil an.

Hätte das Volk nicht spätestens aufhorchen müssen und sich bekehren sollen, als es den Herrn auf den Halden von Jerusalem sitzen sah und weinen über sein Volk? „Seht, wie lieb er ihn hatte“, haben die Menschen gesagt, als er den Lazarus aus dem Grabe rief. Jetzt müßten sie sagen: „Seht, wie lieb er uns hatte, als er seine Tränen für uns vergoß!“ Das ist unser Gott. Das ist unser Gott, ein Gott, dessen tiefstes Wesen Liebe ist, der in sich die Fülle des Lebens trägt und sie dem Menschen vermachen will. Aus solcher Liebe hat er die Welt ins Leben gerufen. Manche fragen: Ja warum existiert denn überhaupt etwas? Warum ist nicht nichts? Die Antwort lautet: Weil Gott ein Gott der Liebe ist und eine Welt und Geschöpfe schaffen wollte, denen er Anteil geben wollte an seiner Liebe. das ist der Grund der Schöpfung. Und nicht genug: Als die Menschen sich verirrt hatten, als sie in die Irre geraten waren, da ist er ihnen nachgegangen, da hat er sie zurückzuführen versucht. Wir müssen an die Liebe dieses Gottes glauben.

Wir kennen die Einwände, meine lieben Freunde, wir wissen, wie Sorge und Not, Leid und Kreuz an vielen von uns zehren, manchmal, so scheint es, fast über die menschliche Kraft gehend. Aber wir dürfen nicht an der Liebe Gottes irre werden; wir dürfen es nicht! Wir müssen an diese Liebe glauben. „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine Wege sind nicht eure Wege. Wie hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch sind meine Wege über euren Wegen, und meine Gedanken über euren Gedanken.“ Gott ist die Liebe, und es muss geglaubt werden, was der Apostel Paulus im Römerbrief schreibt: „Denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Besten.“ Wir haben es also in der Hand, das, was uns widerfährt, zum Besten gereichen zu lassen, wenn wir es in der Liebe, in der Liebe zu Gott tragen.

Seine Tränen beweisen, dass er gekommen ist, uns zu erretten, dass wir glauben sollen: Gott ist ein Gott der Erbarmung und der Liebe. Doch daneben steht das dunkle Geheimnis des Menschen. Es sind ja Tränen einer enttäuschten Liebe, die Christus weint, und das ist es, was diese Tränen so erschütternd macht. „Jerusalem, Jerusalem, wie oft wollte ich deine Kinder sammeln – aber du hast nicht gewollt!“ Das ist der Nachsatz: Aber du hast nicht gewollt. Und im heutigen Evangelium kommt es über die Lippen des Heilandes: „Wenn doch auch du erkannt hättest an diesem deinem Tage, was dir zum Frieden dient! Nun aber ist es verborgen vor deinen Augen.“ Jerusalem müsste an diesem Tage, an diesem letzten Gnadentage, an diesem Tage, da es zum letzten Mal heimgesucht wird, erkennen, was Gott von ihm fordert, und es müsste Jesus als seinen Herrn und Messias anerkennen. Dann würde es die Bedingung für die Erlangung des Heiles erfüllen. Aber das ist unmöglich, weil ihm die Erkenntnis durch ein göttliches Strafverhängnis verschlossen ist. Jerusalem hat Jesus nicht als den Messias erkennen wollen, und deswegen ist es mit Blindheit geschlagen.

In Jesus haben sich nicht nur die seligen Verheißungen der Propheten erfüllt, sondern auch die düsteren Vorhersagen. „Ich rief. Warum gab niemand mir Antwort?“ heißt es beim Propheten Isaias. „Ich halte meine Arme den ganzen Tag ausgestreckt nach einem widerspenstigen Volke, das seinen eigenen Gedanken nachgeht auf unheilvollen Wegen. Sie haben den Bund mit mir gebrochen, obwohl ich doch der Herr bin“, lässt Gott den Propheten Jeremias sprechen. „Mich haben sie verlassen, den Quell lebendigen Wassers, und sich lächerliche Brunnen gegraben, die kein Wasser halten.“ Wie war es möglich, dass das Gottesvolk, das erwählte Gottesvolk seinen Heiland, nach dem es sich ja im Grunde sehnte, verkannte und verwarf? Er hat doch alles getan, um sich zu bezeugen. Seine Wunder, seine Weissagungen, seine Heilungen, das alles war doch angetan, ihn dem Volke als den Messias erkennen zu lassen. Und er ist ja von einigen erkannt worden. „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“, schreibt der Apostel Johannes, „seine Herrlichkeit voll der Gnade und Wahrheit.“ Aber nicht alle wollten sie sehen. Die Liebe Gottes, die Wunder Gottes scheitern an dem tragischen Nichtwollen der Menschen. In unbegreiflicher Weise hat Gott gewollt, dass der Mensch fähig ist, sich Gott zu widersetzen. Ja, genauso ist es: Der Mensch ist fähig, sich Gott zu widersetzen. Gott hat ihn mit dem freien Willen ausgestattet, mit dem er Gott folgen, ihn anbeten und ihm dienen sollte. Aber der Mensch ist fähig, sich gegen Gott zu entscheiden. Und wenn er dies tut, dann ist er mit Blindheit geschlagen, dann kommt die Blindheit über ihn als eine dunkle Macht. Und so ist es dem auserwählten Volke ergangen. Es war berufen zu einer einzigartigen Gemeinschaft mit seinem Gotte, aber es versagte in der großen Mehrheit. Es versagte auch in der entscheidenden Stunde, da Jesus noch einmal zu ihm kam, um es aufzurütteln und zu Gott zurückzuführen.

Der Apostel Paulus hat im 1. Korintherbrief, von dem wir ja heute die Lesung gehört haben, das Schicksal des Volkes in ergreifender Weise geschildert. „Ich möchte euch, meine Brüder, nicht in Unkenntnis lassen, dass unsere Väter alle unter der Wolke waren, alle durch das Meer zogen, alle in der Wolke und im Meere eine Taufe empfingen, dass alle eine geistige Speise aßen und alle denselben geistigen Trank genossen. Und doch hatte Gott an den meisten von ihnen kein Wohlgefallen. Und so wurden sie in der Wüste niedergestreckt.“ Und jetzt kommt, was uns angeht: „Das ist uns zum Vorbild geschehen. Es soll uns nicht nach dem Bösen gelüsten, wie es jenen gelüstete. Alles, was ihnen widerfuhr, ist vorbildlich für uns geschehen, uns zur Warnung, uns, die wir die Vollendung der Zeiten erleben. Wer steht, der sehe zu, dass er nicht falle!“

Diese warnenden Beispiele aus dem Alten Testament sind uns zum Heile geschehen. So wie das ganze Volk Israel in seiner Weise von Gott begnadet wurde durch die Führung in der Wüste, durch die wunderbare Speisung, so kann auch das gläubig gewordene Volk keine absolute Heilsgewißheit gewinnen durch Gebet, Gottesdienst, Taufe und Meßopfer. Das alles genügt nicht, wenn die ernstliche Anstrengung und der tapfere Kampf gegen das Böse fehlt. Taufe und Meßopfer sind keine Heilsgarantie für Ungehorsame, die sich durch ihr Handeln den Gnadenerweisungen Gottes widersetzen. Die Rettung vor dem Untergang ist also nicht von einem religiösen, nicht von einem sakramentalen Automatismus zu erwarten. Man muss sich bewähren im Leben, in der Arbeit, im Beruf, gegenüber seiner Familie, seinen Nachbarn, seinen Kollegen. Man muss sich bewähren im sittlichen Ringen mit der eigenen Natur, in der Abwehr der Versuchungen, im Erwerb von Tugenden. Es wird niemand gekrönt, der nicht recht gekämpft hat. Und Christus zeigt uns mit Tränen bitteren Wehes das Ende des Weges, das dem Volke bevorsteht. „Es werden Tage über dich kommen, da werden deine Feinde dich mit einem Wall umgeben (Belagerung); sie werden dich ringsum einschließen (kein Auskommen aus der Stadt), und sie werden dich von allen Seiten bedrängen. (Immer neue Maschinen werden herangebracht, die Mauern zu beschießen). Sie werden dich samt deinen Kindern in deinen Mauern zu Boden schmettern und werden keinen Stein auf dem anderen lassen, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast.“

Die Stadt des Friedenskönigs weist in Jesus Gott ab, und diese Ablehnung bedeutet, dass es Untergang und Verderben wählt. Es besteht gar kein Zweifel, dass Jesus die politische und militärische Zerstörung Jerusalems durch die Kaiser Vespasian und Titus vorausgesehen und vorausgesagt hat. Daran besteht gar kein Zweifel. Er konnte schon aus rein natürlichen, menschlichen Überlegungen zu dieser Voraussage kommen. Einmal stand ihm ja das Schicksal Jerusalems im 6. Jahrhundert v. Chr. vor Augen, wo die Stadt zerstört wurde von den Babyloniern. Und zum anderen bemerkte er ja das Wachsen der antirömischen Stimmung im Volke. Immer mehr Leute ergrimmten sich gegen die Besatzungsmacht, und das musste eines Tages zur Explosion führen. Und was das bedeutete gegenüber dem Weltstaat Rom, das musste ihm auch klar sein. Er freilich hat nicht nur aufgrund natürlicher Überlegungen diese Prophezeiung gegeben, sondern er war von Gott, vom Vater im Himmel erleuchtet. Er wusste, der Untergang Jerusalems ist die Folge seines Unglaubens. Zur Strafe dafür, dass es seine Gnadenstunde verkannt hat und Jesus nicht als Messias angenommen hat, wird es sich gegen Rom empören und dadurch sein Verderben herbeiführen.

Ich sage es mit Trauer, meine lieben Freunde: Jetzt gehen Erklärer, katholische Erklärer der Heiligen Schrift her und sagen: Diese Weissagung ist, nachdem alles geschehen war, vom Evangelisten Jesus in den Mund gelegt worden. Jesus hat also gar nicht prophezeit, sondern der Evangelist hat Jesu Leben und Jesu Reden romanhaft ausgeschmückt. Hier ist die Axt an die Wurzel der Glaubwürdigkeit der Evangelien gelegt. Es ist mir unbegreiflich, warum man versucht, an den Weissagungen Jesu zu rütteln. Es gibt doch schon außerhalb der Welt Gottes im natürlichen Bereich erstaunliche Vorhersagen der Zukunft. Am 30. Januar 1933 ernannte der Reichspräsident Hindenburg einen Mann namens Adolf Hitler zum Reichskanzler. Als das geschah, schrieb der ehemalige Generalstabschef Hindenburgs, der General Ludendorff, an seinen früheren Feldherrn: „Ich prophezeie Ihnen feierlich, dass dieser unselige Mann unser Reich in den Abgrund stoßen, unsere Nation in unfassbares Elend stoßen wird. Kommende Geschlechter werden Sie verfluchen in Ihrem Grabe, dass Sie das getan haben.“ Das war auch eine Prophezeiung, und sie ist in Erfüllung gegangen. Warum soll also Jesus nicht das schreckliche Ende Jerusalems vorausgesehen und vorausgesagt haben? Er, der das Licht vom Vater im Himmel erhält. Alles, was ihnen widerfuhr, ist uns zur Warnung geschehen. Wer steht, der sehe zu, dass er nicht falle!

Sie wissen, meine lieben Freunde, dass wir alle in Gefahr sind, in der Gefahr, uns blenden zu lassen vom Glanz dieser Welt, selbstherrlich und selbstgefällig zu werden. Der weinende Christus mahnt uns zur Wachsamkeit, damit nicht über uns einmal gesagt werden muss: Nun aber ist es verborgen vor deinen Augen. Und es ist mir heute, als säße unser Herr, unser Heiland auch an den Halden unserer Städte und weinte, weinte über die Verirrten, die den Weg des Heils verloren haben, die ihm als ihrem Hirten zu folgen verschmähen, die im Ungehorsam verstockt sind. Er weint über jene, die das Taufgelöbnis zertreten und das milde Joch seiner Gesetzes abgeschüttelt haben. Er weint über die Schmähungen, die gegen ihn und die Heiligen ausgestoßen werden. Er weint über den Schimpf, der gegen seinen Statthalter und gegen den Priestertand gerichtet ist. Er weint über die öffentliche Schuld der Völker, welche die Rechte und das Lehramt der von ihm gestifteten Kirche verwerfen.

Vernehmen wir die Botschaft des weinenden Christus! Verstehen wir, dass seine Tränen uns zur Bekehrung drängen! Erkennen wir, was er von uns will in dieser, vielleicht in dieser letzten Stunde!

Amen.

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Das Sittengesetz als Grundlage des privaten und öffentlichen Lebens

27.07.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Bei bestimmten Gelegenheiten, vor allem vor Wahlen, hören wir immer wieder, wie Menschen sich erstaunt zeigen, dass andere christliche Überlegungen in das öffentliche Leben, in die politische Diskussion einbringen. Sie sagen: Religion ist Privatsache, und die politischen Entscheidungen haben mit Glaubensangelegenheiten nichts zu tun. Ebenso – sagen sie – ist es Sache des Einzelnen, was er in seinem Privatleben tut und lässt. Zwei grundlegende, grundlegend falsche Auffassungen bestimmen unser politisches Leben. Die erste lautet: Religion ist Privatsache. Die zweite falsche Meinung heißt: Das Privatleben geht das politische Leben nichts an.

Diese falschen Ansichten haben ihre Wurzel darin, dass man das Christentum, die Religion, die Kirche auf eine Stufe stellt mit Parteien, Gewerkschaften, Sportvereinen. Ja, wenn die Kirche nur das wäre, dann allerdings wäre ihre Botschaft unbeachtlich. Aber die Kirche ist mehr als ein Verein. Sie ist die Heroldin Gottes auf Erden. Sie ist die Vertreterin des göttlichen Herrschaftsanspruches auf Erden. Die Kirche ist der Interpret des Hoheitsanspruches Gottes. Und weil sie das ist, kann Religion niemals eine Privatsache sein. Gott ist der Herr und Schöpfer der Welt. Das ganze Leben des Menschen wird von ihm beansprucht, ohne Ausnahme, das private und das öffentliche Leben.

Gerade das politische Leben ist ja besonders der Weisungen Gottes bedürftig. Es steht niemandem zu, zu sagen: Gewiß, was das Heiraten angeht und die Kindtaufe, die Beerdigung, da hält man sich an die Religion, man ist auch bereit, Weihnachten und Ostern einmal den Gottesdienst zu besuchen. Aber was wir sonst tun und lassen, dafür braucht sich unser Herr und Schöpfer nicht zu interessieren. Es ist völlig irrig, Gott auf die eine Stunde des Gottesdienstes am Sonntag beschränken zu wollen. Es kann keinen menschlichen Bereich ohne Gott, ohne Christus und ohne die Kirche geben, nicht den Beruf und nicht den Feierabend, nicht die Familie und auch nicht Kunst und Wissenschaft und schon gar nicht die Politik. Denn nichts bestimmt so sehr den Lauf der Welt wie das politische Geschehen. Davon hängt es ab, ob die Menschen in Frieden oder Unfrieden leben, on Ehrfurcht vor Gott besteht oder nicht. Über die Wichtigkeit der Religion hat einmal der griechische Philosoph Aristoteles geschrieben: „Die Sorge für die Religion ist die erste Aufgabe des Staates.“ Der Staat hat zwar nicht die Religion selbst zu betreiben, aber er soll sie pflegen und beschützen. Er soll ihr Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit sichern. Er soll der Religion die Stellung eines Grundgesetzes im Tun und Lassen geben. Das öffentliche Leben kann nicht religionsfrei sein, denn wenn es von der Religion frei wäre, dann wäre es unreligiös, areligiös und antireligiös.

Die Geschichte aller Völker beweist es: Der religionslose Staat wird, wenn er sich auswirkt, notwendig zum sittenlosen Staat. „Wer dem Volke die Religion nehmen will, ist entweder ein Bösewicht oder ein Narr“, hat der Vater der amerikanischen Verfassung, George Washington, einmal gesagt. Wer dem Volke die Religion nehmen will, ist entweder ein Bösewicht oder ein Narr. Gott muss herrschen im öffentlichen wie im privaten Leben. Wie soll privates Leben in Religion und Frömmigkeit möglich sein, wenn das öffentliche Leben das private erstickt, wenn das öffentliche Leben die Religion unterdrückt und ihr keinen Freiraum gewährt? Auch das öffentliche Leben untersteht dem Hoheitsanspruch Gottes. Die Gesetze des Staates müssen sich an den Geboten Gottes ausrichten. Was Gott verbietet, darf der Staat nicht erlauben, und was Gott gebietet, darf der Staat nicht missachten. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder das öffentliche Leben wird von religiösen Grundsätzen bestimmt, oder es wird durch unreligiöse Prinzipien beherrscht.

Warum, meine lieben Freunde, warum haben die Iren, dieses kleine Volk, warum haben die Iren das neue Grundgesetz für die Europäische Union abgelehnt? Eines der Motive war: Sie fürchten, dass in Brüssel und in Straßburg die Religion zu kurz kommt. Sie fürchten, dass der christliche Einfluß in den europäischen Institutionen immer mehr abnimmt. Die Gesetze müssen sich an Gottes Willen ausrichten. Aber auch die Regierung muss nach Gottes Willen handeln. Ihre oberste Maxime muss sein, Gottes Willen Achtung zu verschaffen. Die Gebote Gottes müssen auch für die Regierung Richtschnur sein. Keine Handlung, die moralisch verwerflich ist, kann als politisch zulässig gelten. „Was moralisch falsch ist, kann politisch nicht richtig sein.“ Dieses Wort stammt von dem englischen Ministerpräsidenten Gladstone. Was moralisch falsch ist, kann politisch nicht richtig sein.

Aber wonach richtet sich die Politik? Sie richtet sich nach der Mehrheit. Die Mehrheit will es, sagt man. Aber die Mehrheit legitimiert ein Gesetz nicht, sondern die Wahrheit. Die Mehrheit ist von unseren Dichtern und Denkern schon öfters als eine schwache Legitimationsgrundlage bezeichnet worden. Friedrich Schiller hat in seinem Dichtwerk „Demetrius“ folgende Äußerungen gemacht: „Was ist Mehrheit? Mehrheit ist Unsinn. Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen.“ Und an einer anderen Stelle in demselben Werk heißt es: „Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen. Der Staat muss untergehen, früh oder spät, wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.“

Woher kommt die heillose Unordnung in unserer Welt? Durch die Zerreißung in religiöse und öffentliche Angelegenheiten, durch die Zertrennung der öffentlichen Bereiche von der Religion. Daher kommt diese heillose Unordnung. Weil die Regierungen, weil die Parlamente sich nicht Gott zum obersten Gesetzgeber nehmen, deswegen wird die Welt fortlaufend in Unfrieden gestürzt. Er ist der Herr und Schöpfer, er hat zu befehlen, was im Alltag geschehen soll. Für Gott gibt es keinen Urlaub; für Gott gibt es auch kein Schild: „Für Unbefugte ist der Zutritt verboten!“ Gott will herrschen im Rathaus wie im Parlament. Das öffentliche Leben muss sich von religiösen Prinzipien leiten lassen, wenn es nicht in eine falsche Richtung laufen will.

Aber auch das Privatleben muss von der Religion geleitet sein. Man sagt: Nein, das Privatleben ist unbeachtlich für die Politik, für das Wirken in der Öffentlichkeit. Im privaten Leben kann jeder machen, was er will, wenn er nur nicht mit den Strafgesetzen in Konflikt gerät. Meine lieben Freunde, was im privaten Leben geschieht, ist höchst beachtlich für das Wirken in der Öffentlichkeit; denn vom privaten Leben lässt sich auf das Wirken in der Öffentlichkeit schließen. Das private Leben macht sich im öffentlichen Leben bemerkbar. Ein Mensch kann nicht eine Stunde religiös sein und in einer anderen Stunde nicht religiös, ebensowenig wie er eine Stunde gesund sein kann und in einer anderen Stunde krank. Die menschliche Persönlichkeit lässt sich nicht zerteilen. Wer religionslos oder sittenlos ist, ist es nicht nur im privaten Leben, sondern es wird sich unweigerlich seine Religionslosigkeit oder Sittenlosigkeit auch im öffentlichen Leben geltend machen.

Von Robespierre stammt das schöne Wort: „Ich glaube nicht, dass ein schlechter Mensch ein guter Politiker sein kann.“ Wie richtig! Ich glaube nicht, dass ein schlechter Mensch ein guter Politiker sein kann. Die Geschichte liefert den Kommentar zu diesem Worte Robbespieres. Die Geschichte weiß viele Personen zu nennen, deren zerrüttetes privates Leben unheilvoll sich auf ihr öffentliches Wirken ausgewirkt hat. Sie haben vielleicht schon den Namen des französischen Ministerpräsidenten Clemenceau gehört. Clemenceau war ein ungetaufter Atheist, ein grimmiger Hasser des Christentums, ein erbitterter Feind der katholischen Kirche. Er war in seinem Inneren zerfressen vom Haß. Der Haß gegen die Religion war ein bestimmendes Motiv seines ganzen Lebens. Nicht umsonst hatte er den Beinamen „le tigre“, der Tiger. Auf ihn geht in der Hauptsache der Vertrag von Versailles zurück. Dieser Vertrag, der Deutschland zerstückelte, der dem deutschen Volke unermeßliche Zahlungen auferlegte, der das deutsche Volk demütigte und auf diese Weise den Keim zu einem neuen Kriege legte. Der Zentrumspolitiker Ludwig Kaas hat einmal das treffende Wort gesagt: „Hitler ist nicht in Braunau, sondern in Versailles geboren.“ Er wollte damit sagen, ohne die furchtbaren Verhältnisse, wie sie durch den Vertrag von Versailles geschaffen wurden, hätte der Demagoge Hitler niemals soviel Zuspruch gefunden, wie er gefunden hat. Wer segensreich in der Öffentlichkeit wirken will, muss als sittliche Persönlichkeit in Ordnung sein. Er muss Tugenden besitzen, ja, ich muss es aussprechen: Er muss im Stande der heiligmachenden Gnade sein. Er muss Gott als den höchsten Herrn anbeten und verehren. Ich habe Angst vor Politikern, die nicht beten und die nicht bereuen.

Führende Persönlichkeiten haben auch eine Vorbildfunktion. Sie sollen neben ihrer politischen Tätigkeit ein beispielhaftes Privatleben führen. Das Volk soll an ihnen ablesen können, wie man zu Ehe und Familie stehen soll. Aber wie sieht es oft mit dem Privatleben unserer führenden Männer und Frauen aus? Von dem französischen Präsidenten Giscard d’Estaing wurde bekannt, dass er zu nächtlicher Stunde Bordelle besuchte. Die französischen Zeitungen schieben dann: „Der Präsident hat ein Recht auf ein Privatleben.“ Dass ich nicht lache! Er hat kein Recht auf Unzucht; er hat kein Recht, ein Ehebrecher zu sein. Ich möchte nicht von Ehebrechern regiert werden. Führende Persönlichkeiten haben eine Vorbildfunktion. Sie sollen auch uneigennützig sein. Die Franzosen haben dafür das schöne Wort „désintéressiment“. Man soll also als Politiker uneigennützig handeln. Und wie viele tun das? Als der französische Polizeiminister Joseph Fouché im Jahre 1789 seine politische Laufbahn begann, war er ein mittelloser Lehrer, ein Oratorianer. Als er seinen Dienst in der Politik beendete, hatte er ein Vermögen von 21 Millionen Franken angehäuft. Wie kam er zu so viel Reichtum? Offenbar nicht deswegen, weil er dem Staat selbstlos und uneigennützig gedient hatte. Ich sage: Wer als sittliche Persönlichkeit nicht in Ordnung ist, der ist ungeeignet, ein Volk zu lenken. Wer sich selbst nicht recht führen kann, der kann auch andere nicht regieren. Von dem weisen indischen Politiker Mahatma Gandhi stammt das schöne Wort: „Eine Führerpersönlichkeit muss sich selbst beherrschen und darf Zorn und Furcht nicht kennen.“ Wie richtig! Eine Führerpersönlichkeit muss sich selbst beherrschen und darf Furcht und Zorn nicht kennen. Eine Führerpersönlichkeit muss auch fähig und gewillt sein, der Wirklichkeit ins Auge zu schauen. Das war ja das Verhängnis unseres schrecklichen Reichskanzlers Hitler, dass er die Wirklichkeit nicht wahrnahm. Er gestaltete sich die Wirklichkeit nach seinen Vorstellungen. Er wollte nicht wahrhaben, was in Wirklichkeit geschah. Bereits im Jahre 1941 im Oktober stellte der Generaloberst Fromm fest: „Der Krieg muss sobald wie möglich beendet werden, sonst ist er verloren.“ Aber Hitler führte ihn noch vier Jahre weiter. Es ist das Unglück so vieler Regierender, dass sie die Wahrheit nicht vertragen.

Die Heilige Schrift hat strenge Maßstäbe für die Hirten der Kirche aufgestellt. Auch sie sind Regenten; auch sie sind Führer. Und sie verlangt von den Hirten der Kirche, dass erst ihr privates Leben in Ordnung ist, bevor sie die Kirche Gottes weiden können. „Wenn einer seinem eigenen Hause nicht vorzustehen weiß, wie wird er für die Kirche Gottes sorgen?“ Wenn einer seinem eigenen Hause nicht vorzustehen weiß, wie wird er für die Kirche Gottes sorgen? Das katholische Volk ist mit Recht entsetzt und erschüttert, wenn es erfährt, dass ein Priester oder ein Bischof ein Doppelleben führt, dass er einerseits die Gebote Gottes verkündet und andererseits ein schwer sündhaftes Leben führt. Die Heilige Schrift hat für solche scharfe Worte. „Wer für die Seinigen, zumal für seine Hausgenossen nicht Sorge trägt, hat den Glauben verleugnet und ist schlimmer als ein Ungläubiger.“

Für die Persönlichkeiten, die im öffentlichen Leben stehen, ist das Privatleben nicht unbeachtlich. Wird ein bequemer, arbeitsscheuer Mensch ein eifriger Politiker sein? Wird ein egoistischer Selbstversorger im Amt ein gerechter Sachwalter für alle sein? Wird ein zänkischer Streithammel in einer öffentlichen Stellung ein Friedensbringer sein? Wir sollten, meine lieben Freunde, wenn sich uns Politiker zur Wahl empfehlen, eifrig ihr Privatleben erforschen, denn wir benötigen bekennende Christen in den Parlamenten und den Regierungen. Wir brauchen Männer und Frauen, die bei der Beratung der Gesetze und bei der Fällung von Entscheidungen nach Gottes Willen fragen. Und damit wir solche Persönlichkeiten wählen, müssen wir ihr Privatleben kennen. Gott beansprucht den ganzen Menschen im öffentlichen wie im privaten Leben.

Vor einiger Zeit hat ein Bonner Rechtslehrer, Josef Isensee, richtig darauf hingewiesen, dass in die höheren Richterstellen immer mehr Männer und Frauen einsickern, die zu den so genannten 68ern gehören, die also von Religion und Sittlichkeit wenig halten und die selbstverständlich von diesen Anschauungen geprägt sein werden, wenn sie Entscheidungen im Gericht fällen. Wir müssen uns also auch in der Gerichtsbarkeit darauf gefasst machen, dass immer mehr Entscheidungen gefällt werden, die nicht von Religion und Sittlichkeit geprägt sind.

Es gibt nur einen Totalitätsanspruch auf Erden, und das ist jener, den Gott erhebt. Christ ist nicht, wer diesen Namen für sich in Anspruch nimmt, sondern Christ ist nur, wer bereit ist, sein ganzes privates und öffentliches Leben ohne Abstrich von den göttlichen Geboten prägen zu lassen. Religion ist keine Privatangelegenheit, und das Privatleben ist nicht unbeachtlich. Sowohl das öffentliche Leben wie das private Leben muss gelenkt und bestimmt sein von den Geboten Gottes und von der Sittenlehre der Kirche.

Amen.

 

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Die Verdienste des Menschen – Geschenke der Gnade Gottes

20.07.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Dass unser Herr milde, gütig und menschenfreundlich war, ist jedem offensichtlich. Er war der gütige, verstehende und verzeihende Meister. Er verzieh dem Petrus seine Verleugnung, er rettete die Ehebrecherin vor der Steinigung, er hat dem Schächer, der mit ihm gekreuzigt war, wegen eines einzigen guten Wortes das Paradies verheißen. Unser Herr war milde, sanft; er segnete, er tröstete, er half und heilte. Er konnte traurig werden, wenn die Menschen seine Verkündigung nicht begriffen, wenn sie immerfort einen nationalen, einen irdischen Messias begehrten. Er konnte traurig werden, wenn er sah, wie man seine religiösen Forderungen abwies. Aber niemals hat er ein hartes oder drohendes Wort deswegen.

Aber plötzlich hören wir an einigen Stellen des Evangeliums Äußerungen von ihm, die uns erschrecken. Bei manchen Gelegenheiten ist der Herr von einer außerordentlichen Schärfe und Schroffheit. „Wehe euch, ihr Pharisäer und Schriftgelehrten, ihr Heuchler. Ihr gleicht übertünchten Gräbern. Von außen sehen sie zwar schön aus, aber innen sind sie voll Totengebein und allem Unrat. So erscheint ihr äußerlich recht vor den Menschen, innerlich aber seid ihr voll Heuchelei und Schlechtigkeit.“ Und an einer anderen Stelle: „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler. Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel. Aber das Große am Gesetz, das lasst ihr dahinten: Gerechtigkeit, Treue und Wahrhaftigkeit. Dies soll man tun und das andere nicht lassen.“ Und wieder an einer anderen Stelle: „Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Laß mich den Splitter aus deinem Auge ziehen, und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken? Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann magst du sehen, wie du den Splitter aus dem Auge des Bruders ziehst.“

In diese scharfen Wendungen des Herrn fügt sich das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner ein, das wir heute gehört haben. Wir haben alle unsere liebe Not damit, einerseits das notwendige Maß an Selbstgefühl und Selbstvertrauen zu bewahren, ohne in pharisäische Überheblichkeit zu verfallen, andererseits uns sündig zu erkennen und vor dem Schöpfergott zu demütigen, ohne das Menschentum zu verraten, das ja auch uns als Talent von Gott gegeben ist. Aber da sind wir dem Kern unserer Frage schon sehr nahe. Der Zöllner des heutigen Evangeliums soll uns nicht zum Kriechertum anleiten. Er darf nicht jenen Menschen zum Trost oder zur Bestätigung sein, die Demut mit Schwäche verwechseln, die zu kleinmütig sind, um in der Kämpfen der streitenden Kirche mitzumachen, deren Religion die Angst ist und deren Untüchtigkeit als Tugend gilt. Das Wertvolle an diesem Mann ist, dass er seine Verfehlungen nicht verschleiert, nicht entschuldigt, nicht beschönigt. Was den Pharisäer zum Pharisäer macht, ist nicht so sehr sein übersteigertes Selbstgefühl, sondern seine törichte Überheblichkeit. Es kommt ihm nicht in den Sinn, vor den Herrgott hinzutreten und um Verzeihung zu bitten und dadurch gerechtfertigt zu werden. Nein, er will kein armseliger Sünder sein vor Gott; er fühlt sich als Tugendbold und sagt: „Ich bin nicht wie die übrigen Menschen.“ Wie die übrigen Menschen, also wie alle übrigen Menschen. Er ist der einzige, der eine Ausnahme macht. „Ich bin gerecht“, so spricht er, „die anderen sind Sünder.“ Und da sieht er auf diesen Mann, der neben ihm steht und gibt ihm gleich einen Seitenhieb: „…oder wie dieser Zöllner da. Ich bin der einzige Gute, der da gehört zu den übrigen.“ Um was er Gott gebeten hat, wird man vergeblich suchen. Er kam nicht, um zu bitten, er kam, um sich zu loben! Das ist noch das Geringste, dass er Gott nicht bittet, sondern sich selbst lobt. Schlimmer ist, dass er den demütig Flehenden auch noch verhöhnt.

Der Zöllner steht von ferne. Das heißt, er traut sich nicht in die Nähe. Er hat ein schuldbeladenes Gewissen, und das lässt ihn von ferne stehen. Er wagt nicht, den Blick zum Himmel zu erheben, denn er ist sich seiner Schuld bewusst. Er hat nicht einmal den Mut, die Augen zu Gott aufzurichten. Das Gewissen beugt ihn nieder. Und er schlägt an die Brust. An die Brust schlagen heißt bekennen, dass man der Strafe würdig ist. Das An-die Brust-Schlagen ist ein Ausdruck dafür, dass man weiß: Kraft meiner Sünde bin ich der Strafe Gottes würdig. Und dann spricht er: „Herr, sei mir Sünder gnädig!“ Was wundert es uns, dass Gott Nachsicht übt und ihm die Sünden verzeiht? „Wahrlich“, so sagt er, „dieser ging gerechtfertigt nach Hause, der andere aber nicht.“ Und warum? „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden. Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“

Es ist und bleibt für uns, meine lieben Freunde, eine ernstzunehmende Aufgabe, uns vor dem pharisäischen Geiste, der in uns aufkommen möchte, zu hüten. Der Fromme kann auf den Gedanken kommen, sich über den Unfrommen zu erheben. Und in der Tat: Der Mensch, der Gott verehrt, der betet, der den Gottesdienst besucht, der Mensch, der Gott liebt und Gott dient, der steht objektiv über einem anderen, der all das nicht tut. Aber wem verdankt er diese Haltung, diese Tugenden? Er verdankt sie Gott, der alles in ihm wirkt. Wie schreibt der Apostel Paulus an seine korinthischen Christen: „Keiner soll sich aufblähen auf Kosten der anderen. Wer gibt dir den einen Vorzug? Was hast du denn, das du nicht empfangen hast?“ Das ist der entscheidende Satz: „Was hast du denn, das du nicht empfangen hast? Hast du es aber empfangen, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?“ Und der heilige Augustinus drückt dasselbe auf seine Weise aus: „Wer Gott gegenüber seine Verdienst aufzählt, der zählt damit Gottes Geschenke auf.“ Noch einmal: Wer Gott gegenüber seine Verdienste aufzählt, der zählt damit Gottes Geschenke auf. Denn Verdienste schafft nur die Gnade, und vor der Gnade und ohne die Gnade gibt es keine Verdienste.

Wer gibt uns das Recht, meine lieben Freunde, uns an anderen zu messen und andere unter uns zu stellen? Wir wissen doch um unsere Schwächen, Fehler, Sünden, Versäumnisse, Nachlässigkeiten. Wir wissen um unser Versagen, unser Zurückbleiben vor den Forderungen Gottes. Und wenn wir auch vielleicht jetzt uns vor schweren Sünden bewahren: Wir brauchen nur in unsere Vergangenheit zu schauen, und da wissen wir, dass wir von Gott aus der Sünde gerettet worden sind. Die Bedingungen, unter denen andere handeln, kennen wir nicht. Wir wissen nicht um ihre Veranlagung, wir wissen nicht um ihre Erziehung, wir wissen nicht um ihre Schicksale. Und deswegen ziemt es sich, die Weisung aus dem Buch von der Nachfolge Christi zu beachten: „Kehre deinen Blick auf dich selbst und erkühne dich nicht, zu richten, was andere tun! Denn wer andere gern richtet, hat nichts davon, irrt sich öfters und sündigt leichfertig. Wer andere gern richtet, hat nichts davon, irrt sich öfters und sündigt leichtfertig. Wer sich aber selbst richtet und erforscht, der zieht immer reichen Nutzen daraus.“

Nun meine ich allerdings, unter den Frommen sind die Pharisäer heute selten. Die Frommen, die ihre Gewissenserforschung halten, die Reue erwecken, die den Weg zum Beichtstuhl finden, die Frommen sind heute selten, äußerst selten Pharisäer. Aber unter den anderen, unter den Unfrommen sind um so mehr Pharisäer. Die Pharisäer sind heute nicht unter den frommen Kirchenchristen zu finden. Die Pharisäer sind jene, die hochmütig auf die Kirchenchristen herabschauen und sagen: Das Kirchengehen ist nicht nötig, das Beichten ist nicht nötig, der Meßbesuch ist nicht nötig. Die Pharisäer von heute sind jene, die auf die christliche Moral pfeifen und sich dabei wohlzufühlen meinen. Die Pharisäer von heute sind jene, welche die Kirche auffordern, ihre Sittenlehre zu ändern, damit ihr liederlicher Lebenswandel nicht mehr gerügt werden kann. Die Selbstgerechtigkeit, die Überheblichkeit, die Beschwichtigung und die Beschönigung der Sünde finden sich in unserer Zeit außerordentlich häufig bei den Unfrommen. Sie bagatellisieren die Sünde, manche gebrauchen das Wort Sünde überhaupt nur noch, wenn sie zuviel gegessen haben. Und die ganze Unterhaltungsindustrie ist ja darauf ausgelegt, die Sünde zu verschweigen oder lächerlich zu machen. In einem Schlager heißt es: „Himmelvater du, drück ein Auge zu!“ In einem anderen: „Eine kleine Sünde fällt nicht ins Gewicht; eine kleine Sünde zählt der Herrgott nicht. Eine kleine Sünde ist nicht der Rede wert, wenn sie dein Geheimnis bleibt und niemand was erfährt.“

Es scheint Menschen zu geben, die nicht mehr wissen, dass sie vor Gott schuldig werden. Ja, es gibt solche, die machen aus ihrer Schwäche, aus ihrer sittlichen Schwäche eine Weltanschauung. Sie sagen: Das, was wir tun, das ist die Moral, die wir brauchen, die wir heute brauchen. Weil sie Gottes Gebote missachten, verwerfen sie die Gebote. Was sie nicht beobachten wollen, das kann nach ihrer Meinung nicht von Gott geboten sein. In Wirklichkeit ist es notwendig, sich als Sünder zu erkennen und zu bekennen. In diesen Tagen wird Nelson Mandela, der schwarze Präsident von Südafrika, überall gefeiert. Er hat seinen 90. Geburtstag begangen. 27 Jahre war er im Gefängnis. Aber er ist ein Mann, er ist ein Christ, der auf jede Rache verzichtet hat. Ein Biograph schrieb von ihm: „Ein Staatsmann mit der Qualität eines Heiligen.“ Da wehrte Nelson Mandela ab: „Ich bin kein Heiliger“, sagte er, „ich bin ein kleiner Sünder, der ständig versucht, sich zu bessern.“ Das ist ein Vorbild! „Ich bin ein kleiner Sünder, der ständig versucht, sich zu bessern.“ Und damit ist er ja auf biblischem Boden, denn im ersten Johannesbrief heißt es: „Wenn wir sagen, wir hätten keine Sünde, betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“ Wenn wir sagen, wir hätten keine Sünde, betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wir müssen ehrlich sein vor uns selbst und vor den Menschen, die Sünde erkennen und die Sünde bekennen. Schon im Alten Bunde heißt es: „Schäme dich nicht, deine Sünden zu bekennen!“ Und an einer anderen Stelle: „Der Gerechte beschuldigt sich selbst zuerst.“

In unserer Zeit haben edle Schriftsteller diese biblische Botschaft verstanden und aufgenommen. In einem Buche von Theodor Fontane heißt es einmal: „Wenn nichts erreicht wäre als das Bekenntnis des Unrechts und der Sünde, so hätte die Wiedergeburt begonnen.“ Wie richtig! Wenn nichts erreicht wäre als das Bekenntnis des Unrechts und der Sünde, so hätte die Wiedergeburt begonnen. Er gibt damit wieder, was Augustinus einmal schreibt: „Das Bekenntnis der bösen Werke ist der Anfang der guten Werke.“

Noch einmal erinnern wir uns, meine lieben Freunde, dass unser Herr milde, sanftmütig und gütig war, aber erschreckend hart wurde, wo er auf Selbstgerechtigkeit stieß. Wir mögen schwach, armselig, leichtsinnig und böse sein: Solange wir einsehen und bekennen, dass wir es sind, solange wir uns nicht billig entschuldigen und andere für schlechter halten, solange werden wir ein verzeihendes, ein liebendes Wort unseres Heilandes erhalten: „Denn jener ging gerechtfertigt nach Hause!“

Amen.

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Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes

03.08.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Jesus hatte sich mit seinen Jüngern in das Gebiet der Syrophönizier zurückgezogen, um sie zu belehren und um sie zur Erkenntnis seines eigenen Wesens zu führen. Als er dann in das jüdische Gebiet zurückkehrte, nämlich an der Ostseite des Sees Genesareth, da fragte er sie: „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ Da prasselten die Antworten auf ihn nieder: „Die einen für Elias, die anderen für Jeremias, wieder andere für einen der Propheten.“ Die Apostel schonten Jesus, denn es wurden ihm auch noch ganz andere Titel gegeben, die sie verschwiegen. Die einen sagten: „Das ist der Zimmermannsohn“, andere sprachen von ihm als dem „Fresser und Weinsäufer“, und wieder andere nannten ihn den Freund der Zöllner und Sünder oder gar den Volksaufwiegler. Das waren die Bezeichnungen, welche die Zeitgenossen Jesu unserem Herrn Jesus gaben.

Und heute sehe ich Christus die Frage stellen: Für wen halten mich die Menschen des 21. Jahrhunderts? Es gibt ohne Frage auch heute noch gläubige Menschen, die in Jesus den Gottessohn, den wahren Gott, Licht vom Lichte, Gott von Gott erkennen. Die gläubigen katholischen Christen und ein kleiner Häuflein gläubiger Protestanten sind noch von diesem Glaubensbekenntnis überzeugt. Aber viele andere sehen in Jesus vor allem einen Großen der Weltgeschichte oder einer heldischen Menschen, der die jüdischen Händler zu Paaren treibt. Einer beschreibt Jesus als den „charmanten Tischler“. Der Sohn Gottes der „charmante Tischler“! Und der an allen Orten der ganzen Welt bekannte ehemalige katholische Theologe Hans Küng spricht von Jesus als dem „Sachwalter Gottes“. Ja, meine lieben Freunde, Sachwalter Gottes sind wir auch! Das ist ein Versuch, Jesus seiner göttlichen Würde zu entkleiden.

Es gibt auch andere, die ihn heute wie gestern mit Haß verfolgen. Und der Haß gebiert den Spott, und der Spott bringt die Verleumdung hervor, die Verunglimpfung, den Hohn. Wenn Jesus uns fragen würde, meine lieben Freunde: Für wen haltet ihr mich?, wir würden doch antworten: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Aber hat uns diese Wahrheit wirklich in ganzer Seelentiefe erfaßt? Heißt das für uns wirklich, dass Jesus unser ein und alles ist? Der Beherrschende, der Erneuernde, unser König, der die Wahrheit und das Leben ist? Ist unser Christusglaube stark und lebendig genug, um den Zweifeln und den Zweiflern zu widerstehen?

Was dünkt euch von Christus? Wessen Sohn ist er? Diese Frage wollen wir versuchen, heute in drei Schritten zu beantworten. Wenn ich fragte: Wer ist denn Buddha?, dann würde ich die Antwort erhalten: Über ihn lässt sich nichts Bestimmtes sagen. Seine Gestalt steht im Dämmerdunkel der indischen Märchenwelt. Um ihn hat die Phantasie jahrhundertelang gedichtet. Von Jesus können wir – Gott sei es gedankt! – anderes sagen. Von ihm können wir mit Petrus sagen: „Wir sind nicht Fabeln, die wir ausgedacht haben, gefolgt, sondern wir haben seine Herrlichkeit gesehen.“ Er steht im Lichtkegel der Geschichte, in einem Zentrum des geistigen Lebens, Jerusalem, der Hauptstadt des Judentums. Christus ist eine Gestalt der Geschichte. Hier malt nicht Sage, hier sprechen Tatsachen.

Wir wissen von ihm durch das Zeugnis seiner Jünger. Es ist ein unbezweifelbares Zeugnis, aber es wird flankiert durch Zeugnisse neutraler Beobachter. Viele von uns haben in der Schulzeit die Annalen des römischen Geschichtsschreibers Tacitus gelesen. Er hat ja auch ein Büchlein über Germanien geschrieben. Tacitus bringt in seinen „Annalen“ den Brand Roms zur Zeit des Kaisers Nero in Verbindung mit den Christen. Und dabei spricht er von Christus, der unter der Herrschaft des Tiberius durch den Landpfleger (Prokurator) Pontius Pilatus hingerichtet worden war. Und Tacitus steht nicht allein. Im Jahre 96 n. Chr. gab der Statthalter Plinius von Bithynien (das ist in der heutigen Türkei) dem Kaiser Trajan einen Bericht, und in diesem Bericht steht: „Die Christen kommen am ersten Tag der Woche, am Sonntag, zusammen und singen Christus als ihrem Gott Wechselgesänge.“ Christus ist eine Gestalt der Geschichte, aber eine Gestalt, die nicht in der Menschengeschichte aufgeht, sondern eine Gestalt, die das Menschenmaß überschreitet. Und deswegen können wir erstens sagen: Christus gehört zu den geistigen Führern der Menschheit.

Wir kennen viele in der Geschichte, die ernst und geistig gewaltig sich bemüht haben, um die letzten Fragen des Lebens: Laotse, Konfuze im fernen Osten, die Weisen der indischen Welt, die Philosophen Griechenlands. Um alle diese Fragen ringen auch die Gelehrten Israels. Sie stehen in lebendiger Verbindung mit den damaligen Hochschulen in Alexandrien, in Athen, in Antiochien. Und nun tritt vor sie hin dieser Mann aus Nazareth, aus der Weltabgeschiedenheit der galiläischen Berge. Er hat keine Hochschule besucht, er hat nicht studiert, er kommt von der Hobelbank des Zimmermanns. Aber er tritt auf mit einer Kraft der Sprache, ganz anders wie die gelehrten Rabbinen. „Er lehrt wie einer, der Macht hat“, so sagen sie, nicht wie ihre Schriftgelehrten. Keine Unsicherheit in dem, was er sagt, kein Schwanken, kein Zurücknehmen, kein Verbessern, kein „Ich weiß nicht“ oder „Vielleicht“. Nein, Lehren voll Selbstbewusstsein: „Den Alten ist gesagt worden… Ich aber sage euch.“ Die Gelehrten Jerusalems lächeln. Das dumme Volk mag ihm nachlaufen, aber wir werden mit ihm schon fertig werden. Und so stellen sie ihm ihre Fragen, Fangfragen, die Sadduzäer, die Pharisäer, die Herodianer. Christus hört sie an, ruhig, gesammelt wie immer. Er beantwortet ihre Fragen. Er stellt ihnen selbst Fragen und antwortet mit einer Überlegenheit, die sie jedes Mal beschämt, daher müssen sie von dannen ziehen, so dass sie schließlich – das steht in der Heiligen Schrift – so dass sie es schließlich gar nicht mehr wagen, ihn zu fragen. Denn er trägt dem Volke Israel den letztverbindlichen Willen Gottes vor. Er proklamiert die neue Ordnung des Heils, die alles bisherige hinter sich lässt.

Vor uns steht das Lehrgebäude Christi, hinaufragend in die Höhen der Gottheit und wieder auch hinabsteigend in alle Einzelfragen des Lebens. Fest wie Granit sind seine Worte. Mit der Schärfe des Schwertes fallen seine Entscheidungen. Zweitausend Jahre hat man sich bemüht, in die Tiefe seiner Worte einzudringen. Die größten Geister haben die Weisheit des Herrn zu entschlüsseln versucht: Augustinus und Thomas, Albertus Magnus und Johannes Duns Scotus. Diese Worte, diese Wahrheit, diese Weisheit hat die Welt erleuchtet. Er hat die Wahrheitselemente, die ja in allen Kulturen vorkommen, geeint und gesammelt, geläutert und eingefügt in seine Lehre. Vor diesem Geiste zerbrach das harte Sklavenjoch der Alten Welt, schmolz die eiserne Härte des römischen Rechtes. Vor ihm fielen die Schranken der Stände, und waffenstrotzende Völker wandten sich im Zeichen des Kreuzes friedlich zueinander, reichten sich die Hand. Seine Wahrheit drang auch in die Urwälder unserer Vorfahren und schuf aus diesen Wäldern Staaten, Länder, Burgen, Kirchen, Klöster. Christus, der Nazarener, wirkt fort in der christlichen Kunst. Niemals sind die Werke, welche die christliche Kunst schuf, von anderen überboten worden. Er hat die Stätten des Gebetes errichten lassen. Auch die ihn heute schmähen, atmen noch seinen Geist.

Er war ja kein Musterchrist, unser Johann Wolfgang von Goethe. Aber er hatte Ehrfurcht vor dem Christentum. Und in seinen letzten Lebensjahren hat er einmal zu seinem getreuen Eckermann gesagt: „Mag die geistige Kultur nur immer fortschreiten, mögen die Naturwissenschaften in immer breitere Ausdehnung und Tiefe wachsen und der menschliche Geist sich erweitern, wie er will, über die Hoheit und sittliche Kultur des Christentums, wie es in den Evangelien schimmert und leuchtet, wird er nicht hinauskommen.“ Christus ist tatsächlich unter den Geistesführern der Weltgeschichte der Erste, der Unübertreffliche.

Christus steht aber auch zweitens auf dem Gipfel sittlicher Vollendung. Sein Name ist makellos. Er steht mitten im heißesten Kampf, und sie belauern ihn von allen Seiten. Wie gern hätte man ihm etwas angehängt, um sein Ansehen zu zerstören. Man geht ihm nach, wenn er mit Zöllnern und Sündern beisammen ist. Aber sie sehen und hören nur verstehende Liebe und sündenferne Würde. Er kann es wagen, seine Todfeinde zu fragen: „Wer von euch kann mich einer Sünde beschuldigen?“ Und sie bleiben stumm. Gerichtshöfe bemühen sich, Aussagen gegen ihn zusammenzubringen und scheitern daran. Sie sehen keine Schuld. „Ich finde keine Schuld an ihm“, sagt der Prokurator Pontius Pilatus. So ist noch keiner durch seine Zeit gegangen. Alle haben sie Flecken an sich getragen, alle haben sie der Sünde ihren Tribut gezollt. Er geht durch Niederungen und Gassen, an ihm haftet kein Schmutz. Groß und weit war sein Charakter, zum Leiden bereit und doch voll innerer Freude. Ganz auf das Jenseits gestimmt und dennoch nicht lebensfeindlich, hart gegen die Sünde und doch mild zu den Sündern. Es ist derselbe Christus, der mit der Geißel den Tempel reinigt und der die Ehebrecherin begnadigt. Es ist derselbe Christus, der seinen Zorn ausgießt über Verlogenheit und Heuchelei der Pharisäer, der aber am Kreuze für seine Feinde betet: „Sie wissen nicht, was sie tun!“ Er kann seinen Jüngern das Höchste abfordern: „Lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit auch ihr tut, wie ich euch getan habe.“

Und entsprechend ist auch seine Sittenlehre. Es gibt ja viele Ethiken auf dieser Welt, meine lieben Freunde, aber es gibt keine einzige Ethik, die in ihrem Standard an die christliche Ethik heranreicht. Die christliche Ethik steht über allen. Christliche Sittenlehre ist die Vollendung des sittlichen Strebens. Nichts menschlich Gutes und Feines wird von ihr verworfen. Was die Lehrer der Weisheit an Wahrem gelehrt haben, das ist alles aufgenommen, ist beschlossen und übertroffen vom Gesetz Christi. Höchste eigene Kraftentfaltung und gleichzeitig demütiges Vertrauen auf die Gnade Gottes. Ein feiner Mensch werden, und dennoch ein demütiges Gotteskind bleiben. Reinheit, die doch keinen Unreinen verachtet, Demut, die sich der Würde der Persönlichkeit bewusst bleibt. Froher Genuß der irdischen Güter und doch starkes Entsagenkönnen. So steht das Bild Jesu vor uns, das erhabenste Charakterbild der Geschichte.

Heute hat eine wunderliche, unbegreifliche Begeisterung für den Islam manche Christen ergriffen. Wir hören von Übertritten zum Islam. Ja, meine lieben Freunde, wie kann so etwas geschehen? Wer ist denn dieser Islam? Wer ist denn sein Urheber? Mohammed, ein zerrütteter Kerl, voll Grausamkeit und Sinnlichkeit, ein Mann voll Rachsucht und voll List und Verstellung. Das ist der Vater dieser Religion. Seine Lehre hat er zusammengebastelt aus christlichen, jüdischen und heidnischen Elementen. Mohammed ist kein Konkurrent für Christus.

Und schließlich noch eine dritte Tatsache: Dieser Christus nennt sich den Sohn Gottes, und er ist es. Als Ende des 1. Jahrhunderts der Irrlehrer Kerinth auftrat, der die Gottheit Christi leugnete, griff Johannes, der Apostel, noch einmal zur Feder und schrieb sein Evangelium, sein Evangelium von der Gottheit Christi. „Dieses ist aufgezeichnet, damit ihr glaubet, dass Jesus der Christus der Sohn Gottes ist.“ Das geben auch die Gegner Jesu zu, dass im Johannesevangelium von der Gottheit Christi ein klares Zeugnis abgelegt ist. Aber bei den Synoptikern, also bei Matthäus, Lukas und Markus, da machen sie schon Abstriche. Da wäre, so meinen sie, die Gottheit Christi nicht zu erkennen. O wie falsch, meine lieben Freunde, o wie falsch! Die drei Synoptiker stellen Jesus als einen dar, der alles Menschenmaß übersteigt. Jesus, das ist ihr Zeugnis, beansprucht souveräne Lehrgewalt, er interpretiert das alttestamentliche Sittengesetz und das alttestamentliche Kultgesetz, wie es nur ein Gesetzgeber tun kann, der über ihnen steht. Wie Gottes Wort in Ewigkeit bleibt, so auch überdauern seine Worte Himmel und Erde. Er verfügt über die Macht, Wunder zu wirken, die er auf allen Gebieten und in jedem Augenblick ausübt. So schaltet nur der Herr der Natur. Der Aussätzige kommt zu ihm und sieht ihn voll Vertrauen an: „Wenn du willst, kannst du mich rein machen.“ Wenn du willst. Und der Herr antwortet: „Ich will – sei rein!“ Und in diesem Augenblick ist der Aussätzige geheilt durch ein einziges Wort seiner Macht, nein, seiner Allmacht. Kennzeichnend für die Heilungen Christi ist das Motiv des Glaubens. Es bringt die Unverfügbarkeit der Taten Jesu zum Ausdruck. Der Glaube richtet sich auf Jesus. Er vermag über die Heilung des Körpers den ganzen Menschen zu retten.

Die Leute nennen ihn einen Propheten, aber das ist zu wenig. Die Königin des Südens, die Königin von Saba, kam mit ihren Geschenken zu Salomon in all ihrer Pracht. Sie kamen von den Enden der Erde, um seine Weisheit zu hören. Doch hier ist mehr als Salomon! Der Tempel in Jerusalem war das höchste Heiligtum der Juden. Es war das Haus Gottes. Aber Christus sagte: „Hier ist mehr als der Tempel!“ Er lässt Sünden nach, und die Juden sehen darin eine Gotteslästerung. „Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?“ Christus beweist, dass er Sünden vergeben kann. Er lässt seine Wundermacht spielen. „Damit ihr wisst, dass der Menschensohn Macht hat, Sünden zu vergeben“, sagt er zu dem Gichtbrüchigen: „Steh auf, nimmt dein Bett und geh nach Hause!“ Und der Mann stand auf, nahm sein Bett und ging nach Hause. Es ist also wahr: Jesus besitzt die Macht, Sünden zu vergeben, eine Macht, die nur Gott zukommt. In ihm ist eben wesenhaft und wahrhaft Gott auf Erden erschienen.

Und so ist er auch der Herr des kommenden Gerichtes. Das endgültige Heil ist in seine Hand gelegt, ist an seine Person gebunden. Die alte Sehnsucht nach dem definitiven Heil erfüllt sich in ihm. „Wenn ich durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.“ In ihm, allein in ihm ist es zu den Menschen gekommen. Er ist der Herold, er ist der Träger des Reiches Gottes. Von der Annahme oder der Ablehnung seiner Predigt hängt das endgültige Geschick des Einzelnen ab. „Wer mich vor den Menschen bekennt, den werde ich vor meinem Vater bekennen.“ Er rettet sein Volk, aber nicht, indem er mit einem Heere die Besatzungsmacht aus dem Lande treibt, sondern indem er am Kreuze sein kostbares Blut für das Heil der Welt vergießt.

In der Woche des Leidens steht Christus noch einmal vor den Pharisäern und Schriftgelehrten und erzählt ihnen ein Gleichnis. Ein Hausvater legte einen Weinberg an, er verpachtete den Weinberg an Winzer, und dann verreiste er. Als die Zeit der Weinlese heranrückte, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um den Ertrag in Empfang zu nehmen. Die Winzer fielen jedoch über seine Knechte her. Den einen schlugen sie, den anderen töteten sie, einen dritten steinigten sie. Der Herr schickte noch einmal andere Knechte, aber mit denen verfuhren sie genauso. Zuletzt sandte er seinen Sohn. Er dachte nämlich: Vor meinem Sohn werden sie Respekt haben. Als die Winzer jedoch den Sohn erblickten, da sagten sie zueinander: „Das ist der Erbe. Wir töten ihn, und dann fällt uns das Erbe zu.“ Sie ergriffen ihn also, warfen ihn hinaus aus dem Weinberg und töteten ihn. Seine Zuhörer haben sehr gut verstanden, was er damit ausdrücken wollte. Zuerst kamen die Knechte Gottes, die Propheten. Jetzt aber ist der Sohn gekommen, viel größer, viel erhabener als die Propheten. Er ist der Sohn Gottes, der Wesenheit, der Natur nach. So verstehen ihn die Juden. Und deswegen stellen sie ihn in seiner letzten Stunde zur Rede. Als er vor dem Hohen Rate steht, da fragt ihn der Hohepriester: „Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott: Sag uns, ob du bist Christus, der Sohn Gottes!“ Und die Antwort kommt ohne Wenn und Aber: „Ja, ich bin es!“ Da zerreißt der Hohepriester seine Kleider: „Ihr habt die Gotteslästerung gehört. Was dünkt euch?“ „Er ist des Todes schuldig.“

Meine lieben Freunde, das Christusproblem aller Zeiten ist gelöst. Als der Herr den Seesturm stillte, da fragten die Menschen: „Wer ist dieser, dass ihm sogar der Wind und die Wellen gehorchen?“ Jetzt wissen wir es. Er ist der Gottessohn, das ewige Wort, durch den Gott alles schuf, der den Winden gebietet und den Wellen gebeut, weil er ihr Herr ist. Wir wissen es, weil er Kranke heilt, die sich erheben, und Tote zum Leben erweckt werden. Wir wissen es, weshalb nicht Grab und Siegel und Stein ihm widerstehen konnten, als er siegreich von den Toten erstieg.

Als das junge Christentum seinen Weg durch die Zeit nahm, da wurde im Hohen Rat beratschlagt, wie man dieser Bewegung Herr werden könne. Da stand einer von den Räten auf, Gamaliel – wir kennen seinen Namen – und sagte: „Ist sein Werk von Menschenhand, so wird es von selbst vergehen. Ist es aber Gottes Werk, so könnt ihr es nicht zerstören.“ Sein Werk hat alle Jahrhunderte überdauert, hat die Welt erobert ohne Waffen, ohne Geld, ohne – und das ist vielleicht das Wichtigste – ohne den Leidenschaften zu schmeicheln. Zweitausend Jahre Geschichte setzen das Siegel unter Christi Wort. Und deswegen bekennen wir mit Petrus, bekennen wir mit den Blutzeugen aller Jahrhunderte, bekennen wir mit den großen Geistern der christlichen Geschichte, bekennen wir mit der ganzen Weltkirche von heute: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, der in diese Welt gekommen ist.“

Amen.

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Die Kirche Christi – auf den Fels gegründet

10.08.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Wir haben am vergangenen Sonntag uns klarzumachen versucht, wer Jesus Christus ist, und wir haben die Antwort gefunden in dem Bekenntnis des Petrus: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Das Bekenntnis zu Christus ist nicht bei allen verbunden mit dem Bekenntnis zur Kirche. Es gibt nicht wenige, die erklären: Christus ja, Kirche nein. Sie wehren sich gegen die Kirche und bringen alle möglichen Anwürfe, Anklagen und Beschwerden gegen die Kirche vor. Sie sagen: Das ist die Priesterherrschaft; sie beschweren sich, dass die Kirche mit Geboten und Verboten die Menschen zu leiten versucht; sie erinnern an die Inquisition. Der Protestantismus hat seinen Namen von „Protest“. Nur durch Protest gegen die katholische Kirche kann er seine Existenz rechtfertigen. Und von daher kommen natürlich auch immer wieder die unseligen Tiraden, die uns der Stifter dieser Religion, nämlich Martin Luther, vermacht hat: die Kirche, eine Einrichtung der Menschlichkeit und der menschlichen Schwäche.

Und so wundert es uns nicht, wenn durch all fünf Kontinente die Losung rast: „Ecrasez l’infâme“ – Vernichtet die Ruchlose! Diesen Ruf hat zuerst Voltaire in Frankreich ausgestoßen, aber ist seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr verstummt. „Ecrasez l’infâme“ – Nieder mit der Verruchten! Und da steht die Kirche mit ihrem Anspruch auf Einzigartigkeit und Autorität. Sie befiehlt und bindet im Namen Christi. Sie übt seine göttliche Macht aus mit ihren Vorschriften und Verboten. Sie spricht den Bann über diejenigen aus, die ihre Wahrheit unterdrücken. Kirche Roms, entweder bist du eine göttliche Stiftung, oder du bist ein verruchtes Menschenwerk! Das ist die Alternative.

Dreifach ist das Reich Christi. Es sollte die Menschen lehren, führen und erlösen. Die Lehre Christi musste weitergetragen werden, als der Herr gen Himmel fuhr. Seine Aufgabe war noch nicht beendet, denn alle Generationen sollten an dieser Lehre partizipieren. Und deswegen musste sie weitergetragen werden, irrtumslos bis in die fernsten Zeiten. So braucht Christus eine menschliche Gesellschaft; so braucht er Verkünder, Herolde, die seine Botschaft weitertragen. Er braucht ein irrtumsloses, unfehlbares Lehramt. Es mussten die Menschen auch in allen Zeiten geführt werden. Er hatte die Grundlehren seines Gesetzes gegeben, aber es musste auch auf die wechselnden Situationen angewandt werden. Die Lehre musste verteidigt werden; sie musste klar herausgestellt werden, wo die Leidenschaft sie abzuschwächen suchte. Deswegen hat Christus eine feste Führung eingesetzt, ausgerüstet mit der Autorität des ewigen Gottessohnes: „Wer euch hört, hört mich.“ Christus musste für alle Zeiten ein starkes Hirtenamt einsetzen zur Führung der Menschheit. Und die Erlösung ist wie ein unsichtbarer Strom, der durch die Menschen fließt. Man sieht ja die Gnade nicht, man kann sie nicht messen, man kann sie auch nicht wägen, aber die Übertragung der Gnade, die Weiterleitung, sollte sichtbar geschehen, durch sichtbare Zeichen. Wir nennen sie Sakramente. Und ihre Verwaltung wiederum musste Menschen anvertraut werden, das Priesteramt musste sein Erlösungswerk fortsetzen.

So liegt es im Wesen des Reiches Christi, dass ein dreifaches Amt, eine dreifache Aufgabe errichtet wurde, um sein Werk in der menschlichen Gesellschaft fortzusetzen. So hat es auch Christus getan. Selbst wenn wir kein einziges Wort von ihm wüssten, es musste so sein, wenn er seinem Werke Dauer verleihen wollte. Aber er hat es deutlich genug gesagt, dass er ein neues Gottesvolk schaffen wollte. In vielen Bildern hat er zunächst dieses neue Volk beschrieben, im Bild vom Senfkörnlein, das einen kleinen Anfang hat und zu ungeheurer Größe emporwächst, in dem Bild vom Acker, wo guter Weizen wächst, aber auch Unkraut, und im Bild von dem Netz voll guter, aber auch schlechter Fische.

Mit Petrus ist Christus einmal auf das galiläische Meer, auf den See Genesareth, hinausgefahren, und dies zu einer Zeit, wo man auf Fischfang nicht rechnen konnte. Die Jünger waren leicht verwirrt: Ja, was will er denn? Weiß er besser als wir, wann Fische zu fangen sind? Und doch wurde aus dieser Ausfahrt ein reicher Fischfang, so reich, dass Petrus vor dem Herrn niederfiel und sagte: „Herr, geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch.“ Der Blick des Herrn aber geht  über den See Genesareth hinaus, er geht über die Halden von Galiläa und über das Mittelmeer in ferne Weiten. Er will in die Gestade der Ewigkeit eindringen, und dazu braucht er Menschenfischer. „Von nun an sollst du Menschen fischen“, so sagt er zu Petrus. Dafür braucht er ein Schiff, und dafür braucht er Menschen. „Simon, fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fischen.“ Simon und seine Freunde haben sich um Jesus geschart. Viele junge Menschen haben sich ihm angeschlossen. Er hat sie in seine Gefolgschaft gerufen: „Kommt und folget mir nach!“ So bildet sich die Jüngerschaft als der Keim des neuen Volkes Gottes: der Kreis der Jünger, die erste Gemeinde Jesu. Und dann kam ein denkwürdiger Tag. Die ganze Nacht hatte Jesus auf dem Berge zugebracht im Gebet, die ganze Nacht. Und als er herunterkam, da rief er seine Jünger zu sich, und da schaute er sie prüfend an, und da wählte er aus ihnen zwölf aus: Petrus und Johannes, Jakobus und Philippus. Das Reich Christi nimmt Gestalt an, das Führerkorps der Kirche bildet sich.

Zwölf wählt er aus, zwölf, weil es ein neues Volk sein soll. Wie das alte Volk zwölf Stämme hatte, so sollte das neue Volk auch eine Fülle von Stämmen in sich vereinen, und die Apostel sollen die Führer in diesem Volke sein. Den Petrus aber nimmt er sich noch besonders beiseite. Schon als er zu ihm kam, gab er ihm einen anderen Namen. Er hieß ja Simon. Aber Jesus gab ihm den Namen Kephas, das heißt Petrus, das heißt Fels. Und dann sagt er ihm: „Du bist der Fels, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.“ Ein Haus, wie er es vorhat, darf nicht auf Treibsand gebaut werden, das muss auf einem Felsen ruhen. Und ein solcher Fels sollte Petrus sein. Denn die Stürme würden rasen, die Wetter würden toben, die Finsternis würde dieses Werk einhüllen.

Christus sieht mit seinem Blick die Mächte der Finsternis anstürmen im Gewand der römischen Cäsaren. Sie wollten mit ihren Verfolgungen das Christentum ersticken. Es wird ihnen nicht gelingen. Tertullian, der Kirchenschriftsteller, schreibt im 2. Jahrhundert in seiner Verteidigungsschrift für die Christen: „Bei jedem Unglück, bei jedem Ungemach, das die Öffentlichkeit trifft, heißt es: ,Die Christen sind schuld.’ Hat der Tiber Hochwasser, hat der Nil Niedrigwasser, bleibt der Regen aus, kommt ein Erdbeben, eine Hungersnot, eine Seuche, das erste Wort ist: ,Fort mit den Christen. Werft sie den Löwen vor!’“ So ist es der Kirche drei Jahrhunderte lang gegangen. Aber dann stieg sie aus den Katakomben empor. Denn die Kirche der Katakomben klagte nicht, sie hoffte. Der Herr sieht in der Ferne Irrlehrer auftreten. Es gibt kein Jahrhundert der Kirchengeschichte, meine Freunde, in dem nicht Irrlehrer aufgetreten wären. Und dass sie heute in großer Zahl wieder am Werke sind, das wissen Sie alle. Mit List und Trug suchen sie die Weisungen Christi zu untergraben. Der Herr sieht die Horden der Völkerwanderung anstürmen, der Feind sät Zweitracht und Bosheit in die Herzen der Führer der Kirche, Schismen breiten sich aus, Häresien wuchern, ganze Länder werden losgerissen, und in den Missionsländern sucht man die Religion zu ersticken. Aber er sieht auch: „Non praevalebunt“ – Sie werden sie nicht überwinden.

In diesen Tagen, meine lieben Freunde, hat der Bischof von Peking ein Interview gegeben. In diesem Interview führt er aus: „Ich habe im vergangenen Jahr 1500 Erwachsene getauft.“ Non praevalebunt – sie werden sie nicht überwinden. Auch nicht in China.

Dann kam die Freimaurerei. Sie raste durch die romanischen Länder Spanien, Portugal, Frankreich, Italien. Ganze Länder wurden losgerissen von der Kirche. Einig sind sich alle im Kampfe gegen die römische Kirche, der Liberalismus, der Kommunismus, der Nationalsozialismus. Und heute? Heute peitscht die Geißel des Islam auf die Christen in allen Ländern. Der Islam ist nicht tolerant, der Islam ist der Todfeind des Christentums. In Indien machen die Hindus mobil gegen die Christen. Ihre heiligen Kühe, die halten sie heilig, aber die Christen werden verfolgt. Und in Europa breitet sich der neue Atheismus aus. Er sucht die letzten Bastionen des Christentums im öffentlichen Leben zu beseitigen. Ich schaue mit Besorgnis nach Brüssel und nach Straßburg. Dort wird ein Gesetz nach dem anderen ausgebrütet, das dem Unglauben und der Unsittlichkeit dient. Der Abfall breitet sich aus. Und dennoch: Der Herr hat es gesagt: Sie werden sie nicht überwältigen!

Mit der Funktion des Felsen ist es bei Petrus nicht getan. Der Herr rüstet ihn mit weiteren Vollmachten aus. „Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben.“ Der Schlüsselträger ist nicht der Pförtner, der Schlüsselträger ist der Hausherr. Er lässt ein, und er schließt aus. Er besitzt Gewalt der Gesetzgebung und Gewalt der Rechtsprechung. „Was du binden wirst auf Erden, das ist auch gebunden im Himmel.“ Und in Gemeinschaft mit ihm sollen die übrigen Apostel die Vollmachten ausüben: „Wer euch hört, hört mich. Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Welchen ihr die Sünden nachlassen werdet, denen sind sie nachgelassen. Was ich beim Abendmahl getan habe, das tuet zu meinem Gedächtnis.“ Und den Gipfel setzt Jesus nach seiner Auferstehung am See Genesareth. Da richtet er noch einmal die Frage an Petrus: „Petrus, liebst du mich?“ Nein, dreimal fragt er ihn: „Petrus, liebst du mich?“ Und Petrus antwortet betrübt, weil er an seinen Verrat denkt, betrübt: „Herr, du weißt alles, du weißt auch, dass ich dich liebe.“ Dann erfolgt die Einsetzung zum Universalhirten: „Weide meine Lämmer! Weide meine Schafe!“

Die Apostel mögen erbebt haben unter der Fülle der Gewalt, die ihnen übertragen wurde. Wie soll das geschehen? Wir schwachen, wir ungebildeten Männer, wie sollen wir das Evangelium bis an die Grenzen der Erde tragen, wie es der Herr will? Der Herr hat auch dafür Vorsorge getroffen: „Bleibt in der Stadt! Ihr werdet ausgerüstet werden mit der Kraft von oben. Ich sende die Verheißung meines Vaters auf euch herab.“ Und an Pfingsten, da kommt zu den Aposteln, um die Mutter Jesu versammelt im Abendmahlssaal, der Heilige Geist. Da schlägt die Geburtsstunde der Kirche. Der Geist Christi ergreift die Jünger Jesu, das Feuer des Geistes brennt in ihnen fortan. Die Kirche ist gefirmt, und aus schwachen Menschen werden glühende, von Gottes Geist erfüllte Apostel. Das ist das Geheimnis der Kirche, meine lieben Freunde, aus schwachen Menschen zusammengesetzt, aber von der Kraft des Geistes getragen. In der Kirche sind nicht nur Menschen am Werk; in der Kirche wirkt die Kraft aus der Höhe.

Aber wo ist dieses Reich Christi heute? Es gibt so viele christliche Gemeinschaften, und sie bieten sich als Antwort auf diese suchende Frage an: In welcher von ihnen lebt das Reich Christi? Oder bilden alle zusammen das Reich Christi? Gibt es viele Kirchen nach Jesu Willen? Aber der Herr sagt doch: „Eine Kirche will ich bauen.“ Und das war sein innigstes Gebet, dass alle eins seien, eins im Glauben an ihn und an den Vater. Es gibt nur einen Christus, nur eine Wahrheit, nur eine Kirche, denn ein Reich, das in sich uneins ist, das zerfällt. Das Reich Christi ist nicht dort, wo Menschen nach ihrem Denken und Gutdünken sich ihr Christentum formen. Die Kirche ist dort, wo Petrus steht, wo die Nachfolger der Apostel in Christi Autorität die Menschheit lehren und führen. Wo ist heute diese Kirche?

Der große anglikanische Theologe John Henry Newman hat gesucht, und er suchte in der Kirche der ersten Jahrhunderte. Da sieht er Gemeinden gegründet von den Aposteln. An der Spitze dieser Gemeinden stehen Hirten, welche die Apostel eingesetzt haben, und alle diese Gemeinden wissen sich einig. Ein einziges Evangelium auf der ganzen Erde, ein einiger Glaube. Alle wissen sich als Glieder des einen Leibes. Alle essen von dem einen heiligen Brote. Alle feiern das eine heilige Opfer. Die Kirche wächst und breitet sich aus in Korinth, in Antiochien, in Athen. Aber alle sind ängstlich bemüht, die Einheit zu bewahren. Als in Korinth eine Zwietracht ausbricht, da greift nicht der Apostel Johannes ein, der noch lebte, da greift der Bischof von Rom ein, Clemens, und schlichtet den Streit. Und Ignatius, der Martyrerbischof von Antiochien, schreibt auf seinem Wege nach Rom, wo er den Löwen vorgeworfen wird, dass die Kirche von Rom die Vorsitzende des Liebesbundes ist.

Es treten Sekten auf. Sie werden abgetan. Die Kirche wächst und bleibt. Ganze Länder reißen sich los von der Kirche. Von König Friedrich II. von Preußen, also dem so genannten Friedrich dem Großen, stammt das Wort: „Die Reformation war in Deutschland das Werk des Interesses, in England das Werk der Leidenschaft, in Frankreich das Werk der Neuerungssucht.“ Treffender kann man das Ausbrechen aus der kirchlichen Einheit kaum beschreiben. Wo waren diese Kirchen, bevor sie entstanden? Kommt, ihr von Rom getrennten Brüder, müssen wir sagen, macht es John Henry Newman nach: Kommt zurück zu ihr, die Tore stehen offen. Ich frage euch: Warum habt ihr den Zusammenhang mit der Kirche verloren? Oder könnt ihr sagen, eure Kirche sei die Kirche Petri? Wo war denn die Kirche Christi, bevor ihr kamt? Sie war dort zu allen Zeiten, wo unter ihren Bischöfen auf dem weiten Erdenrund in der Einheit mit dem Stellvertreter Christi auf Erden die eine katholische Kirche lebte. Die Vielfalt ist in den Sekten, die Einheit ist in der Kirche. Das ist die Eigenart, ja, ich möchte sagen, das Kainsmal der Gemeinschaften, die von der Kirche Christi abgefallen sind: Sie wollen es nicht Gott, sie wollen es den Menschen recht machen. Sie weichen Schritt um Schritt vor den Wünschen, Begierden und Leidenschaften der Menschen zurück. Wenn eine neue Welle des Irrtums aufsteigt, lassen sie sich von ihr tragen.

Manchmal spüren es die getrennten Gemeinschaften, was sie verloren haben, als sie sich vom Felsen der Einheit trennten. Wir haben in den letzten Wochen von dem unaufhörlichen Streit in den anglikanischen Gemeinschaften gelesen. Sie können sich nicht einigen über so wichtige Fragen wie das Bischofsamt für Frauen oder über Homosexuelle als Bischöfe. Und schon erschallt aus ihrem Kreis der Ruf: „Wir brauchen einen Papst!“ Viele von ihnen kehren zurück zur einen katholischen Kirche.

Wer behauptet, in der Kirche bestehe eine Priesterherrschaft, und diese Priesterherrschaft dränge sich zwischen Christus und den einzelnen Christen, die Hierarchie stehe zwischen dem einzelnen und Gott, der hat die Stellung des Priestertums und der Hierarchie niemals verstanden. Die Hierarchie und das Priestertum ist keine Trennungswand zwischen Christus und den einzelnen Seelen, sondern die Hierarchie und das Priestertum ist die verbindende Brücke zwischen den Seelen und ihrem Heiland. Ihr macht uns Vorwürfe, wir seien mit unserer Lehre veraltet. O, meine lieben Freunde, die Wahrheit veraltet nicht. Der Lehrsatz des Pythagoras ist alt, aber er wird heute in der Schule gelehrt genauso wie vor 3000 Jahren. Nichts ist so notwendig wie die Wahrheit. Sie ist der Spiegel der Wirklichkeit. Wer die Wahrheit verfehlt, der verfehlt die Wirklichkeit. Die Wahrheit veraltet nicht.

Ich weiß es, den meisten Menschen ist die Wahrheit das Gleichgültigste. Sie wollen leben, ausleben, Genuß haben. Aber was die Menschen am wenigsten hören wollen, das brauchen sie am dringendsten. Man sagt, die Kirche müsse mit der Zeit gehen. O Gott, meine Freunde, was ist die Zeit, was will die Zeit? Alle Bande lockern, den Begierden schmeicheln, die Gebote abwerfen. Das will die Zeit. Was die Zeit braucht, ist das Unzeitgemäße. Die Kirche muss den Mächten der Welt den Preis für ihre Treue zum Gesetz Christi bezahlen. Kaum hat das neue Jahrhundert begonnen, da hören wir von Martyrern in allen Gegenden der Erde. Aber sie lebt und wächst, je mehr man sie bekämpft. Die Menschen eines schwachen Glaubens warten auf den Frieden, um dann handeln zu können, wie sie sagen. Die Apostel eines starken Glaubens säen in die Stürme hinein, um in den guten Zeiten ernten zu können. Ihr sagt, die Kirche sei vom Geiste Christi abgefallen, ihr Leben sei nicht mehr heilig. Ja, sie duldet viele Unheilige in ihrem Schoß, weil der Herr sie das Gleichnis vom Unkraut im Weizen gelehrt hat, weil sie die Mutter ist, die vom ewigen Vater Langmut gelernt hat und gnädiges Verzeihen gegen die Sünder. Ihr sagt, in der Kirche gibt es viele Versager. O ja, viel zu viele. Höhnisch und mit Genugtuung weist man auf die Mißbrauchsfälle von Priestern hin. O, niemand leidet mehr unter diesen schrecklichen Geschehnissen als die treuen Glieder der Kirche. Kein vernünftiger Mensch aber beurteilt den Baum nach dem Fallobst und den Geist der Armee nach den Fahnenflüchtigen. Gestern abend, meine lieben Freunde, stand an dieser Stelle der Generalvikar des Bistums Mainz und gab bekannt, dass der Pfarrer dieser Pfarrei sich aus seinem Dienste abgesondert hat, um einer Frau zu verfallen.

Es gibt Verräter und Versager in unseren Reihen. Aber trotz Versagens und Verrates bleibt die Kirche ihrer Sendung treu. Die Kirche wird mit allem fertig. Wo ist die Macht der Erde, die wie sie Gottes heiliges Gesetz hochhält und sich schirmend stellt vor die Heiligkeit der Ehe, vor die Reinheit der Jugend, vor die Autorität von Familie und Staat? Heilig ist ihre Sittenlehre. Mit dankbarem Stolz darf sie sich rühmen, dass sie zu allen Zeiten Heilige geboren hat, auch heute, heilige Männer und Frauen, heilige Kinder, Menschen, die selbstlos ihr Leben hinopfern zur Ehre Gottes und zum Heile der Mitmenschen. Die katholische Kirche ist das Reich Christi, gestern wie heute. Von ihr gilt das Wort: „Wer euch hört, hört mich.“ Und so bitte ich Sie, meine lieben Freunde, mit mir einzustimmen trotz aller Ärgernisse und Anstöße, mit mir einzustimmen in den alten Gesang: „Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad’ in seine Kirch’ berufen hat. Nie will ich von ihr weichen!“

Amen.

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Christus und sein Reich der Gnade

31.08.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Geliebte im Herrn!

Wir haben gesehen, wie die Kirche ihren Ausgang nimmt von Jesus mit seiner Sendung und der Berufung der Menschen aus seinem Volke, wie die Kirche dann emporwächst, geleitet von der Hierarchie und getragen von der Kraft ihrer Dogmen. Aber wir haben noch nicht in das Innere der Kirche geschaut. Wir haben ihr Geheimnis noch nicht erkannt. Denn nicht die Hierarchie und nicht die Dogmen machen ihr großes Geheimnis aus, sondern was sie im Innersten bewegt und trägt, nämlich Gottes Gnade. Christus und sein Reich der Gnade. Was heißt Gnade? Gnade heißt teilhaftig werden der göttlichen Natur. Das ist der richtige Begriff von Gnade: teilhaftig werden der göttlichen Natur, über das Irdische, Natürliche hinausgehoben werden in einen anderen Bereich, den wir den übernatürlichen nennen.

Christus war der erste, der sich eine menschliche Natur angeeignet hatte und sie mit seiner Gnade erfüllt hatte. Und alle Menschen sollten wie er in der Gnade leben. Wir wissen, der Plan Gottes wurde von Menschen durchkreuzt. Durch die Ursünde und in ihrem Gefolge durch die Erbsünde haben die Menschen die Gnadenausstattung verloren. Und so musste eine Erlösung geschehen. Es musste ein Erlöser kommen, der die verlorene Gnade zurückbrachte. Das war unser Heiland Jesus Christus. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Eingeborenen Sohn dahingab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das Leben haben.“ Das Reich der Gnade, das ist das große Geheimnis der Kirche. Dass sie die Gnadenstätte, die Gnadenanstalt ist, die Gnadenkörperschaft, das macht ihr innerstes Geheimnis aus.

Die Kirche hat nicht nur ein menschliches, irdisches, nein, sie hat ein übermenschliches, ein gottmenschliches Dasein. Sie ist, wie der große Tübinger Theologe Johann Adam Möhler einmal erklärt hat, sie ist „der in der Zeit fortlebende Christus“. Genau das ist sie: der in der Zeit fortlebende Christus. Das ist ihr innerstes Geheimnis, das wir nicht schauen, aber an das wir glauben. „Ich glaube an die eine, heilige, katholische Kirche.“

Das Zweite Vatikanische Konzil hat diese Wahrheit mit folgenden Worten ausgedrückt: „Indem Christus Anteil gab an seinem Geiste, hat er die Menschen in geheimnisvoller Weise gleichsam zu seinem Leibe gemacht. In diesem Leibe strömt Christi Leben auf die Gläubigen über, die durch die Sakramente auf verborgene und doch wirkliche Weise dem leidenden und verherrlichten Christus geeint werden.“ Wahrhaftig, so ist es. Die Menschen, die in die Kirche eintreten, erhalten durch den Geist Christi Anteil an seinem Leibe; sie werden zu Gliedern seines Leibes. Die Kirche ist nicht bloß Organisation, sie ist auch Organismus. Wir kennen den Organismus aus der Natur: Die Pflanze, das Tier, der Mensch, sie bestehen aus Billionen von Einzelteilen. Aber diese Billionen von Einzelteilen werden durch eine Kraft geeint, wie immer wir sie auch nennen mögen, eine Lebenskraft, beim Menschen nennen wir sie die Seele, die die Billionen von Teilen zusammenfügt zu einer Einheit. Über den Stoff kommt die Lebenskraft, und das nennen wir organisches Leben, Zusammenfassung der Vielheit durch eine höhere Kraft zur Einheit eines Lebensganzen.

Das geschieht in ähnlicher Weise auch durch die Lebenskraft des Gottessohnes. Auch er fügt uns zusammen zu einem Leibe. Er ist das Haupt, und wir sind seine Glieder. Der Leib Christi ist eine Einheit durch die Macht der Gnade, durch die Kraft des Heiligen Geistes. Gott wirkt in den Erlösten mit seiner Gnade. Wir sind teilhaftig der göttlichen Natur. Der Herold dieser Wahrheit ist der heilige Paulus. Er hat in seinen Briefen wiederholt die Wirklichkeit der Kirche als einen Leib, nämlich den Leib Christi, beschrieben. An die Epheser schreibt er: „Christus ist das Haupt der Kirche, er, der Erlöser seines Leibes. Wir sind Glieder seines Leibes, er ist das Haupt.“ An die Korinther schreibt er: „Wißt ihr nicht, dass ihr Glieder Christi seid, dass eure Leiber Glieder Christi sind?“ Und denkt an das, was sich daraus alles ergibt, wie ihr mit eurem Leibe umgehen müsst! „Wie der Leib eine Einheit bildet und viele Glieder hat, alle Glieder aber trotz ihrer Vielheit den einen Leib bilden, so ist es auch bei Christus. Durch seinen Heiligen Geist sind wir alle getauft zu einem Leibe. Ihr seid der Leib Christi und Glieder an ihm.“ Und wiederum im Brief an die Römer, der ja in gewisser Hinsicht den Gipfelpunkt der Briefe des Paulus darstellt, im Brief an die Römer heißt es: „Wir viele zusammen bilden einen Leib in Christus.“

Wir haben für diese Wahrheit nicht nur die Theologie des Paulus, wir haben ein Wort des Herrn selber, dass wir zu seinem Leibe gehören. Saulus, so hieß er ja damals noch, zog nach Damaskus, um die Christen zu ergreifen und gebunden nach Jerusalem zu bringen. Aber vor Damaskus kam ein Lichtschein über ihn. Er wurde zu Boden gefällt, er stürzte, sein Pferd bäumte sich auf, und eine Stimme fragte: „Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?“ Saulus fragte: „Herr, wer bist du?“ „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“ Ja, aber er hatte doch gar nicht Jesus verfolgt, er hatte doch die Christen verfolgt. Und doch sagt die Himmelsstimme: „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“ Jesus setzt sich also mit den Christen gleich. Sie bilden eine Einheit. „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“ Wer das Christentum verfolgt, der verfolgt Christus. „Das Haupt schreit auf, weil seine Glieder geschlagen werden“, sagt der heilige Augustinus zu dieser Stelle aus der Apostelgeschichte. Das Haupt schreit auf, weil seine Glieder, die Christen, geschlagen werden.

Die Lehre, dass wir der Leib Christi sind, dass die Kirche der Leib Christi ist, der von ihrem Haupte, nämlich von Christus, belebt wird, gibt uns erst das richtige Verständnis für die Kirche. Wenn wir nur an ihren äußeren Apparat denken, an die Hierarchie, an die Verwaltung und die Bürokratie, dann kommen wir nie hinter das Geheimnis der Kirche. Ohne die Belebung durch Gottes Geist, ohne die Impulse der Gnade, ohne das wirksame Eingreifen Gottes in die Seelen sind Bestand und Wirken der Kirche nicht zu erklären. Ach, meine Freunde, das Fortdauern der Kirche unter den unaufhörlichen Schlägen schon 2000 Jahre lang, der Neuaufbau nach den immer wieder erfolgten Zusammenbrüchen, das Wiedererstehen nach den Kahlschlägen, das alles ist ohne das Einwirken der göttlichen Gnade nicht zu erklären. Dass die Kirche lebt und wächst trotz des Verrates des Judas, trotz der Verleugnung des Petrus, trotz der Flucht so vieler Priester aus unserem Abendmahlssaale, trotz des Versagens so viele Bischöfe, das ist völlig unerklärlich, wenn nicht eine göttliche Kraft in ihr wäre.

Als ich Student der Theologie war, sprach ich einmal mit einem gläubigen, frommen, gelehrten Theologieprofessor, und er sagte zu mir: „Für mich ist einer der überzeugendsten Beweise für die göttliche Herkunft der Kirche, dass der Klerus sie noch nicht kaputtgekriegt hat.“ Ein trauriges Wort, aber leider nicht unwahr.

Die Bekehrung von Sündern, dass aus einem Saulus ein Paulus wird, dass aus dem Manichäer Augustinus der große Kirchenlehrer wird, dass jeden Tag Menschen aufstehen von ihrer Sünde und ihrer Schuld im Bußsakrament, dass sie sich losmachen von Unzucht, Haß und Lauheit, das ist nur zu erklären durch die Macht der siegreichen Gnade. Dass auch in unserer Zeit der großen Schwäche der Kirche, dass auch in unserer Zeit, wo alles dazu angetan ist, die Kirche zu schmähen, dass auch in unserer Zeit Menschen zur Kirche stoßen, konvertieren, hochstehende Menschen, wertvolle Menschen wie meinetwegen Dr. Ernst oder Christa Meves, das ist nicht zu erklären ohne die Wirksamkeit des Heiligen Geistes.

Die Fruchtbarkeit der Kirche an Heiligen, auch heute, an Männern und Frauen und an Kindern, die sich für Gott und die Menschen mühen und abarbeiten, das Auftreten und Wirken von Männern wie dem heiligen Pfarrer von Ars oder von Frauen wie der Mutter Teresa aus Albanien, das ist völlig unverständlich, wenn man vergisst, dass die Strahlen des göttlichen Lichtes diese Menschen erleuchten und dass die Kraft der göttlichen Gnade sie leitet und stärkt. Die Leiden und Opfer, die Menschen im Dienste Gottes und seiner Kirche auf sich nehmen, die unerhörten Anstrengungen und Beschwerden der Missionare – ich denke an meinen lieben Schulfreund Pater Longinus Schmidt. Er ist so alt wie ich, 82 Jahre. Aber er leitet mit 82 Jahren in Ecuador eine Pfarrei von 20.000 Seelen. Die Martern und die Qualen der Blutzeugen, die unaufhörlichen Überwindungen und die Verzichte der Bekenner, das alles ist unbegreiflich, wenn die menschliche Schwäche nicht durch göttliche Stärke ergänzt und erhoben würde.

Wie groß und ehrfurchtgebietend ist unsere Kirche dank der Macht der Gnade! Wie wunderbar durchpulst ist sie vom göttlichen Christusleben! Wie weitreichend ihre Grenze! Man hat, meine lieben Freunde, in den letzten Jahrzehnten versucht, die Abspaltungen von dieser Kirche und die nichtchristlichen Religionen zu Heilswegen Gottes zu erklären. Das ist völlig irrig, das ist völlig falsch! Es gibt nur einen einzigen Heilsweg, und den führt die Kirche. Das Wort bleibt gültig: „Außerhalb der Kirche ist kein Heil.“ Das andere Wort ist genauso gültig, das Wort von der alleinseligmachenden Kirche. Man muss es nur richtig verstehen. Wenn die Kirche identisch ist mit dem Leib Christi und die Zugehörigkeit zum Leib Christi der Weg zum Himmel ist, dann müssen alle Menschen mit diesem Leibe in Verbindung treten. Diese Verbindung kann freilich verschiedenartig sein. Voll in der Gemeinschaft der Kirche und damit auch voll im Leibe Christi sind nur jene Getauften, die in sichtbarem Verband mit Christus verbunden sind durch die Bande des Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und der kirchlichen Leitung. Nur wer getauft ist, die Dogmen ohne Ausnahme bejaht und sich der kirchlichen Hierarchie unterstellt, der ist voll im Leibe Christi, voll in der Gemeinschaft der Kirche.

Aber es gibt andere Weisen der Verbundenheit. Denken wir an die Katechumenen, an die Taufbewerber. Sie sind noch nicht getauft, sie haben also noch nicht die Verähnlichung mit Christus empfangen, welche die Taufe gewährt, aber sie haben schon den Glauben, und sie sehnen sich nach der vollen Gliedschaft der Kirche. Sie unterstellen sich der kirchlichen Obrigkeit. Die Katechumenen sind deswegen innig mit der Kirche verbunden. Die nichtkatholischen Getauften haben ebenfalls Verbindung mit der Kirche durch die Taufe und durch die Stücke des Glaubens, die sie aus der Trennung von der Kirche mitgenommen haben. Sie sind auch jetzt noch wirksam, ohne Frage. Also auch die nichtkatholischen Getauften stehen in einer Verbindung zur Kirche und damit auch zum Leibe Christi. Selbst die Ungetauften, die Nichtchristen sind nicht fern von der Kirche. Sofern sie ihrem Gewissen folgen, sind sie mit der Kirche in irgendeiner Weise verbunden, die allein Gott weiß, aber sie stehen nicht fern. „Die Ungetauften sind auf die Kirche hingeordnet“, erklärt das Zweite Vatikanische Konzil. Alle sollen sie in die Kirche eintreten, die ganze Menschheit ist berufen, zur Kirche zu gelangen, denn die Kirche ist das universale, d.h. das allgemeine, niemanden ausschließende Sakrament des Heiles. Unsere Kirche ist kein Partikel, unsere Kirche ist das Ganze. Deswegen nennen wir sie katholisch. Katholisch heißt über den ganzen Erdkreis verbreitet, auf den ganzen Erdkreis hingerichtet, weltweit.

Und nicht nur das. Die Kirche umfasst nicht nur diese Erde, sie reicht auch ins Jenseits hinein. Zu ihr gehören alle, die im Fegfeuer ihre letzte Schuld büßen, die gereinigt werden durch das Blut Christi. Zu ihr gehören alle, die im Himmel triumphieren, die es geschafft haben, die eingegangen sind in die Seligkeit Gottes. Sie alle gehören zur Kirche.

Meine lieben Freunde, die Kirche ist ein Reich, das die Erde umspannt und das ins Jenseits hineinreicht. Zu ihr gehören alle, die im Blute Jesu gereinigt sind. Wenn wir diese Tiefe der Kirche begreifen, dann verstehen wir auch ihre Leiden. Diese Leiden, also das Blut der Martyrer, die Kerker der Gefangenen, die Stricke, mit denen die irdische Macht die Kirche band, diese Leiden sind nichts anderes als das durch die Zeiten hindurch gehende Kreuz Christi. Das Kreuz Christi wächst durch die Jahrtausende, reckt sich über die Völker, und riesengroß ist ein blutender Leib daran: Christus in seiner großen Passion. Diese Passion setzt sich fort an seinem geheimnisvollen Leibe. Paulus schreibt deswegen: „Ich muss an meinem Körper, an meinem Leibe ergänzen, was an den Leiden Christi noch fehlt.“ Jetzt verstehen wir also unsere Leiden für die Kirche und in der Kirche. Jetzt verstehen wir aber auch den Sieg, von dem die Welt staunend sagt, dass die Kirche nie unterging, dass sie sich aus Trümmern immer wieder erhoben hat, dass sie über den gewaltigen Arius und die Hunnenheere gesiegt hat, dass der Bolschewismus und der Nationalsozialismus sie nicht ausgelöscht haben. Das ist nichts anderes als die Auferstehung aus dem Grabe, das ist nichts anderes als der Ostersieger Christus, der auch in seiner Kirche fortlebt. „Fürchte dich nicht, Kirche, ich bin bei dir alle Tage bis ans Ende der Welt.“

So verstehen wir die Kirche auch in ihrer unbeugsamen Sprache. Sie muss so sprechen, weil sie den Herrn vertritt, der gesagt hat: „Wer euch hört, hört mich.“ Die Kirche kann ihre Verkündigung nicht abschwächen, wie es die nichtkatholischen Religionsgemeinschaften tun, sie kann sie nicht abschwächen, sie muss unbeugsam sein, denn der ist bei ihr und in ihr, der gesagt hat: „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden.“ Außerhalb der Kirche ist kein Heil. Die Kirche ist die alleinseligmachende. Die Kirche ist der Weg, der einzige Weg, der zu Gott führt, ob die Menschen es wissen oder nicht. Sie ist die Straße, auf der die Jahrtausende zu Gott ziehen.

Amen.

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Das unfehlbare Lehramt der Kirche

17.08.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Es war am Karfreitagmorgen. Christus wird durch die Stadt Jerusalem zum Lithostratos geführt. Dort wartet sein Richter auf ihn, der römische Landpfleger Pontius Pilatus. Er weiß sich im Besitz der Macht. Hinter ihm steht das römische Reich, und vor ihm steht ein armer, gepeitschter Sklave, ein Mann, besudelt von Blut und Schmerz. „Bist du der König der Juden?“ Es klingt Verwunderung, Erstaunen, vielleicht sogar Mitleid aus diesem Worte: Du sollst der König der Juden sein? Jesus richtet seinen Blick auf ihn und sagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Pilatus und die Juden rechnen nur mit den Reichen dieser Welt. Pilatus weiß sich als Abgesandter des machtvollen römischen Reiches, und die Juden träumen von einem Groß-Juda, das eine Weltmacht werden soll und das vom Strom bis an die Grenzen des Taurus reichen soll. Der Herr fügt hinzu, als ihn Pilatus noch einmal fragt: „Bist du ein König?“: „Ja, ich bin ein König. Dazu bin ich geboren und in die Welt gekommen, dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ Jesus ist ein König, ein König der Wahrheit. Wahrheit in diesem Sinne ist die offenbare Wirklichkeit Gottes. Er ist der gottgesandte Zeuge der offenbaren, in ihm geoffenbarten Wirklichkeit Gottes.

„Was ist Wahrheit?“ entgegnet ihm Pilatus. Daraus klingt die müde Skepsis der Unerkennbarkeit der Wahrheit, vielleicht auch der Stolz, sich einer Wahrheit zu beugen, oder die Feigheit, die sich der Wahrheit entziehen will. Was ist Wahrheit? Viele Menschen wollen von einer feststehenden, von einer bleibenden, von einer unveränderlichen Wahrheit nichts wissen. Diese Erscheinung war vor 50 Jahren auf Kreise außerhalb unserer Kirche beschränkt. Heute hat sie Theologen unserer Kirche ergriffen. Sie sprechen vom Wandel der Wahrheit; sie wollen nicht sich einer feststehenden Wahrheit, nicht dem König der Wahrheit beugen. Was ist Wahrheit? Wahrheit ist die Übereinstimmung der Erkenntnis mit der Wirklichkeit, und diese Wahrheit ist zuallererst in Gott. Gott ist die Wahrheit. Das heißt: Er hat ein Bild der Wirklichkeit, das der Wirklichkeit entspricht. Noch mehr: Er hat ein Bild der Wirklichkeit, nach dem er die Wirklichkeit gestaltet. Die Wirklichkeit entspricht seinem Schöpfungsplan. Die Schöpfung ist gestaltet nach dem Ideal, nach den Ideen, die Gott in sich trägt. Das ist die Wahrheit in Gott. Die Schöpfung entspricht dem Plane Gottes.

Nun schafft Gott den Menschengeist, und der Menschengeist ist ja ein Abbild des göttlichen Geistes. Er soll die Wahrheit erkennen, und das ist ihm in erstaunlichem Maße gelungen. Wir können dankbar und stolz sein auf die Errungenschaften des menschlichen Geistes. Sie betreffen vor allem die Güter dieser Erde, die Schöpfung, die Technik. Das sind alles wunderbare Errungenschaften des menschlichen Geistes. Wenn der Mensch nicht fähig wäre, die Wahrheit zu erkennen, dann wäre die Technik unmöglich, denn die Technik muss sich der Wirklichkeit, der Natur, den Gesetzen der Natur anschließen. Aber auf anderen Gebieten haben die Erbsünde und die Leidenschaften der Menschen weniger zur Wahrheitsfindung beigetragen. Die Menschen sind auf diesen Gebieten von ihren Interessen geleitet, und so haben sie Gott nicht zu erkennen gewusst, obwohl er ihnen offenbar war, und sie haben seinen Willen nicht zu erkennen verstanden, obwohl er ihnen zugänglich war. Leidenschaften, Lüste, Interessen haben sie auf Abwege geführt. Sie haben Gott zu Fetischen gemacht, mit Tieren verglichen, ein goldenes Kalb sich als Gott geschaffen, so dass in dieser Ratlosigkeit mancher das Wort des Pilatus wiederholt hat: „Was ist Wahrheit?“ Und so hat der große, der herrliche Plato, einmal gesagt oder geschrieben: „Wir müssen warten, dass irgendeiner kommt und uns unterrichtet über die Art und Weise, wie wir im Hinblick auf die Götter und die Mitmenschen zu handeln haben. Nur Gott kann Aufklärung geben.“ So hat der weise Plato geschrieben.

Wenn das schon für die natürliche Erkennbarkeit Gottes gilt, dann erst recht für das innergöttliche Leben. In das innergöttliche Leben vermag der menschliche Geist bei allem Bemühen nicht einzudringen. Das innergöttliche Wesen kann nur von Gott selbst geoffenbart werden. „Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“ Da muss Gott selbst kommen, um uns Aufschluß über sein inneres Leben zu geben, und das nennen wir Offenbarung. Offenbarung ist ein Geschehen in Wort und Tat, in dem Gott selbst uns über sich, über sein Leben, über seinen Willen belehrt. Offenbarung ist das In-Erscheinung-Treten der Wahrheit Gottes. Diese Offenbarung vollzog sich im Alten Bunde hauptsächlich durch Propheten. Sie haben den Willen Gottes dem Volke Gottes unterbreitet. „Oft und vielmals hat Gott einstmals durch die Propheten geredet, am Ende der Tage aber durch seinen Sohn.“ Das ist der Unterschied, den die Mohammedaner nicht zugeben wollen, dass Christus nicht nur der letzte der Propheten ist, sondern der auf Erden erschienene Sohn Gottes. „Durch Jesus Christus kam die Wahrheit“, sagt Johannes, weil er die Wahrheit ist. „Wir haben sein Wirken gesehen, voll der Gnade und Wahrheit.“ So schließt er sein Evangelium. Und Jesus selbst bezeugt es immer wieder, etwa bei dem Gespräch mit Nikodemus: „Wir reden, was wir wissen. Wir tun euch kund, was wir gesehen haben.“ Ja, der Eingeborene, der am Herzen des Vaters geruht hat, der vermag Kunde von ihm zu bringen. Und so kann Jesus von sich sagen: „Ich bin die Wahrheit. Ich bringe sie nicht nur; ich bin die personale Wahrheit.“

Zwischen der Wahrheit Gottes, die uns in der Offenbarung zugänglich ist, und den Erkenntnissen des menschlichen Geistes kann ein wahrer Widerspruch nie bestehen. Denn das eine wie das andere stammt von Gott. Wenn irgendwo ein Widerspruch zu entstehen scheint, dann liegt das entweder darin, dass die Menschen sich irren oder dass die Offenbarung falsch ausgelegt wird. Ein echter Widerspruch zwischen der Wirklichkeit und Wahrheit Gottes und den Erkenntnissen des Menschen ist ausgeschlossen. „Dazu bin ich in die Welt gekommen, dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe.“

Und das ist der Wille Gottes, dass die Wahrheit bei den Menschen bleibe. Sie soll nicht untergehen; sie soll nicht verfälscht werden. Deswegen hat der Herr ein Lehramt eingesetzt, ein unfehlbares Lehramt, das die Wahrheit Gottes bewahrt. Das ist die Kirche, die ein unfehlbares Lehramt in sich trägt. Der Berliner Großstadtapostel Carl Sonnenschein, ein unvergleichlicher Mann, hat einmal den schönen Satz geschrieben: „Ich bezahle keine Kirchensteuer für eine Kirche, die auf ihrem Fachgebiet nicht unfehlbar ist.“ Ich füge hinzu: Ich auch nicht! Seinen Aposteln hat der Herr dieses Lehramt übertragen. Er nennt sie ja das „Licht der Welt“, das Licht, weil sie die Wahrheit tragen. „Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf. Wo man euch nicht aufnimmt, da schüttelt auch noch den Staub von den Füßen. Ich sage euch: Jener Stadt wird es erträglicher ergehen als Sodoma und Gomorrha.“ Aber freilich, so müssen wir fragen: Herr, bedenkst du, was du tust, indem du uns fehlbaren Menschen auslieferst? Indem du uns auf die Verkündigung fehlbarer Menschen verpflichtest? Nein, sagt der Herr, nein: Wer euch hört, hört mich. Nicht ihr seid es, die da reden, sondern der Geist Gottes ist es, der in euch und durch euch redet. Er hat der Kirche einen Garanten gegeben, einen Bürgen der Wahrheit. Wir nennen ihn den Heiligen Geist. „Er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ Nicht Menschenwissen garantiert die Wahrheit, sondern die Kraft des Geistes. Gottes Heiliger Geist selbst trägt Sorge, dass die Wahrheit in der Kirche nicht untergeht. „Gehet hin in alle Völker und lehret sie, machet sie zu meinen Schülern. Und ich bleibe bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ Und zugleich auch die Drohung: „Wer glaubt und sich taufen lässt, der wird gerettet werden. Wer nicht glaubt, wird verdammt werden.“

So haben die Christen, so haben die Apostel den Auftrag Christi übernommen. So haben sie mit ihrem Zeugnis für die Wahrheit bereitgestanden. Die jüdische Behörde versuchte sie zum Schweigen zu bringen mit Drohungen, mit Peitschenschlägen. Und was sagt Petrus vor dem Hohen Rat: „Urteilt selbst, ob es recht ist, Menschen mehr zu gehorchen als Gott! Wir können nicht schweigen von dem, was wir gesehen und gehört haben.“ Und der Apostel Paulus, das auserwählte Werkzeug, das Gott zu den Heiden geschickt hat, Paulus sagt: „Wenn ein Engel vom Himmel kommt und ein anderes Evangelium verkündet, als ich es verkündet habe, der sei im Banne!“ Der Apostel Paulus weiß, dass er zu überliefern hat, was er selbst überkommen hat. Im 1. Korintherbrief steht der fundamentale Satz, der das Traditionsprinzip der katholischen Kirche formuliert: „Ich habe euch überliefert, was ich selbst überkommen habe.“ Die Frohe Botschaft muss so weitergetragen werden, wie sie von den Altvorderen vorgetragen worden ist. Und als Paulus in Milet die Vorsteher der Kirche von Ephesus versammelt, da sagt er zu ihnen: „Seid wachsam! Wachet über die Reinerhaltung der Lehre Christi!“

Die Kirche hat zu allen Zeiten sich gegen Irrlehrer wehren müssen. Es gibt keine einzige Periode der Kirchengeschichte, in der nicht Irrlehrer aufgetreten wären. Und die Kirche hätte es leicht gehabt, sich mit den Irrlehrern zu arrangieren, sie irgendwie in sich aufzunehmen, wie mir neulich ein Theologieprofessor sagte: „Die Kirche hätte auch mit Küng noch in ihren Reihen leben können.“ Nein, das kann sie nicht. Sie muss die Irrlehrer ausscheiden. Als der große, gewaltige Arius auftrat im 4. Jahrhundert und immer mehr Anhang gewann und die Staatsmacht ihn stützte, da schien die Lehre Christi, da schien das Evangelium verdunkelt zu werden. Aber siehe da, in Nizäa versammelten sich im Jahr 325 318 Bischöfe und formulierten die Lehre über Christus: „Gott von Gott, wahrer Gott vom wahren Gott. Gezeugt, nicht geschaffen. Eines Wesens mit dem Vater.“ Und so hat sich die Kirche in allen Jahrhunderten abgesetzt von den Irrtümern. So laut auch die Irrlehre klingen mag, die Stimme der Kirche dringt durch. Sie bleibt bei ihrer Lehre.

Wo, meine lieben Freunde, treffen wir auf das Lehramt der Kirche? Nun ja, zunächst in den Priestern und Theologen. Sie sind zwar nicht das Lehramt, aber sie haben teil am Lehramt. Das Lehramt sendet sie aus, gibt ihnen die kanonische Sendung, wacht über sie und kontrolliert sie, wenn es seine Aufgabe recht erfüllt. Wenn Priester und Theologen Falsches lehren, ist es Pflicht der Träger des Lehramtes, sie zurechtzuweisen, im Notfalle sie auszuscheiden aus der Kirche. Die Gläubigen haben das Recht, Irriges lehrenden Verkündigern zu widersprechen und sie den Bischöfen anzuzeigen. Die Träger des Lehramtes sind die Bischöfe. Sie sind authentische, d.h. mit Autorität begabte Zeugen der Wahrheit. Sie sind die Träger des Lehramtes. An sie sind wir gewiesen, auf sie müssen wir hören. Aber nur unter einer Bedingung, nämlich dass sie Gottes Wahrheit vortragen. Und wenn sie dies nicht tun? Wir haben Mittel, Wahres von Falschem zu unterscheiden. Wenn ein Bischof Irriges lehrt, halten wir uns an die Tradition. Die überkommene Lehre der Kirche steht fest, und wenn wir uns an sie halten, bleiben wir in der Wahrheit. Wir kennen die Urkunden der Lehrverkündigung. Es gibt Bücher, in denen die Lehrentscheide der Kirche gesammelt sind, auch in deutscher Sprache. An ihnen können wir nachprüfen, ob ein Bischof in der Lehrtradition der Kirche steht oder ob er aus ihr herausgefallen ist. Und wenn sich der Bischof durch die Vorhaltungen des Volkes nicht umstimmen lässt, dann haben wir ein letztes Mittel: Wir wenden uns an den Heiligen Vater. Ihm untersteht die gesamte Lehre der Kirche; er ist der oberste Hirt, auch in der Lehre. Er besitzt ein unfehlbares Lehramt.

Wie äußert sich das unfehlbare Lehramt der Kirche? Nun, es kann sich auf zweifache Weise äußern, einmal durch die ordentliche Lehrverkündigung und zum anderen durch die außerordentliche Lehrverkündigung. Wenn alle Bischöfe einheitlich mit dem Papst eine Lehre als zum Glauben der Kirche gehörig verkünden, dann gehört sie zum Glauben der Kirche, und dann ist das ein Dogma. Es gibt eine Dogmatisierung durch das ordentliche allgemeine Lehramt der Kirche. Es gibt aber auch einen anderen Weg, wie Glaubenswahrheiten festgestellt werden, nämlich durch das außerordentliche Lehramt. Wenn ein Allgemeines Konzil mit dem Papst an der Spitze oder wenn der Papst allein mit seiner höchsten Lehrautorität eine Wahrheit als vom Heiligen Geist geoffenbart der ganzen Kirche zu glauben vorlegt, dann ist das eine Dogmatisierung, dann entsteht dadurch ein Dogma. Wir haben es am vergangenen Freitag von dieser Stelle aus gehört: Die letzte Dogmatisierung, die letzte Feststellung eines Glaubenssatzes, der von allen zu halten ist, war die Verkündigung der Aufnahme Mariens mit Leib und Seele in den Himmel. Am 1. November 1950, mit Tag und Stunde können wir angeben, dass der Geist der Wahrheit durch Pius XII. uns ein Dogma, das Dogma von der Assumptio Beatae Mariae Virginis, beschert hat.

Es ist irrig, wenn man meint, ein Konzil sei mehr wert als der Spruch des Papstes. Ein Konzil ist gefüllter, weil eben viele Bischöfe versammelt sind, aber es ist nicht mächtiger. Es ist auch irrig, zu meinen, ein Konzil stehe über dem Papst. Es kann ein Konzil nur geben mit dem Papst. Ein Konzil, das sich vom Papst löst, ist kein Konzil mehr, sondern eine Bischofsversammlung. Ihr fehlt das Haupt, sie ist kopflos. Der ganze Streit über die Superiorität, über die Überlegenheit des Konzils über den Papst, ist sinnlos. Wenn der Papst einer konziliaren Entscheidung nicht beitritt, dann ist das Konzil leer, dann ist die Entscheidung unverbindlich. Es kann keine Konzilsentscheidung geben, der die Zustimmung des Papstes fehlt. Der Papst vermag auch Konzilsbeschlüsse zu ändern. Alles, was kein Dogma ist, ist dem Papste zur Veränderung preisgegeben. Es ist deswegen töricht, wenn heute gesagt wird, Benedikt XVI. gehe hinter das Konzil zurück. Erstens tut er das nicht und zweitens, wenn er es täte, wäre es sein gutes Recht. Nicht das Konzil steht über dem Papst, sondern der Papst ist der oberste Herr auch des Konzils.

Und so ist es immer in der Kirche geglaubt worden, auch gegen alle Anwürfe. Am Anfang des 2. Jahrhunderts schreibt Ignatius von Antiochien, als er auf dem Wege nach Rom war, um von den Tieren zerrissen zu werden: „Was die römische Kirche, die Vorsitzende des Liebesbundes, lehrt und vorschreibt, das will auch ich unantastbar halten.“ Und der heilige Irenäus, der ja nur wenig später gelebt hat, schreibt in seinem Buch „Gegen die Häresien“: „Mit dieser Kirche Roms muss wegen ihres höheren Vorrangs eine jede Kirche übereinstimmen.“ Papst Zosimus erklärt im Jahre 417: „An Unserem Urteilsspruch kann keiner etwas ändern.“ Und so entstand das schöne Wort: „Roma locuta, causa finita“ – Wenn Rom gesprochen hat, dann ist die Sache erledigt.

Und worüber, meine lieben Freunde, worüber hat das kirchliche Lehramt zu bestimmen? Es hat zu wachen über die Reinerhaltung der von Christus an die Apostel übergebenen Offenbarungswahrheit, auch über alle geschichtlichen, philosophischen und das praktische Leben betreffenden Wahrheiten, die in unlösbarem Zusammenhang mit der Offenbarung stehen. Das Lehramt hat ebenso über das Sittengesetz zu wachen, denn das Sittengesetz ist ein Bestandteil der Glaubenslehre. Es heißt immer in den Verkündigungen der Kirche, dass, wenn der Papst als oberster Lehrer entscheidet „in Glaubens- und Sittenfragen“, die Gläubigen daran gebunden sind. Hier haben manche Schwierigkeiten. Die Sittenlehre der Kirche erscheint ihnen zu anspruchsvoll. Sie schneidet ja tief ein in Leben, nicht wahr, vor allem, wo es um die geschlechtliche Sittlichkeit geht. Aber, meine Freunde, Grundsätze dürfen nicht daran gemessen werden, ob sie schwer oder leicht sind. Grundsätze müssen daran gemessen werden, ob sie richtig sind. Man dient den Menschen am besten, wenn man der Wahrheit dient.

So steht gewaltig das Lehrgebäude der Kirche vor uns. Bricht ein Dogma heraus, stürzt der ganze Bau zusammen. Entweder du nimmst jedes Dogma gläubig an, oder du verwirfst Christus. Das ist die Alternative. Dogmen sind gewaltig wie Gott, wie die ewige Wahrheit. Sie haben auf dem Amboß gelegen und sind durch die Jahrhunderte geschmiedet worden. Für den Glauben sterben zu dürfen, war stets die höchste Sehnsucht Tausender. Wir können der Kirche sagen: Führe sie heran, deine flores martyrum, deine Blüten der Martyrer, deine Söhne und Töchter, die im glutenden Rot ihres Blutes für den Glauben Zeugnis abgelegt haben. Die Scharen aus der Arena Roms. Alle, die den heiligen Boden unseres Vaterlandes befruchtet haben, wie Bonifatius. Die Martyrer Englands, die nur einem einzigen Dogma hätten abzuschwören brauchen, um ihr Leben zu retten. Aber sie haben ihm nicht abgeschworen. Die Neuchristen und die Glaubensboten in den weiten Missionsgebieten Japans bis Kanadas. Schließlich die Martyrer der jüngeren Zeit in Mexiko, in Russland, in Spanien, in China. Sie alle haben mit ihrem Blute Zeugnis gelegt für die Wahrheit, die Gott durch Christus uns übermacht hat. An ihr wollen wir festhalten bis zum letzten Atemzug unseres Lebens.

Amen.

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Die Bedeutung des Festes Maria Himmelfahrt

15.08.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte, zur Feier der Aufnahme Mariens in den Himmel Versammelte!

Am 1. November 1950 hat Papst Pius XII. auf dem Petersplatz in Rom als feierliches Dogma verkündet: „Die Lehre, dass Maria nach Vollendung ihres irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden ist, ist eine Glaubenswahrhit, die von Gott geoffenbart ist.“ Die Kirche hatte schon lange vorher an diese Wahrheit geglaubt. Aber das Neue, was jetzt dazu kam, war die untrügliche Gewissheit, dass es sich dabei nicht um eine fromme Meinung handelt, sondern um ein von Gott geoffenbartes Dogma. Durch die Verkündigung dieser Glaubenswahrheit hat Gott uns eine gewaltige Fülle von Belehrungen erteilt.

Die Geschichte bis zu der Definition Pius’ XII. ist lang. Seit dem 4./5. Jahrhundert ist dieser Glaube in der Kirche nachweisbar. Der Kirchenlehrer Epiphanius etwa fragt im 4. Jahrhundert, ob Maria unsterblich gewesen sei, und im 4./5. Jahrhundert taucht auch eine Schrift auf, die erste Schrift, die wir zu diesem Thema haben: „Transitus Beatae Mariae Virginis“ – Der Übergang Mariens von der Erde in den Himmel. Zuerst wurde dieses Fest in der Ostkirche begangen. Der Kaiser Marikius hat es zu einem für das ganze Byzantinische Reich vorgeschriebenen Fest erklärt. Und bald finden wir es auch in Rom. Der Papst Sergius hielt an diesem Tage eine Prozession und bekannte sich damit zu diesem Glauben.

Es geht bei der Aufnahme Mariens in den Himmel nicht um eine fromme Meinung, sondern um eine definierte Glaubenswahrheit. Pius XII. hat mit aller Sorgfalt, die für eine Definition vorgeschrieben ist, erforscht, ob diese Glaubenswahrheit von der ganzen Kirche erkannt und anerkannt wurde. Im Jahre 1946 hat er eine Befragung aller Bischöfe der katholischen Kirche durchgeführt, ob sie der Meinung sind, dass diese Lehre feierlich als Dogma verkündet werden kann. 1169 Bischöfe bejahten diese Frage, 22 hatten Bedenken, aber nur 6 davon bezweifelten den Inhalt, die anderen waren lediglich in Unsicherheit über die Zweckmäßigkeit einer solchen Definition. In jedem Fall hat Pius XII., gestützt auf dieses Votum der ganzen lehrenden Kirche, am 1. November 1950 das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel verkündet. Das ist die erste Dogmatisierung seit der Feststellung der päpstlichen Unfehlbarkeit auf dem I. Vatikanischen Konzil. Damals hat sich die ganze Kirche dazu bekannt, dass der Papst, wenn er als oberster Hirt eine für alle verbindliche Wahrheit festlegt, im Besitze der persönlichen Unfehlbarkeit ist.

Ich habe diese Dogmatisierung lebendig miterlebt und auch die Einwände gehört, die sich gegen diese Dogmatisierung wendeten. Es waren vor allem zwei, nämlich einmal wurde gesagt, ein solches Dogma müsse von einem Konzil verkündet werden und dürfe nicht von einem Einzelnen, nämlich dem römischen Papst, der Kirche vorgelegt werden. Dieser Einwand ist nicht stichhaltig. Der Papst ist im Besitze des unfehlbaren Lehramtes. Wenn er mit höchster Verbindlichkeit und letztgültig spricht, dann spricht in ihm und durch ihn die unfehlbare, irrtumslose Kirche. Im Wahrspruch des Papstes, der ja das Haupt der Kirche ist, ist gleichsam die Gesamtkirche zusammengefasst; in ihm verdichtet sich ihre Irrtumslosigkeit. Man kann in einem richtigen Sinne sagen: Der Papst ist die Kirche, weil er das Haupt der Kirche ist und die Kirche durch ihn redet.

Der zweite Einwand betraf die Tatsache, dass diese Wahrheit nicht ausdrücklich in der Heiligen Schrift ausgesprochen ist und durch die Tradition verhältnismäßig spät bezeugt ist. Auch dieser Einwand ist nicht stichhaltig. Die Kirche schöpft ihre Wahrheit nicht ausschließlich aus der Heiligen Schrift. Gleichberechtigt neben ihr steht die Tradition. Das Konzil von Trient hat gelehrt, dass Schrift und Tradition „pari pietatis affectu“ behandelt werden müssen; mit der gleichen Ehrfurcht müssen Schrift wie Tradition von der Kirche angenommen werden. Ja noch mehr. Die Schrift ist jünger als die Tradition. Die Tradition ist älter als die Schrift. Bevor auch nur ein einziges Evangelium geschrieben war, wurde die Wahrheit um Jesus verkündet. Die mündliche Verkündigung geht der schriftlichen Niederlegung voraus. Die Kirche weiß darum, dass sie auf zwei Quellen des Glaubens ruht, auf der Schrift und auf der Überlieferung. In der Schrift sind häufig nur Spuren, Hinweise für die Dogmen enthalten. Aber sie genügen. Von dem Dogma der Aufnahme Mariens in den Himmel sagt der Heilige Vater: „Inititur“ – sie stützt sich auf die Schrift. Wir werden gleich sehen, wieso sie sich auf die Schrift stützen kann.

Der Kirche ist das Gesetz der Entwicklung eingeboren. Entwicklung heißt, dass etwas vorhanden ist, aber noch nicht offenbar gemacht ist, das erst im Laufe der Zeit „ausgewickelt“ wird. Es ist eingewickelt da, aber es muss entwickelt, es muss ausgewickelt werden. Vieles wurde in früheren Zeiten nur einschlußweise geglaubt, was später ausdrücklich anerkannt wurde. Die Ablehnung der Lehre des Dogmas von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel hat auch in einer bei manchen Christen vorhandenen Allergie gegen Maria ihren Grund. Katholischer Glaube, meine lieben Freunde, ist unvollständig ohne die Wahrheit über die Mutter unseres Herrn. Katholische Frömmigkeit ist undenkbar ohne Verehrung der allerseligsten Jungfrau. Auch ungenügende oder falsche Vorstellungen über das Jenseits können zur Abweisung dieses Dogmas führen. Wir, die wir gläubig sind und belehrt wurden vom Herrn, wissen, die Erde ist eine Stätte des Durchgangs zur Ewigkeit. Wer hier in Geist und Leben sich zum Herrn bekannt hat, den erwartet er im Jenseits. Die Seligkeit des Himmels umfasst vorläufig nur die Seelen der Verstorbenen, aber sie wird einmal auch den verklärten Leib umfassen. Und das Dogma von der Aufnahme Mariens in den Himmel macht uns gewiß, dass der Leib einen bleibenden Wert hat, einen gottgegebenen Sinn und eine unvergängliche Würde.

Gerade in unserer Zeit der Verbrauchshaltung gegenüber dem Leib, in unserer Zeit der überbordenden Leibespflege, in unserer Zeit des Missbrauchs des Leibes ist es besonders wertvoll, zu wissen: Unser Leib ist bestimmt, einmal an der Seligkeit, der Glorie Gottes teilzunehmen. Einmal wird das vollkommene göttliche Leben auch in unserem Leibe durchbrechen, und das ist bei einer von uns schon geschehen, bei Maria.

Welches sind nun die Gründe, weshalb die Kirche diesen Glauben an die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel festhält? Der erste Grund ist ihre Freiheit von der Sünde. Der Zerfall des Leibes, der Tod, ist ja eine Straffolge der Sünde. Maria aber ist die Sündlose. Sie ist die unbefleckt Empfangene, die in ihrem Leben sündlos geblieben ist. Sie war also geeignet, ja berufen, dass ihr Leib nicht die Verwesung schauen musste, sondern alsbald in die Herrlichkeit des Himmels eingeführt wurde.

Der zweite Grund für die Unverweslichkeit des Leibes Mariens ist ihre Gottesmutterschaft. Sie hat dem Erlöser den Leib bereitet. Aus ihr ist der Erlöser ein Mensch geworden. Deswegen war es geziemend, dass ihr Leib das Los des Leibes Jesu teilte, d.h. nicht verweste, sondern verwandelt und erhöht wurde.

Ein dritter Grund für die Verklärung des Leibes Mariens ist ihre immerwährende Jungfräulichkeit. Wir sind mit der Kirche überzeugt, dass Maria vor der Geburt, in der Geburt und nach der Geburt jungfräulich blieb durch ein Wunder, durch ein unbegreifliches Wunder Gottes. Sie war also unversehrt in Jungfräulichkeit, und deswegen war es geziemend, dass ihr Leib nach dem Tode nicht der Zerstörung anheimfiel.

Und schließlich können wir noch einen vierten Grund für ihre Unverweslichkeit anführen: Sie war Mitarbeiterin am Heilswerke Christi. Sie hat teilgenommen am Werke des Erlösers. Sie hat ihn geleitet und begleitet. Sie stand unter dem Kreuze, und sie war im Abendmahlssaal versammelt, als der Heilige Geist herabkam. Das zeigt ihre innige Verbindung mit dem Werke Christi, und deswegen sollte sie auch die volle Erlösung erfahren. Maria ist die radikal Erlöste, die Vorerlöste, die Vollerlöste. In ihr verehren wir die ganzheitliche Erlösung, wie sie allen Menschen verheißen ist. Sie ist der Mensch, der sich mit letzter Konsequenz der Dienstbarkeit Gottes verschrieben hat und sich in den Dienst der Erlösung der Welt gestellt hat. An ihr können wir ablesen, was den Menschen, was uns bestimmt ist. Wir gehen nicht der Zerstörung entgegen, auch wenn wir uns vom Leibe trennen müssen, wir gehen der Seligkeit entgegen, in die Maria bereits aufgenommen ist mit Leib und Seele. Sie wartet auf uns, und sie geleitet uns. Zu ihr geht unser Rufen, zu ihr geht unser Weinen, zu ihr geht unser Flehen: „Du himmlische Mutter, du Königin des Himmels, die mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Vaters Aufgenommene, sieh unsere Not!“

Amen.

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Das Hirtenamt der Kirche

24.08.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Am vergangenen Sonntag haben wir uns Gedanken gemacht über das Lehramt Christi und seiner Kirche, und wir haben erkannt, dass durch die Garantie des Heiligen Geistes dieses Lehramt bei den höchsten und letzten und endgültigen Entscheidungen mit der Gabe der Unfehlbarkeit ausgestattet ist. Nun ist es recht und gut, die Wahrheit zu wissen. Aber das genügt nicht. Man muss auch die Wahrheit tun. Man muss nach dem leben, was man glaubt, und dazu braucht es eine Führung. Diese Führung gewährt uns der Herr, und diese Führung hat er seinen Aposteln vermacht.

Gott ist ein Gott der Ordnung. In der Dreifaltigkeit sind drei Personen zu einer einzigen Natur verbunden, eine einzige Natur in drei Personen. In der Dreifaltigkeit herrscht eine wunderbare Ordnung. Als Gott daran ging, eine Welt zu schaffen, hat er einen Kosmos hervorgebracht, d.h. ein Gebilde, das in sich eine heilige Ordnung trägt. Die Sterne ziehen nach festliegenden Gesetzen ihre Bahnen. Ich erinnere mich, wie es uns in der Schule heiß aufging, als uns der Physiklehrer die Kepler’schen Gesetze erklärte, die Gesetze, die abgelesen sind von den Bahnen der Gestirne. Und in der ganzen übrigen Welt herrschen die Gesetze, die die Chemie und die Biologie zu entschlüsseln versuchen. Gott ist ein Gott der Ordnung.

Er will auch, dass der Mensch einer Ordnung folge, und so hat er in ihn ein Gesetz hineingelegt, das wir das Gewissen nennen. Mit dem Gewissen soll der Mensch Ordnung in sein Leben bringen, dass er also die Dinge recht gebrauche mit Maß und Ziel, dass er in seiner Familie und in der Gemeinschaft des Staates Frieden und Eintracht halte, dass er seinen Gott verehre und auf diese Weise zum ewigen Leben gelange. Die Menschheit ist freilich durch Leidenschaft und Gottvergessenheit immer wieder abgeirrt vom Wege Gottes, und so hat Gott ihr die Gebote gegeben, die Gebote vom Berge Sinai, die auf steinerne Tafeln geschrieben waren, die aber noch viel mehr ins Herz des Menschen eingebrannt sein sollen.

Schließlich erschien Gottes Sohn selbst auf dieser Erde. Von ihm gilt das Wort des Vaters: „Dieser ist mein geliebter Sohn. Ihn sollt ihr hören.“ Christus ist der von Gott gesandte Führer der Menschheit. Und es ist wie ein Echo dieses Auftrages, wenn er selbst sagt: „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden.“ Er hat den Menschen das Gesetz des Neuen Bundes gegeben, das Gesetz der Liebe. Er hat auch das natürliche Sittengesetz wiederhergestellt. „Am Anfang war es nicht so“, sagt er den Juden, als sie ihm mit der Ehescheidung kommen. Der Herr ist Richtschnur durch sein Wort, aber auch durch sein Beispiel. „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, dass ihr tun sollt, wie ich euch getan habe.“ Wahrhaftig, der Herr ist der Weg, der die Menschheit emporführen soll zu ihrem ewigen Glücke.

Nach seiner Himmelfahrt hat er andere bestellt, die in seinem Namen die Menschen führen sollen. Wir nennen sie Apostel. Sie sind die Menschheitserzieher. „Gehet hin und lehret alle Völker und macht sie zu meinen Schülern.“ So heißt nämlich die wörtliche Übersetzung des griechischen Ausdrucks: „Macht sie zu meinen Schülern.“ „Und lehret sie alles halten, was ich euch geboten habe.“ So ist die Kirche von Christus ausgestattet worden mit einer Regierung, mit einer Führung. Jede Gemeinschaft, die geordnet sein soll, benötigt eine Führung. Wenn wir die Briefe der Apostel aufschlagen, so sehen wir, dass es in der Urkirche Autoritäten gab, erst die Apostel, dann die Apostelschüler, die von ihnen eingesetzt wurden. Und so ist es bis heute geblieben. Es gibt in der Kirche eine Hierarchie, eine Führergemeinschaft, die vom Priester über den Bischof zum Heiligen Vater geht. Auch für diese Führung, auch für die Regierung der Kirche gilt das Wort: „Ich bin bei euch alle Zeit bis ans Ende der Welt.“

Aber im Unterschied zum Lehramt ist ein bedeutender Unterschied festzustellen, nämlich der Herr hat der Regierung der Kirche keine Unfehlbarkeit verheißen. Die Unfehlbarkeit bezieht sich auf die Lehre, in der Regierung müssen sich die Hirten der Kirche selbst den Weg suchen. Sie müssen lernen, wie man regiert. Allerdings frage ich mich, wo haben unsere Bischöfe das Regieren gelernt? Der Herr hat auch das Ideal des rechten Führers aufgestellt, nämlich es ist der Hirt, es ist der gute Hirt. Die Führer des christlichen Volkes werden von ihm als Hirten bezeichnet. Wir alle kennen das Bild des Hirten, wie er seiner Herde von Schafen oder Rindern voranzieht, wie er sie geleitet, wie er sie auf die Weide bringt, wie er sie schützt und wie er sie verteidigt. So sollen die Hirten der Kirche Lenker ihrer Gemeinden sein, Lenker des christlichen Volkes, die für ihre Gläubigen sorgen. Ja, der Herr hat den höchsten Anspruch an seine Hirten gestellt: „Der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe.“ Das ist im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder erfolgt, meine lieben Freunde. Als die Rote Armee im Frühjahr 1945 nach Schlesien eindrang, da haben viele, allzu viele nichtkatholische Geistliche das Feld geräumt. Die katholischen Priester sind bei ihrer Herde geblieben. 60 von ihnen – 60! – haben diesen Schutz mit dem Leben bezahlt. Das Gegenteil vom guten Hirten ist der Mietling. Der Mietling flieht, wenn der Wolf kommt. Der Mietling hat Mangel an Verantwortung. Der Mietling ist auf seine eigene Sicherheit bedacht und nicht auf das Wohl seiner Herde. Deswegen flieht er.

 Zur regierenden Gewalt gehört die Gesetzgebung. Eine Gemeinschaft braucht Gesetze. „Was ihr auf Erden binden werdet, das ist auch im Himmel gebunden, und was ihr auf Erden löst, das ist auch im Himmel gelöst.“ Hier wird den Aposteln die Gesetzgebungsgewalt übertragen. Sie haben sie ausgeübt von Anfang an. Eine der schwersten Fragen in der Urkirche war, ob die Christen die jüdischen Zeremonialgesetze beobachten müssten. Die einen sagten ja, die anderen sagten nein. Die Apostel kamen zusammen zum Apostelkonzil in Jerusalem, und dort wurde die Entscheidung gefällt: „Es hat dem Heiligen Geist und uns gefallen, euch weiter keine Lasten aufzuerlegen.“ Solche Gebote hat die Kirche im Laufe der Jahrhunderte immer wieder erlassen. Sie hat veraltete abgeschafft, sie hat neue gegeben. Sie hat ein eigenes Gesetzbuch hervorgebracht, das von Juristen als „Ausbund der Weisheit und der Klarheit“ gerühmt wurde.

Als wir Kinder waren, lernten wir die fünf Kirchengebote, also: Du sollst die gebotenen Feiertage halten! Du sollst an Sonn- und Feiertagen eine heilige Messe mit Andacht hören! Du sollst die gebotenen Fast- und Abstinenztage halten! Du sollst wenigstens einmal im Jahre deine Sünden beichten! Du sollst wenigstens einmal die heilige Kommunion empfangen! Das sind wichtige, grundlegende Gebote des religiösen Lebens des katholischen Christen. Aber darüber hinaus gibt es noch viele andere Gebote. Die Sakramente, der Gottesdienst sind mit Geboten umgeben, um dafür zu sorgen, dass das Heilige heilig gehalten wird. Es hat immer Leute gegeben, welche die kirchlichen Gebote geringschätzen. Im 18. Jahrhundert – und das ist beglaubigt – hat einmal ein Höfling, ein Hofmann, zu König Ludwig XVI. von Frankreich, der ein guter Christ war, gesagt, man brauche die Fastengebote der Kirche nicht zu beachten, das seien ja rein menschliche Gesetze. Darauf erwiderte der König: „Ich habe noch nie gesehen, dass einer, der sich über die Gebote der Kirche hinwegsetzt, die Gebote Gottes heilig gehalten hätte.“

Der Gesetzgeber muss auch über die Einhaltung seiner Gebote wachen. Und so gibt es in der Kirche auch eine Zuchtgewalt, eine Ordnungsgewalt, eine Strafgewalt, eine Gerichtsbarkeit. Das ist schon in der Urkirche bezeugt. In Korinth war ein Mann, ein Christ, der mit seiner Schwiegermutter geschlechtlich zusammenlebte. Das galt als Blutschande. Die Oberen in Korinth scheinen nicht rechtzeitig eingegriffen zu haben; da meldet sich Paulus zu Wort und sagt: „Der Täter muss ausgestoßen werden aus der Gemeinde.“ So hat die Urkirche eine strenge Bußpraxis eingerichtet. Der öffentliche Sünder wurde ausgeschlossen, oft für lange Jahre, und es wurde nur eine einmalige Wiederzulassung gewährt. Diese strenge Zucht hat dafür gesorgt, dass die Christen von ihrer Umgebung bewundert wurden, dass die Verteidiger des Christentums in ihren Verteidigungsschriften auf das makellose Leben der Christen hinweisen konnten. Weichheit und Nachgiebigkeit haben der Kirche noch nie gedient, meine lieben Freunde, und wir hören mit Freude, dass der Bischof von Limburg den Bezirksdekan von Wetzlar abgesetzt hat, weil er etwas getan hat, was kein katholischer Priester tun darf, nämlich homosexuelle Gemeinschaften segnen. Wir danken ihm für diesen Dienst, den er dem Volke Gottes erwiesen hat. Wer alles durchgehen lässt, der dient nicht der Gemeinschaft, sondern der dient dem Gesetzesbrecher.

Eine andere Frage ist, wie weit die Kirche sich in irdische Sachgebiete mit ihrer Gewalt, mit ihrer Hirtenautorität einmischen darf. Natürlich, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Staat sind zunächst einmal in einem bestimmten Bereich autonom, d.h. sie folgen ihren eigenen Gesetzen. Aber darüber hinaus hat die Kirche ein Wächteramt, ein öffentliches Wächteramt. Sie hat dafür zu sorgen, dass die Gebote Gottes, die Gebote der gottentstammten Natur in diesen Sachbereichen beobachtet werden. Früher sprach man von der potestas indirecta, von der mittelbaren Gewalt der Kirche über die zeitlichen Angelegenheiten. Der Ausdruck ist nicht mehr üblich, aber die Sache ist geblieben. Auch diese Sachgebiete unterstehen der Hirtenaufgabe der Kirche. Denken wir etwa, wenn die Kirche ihre Stimme erhebt gegen den Verbrauch von Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen. Da hat die Kirche ihr Wächteramt ausgeübt, und unsere Kirche wiederum allein. Alle anderen beugen ihre Knie vor dem Götzen Baal, nämlich Genuß und Konfliktvermeidung auf dieser Erde. Die Kirche allein ist ungebeugt.

Darüber hinaus hat die Kirche die Gläubigen mit dem rechten Geiste zu erfüllen. Sie muss dafür sorgen, dass die Menschen wissen, was zu tun ist, und dass sie fähig sind, es auch zu verwirklichen. Der rechte Geist ist es, auf den es ankommt. Das hat die Kirche immer getan. Sie ist, als sie entstand, nicht hingegangen und hat gesagt: „Die Sklaverei muss abgeschafft werden. Es ist ein Unrecht, Menschen als Sachen zu behandeln.“ Nein, das hat sie nicht gesagt, sondern sie hat ihre Gläubigen mit einem neuen Geiste erfüllt, mit dem die Sklaverei unverträglich war. Die Nächstenliebe, die in jedem den Bruder sieht, hat dafür gesorgt, dass die Sklaverei abgeschafft wurde. Der große deutsche Rechtslehrer Rudolf von Ihering hat einmal das schöne Urteil abgegeben: „Der eine Satz, dass der Mensch als solcher Rechtssubjekt ist, zu dem das heidnische Recht sich nie erhoben hat, wiegt für die Menschheit mehr als alle Triumphe der Industrie. Ihn hat das Christentum zuerst ausgesprochen und ins Leben eingeführt.“ Ein wahres Ruhmesblatt für unsere heilige Religion.

Das alles, meine Freunde, sind Einzelaufgaben, die dem Hirtenamt der Kirche obliegen. Da fragt freilich der eine oder andere: Warum hat die Kirche nicht mehr erreicht? Zweitausend Jahre wirkt sie ja. Die erste Antwort lautet: Weil die Kirche in jeder Generation, ja bei jedem Menschen neu anheben muss. Gesinnungen und Tugenden vererben sich nicht. Sie müssen neu erworben werden von jedem einzelnen. Jeder muss selbst beginnen, sie zu erwerben. Die zweite Antwort lautet: Weil der Widerstand gegen das Wirken der Kirche viele ihrer Anstrengungen zunichte macht; weil immer wieder zerstört wird, was sie aufbaut. Schauen Sie in die Zeitungen, hören Sie den Rundfunk, blicken Sie in den Fernseher: Dort wird mit allen Kräften versucht, die Botschaft der Kirche zunichte zu machen. Wo die Kirche ein Nein spricht, da sagen diese Medien ein Ja.

Lassen wir uns, meine lieben Freunde, von diesen irrigen Anschauungen nicht anstecken. Lassen Sie uns mit entschiedenem Willen sprechen: Wir wollen an der Hand der Kirche den Weg Christi gehen. Kirche, so wollen wir sagen, du bist die große Führerin, die emporführt über die Niederungen des Lebens. Kirche, du bist die große Führerin aller Zeiten, du bist die große Mutter und Erzieherin. Auf dir schreiten die Jahrhunderte zu Gott.

Amen.

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Die Kirche – siegreich durch Kreuz und Gnade

05.10.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

In der Natur gibt es ein Gesetz, und das hat der Herr in die Worte gefasst: „Wenn das Weizenkorn nicht stirbt, bleibt es allein, wenn es aber stirbt, bringt es viele Frucht.“ Das organische Leben ist durch das Gesetz bestimmt, dass durch Absterben neues Wachstum geschieht. Dieses Gleichnis in der Natur hat der Herr in seinem Leiden auf der übernatürlichen Ebene wahr gemacht. Durch sein heiliges Blut hat er uns erlöst. Der Gottessohn stirbt, damit die Menschen seines göttlichen Lebens teilhaftig werden. Dieses Gesetz muss weitergehen durch das ganze Leben der Christenheit. Immer und immer wieder muss sich das Gesetz erfüllen, denn: „Der Knecht ist nicht über seinem Herrn. Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen.“

Der Herr hat sich große Mühe gegeben, seinen Jüngern diese Lehre nahezubringen. Aber sie verstanden ihn nicht; sie wollten ihn nicht verstehen. Sie wollten mit ihm herrschen, mit ihm triumphieren, die ersten Plätze einnehmen, aber nicht das Kreuz auf ihre Schultern nehmen. Doch hat ihnen der Herr erklärt: „Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt, kann mein Jünger nicht sein.“ Sie verstanden es erst, als der Herr aus dem Grabe erstanden war; denn da begriffen sie, dass Jesus dies alles leiden musste, um so in seine Herrlichkeit einzugehen. Und als dann der Pfingstgeist über sie kam, da waren sie gerüstet, das Kreuz ihres Meisters auf ihre Schultern zu nehmen. Sie gingen „jauchzend“ – so steht es in der Apostelgeschichte – vom Hohen Rate fort, als sie geprügelt worden waren, weil sie gewürdigt worden waren, für den Namen Jesu Schmach zu leiden. Dieses Gesetz hat sich an allen seinen Jüngern erfüllt. Als Paulus sich bekehrte, da erfuhr er aus dem Munde des Ananias: „Ich will ihm zeigen, was er um des Namens Jesu willen leiden muss.“ Und dieses Gesetz hat sich wahrhaft an ihm in überreichem Maße erfüllt. Misshandlungen, Nöte, Gefängnis, Geißelschläge, das alles hat er in großem Maße erduldet. Aber er jauchzte ob dieser Missetaten: „Ich freue mich der Leiden, die ich für euch erdulde, denn ich ersetze an meinem Leibe, was von den Leiden Christi für die Kirche noch aussteht.“ Da hat er das Gesetz begriffen, unter  dem die Kirche angetreten war.

Die Kirche ist ja die Braut Christi, und wenn sie ihrem Bräutigam ähnlich sein will, dann muss sie durch Leiden gehen. Meine lieben Freunde, der Vater im Himmel weiß, warum die Kirche so viele Leiden ertragen muss. Es hat der Kirche noch niemals gut getan, wenn sie längere Zeit einen ungestörten Frieden genießen konnte, wenn Reichtum und Ehrenstellen ihr in Fülle zuteil wurden. Das hat ihr noch nie gut getan. Im Wohlleben geht die Tugend zugrunde. Die Glieder der Kirche erschlaffen, sie werden bequem und leidensscheu, sie passen sich der Welt an, die sie ja an ihren Genüssen teilnehmen lässt. Wie erwirbt ein Priester, wie erwirbt ein Bischof den Beifall der Welt, das Wohlgefallen der Presse? Indem er wichtige, unerlässliche Gegenstände des Glaubens nicht verkündigt, indem er schweigt vom Kreuztragen, von der Sünde, vom Fegfeuer und von der Hölle. Dadurch erwirbt er sich den Beifall der Öffentlichkeit. Indem er ein bequemes Evangelium verkündet: dass man es sich auf der Erde gut gehen lasse, dass man sich nicht anzustrengen brauche, um in den Himmel zu kommen. Wer so predigt, der ist angesehen, ist beliebt..

Aber das ist nicht die Weisung Christi. Er lässt Leiden über die Kirche kommen, damit in diesen Leiden, in der Verfolgung, die Kraft seines Heiligen Geistes wieder in den Menschen aufwache, damit die Menschen zu heldischem Martyrium kommen und Zeugnis geben für das Evangelium. Der Leidensweg der Urkirche begann mit der Steinigung des Stephanus, ein, so meinen wir, unersetzlicher Verlust. Aber nein, der die Kleider der Steiniger bewachte, hieß Saulus, und er wurde von Gott erweckt, damit er an die Stelle des Stephanus trete. Es erfüllt sich in ihm das Gesetz, das fortan über der ganzen Kirchengeschichte steht: Das Blut der Martyrer ist der Same für neue Christen. Das Blut der Martyrer ist der Same für neue Christen.

Wohin die Kirche kam, in das Römische Reich, da galt sie als der Abschaum, als das Verkommenste, was man sich denken konnte, als die Religion der Sklaven. Verfolgung in Jerusalem, Verfolgung in Rom. Rot färbte sich die Arena vom Blute der Martyrer. Und die Christen, die Nero an Pfähle anbinden und anzünden ließ, leuchteten wie Fackeln. Durch drei Jahrhunderte hat die Kirche der Verfolgung unterworfen sein müssen. Zehn Verfolgungen hat sie erlitten. Blutig war der Weg der alten Kirche. Aber eines Tages war er zu Ende, da stieg die Kirche aus den Katakomben, und da wurde das Kreuz zum Siegeszeichen.

Das Schicksal der Urkirche wiederholt sich in der Geschichte. Sooft kühne Glaubensboten vordrangen, wurden sie von den Völkern übel aufgenommen. Die Hölle wollte sich ihren Besitz nicht entreißen lassen. Martyrer in Trier, in Köln, in Mainz, Martyrer in Japan im 17. und 18. Jahrhundert voll grausamer Verfolgungen, Martyrer in Amerika, hingeschlachtet von den Indianern, Martyrer in Afrika, ermordet von Negern. Es ist, als könne der Same des Christentums erst aufgehen, wenn der Boden getauft ist mit dem Blut der Martyrer. Der polnische Kardinal Wyschinski hat einmal das ergreifende Wort geprägt: „Die Erde dürstet nach Priesterblut.“ Heute sind die Christenverfolgungen in Indien an der Tagesordnung. Christen auf der Flucht, Christen verjagt, ihre Häuser angezündet, ihre Kirchen zerstört, ihre Priester ermordet. Ähnlich in Nordkorea und in Vietnam. Und jetzt geht es auch in Lateinamerika los. Der Präsident von Venezuela richtet eine spalterische Sekte auf, um die Kirche zu treffen. Der Präsident von Ecuador baut ein atheistisches Staatswesen auf. Blutig sind die Wunden, die der Kirche durch Diktatoren und diktatorische Regimes zugefügt werden.

Aber noch schmerzlicher leidet die Kirche unter den Irrlehrern. Behutsam sucht sie den Schatz, den Christus ihr vermacht hat, zu bewahren. Da kommen sie von allen Seiten, um ihr das anvertraute Erbe zu entreißen. Man schmäht sie, dass sie es nicht hergibt; rückständig sei die Kirche, verbohrt, dumm, unduldsam. Man reißt und zerrt an ihrem heiligen Leibe, Abfall von Menschen, ganze Länder trennen sich von ihr. Heute fallen Tausende und Abertausende jeden Tag, meine Freunde, Tausende und Abertausende jeden Tag in Südamerika vom katholischen Glauben ab. Die Sekten arbeiten mit allen Mitteln, um unsere Kirche zu vernichten. Sie verteilen, mit reichen amerikanischen Geldern versehen, Lebensmittel an die Armen, sie schmähen die Kirche, sie verdächtigen den Priesterstand, sie ziehen gegen den Papst in Rom zu Felde, sie predigen ein billiges Evangelium. Und so laufen die Menschen ihnen zu. Die Wahrheit scheint ohnmächtig. Und doch: Modetorheiten überleben sich schnell. Der Sieg der Wahrheit ist es, dass sie bleibt.

Christi größtes Leid war die Untreue seiner Jünger. Judas wurde ein Verräter, Petrus sagte sich feige von ihm los: „Ich kenne diesen Menschen nicht. Ich kenne diesen Menschen nicht.“ Das ist der größte Schmerz der Kirche: die Sünden ihrer Kinder. Sie trauert um die vielen, die sie in Zeiten der Anfechtung verlassen. Wir haben es im Dritten Reich erlebt, wie so viele katholische Christen ihre religiöse Betätigung einstellten, wie sie zu den Nazis überliefen, wie sie sich von der Kirche trennten. Gewiß unter Druck, das sei zugegeben. Der Staat, die Partei, die Organisationen übten einen schlimmen Druck auf die Menschen aus, sich von der Kirche zu trennen. Man musste Spott und Verachtung auf sich nehmen, berufliche Zurücksetzungen, wenn man der Kirche treu blieb. Aber getötet wurde keiner wegen seines Glaubens. Dennoch haben viele sich von der Kirche losgesagt. Und das ist ja auch heute noch das Leid eines jeden Erziehers, eines jeden Predigers, eines jeden Priesters. Machtlos steht er der Torheit, der Schwäche und der Bosheit seiner Zöglinge gegenüber. Das christliche Abendland ist zum Ärgernis für die Heiden und für die Muslime geworden, und das bedrückt die Kirche schwer.

Wer hoch steht, kann tief fallen. Das erfüllt sich auch am Priesterstand der Kirche. Unablässig bemüht sich der Erbfeind Christi, in der Kirche selbst Sünde wachsen zu lassen: Priester fallen ab, Bischöfe versündigen sich. Das ist Satans größter Triumph, dass arme Menschen zu Fall gebracht werden, dass sie vom Glauben abfallen, dass sie sittlich entgleisen. Die dunkelsten Kapitel der Kirchengeschichte kann man überschreiben: Priestersünde und Priesterabfall. Und dennoch, auch hier erleben wir immer wieder Siege der Gnade, Siege der siegreichen Gnade, der gratia victrix, wie die Theologie sie nennt. Es war schon des Heilands größte Freude, zu suchen und selig zu machen, was verloren war. „Größer“, so sagt er, „ist die Freude über einen Sünder, der Buße tut, als über 99 Gerechte, die der Bußte nicht bedürfen.“ Und so wiederholt sich immer wieder das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Immer wieder gelingt es der Kirche, verlorene Söhne und Töchter, die zerknirscht zurückkehren, in ihre Arme zu schließen. Es gibt Triumphe der Gnade. Wenn die Gnadenorte der Beichtstühle reden könnten, dann würden sie sprechen, wie die Gnade Gottes über die Bosheit der Sünde siegt. Wenn sie alle hier aufträten, die im Leben und im Sterben, manchmal in letzter Stunde, den Weg zurückgefunden haben, dann sähen wir, dass es große Siege gibt, welche die Kirche verzeichnen kann. Und auch noch einen anderen Sieg gibt es nämlich: Inmitten dieser Marasmen, inmitten dieser Fäulnis gibt es noch reine Menschen, Jungfrauen und junge Männer, die in Treue zu Christus und seinem Gesetz stehen. Auch das sind Siege Christi.

Christi erbittertster Feind war die römische Staatsmacht und die jüdische Behörde. Die jüdische Behörde und die römische Staatsmacht sind angetreten, um die junge Kirche zu ersticken. Das ist im ganzen Lauf der Kirchengeschichte so geblieben. Immer wieder hat die Staatsmacht die Kirche zu überwältigen, ja zu vernichten gesucht. Die Cäsaren Roms wollten die Kirche auslöschen, die Kaiser des Mittelalters wollten die Kirche in ihren Dienst zwingen. Heinrich VIII. von England hat wegen seiner Leidenschaft die englische Kirche von Rom losgerissen. Die bourbonischen Höfe haben die Kirche unter ihre Knute gezwungen. Napoleon wollte es nicht ertragen, dass eine Macht ihm noch widerstand, nämlich die im Papst zentrierte Kirche. Und Bismarck entfesselte den Kulturkampf gegen die Kirche. Er fürchtete, dass „von jenseits der Berge“ – nämlich von Rom – sein Werk, die deutsche Einheit, zerstört werden könnte. Und so ist es auch bis heute geblieben. Staaten, die als katholisch gelten, bedrücken und bedrängen die Kirche. Täglich lesen wir von kirchenfeindlichen Gesetzen, welche die sozialistische Regierung in Spanien erlässt, um die Kirche zu erdrosseln. Der Islam wird begünstigt, und die Kirche wird bedrückt. Die Regierung Zapatero betreibt die Entchristlichung Spaniens. Und in Frankreich, da stehen die Freimaurer und alle Feinde der Kirche bereit, um ja nicht der Kirche ein wenig mehr Lebensmöglichkeit zu gönnen, wachen rigoros über die Trennung von Kirche und Staat. Im Jahre 1789 hat der französische Staat das gesamte Vermögen der katholischen Kirche in Frankreich eingezogen. Er verpflichtete sich, für den Kult, also den Gottesdienst, und den Unterhalt der Priester zu sorgen. Ein Jahrhundert wurde diese Zusage eingehalten. Aber 1905 wurden alle Leistungen an die Kirche eingestellt. Es gibt keine Kirche in Europa, die so bettelarm ist wie die Kirche in Frankreich. Dazu kommt die verbreitete Christenfeindlichkeit in Europa, in den europäischen Gremien in Brüssel und in Straßburg. Der ungarische Primas, Erdö, hat dieser Tage darauf hingewiesen, dass es eine Verschwörung in den Medien gibt, die mit Verleumdung, mit falscher Information und mit Sensationsgier die Kirche zu unterdrücken versucht.

Christi Leid und Christi Sieg werden weitergehen. Karfreitag und Ostertag der Kirche werden noch oft wechseln und einander durchdringen. Aber im Gesamtbild wird der Kreuzweg vorherrschen. Wir sind eben die streitende Kirche. Der größte Teil des Ostersieges bleibt unsichtbar. Den Ostersieg feiern wir jenseits des Grabes, droben bei unserem König. Das ist unser siegesfroher Glaube, der die Welt überwindet. Wir wissen nicht, meine lieben Freunde, wie lange dieser Kampf noch gehen wird. Niemand weiß, wann er endet. Er wird enden, wenn das Siegeszeichen Christi am Himmel erscheint, wenn das Kreuz seines Leidens und seines Siegens am verklärten Horizont aufscheint. Dann werden sie alle dastehen, die Menschen aller Zeiten und Zonen, vor ihm, ihrem König, die Bedrücker, die Bedränger, die Verfolger. Sie werden vor ihm stehen. Und alle, die für ihn gelitten und gekämpft und gerungen haben, und alle – alle! – werden dasselbe sprechen müssen, was einstmals der abtrünnige Kaiser Julian gesagt hat, als er sterben musste: „Galiläer, du hast gesiegt!“

Amen.

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Petrus der Fels – „Weide meine Schafe!“ 

12.10.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Vor 2000 Jahren wanderte der Herr am Gestade des Sees Genesareth. Er hatte den Auftrag vom Vater bekommen, ein neues Volk und ein neues Reich zu gründen, denn das alte Volk, das Judenvolk, versagte sich ihm. Das neue Reich benötigte neue Menschen. Und als der Herr so dahinwanderte, sah er zwei von ihnen, die ihm geeignet dünkten. Es waren Johannes und Andreas. Andreas führte ihm auch seinen Bruder zu mit Namen Simon. Der Herr fasste ihn ins Auge, und dann sprach er ihn an: „Du sollst Kephas heißen.“ Kephas, das ist der aramäische Ausdruck für das deutsche Wort „Fels“. „Du sollst Fels heißen“, Petrus lateinisch. Wem der Herr einen neuen Namen gibt, dem gibt er auch eine neue Aufgabe. Der Herr weiß, dass Name nicht Schall und Rauch ist, sondern dass Name etwas vom Wesen des Menschen ausdrückt. Und wenn Simon jetzt künftig Kephas, Petrus, Fels heißen soll, dann ist damit ausgedrückt, dass er eine neue Aufgabe, eine neue Funktion erhält, dass mit seinem Namen ein Programm verbunden ist.

Über das Galiläische Meer, wie man ja den See Genesareth auch nannte, fährt ein Fischernachen, und Menschenscharen am Ufer schauen zu, auch erfahrene Fischer. Ja, wie kann man jetzt, zur Tageszeit, hinausfahren, um Fische zu fangen? Fischfang ist eine Sache der Nacht. Im Schiff aber sitzt Kephas, Petrus, Simon. Er ist gehorsam: „Herr, auf dein Wort hin will ich das Netz auswerfen.“ Und er fängt eine so große Menge Fische, dass er seine Gefährten herbeirufen muss, damit sie die Menge der Fische auch bergen können. Dieses Erlebnis erschüttert Petrus. Er sinkt auf die Knie: „Herr, geh weg von mir; ich bin ein sündiger Mensch!“ Diese tiefe Demut belohnt der Herr: „Simon, fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Er bestellt ihn zum Mitarbeiter an seinem Werke. Vor dem Heilandsauge schwindet das Ufer des Sees, weitet sich das Galiläische Meer zum Weltmeer. Ungezählte Menschenfische sind darin. Und für diese Menschenfische braucht er Fischer; und deswegen sagt er zu Petrus: „Von nun an sollst du Menschern fischen.“ Der See wird ihm zu einem Sinnbild der Kirche, die er stiften will. Und zu Petrus gesellt er andere, die mit ihm in die Arbeit eintreten sollen. Er schult sie für ihr Amt. Aber immer wird klar, und immer ist eines sicher: Simon Petrus ist der Erste unter ihnen. Er ist der Sprecher in entscheidenden Stunden.

Als der Herr seine Weissagung macht, dass er ein Brot geben werde, das sein Fleisch ist, und viele Jünger ihn verlassen, da ist Petrus der Sprecher der Jüngerschar: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du, du allein hast Worte des ewigen Lebens.“ Unter den Zwölfen wird einer erwählt, damit er die Einheit unter ihnen gewährleisten soll. Es ist Simon Petrus, der Felsenmann. Und diese seine Funktion behauptet er bei Cäsarea Philippi. Da fragt der Herr seine Jünger: „Für wen halten die Leute, die anderen Menschen, den Menschensohn?“ Und dann kommen diese kläglichen Antworten: „Die einen für Johannes den Täufer (der dann eben auferstanden sein muss), andere für Elias (der dann eben wiedergekommen sein muss) oder für Jeremias oder irgendeinen der Propheten.“ Diese enttäuschenden Antworten veranlassen den Herrn, zu fragen: „Ihr aber, ihr, die ihr herausgehoben seid aus den übrigen Menschen, für wen haltet ihr mich?“ Und wiederum tritt Petrus in seine Führerrolle ein und spricht: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Diese Kenntnis ist Petrus geworden durch eine Offenbarung. „Nicht Fleisch und Blut“, also nicht menschliche Mittel, „haben dir das geoffenbart, sondern mein Vater, der im Himmel ist.“ Petrus ist Offenbarungsträger. Aber nicht nur das. Er wird auch vom Herrn seliggepriesen. „Selig bist du, Simon, Sohn des Johannes.“ Und dann kommt die dreifache Verheißung, die auf Petrus gehäuft wird: „Du bist der Fels, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.“

Fels ist ein Standort, der unerschütterlich ist. Fels besagt, dass ein Bau errichtet wird, der nicht vom Sturm weggefegt wird und den Wassermassen nicht zerreißen. Fels bedeutet die Unerschütterlichkeit einer Gründung. Ein neuer Bau muss stehen, denn der alte stürzt, aber dieser Bau wird nicht auf Sand errichtet, sondern auf Fels. Die Nichtkatholiken haben sich bemüht, dieses Wort zu entschärfen. Man hat alle möglichen Erklärungen erfunden. Nicht Petrus sei gemeint, sondern eben sein Glaube. Aber der Herr sagt ja nicht: Sein Glaube ist der Fels, sondern: „Du, du persönlich, du bist der Fels.“

Aber damit nicht genug. „Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben.“ Das Himmelreich ist ja das große Werk, das der Herr bauen will, das Reich Gottes, das auf diese Erde kommt und in dem die Kirche den Anfang bildet. Die Schlüssel geben die Gewalt über dieses Reich. Schlüsselträger ist nicht ein Pförtner, Schlüsselträger ist der Hausherr. Ihm sind die Schlüssel anvertraut und damit der Einlaß und der Ausschluß. Petrus wird zum Hausherrn dieses neuen Baues gemacht.

Und immer noch nicht genug. „Alles, was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöset sein. Alles, was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein.“ Die Ausdrücke binden und lösen waren den damaligen Menschen vertraut. Binden heißt jemanden unter Zwang stellen, heißt jemandem ein bestimmtes Gebot geben. Binden heißt ihn auf bestimmte Vorschriften verpflichten. Wer die Bindegewalt hat, der vermag Gesetze aufzustellen und von ihnen zu dispensieren. Er vermag Strafen auszusprechen, denn das ist auch eine Bindung, aber er vermag auch von Strafen loszusprechen.

Das ist also die dreifache Sendung, die Petrus in Cäsarea Philippi zuteil wurde. Das ist die Stiftungsurkunde des Papsttums. Ich sagte schon, man hat daran gerüttelt, diese Worte anders zu deuten, um nicht auf dem Felsen Petrus stehen zu müssen. Aber alle diese Versuche scheitern an dem klaren Wortlaut des Textes, den der Herr gesprochen hat. Aus diesen Worten wird unausweichlich klar: Wer nicht auf dem Felsen Petri steht, ist nicht im Hause Christi, gehört nicht seiner Kirche an. Das sei all denen gesagt, die - manchmal sehr wohlmeinend – die Nichtkatholiken auch zur Kirche Christi im vollen Sinne rechnen wollen. Das ist nicht möglich. Wer nicht zum Papste steht, kann nicht Glied der katholischen Kirche sein.

Hoch hat der Herr den Simon gestellt, hoch hat er ihn erhoben. Aber Petrus wurde stolz. Er überhob sich. Es war am Gründonnerstag-Abend. Der Herr sprach von seiner Verfolgung: „Heute Nacht werdet ihr alle an mir irre werden.“ Da empört sich Petrus, da begehrt er auf: „Wenn auch alle an dir irre werden, ich nicht! Und wenn ich mit dir sterben müsste, ich würde es tun.“ Petrus ist stolz geworden, und Petrus muss gedemütigt werden. Und der Herr lässt zu, dass er gedemütigt wird: „Ich sage dir, Petrus, der Hahn wird nicht krähen, bis du dreimal geleugnet hast, mich zu kennen.“ Und wie der Herr es vorausgesagt hat, so ist es geschehen. „Der war auch bei Jesus, dem Nazarener“, sagt eine Frau. „Weib, ich kenne ihn nicht!“ Petrus musste gedemütigt werden. Einen Stolzen kann Christus als Papst nicht brauchen.

Petrus dachte nach diesem Fall vielleicht nicht mehr daran, dass ihm die verheißene Würde zuteil werden würde. Die anderen mochten raten, wer der Führer seines Reiches werden sollte. Und da war es nach der Auferstehung des Herrn in der Morgenfrühe wiederum am See von Tiberias, dass der Herr seine Jünger um sich versammelt. „Simon, Sohn des Johannes“, so spricht er ihn an. Feierlich, gespannt schauen alle auf den Herrn und auf Petrus. Und dann die Frage: „Liebst du mich mehr als diese?“ Was soll er antworten? Im Abendmahlssaal, da hätte er gesagt: „Ja, ich liebe dich mehr als diese.“ Aber das traut er sich nicht mehr zu sagen. „Ja, Herr“, so stammelt er, „du weißt, dass ich dich liebe.“ Und dreimal dieselbe Frage, und dreimal dieselbe Antwort, und dann die entscheidende Erfüllung: „Weide meine Lämmer! Weide meine Schafe!“ Er soll der Hirt, er soll der Oberhirt sein, er soll der oberste Hirt sein. Ihm ist die Lenkung der Herde Jesu anvertraut. Nur Gottes Geist, meine lieben Freunde, kommt auf den Gedanken, das Schwache zu erwählen, um damit andere zu bestärken. Nur Gottes Hand kann über einem wankenden Grundstein ein ewiges Gebäude aufrichten.

Das war des Heilands letztes Wort in der Papstfrage. Seitdem wissen wir: Im römischen Bischof, im Papst, ruht die Autorität Christi, ruht die Einheit und die Wahrheit der Kirche. Es mögen Völker von allen Seiten kommen und in die Kirche eintreten, ihr Aufbau, ihre Einrichtung bleibt, wie der Herr es gewollt hat. Es mögen Bistümer erstehen, volkreich, manchmal – allzu selten – manchmal mit hervorragenden Bischöfen an ihrer Spitze, überragend an Geist und Größe. Wenn sie nicht dem Papst Gefolgschaft leisten, gehören sie nicht zur Kirche Christi. Eine einzige Herde soll sein. Darum setzt der Herr Petrus ein zum Bischof der Bischöfe, zum Hirten der Hirten, zum oberen, nein, zum obersten Hirten.

Das Erste Vatikanische Konzil, diese große Kirchenversammlung von 1870, hat diesen biblischen Befund in Begriffe zu fassen gewusst. Mit Recht; denn wir müssen die Bilder ja deuten, wir müssen sie umsetzen in Begriffe, damit wir uns darüber klar werden, was in diesen Bildern enthalten ist. Und das Erste Vatikanische Konzil hat gesagt, dass Petrus den übrigen Aposteln vorgesetzt wurde als das beständige Prinzip und das sichtbare Fundament der Einheit. Das sind die entscheidenden Begriffe: das beständige Prinzip und das sichtbare Fundament der Einheit. Was ist ein Prinzip? Ein Prinzip ist ein Anfang, ein Ursprung, ein Grund. Ein Prinzip ist dasjenige, woraus etwas wirklich wird. Wenn Petrus – wenn der Papst – das Prinzip ist, das Prinzip der Einheit, dann ergibt sich daraus, dass es seine ständige Aufgabe und Vollmacht ist, diese Einheit zu schaffen. Andere, auch Bischöfe, mögen vom Pluralismus faseln und die Spaltung betreiben: Petrus, der Papst, erhält die Einheit. Er ist ihr Prinzip. Und das Fundament? Das ist die Grundlage, das ist die Basis. Jeder, der ein Haus baut, weiß, dass man ein Fundament schaffen muss. Das Fundament ist der Bestandteil des Bauwerks, auf dem das übrige ruht. In Petrus, im Papst, ruht die Einheit der Kirche. Mögen noch so viele Bischöfe meutern, mögen sie der Beliebigkeit das Wort reden: In Petrus, dem Papst, ist die Einheit gegründet. Er ist ihr Fundament.

Auch diese Funktion hat der Herr vorausgesagt. Im Abendmahlssaal noch wandte er sich zu Petrus: „Simon, Simon, der Satan hat verlangt, euch zu sieben, wie man den Weizen siebt. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht wanke. Und wenn du dich dereinst zurückgefunden hast, stärke deine Brüder!“ Genau das tut Petrus, tut der Papst: Er stärkt seine Brüder. Ach, meine Freunde, ohne den Papst würde der Glaube in unserer Kirche längst verunklart und verunreinigt sein. Das tun die Päpste seit 2000 Jahren: Sie stärken ihre Brüder, sie erhalten sie in der Wahrheit. Denn in ihm, im Papst, ruht die Lehrgewalt der Kirche. Der Geist des Irrtums kann sie nicht überwältigen, solange der Garant der Wahrheit steht, der Fels Petri, der Fels der Wahrheit. Der Papst hat die höchste Lehrautorität, ja er ist, wenn er ex cathedra spricht, also mit letztgültiger Vollmacht, er ist unfehlbar! In ihm verdichtet, sammelt sich die Unfehlbarkeit, die der Kirche eignet. In einem gewissen Sinne ist der Papst die Kirche, weil er ihr Haupt ist, ihr Fundament und ihr Prinzip.

Die Wahrheit, meine lieben Freunde, kann nicht immerfort gesucht werden. Man muss sie auch einmal finden. Man muss sie auch einmal festhalten. Die Suche muss einmal zum Ziele führen. Es muss ein letztes Wort in der Kirche geben, und dieses letzte Wort spricht Petrus, spricht der Papst. Wo Petrus ist, da ist die Kirche. Und wo die Kirche ist, da ist nicht der Tod, da ist das ewige Leben.

Amen.

 

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Die Kirche, auf den Felsen gegründet

19.10.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Am vergangenen Sonntag haben wir uns vor Augen gestellt, wie Jesus den Felsen der Kirche gegründet hat. Er hat ihn gegründet auf einen Menschen namens Simon, dem der den Beinamen Kephas, d.h. Petrus, der Fels, gab. Damit hat Christus die Verfassung der Kirche grundlegend eingerichtet. Aber auch wenn wir nichts davon wüssten, die Art, wie die Urkirche, wie die Apostel die Kirche gelenkt und geleitet haben, würde uns davon überzeugen, dass sie auf Petrus, den Felsenmann, gegründet ist. Denn der Heiland verließ ja die Seinigen. Er fuhr gen Himmel, und nun trat Petrus sein Führungsamt an. Er leitet die Wahl des neuen Apostels Matthias; er stellt die Kirche, die jetzt vom Heiligen Geist erfüllt ist, der Welt vor, und er eröffnet die Mission. Petrus ist es, der in den ersten Kämpfen, welche die junge Kirche bestehen muss, als ihr Verteidiger auftritt vor dem Hohen Rat. Er ist ihr Sprecher. Petrus verhängt die erste Exkommunikation über Simon, den Zauberer. Und wiederum ist es Petrus, der das Ehepaar Ananias und Saphira als Lügner entlarvt, und prompt folgt das göttliche Strafgericht seinem Spruch. Für Petrus wirkt Gott das große Wunder der Errettung. Petrus im Kerker, von 16 Mann bewacht, in vier Wachen aufgeteilt. Gott schickt seinen Boten, den himmlischen Boten, und Petrus durchschreitet die Wachen. „Jetzt weiß ich“, sagt er, „dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes und aus der Erwartung des Volkes der Juden befreit hat.“

Es taucht eine schwierige Frage auf. Müssen die Heiden, die zum Christentum kommen, beschnitten werden? Müssen sie das alttestamentliche Gesetz auf sich nehmen? Petrus fällt die Entscheidung. Von Gott erleuchtet, verfügt er, dass weder das eine noch das andere ihnen auferlegt werden muss. Mögen auch manche dagegen sprechen, mag sein ganzes jüdisches Empfinden sich dagegen wenden: Unter der Leitung des Heiligen Geistes trifft er die Entscheidung, und keiner wagt sie zu bestreiten, auch nicht Paulus, der Selbständige, der von Gott eigens Berufene. Auch er beugt sich unter die Führungsstellung Petri. Im Galaterbrief schreibt er: „Ich ging aus Arabien nach Jerusalem, um Petrus zu sehen, und ich blieb 14 Tage bei ihm.“

Petrus ist tot. Aber bevor er stirbt, hat er noch einen besonderen Auftrag zu erfüllen. Er muss nach Rom. Das Herz der damaligen Welt war Rom, die Hauptstadt des Imperiums. Er mag davor zurückschrecken. Was soll er, der Fischer, der Provinzler in dieser Weltstadt, wo die Kaiserpaläste stehen, wo das  machtvolle Heidentum triumphiert. Des Herren Hand führt ihn nach Rom. Kein ernster Forscher heute bestreitet die Tatsache, dass Petrus in Rom gewesen ist und dort sein Leben geopfert hat. Diese Stadt soll er für Christus erobern. Ist das nicht aussichtslos? Hat das einen Sinn angesichts der Macht des Heidentums? Seine einzige Waffe: das Kreuz. Der Gott, den er predigt: der Gehenkte von Golgotha. Das Leben, das er fordert: die Kreuzigung des niederen Menschen, des sinnlichen Menschen. Hat es Sinn, hier anzufangen? Petrus mag gezweifelt haben, aber er hat den Befehl des Herrn in seinem Kopfe: „Wirf dein Netz aus! Wirf es aus auch in der Weltstadt Rom! Fahr hinaus auf das hohe Meer, in die Welthauptstadt.“ Das Wunder zu wirken, liegt beim Herrn. „Du aber erfülle deinen Auftrag!“ Und das Wunder geschieht wie damals am See. Das Christentum breitet sich aus. Schon im 1. Jahrhundert nehmen Angehörige des Kaiserhauses das Christentum an. Schwer wird die Arbeit, übermenschlich schwer. Petrus möchte fliehen, aber das Bild des Gekreuzigten mahnt ihn, auszuhalten. Er bleibt. Er bleibt bis zum Tode am Kreuze, zu dem Tode, in dem er seinem Meister nachfolgt.

Petrus stirbt, aber der Papst lebt. Linus tritt für ihn ein, Cletus, Clemens und dann 265 andere Nachfolger. Wir schreiben das Jahr 96. In Korinth gibt es Tumult. Aufrührer haben die Presbyter, die Priester, abgesetzt. Wer sollte eingreifen? In Ephesus lebt noch Johannes, der Apostel. Aber nicht er greift ein, sondern der Bischof von Rom, Clemens. Er schreibt einen Brief voll mitfühlender Liebe und gleichzeitig voll ernster Autorität. Und die Gemeinde in Korinth fügt sich, denn sie weiß: In Clemens spricht Christi Stellvertreter, in Clemens spricht das Oberhaupt der Kirche. Ignatius ist der Vorsteher der Kirche von Antiochien, der Episcopos, der Bischof. Aber stellt er sich auf eine Stufe mit dem Bischof von Rom? O nein, meine Freunde: „Rom“, so schreibt er, „ist die Vorsitzende des Liebesbundes.“ Rom die Vorsitzende des ganzen Liebesbundes, der ganzen Kirche auf dem sich weiten Erdkreis.

Gegen Ende des 2. Jahrhunderts muss Irenäus, der Bischof von Lyon, der noch die Apostelschüler kennengelernt hat, gegen Irrlehrer die Wahrheit verteidigen. Er weiß, wohin er die Irrenden, wohin er die Suchenden zu führen hat: nach Rom. Dort ist die Kirche, welche die Vormachtstellung und die Führung hat, die das Charisma der Wahrheit besitzt, mit der jeder übereinstimmen muss, der Christi Namen trägt. So steht es in seinem Buch „Adversus Haereses“. Mit Rom muss jeder übereinstimmen, der Christi Namen trägt.

Im Osten bricht der Osterfeststreit aus. Man streitet darüber, wann das Osterfest zu feiern ist, ob immer am 14. Nisan oder wechselnd je nach dem Eintreten des Ostervollmondes. Der Papst Victor von Rom greift ein. Er droht mit Ausschluß aus der Kirche. Manche halten sein Vorgehen für zu streng, aber alle beugen sich. Auch die Griechen beugen sich seinem Spruch. In Afrika ist Cyprian der Primas, der Erste von Afrika. Er ist ein mutiger Glaubenszeuge und ein beredter Lehrer. Er weiß auch in Meinungsverschiedenheiten sich mit dem Papst auseinanderzusetzen. Aber umso gewichtiger ist sein Zeugnis, dass Cornelius, also der römische Bischof, Inhaber des Primates ist, dass Rom jene Kirche ist, von der alle Einheit ausgeht. So schreibt er: die Kirche, von der alle Einheit ausgeht.

Das Konzil zu Ephesus findet statt. Papst Cölestin schickt seine Gesandten, nicht als Mitberater, sondern als Entscheidende. Sie sollen dort seine Entscheidung vorlegen. Und die stolzen Griechen beugen sich vor ihm, dem Römer. Wenig später das Konzil zu Chalcedon. Die dort versammelten Väter empfangen einen Brief von Papst Leo. Was sagen sie? „Petrus hat durch Leo gesprochen.“ Petrus hat durch Leo gesprochen. So schallt es durch die Versammlung, und das entscheidet. „Wo Petrus ist, dort ist die Kirche“, schreibt der gewaltige Ambrosius von Mailand. Das ist das zusammengefasste Urteil der ganzen ersten Jahrhunderte der Kirche.

Man möchte heute, meine lieben Freunde, all jenen, die sich vom Felsen Petri losgesagt haben, zurufen: Kommt, ihr getrennten Bischöfe des Ostens. Warum sprecht ihr nicht wie eure Vorfahren aus den ersten Jahrhunderten? Kommt, ihr Christus liebenden Wahrheitssucher aus dem Protestantismus. Ihr sucht die Kirche Christi. Aber sie ist nicht dort, wo Spaltung, Irrtum und Schwäche und Zerfall ist. Sie steht auf dem Felsen der Einheit. Sie ist dort, wo Petrus ist. Kommt, möchte man rufen, ihr Altkatholiken. Ihr wolltet die Kirche Christi, die Urkirche, wiederherstellen. Warum ist bei euch nicht das vorhanden, was der Urkirche selbstverständlich war, nämlich der Primat Petri? Einheit der Christenheit, ein wunderbarer Gedanke, die Sehnsucht Christi und das Verlangen der Besten im heutigen Christentum. Aber diese Einheit setzt nicht auf Weltkonferenzen; sie zeigen nur, wie weit die Christen auseinander sind. Diese Einheit kann nur hergestellt werden, indem alle zurückkehren zum römischen Stuhl, indem sie alle sich bekennen zu Petrus, der in seinem Nachfolger heute noch lebendig ist.

Da höre ich die Einwände, meine lieben Freunde. Wir haben gesprochen von Petrus, vom Papst und seiner Vollmacht und seinen Funktionen. Aber wo bleibt denn da Christus? Wird nicht Christus verdeckt durch den Papst? Ist es nicht so, dass der Papst Christus verdunkelt? Meine Freunde, das Verhältnis Christi zum Papst ist ähnlich wie sein Verhältnis zum Priester. Christus ist der innere, unsichtbare Spender aller Sakramente. Er ist es, der das Messopfer vollzieht. Er ist es, der tauft. Er ist es, der von den Sünden losspricht. Aber er bedient sich dazu eines menschlichen Werkzeugs. Er hat Menschen zu äußeren, sichtbaren Spendern der Sakramente bestellt. Ähnlich ist es mit dem Papsttum, mit der Kirche. Christus leitet sie durch seinen Heiligen Geist, durch das innere Walten des Heiligen Geistes. Dennoch hat er einen Menschen als seinen Stellvertreter und Inhaber seiner Macht an die Spitze gestellt, denn die sichtbare Kirche bedarf eines sichtbaren Hauptes. Und deswegen, meine Freunde: Das Bekenntnis zum sichtbaren Stellvertreter Christi auf Erden stellt das Bekenntnis zu Christus nicht unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter. Der römische Papst verdeckt nicht Christus, er macht ihn präsent. Christus handelt durch Petrus und seine Nachfolger, und deswegen ist es richtig, zu sagen: Die katholische Kirche ist eine Papstkirche. Der Papst ist der Bischof der Bischöfe, ihm sind alle Bischöfe und jeder einzelne unterstellt – Gott sei Dank. Der Papst ist der Universalbischof der Kirche. Er ist in einem richtigen Sinne episcopus catholicae ecclesiae, der Bischof der katholischen Kirche. Das kann kein anderer als Bischof von sich sagen. Die anderen Bischöfe sind Bischöfe von Mainz oder von Limburg, aber der Papst ist nicht nur Bischof von Rom, er ist Bischof der katholischen Kirche.

Der Papst ist in einem wahren Sinne unersetzlich und unentbehrlich. Und nur er. Jeder andere Bischof kann entbehrt werden. Und es sind ja in der Tat immer auch in der Kirchengeschichte Hunderte von Bischofsstühlen eingegangen. Einer ist stehengeblieben, musste stehenbleiben, der Stuhl Petri. Ein Bischof ist unentbehrlich, der oberste von ihnen, der Papst.

Mehr als einmal ist der Papst aus Rom vertrieben worden oder hat die Stadt aus eigenem Antrieb verlassen. Von 1309 bis 1377 befanden sich die Päpste in Frankreich, in Avignon. Noch heute kann man dort den Papstpalast besichtigen, den er in dieser Zeit bewohnte. Das Papstamt haben sie durch den Ortswechsel nicht verloren. Einer dieser Päpste, die sich in Avignon befanden, nämlich Johannes XXII., hat das richtige Wort geprägt: „Ubi Papa, ibi Roma.“ Wo der Papst ist, da ist Rom. Während seines Streites mit Papst Pius VII. sagte Napoleon eines Tages zu einem französischen Bischof: „Nicht wahr, die Kirche kann auch ohne Papst auskommen.“ Der Bischof antwortete: „Gewiß, genauso wie die französische Armee ohne Napoleon.“ Die Päpste haben ihre Aufgabe im Laufe von 2000 Jahren wahrlich erfüllt. Sie waren das Prinzip und das Fundament der Einheit. Ohne ihren Dienst hätte sich die Kirche längst in Nationalkirchen aufgelöst. Ohne ihren Dienst wären, wie es in allen Abspaltungen geschieht, die Wahrheit und die Gnade längst vergessen, wäre die Fülle und die Reinheit der Wahrheit verlorengegangen.

Es ist so, wie der heilige Thomas Morus an seinen König Heinrich VIII., diesen Abtrünnigen, schrieb: „Es gibt keinen Feind des Christentums, der den Heiligen Stuhl nicht gründlich haßt. Aber es gibt auch keinen Feind Roms, der nicht früher oder später auch an der christlichen Religion zum Verräter wird.“ Sie sind alle defizient: die Othodoxen, die Anglikaner, die Protestanten, die Altkatholiken. Es fehlt ihnen allen etwas. Sie alle stehen nicht mehr in der Fülle und der Reinheit der Wahrheit. Ihr Grundfehler ist: Sie wollen es den Menschen recht machen, nicht Gott. Deswegen sind sie vom Felsen Petri weggegangen.

Im 19. Jahrhundert lebte der große Philosoph Friedrich Wilhelm Josef Schelling. Er stammte aus einem protestantischen Hause. Seine Vorfahren waren beiderseits protestantische Pastoren. Von Schelling stammt das Wort: „Wollt ihr wissen, was ich vom Papsttum halte? Ich halte vom Papsttum, dass ohne dasselbe das Christentum von der Erde längst verschwunden wäre.“ Das ist der Ruhm der Päpste, dass sie mit höchster Standhaftigkeit wie ein Bollwerk sich entgegenstellten, damit die menschliche Gesellschaft nicht in Barbarei und Aberglaube zurückfalle. In den Katakomben von Rom hat man eine Lampe gefunden aus den ersten christlichen Zeiten. Auf dieser Lampe steht geschrieben: „Petrus stirbt nicht.“ Petrus stirbt nicht. Nein, Petrus stirbt nicht. Solange diese Weltzeit dauert, wird er einen Nachfolger haben. Wie oft ist das Papsttum totgesagt worden. 1799 starb Papst Pius VI. in der Gefangenschaft in Südfrankreich. Die revolutionäre Zeitung von Grenoble schrieb damals: „Die Macht seines Thrones ist in den Abgrund gestürzt. Er wird sich nicht mehr erheben. Die Finsternis ist vorüber.“ Kurze Zeit später bestieg Papst Pius VII. den päpstlichen Thron, und er erneuerte die französische Kirche. Und so erfüllte sich in ihm das Wort: „Petrus stirbt nicht!“

Amen.

 

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Die Welt – Werk und Abbild Gottes

26.10.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte, zum Königsfest unseres Herrn Versammelte!

Ein ständiges Rätsel bleibt für die Menschen das Verhältnis von Welt und Religion, von Welt und Kirche, von Natur und Übernatur, von Christentum und Leben. Der große Papst Benedikt XV., also jener Papst, der während des Ersten Weltkrieges die Kirche regierte, hat damals geschrieben: „Die Kirche verfügt über eine wunderbare Kraft, nicht nur die Menschen für ihr ewiges Heil zu verbinden, sondern auch zur Wohlfahrt dieses Lebens, indem sie die Menschen durch die zeitlichen Güter so hindurchgeleitet, dass sie die ewigen nicht verlieren.“

Die erste Frage, die wir uns stellen, heißt: Was ist es um den Wert der Welt in sich? Da hört man die mannigfaltigsten Antworten. Die einen vergötzen die Welt, die anderen verdammen sie. Die sie vergötzen, das sind jene, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen und die das Leid der Welt offenbar nicht berührt hat. Die sie verdammen, das sind viel mehr. Das sind diejenigen, die leidvolle Erfahrungen mit der Welt gemacht haben, die die Welt als schlecht, als in sich schlecht sehen. Und solche Leute hat es immer gegeben. Schon im Anfang des Christentums entstand die Sekte der Manichäer, die sagten: Die Welt ist von einem bösen Gott geschaffen. Der gute Gott hat mit ihr nichts zu tun. Dieser Irrlehre hat sogar der heilige Augustinus in seiner vorchristlichen Zeit angehangen. Und Luther war ja nicht weit entfernt von dieser Meinung. Auch er war der Ansicht nach all den Erlebnissen, die er gehabt hat in seiner eigenen Seele und in der Umwelt, am prunkvollen Hofe in Rom: Die Welt ist schlecht, die Sünde hat sie verderbt, auch die Erlösung ändert nichts daran. Sie deckt nur die Sünde zu mit dem Mantel erbarmender Liebe. Innerlich bleibt der Mensch schlecht. Dieser Tage las ich in einem Roman. Da lässt der Autor eine hochgestellte Persönlichkeit sprechen: „75 Prozent der Menschheit sind dämlich und zugleich auch noch bösartig, die restlichen 25 Prozent sind sich nie miteinander einig.“

Diese Urteile über die Welt kann die Kirche nicht teilen. Die Kirche sagt: Die Welt ist Gottes Werk und darum gut. Wie sie aus der Hand des Schöpfers hervorging, war sie gut geschaffen. Er ist der große Künstler, der große Baumeister des Alls. In all den Dingen soll seine Schönheit ausstrahlen. In Psalm 18 heißt es: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre.“ Das heißt, aus der Schönheit, aus der Harmonie, aus der Ordnung der Welt kann man den Schöpfer erkennen. Die Welt ist ein Abbild Gottes, wenn auch ein Abbild, das mehr unähnlich als ähnlich ist, aber immerhin ein schwaches Abbild Gottes. Die Welt hat Anteil an Gottes Sein, das ist ihr Glück, und das ist ihre Güte.

Freilich ist sie beschränkt. Sie ist ja nicht das Gute selbst. Man kann keine letzten Forderungen an sie stellen. Man darf sie nicht in sündiger Begier missbrauchen. Die Weltdinge dürfen nicht Ziel unseres Lebens sein; sie müssen Mittel unseres Lebens sein. Wer die Dinge dieser Welt, das eigene Ich, den Leib, die Leibespflege, die Leidenschaft, Geld und Gut, Wissen und Kunst, Nation und Staat vergötzt, gegen den schlägt die Welt aus. Die Welt wehrt sich gegen ihren Missbrauch. „Du hast es befohlen, o Gott, und so ist es, dass seine Strafe sich selbst ist jeder ungeordnete Geist.“ Deswegen kann es den Dingen der Welt gegenüber nur die Haltung geben, die die Kirche immer vertreten hat und immer vertreten wird, nämlich: Wir müssen die innere Gesetzmäßigkeit der Welt aufspüren, die Gott in sie gelegt hat. Vom Sein gehen Befehle aus. Jawohl, so ist es. Und wir müssen den Dingen der Welt gegenüber die innere Freiheit bewahren, die Gelassenheit. Wir müssen über den Dingen stehen. Das ist die erste Wahrheit. Die Welt ist gut aus Gottes Hand hervorgegangen.

Und eine zweite muss hinzugefügt werden: Gott hat die Welt sogar über sich hinaus erhoben. In jeder heiligen Messe, also in wenigen Minuten wieder, beten wir: „Gott, du hast den Menschen wunderbar erschaffen und noch wunderbarer erneuert.“ Hier wird der Zweistufenplan Gottes gewissermaßen vor uns ausgebreitet. Die Welt ist gut geschaffen, aber Gott hat noch etwas hinzugefügt: Er hat sich in diese Welt hineinbegeben, er hat sein göttliches Leben in die Welt hineingesenkt. In der Seele des Menschen sollte seine Gnade leben, das übernatürliche Leben. Der Mensch sollte nicht nur Geschöpf, er sollte auch Gottes Kind sein. Das war die Gnade des Urstandes im Anfang der Menschengeschichte. Eine übernatürliche Kraft sollte den Verstand des Menschen erleuchten, eine übernatürliche Kraft sollte seinen Willen stählen, und aus dieser übernatürlichen Ausrüstung sollte der Mensch die Welt gestalten, sollte er über die Erdendinge verfügen, sollte er sie nach Gottes Willen gebrauchen.

Aber da müssen wir gleich die dritte Wahrheit anfügen: „Es geht ein allgemeines Weinen, soweit die stillen Sterne scheinen, durch alle Fasern der Natur.“ Und woher kommt dieses Weinen? Es kommt aus der Sünde, aus der Ursünde des Menschen. Der erste Mensch wusste um den Willen Gottes, aber er hat ihn nicht bewahrt. „Der Baum war köstlich zum Speisen“, so schildert es die Genesis im ersten Buch der Schrift in einer kindlichen Weise, wie man es eben Menschen einfacher Lebensart schildern muss. „Der Baum war köstlich zum Speisen.“ Er wusste, dass der Wille Gottes entgegenstand, und er wusste, dass er das wunderbare Band zwischen Gott und Mensch war, aber er ergab sich dem Genuß, und so wurde er, und so wurden alle seine Nachkommen des Gewandes der Unschuld, der Gotteskindschaft beraubt. Und seitdem gilt das furchtbare Wort: „Es geht ein allgemeines Weinen, soweit die stillen Sterne scheinen, durch alle Fasern der Natur.“ Aus dem Paradies der Wonne wurde er vertrieben und in das Jammertal des Elends gestürzt.

Dieses Elend hat sich dann auf seine Nachkommen ausgebreitet. Wir spüren es jeden Tag. Was macht das Leben so schwer, meine lieben Freunde? In der Familie, in der Nachbarschaft, auf der Arbeitsstätte, im Geschäftsleben? Ist es nicht immer wieder irgendeine Form der Sünde: Selbstsucht, Neid, Lüge, Betrug, Haß, Zorn, Geiz? Und das bleibt ja nicht auf den Kreis der Familie beschränkt. Das breitet sich aus. Wir stehen heute unfaßlich und fassungslos vor einer weltweiten Finanzkrise. Ja, wie konnte es dazu kommen? Wie ist es möglich, dass die bayerische Landesbank 6 ˝ Milliarden Euro benötigt, um ihre Kunden zu befriedigen? Wie ist das möglich? Die Sünde macht elend die Völker. Alles Unglück liegt letztlich begründet in der Gottferne, in der Gottentfremdung. Sünde und Elend stehen in einer furchtbaren Wechselwirkung. Aus dem Bruch mit Gott entsteht die Gesetzlosigkeit der Welt, der Zusammenbruch, das Chaos.

Aber dabei dürfen wir nicht stehen bleiben. Wir müssen eine vierte Wahrheit hinzufügen, nämlich: Es gibt eine Erlösung. Die Welt ist erlösungsbedürftig, und sie ist erlösungsfähig. Und da geschieht das Unerhörte: Gott steigt in diese Welt hinab. Das macht unsere Religion, meine lieben Freunde, überlegen über jede andere. Ich bin immer entsetzt, wenn ich höre, wie die Kinder mir erzählen, in der Schule werden der Mohammedanismus besprochen und der Buddhismus und der Shintoismus und der Darwinismus. Ja zum Donnerwetter: Wir haben eine Religion, die über alle anderen überlegen ist. Es gibt keine zweite Religion, die von einem Gott begründet ist. Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns sein Zelt aufgeschlagen. Gott ist in dieser Welt hinabgestiegen. Der ewige Lebenskreis des dreieinigen Gottes wogt jetzt in die Welt hinein, und diese Welle schlägt weiter. Alle, die an ihn glauben, erhalten die Macht, Kinder Gottes zu werden, und sie werden zusammengefaßt in einem Leib, den man Kirche nennt. Er ist das Haupt dieses Leibes. Lehrend, führend, erlösend führt die Kirche das große Erlösungswerk Christi fort, zunächst indem sie das Sündenelend im einzelnen Menschen bannt. Das ist die erste Aufgabe der Kirche, den Einzelmenschen von seiner Schuld zu erlösen und mit Gott zu verbinden. Das tut sie mit der Gnade. Und die Gnade ist eine Macht, meine lieben Freunde. Ich lasse mir das nicht ausreden, dass die Gnade nicht bloß ein deckendes Gewand ist, sondern formendes Leben. Ich kenne Menschen, die in der Gnade eine wunderbare Formung erfahren haben. Ich kenne sie. Die Gnade dringt in die Tiefe der Seelen ein und gestaltet den Menschen um.

Nicht umsonst spricht der Apostel Paulus von der „neuen Schöpfung“. Jawohl, von der neuen Schöpfung. Kainä ktisis, griechisch. Dass die Seele also veredelt wird, dass der Verstand erleuchtet wird, dass der Wille neue Kraft erhält und dass dieses Neue im Menschen fortwirkt, dass der neue Christenmensch auch die Welt neu gestaltet. Das ist es, was immer mehr das Reich Christi in Gerechtigkeit und Liebe entstehen läßt.

Das ist ja der Sinn des heutigen Festes, des Christkönigsfestes. Christus soll König sein. Er soll König sein über die ganze Welt. Freilich ist sein Königtum angefochten, umkämpft. Immer noch muss die Kirche gegen die Front des Satans aufstehen. Die Grünen in Bayern verlangen die Entfernung der Kreuze aus den Schulen. Die Kirche kann nicht anders. Sie muss das Königtum Christi verkünden. Christus will Herr sein überall, nicht nur in stillen Tabernakeln und nicht nur in frommen Christenherzen. Nein, auch in den Familien will er leben, in der Wissenschaft, in der Kunst, auf den Stätten der Arbeit und in der Wirtschaft. In den Parlamenten und in den Regrungen soll sein Gesetz gelten. Er soll den Vorsitz überall haben. Christus will König sein. Und wir haben seinen Anspruch zu verkünden und nach seinem Gesetz zu leben.

Vor einiger Zeit schrieb ein Konvertit, also ein Mann, der zum katholischen Glauben gefunden hat, den Satz: „Ich bin katholisch geworden, weil ich der Überzeugung bin, dass heute die Kirche allein die bedrohte Zivilisation retten kann.“ Ich bin katholisch geworden, weil ich der Überzeugung bin, dass heute die Kirche allein die bedrohte Zivilisation retten kann. Und wie wirkt die Kirche diese Rettung? Zunächst einmal, indem sie den Einzelnen heiligt, indem sie das Erlösunsgwerk in der einzelnen Seele vollbringt, indem sie den Menschen Christus eingliedert. Dadurch wird der Mensch vergöttlicht, dadurch wird ein Stück Welt vergöttlicht, dadurch wird die Macht der Sünde zurückgedrängt. Und dann setzt sie mit ihren erlösten Gliedern die Erlösungstat Christi in der Welt fort in all den Gebeten, die sie emporsendet, in allen Arbeiten und Leiden ihrer Glieder. Unaufhörlich bringt die Kirche auf den Altären das große Erlösungsopfer dar, damit es die Welt überflutet und das kostbare Blut Christi die Welt erlöst.

Vor Jahrzehnten hat einmal die große Dichterin Gertrud von Le Fort den ergreifenden Satz über die Kirche geschrieben: „Um deinetwillen lassen die Himmel den Erdball nicht fallen. Alle, die dich lästern, leben nur von dir.“ Um deinetwillen lassen die Himmel den Erdball nicht fallen. Alle, die dich lästern, leben nur von dir. Jawohl, so ist es. Aber die Kirche soll und darf nicht bloß im Kirchenraum die Erlösung verkünden. Sie muss das Gesetz Gottes auch hinaustragen, damit es das Leben gestalte. Sie muss die Gesetzmäßigkeit der Dinge den Menschen unterbreiten. Zu viel wird unterschlagen vom Gesetze Gottes. Zu viel wird verheimlicht. Zu viel wird verdeckt. In den grundlegenden Fragen des Lebens wüten heute Irrtum und Leidenschaft. In einem Stadtteil von Los Angeles in den USA mit 40.000 Einwohnern sind 40 Prozent der Männer schwul, homosexuell. 40 Prozent der Männer homosexuell. Und das britische Unterhaus hat in diesen Tagen ein Gesetz gebilligt, wonach es erlaubt ist, menschliches und tierisches Erbgut zusammenzubringen, um Chimären zu erzeugen.

Die Kirche verkündet den Willen Gottes. Sie wird geschmäht, sie wird gelästert, sie wird beiseite gedrängt. Aber, meine lieben Freunde, die Gesetze Gottes müssen stehen bleiben, wenn die Welt einen heilsamen Verlauf nehmen will. Sie fallen ja auch uns schwer. Wir wollen keine Pharisäer sein. Wir wissen, wie wir vor dem Anspruch Gottes zurückbleiben. Wir wissen es, leidvoll, schmerzvoll, reuevoll. Aber noch einmal: Die Gesetze müssen stehen bleiben, auch wenn wir daran schuldig werden. Der Wille des Schöpfers muss geachtet werden. Wer die Gesetze der Schöpfungsordnung missachtet, gegen den schlägt die Schöpfungsordnung unweigerlich aus.

Das ist die katholische Haltung: Willig sich dem Gesetze beugen, reuevoll das eigene Versagen eingestehen, über den Dingen stehen in dem frohen Bewusstsein, dass mein Lebensglück letztlich über den Dingen gelagert ist. Aber auch in den Dingen stehen und sie in der Weise behandeln, wie der Schöpfer es will: als Miterlöser, als Helfer, als Arbeiter daran, dass auch in den Dingen der Welt das Ebenbild Gottes immer mehr erstrahle, Gott zur Ehre und uns zum Heile.

Amen.

 

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Die Wahrheit des ewigen Lebens

01.11.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte, zur Verehrung aller Heiligen Versammelte!

Die Erscheinung, über die wir am meisten nachgrübeln, die uns am meisten beschäftigt, ist das Lebensende, der Tod und was nach dem Tode sein wird. Wenn Gott uns sicheres Geleit durch das Leben geben wollte, dann musste er uns auch eine Offenbarung vom Tode und was nach dem Tode kommt schenken. Zu viel hängt davon ab, dass wir wissen, was der Tod bedeutet und was im Tode auf uns zukommt.

Die Wahrheit über den Tod und das jenseitige Leben ist von tiefgreifender Bedeutung. Ach, wenn wir wüssten, was einst sein wird, wenn wir wüssten, was nach dem Tode geschehen wird, wie würden wir unser Leben einrichten! So dachte auch der reiche Prasser, von dem der Herr spricht im Evangelium. Ja, wenn seine Brüder, die seinesgleichen waren, wüssten, in welcher Qual er lebt, dann würden sie sich bekehren. Er führt ein Zwiegespräch mit Vater Abraham; und Abraham sagte ihm: „Sie haben Moses und die Propheten. An die sollen sie sich halten, die sollen sie hören.“ Aber der Prasser ist überzeugt, dass das nicht reicht, noch nicht reicht. Aber wenn einer von den Toten käme, dann würden sie sich bekehren. Abraham weist ihn ab: „Wenn sie auf Moses und die Propheten nicht hören, dann würden sie auch nicht hören, wenn einer von den Toten zu ihnen kommt.“

Es hat immer Versuche gegeben, das Dunkel zu lichten, das hinter dem Tode steht. Eine solche Erscheinung ist der Spiritismus. Der Spiritismus ist ein ausgesprochener Totenkult. Er will durch bestimmte äußere Hilfsmittel, Gebetsketten, Absingen frommer Lieder, Tischrücken ein Mittel gefunden haben, um die Toten anzurufen und zu befragen. Er bedient sich angeblicher Medien, also begabter Menschen, die in der Lage sein sollen, über das jenseitige Reich etwas auszusagen. Das alles, meine lieben Freunde, ist nicht dienlich zu dem Zweck, der damit erreicht werden soll. Eine solche Bemühung ist nicht hilfreich. Es handelt sich beim Spiritismus entweder um Betrug oder um Selbsttäuschung der Teilnehmer infolge Übermüdung oder infolge gegenseitiger Beeinflussung. Die körperliche Erscheinung eines Toten ist nicht ausgeschlossen. Wir wissen, als das furchtbarste Ereignis der Weltgeschichte geschah, als der Herr starb, dass da Tote aus den Gräbern erstanden und vielen erschienen. Das ist eben ein Wunder Gottes. Das ist nicht zu erreichen durch Medien, durch Spiritismus.

Der Okkultismus, also diese Geheimlehre, oder die Parapsychologie, wie man das heute nennt, will mit angeblichen Erscheinungen, Tatsachen und Vorgängen sich beschäftigen, die sich nicht auf erklärbare Ursachen zurückführen lassen. Ich sage nicht, dass der Okkultismus Mumpitz ist. Es gibt Erscheinungen zwischen Himmel und Erde, von denen sich die Schulweisheit nicht träumen lässt, wie es schon im „Faust“ von Goethe heißt. Aber solche außerordentliche Phänomene können nur mit äußerster Vorsicht, mit großer Sachkenntnis und nach sorgfältiger Prüfung anerkannt werden. Spiritismus und Okkultismus haben jedenfalls versagt, wenn es darum geht, Kunde von der jenseitigen Welt zu erlangen. Es läßt sich zeigen, dass sie auch in alle Zukunft uns nicht darüber belehren können, dass diese Brückenbauversuche zum Scheitern verurteilt sind. Warum?  Weil das Jenseits Gott selber ist. Wer dahin eine Brücke bauen will, der muss sie auf Gott selber bauen, und nur Gott kann uns hinübertragen. Alle wirkliche Kunde über das Jenseits kann nur eine religiöse, eine von Gott geschenkte sein. Sie kann nur aus der lebendigen Verbundenheit mit Gott kommen. Es gibt tatsächlich Wege, die hinüberführen, aber nicht Wissenschaft und Technik, nicht visionäre und mediale Menschen können uns hinüberführen, sondern nur gottverbundene Menschen, nur Heilige. Es gibt eine sichere und lebendige Verbindung auch mit den heimgegangenen Menschen, aber nur mit den Menschen, die wirklich heimgekommen sind, die Gott nahe sind. Und diese Verbindung finden nur Menschen, die selber Zutritt zu Gott haben.

Daher kommt es, dass alle wirkliche Offenbarung über das Jenseits nur für liebende Menschen, nur für gottliebende Menschen etwas bedeutet. Der bloßen Neugier, der Sensationslust oder auch der Wissbegier wird kein Wort über dieses Geheimnis gesagt. Wenn wir unser Herz bereiten zur Liebe, dann werden wir etwas davon verstehen. Wir werden nur so viel verstehen, als unsere Gottesliebe zu fassen vermag. Wer keine Liebe hat, dem wird alles, was wir darüber sagen, klein und nichtig erscheinen. Wer eine große Liebe hat, dem wird es von wunderbarer und atemberaubender Süße sein. Und alles, was wir nach dem Tode erwarten, was wir erhoffen können, das lässt sich in drei Sätzen zusammenfassen, nämlich 1. Wir werden leben, 2. Wir werden lieben, 3. Wir werden wissen. Wir werden leben, wir werden lieben, wir werden wissen. Und darüber wollen wir heute, morgen am Sonntag und am kommenden Sonntag nachdenken. Heute über den Satz: Wir werden leben.

Wir werden leben, persönlich leben, nicht etwa nur als eine winzige Welle in einem großen Meer, nicht nur als ein Teilchen, das in immer neuen Gestalten durch immer neue Verwandlungsprozesse hindurchgeht. Gewiß, unsere leiblichen Stoffe, die unseren Körper aufbauen, sind auf einer Wanderung, auf einer Weltwanderung begriffen. Sie können in immer neue Lebewesen, in Pflanzen, Tiere und Menschen eingehen. Aber wir sind mehr und anderes als die Stoffe, die uns leiblich aufbauen. Wie sehr sich auch diese Stoffe wandeln mögen, wir selbst werden niemals vergehen. Unser Ich, unsere Persönlichkeit, unsere Einmaligkeit wird ewig leben. Das ist ein schrecklicher und zugleich tröstlicher Gedanke: Wir können nicht in das Nichts zurückkehren, aus dem uns Gott gerufen hat. Wir können auch nicht durch Umwandlung in ein anderes Sein übergehen. Ich und du und wir alle, alle Menschen, die jemals lebten, hätte ihr Leben auf Erden auch nur eine Stunde gedauert, wir alle werden immerfort sein in dieser Besonderung, in dieser Individualität, in dieser Einmaligkeit.

Damit ist die Lehre von der Seelenwanderung abgetan. Seelenwanderung ist der angebliche Übergang der aus einem sterbenden Körper scheidenden Seele in einen neuen, gleichartigen oder artverschiedenen Körper zur völligen Läuterung und zur sittlichen Vollendung, auf die erst der endgültige Zustand der Ruhe, der Beseligung und der Vergöttlichung erfolgt.

Gestern war in der Mainzer Zeitung ein Bild abgebildet von einer Kuh. Die Hindus in Nepal feiern ein großes Fest. Dieses Fest heißt Tihar. Und zu diesem Fest gehört die Verehrung der Kühe. Warum? Die gläubigen Hinduisten sehen in den Kühen eine Wiedergeburt von Menschen, eine Wiedergeburt von Göttern, vor allem eine Wiedergeburt des Gottes des Wohlstandes. Dieses Fest dauert fünf Tage. Der Glaube an die Wiedergeburt ist nicht auf die Hindus beschränkt. Auch griechische Philosophen wie Pythagoras, Empedokles und selbst Plato haben an die Seelenwanderung geglaubt. Ja sogar in unserer Zeit, in der christlichen Gesellschaft, gibt es Menschen, die an einer Wiedergeburt festhalten. Sie haben alle vielleicht von dem bedeutenden Dirigenten Sergio Celibidache gehört, der vor einigen Jahren gestorben ist. Dieser bedeutende Mann glaubte an die Wiedergeburt. In einem Lama in Berlin sah er eine Reinkarnation, also eine Wiedergeburt des Königsberger Philosophen Immanuel Kant.

Diese Lehre ist ein gigantischer Irrtum. Die Geistigkeit und die Personalität, die sittliche individuelle Entwicklung der Seele und die mangelnde Erinnerung an ein früheres Dasein erweisen die Lehre von der Seelenwanderung als irrig. Es gibt keine Seelenwanderung von einem Individuum zum anderen. Nein, wir werden persönlich fortleben.

Da gibt es Menschen, die nennen diesen Glauben größenwahnsinnig. Wie könnt ihr erwarten, so sagen sie, dass wir winzigen Teilchen des Alls so fortdauern werden. Es genügt, wenn der ganze Kosmos, wenn das All weiterlebt, durch beständige Wandlung die Teile ineinander übergehen. Auf diesen Vorwurf, meine lieben Freunde, können wir zweierlei erwidern. Zunächst: Das Fortleben ist nicht eine Sache unseres Wünschens und Wollens, sondern es kommt darauf an, ob es eine Wirklichkeit ist. Ob wir es wünschen oder wollen, davon hängt nichts ab. Und ich kann es bis zu einem gewissen Grade verstehen, dass Menschen nicht fortleben wollen, dass es ihnen reicht, auf dieser Erde sich geplagt und gemüht zu haben. Und dann ist dieser Glaube auch nicht größenwahnsinnig. Denn unsere Größe ist kein Wahn! Wir besitzen eine Größe. Es ist die Größe des persönlichen Geistwesens. Es ist die Größe des Gotteskindes. Diese Größe steht tatsächlich auf dem Gipfel des Geschaffenen. Alles liegt ihr zu Füßen. Die einzelne Seele ist größer und wichtiger als der ganze Sternenhimmel, und wäre es nur die Seele eines Kindes. Sie ist wichtiger als der ganze Kosmos. Sie ist das Ganze, sie ist das Ziel, sie ist der Gipfel, sie ist die Erfüllung. Wir sprechen zwar gern von der Würde der Persönlichkeit. Aber wir nehmen uns selbst nicht ernst genug, wenn es einmal darauf ankommt. Gott aber macht ernst mit der Würde der geistigen Persönlichkeit. Wenn er auch nur einen einzigen verstehenden Geist geschaffen hätte und gar einen Geist, zu dem er persönlich Du gesagt hat, den er in seine Gnadenerfüllung hineingerufen hat, den er in sein Vertrauen gezogen hat, dann würde er eher die ganze Welt mit ihrer Herrlichkeit zugrunde gehen lassen, als dieses Wunder der Einmaligkeit und der Einzigartigkeit, das in einer solchen Seele lebt.

Er kann ein solches Wesen auch nicht in seine Teile zerlegen; denn ein geistiges Wesen hat keine Teile. Eine geistige Persönlichkeit ist ein Wesen, das ohne Zusammensetzung ist. Sie ist total einfach. Wenn die Seele solche Teile hätte, dann könnte man sie ja wie aus einem Baukasten zusammensetzen zu immer neuen Persönlichkeiten. Dann wäre sie aber auch nicht mehr ein einzigartiges und eigenartiges Wesen. Wir aber haben etwas Unwiederbringliches, etwas Unwiederholbares. Wir haben etwas Einmaliges an uns. Entweder sind wir das, was wir sind, oder wir sind überhaupt nicht. Selbst Gott könnte uns nicht in eine andere Wesenheit verwandeln, in eine Pflanze; er könnte nicht durch einen Umbau uns zu einer anderen Wirklichkeit gestalten. In dieser Einmaligkeit liegt die Größe und die Würde des Menschen, liegt auch der Grund, warum uns Gott an sein Herz nehmen kann und Du zu uns sagen kann. In einem solchen Du liegt das Versprechen der ewigen Treue. Die Treue Gottes kann aber nicht eines Tages ihren Grund verlieren, indem der Gegenstand, indem das Wesen, dem sie treu ist, plötzlich das Dasein verliert. Indem uns Gott überhaupt je anredet und gar indem er uns in liebender Gebärde als sein Kind anredet, macht er es seinem eigenen Herzen unmöglich, seiner ewigen Treue unmöglich, uns fallen zu lassen, uns abzubauen, uns umzuwandeln in ein anderes Sein.

Aus dieser Treue Gottes kann man nur auf eine einzige Weise herausfallen, nämlich indem man sie bricht, indem man sich ihr entzieht. Aber selbst dann behalten wir die Einmaligkeit und damit die unabänderliche Notwendigkeit zu sein, die jeder Geist in sich trägt.

Es gibt, meine lieben Freunde, ein ewiges Leben einer jeden Seele. Gott hat es geoffenbart, und was er offenbart, das ist wahr, unumstößlich wahr, ewig wahr. Daran vermag der Unglaube von Menschen nichts zu ändern. Vor einiger Zeit hat man eine Umfrage gehalten in Deutschland, wie die Menschen es mit dem ewigen Leben halten, was sie glauben. Nur jeder zweite Deutsche glaubt an das ewige Leben nach dem Tod, mehr Katholiken als Protestanten. Was bedeutet diese Zahl? Nichts. Sie bedeutet nicht, dass der Glaube an das ewige Leben falsch ist, sondern dass allzu viele ihr Kaninchenglück auf Erden möglichst lange festhalten wollen, dass sie den Blick nach oben vermeiden, dass es ihnen unheimlich scheint, nach dem irdischen Leben gerichtet zu werden und entweder in den Himmel zu kommen oder in die Hölle verstoßen zu werden.

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmid hat einmal in einem seiner vielen Interviews gesagt, als er über das jenseitige Leben befragt wurde: „Ich glaube, dass eine Spur von uns bleibt.“ Eine Spur, also eine Fährte, Fußstapfen, aber nicht mehr. Wir kennen die Bremsspur vom Auto, und so etwas Ähnliches hat er sich wohl gedacht, als er meinte, dass eine Spur von uns bleibt. Der Glaube sagt anderes, der Glaube sagt mehr. Als die Gemeinde in Korinth Zweifel an der Auferstehung hatte, schrieb  der Apostel Paulus in seinem ersten Brief: „Wenn wir bloß in diesem Leben auf Christus unsere Hoffnung setzen, so sind wir bejammernswerter als alle Menschen.“ Wenn wir bloß in diesem Leben auf Christus unsere Hoffnung setzen, so sind wir bejammernswerter als alle Menschen. Aber das ist ja gerade unsere Hoffnung, dass wir auch im zukünftigen Leben auf Christus setzen, und deswegen schreibt Paulus in seinem zweiten Brief an dieselbe Gemeinde in Korinth: „Wir sind gewiß, dass wenn unser irdisches Gezelt abgebrochen wird, wir einen Bau von Gott empfangen, ein nicht mit Händen gemachtes ewiges Wohnhaus im Himmel.“ Wir sind gewiß, dass wenn unser irdisches Gezelt abgebrochen wird, wir einen Bau von Gott empfangen, ein nicht mit Händen gemachtes ewiges Wohnhaus im Himmel.

Was der Apostel Paulus lehrt, ist nichts anderes als der Widerhall der Offenbarung Jesu Christi. Der Sohn Gottes, der aus der Welt Gottes zu uns kam, hat uns Kunde davon gebracht, dass wir leben werden, ewig leben werden. In der Stunde seiner Heimkehr zum Vater sagte er seinen Jüngern: „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Ich gehe hin, euch ein Heim zu bereiten.“ Es gibt eine himmlische Heimstätte, Christus hat es uns geoffenbart. Noch ergreifender ist jene Episode beim Sterben des Heilandes. Am Kreuze hing der Herr der Welt zwischen zwei Verbrechern. Der eine schaute ihn an, dann äußerte er eine Bitte. Er wollte, dass Jesus seiner gedenkt, wenn er in sein Reich kommt. Er dachte, das ist ja nicht viel, ein bloßes Gedenken wollte er haben. Das wird schon ein Trost für ihn sein, wenn der Heiland, dieser Gute in seiner Mitte, an ihn denkt. Er wusste also, dass der Tod nicht das letzte Wort ist. Er ahnte etwas von dem Reiche, das Jesus erwartet. Und deswegen erbat er sich von ihm ein Gedenken in diesem Reiche. Er selber, das wusste er, er wird in der Hölle begraben werden. Dieses Gedenken, diese Bitte, dieser Flehruf reichte aus, dass Jesus ihm den Himmel schenkte: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!“

Nein, meine Freunde, lassen Sie sich nicht irremachen. Es gibt ein ewiges Leben, und Gott hat uns für dieses Leben bestimmt. Wen er in seine Hand nimmt, der kann ihm nicht entrissen werden. Der schwäbische Dichter Ludwig Uhland hat einmal zum Tode eines Kindes die schönen Verse geschrieben: „Du kamst, du gingst mit leiser Spur, ein flüchtiger Gast im Erdenland. Woher? Wohin? Wir wissen nur: Aus Gottes Hand in Gottes Hand.“

Amen.

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Das tröstliche Dogma vom Fegfeuer

02.11.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte, zum Gedächtnis der Armen Seelen Versammelte!

Wir haben am gestrigen Allerheiligentag nachgesonnen über das Schicksal derer, die von uns geschieden sind, und wir haben gesagt: Man kann ihr Los in drei Sätzen zusammen fassen, nämlich 1: Sie werden leben, 2: Sie werden lieben und 3:  Sie werden wissen.

Am gestrigen Festtage haben wir betrachtet, was es heißt: Wir werden leben, ewig leben, als Persönlichkeit leben, nicht in veränderter Gestalt, nicht in einer Reinkarnation, in unserer Individualität werden wir leben. Wir haben aber auch gestern schon erkannt, dass der tiefste Grund unseres unsterblichen Lebens in der Liebe oder in der Anlage zur Liebe besteht, mit der Gott sich uns schenken und uns an sich ziehen kann. Darin besteht unsere Unersetzlichkeit. Jeder von uns hat darin etwas Unersetzliches, das Gott in alle Ewigkeit nicht mehr missen möchte. Nicht wir haben Anspruch auf Unsterblichkeit, aber Gott will, dass wir unsterblich seien und in seiner Herrlichkeit leben. Darum wird unser ewiges Leben nur um das eine, um dieses eine sich drehen, ob wir fähig sind, dieses Du zu Gott zu sprechen oder nicht. Das Größte, was man von uns sagen kann nach dem Ende des irdischen Lebens, ist in dem Satz ausgedrückt: „Wir werden lieben.“ Wir werden mit Gott in liebender Gemeinschaft leben, und zwar in einer ganz wahren, ganz lauteren und ganz vollkommenen Gemeinschaft.

Das ist eigentlich der Sinn des Offenbarungswortes von der Anschauung Gottes, die wir einmal haben sollen. Hier auf Erden haben wir geglaubt; im Jenseits wird der Lohn für unseren Glauben sein, dass wir schauen dürfen, was wir geglaubt haben. Da erfüllt sich das Wort: „Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott anschauen.“ Ja, dann erfüllt sich auch das Wort des Apostels Paulus: „Jetzt sehen wir wie im Spiegel und unklar, dereinst aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich selbst erkannt bin.“ Selbstverständlich ist dieses Wort vom Schauen ein Bild, ein menschliches Wort, aber ein Bild von unerschütterlicher Bildkraft, ein Wort von fast erschreckender Tiefe. Es will nämlich sagen, dass da nichts mehr zwischen uns und Gott stehen wird, kein Geschöpf, kein Schatten, keine Hemmung, keine Fremdheit, keine Ferne, kein Weg, kein Medium, keine Schuld. Alles das ist ausgeräumt. Es wird ein unmittelbares und widerstandsloses Zusammenfallen, Zusammensein mit Gott sein. Da ist dieses große Leid aller Liebenden auf Erden beseitigt, nämlich dieses Leid, das wir auf Eden so bitterlich durchkosten müssen, weil nämlich auch in der größten Liebe immer noch eine Ferne ist, eine Fremdheit, eine Unerfülltheit, eine Ohnmacht, ein Nichtkönnen. Dieses Leid wird aufhören, so unglaublich es klingt. Aber es wird durch ein Wunder der göttlichen Liebe möglich sein, dass die Liebe zwischen Gott und der Seele so sicher ist, dass sie sich genugtun kann, dass sie sich sättigen kann, dass nichts mehr zwischen uns und Gott ist, dass nichts mehr vermisst wird, sondern dass die Liebe endlich wird mit sich zufrieden sein können. Unsere ewige Vollendung wird also ein Leben in der Gemeinschaft sein. Es bestätigt sich die Erkenntnis, die wir schon auf Erden gewonnen haben, dass ein Mensch nur in der Gemeinschaft ein ganzer, ein vollkommener, ein heiliger und ein seliger Mensch werden kann.

Daraus ergibt sich aber auch, dass der Mensch, der seine Vollendung nicht gefunden hat, der verlorene, der verworfene Mensch ein einsamer Mensch sein wird, ein Mensch ohne Du, ein Ich-Mensch. Auch er wird ewig leben, denn er trägt in sich jene Einmaligkeit und Einzigkeit, die seine Zerstörung und seinen Abbau ausschließt. Aber er wird in alle Ewigkeit nur ein Ich sein und kein Du. Er wird niemals Du sagen können und niemals ein Du hören können.

Jetzt wissen wir, worin der Himmel und worin die Hölle besteht. Der Himmel ist die Lebensgemeinschaft mit Gott und mit allen Geschöpfen, die zu ihm gehören, eine Gemeinschaft von unsausdenkbarer Nähe, Vertraulichkeit und Seligkeit. Die Hölle ist das gemeinschaftslose Leben, das liebeleere Leben, das Leben eines Geistes, der nichts mehr hat, weil er nichts liebt als sein eigenes Ich. Aber sein eigenes Ich kann man nicht ewigwährend, vollkommen und mit seligmachender Liebe lieben. So lieben kann man nur das Du, und durch das Du hindurch und um des Du willen auch das Ich. Wer also kein Du hat, der hat nichts mehr. Daher kommt es, dass die Menschen, die nicht lieben können, wie lebendig Begrabene sind, abgeschlossen von allem, was noch da ist außer dem eigenen Ich. Sie führen ein Leben in unerhörter Verlassenheit, in unbegreiflicher Ausgestoßenheit und Heimatlosigkeit. Ein solcher Mensch kann kein Geschöpf mehr besitzen. Denn er könnte es nur besitzen, wenn er lieben würde; aber weil er nicht liebt, kann er es nicht besitzen. Die verlorenen Menschen, die ewig Hoffnungslosen, können auch nicht einander lieben, weil sie eben überhaupt keine Liebe haben. Dort drüben in jenem furchtbaren Reiche ewiger Kälte und Finsternis bestehen alle Wesen in lauter Ich-Menschen, zwischen denen keine Brücke, keine Verbindung, keine Zusammengehörigkeit, kein Verstehen möglich ist. Jeder von ihnen muss in alle Ewigkeit sagen: Ich habe keinen Menschen. Weil ich keinen Gott habe, dem ich Du sage, deswegen habe ich auch keinen Menschen. So furchtbar rächt sich der Egoismus des ichbesessenen Menschen, der auf Erden nur sich kennt, nur sich gelten lässt, nur sich sucht, nur sich anbetet und vergöttert. Weil er niemanden sucht, wird er niemanden finden. Weil er niemandem dient, wird er niemandem gehören. Weil er niemanden bejaht, wird er zu niemandem sprechen. Weil er zu niemandem geht, wird er bei niemandem sein. Und das ist seine Hölle. So schrecklich ist es, mit der Forderung des Liebesgebotes. Auf das ewige Leben, meine Freunde, auf das ewige Leben kann man sich hienieden nur durch Liebe vorbereiten und durch Ausbildung der Liebesfähigkeit. Wer auf Erden keinen Hungrigen gespeist, keinen Durstigen getränkt, keinen Heimatlosen beherbergt hat, der wird ewig verworfen bleiben.

Da möchte man nun erschrecken in tiefer Bangigkeit um das Schicksal aller Menschen und um unser eigenes Schicksal. Denn jene wahrhaft hemmungslose Liebe zwischen Gott und der Seele ist doch etwas so Großes und Seltenes, dass es wohl die wenigsten Menschen fassen können. Das ausführlichste und schönste Wort, das der Sohn Gottes über den Himmel gesagt hat, ist dieses: „Vater, ich will, dass diejenigen, die an meinen Namen glauben, auch das seien, wo ich bin, und die Herrlichkeit schauen, die du mir gegeben hast von Anbeginn.“ Der Herr setzt voraus, dass wir mit ihm in solcher Liebesgemeinschaft leben werden, dass es unsere ewige Seligkeit ausmacht, seine Herrlichkeit zu schauen. Das ist also nur etwas für Liebende. Wer diese Liebe zu Christus nicht hat, dem bedeutet auch seine Herrlichkeit und die Gemeinschaft mit seiner Herrlichkeit nichts. Für den hat der Himmel keinen Sinn. Wenn wir uns selber anschauen, wenn wir in unsere eigene Seele blicken, dann müssen wir mit tiefem Erschrecken feststellen, dass wir noch weit entfernt sind von jener Liebe. Und wenn wir die Menschen betrachten, wie wir sie um uns erleben, dann sehen wir, wie unendlich selten die wahre Liebe ist, ja wie unfähig zu wahrer Liebe sie zu sein scheinen. Diese bange Frage ist wohl am Platze. Die wahre und reine Liebe ist selten auf Erden, aber nicht weil die Menschen unfähig sind dazu, sondern weil sie so tief vergraben und verschüttet sind in ihrer Unlauterkeit und Selbstsucht, weil die Menschen den Zugang zu ihr nicht finden und sie nicht herausgraben aus ihrem Inneren, aus den Abgründen ihres Herzens, so wie man einen goldenen Schatz herausgraben kann, der dort im Dunkeln liegt. Aber dieser goldene Schatz ist doch da, und weil er da ist, kann er auch gehoben werden. Er ist so lange da, wie der Mensch ihn nicht selbst wegwirft. Und wenn er seine goldschürfende Arbeit auf Erden nicht verrichtet, dann muss sie drüben nachgeholt werden. Das ist der innerste Sinn der kirchlichen Lehre vom Reinigungsort, vom Fegfeuer, von der Läuterung, wo die Seelen in unvorstellbarer Pein endlich alles wegräumen müssen, was ihrer vollkommenen Liebe und ihrem innersten Einssein mit dem göttlichen Du noch im Wege steht.

Wahrlich nur in schweren, tiefen Leiden kann diese Läuterung gelingen. Wir sehen schon auf Erden, wie nur die Menschen, die selbst etwas durchgemacht haben an Weh und Leid, reif und aufgeschlossen werden für die wahre Liebe. Freilich, nicht jedes Leid wirkt läuternd und reifend, aber jede Seele, die reif geworden ist und lauter geworden ist, die ist durch ein tiefes Leid gegangen. Jeder Mensch, der ein herzliches und inniges Du sprechen kann, der hat es gelernt in Stunden, wo er sein eigenes Ich nur noch weinend aussprechen konnte.

So gehört also das Fegefeuer zu den Letzten Dingen. Und es ist eines der tröstlichen Worte in diesem Dogma, dass es auch nach dem Tode noch eine Frist gibt, vielleicht eine unvorstellbar lange, aber einmal doch zu Ende gehende, in der es uns ermöglicht wird, durch alle irdischen Trübungen und durch alle irdischen Hemmungen vorzudringen zu dem großen, herrlichen Mysterium der ganz reinen, der ganz guten Liebe.

Die katholische Kirche lehrt aufgrund der Schrift und der Überlieferung, dass es einen Reinigungszustand gibt und dass die dort zurückgehaltenen Seelen durch die Fürbitten der Gläubigen und besonders durch das Opfer der heiligen Messe Hilfe finden. In diesem Glauben sind wir heute hier versammelt. Wir denken an die Armen Seelen, wir beten für sie, wir feiern das Messopfer für sie, wir wenden ihnen Ablässe zu. Die Lehre vom Fegfeuer, eine vergessene Lehre in der nachkonziliaren Kirche, ist für unser Leben von großer Bedeutung. Denn das Dogma vom Fegfeuer soll uns antreiben, dass wir in unseren Sünden und Schwächen nicht erschlaffen. Das Dogma vom Fegfeuer soll uns trösten, dass wir in unseren Sünden und Schwächen nicht verzagen. Das Dogma vom Fegfeuer ist ein wahrlich tröstliches Dogma. Die Armen Seelen leiden, aber sie leiden nicht nur, sie freuen sich auch. Die Freuden der Armen Seelen sind so zahlreich, so unbeschreiblich, so unversieglich wie ihre Leiden. Warum? Das Fegfeuer ist nicht eine Vorhölle, sondern ein Vorhimmel. Die im Fegfeuer befindlichen Seelen sind gerettet. Sie haben es geschafft. Sie besitzen die Anwartschaft auf den Himmel, und niemand kann sie der Hand Gottes entreißen.

So ist also der Allerseelentag bei aller Bedenklichkeit und bei aller Sorge auch ein froher Tag. Wir wollen an diesem Tage beten: „Herr der Erbarmungen, gewähre den Seelen deiner Diener und Dienerinnen den Ort der Erquickung, die Seligkeit der Ruhe und die Klarheit des Lichtes. Milder Jesus, Herrscher du, schenk den Armen Seelen ewige Ruh!“

Amen.

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Leben, Lieben und Wissen in der Ewigkeit

09.11.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Geliebte im Herrn!

Wir hatten begonnen, am Fest Allerheiligen uns den Zustand der Ewigkeit vor Augen zu führen Wir hatten gesagt: Dieser Zustand lässt sich in drei Sätzen zusammenfassen, nämlich 1. Wir werden leben. Tot und tot ist nicht aus und aus. 2. Wir werden lieben. Der Himmel ist die Vollendung der Liebe. Und 3. Wir werden wissen. Das ist das Thema unseres heutigen Überlegens: Wir werden wissen. Die große Liebe muss ja das große Wissen sein; denn nur wer liebt, dringt wirklich in den Gegenstand seines Wissens, seines Forschens ein. Es muss eine geheime Sympathie im Menschen sein, damit er erkennen kann. Der Haß sieht nur, was ihm gefällt. Die Liebe sieht das Ganze. Und im Sinne einer Erhellung der Gesamtpersönlichkeit wird der Mensch nur wissend in der Liebe.

Da unser Leben in der Vollendung ein vollkommenes Lieben sein wird, wird es auch ein vollkommenes Wissen sein. Es ist uns ja das Gottschauen verheißen, und das hat etwas mit Wissen zu tun. Aber dieses Gottschauen ist nicht nur ein schattenloses Erkennen, es ist auch ein makelloses Lieben. Es ist eine Erfüllung unserer Seele in jeder Hinsicht, in ihren letzten Tiefen und Höhen. Auch unser Bewusstsein wird ganz von diesem Wissen durchdrungen sein. Es wird keine Verhüllung, keine Verschleierung, keine Betäubung, keine Dumpfheit mehr sein. Was uns hier auf Erden aus plausiblen Gründen verborgen bleibt, nämlich das Unterbewußte und das Unbewußte, das wird in der Ewigkeit aufspringen. Da werden die Abgründe unserer Seele im taghellen Lichte unseres Wissens liegen, ja im Wissen unserer Liebe. Alles, was je gut in uns war und wie ein gutes Samenkorn in uns schlief, das wird aufwachen; alle Gebete, alle guten Regungen, alle Wünsche und alle Einsprechungen Gottes, alles wird mit der ganzen Tröstung seiner Liebe uns bewusst werden.

Meine lieben Freunde, dann wird endlich die Frage verstummen, die uns immer entgegengehalten wird: Wo ist denn euer Gott? Dann werden alle Fragen beantwortet sein, für die wir auf Erden keine Antwort wussten. Dann werden alle Rätsel gelöst sein, deren Lösung uns hier unmöglich schien. Dann wird alles Unerklärliche geklärt sein, dann werden alle Zweifel beseitigt sein, dann werden alle bedrückenden Geheimnisse geöffnet sein. Dann werden auch alle Klagen und Anklagen gegen Gott verstummen. Dann werden wir begreifen, dass nicht ein augenloses Schicksal unser Leben gelenkt hat, sondern dass Gott der Herr der Lenker aller Geschicke war. Wir werden die Fügungen und Führungen Gottes begreifen. Wir werden erkennen, dass Gott der Herr des Zufalls war. Wir werden die Vorsehung Gottes preisen.

Mit dieser vollen Harmonie, die dann sein wird, ist es auch gegeben, dass in unserer Seele nichts mehr sein wird, das nicht eingefügt ist in das allbeherrschende Gesetz einer wissend gewordenen Liebe. Es wird kein Zwiespalt mehr sein zwischen unserem Erkennen und unserem Streben, zwischen unserem Empfinden und unserem Wollen, zwischen Pflicht und Neigung, zwischen äußerer Erscheinung und innerer Wirklichkeit. Alles in uns wird emporgehoben sein auf die Stufe einer großen Menschlichkeit, ja einer gnadenvollen Göttlichkeit. Es wird nichts Hemmendes, nichts Widerstrebendes mehr in uns sein, nichts Untermenschliches und nichts Allzu-Menschliches.

Auf Erden beklagen wir, dass wir den Anforderungen nicht genügen. Wir stellen so viel Unfertiges, Mißlungenes, Unerreichtes, Mangelhaftes fest in unserem Tun und Leben. Aber in der Ewigkeit wird alles, was wir an Kräften und Anlagen besitzen, entfaltet sein. Jede reine Sehnsucht, jede wirkliche Liebe wird mit uns hinübergehen, um erfüllt zu sein. Wir werden endlich ganz und gar Menschen geworden sein. Und diese Ganzheit und Harmonie wird uns bewusst sein, und wir werden leben bis in die letzte Faser unseres Seins hinein. Das ist die vollkommene Seligkeit, die uns erwartet. Sie ist eigentlich nur die Ausstrahlung der großen Liebe, in der wir Gott besitzen.

Wir brauchen eigentlich nicht viele Worte zu verlieren. Wer wirklich liebt, weiß, was das bedeutet, und er weiß auch, was es bedeutet, aus der Liebe zu leben. Es bedarf also keiner krampfhaften Anstrengungen unseres Vorstellungsvermögens, um die Formen und Umstände des jenseitigen Lebens begreiflich zu machen. Es genügt, und es muss uns genügen, dass wir alle Tiefen, alle Inwendigkeiten, alle Möglichkeiten eines ganzen und vollkommenen Lebens wirklich besitzen werden bis in seine letzte Intensität und Stärke hinein. Es wird keine Unerfülltheit mehr, kein bloßer Wunsch mehr, kein leerer Traum, kein Mangel und keine Lücke mehr in uns sein.

Aber wie wird es sein mit denen, die verloren gehen? Die in alle Ewigkeit von Gott abgewandt sind? Selbstverständlich werden sie das große Wissen, das die Liebe vermittelt, nicht besitzen. Aber sie werden wissen, dass sie die Liebe und die Einheit und die Harmonie und die Seligkeit nicht haben und in alle Ewigkeit nicht haben werden. Das werden sie wissen. Denn sie sind ja nicht wie ein Stein, der keine Liebe in sich tragen kann. Nein, sie sind ein unendlicher Raum, und dieser unendliche Raum wird leer sein. Ihre Leere, ihre Ausgestoßenheit, ihre Verlassenheit wird die letzte und äußerste Größe erreichen, die überhaupt möglich ist. Sie wird durch nichts mehr zugedeckt und verschleiert sein. In diesem Leben, meine lieben Freunde, macht sich ja der Mensch immer seine Illusionen, seine vielleicht gnädigen Illusionen. Auch im bösen und hasserfüllten Menschen wird doch immer ein barmherziger Schleier über ihn selbst fallen. Er macht sich selber etwas vor, um nicht in seiner grauenhaften Bosheit erkannt zu werden, in seiner Hohlheit, in seiner Hässlichkeit. Aber drüben in jener anderen Welt gibt es für den liebeleeren Menschen keine Verschleierung mehr. Nichts kann ihn mehr trösten, kein Kind, kein Freund, keine Frau, kein Genuß, keine Beschäftigung, kein Spiel. Er hat nur sich, sein eigenes Ich, und das ist ein einziger ungeheurer Abgrund von leerer Finsternis. Sein Bewusstsein wird entblößt sein von jeder Täuschung. Er wird wissen, wie er ist. Diese Erkenntnis wird ihn durchbohren mit der Wut der Verzweiflung. Es bleibt ihm nichts verborgen von allem, was in ihm ist, und das ist nur Minderwertigkeit und Schuld und Erbärmlichkeit. Es ist nichts da, was ihn trösten kann, keine Hoffnung, keine Freude. So kommt es, dass die verlorenen Menschen in ihrer ewigen Hölle mit einer verzehrenden Intensität fühlen, wie es um sie steht. Jede Erbärmlichkeit, die in ihnen ist, wird ihnen bewusst in ihrer wirklichen Gestalt. Es ist ein leeres, ein sinnentleertes, ein gottloses und freudloses Leben. Man kann wirklich sagen, es wäre besser, wenn ein solcher Mensch nicht geboren worden wäre.

Das Leben der Verlorenen ist ein unerforschliches Geheimnis. Auch die Phantasie Dantes konnte dieses Geheimnis nicht aufdecken. Die Bosheit ist ja unbegreiflicher als die Güte, und deswegen ist auch die Finsternis unfassbarer als das Licht. Wir können über diesen Zustand nur sagen: Er wird das sichere und ewige Los derer sein, die freiwillig und schuldhaft mit ganzem Willen sich von Gott abgewandt haben und in dieser Gottentfremdung hinübergehen durch das Tor des Todes. In diesem Augenblick wird ihr Zustand der Lieblosigkeit verfestigt, die Unerfülltheit und die Verlassenheit, der Zustand unheilbarer Zertrümmerung des Menschenwesens.

Das, meine lieben Freunde, sind die Letzten Dinge: Tod, Gericht, Himmel und Hölle. Um ihretwillen ist der Mensch das Größte, was es gibt außer Gott. Klein und armselig fängt das Menschenleben an, schleppt sch dann eine Weile über die Erde hin. Aber dann plötzlich wird es offenbar, was es bedeutet. Es endet nicht im Nichts, sondern entweder in einer unfassbaren Größe und Seligkeit oder in einem unfassbaren Absturz. Der Mensch ist also umweht von der Woge des Ewigen und Unendlichen. In einem Roman von Dostojewski fällt ein heiliger Mann vor einem anderen auf die Füße, den man für einen Verbrecher hält. Der heilige Mann aber fällt auf die Füße vor ihm, umklammert seine Knie. Warum? Er verehrt das ungeheure Leid, das diesem Menschen bestimmt ist.

Wenn wir das Geschick wüssten, das einen jeden von uns treffen wird, dann müsste man auf den Erdboden niederfallen vor diesem Menschen, entweder aus Ehrfurcht vor dem göttlichen Glückswunder, das er einmal sein wird, oder aus Entsetzen über den Dämon der Unseligkeit, der er einmal sein wird. Man weiß es nur nicht. Aber eines von diesen beiden wird sicher an jedem Menschen erfüllt sein, an mir und an euch, ein Himmel oder eine Hölle. Was aber auch mit uns einst geschehen mag, über allem wird die unantastbare Gewißheit stehen: Die Barmherzigkeit des Herrn ist von Ewigkeit und währt in alle Ewigkeit.

Amen.

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Das Werden der menschlichen Persönlichkeit

16.11.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Die Kirche ist dazu von Christus gegründet worden, dass sie sein Erlösungswerk fortsetzt und den Menschen zuwendet. Der Mensch soll mit göttlichem Leben erfüllt werden, und dann soll er aus dieser Erfüllung die Welt gestalten. Ob der Kirche diese Aufgabe gelingt, daran entscheidet es sich, ob sie ihre gottgegebene Sendung erfüllt. Christliche Persönlichkeiten zu schaffen, das ist ihre Sendung. Und wenn das nicht gelingt, dann hat sie versagt.

Der Mensch ist Person, d.h. also ein Wesen, das mit einer Seele ausgestattet ist, das über Verstand und freien Willen verfügt. Aber aus der Person soll eine Persönlichkeit werden. Was ist der Unterschied? Nun, die Persönlichkeit ist die Verwirklichung der Person, ihr Ausbau, ihre Durchführung, ihre Vollendung. Viele Philosophen der Vergangenheit und der Gegenwart haben sich bemüht herauszufinden, worin die Persönlichkeit besteht. Und sie haben manches gefunden, was wir akzeptieren können. Wenn beispielsweise Theodor Adorno sagt, die Persönlichkeit sei dadurch ausgezeichnet, dass sie kritisches Bewusstsein und Rationalität gegenüber der Massengesellschaft beweist, dann können wir das akzeptieren. Kritisches Bewusstsein und Rationalität, also Vernünftigkeit gegenüber der Massengesellschaft, das ist nicht alles, was die Persönlichkeit ausmacht, aber etwas, was zu ihr gehört. In der Zeit des Nationalsozialismus traten Millionen Menschen – ich meine, es sind 18 Millionen gewesen – in die NSDAP, in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, ein. Das waren keine Bösewichte, nein. Sie passten sich nur an, um Ruhe zu haben. Nach dem Kriege, bei der Entnazifizierung, wurden sie als Mitläufer eingestuft. Und gerade das ist es: diese feige Anpassung, dieses geringe Widerstandspotential, das ist es, was den Wert der Persönlichkeit mindert. Daß man sich als Mitläufer der gängigen Meinung anpasst, dass man ein Fernsehgewissen hat, das macht den Menschen aus, der nicht zu einer Persönlichkeit heranwächst. Eine Persönlichkeit sein heißt, ein eigenes Urteil sich bilden, eine eigene Entscheidung fällen, ein Charakter sein.

Es ist auch nicht falsch, wenn Jürgen Habermas der Persönlichkeit die Kompetenz zur Teilnahme an der Kommunikationsgesellschaft zuspricht. Kompetenz, also Fähigkeit zur Teilnahme an der Kommunikationsgesellschaft, an der Gesellschaft, die eben miteinander kommuniziert. Wer etwas beiträgt zum Verstehen der Menschen, wer sich beteiligt an der Lösung der Aufgaben, der ist eine Persönlichkeit. Das ist nicht falsch. Wir sind aufgerufen, die Aufgaben, die Gott uns stellt, zu erfüllen.

Zunächst in der Schöpfung. Der Mensch ist ja die Krone der Schöpfung. Und die Persönlichkeit weiß um ihre Stellung in der Schöpfung. Sie weiß darum, dass sie ein Verfügungsrecht über die Dinge hat, das ihr der Schöpfer eingeräumt hat. Der Mensch besitzt Eigentumsrecht. Der Mensch besitzt einen Leib, für den er verantwortlich ist, den er einsetzen kann, den er einem anderen schenken kann in der Ehe. Der Mensch besitzt sein eigenes Geheimnis. Niemand darf unbefugt in das Innere eines Menschen eindringen. Der Mensch besitzt eine Überzeugung, die er sich erworben hat. Der Mensch besitzt ein Gewissen. Die Vorgänge in Hessen haben uns gezeigt, wie unsicher der Gewissensbegriff unter den Menschen ist. Die Menschen wissen nicht, was ein Gewissen ist. Sie wissen es nicht. Das Gewissen ist doch nichts anderes als die Empfangsstelle des Willens Gottes. Das Gewissen sagt mir, was Gott von mir in jeder Situation getan wissen will. Auch das Rasieren ist eine Gewissensentscheidung, natürlich. Alles, was der Mensch tut, ist vom Gewissen oder soll vom Gewissen bestimmt sein.

Der Mensch besitzt eine Ehre, einen guten Ruf, den ihm niemand ungestört entziehen darf. Der Mensch besitzt auch eine Freiheit, eine Freiheit, sich selbst zu bilden, und diese Freiheit soll er benutzen. Der Mensch, der von der Person zur Persönlichkeit werden will, muss unermüdlich an sich arbeiten.

Jeder von uns besitzt Anlagen, Kräfte des Geistes und des Körpers. Aber diese Anlagen sind uns gegeben, dass wir sie entwickeln, dass wir sie entfalten, dass wir sie vollenden. Von jedem von uns hat Gott ein Idealbild, und dieses Ideal sollen wir erreichen, diesem Ideal sollen wir nachstreben. Wir sollen alles, was Gott uns gegeben hat, zur größtmöglichen Entfaltung bringen. Wir sollen das Idealbild verwirklichen, das Gott seit Ewigkeit her von uns in sich trägt.

Man kann auch statt Persönlichkeit sagen: Charakter. Richtig verstanden, ist die Persönlichkeit ein Mensch mit einem Charakter. Den Charakter hat der Mensch nicht von vornherein, er muss sich ihn erwerben. Die Gründung des Charakters ist eine innere Umwandlung, die dem schwankenden Zustand der Triebe und der Begehrungen ein Ende macht. Einen Charakter erwerben heißt eine Wiedergeburt erleben. Wer Charakter hat, besitzt auch Prinzipien, Grundsätze, Maximen, nach denen er sein Leben gestaltet. Er ist kein schwankendes Rohr, sondern er steht da wie eine Säule. Er ruht auf seinen Prinzipien.

Das Höchste, was der Mensch erreichen kann, ist der sittlich schöne Charakter. Er wird gebildet durch die Ehrfurcht vor dem Heiligen, durch den Widerwillen gegen alles Unreine, Unzarte, Unfeine, durch die Liebe zum Reinen, Guten und Wahren. Wer eine edle Persönlichkeit geworden ist, verabscheut alles Schäbige, Gemeine, die böse Lust, die Rachsucht, die Schadenfreude, die Unehrlichkeit. Die edle Persönlichkeit herrscht über alle Lüste, über Schaulust, Gaumenlust, Geschlechtslust. Die edle Persönlichkeit besitzt ein stetes Pflichtbewußtsein. Sie bildet sich aus, ihren Charakter, und die Charakterbildung ist wichtiger als jede andere Bildung. Als die letzten Wahlen in Bayern waren, da wusste eine Zeitung zu melden, dass sich vor allem die sogenannten Gebildeten von der Christlich-Sozialen Union abgewandt hätten. Ich habe da meine Zweifel, und zwar aufgrund meiner Erfahrungen. Wer sind diese Gebildeten? Die mit Ach und Krach ein Abitur gemacht haben, die mit Ach und Krach ein Studium hinter sich gebracht haben, denen es aber häufig an Charakterbildung fehlt? Und Charakterbildung ist wichtiger als Geistesbildung.

Das ist also die Aufgabe, die uns als Persönlichkeiten gestellt ist: die eigenen Schwächen überwinden, die Sünden und die Neigungen zur Sünde überwinden, die Hauptsünden bekämpfen: Stolz, Zorn, Geiz, Neid, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, Trägheit. Tugenden erwerben, Fertigkeiten im Guten, rastlos an sich selbst arbeiten, dass wir demütige, vertrauensvolle, ehrliche und gütige Menschen werden. Ja, die Früchte des Geistes, wie sie Paulus im Galaterbrief aufzählt, die Früchte des Geistes erbringen: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Milde, Güte, Treue, Sanftmut, Mäßigkeit, Enthaltsamkeit, Keuschheit. Das ist unsere Aufgabe, meine lieben Freunde, diese Früchte zu erbringen, Persönlichkeiten zu werden, wie sie Gott sehen will.

Dazu gehört auch eine feste Lebensordnung. Der unvergessliche Mainzer Bischof Ketteler hat einmal im Jahre 1871 in seinem Fastenhirtenbrief geschrieben: „Nichts ist für den Menschen notwendiger als eine feste Lebensordnung, ein fester, bestimmter, wohlüberlegter Plan, nach dem wir unser tägliches Leben einrichten und unsere Pflichten erfüllen. Ohne solche Lebensordnung“, so fährt er fort, „hängt alles, was wir täglich Gutes tun, vom Zufall ab, von unseren Launen, von unserer Stimmung, von den wechselnden Einflüssen, von den äußeren Verhältnissen.“

Eine wesentliche Eigenschaft der edlen Persönlichkeit möchte ich noch eigens herausheben, nämlich den Ruf zur Nachkommenschaft. Der Mensch ist über sich selbst hinausgewiesen. Die edle Persönlichkeit ist gefordert. Sie soll sich über sich hinaus fortpflanzen. „Kinder sind eine Erweiterung der Persönlichkeit“, schreibt einmal der große Papst Leo XIII. Kinder sind eine Erweiterung der Persönlichkeit. Also ist es verwerflich, aus Feigheit, aus Faulheit, aus Bequemlichkeit auf die Ehe oder auf Kinder in der Ehe zu verzichten. Wer sich diesem Rufe Gottes entzieht, der kann keine edle Persönlichkeit werden. Im 2. Jahrhundert verfasste Justinus eine Verteidigungsschrift für die Christen gegen die Angriffe der Heiden. In dieser Verteidigungsschrift steht der Satz: „Wir Christen gehen grundsätzlich entweder die Ehe ein um der Kinder willen, oder wir verzichten auf die Ehe und leben enthaltsam.“ Was immer man auch sagen mag: Die Ehe ist um der Kinder willen eingesetzt. Und die Rede, dass Kinder ein Segen Gottes sind, ist unbestreitbar richtig. Jedes Kind, das geboren wird, bringt von Gott die Botschaft, dass er nicht an der Menschheit verzweifelt.

Gewiß, Kinder sind eine Last. Aber die Religion hilft diese Last tragen. Wer Gott im Hause hat, der bringt leichter zehn Kinder fort als einer, der Gott nicht im Hause und nur ein oder zwei Kinder hat. Kinder verlangen Entsagung, verlangen Opfer. Aber da gilt das Wort der rumänischen Königin Silva: „Wer sich in der Ehe nicht opfern will, wer sich für die Kinder nicht opfern will, der soll nicht heiraten.“

Die Persönlichkeit drängt es sodann, ihren Anteil zu leisten an der Wohlfahrt der Gesellschaft, des Volkes. Es drängt sie, ein Werk zu schaffen. Die Kultur ist ja die Frucht der Arbeit von Persönlichkeiten, oft von großen Persönlichkeiten, von Entdeckern und Erfindern, von Männern der Wissenschaft und der Technik. Dadurch unterscheidet sich der Mensch vom Tier. Das Tier baut seine Höhle oder sein Nest heute genauso wie vor 3000 Jahren. Da ist gar kein Fortschritt festzustellen. Der Mensch aber schreitet fort. Er entdeckt Neues, er schafft Neues, er setzt Werke in die Welt, die den Menschen zum Nutzen sind. Ich denke etwa an die großen Unternehmer. Ja, auch das muss einmal gesagt werden: Diese Arbeitgeber, die dem Volke dienende Werke schaffen, wie sind sie doch oft edle Persönlichkeiten, etwa ein Deichmann, der Inhaber der vielen Schuhgeschäfte, eine edle Persönlichkeit, der nicht nur die Bevölkerung mit Schuhen versorgt, sondern auch seine Angestellten mit höchster Achtung und Ehrfurcht behandelt. Und auch die Arbeitnehmer müssen wir preisen. Ich denke oft in Dankbarkeit an die Müllmänner. Was erweisen diese Männer, die diese schwere, schmutzige Arbeit verrichten, uns einen unermesslichen Dienst! Man muss an italienische Zustände denken, um zu begreifen, was passieren würde, wenn die Müllmänner ihren Dienst einstellen würden.

In der Arbeit verwirklichen wir uns selbst. In der Arbeit dienen wir der Gesellschaft. In der Arbeit leisten wir Gott den schuldigen Gehorsam. Für die Arbeit und für das Gebet, das zur Arbeit gehört und auch Arbeit ist, gelten drei Sätze: 1. Bete, als hülfe kein Arbeiten. Arbeite, als hülfe kein Gebet! 2. Laß deine Arbeit ein Gebet sein und dein Gebet eine Arbeit! 3. Willst du nicht arbeiten, so hilft auch kein Beten. Aus gemeinsamer Arbeit, aus dem Zusammenwirken aller Arbeitgeber und Arbeitnehmer entsteht ein Werk, wird das Volkswohl gefördert, wird das Volkstum erhalten. Aber das alles wird von der großen Klammer umfasst, nämlich dem Dienste Gottes. Die Persönlichkeit weiß, dass sie immer vor Gott steht. Ich wiederhole, was ich am Anfang sagte: Im Gewissen spricht immer Gott zu uns. Jede Handlung, ohne Ausnahme, muss eine Gewissensentscheidung sein, d.h. muss sich vor Gott rechtfertigen lassen. Unsinn, zu sagen, in der Politik komme es auf das Gewissen nicht an. Ja, da kommt es sehr wohl auf das Gewissen an. Es kommt bei allem Tun und Lassen auf das Gewissen an.

Wir stehen also vor Gott allezeit und ohne Ausnahme, bei Tag und bei Nacht. Und wir haben die Aufgabe, unser Leben und unser Werk dem Herrn zu weihen. „Ich weihe mein Werk dem König.“ Die vollendete Persönlichkeit weiß darum, dass sie betend und arbeitend vor Gott steht, dass sie ihre Lebensaufgabe nur erfüllt, wenn sie sie im Angesichte Gottes erledigt. Groß ist der Mensch schon in der Schöpfung als Person. Noch größer ist er in der Erlösung. Gott, du hast den Menschen wunderbar erschaffen, aber noch wunderbarer erneuert, nämlich durch die Annahme der Menschennatur in Christus. Durch diese Menschwerdung wird der Mensch fähig, das dreipersönliche Leben Gottes mitzuerleben. Er glaubt nicht nur an Gott, er gehorcht nicht nur Gott, nein, er ist in das Herz Gottes aufgenommen. Er ist tatsächlich ein Bruder Christi. Er ist tatsächlich ein Sohn oder eine Tochter Gottes, er ist tatsächlich ein Träger des Heiligen Geistes. Die wahre christliche Persönlichkeit lebt das übernatürliche Leben in Christus und bringt es in ihrem ganzen Tun zum Ausdruck. Gott mit der Zunge verherrlichen kann man nicht immer. Ihn durch das Leben verherrlichen, das kann man immer. Die Heiligkeit besteht nicht darin, dass man Außergewöhnliches unternimmt. Die Heiligkeit besteht darin, dass man das Alltägliche und Gewöhnliche gut im Namen Gottes vollbringt. Der unvergessliche große Apostel Berlins, Carl Sonnenschein, hat einmal den schönen Satz geschrieben: „Des Katholiken charakteristisches Zeichen soll sein, dass er die Religion lebt, nicht dass er von ihr redet.“

Die christliche Persönlichkeit weiß auch um den Dienst am Nächsten. Sie ist von der Nächstenliebe geprägt. Wir sind verbunden mit allen Menschen, und wir sind verantwortlich für sie. Wir müssen diese Verbundenheit pflegen. Die Heiden der ersten Jahrhunderte haben von den Christen gesagt: „Seht, wie sie einander lieben!“ Das war etwas Neues. Seht, wie sie einander lieben! Und der Bischof Ignatius, der im Jahre 107 in Rom den Löwen vorgeworfen wurde, schreibt in einem seiner Briefe, die römische Kirche sei die Vorsitzende des Liebesbundes. Also das ist die Kirche: nicht nur Bürokratie, nicht nur Amt, sondern Liebesbund. Und Paulus sagt von sich: „Die Liebe Christi drängt uns.“

Das muss das Motiv sein, weswegen man für Gott arbeitet, weswegen man den priesterlichen Dienst tut: Die Liebe Christi drängt uns. Das haben ja edle Persönlichkeiten aller Zeiten gewusst und getan. In der nächsten Woche werden wir das Gedächtnis der heiligen Elisabeth feiern. Diese edle Frau, die sich im Dienst des Nächsten verzehrt hat, leuchtet wie ein Fanal durch alle Jahrhunderte. Je mehr wir edle Persönlichkeiten sind, desto mehr können wir auch anderen nützen. Der Mensch dient nämlich dem anderen zunächst dadurch, dass er etwas ist, und erst danach, dass er etwas tut. Je mehr wir edle, vollkommene Persönlichkeiten sind, umso mehr können wir anderen nützlich sein. Es hat einmal einer gesagt: „Der Mensch vermag alles, was er vermag, durch seine Persönlichkeit.“ Das mag übertrieben sein. Aber es ist tatsächlich so: Das Beste, was ein Mensch für den anderen tun kann, ist darin gelegen, dass er etwas für ihn ist.

So stehen wir also, meine lieben Freunde, als Persönlichkeiten vor Gott und vor den Menschen. Wir wollen keine Mitläufer sein, wir sollen keine Massenmenschen werden, wir wollen uns nicht von der Weltanschauung des Fernsehers bestimmen lassen, sondern wir wollen aus dem Grunde der Religion emporwachsen, verbunden durch die Gnade mit dem dreifaltigen Gott, eingedenk unserer Pflichten und immer im Gehorsam gegen unser Gewissen Gott dienen und so auf diese Weise mithelfen, dass wir die Erlösung Christi in dieser Welt vollenden

Amen.

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Ehe und Familie nach den Normen Gottes

23.11.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Wir hatten am vergangenen Sonntag versucht, die Aufgabe der Kirche am einzelnen Menschen uns vor Augen zu führen. Wir sagten: Der Mensch ist Person, aber er soll zur Persönlichkeit werden. Und damit er das wird, soll die Kirche mit ihren Kräften mithelfen. Sie soll den Menschen formen, dass er die Anlagen, die in ihm sind, entfaltet, dass er die Talente nutzt, dass er dem Idealbild nahe kommt, das Gott von ihm trägt.

Die christliche Persönlichkeit aber bleibt nicht allein. Sie wächst durch die Ehe, durch die Familie, durch die Kinder. Sie wird zur Bauzelle der Kirche. Das soll das Thema unserer heutigen Überlegungen sein. Wir wollen fragen, wie die Kirche die Familie nach dem Willen Gottes sieht und wie Kirche und Familie zusammengehören. Ja, ist es denn notwendig, meine lieben Freunde, dass wir nach dem gottgewollten Sinn der Familie fragen? Ist das notwendig? Ist mit dem Namen Familie nicht schon vieles in uns wach, das Heimweh nach dem Elternhaus, Vater und Mutter, Heimat und Elternliebe? Quillt das nicht alles in uns auf. Gewiß. Und doch, unsere Zeit krankt vor allem an der Familie. Warum? Der Mensch von heute scheut das Opfer. Das ist seine Grundbefindlichkeit und seine Grundkrankheit: Er scheut das Opfer. Die Familie aber ist auf selbstlosen Verzicht aufgebaut, und so sucht sich der Mensch von heute der Familie zu entziehen, er sucht sie nach seinem Gutdünken umzugestalten. Ehereform heißt das Losungswort unserer Zeit, und wir wissen, wie diese Ehereform aussieht. Immer weitere Lockerung der Institution der Ehe, nichteheliches Zusammenleben, Zivilehe, Ehescheidung, homosexuelle Verbindungen, die als Ehe ausgegeben werden. Ja, Ehereform tut not, aber nach den ewigen Normen Gottes! Auf die Gedanken Gottes über der Ehe kommt es an. Danach muss alles zurückstreben, und wenn eine wirkliche, umfassende Erneuerung der Ehe zustande gebracht werden soll, dann kann es nur nach den Absichten Gottes geschehen.

Die Staaten arbeiten fortwährend Gesetzesentwürfe aus. Statistische Ämter lassen verzweiflungsdüstere Statistiken ausgehen. Die anderen christlichen Kirche schweigen, ducken sich, geben der menschlichen Schwäche nach. Die Synagoge beugt sich, die Moschee beugt sich und der Protestantismus beugt sich. Die Wogen der Leidenschaft schlagen hoch, der Irrtum herrscht. In dieser Brandung steht nur ein einziger Fels fest, der Fels unserer Kirche. Meine lieben Freunde, wenn es eines Beweises bedürfte, dass die Kirche vom Heiligen Geist geleitet ist, dann würde dieser Beweis dadurch geliefert, dass die Kirche unbeirrt zu dem Gesetz der Ehe feststeht, wie Gott es gewollt hat. Das ist für mich ein überzeugender Gottesbeweis.

 Die Familie ist erstens nach Gottes Willen ein heiliger Lebensquell. Gott will, dass die Menschen die Erde bevölkern, dass sie sie bebauen, dass sie sein Werk vollenden. Und wie Gott überhaupt Menschen heranzieht zum Ausbau der Welt, so ruft er auch zur Fortpflanzung des Geschlechtes. Er legt geheimnisvolle Kräfte in den Menschen hinein, und er treibt sie an durch gewaltige Triebe der Natur. Eltern sollen sich dem Schöpfer weihen zu heiligem Dienst. Sie sollen ihm Menschenkinder schenken, dass er sie beglücke. Sie werden also mit ihrem Leib zu einem heiligen Werkzeug, das dem freien Belieben des Menschen entzogen ist. Nur nach dem Willen und Plan des Schöpfers können und dürfen die Menschen darüber verfügen, nach dem Gesetz der Ehe. Es sei noch einmal ausdrücklich gesagt: Es gibt keine legitime geschlechtliche Betätigung außerhalb der gültigen Ehe.

Gott ist es, der den Ehevertrag schließt und die Menschen in das Heiligtum hineinführt. Und von diesem Heiligtum gilt das Wort: „Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“ „Du sollst das Gesetz der Ehe nicht brechen“, so heißt es im Buche Exodus, im 2. Buche Moses. Die Ehe ist schon von Natur aus ein geheiligter Vertrag. Dieser heilige Charakter ergibt sich aus ihren Zwecken, nämlich Kindern das Leben zu schenken und die Gatten zusammenzuführen, und aus ihrem Ursprung, nämlich sie ist von Gott geschaffen. Sie alle wissen, was die Menschen aus diesem Heiligtum gemacht haben. Aus der Stätte des Lebens wird die Gruft des Todes. Wo quellendes Leben hervorspringen soll, da schließt sich oft das Tor hinter den Gatten: Kinderlosigkeit, Kinderarmut. 11 Prozent aller deutschen Frauen, aller jungen deutschen Frauen, wollen keine Kinder. 26 Prozent aller jungen Männer wollen keine Kinder. Was hat die großen Völker der Geschichte aus dem Geschichtsbuch gestrichen? Ihre Kriege? O nein, meine lieben Freunde. Aber in dem Augenblick, wo sie anfingen, das Kind zu fürchten, da ging es mit ihnen bergab.

Hohe Verantwortung hat, wer sich zu dem ehelichen Bunde entschließt, wer zu dem heiligen Dienst in der Schöpferwerkstatt Gottes bereit ist. Heilige Ehrfurcht muss jeden erfüllen, der in dieses Heiligtum eintritt, denn die Ehe ist der Quell des Lebens. Die Familie ist ein heiliger Lebensquell.

Sie ist zweitens eine heilige Gemeinschaft, und zwar zunächst für die Gatten. Es wird im 1. Buch der Heiligen Schrift ergreifend geschildert, wie der erste Mensch einsam war. Es fehlte ihm etwas, er suchte etwas, und er wusste nicht, was. „Es ist nicht gut“, sagt der Herr, „dass der Mensch allein sei. Laßt uns ihm eine Gehilfin machen, die ihm gleiche.“ Und da ist der erste Mensch beglückt, als er seine Frau sieht und als der Ehesegen über ihn gesprochen wird: „Wachset und mehret euch!“ Wachset selbst zuerst aneinander in gegenseitiger Hilfe. Werdet in der Gemeinschaft stark, den Lebensweg zu gehen. Einer trage des anderen Last. Es ist keine Kleinigkeit, meine lieben Freunde, allein zu stehen, aber Gott will, dass normalerweise und in aller Regel der Mensch sich zum Menschen findet, damit sie in Gemeinschaft aneinander emporwachsen, sich Stütze seien und Hilfe und in der Tugend miteinander wachsen. Der Schöpfer hat uns eben füreinander geschaffen, Mann und Frau, Wesen verschiedener Art, zusammen ergänzen sie sich, finden sie sich in Harmonie. Gesetze, selbst die bestgemeinten, bewirken wenig, wenn nicht die Menschen die Haltungen lernen, die nun einmal für das Leben notwendig sind, die vor allem für ein gedeihliches, gottgefälliges Leben notwendig sind, also die Tugenden, das sind Fertigkeiten im Guten, die wir brauchen.

Der Bundespräsident hat in diesen Tagen von den Bankiers eine dieser Tugenden eingefordert. Er sagte, die Bankiers müssten Demut lernen. O wie richtig! Aber Demut ist natürlich nur eine Tugend, die wir erlernen müssen. Verantwortung füreinander, Dienst füreinander, Zurücktreten voreinander. Wie ist das so notwendig in einer jeden Ehe! Und eine Weggemeinschaft muss es sein bis ans Ende, auf dass die Liebe lauter und reifer werde. Die Sinnlichkeit, die die Menschen oft zueinander führt, trägt eine Ehe nicht, die Stimmung, der äußere Eindruck muss weichen einer tiefen Zuneigung der Seelen, die sich gefunden haben. Das ist aber nur möglich, wenn sie wissen, dass sie unzertrennlich zueinander gehören, dass sie alles miteinander tragen müssen, auch das Kreuz ihrer Ehe. Denn Sie wissen es ja, meine lieben Freunde, jeder Mensch will auch getragen werden. Jeder Mensch hat sogar etwas Unerträgliches an sich. Das muss man in der Ehe lernen: einander tragen, einander ertragen. Aber in der Festigkeit des Ehebandes haben sie eben die Garantie, dass dieses Tragen sinnvoll ist und dass es bis zum Ende reichen wird. So ist die Treue gesichert durch die Festigkeit des Ehebandes. Die Verlockungen zur Untreue schwinden angesichts der Festigkeit des Ehebandes. Die ängstliche Besorgnis, ob der andere in der Not oder im Alter oder in der Krankheit oder im Unglück weggehen wird, diese Besorgnis weicht dann. Tür und Tor ist verschlossen, die Gatten wissen: Wir gehören zusammen bis zum letzten Atemzug.

Zu den Eltern, zu den Gatten gesellt sich das Kind, ein bleibendes Denkmal ihrer Liebe. Ihm sollen sie den Weg bahnen in der Familie, sollen es an ihre Hand nehmen und die erste Wegstrecke begleiten. Erziehung der Kinder ist naturgegeben Aufgabe der Familie. Darum lässt auch der Schöpfer das Kind so viele Jahre hilflos sein. Er zeigt damit, dass es eben angewiesen ist auf die Eltern, auf die Familie. Arme Kinder, die Vater oder Mutter nicht kennen! Sie werden einer kommunalen Pflege oder einer staatlichen Pflege ausgeliefert, aber sie haben keinen Vater und keine Mutter. Auch um des Kindes willen hat der Schöpfer das Band der Ehegatten unauflöslich geknüpft. Heilige Weggemeinschaft wird die Familie durch das Leben hin zu Gott. Es soll am Ende des Lebens einmal so sein, dass die Eltern vor Gott hintreten können und sagen: „Herr, keines von denen, die du mir gegeben hast, habe ich verloren.“ O große Verantwortung! Was aus einem Kinde wird, was aus einem Menschen wird, das entscheidet sich zum Großteil in der Kindheit, in der Jugend, und diese Verantwortung kann keine Macht der Welt den Eltern abnehmen. Denn Gott hat sie ihnen gegeben. Die Pflicht und damit das Recht der Erziehung liegt in erster Linie bei den Eltern. Und wenn sie es noch nicht können, dann müssen sie es lernen. Die Menschen bereiten sich auf alles vor, vor allem auf den Beruf. Viele Jahre gehen sie in die Schule, gehen in die Lehre. Bereiten sie sich auch vor auf die Ehe, auf die Familie, auf die Erziehung von Kindern? Rüsten sie sich selbst aus mit den Tugenden, die notwendig sind, um einem Kind das Leben zu schenken und es zu erziehen? Niemand darf die Eltern aus ihrem Erziehungsrecht verdrängen.

Und drittens ist die Familie der Lebensraum für den wachsenden Menschen. Eine Pflanze muss guten Boden haben und Platz, damit sie wachsen kann. Ein Mensch braucht auch eine solche Pflanzstätte, damit er gedeihen kann. Das ist das Elternhaus, das Heim, die Familie, dieses unfassbare Wunder von Wohlwollen, Aufmerksamkeit, Zuverlässigkeit, Schönheit, Sonnigkeit, ja auch von Zärtlichkeit, um dessentwillen wir ein lebenslanges Heimweh nach dem Vaterhaus in uns tragen. Glücklich jene Menschen, die ein solches Heim haben, die in ein solches Heim hineingeboren wurden. Glücklich jene jungen Menschen, die sagen: Am schönsten ist es bei uns zu Hause. Aber wie arm sind die jungen Menschen, wenn der Vater oder die Mutter das Haus verlassen und draußen ihr Glück suchen, ihre Freude suchen! Wenn sie nicht imstande oder nicht willens sind, das Heim zu schaffen, in dem sich alle wohlfühlen können.

Niemand, meine lieben Freunde, schätzt Ehe und Familie so hoch wie unsere Kirche. Niemand hat ihr zu allen Zeiten und vor allem in der Not so wirkungsvoll geholfen wie sie. Schon die Naturehe ist ein Heiligtum; die christliche Ehe übersteigt es noch bei weitem. Denn die christliche Ehe hat ja die Aufgabe, Bürger für das Reich Gottes hervorzubringen, Mitbürger der Heiligen, Hausgenossen Gottes. Und deswegen gehört der Mensch eben zwei Gemeinschaften an, der Familie und der Gottesgemeinschaft der Kirche. Beide gleich notwendig, beide gleich wesentlich. Als Menschenkind gehört er zur Familie, als Gotteskind gehört er zur Kirche. Durch diese gemeinsamen Aufgaben zueinander hingeordnet gehören Kirche und Familie zusammen. Aber ihre eigentliche Verbindung ist in der Sakramentalität der Ehe gegeben. Im Epheserbrief ist diese Sakramentalität vom Apostel Paulus ausgesprochen. Er sagt von der Ehe: „Sie ist ein Geheimnis, und dieses Geheimnis ist groß im Hinblick auf die Beziehung der Ehe zu Christus und seiner heiligen Kirche.“

Die Ehe ist ein Abbild der Verbindung von Christus zur Kirche. So wie Christus die Kirche liebt, so sollen die Gatten einander lieben. Wie liebt denn Christus die Kirche? Ja bis zur Hingabe des Lebens, bis zum Vergießen des Blutes, bis zum letzten Seufzer am Kreuze. So liebt Christus die Kirche. Kann man Erhabeneres, kann man Höheres über die Ehe sagen, als was hier uns gelehrt wird: die Ehe ein Abbild der Verbindung Christi mit der Kirche? Wenn die Eheleute ihren Bund schließen, wird durch diesen Bund jenes heilige Ineinander gestaltet, das Christus und die Kirche verbindet. Wir können auch noch ein anderes herrliches Bild uns vor Augen führen. Die Kirche ist ja, wiederum nach dem Zeugnis des Apostels Paulus, der Leib Christi. Und wenn immer in der Kirche neue Glieder hervorgebracht werden, dann sind das auch Zellen, neue Zellen am Leibe Christi. Durch jedes Kind, das geboren und zur Taufe geführt wird, entsteht eine neue Lebenszelle, und der Ehevertrag wird zum heilswirksamen Zeichen. Er gibt den Gatten das ständige Anrecht auf Gottes Hilfe in allen Lagen. Deswegen ist es eben nicht egal, meine lieben Freunde, ob man zusammenlebt ohne Trauschein, wie man heute sagt, oder ob man sich unter den Segen Gottes beugt, ob man die Gnadenquellen fließen lässt. Es ist nicht egal.

Gehören Ehe und Familie seinshaft zusammen, dann folgt aus dem gemeinsamen Sein auch das Wirken füreinander. Zunächst einmal: Was gibt die Kirche der Familie? In einem Elternhaus stand der schöne Spruch: „Wo Glaube, da Liebe, wo Liebe, da Friede, wo Friede, da Gott, wo Gott, keine Not.“ O wie wahr, meine Freunde! Wo Glaube, da Liebe, wo Liebe, da Friede, wo Friede, da Gott, wo Gott, keine Not. Wo der katholische Glaube in einer Ehe und Familie lebt, da weiß man um das Heiligtum der Ehe und die hohen Aufgaben. Da stehen Eltern und Kinder in heiliger Ehrfurcht voreinander, da ruht die Familie auf dem festen Grunde des Rechtes und der Gottesordnung, da ist Gehorsam eine selbstverständliche Haltung der Jugend. Und da ist die liebevolle Sorge um die Kinder selbstverständlich, eine heilige Gewissenspflicht. Ja, wo Glaube, da Liebe, wo Liebe, da Friede, wo Friede, da Gott, wo Gott, keine Not.

Und wieviel Freude trägt die Kirche in die Familie hinein! Der Tag der Trauung ist und soll ein Tag der Freude sein. Wo die rechte Vorbereitung auf diesen Tag gehalten wird, da kann er auch nur ein Tag der Freude sein. Und dann kommen die Tage froher Kindtaufen. Was ist es beglückend, ein solches Kindlein in den Armen zu tragen! Meine lieben Freunde, was ist das beglückend! Dann die herrlichen Wochen, die vorhergehen, bis die Kinder zur Ersten Heiligen Kommunion geführt werden. Und jedes Jahr wird es wieder Weihnachten und man sammelt sich um die Krippe und um den Lichterbaum. Wieviel Liebe geht doch von dieser Krippe in die Familie hinein! Und all die frohen Feste und Bräuche des Kirchenjahres. Wahrhaftig, was gibt die Kirche der Familie! Wenn das Kreuz in die Familie einzieht, da wird es im Geiste Christi getragen in Geduld. Liebe schließt sich enger zusammen. Liebe flieht nicht vor dem Kreuz. Gemeinsam trägt man das schwerste Leid. Und wenn einen die Krankheit ereilt und der Tod kommt, dann tritt der Priester in das Haus und sagt: „Friede diesem Hause!“ Christliche Familien bleiben ja über den Tod miteinander verbunden. Wir glauben an die Gemeinschaft der Heiligen. Wir wissen, dass unsere Verstorbenen leben, und wir wissen, dass sie für uns beten. Ach, was ist der Allerseelentag ein glücklicher Tag, wo wir uns an unsere lieben Verstorbenen erinnern und ihnen durch unsere Fürbitte helfen.

Was gibt aber auch die Familie der Kirche? Nun, die Familie gibt der Kirche Wachstum. Aus den Familien wächst die Kirche, wie freut sich der Pfarrer, der gute Pfarrer, wenn sich die Taufregister füllen, wenn er sieht, wie aus dem Lebenswillen opferbereiter Eltern die Gemeinden wachsen, wie dadurch sich das Reich Gottes auf der Erde ausbreitet. Als unsere heilige Kirche noch kraftvoll und lebendig war, da hat in Holland der katholische Bevölkerungsteil aus einer Minderheit sich zu einer Mehrheit erhoben. Die holländischen Familien hatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts und noch bis in die 30er Jahre 8 bis 10 Kinder. Dann kam der große Zusammenbruch, und die Kinder blieben aus. Der Protestantismus in Holland triumphierte: Die biologische Gegenreformation ist beendet. Die biologische Gegenreformation ist beendet. Wahrhaftig, sie ist beendet.

Die Kirche weiß, dass nur aus guten Familien ganze Christen werden können. Diejenigen, auf die man sich als Priester verlassen kann, kommen in aller Regel aus intakten Familien. Nur gesunde christliche Familien können uns unsere Helfer in der Seelsorge bereitstellen. In den christlichen Familien fehlt das Familiengebet nicht, da wird die Weihe des religiösen Lebens auf den Alltag übertragen. Das gegenseitige Beisammensein eines ehrbaren Vaters, einer opferbereiten Mutter, einer reinen Jugend wirkt sich segensvoll aus. Ohne Rückhalt in der Familie gibt es keine nachhaltige Seelsorge.

Das Teuerste aber, was die gute Familie der Kirche schenkt, sind gute Priester und gute Ordensleute. Die Berufe kommen von Gott, aber Gott bedient sich der menschlichen Werkzeuge. Auch hier setzt die Gnade die Natur voraus. Der Priesterberuf will nun einmal besondere Wachstumsbedingungen.

Mein unvergesslicher Oberhirt, Ferdinand Piontek, hat einmal eine Predigt gehalten mit dem Thema: „Ihr Eltern, betet täglich: Lieber Gott, lass uns so leben, dass aus unserer Familie ein Priester hervorgehen kann.“ Lieber Gott, lass uns so leben, dass aus unserer Familie ein Priester hervorgehen kann. Nur auf dem Boden einer reinen Ehe, in einer glaubensfrohen Luft kann ein Priesterberuf gedeihen. Und was ist es Ergreifendes, wenn aus einer solchen Familie ein Priester hervorgeht! Wenn Vater und Mutter dem Altare einen Sohn schenken, dann haben sie mehr getan, als wenn sie eine Kirche gebaut hätten.

Christus will König sein in der Familie. Sein Gesetz, sein Geist, seine Liebe sollen in der Familie herrschen. Sein Gnadenleben soll sie durchfluten. Ich sehe ein trautes Familienheim. Am Ehrenplatz prangt das Bild des Heilandes, des göttlichen Herzens, das versprach, die Familien zu segnen, in denen das Bild seines Herzens aufgestellt ist. Ich sehe, wie die Kinder sich um Eltern versammeln und gemeinsam beten. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Ich sehe, wie wenigstens eines am Sonntag den Heiland heimträgt aus der Kirche im Herzen, in einer heiligen Kommunion. In der Tat, eine solche Familie ist ein Stück Kirche, ein lebendiges Organ am Leibe Christi. Von diesem Hause gilt das Wort der Heiligen Schrift: „Diesem Hause ist Heil widerfahren.“

Amen.

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Die Sakramente des Alten Bundes

30.11.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Vor 50 Jahren feierte ich täglich die heilige Messe in der Kirche der Mädchenschule zu Freising. Die Schule wurde von Nonnen geführt, von Armen Schulschwestern. Eines Tages im Advent kam die Frau Rektorin zu mir und sagte: „Die Kinder fragen im Advent immer wieder. Wie wurden denn die Kinder vor Christus gerettet? Wie haben sie denn das Heil erlangt, wo es noch keine Taufe gab? Wie wurden sie von der Erbsünde befreit?“ Sie sehen, wie wach und lebendig damals Kinder waren, dass sie auf solche Fragen gestoßen sind. Und tatsächlich muss man sich ja auch fragen: Ja, gab  es für die Menschen vor Christus, ohne Christus, vor der Taufe, ohne Taufe Heil? Oder mussten sie verloren gehen? Aber wie stimmt dann überein, dass im 1. Timotheusbrief steht: „Gott will, dass alle Menschen selig werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ Alle, nach oder vor Christus. „Wir haben unsere Hoffnung gesetzt“, heißt es in demselben Brief, „auf den lebendigen Gott, den Retter aller Menschen.“ Vor Christus und nach Christus. Und noch einmal im 1. Timotheusbrief: „Christus hat sich selbst als Lösegeld hingegeben für alle.“

Wir wissen, dass das Heil, also die heiligmachende Gnade und der Himmel, die Freuden des Himmels, dass das Heil nur gewonnen wird durch den Anschluß an Jesus Christus. Vor dem Hohen Rate in Jerusalem hat Petrus bekannt: „Es ist kein anderer Name gegeben unter dem Himmel, in dem die Menschen selig werden können, als der Name Jesu Christi.“ Die Verbindung mit Jesus wird hergestellt durch Glaube und Taufe. Der Herr sagt es selber: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet werden.“ Aber wie werden diejenigen gerettet, die Christus nicht kannten und die die Taufe nicht hatten? Werden sie auch durch Glaube und Taufe gerettet? Muss man vielleicht diese Rettungsmöglichkeit ausweiten, muss man vielleicht das Verständnis dieser beiden Elemente, Glaube und Taufe, vertiefen, um zu begreifen, wie die Menschen vor Christus und ohne Christus gerettet werden konnten? Ich bin überzeugt, dass eine solche Auslegung sachgemäß und notwendig ist. Was ist Glaube? Der Glaube ist das feste Vertrauen auf das, was man erhofft, das Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht. Gab es einen solchen Glauben schon vor Christus? Ja. Es war nicht der Glaube an den gekommenen Christus, es war der Glaube an den kommenden Christus. Wir glauben an Jesus, der erschienen ist; unsere Vorväter in grauer Vorzeit hofften auf Jesus, der kommen würde. Also der Glaube war auch damals möglich. Und der Herr hatte die Menschen nicht ohne Hoffnung gelassen. Schon nach dem Sündenfall im sogenannten Protevangelium, im ersten Evangelium, hat er ihnen gesagt, dass er Feindschaft setze zwischen dem Satan und der Frau und ihrem Nachkommen, und dass ein Schlangentreter kommen werde, der der Schlange den Kopf zertreten werde. Dieses Protevangelium ist niemals widerrufen worden, und der Herr hat seine Verheißungen immer wieder erneuert und bekräftigt.

Also, die Menschen vor Christus waren nicht ohne göttliche Hilfe. In dieser Zeit wurden die Menschen durch das sacramentum naturae von der Erbsünde befreit, durch das Natursakrament. Und worin bestand es? Es bestand in einem Akt des Glaubens an den künftigen Erlöser. Indem die Eltern ihr hoffendes Vertrauen auf Gott setzten, auf den kommenden Erlöser, wurden ihre Kinder, ihre unmündigen Kinder gerechtfertigt und geheiligt. Ihre, der Eltern Sehnsucht und Zuversicht rettete, ohne dass sie es wussten, auch ihre Kinder. Diese Hoffnung verschaffte ihren Kindern das Heil. Die Erwachsenen wurden selbstverständlich ebenso durch diesen Glauben und diese Hoffnung gerechtfertigt. Dazu kam, wenn man will, eine Art Natursakrament, dass sie das ganze Leben aus der Hand Gottes annahmen. Indem sie sich unter das Gericht Gottes stellten, erkannten sie Gott als Richter an. Der Mann wurde gerechtfertigt durch die Mühen und Plagen der Arbeit, durch den Kampf bis zur Aufreibung der Kräfte. Die Frau wurde gerechtfertigt durch die Wehen der Mutterschaft, durch die häuslichen Plagen, durch die Geduld in der Ausdauer. Diese Folgen der Erbsünde dienten als eine Art Natursakrament der Heiligung der vor Christus lebenden Erwachsenen und ihrer Kinder.

Später kam dann zu dem Glauben als bleibendem Element die Beschneidung hinzu. Die Beschneidung war das ordentliche Mittel zur Reinigung von der Erbsünde. Die Menschen, die beschnitten wurden, wurden dadurch Jahwe, dem Gott des Alten Bundes, geweiht. Sie wurden zum Bundesvolk geführt, in das Jahwe-Volk aufgenommen. Die Beschneidung war das Bundeszeichen. Und wer beschnitten ist, der war rein und gehörte zum Bundesvolke. In diesem Sinne hat einmal der große Papst Innozenz III. geschrieben: „Die Erbschuld wurde durch das Geheimnis der Beschneidung nachgelassen, und so wurde die Gefahr der Verdammnis vermieden.“ Die Heilszeichen vor Abraham waren Naturzeichen. Die mit Abrahams Berufung von Gott verfügten Heilszeichen waren Geschichtszeichen, also Elemente der geschichtshaften Selbsterschließung Gottes.

Dann kam die Zeit des Mosaischen Gesetzes. Für die Zeit des Mosaischen Gesetzes gab es neben der Beschneidung noch andere vorchristliche Sakramente, z.B. das Osterlamm oder die Speiseopfer, ein Vorbild der Eucharistie, Waschungen und Reinigungen, Vorbilder des Bußsakramentes, Segnungs- und Weiheriten, Vorbilder der Weihesakramentes. Es gab also auch schon vor Christus eine bestimmte Art von Sakramenten. Zusammen mit dem Glauben haben sie die Menschen, die sich ihnen gläubig unterwarfen, heiligen können.

 Wohl waren die alttestamentlichen Sakramente den neutestamentlichen ähnlich, aber die Unähnlichkeit ist größer als die Ähnlichkeit. Es bestanden beträchtliche Unterschiede. Das Wesen der neutestamentlichen Sakramente besteht darin, dass sie bewirken, was sie anzeigen. Sie bewirken, was sie anzeigen. Also wenn der Priester spricht: „Der Leib Christi“, dann ist das der Leib Christi; und wenn das Taufwasser über das Kind rollt, dann wird es gereinigt. Die Riten des Alten Testamentes hatten diese Kraft nicht. Sie waren aus sich nicht rechtfertigungsfähig. Kraft ihres Vollzuges haben sie nicht die Gnade verliehen, sondern nur eine äußere, gesetzliche Reinheit. So hat das Konzil von Florenz im Jahre 1439 erklärt: „Die Sakramente des Alten Bundes vermittelten nicht die Gnade, sondern sie wiesen nur darauf hin, dass sie durch Christus gegeben werden müsse.“ Deswegen konnte auch Paulus die Kulteinrichtungen des Alten Testamentes als schwache und armselige Elemente abtun. Sie waren nicht imstande, die innere Gewissensreinheit zu verschaffen. Sie konnten nur eine äußere, gesetzliche Reinheit bewirken. „Im ersten Zelt“, heißt es im Hebräerbrief, „werden Gaben und Opfer dargebracht, welche den Dienenden in seinem Gewissen nicht vollkommen reinigen können.“ Und an einer anderen Stelle heißt es: „Das Blut von Böcken und Stieren und die Asche einer Kuh sind unfähig, die Gewissen zu reinigen, sie heiligen nur zur Reinheit des Fleisches.“

Das ganze Alte Testament war eben ein Erzieher auf Christus hin. Im Alten Testament ist das Neue Testament verborgen, und im Neuen Testament ist das Alte Testament zur Klarheit gebracht. Die Gerechtigkeit Gottes, durch die der Gläubige zum Heil geführt wird, ist im Alten Testament verhüllt, im Neuen Testament enthüllt. Und so sind die Sakramente des Alten Testamentes Typen, d.h. Vorbilder, Schattenrisse, entfernte Entwürfe der Sakramente des Neuen Testamentes. Sie waren ein Bekenntnis des Glaubens zum kommenden Erlöser. Unter Mitwirkung aktueller Gnaden erweckten sie im Empfänger das Bewußtsein der Sündhaftigkeit und den Glauben an den kommenden Erlöser. Dadurch disponierten, bereiteten sie den Empfänger vor zum Empfang der heiligmachenden Gnade und bewirkten so die innere Heiligung. Die alttestamentlichen Sakramente waren also schwache Schattenrisse der neutestamentlichen. Aber sie waren doch – und das ist ihr Größe – ein objektives Bekenntnis des Glaubens an den kommenden Erlöser. Und Gott nahm dieses Bekenntnis zum Anlaß, die Heiligungsgnade regelmäßig zu geben.

Es bleibt also dabei: Die Altväter wurden durch den Glauben an das Leiden Christi, der in seiner vollen Gestalt ihnen noch verborgen war, gerechtfertigt, genauso gut wie wir. Aber die Sakramente des Alten Bundes hatten aus sich keine Kraft, sondern sie mussten durch das gläubige Empfangen der Empfänger gewissermaßen mit Gnade aufgeladen werden, um die Heiligung zu bewirken. Das Alte Gesetz schenkte nicht, wie das Neue, den Heiligen Geist. Dennoch gab es eben aufgrund des Glaubens und der gläubigen Unterwerfung unter Gottes Willen auch im Alten Bunde Gerechte, Menschen, welche die Liebe und die Gnade des Heiligen Geistes hatten. Die Kirchenväter sprechen oft davon, dass es Gerechte von Adam an gegeben hat, „vom gerechten Abel an bis zum letzten Erwählten“. Es gab also auch vor dem Erscheinen Christi Gerechtfertigte. Ja, im Hebräerbrief wird von den „Martyrern des Alten Bundes“, also z.B. von den Makkabäischen Brüdern, gesagt: „Sie alle, bewährt als Zeugen des Glaubens, wurden erfunden in Christus.“ Obwohl sie ihn noch gar nicht kannten, haben sie ihr Martyrium im gläubigen Vertrauen auf den kommenden Erlöser bestanden. Nicht das Gesetz machte sie gerecht, sondern der Glaube. Weil sie den verheißenen Erlöser erwarteten, wurden sie gerechtfertigt.

Wir haben also, meine lieben Freunde, das Verständnis dafür gewonnen, dass immer und nur der Glaube rechtfertigt. Wer zu Gott kommen will, muss glauben, dass er ist und dass er denen, die ihn suchen, ein Vergelter wird. Das ist ein ehernes Gesetz, das vom Hebräerbrief aufgestellt wurde. Es rettet immer der Glaube, im Alten wie im Neuen Bunde, aber in je verschiedener Weise. Im Alten Bunde ist der Glaube die Antwort des Menschen auf das verheißene Heil, im Neuen Testament ist er die Antwort auf das gewährte Heil. Der Heilsmittler ist immer Christus, und alle, die im Alten Bunde sich an Gott gehalten haben, haben auf Christus gehofft. Aber ihre Sehnsucht nach dem vollendeten Heil. das noch unter Schleiern verborgen war, wurde erst erfüllt im Neuen Bunde. „Das, was wir jetzt christliche Religion nennen“, hat einmal der heilige Augustinus geschrieben, „war der Sache nach auch bei den Alten und fehlte vom Anbeginn des Menschengeschlechtes nicht, bis Christus im Fleische erschien. Von da an begann die wahre Religion, die schon immer da war, die christliche zu heißen.“

Die ersten Sakramente, die alttestamentlichen Sakramente, waren nur Hinweise auf den kommenden Christus. Als Christus sie mit seinem Kommen erfüllte, wurden sie abgeschafft, und sie wurden abgeschafft, weil sie erfüllt waren.

Meine lieben Freunde, wir stehen in der schönen, ergreifenden Zeit des Advents, wo wir die so vertrauten und inhaltsreichen Adventslieder singen. „O komm, o komm, Emmanuel, nach dir sehnt sich dein Israel. In Sünd und Elend weinen wir und flehn und flehn hinauf zu dir.“ Das ist der Gesang des alttestamentlichen Volkes gewesen. O komm, o komm, Emmanuel, nach dir sehnt sich dein Israel. O komm, du wahres Licht der Welt, das unsre Finsternis erhellt. Wir irren hier in Trug und Wahn. O führ uns auf den Lichtes Bahn.

Amen.

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Geboren aus Maria, der Jungfrau

07.12.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Im Jahre 735 v. Chr. verbanden sich der König Phakee vom Nordreich, Israel, und der König von Damaskus, Rasin, also der Syrerkönig, um gegen den Assyrerkönig Tiglatpileser zu Felde zu ziehen. Sie bestürmten auch den König des Südreiches von Juda, dass er sich ihnen anschließe. Aber der König Achaz lehnte ab. Er hatte andere Pläne. Da überzogen sie das Südreich mit Krieg und wollten den König Achaz absetzen und einen anderen, nämlich den Sohn des Tabul, an seiner Stelle einsetzen. Die Kunde von den heranrückenden Heeren entsetzte Jerusalem. „Da bebte das Herz des Königs und seines Volkes, gleich wie die Bäume des Waldes vor dem Winde beben.“ In dieser Angst und Not ergeht das Wort des Herrn an den Propheten Isaias, er soll zum Könige sagen: „Sieh dich vor und halte dich ruhig! Hab keine Furcht. Dein Herz soll nicht zagen vor diesen zwei rauchenden Brandscheidtstummeln.“ Das König soll also ruhig abwarten, der Angriff der beiden Verbündeten ist nicht zu fürchten, ihre Pläne werden nicht gelingen, das Nordreich wird sich nicht erweitern können, und der König von Damaskus wird ebenso sein Reich nicht vergrößern können. Aber das Südreich muss Vertrauen fassen. Es muss Glauben haben an Gott. Im mangelnden Vertrauen liegt seine große Gefahr. „Wenn ihr nicht glaubt, habt ihr keinen Bestand mehr“, sagt der Prophet zum König.

Und Gott ging noch weiter. Er gewährte Achaz ein Zeichen. Der König kann sich ein außerordentliches Ereignis wählen, gleich welcher Art, Gott wird es in Erfüllung gehen lassen. Und daran soll er erkennen, dass die Pläne der beiden Verbündeten scheitern werden. Und siehe da, der König lehnt es ab, ein Zeichen zu fordern. Er begründet das mit seiner Frömmigkeit. Er will Gott nicht versuchen, sagt er. Aber das war nicht der wahre Grund. Der richtige Grund war: Was Gott von ihm erwartete, war ihm lästig. Der Vorschlag des Propheten, Ruhe zu halten und auf Gott zu vertrauen, lief seinen politischen Plänen zuwider. Er hatte nämlich vor, den Assyrerkönig Tiglatpileser zu Hilfe zu rufen. Und er führte diesen Plan auch aus. Mit dieser Ablehnung hat der König Gott beleidigt, und so kündigt ihm der Prophet Unglück an. Assyrer und Ägypter werden das Südreich, Juda, beherrschen. Aber Gott geht von seinem Plane nicht ab. Er bleibt dabei, ein Wunderzeichen zu geben. Was ist das für ein Zeichen? Eine Jungfrau wird als Jungfrau einen Sohn gebären, der heißt Emmanuel, das bedeutet: Gott mit uns. Dieser Knabe ist das lebendige Zeichen, dass Gott das Südreich, Juda, in höchster Gefahr nicht verlässt. So sicher wie das Emmanuelszeichen eintreten wird, so sicher wird das Land von seinen jetzigen Feinden befreit werden. Der Knabe wird ein armes Leben führen, Dickmilch und Honig wird er essen, also die Speise der Armen, und das wird so lange gehen, bis er zum Vernunftgebrauch gelangt ist. Dann wird die Gefahr vorüber sein, dann ist die nationale Not vorbei und Juda ist gerettet.

Wie Gott gesprochen hatte, so trat es ein. In den Jahren 734 bis 732 v. Chr. kam der Assysrerkönig Tiglatpileser nach Damaskus und nach Israel. Er verwüstete die Länder und führte viele Menschen in die Gefangenschaft. Aber das Reich Juda war gerettet. Wir können annehmen, dass das von Gott angekündigte Zeichen damals eingetreten ist. Es hat eine Jungfrau einen Knaben geboren, und es wurde ihm der Name Emmanuel gegeben, und für die Dauer seiner Unmündigkeit, seines mangelnden Vernunftgebrauches hat Juda unter der Bedrückung gelitten, aber dann war die nationale Not vorbei.

Und doch: Dieses Zeichen 700 Jahre v. Chr. war nur ein Schattenriß für ein anderes Zeichen. Diese jungfräuliche Mutter von damals war nur ein Vorentwurf einer anderen jungfräulichen Mutter, und dieser gottgesegnete Knabe war nur der Schattenriß eines anderen Knaben. Diese Stelle Is 7,14 ist messianisch zu verstehen. So hat das Christentum von Anfang an diese prophetische Stelle bei Isaias begriffen. Es hat sie von Anfang an auf den Messias gedeutet. Im Matthäusevangelium lesen wir anschließend an die Botschaft des Engels, die an Josef erging, wo er über das Geheimnis Mariens aufgeklärt wurde: „Dies alles ist geschehen, damit die Schrift erfüllt werde, was vom Herrn durch den Propheten gesagt wurde: „Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und seinen Namen wird man nennen Emmanuel, das heißt: Gott ist mit uns.“

Die Prophezeihungen des Isaias sind in hebräischer Sprache geschrieben, und das entscheidende Wort, auf das es hier ankommt, ist das Wort „alma“. Dieses hebräische Wort bedeutet Jungfrau. Damit ist nicht gemeint die Frau des Königs Achaz oder die Frau des Propheten Isaias. Nein, es handelt sich um eine Jungfrau, nicht um eine verheiratete, in Geschlechtsgemeinschaft mit ihrem Manne stehende Frau. Die Juden haben von Anfang an diese Deutung der Isaias-Stelle bekämpft, mit allen Mitteln. Sie haben an erster Stelle behauptet, die griechische Übersetzung des hebräischen Textes habe das Wort „alma“ falsch wiedergegeben. Alma sei unrichtig übersetzt mit „die Jungfrau“, es müsse vielmehr heißen : „die junge Frau“. Dieser Einwand, meine lieben Freunde, ist nicht berechtigt. Denn wir können Stellen im Alten Testament nachweisen, in denen „alma“ die unberührte, junge, heiratsfähige Frau bezeichnet, das unberührte, heiratsfähige Mädchen. Ein Beispiel: Rebecca. Von ihr wird gesagt: Das Mädchen war sehr schön, und sie war klug, und sie war ledig, aber sie hatte noch keinen Mann erkannt. Und dann heißt es: „alma“. Rebecca war eine alma, eine Jungfrau. An zweiter Stelle können wir darauf hinweisen, dass der Zusammenhang, in dem die Stelle Is 7,14 steht, die Bedeutung Jungfrau verlangt. Denn ein außerordentlicher Vorgang, ein unerhörter Vorgang, eben ein Zeichen, liegt nur dann vor, wenn eine Jungfrau als Jungfrau empfängt und gebiert. Das ist ein einmaliger, wunderbarer Vorgang. Es wäre nichts Großes, nichts Kennzeichnendes, es wäre kein Zeichen, wenn eine junge Frau nach der Empfängnis durch ihren Mann geboren hätte. Das ist ja der gewöhnliche Lauf der Dinge. Etwas Alltägliches kann kein Zeichen sein. Die Kirchenväter, von Justin dem Martyrer angefangen, haben die Stelle Is 7,14 messianisch ausgelegt. Sie betonen, dass die Worte so zu verstehen sind, dass die Mutter des Emmanuel als Jungfrau – als Jungfrau! – empfangen und gebären werde. Die Prophezeiung des Isaias ist in Maria erfüllt worden. Wir beten im Glaubensbekenntnis: „Geboren aus Maria, der Jungfrau.“ Wir bekennen die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens. Das bedeutet: Maria war Jungfrau vor der Geburt Jesu, sie war Jungfrau während der Geburt Jesu, und sie war Jungfrau nach der Geburt Jesu. Das ist ein großes Geheimnis; das ist schwer zu erklären; das bereitet dem Verstand Schwierigkeiten. Ohne weiteres, gern zugegeben. Aber eines dürfen wir niemals tun, wie es die Frau Ranke-Heinemann in Essen getan hat, nämlich diese Stelle umdeuten. Es handelt sich hier um einen biologischen Sachverhalt, nicht bloß um einen geistig zu verstehenden Sachverhalt. Unerbittlich gegen alle Abschwächungen und Verdrehungen hält die Kirche daran fest: Maria ist Jungfrau auch im biologischen Sinne.

Die beiden Texte, die davon sprechen, geben in scheuer Zurückhaltung lediglich die nüchterne Tatsache an, keine Spekulation, keine romantische Legende. Der Vorgang der Empfängnis wird überhaupt nicht beschrieben. Für diesen Glauben und für diese Tatsache haben wir die unwiderleglichen Zeugnisse des Matthäus und des Lukas. Ihre Berichte sind voneinander unabhängig, aber sie bezeugen beide dasselbe: Maria ist die jungfräuliche Mutter Jesu. Der Evangelist Lukas, der allen  des Lebens Jesu Ereignissen von Anfang an nachgegangen ist, berichtet, dass der Engel Gottes zu einer Jungfrau gesandt wurde, um ihr die Empfängnis und die Geburt eines Sohnes zu verkündigen. Es ist anzunehmen, dass Lukas mit Maria selbst gesprochen hat, dass er sie befragt hat und dass sie ihm die Umstände dieser Empfängnis erzählt hat. Und wenn er nicht selber mit ihr gesprochen hätte, haben andere mit ihr gesprochen. Sie haben es von Maria erfahren; Maria hat ihnen ihr Erlebnis berichtet. Der Besuch des Engels bei Maria – und nicht bei Josef – also umgekehrt, als es bei Zacharias und Elisabeth war, und die Umstände der Empfängnis bezeugen, dass Josef nicht der leibliche Vater Jesu ist. Wenn die Mitwelt ihn dafür hält, dann erklärt sich das aus ihrer Unkenntnis. Die Menschen wissen nicht um das Geheimnis. Außerdem ist Josef in jedem Falle der gesetzliche Vater Jesu, weil er ja Maria geheiratet hatte. Maria war verlobt, das heißt nach dem damaligen Sprachgebrauch verheiratet, aber noch nicht heimgeführt, noch nicht mit Josef zusammengekommen. Die strengen altjüdischen Auffassungen erklären dann auch das Verhalten des Josef. Er stellte vor dem Zusammenkommen fest, dass sie empfangen hatte. Das machte ihn unruhig, ja bedenklich. Er dachte daran, die Ehe nicht aufzunehmen. Erst ein Engel musste ihn über den Ursprung des Kindes, das Maria empfangen hatte, aufklären; dann war er beruhigt, dann fand er sein Gleichgewicht wieder.

Gegen die Jungfräulichkeit Mariens im katholischen, im biblischen Verständnis wenden sich der Unglaube und der Irrglaube, leider auch der überwiegende Teil des Protestantismus. Auch in diesem Punkte sind wir mit den getrennten Brüdern nicht einig. Die Einwände, die gegen die jungfräuliche Empfängnis Mariens erhoben werden, stammen nicht aus wissenschaftlichen Argumenten, sondern sie gründen auf der grundsätzlichen Ablehnung des Wunders. Sie sind also weltanschaulicher Art. Sie scheitern an der rationalen Deutung der Texte. Was sagen die ungläubigen Theologen? Sie sagen, der Glaube an die jungfräuliche Empfängnis Mariens sei aus der Stelle Is 7,14 entwickelt, abgeleitet, ausgesponnen worden. Sie sei also gar nicht passiert, sondern sei eine Erfindung, eine Erfindung derer, die die Stelle Is 7,14 gelesen und falsch ausgelegt haben. Meine Freunde, hier wird die Wirklichkeit auf den Kopf gestellt. In Wahrheit ist der Sachverhalt genau umgekehrt. Weil die jungfräuliche Empfängnis Mariens eine Tatsache war, begriff man beim Lesen des Alten Testamentes, dass sie dort, nämlich in Is 7,14, angedeutet, ja vorherverkündet war. Das Leben Jesu und seiner Mutter lag wie ein offenes Buch vor den Jüngern und den Aposteln. Die Christen lasen aufgrund dieser Tatsachen das Alte Testament. Da gingen ihnen die Augen auf, denn sie erkannten, dass das, was an Jesus und Maria geschehen war, im Alten Bunde vorherverkündet, vorbereitet worden war. Dabei stießen sie auch auf den Text Is 7,14. Was dort verheißen war, das sahen sie, das war in Jesus und Maria erfüllt. Matthäus enthüllt also den Juden den richtigen Sinn von Is 7,14. Dies geschieht als Schriftbeweis für eine feststehende Tatsache. Ein Zeugnis, also etwas, was man selbst erlebt und erkannt hat, wird hier geliefert. Ein Zeugnis aber kann keine Quelle für ein Zitat sein.

Die jüdische Polemik sah in der Jungfrauengeburt die Folge eines ehebrecherischen Verhältnisses Marias mit einem römischen Legionär Panthera. So steht es bis heute in den jüdischen Büchern: Jesus das Erzeugnis eines ehebrecherischen Verhältnisses Mariens mit dem römischen Legionär Panthera. Diese Feindseligkeit hat die ganze mittelalterliche Geschichte bestimmt, und wir dürfen uns über die Zurückhaltung der Christen gegenüber den Juden nicht wundern, denn sie lasen in den jüdischen Büchern Schmähungen über unseren Heiland Jesus Christus, vor allem in dem Buch Toledot Jeschu, in dem mittelalterlichen Volksbuche Toledot Jeschu. Da wird Jesus als Betrüger und als Verbrecher hingestellt.

Andere, die das Wunder nicht zugeben wollen, verweisen auf die Tatsache, dass in den Evangelien von Brüdern und Schwestern Jesu die Rede ist. Nach deren Meinung hätte Maria vor der Geburt Jesu und nach der Geburt Jesu andere Kinder gehabt. Es wäre also alles ganz natürlich zugegangen, und eines dieser Kinder sei eben Jesus gewesen. Was ist dazu zu sagen? In der Heiligen Schrift ist wohl von Brüdern und Schwestern Jesu die Rede. Aber das sagen dieselben Evangelisten, die von der jungfräulichen Empfängnis Jesu berichten. Sie würden sich ja selbst widersprechen, wenn sie die Brüder und Schwestern Jesu so verstehen würden wie die Feinde des Glaubens. Unter den orientalischen Völkern war es üblich und ist es üblich, unter Brüdern und Schwestern die gesamte nähere Sippe zu verstehen. Die gesamten näheren Verwandten werden als Brüder und Schwestern bezeichnet. Ein Beispiel: Abraham war der Onkel des Lot. Die Hirten des Abraham gerieten mit den Hirten des Lot in Streit um die Weidegründe, wo sie die Tiere hinführen. Da machte Abraham den Vorschlag: „Wir trennen uns. Du gehst zur Rechten und ich zur Linken, denn wir sind ja Brüder.“ Sie waren aber gar nicht Brüder, denn Abraham war der Onkel des Lot und Lot war der Neffe des Abraham. Aber trotzdem sagt Abraham: „Wir sind ja Brüder.“ Da sehen Sie, dass der Sprachgebrauch von Schwestern und Brüdern nicht bedeutet, dass es sich um Blutsverwandte im ersten Grad der Seitenlinie handelt, sondern um Sippenangehörige, Cousins, Cousinen. An keiner Stelle der Heiligen Schrift werden die sogenannten „Brüder“ oder „Schwestern“ Jesu als Kinder Mariens, der Mutter Jesu, bezeichnet. Warum nicht? Weil sie eben eine andere Mutter hatten. Nach der Himmelfahrt Jesu waren im Abendmahlssaal die Apostel versammelt mit den Frauen, auch mit Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern. Warum sagt denn der Verfasser der Apostelgeschichte nicht: Mit Maria, der Mutter Jesu und seiner Brüder? Nein, so sagt er nicht: Mit Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern. Ja, weil eben diese Brüder eine andere Mutter haben. Die angeblichen Brüder Jesu erscheinen, wenn sie namentlich aufgeführt werden, immer in derselben Reihenfolge: Jakobus, Joseph, Simon, Judas. Wir wissen aber aus anderen Stellen, dass Jakobus und Joseph eine andere Mutter hatten, die auch Maria hieß, die aber eindeutig von der Mutter Jesu verschieden ist. Der Name Maria war damals sehr häufig. Deswgen standen unter dem Kreuze mehrere Marien. Auch die Frau von Magdala hieß ja Maria, Maria Magdalena.

Noch ein letztes Argument gegen die Behauptung, Maria habe mehreren Kindern das Leben geschenkt: Der sterbende Heiland vertraut seine Mutter dem Johannes an. Das kann doch wohl nur so erklärt werden, dass Maria jetzt allein stand. Das heißt, Josef war gestorben, und Kinder waren nicht vorhanden. Denn wenn Maria andere Kinder gehabt hätte, wäre es deren Pflicht gewesen, sich ihrer Mutter anzunehmen. Dann hätte nicht ein Fremder diese Sorge übernehmen müssen.

Nein, meine lieben Freunde, Maria war und bleibt die jungfräuliche Mutter. Über die geschichtliche Tatsache hinaus hat die jungfräuliche Empfängnis Jesu eine große Bedeutung. Sie hat Hinweischarakter. Weil mit Gottes Hilfe ein ganz ungewöhnliches Heil den Menschen werden sollte, darum geschah die ungewöhnliche Geburt aus der Jungfrau. Indem Gott dieses Zeichen gab und kein Mensch die Empfängnis Jesu bewirkte, deutete er die einzigartige Wesensart des Kindes an. Der Jungfrauensohn war der Messias, aber nicht ein Messias aus irdischem Geblüte, sondern ein Messias göttlicher Art. Also: Nicht die Gottessohnschaft Jesu ist von der Jungfrauengeburt abhängig, sondern umgekehrt: Die Jungfrauengeburt ist eine Folge der Gottessohnschaft Jesu. Sie hat Hinweischarakter. Maria war überrascht, war ratlos über die Ankündigung, die der Engel ihr machte. Deswegen fragte sie: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ Der Engel verwies sie auf Gottes Allmacht.

Meine lieben Freunde, wir haben auch heute auf diese Frage keine andere Antwort als die eine: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich.“

Amen.

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Apokalypse in unserer Zeit

14.12.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Wir leben in der Gegenwart, und wir glauben die Vergangenheit zu kennen. Aber die Zukunft ist uns verschlossen. Allein der Herr der Zukunft, der Herr aller Zeiten, nämlich Gott, kann uns einen Blick in die kommenden Wirklichkeiten eröffnen. Und er hat es getan in der Apokalypse, in der Offenbarung des Apostels Johannes. Eines geht aus dieser Offenbarung mit Sicherheit hervor: Es wird nicht immer besser auf Erden, es wird immer schlimmer! Je näher wir dem Ende kommen, um so schrecklicher werden die Ereignisse, die auf Erden sich zutragen werden. Die Apokalypse enthüllt uns die steigende Macht und das machtvolle Wirken Satans und seiner Satelliten – in Bildern. Aber diese Bilder können und müssen gedeutet werden. Bei der Deutung kann man in die Irre gehen. In jedem Falle ist ein Wahrheitskern in diesen Bildern enthalten.

Und so sieht Johannes am Himmel ein Zeichen. Ein großer Drache, ein roter Drache mit sieben Häuptern, zehn Hörnern und sieben Kronen auf seinen Häuptern. Der Drache ist die widergöttliche Macht. Er ist das dämonische Wesen, in dem alles zusammengefasst ist, was gottfeindlich ist. Der Drache ist die Schlange, der Teufel, der Satan. Unter dem Bilde des Drachen schildert uns der Apostel Johannes das Auftreten Satans in der Endzeit. Die Hörner, die Köpfe und die Kronen deuten auf übermenschliche Macht und übermenschlichen Geist. Beides besitzt Satan in Fülle: übermenschliche Macht und übermenschlichen Geist. Dieser Drache entfaltet eine ungeheure äußere Macht. Er ist tatsächlich der Herrscher der Welt. Die ganze Welt betet ihn an, beugt ihr Knie vor ihm, alle jene, deren Namen nicht im Lebensbuche des Lammes eingetragen sind.

Satan hat Dienstmänner, zwei irdische Dienstmänner, Menschen. Sie werden in der Apokalypse dargestellt unter dem Bilde von Tieren. Darin wird das Irrationale, das Grausame, das Fremdartige dieser Herrscher ausgedrückt. Johannes sieht zuerst ein Tier aus dem Meere aufsteigen. Auch dieses Tier hat sieben Häupter, zehn Hörner und zehn Kronen auf den Hörnern, und auf den Häuptern stehen gotteslästerliche Namen. Dieses Tier, also der widergöttliche Herrscher, besitzt eine unerhörte Macht. Sie wird angedeutet mit den Hörnern und mit den Kronen. Macht imponiert den Menschen immer, und so gehen sie vor dem Herrscher in die Knie. Das Tier empört sich gegen Gott; es möchte sich an seine Stelle setzen. Es möchte ihn entthronen, und deswegen tut es seinen Mund auf zu Lästerungen wider Gott, seine Wohnung und die Himmelsdinge.

Was Johannes hier sagt, ist von Paulus in ähnlicher Weise gelehrt worden. Im 2. Thessalonicherbrief sagt er: „Der Sieg Christi kommt, aber zuvor muss der Mensch der Gottlosigkeit offenbar werden, der sich über alles erhebt, was Gott oder Heiligtum heißt, der sich sogar in den Tempel Gottes setzt und sich für Gott ausgibt.“ Der gottfeindliche Herrscher äfft Christus nach. Er spielt den vom Tode Erstandenen. Er behauptet, das Zentralwunder des Christentums wiederholen zu können.

Neben das Tier aus dem Meere tritt das Tier von der Erde. Es hat nur zwei Hörner wie ein Lamm, aber es redete wie ein Drache. Die ganze Gewalt des ersten Tieres übt es unter dessen Augen aus und bewirkt, dass die Erde und ihre Bewohner das erste Tier anbeten, dessen Todeswunde geheilt wurde. Der äußere Schein und das innere Wesen dieses Tieres gehen auseinander. Nach außen scheint es harmlos, sanftmütig wie ein Lamm, aber innerlich ist es voll Bosheit und Haß. Das Tier von der Erde ist das willige Werkzeug des gottlosen Herrschers. Es ist sein Propagandist, es verleitet nämlich die Bewohner der Erde zur Anbetung des ersten Tieres. Und um seine Verkündigung zu unterstützen, wirkt es große Schauwunder. Durch diese Schauwunder, durch diese Zeichen – es lässt sogar Feuer vom Himmel fallen – verführt es die Bewohner, sich ein Bild es ersten Tieres zu machen, und es empfängt die Macht, dem Bilde des Tieres Leben zu verleihen, so dass es redet. Das Zusammenwirken der beiden Tiere wirkt lähmend auf die Menschen. Sie meinen, dass Widerstand zwecklos ist. Sie denken: Es ist alles verloren.

So wird es am Ende sein. Aber, meine lieben Freunde, die Endereignisse werfen ihre Schatten in die Gegenwart voraus. Was am Ende in furchtbarer Gewalt und Macht sich darbieten wird, das ist in gewisser Hinsicht immer schon gegenwärtig. Wie könnte sonst Johannes, also am Ende des 1. Jahrhunderts, schreiben, dass jetzt schon die Antichristen unter uns sind? Das ist ein Zeichen dafür, dass jede Epoche, dass jede Zeit mit dem Kommen, mit dem Auftreten von Antichristen rechnen muss. Erst beim letzten werden wir wissen, dass es der letzte ist, aber zuvor müssen wir stets damit rechnen, dass es der letzte sein könnte.

Der Drache arbeitet mit den Waffen der Lüge und der Lästerung. Er führt eine neue Liturgie ein. Sie gilt seiner Auferstehung von den Toten. Die ganze Erde verführt er, ihn anzubeten. Er stellt sich als den Einzigartigen, als den Unüberwindlichen dar. „Wer ist gleich dem Tiere und kann mit ihm kämpfen?“ Die ganze Welt staunt über das Tier, und man betet den Drachen an, der dem Tiere die Macht gegeben hat, und das Tier: Wer ist dem Tiere gleich? Wer kann mit ihm streiten? Mit dieser satanischen Liturgie gelingt es ihm, die Menschen für sich zu gewinnen. Große Zeichen und Wunder geben der Verführung den Anstrich der Wahrheit. Lästerungen gegen Gott entströmen dem riesigen Maul des Tieres. Auch hier, meine lieben Freunde, können wir fragen: Ist dieser Zustand nicht in gewisser Hinsicht eine Gegenwart? Wir Älteren haben die Zeit des Nationalsozialismus erlebt. Und wer damals die Apokalypse gelesen hat, der konnte den Eindruck gewinnen, dass das Tier aus dem Meere sich in Hitler verkörpert und das Tier von der Erde in Josef Goebbels, denn er war es, der die Menschen verführt hat, ich möchte sagen: fast zur Anbetung des Herrschers über Europa.

In unserer Zeit ist die Lüge frech. Sie weiß, dass sie lügt, aber sie schämt sich nicht. Sie hat das Lügen gelernt und die Scham verlernt. Darin offenbart sich der Zusammenhang unserer Zeit mit der Schilderung der Apokalypse. Wir stammen aber aus der Wahrheit. Wir sind dem zugehörig, der die Wahrheit selbst ist. Wir hören auf seine Stimme, die aus der Wahrheit ist. Und deswegen kommt so viel auf die Wahrheit an. Nicht wenige Menschen, auch meine Schulkameraden, fragen mich manchmal: Ja, warum ist denn der Papst so unversöhnlich, warum beharrt er so auf der Wahrheit, auf seiner Wahrheit? Warum gibt es nicht die Einigung? Meine lieben Freunde, weil wir Anhänger und Diener dessen sind, der gekommen ist, der Wahrheit Zeugnis zu geben. Deswegen darf kein Deut und kein Jota von der Wahrheit abgegangen werden. Wir müssen der Wahrheit Zeugnis geben und dürfen von ihr nicht um einen Millimeter abweichen.

Satan herrscht als Despot. Seine ungeheure Macht benutzt er zur Knechtung der Erde. Seine Untertanen sind seine Sklaven. Wehe dem, der sich ihm nicht unterwirft! Er sorgt dafür, dass nur noch kaufen und verkaufen kann, wer das Zeichen des Tieres an der Stirn trägt. Wer das Bild des Tieres nicht anbetet, der wird von ihm mit dem Tode bestraft. Er verfällt nicht bloß den Boykott, nein, er verhungert und erfriert.

Der Satan weiß, dass man vom Negativen allein nicht leben kann. Er ist schlau. Und deswegen sucht er den Menschen Felder der Befriedigung zu belassen. Welche Felder sind das? Er gibt den Menschen die Leidenschaften frei. Er entfesselt die Triebwelt, damit sie dann umso eher und sicherer nach seiner Pfeife tanzen. Der Mensch, der der Leidenschaft verfallen ist, ist stets am leichtesten zu beherrschen. Der Mensch der Leidenschaft verübt sogar Verbrechen, um seiner Leidenschaft frönen zu können. Ich meine, dass dieser Zustand heute weitgehend erreicht ist. Denken Sie an das 19., auch noch an das 20. Jahrhundert, als die stärkste Leidenschaft des Menschen, nämlich die Geschlechtslust, in bestimmter Hinsicht unter Strafe gestellt war. Es gab einen Paragraphen, der den Ehebruch unter Strafe stellte; es gab einen Paragraphen, der die Homosexualität unter strenge Strafe stellte, mit Zuchthaus bestrafte. Alles haben die heutigen Dienstmänner Satans freigegeben. Die Leidenschaft wuchert, das Laster ist frech, und wenn heute die Strafen noch bestünden, dann müsste so mancher Ministerpräsident hinter Gitter kommen!

Dem Geiste des Libertinismus und dem Terror der Gewalt setzen wir Christen den Geist der Freiheit entgegen. Wer sich Gott ausgeliefert hat, der ist frei, frei von seinen Leidenschaften, frei von der Verführung, stark gegenüber der Verlockung, auch fest gegenüber der Drohung. Der gläubige Mensch bewahrt sich die Freiheit des Denkens und die Freiheit des Urteils. Er lässt sich nicht fesseln vom Zeitgeist, von den Strömungen, von den Tendenzen der Zeit. Er behauptet sich gegenüber unlauteren Mehrheiten.

Wir wissen nicht, meine lieben Freunde, wann das Ende gekommen ist. Wir werden es erst wissen, wenn die Endzeit eingetreten ist. Aber auch, wenn die Ereignisse noch fern sein sollten, verliert die Prophezeiung der Apokalypse nicht ihren Wert. Denn diese Ereignisse sind eben in gewisser Hinsicht immer schon gegenwärtig. Sie werfen ihre Schatten voraus. Immer ist das Geheimnis der Bosheit am Werke. Immer steht die gottfeindliche Macht gegen das Christentum auf. Immer hat die gottfeindliche Gewalt ihre Propheten, entfaltet eine anmaßende Äußerlichkeit, bläht sich auf und schreckt. Weil es so ist, kann Johannes am Ende des 1. Jahrhunderts schreiben: „Schon jetzt gibt es viele Antichristen.“ Und fast 2000 Jahre später, im 19. Jahrhundert, schrieb der englische Kardinal Newman: „Die Sache Christi liegt immer im Todeskampf; die Heiligen sind immer im Verschwinden und Christus ist immer im Kommen.“

Ist aber vielleicht, so kann man fragen, unsere Zeit dem Ende näher als frührer Epochen? Bereitet sich dieser Zustand vielleicht jetzt schon vor? Wie steht es um die Globalisierung, von der heute so oft die Rede ist? Was besagt Globalisierung? Nun, sie besagt zunächst einmal die Entstehung weltweiter Märkte, die zunehmende Internationalisierung des Handels, der Kapitalmärkte, der Produktmärkte, der Dienstleistungsmärkte, die internationale Verflechtung der Volkswirtschaften. Infolge der Globalisierung hängt jedes Land vom anderen ab. Wenn Amerika Schnupfen bekommt, haben wir die Grippe. Die gegenwärtige Finanzkrise, die in eine Wirtschaftskrise mündet, zeigt uns, wie gefährlich die Globalisierung ist. Ich bin aber überzeugt, dass die Globalisierung nicht nur das Wirtschaftliche, das Materielle ergreift, sondern auch das Geistige. Es besteht die Befürchtung, dass die Globalisierung zu einer Vereinheitlichung der Kultur führen könnte. Aber das wird nicht die christliche Kultur sein. Die Globalisierung macht es den Feinden des Christentums leicht, ihre gottfeindlichen Parolen zur Herrschaft zu bringen. Sie springen von einem Land ins andere. Sie sind miteinander vernetzt. Wir erleben eine weltweite Entchristlichung. In diesen Tagen hat der englische Erzbischof Murphy O’Connor ein Buch geschrieben, in dem er auf die Entwicklung in Großbritannien hinweist. Es besteht in England ein unfreundliches Klima für die Gläubigen. Religion wird immer mehr als ein Ausdruck persönlicher Exzentrik gesehen. Die Intoleranz der liberalen Skeptiker wächst. Der aggressive Atheismus breitet sich immer mehr aus. Im Januar ist geplant, in London Busse fahren zu lassen, auf denen ein Schild angebracht ist: „Gott existiert wahrscheinlich nicht. Mach es dir auf der Erde schön!“

In anderen Ländern ist die Lage nicht günstiger. Ich schaue mit Besorgnis auf ein Land,, das mir immer besonders am Herzen gelegen hat, auf Spanien. In Spanien wird der Atheismus immer aggressiver und immer erfolgreicher. Er kämpft gegen das Kreuz in den Schulen, er versucht die Kirche aus der Öffentlichkeit zu verdrängen, er diffamiert ihre Verkündigung. In den meisten Parlamenten stehen unchristliche, achristliche, antichristliche Koalitionen einem kleinen Häuflein treu gebliebener Christen gegenüber. Vergessen wir nie, was sich in Straßburg zugetragen hat. Der gläubige italienische Katholik Buttiglione konnte nicht Kommissar in Brüssel werden, weil er ein gläubiger Katholik ist. Die Bischöfe der Vereinigten Staaten schauen mit Besorgnis und Misstrauen auf Herrn Obama. Sie wissen, dass er ein entschiedener Anhänger der Freigabe der Abtreibung ist.

Alle diese Ereignisse werden in der Endzeit mit unvorstellbarerer Furchtbarkeit und umfassender Grausamkeit über die Erde hereinbrechen. Noch ist es nicht ganz so weit. Aber es könnte sein, dass unsere Generation noch diese Schrecken erlebt. Wir sind in einer Situation zwischen Sturm und Sturm. Es ist nicht leicht, für Christus zu kämpfen. Grausamkeiten entsetzlicher Art stehen uns bevor. Ich denke manchmal, wenn ich das Müllfahrzeug durch die Straßen fahren sehe: Was würden wir wohl antworten, wenn uns die Wahl gelassen würde zwischen Christus, oder in ein Müllfahrzeug gesteckt und dort zermalmt zu werden.

Wir haben die Aufgabe, übernatürliches Apostolat zu üben, Christus in Liebe zu dienen. Es ist der Inhalt des Evangeliums, dass unser Kampf nicht gegen Menschen geht, sondern gegen die Mächte der Finsternis und den Weltherrscher des Bösen. Darum, meine lieben Freunde, nehmen wir die Waffenrüstung Gottes auf! Es ist die Rüstung, es sind die Waffen der Liebe und der Wahrheit. Nur mit der Liebe und der Wahrheit können wir dem Bösen widerstehen.

Amen.

 

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Advent – Erwartung der Auferstehung der Toten

21.12.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Die Adventszeit schaut aus auf ein vergangenes Ereignis, nämlich die Geburt unseres Heilandes Jesus Christus in Bethlehem. Aber der Advent hat auch noch eine andere Richtung. Er schaut aus auf die Wiederkunft des Herrn, auf die zweite Ankunft. Die erste geschah in Armut, die zweite wird geschehen in Macht. Der zweiten Ankunft des Herrn sind verschiedene Ereignisse zugeordnet. Eines der für unser Verstehen am schwersten zugänglichen Ereignisse ist die Auferstehung der Toten.

Als Paulus in Athen, also in der Stadt der Bildung, von der Auferstehung der Toten sprach, da lachten sie ihn aus und sagten: „Wir wollen dich ein andermal hören.“ Paulus aber kann nicht aufhören, von dem zu sprechen, was der Herr ihm aufgetragen hat. Und er hat ihm aufgetragen, zu verkünden: Es ist einer gesetzt, der die Toten aus den Gräbern rufen wird. Es ist Jesus Christus, unser Herr und Heiland. Und so nimmt er denn im 1. Brief an die Korinther Stellung zu dieser Frage. Er hat in diesem Brief verschiedene andere Gegenstände behandelt: die Eucharistiefeier, die Ehe, die Gaben des Geistes. Aber jetzt kommt er zu sprechen auf die Auferstehung der Toten. „Die Toten werden auferstehen.“ Warum und weshalb? Weil sie Christus folgen, weil Christus ihnen vorangegangen ist. Er ist der neue Adam, und was am neuen Adam geschieht, muss an allen Adamskindern geschehen. So wie im alten Adam alle sterben, müssen im neuen Adam alle auferstehen.

Gott wird die Leiber der Verstorbenen auferwecken, um seine Gerechtigkeit zu zeigen und um den Erlöser zu verherrlichen. Die Auferstehung deutet die Gerechtigkeit des Herrn an, weil eben nicht bloß die Seele belohnt wird oder bestraft wird, sondern auch der Leib, der ja das Werkzeug der Seele ist. So ist die Vergeltung erst vollkommen, wenn auch der Leib in die Vergeltung einbezogen wird. Erst da ist die Gerechtigkeit des Herrn gesichert. Christus wollte aber auch den Menschen vollständig erlösen, nicht nur dem Geiste nach, sondern auch dem Leibe nach. Bliebe die Auferstehung des Leibes aus, so wäre die Erlösung nur eine halbe, aber Gott macht keine halben Sachen. Die Toten werden also leibhaft auferstehen.

Doch jetzt kommt dann die Schwierigkeit, der Einwand: Wie werden sie auferstehen? Wie ist der Leib, mit dem sie auferstehen werden? Der Apostel gibt darauf folgende Antwort: Gott gibt und schafft die Körper und den Leib ganz wie er will. Verschiedene Leiber für die Fische, für die Vögel, für die Menschen. In seiner Reichtumsfülle und in seiner absoluten Macht gibt es keine Grenzen schöpferischen Gestaltens und Umgestaltens. Freilich muss man, wenn man versucht, die Auferstehung der Toten zu erklären, bedenken: Gottes Wundertat übertrifft, übersteigt menschliche Einsicht und muss sie übersteigen. Wenn Gottes Macht das Verstehen der Menschen nicht überstiege, dann wäre es keine göttliche Macht mehr, dann könnte der Mensch sich diese Macht aneignen. Es muss ein Rest bleiben, der Gott vorbehalten ist, weil er Gott ist.

Aber die Daseinsweise des Auferstehungsleibes – zugegeben – bereitet dem Denken Schwierigkeiten. Denn es ist eine doppelte Tatsache zu beachten. Der Auferstehungsleib ist einerseits mit dem gegenwärtigen Leibe identisch; er ist andererseits von dem gegenwärtigen Leibe verschieden. Das ist kein Widerspruch, denn die Identität und die Verschiedenheit bezieht sich auf verschiedene Gegenstände. Der Auferstehungsleib ist mit dem gegenwärtigen Leib identisch, weil er der Leib dieser Person ist. Er ist der Leib dieses Menschen, der geboren wurde und der mit einem Leibe durch die Zeitlichkeit ging. Der Auferstehungsleib bleibt der Leib desjenigen Menschen, der bei der Geburt einen solchen Leib auf die Erde gebracht hat. „Dieses Verwesliche“, sagt Paulus, „muss anziehen die Unverweslichkeit, und dieses Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit.“ Die Menschen werden in ihren eigenen Leibern auferstehen. Sie werden dieselben Leiber, und nicht fremde, wiederbekommen. Ebensowenig wie die Seele eine andere ist, ist auch der Leib total verschieden von dem Leibe, den wir auf Erden getragen haben. Dass der Auferstehungsleib wesentlich identisch ist mit dem irdischen Leibe, das sieht man daraus, dass der Leib Christi, des Auferstandenen, die Wundmale behalten hat. Der Apostel Thomas durfte seine Hand in die Seite legen und die Finger in die Wunden der Hände und der Füße. Wegen der wesentlichen Identität des Auferstehungsleibes mit dem jetzigen Leib konnten Perpetua und die übrigen Martyrer, als sie hingerichtet wurden, als sie grässlich und grausam zu Tode kamen, als sie von den Heiden begafft wurden, sagen: Ja, seht uns nur gut an, damit ihr uns wiedererkennt bei der Auferstehung von den Toten!

Der Auferstehungsleib wird aber freilich verwandelt sein. Der eine, mit sich identische Leib wird eine veränderte Gestalt besitzen. Das versucht Paulus in mehreren Ansätzen herauszuarbeiten. Er sagt erstens: Es ist ein Leib der Unverweslichkeit und der Freiheit von allem Leid. Einen solchen Leib kennen wir auf Erden nicht. Unser gegenwärtiger Leib ist anfällig, hinfällig, ach, allzu anfällig und allzu hinfällig. Er ist vergänglich, der Krankheit, dem Schmerz, den Leiden und dem Tod unterworfen. Und nach dem Tode verwest er. Aus diesem Unterschied ergibt sich die wesentliche Andersartigkeit des Auferstehungsleibes. Er ist frei von den Bindungen und Belastungen des irdischen Leibes. Er ist leidensunfähig und schmerzensunfähig. Weil er unverweslich ist, ist er auch unsterblich. Der Auferstehungsleib ist unsterblich. Und diese Auferstehungswirklichkeit, meine lieben Freunde, bereitet sich jetzt schon vor, auf zweifache Weise, nämlich einmal, wie im Paradiese die Frucht des Lebensbaumes dem Körper die Unsterblichkeit mitteilen sollte, so ist es jetzt die heilige Kommunion, die das Unterpfand der Auferstehung und der Unsterblichkeit ist. Jawohl, so ist es. Die Kommunion setzt uns Keime ein, Unsterblichkeitskeime, und diese Keime werden sich entfalten bei der Auferstehung der Toten. Und ein zweites: Wir haben einen Kern des Auferstehungsleibes in uns durch den Heiligen Geist. Der Heilige Geist, der in uns lebt, ist der Kern des geistlichen Leibes, der jetzt schon auf Erden sich vorbereitet.

Zweitens: Es wird ein Leib voll Glanz und Herrlichkeit sein, ein Leib der Klarheit. Die Lichtfülle Gottes wird durch ihn hindurchscheinen. Er wird von unaussprechlicher Schönheit sein. Der Glanz von Tabor wird über jedem Leibe erstrahlen. Der jetzige Leib ist dem gegenüber unansehnlich. Die Schönheit auf Erden ist selten. Und selbst dort, wo sie vorhanden ist, fehlen Schatten nicht. Mit welchen Mitteln muss die dürftige Schönheit oft aufrechterhalten werden! Und sie nimmt ab. Die Schönheit verliert sich im Laufe des Lebens, und im Tode stirbt auch sie. „Auch das Schöne muss sterben“, sagt Friedrich Schiller. Der Auferstehungsleib dagegen ist von unvergänglicher Schönheit. Seine Schönheit strahlt die Schönheit der Seele wider. Die vom Heiligen Geist erfüllte, die durchleuchtete und durchfeuerte Seele ist fleckenlos, und so fleckenlos und makellos wird auch der Leib, der Auferstehungsleib, sein.

Es ist drittens ein Leib voll Kraft und Beweglichkeit. Er ist also nicht träge und ermüdbar; er ist nicht schwach und matt; er ist nicht debil und bresthaft; er bewegt sich mit Leichtigkeit und Schnelligkeit, nicht mühsam und mit Anstrengung. Wir wissen nur allzu gut, wie schwach unser gegenwärtiger Leib ist, wie erdenschwer, wie ermüdbar, wie gebrechlich, wie gefährdet, wie hinfällig, wie kränklich. Wie rasch ermatten wir bei der Arbeit! Wie schnell nehmen wir Keime in uns auf, die uns krank machen! Der Auferstehungsleib ist kraftvoll und stark. Er ist geschmeidig und leichtfüßig. Der Auferstehungsleib lässt in seiner Kraft nicht nach und vergeht nicht.

Es ist deswegen viertens ein Leib von wahrhaft geistiger Art. Das heißt: Der Auferstehungsleib besitzt Eigenschaften, die wir jetzt nur vom Geiste kennen. Darum die Unverweslichkeit und der Glanz und die Kraft. Sie kommen von der verklärten Seele her, mehr noch, vom Geiste Gottes, der unsere Seele durchströmt. Unser gegenwärtiger Leib ist irdisch, stofflich, aus Teilen zusammengesetzt, materiell und deswegen vom Zerfall bedroht, dem er einmal unterliegen wird. Der Auferstehungsleib ist dem Geist unterworfen, frei von irdischen Begierden, rein und lauter, in voller Harmonie mit der Seele.

Nun könnte, meine lieben Freunde, jemand sagen: Das klingt alles so fremd, so phantastisch, beinahe unglaublich. Laufen wir hier Phantastereien nach oder stehen wir hier auf festem Grund? Dass wir keinen Phantastereien nachlaufen, ergibt sich daraus, dass es Menschen gibt, die schon einmal einen solchen Auferstehungsleib kennengelernt haben. Es sind die Jünger Jesu. Bereits auf dem Berge Tabor erhielten sie einen Vorgeschmack der Wirkung der Auferstehung, als Jesus, d.h. sein Leib vor ihnen verklärt wurde. Markus gebraucht hier das Wort „verwandelt“. Der Evangelist sagt, der Leib Jesu wurde „verwandelt“. Es brach gewissermaßen die göttliche Lichtfülle durch ihn hindurch. Er nahm die Erscheinungsform und die Daseinsform an, die den Himmlischen vorbehalten ist. Das Geschehen von Tabor ist kein Märchen; es ist von drei Jüngern zweifelsfrei bezeugt worden.

Richtig erlebt haben die Jünger den Auferstehungsleib nach der Auferstehung des Herrn. Er trug und trägt alle die Eigenschaften in sich, die wir eben geschildert haben. Augenzeugen haben Jesus gesehen, nicht einmal, sondern mehrmals, nicht einer, sondern viele, fünfhundert Brüder auf einmal. Sie können uns erklären, wie der Auferstehungsleib Jesu beschaffen war. Er hatte vier Eigenschaften, nämlich er war leidensunfähig, er war leuchtend wie die Sonne, er war schnell wie der Gedanke, und er war durchdringend, so dass er bei verschlossenen Türen eingehen konnte. Haben Sie schon einmal beobachtet, wie oft von dem auferstandenen Jesus gesagt wird, er sei nicht erkannt worden? Ich kann 4 Stellen nennen, wo das geschieht. Als Maria Magdalena am Grabe Jesu war und Jesus ihr erschien, da hielt sie ihn für den Gärtner. Die Emmausjünger sind mit dem auferstandenen Herrn gewandert, aber er erschien ihnen in anderer Gestalt. Sie erkannten ihn nicht. Erst beim Brotbrechen fiel es wie Schuppen von ihren Augen. Als Jesus den elf Jüngern auf einem Berg in Galiläa erschien, da zweifelten einige. Sie waren sich seiner Identität nicht sicher. Und als der reiche Fischfang in dem See von Tiberias geschah und Jesus am Rande, am Ufer stand, da wussten die Jünger nicht, dass es Jesus war. Erst Johannes begriff plötzlich durch den reichen Fischfang: Es ist der Herr. Wie erklärt sich denn dieses Nicht-Kennen? Es erklärt sich daraus, dass der auferstandene Jesus eine andere Gestalt angenommen hat. Er ist nicht als der erschienen, der auf Erden in Galiläa und Judäa mit den Jüngern gewandelt ist, sondern er hat eine andere Gestalt angenommen, gewiß nicht die Lichtgestalt des Himmels, aber auch die andere Gestalt, die ihn auf Erden sprechen, essen und erscheinen ließ, auch diese andere Gestalt war verändert gegenüber der Gestalt, die Jesus hatte, als er mit den Jüngern in den Tagen seines öffentlichen Wirkens wanderte.

Der verklärte Leib Jesu besaß und besitzt die erwähnten Eigenschaften nicht für sich allein. Was an Jesus geschieht, muss an denen geschehen, die zu Jesus gehören. Ich sagte schon: Er ist der Stammvater, er ist der neue Adam. Und alle, die zum neuen Adam gehören, müssen in die Gemeinschaft des Verklärungsleibes mit Jesus eintreten. Wir sollen als seine Brüder und Schwestern auch dem Leibe nach an seiner Auferstehungsherrlichkeit teilnehmen. Wenn der Herr wiederkommt, wenn das große Ereignis eintritt, auf das wir harren, dann wird er die Menschen verwandeln, dann wird er die Leiber der Menschen verwandeln, am Jüngsten Tage, am Letzten Tage, am Auferstehungstage, da wird der Tod überwunden werden, auch für den Leib, und wir werden strahlend und herrlich auferstehen, vergleichbar der Herrlichkeit des auferstandenen Heilandes. Deswegen, meine lieben Freunde, lassen Sie uns nicht zweifeln! Lassen Sie uns nicht irrewerden an der Verkündigung unserer Kirche! Wir wollen gläubig im Glaubensbekenntnis bekennen: „Ich glaube an die Auferstehung der Toten.“ Wir wollen nicht müde werden, auf die Auferstehung des Leibes zu hoffen. Wir wollen auch nicht müde werden, uns durch würdigen Umgang mit unserem Leibe auf die Auferstehung vorzubereiten.

Sie haben vielleicht schon einmal den Namen des Philosophen und Historikers  Josef von Görres gehört. Er zählt zu uns. Er lebte ja in Koblenz und war später in München. Als sein Sterbetag kam, ließ sich Josef von Görres aus den Briefen des Apostels Paulus vorlesen. Man las die Stelle: „Gesät wird in Verweslichkeit, auferweckt wird in Unverweslichkeit.“ Da ging ein Leuchten über das Antlitz des Josef von Görres, und mit verklärter Stimme sprach er. „Jetzt ist’s genug. Jetzt wird alles seinen rechten Gang gehen.“

Amen.

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Seht, ich verkünde euch eine große Freude

25.12.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Geliebte, zur Feier der Geburt unseres Herrn und Heilandes Versammelte!

„Seht, ich verkünde euch eine große Freude: Heute ist euch in der Stadt Davids der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.“ Das ist die Botschaft der Weihnacht. Es ist die Rede von einer Geburt und von der Freude, die diese Geburt auslöst. „Heute ist euch in der Stadt Davids der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.“ Wir fragen: Wem ist der Heiland geboren? Die Antwort muss lauten: allen, allen die ihn aufnehmen, die bereit sind, sich seiner Gnade und Wahrheit zu öffnen. Für sie alle gilt das Wort: Heute ist euch in der Stadt Davids der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr. Dennoch können wir verschiedene Gruppen ausmachen, Gruppen von Menschen, denen die Geburt des Heilandes besonders nahe gehen sollte, die sich ihrer in besonderer Weise erinnern sollten, für die er, so meine ich, in besonderer Weise geboren wurde.

Die erste Gruppe ist die der Schuldbeladenen. Das sind wir alle, denn ein jeder von uns muss sprechen: „Ich bin in Sünde geboren. In Schuld empfing mich meine Mutter schon.“ Auch der Vollkommenste unter uns muss bedenken, dass vor Gott die Himmel der Himmel nicht rein sind. „Wenn wir sagen, wir hätten keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns“, schreibt der Apostel Johannes. Wir sind Sünder: Aus der Sünde entsteht die Schuld. Die Sünde ist eine gottwidrige Handlung, die Schuld ist ein gottwidriger Zustand. Die Schuld liegt wie eine Last auf dem sündigen Menschen. Meine Freunde, lassen Sie sich nicht täuschen, wenn es heute Menschen gibt, die diese Last nicht empfinden. Dann hängt das damit zusammen, dass sie Gott nicht kennen. Sie haben den Maßstab verloren für ihr Leben und damit auch für ihre Schuld. Aber die Schuld rächt sich; sie rächt sich in Alpträumen der Nacht, sie rächt sich in Neurosen und Psychopathien. Die verdrängte Schuld rächt sich immer, ganz unabhängig vom Empfinden des Menschen. Nach Schiller – und damit hat er recht – ist das größte Übel die Schuld.

Niemand kann sich selbst von der Schuld befreien, denn die Sünde schafft einen Zustand, eine Unordnung nicht bloß zwischen Menschen, sondern auch zwischen Gott und den Menschen. Der Mensch kann Gott nicht nötigen, die verratene Freundschaft wieder aufzunehmen; er kann Gott nicht zwingen, das zerrissene Band wieder zu knüpfen. Er kann nur rufen, flehen, bitten: Komm, laß nach die Übeltaten deines Volkes. Und Gott läßt sich erbitten. Er kommt und trägt unsere Last. Sein Name schon ist sein Programm: Jesus, das heißt Erlöser.

Die Sünde ist Empörung gegen Gott. So mußte als Heilmittel also der Gehorsam gegen Gott seine Stelle finden. Jesus hat im Gehorsam gegen den Vater im Himmel den Leib, die Seele eines Menschen angenommen. „Für uns Menschen und um unseres Heiles willen ist er vom Himmel herabgestiegen.“ Er hat bei seiner Menschwerdung das von der Sünde zerfressene Leben auf sich genommen. Er hat sich im ganzen Leben im Gehorsam gegen den Vater ausgezeichnet und dadurch die Sündhaftigkeit überwunden. Den Ungehorsam der Sünde hat er durch seinen Gehorsam wieder gut gemacht.  Seine Gehorsamstat ist stärker als die Schuld der Menschen. Wenn auch die Schuld noch so groß ist, durch die Macht der Heiligkeit des Herrn ist die Schuld überwindbar. Keine Dunkelheit ist so tief, dass der Strahl dieser Sonne sie nicht erreichte. Er ist der wahre „sol invictus“, die unbesiegte Sonne, die niemals von der Dämmerung überwältigt wird. In der Oper „Fidelio“ von Ludwig van Beethoven gibt es ein ergreifendes Bild. Da öffnet sich der Kerker, heraus tappen blinzelnd und unsicher die schwankenden Gestalten der Gefangenen. Und als sie begreifen, was vor sich geht, dass sie ans Licht der Sonne treten dürfen, da bricht es auch ihnen wie erlöster Jubel: „O welche Wonne, zu schauen das Licht der Sonne!“ Diese Szene aus der Oper ist ein weihnachtliches Bild. Der neugeborene Heiland macht uns frei von der Schuld, er sagt dem Schuldbeladenen: Alles gebe ich hin, alles verkaufe ich, um deine Seele zu kaufen.

Wie glücklich dürfen wir sein, dass es eine Befreiung von der Last der Schuld gibt! Wie dankbar müssen wir sein, dass Gott sich selbst aufgemacht hat, um uns von der Sünde zu befreien. Es schweige Mohammed, es schweige Buddha, es schweige Laotse. Was vermögen sie gegenüber der Menschwerdung eines Gottes?

Die Sünde ist eine Last. Sie drückt den Menschen nieder. Sie kann Menschen zur Verzweiflung treiben. Ich habe einmal gelesen, dass zwei japanische Mädchen sich in einen Vulkan gestürzt haben, weil sie mit ihrer Schuld nicht fertig wurden. Es gibt einen, der mit der Schuld fertig wird, unseren Heiland. Wer immer im Vertrauen und in Reue sich ihm zuwendet, wer sich mit zerknirschtem Herzen an ihn klammert, der wird frei von Schuld. „Ihr wißt, dass er erschienen ist, die Sünde hinwegzunehmen“, schreibt der Apostel Johannes. „Er hat alle unsere Missetaten vergeben, er hat den wider uns lautenden Schuldschein ans Kreuz geheftet“, schreibt der Apostel Paulus, der Theologe des Kreuzes. Ans Kreuz geheftet hat er den Schuldschein und ihn dadurch ausgelöscht und vernichtet. In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden. Und diese Erlösung hebt an mit der Menschwerdung. So können wir, meine lieben Freunde, heute allen Schuldbeladenen mit den Engeln zurufen: „Ihr Schudbeladenen, stoßt auf die Tore, tretet heraus aus der Finsternis, kommt zum Licht, zur Sonne, zur Sonne des Heiles, welche ist Christus, der Herr!“ Und dann wird die Welt wahrlich neu. In dem Bühnenstück von Carl Zuckmayer „Des Teufels General“ spricht der General Harras: „Wo aber ein Mensch sich erneuert, da wird die Welt neu geschaffen.“ Jawohl, so ist es. Wo ein Mensch sich erneuert in der Gnade des Herrn, da wird die Welt neu geschaffen. Diese Erneuerung ist das Werk unseres Heilandes.

Und wir können ihm dabei helfen, meine lieben Freunde. Wir können seine Hände werden, wir können sein Mund werden. Nur müssen wir uns den Menschen zuwenden, müssen ihnen sagen, was sie tun und lassen sollen, um des Heiles teilhaftig zu werden. Wir müssen unseren Glauben weitertragen, wir dürfen nicht davon schweigen. Wir dürfen auch nicht von dem schweigen, was die Menschen nicht hören wollen. Der Heilige Vater macht es uns vor. Er spricht davon, das homosexuelle Betätigung eine tödliche Sünde ist. Wir sollen die Menschen aufklären, wir sollen sie bitten, mahnen, einladen, umzukehren von der Sünde, ein sündhaftes Verhältnis aufzugeben. Wir sollen durch unser Beispiel auf die Menschen einwirken, es ihnen vormachen, es ihnen zeigen, wie ein Christ lebt. Und wenn Wort und Beispiel nicht helfen, können wir für die Menschen immer noch beten und sühnen, auf dass Gott ihnen hilft, sich von der Sünde zu befreien. Es gilt ihnen wahrhaft das Wort: Heute ist euch, ihr Schuldbeladenen, der Heiland geboren. Er ist gekommen, um euch von der Schuld zu befreien.

Es gibt aber auch, meine ich, eine zweite Gruppe, denen der Heiland in besonderer Weise geboren ist. Es sind die Einsamen. Der Mensch ist zur Gemeinschaft geschaffen. Schon für den ersten Menschen war es auf die Dauer unerträglich, allein zu sein. Und so hat Gott ihm eine Gefährtin geschaffen. Der Mensch braucht die Gemeinschaft, er sucht die Gemeinschaft. Er findet sie in den natürlichen Gemeinschaften, in Ehe und Familie, oder in organisierten Gemeinschaften wie Vereinen, Clubs, Orden, Parteien. Aber nicht jedes Zusammensein befreit von der Einsamkeit. Allein sind häufig auch solche, die in einer Gemeinschaft leben. Die Nähe der Körper allein schafft keine Gemeinschaft. Die Nähe der Körper allein befreit nicht von der Einsamkeit. Die Nähe der Körper allein bringt keine Verbundenheit. Die Seelen müssen zueinander finden. Da sind junge Burschen, junge Mädchen, sie haben ein Elternhaus, sie leben in der Familie. Aber es hält sie nicht an ihrem Herd. Sie verbringen Abend für Abend bei Freunden, bei einer Blase, in der Disco. Da sind jungverheiratete Ehepaare. Es fehlt nicht an materiellem Wohlstand, aber es klagt der Mann, es klagt die Frau: Ach, ich bin ja so allein! Mit meinem Mann, mit meiner Frau kann ich nichts reden, der Mann, die Frau hat keine Zeit für mich. So mancher seufzt: Ich habe keinen Menschen, der mich versteht, der sich meiner annimmt, der gut ist zu mir. Es gibt so viele Einsame, heute vielleicht mehr als früher, nicht nur die Alleinstehenden, sondern auch die Verwitweten, die Verlassenen, die Verstoßenen. In dieser Nacht ergeht an sie die Botschaft: Euch ist heute der Heiland geboren. Dieser Heiland versteht sich auf Einsamkeit. Um den Einsamen nahe zu sein, um sie in ihrer Einsamkeit zu trösten, ist der Herr selbst einsam geworden. Er hat nicht bloß die Schuld, er hat auch die Einsamkeit der Menschen auf sich genommen, um sie hinwegzutragen. In einer einsamen Höhle ward er geboren, in Einsamkeit weilte er in Ägypten, einsam war er selbst in Nazareth, auch wenn liebende Eltern ihn umsorgten, denn Gott ist auf Erden immer ein Fremdling. Als er seinen Eltern erklärte, weswegen er im Tempel von Jerusalem zurückgeblieben war, da verstanden sie nicht, was er mit diesen Worten sagen wollte. Während seiner öffentlichen Wirksamkeit waren die Jünger um ihn, aber wer so von Gottes Auftrag erfüllt ist wie unser Heiland Jesus Christus, der bleibt einsam, auch wenn Menschen um ihn sind. Wie oft registriert der Evangelist das Unverständnis der Jünger! Als er ihnen sein Leiden ankündigte, da – drei Ausdrücke gebraucht Lukas – da verstanden sie ihn nicht, die Worte waren für sie dunkel und sie erfaßten sie nicht. Dreimal sucht Lukas die furchtbare Einsamkeit des Heilands zu erklären in seiner Leidensankündigung. Unverstandensein macht immer einsam. Einsam war er auch mit seinem Gott. In den ganzen Evangelien ist keine Stelle, die uns berichtet, dass er mit seinen Jüngern gebetet hätte. Auf einsamen Bergen hielt er Zwiesprache mit seinem Gott, er ganz allein. Einsam ist er durch das Leben gegangen. Viele glaubten an ihn; sie sahen ja die Wunder, die er wirkte. Aber, so bemerkt der Evangelist Johannes, er vertraute sich ihnen nicht an, denn er wußte, was im Menschen ist. Er kannte die Wankelmütigkeit des Menschen. Er wußte, dass sie heute „Hosianna“ rufen und morgen „Kreuzige ihn!“ Einsam war er in seinen Leiden am Ölberg, als die Jünger schliefen, die er doch gebeten hatte, mit ihm zu wachen. Einsam war er bei den Verhören und Mißhandlungen, als alle Jünger flohen und einer ihn verleugnete. Einsam war er am Kreuze. Da erfüllte sich das Wort: „Man stirbt für sich allein.“

Die Einsamkeit des Gottessohnes, meine lieben Freunde, hat erlöserische Bedeutung. Auch durch seine Einsamkeit hat er uns erlöst, zuerst von Schuld und Sünde, aber auch von der unaufhebbaren Einsamkeit, die mit der menschlichen Existenz gegeben ist. Es gibt eine Einsamkeit, die kein Mensch dem anderen nehmen kann. In diese Einsamkeit tritt der Gottessohn ein. Es ist eine Wahrheit und kein Wahn: Der Heiland ist den Einsamen nahe.

Es war Weihnachten 1945 in einem Kriegsgefangenenlager im Ural. Es waren Arbeitstage wie alle anderen. Bei den Russen galt immer nur „Rabota, Rabota“ – Arbeit, Arbeit. Die Gefangenen hatten von der kargen Verpflegung einiges abgespart. Und so gab es ein für ihre Begriffe festliches Essen. Die Baracke hatten sie mit Tannenzweigen geschmückt. Sogar einige Kerzen waren aufgetrieben worden für den kleinen Christbaum. Das alles war nicht ohne Widerspruch geschehen. Die russische Lagerleitung hatte es zwar genehmigt, aber unter den Kameraden selbst regten sich heftige Stimmen dagegen. Einer bat flehentlich, in diesen Tagen doch ja jede Erinnerung an Weihnachten zu unterlassen. Nur nicht daran denken, sagte er, nur nicht daran denken. Das ist die einzige Art, wie ich es überstehen kann. Wenn ihr eine Feier macht, halte ich es nicht mehr aus und bringe mich um. Er hat sich nicht umgebracht, nicht nur, weil er im entscheidenden Augenblick zu feige war, sondern weil das weihnachtliche Licht, das in der Finsternis leuchtet, auch in seine Seele gefallen war. Sie waren ganz einsam, ganz allein in der Weite Rußlands, die Männer in der dreckigen Baracke. Auf Erden war keine Macht, die ihnen helfen konnte oder auch nur helfen wollte. Von Urwäldern umgeben, waren sie verschollen und preisgegeben. Aber als sie das Weihnachtsevangelium vernahmen, da ging es ihnen wie ein Wunder auf: Gott hat derer nicht vergessen, die im Finstern sind gesessen. Es war einer, der an sie dachte, der um sie wußte, einer, der mehr Macht hatte als die Geheimpolizei und als Stalin.

Er ist den Einsamen immer nahe. Er ist ihnen auch insofern nahe, als er Menschen eingibt, sich der Einsamen anzunehmen. Er ruft Menschen auf, die Einsamen nicht zu vergessen. Er ist erschienen, um das Feuer der Nächstenliebe aus den Herzen zu schlagen. Der Heiland kommt den Einsamen zu Hilfe, indem er unsere Gewissen aufrüttelt und sagt: Mach auf, denk an den einsamen Bruder, denk an die einsame Schwester. Laß sie nicht in der Kälte und in der Einsamkeit stehen! Und er tut noch mehr. Er setzt sich mit den Einsamen gleich. Jetzt klopft nicht mehr die lästige Nachbarin an unsere Pforte, jetzt belästigt uns nicht mehr ein lästiger Freund, nein, es ist der Herr selber. Es ist der Herr, der sich uns nähert und der alle verbitterten Herzen lösen und in sie einsteigen will.

Ich meine, es ist noch eine dritte Gruppe von Menschen, denen der Herr in besonderer Weise geboren ist. Es sind die Armen. Es gibt zwei Gruppen von Armen, die materiell Armen und die geistig Armen. Der Herr hat um die Armut gewußt. „Arme habt ihr immer bei euch“, hat er einmal gesagt. So ist es. Bis heute gibt es die zwei Gruppen der Armen, die materiell Armen und die geistig Armen. Es gibt hunderte Millionen von Menschen, die nicht genug zu essen und zu trinken haben, denen sauberes Wasser fehlt, deren sich kein Arzt annimmt, die kein Heim über dem Kopf haben und die auf der Flucht sind. Immer neue Wellen spült die Weltgeschichte an den Strand. Wir haben die Elendszüge noch nicht vergessen, die aus dem Osten kamen, die Millionen Vertriebenen von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Und auch heute sind wieder Zehntausende auf der Flucht, in Uganda, im Sudan, in Indien. Auch in unseren Landen gibt es viele Menschen, die das Lebensnotwenige nicht haben, arme Menschen, arme Eltern, arme Kinder.

Freilich noch schlimmer als die materielle Armut ist die seelische Armut. Seelisch arm sind jene, die Gott nicht kennen, die keinen Glauben haben, denen der Darwinismus die Lichter ausgelöscht hat. Seelisch arm sind jene, die Christus nicht kennen, die seine Gottheit leugnen, die ihn zu einem galiläischen Wanderprediger degradieren. Arm sind auch jene, die nicht wissen und nicht wissen wollen, dass sich der Himmel immer wieder öffnet, um eine Botschaft zu den Menschen dringen zu lassen. Ich war einmal Zeuge, wie ein Theologieprofessor, ein katholischer Theologieprofessor sagte: „Ich halte nichts von Fatima.“ Darauf entgegnete ihm eine fromme Frau: „Da sind Sie aber arm!“ Arm sind auch alle jene, die dem Egoismus frönen, die nur um sich selbst kreisen, deren Gott der Bauch ist, die dem Genuß verfallen sind. Arm sind jene, die zur edlen, reinen Liebe unfähig sind, die Herzlosen, die Hartherzigen, die Mitleidlosen. Arm sind die Haltlosen, die Willenlosen, die Charakterlosen, die Hasser, die Neider, die Geizigen. Arm sind alle, die nicht reich an Tugenden sind. Manche wissen es gar nicht, wie arm sie sind. In Laodicea zur Zeit des Apostels Johannes, da war einer, der von sich sagte, er sei reich und begütert und benötige niemanden. Der Apostel Johannes war anderer Ansicht. Er schrieb ihm: „Du bist unglücklich und elend und arm und blind.“

In einer gewissen Hinsicht sind wir alle arm, ganz arm. Was ist das bißchen Schönheit, Begabung, Ansehen anderes als Tünche über unserem Elend? Aber es ist einer, der die Armen reich machen kann, denn den Armen wird gesagt: „Heute ist euch der Heiland geboren.“ Durch seine Armut hat er uns erlöst. Arm war er im Stalle von Bethlehem, arm war er im Haus von Nazareth, arm wanderte er durch die Fluren von Galiläa und Judäa. Es sprach ihn einmal einer an und sagte: „Ich will dir folgen, wohin du gehst.“ Da gab ihm der Herr zur Antwort: „Die Füchse haben Höhlen, und die Vögel des Himmels haben Nester, aber der Menschensohn hat nicht, wohin er sein Haupt legen kann.“ Er hat die Armut auf sich genommen und sie fortgetragen. Er hat die Armut geteilt und sie dadurch innerlich überwunden. Denn das ist das Christentum nicht, dass ein reicher Mann kommt und die Armen reich macht, sondern dass der Ärmste von allen die Amen reich macht. Er wollte für sich arm sein, um uns reich zu machen. Er, der allen Nahrung gab, hungerte. Er, der allen Trunk geschaffen hat, dürstete. Auf seiner Erdenwanderung ward er müde, er, der sich selbst zum Weg zum Himmel gemacht hat. So ergeht heute auch die Botschaft an die Armen: Euch ist der Heiland geboren, der Heiland der Armen.

Aus dem vorigen Jahrhundert wird eine aufschlußreiche Begebenheit berichtet. Ein Invalide fiedelte auf seiner Geige ein paar armselige Weisen herunter und bettelte. Die Menschen gingen vorüber. Selten fiel ein Geldstück in seinen Hut. Da kam einer, nahm die Geige aus der Hand und spielte. Die Menschen standen und horchten. Bald war der Hut mit Geldstücken gefüllt. Als der Mann ging, es war Paganini, der große Geiger, der berühmte Künstler, von dem ganz Europa spricht, da kamen dem Bettler Tränen der Freude. Diese Begebenheit ist ein Gleichnis. Der Heiland ist den Armen geboren, um sie reich zu machen, und er hat uns reich gemacht, reich an Gnade und Wahrheit. Die Armut an Gnade und Wahrheit konnte nur er hinwegnehmen. Und dazu ist er gekommen, sie fortzutragen.

Er will freilich, dass wir uns an seinem Erlösungswerk beteiligen. Er will in uns die Liebe zu den Armen wecken. Viele Erbitterte und Enttäuschte müssen erst wieder an den Menschen glauben lernen, bevor sie an Gott glauben können. Wegen der Menschen sind sie irregeworden an Gott. So sollen sie durch Menschen wieder zu Gott finden.

Der weise Mahatma Gandhi hat einmal das schöne Wort gesprochen: „Den Hungernden muss Gott in der Form des Brotes erscheinen.“ Wahrhaftig, den Hungernden muss Gott in der Form des Brotes erscheinen. Das hat unsere Kirche verstanden. Seit 2000 Jahren hat sie eine Liebestätigkeit hervorgerufen, die ihresgleichen sucht in der Welt. Strohfeuer der Nächstenliebe, vorübergehende Anwandlungen brennen auf allen Herden. Als ewige Lampe brennt die Liebestätigkeit nur im Heiligtum des Glaubens.

Es kommt nicht, meine lieben Freunde, auf die Größe der Gabe an. Entscheidend ist die Gesinnung. Ja, wenn es an materiellen Mitteln fehlt, kann sogar die Gesinnung die Gabe ersetzen. Der russische Dichter Turgenjew erzählt: „Ich wanderte die Straße entlang, da hielt mich ein alter, gebrechlicher Bettler an. Ich suchte in allen Taschen, aber o weh, ich hatte weder Geld noch Uhr, nicht einmal ein Taschentuch eingesteckt. Ich hatte nichts drin. Doch der Bettler wartete noch immer. Die ausgestreckte Hand zitterte. Verwirrt, bewegt erfaßte ich sie und sagte bedrückt. ,Sei nicht böse, Bruder, ich habe nichts.’ Der Bettler richtete seine entzündeten Augen auf mich, lächelte und drückte meine Hand. ,Macht nichts, Bruder’, sprach er leise. ,du wolltest geben, dafür danke ich dir.’ Turgenjew beendet seine Erzählung mit dem Satz: Ich begriff, dass auch ich ein Almosen erhalten hatte.“

Meine lieben Freunde, Weihnachten ist heute, Weihnachten, das innige Fest, das schöne Fest, das deutsche Fest. Halten wir uns an die tiefe und eigentliche Freude der Weihnacht: „Heute ist euch der Heiland geboren.“ Diese Freude bleibt. Der Christbaum fällt ab, die Geschenke werden alt, die Feiertage gehen vorüber. Aber der Ruf verhallt nicht: „Seht, ich verkünde euch eine große Freude: Heute ist euch der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.“

Amen.

 

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Ein Kind ist uns geboren

26.12.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

„Das Wort, das ewige Wort des Vaters, der Logos, die zweite Person in Gott, ist Fleisch geworden.“ So meldet uns das Evangelium nach Johannes. Das ewige, persönliche Wort des ewigen Vaters ist hörbar geworden. Und wie ist es hörbar geworden? Es ist das Weinen eines Kindes, es ist das Lachen eines Kindes, in dem dieses Wort hörbar geworden ist. So klingt also das Wort Gottes auf Erden, wie Kinderworte klingen. Das große Licht ist aufgegangen. In der Dunkelheit leuchtet ein Licht, wie es die Propheten vorausverkündet haben. Aber siehe, das Licht, das in dieser Nacht um Mitternacht aufging, das waren die Augensterne eines Kindes. „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.“ Gott ist so groß, dass er klein werden kann; Gott ist so mächtig, dass er wehrlos werden kann; Gott ist so gut, dass er auf seinen göttlichen Glanz verzichten kann. Es scheint, dass sich in Christus etwas erfüllt hat, was unser deutscher Dichter Clemens von Brentano einmal so ergreifend ausgedrückt hat: „Welch Geheimnis ist ein Kind! Gott ist auch ein Kind gewesen. Weil wir Gotteskinder sind, kam ein Kind, uns zu erlösen. Welch Geheimnis ist ein Kind!“ Und dann fährt er fort: „Welche Würde hat ein Kind!  Sprach das Wort doch selbst die Worte: Die nicht wie die Kinder sind, gehen nicht ein zur Himmelspforte. Welche Würde hat ein Kind!“ Wahrhaftig, jetzt können wir sehen, wie Gott ist. So liebenswürdig ist Gott wie ein Kind. Ein Kind kann man nur lieben, ein Kind weckt unwiderruflich unsere Liebe. Ein Mensch, der die Kinder nicht lieb hat, kann kein guter Mensch sein. Was wird das Herz eines Menschen noch rühren, wenn die Seele eines Kindes ihn nicht mehr rührt?

Ein Kind ist schön. Warum? Weil es ein Anfang ist, eine Verheißung, ein Aufgang. Es ist noch nicht verbraucht, es ist noch nicht verdorben. Es ist noch nichts vergangen, noch nichts verwelkt, alles ist noch ein Beginn. Und so will Gott uns sagen: Seht, so bin ich. Der ewige Anfang, der ewige Aufgang, die ewige Jugend. Die Philosophen haben Gott als „nunc stans“ definiert, als das „stehende Jetzt“. Sie wollten damit zum Ausdruck bringen, dass in Gott keine Gegenwart und keine Zukunft und keine Vergangenheit ist, sondern dass in ihm alles ständiger, stehender Augenblick ist, der nie vergeht. Von Gott wird nie etwas vergehen, nie etwas verbraucht werden. Er ist immer Anfang. Er besitzt seine ganze Herrlichkeit ohne Anfang und ohne Ende. Es gibt ein geheimnisvolles Wort im Johannesevangelium, und die Übersetzer tun sich schwer damit. Dieses Wort heißt, jedenfalls nach einer bestimmten Übersetzung: „Ich bin der Anfang, der zu euch redet.“ Ich bin der Anfang, der zu euch redet, der ewige Anfang, der Aufgang, die unsterbliche Jugend, die Unvergänglichkeit. So ist unser Gott, so schön wie die Jugend, so schön wie ein Kind.

Und so liebenswürdig ist Gott wie ein Kind, so liebewerbend. Am leichtesten wird es uns doch, ein Kindlein zu lieben. Wir können nicht sagen, warum wir es nicht lieben sollen. Nun ist Gott in der Gestalt eines Kindes zu uns gekommen, damit wir ihn lieben können. Es muss ihm unendlich viel daran gelegen sein, dass er in seiner erfinderischen Weisheit darauf gekommen ist, einen Weg zu finden, auf dem uns die Gottesliebe leicht werden kann. Und sie wird uns leicht, wenn wir Gott in der Gestalt eines Kindes vor uns sehen. So ist er als Kindlein zu uns gekommen. Jetzt haben wir keinen Grund mehr und keine Ausrede mehr, wir könnten Gott nicht lieben. Wir können ihn lieben. Dieses Kind, dieses Gotteskind müssen wir lieben.

Jetzt verstehen wir auch, warum im Evangelium der Ruf an uns ergeht: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen.“ Worin besteht denn das Werden wie ein Kind? „Wer sich erniedrigt wie dieses Kind, der ist der Größte im Himmelreich!“ Was soll mit dieser Erniedrigung gesagt sein? Sich abwenden von Ehrgeiz und Eifersucht, von Angeberei und Stolz, sich demütigen, seiner Kleinheit, seiner Hilfsbedürftigkeit eingedenk sein, Argwohn und Mißtrauen ablegen, offen und vertrauend sein, das heißt Werden wie ein Kind. Christus liebt das Kind, dessen Natur er selbst als Kind dem Leibe und der Seele nach angenommen hat. Er liebt das Kind als Lehrer der Demut, als Vorbild der Sanftmut, als Verkörperung der Unschuld. Je tiefer wir uns vor diesem Kindlein beugen, desto mehr wird es uns zu sich erheben. „Werden muss ich wie ein Kind“, so fährt noch einmal Clemens von Brentano fort, „werden muss ich wie ein Kind, wenn ich will zum Vater kommen. Kinder, Kinder, kommt geschwind, ich werd gerne mitgenommen. Ich muss werden wie ein Kind.“

Liebevoll ist Gott wie ein Kind. Kinder sind immer dankbar. Der dankbarste Liebesempfänger ist immer ein unverdorbenes Kind. Ein Kind ist unendlich dankbar für jedes gute Wort, für jedes Zeichen der Liebe und Zuneigung. Es schenkt seine Liebe gern dem, der es liebt. Ende des 18. Jahrhunderts wurde der französische König Ludwig XVI. mit dem Fallbeil hingerichtet. Er hinterließ einen Sohn. Der junge Sohn wurde einem Flickschuster zur Erziehung übergeben. Der Schuster behandelte den Königssohn grausam. Als er ihn eines Tages wieder mißhandelte, da entriß ihm der anwesende Arzt das Kind und drückte es an seine Brust. Am folgenden Tage gab das Kind dem Arzt zwei Birnen, die es sich vom Munde abgespart hatte, und sagte: „Sie haben mir gestern Ihre Teilnahme bezeugt. Nehmen Sie diese Birnen als kleine Zeichen des Dankes. Sie machen mir dadurch eine Freude.“ Dem Arzt traten die Tränen in die Augen, als er von dem armen Königssohn die Birnen als Zeichen des Dankes entgegennahm.

Gott ist in der Gestalt einer Kindes zu uns gekommen. Er will uns sagen: Seht, so bin ich wie dieses Kind. Ihr braucht mir nur ein gutes Wort zu geben, ihr braucht euch nur meiner anzunehmen, ihr braucht mich nur gern zu haben, und ich gehöre euch wie ein Kind. Er kommt mit keinem anderen Angebot zu uns, als uns zu gehören. Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Nichts anderes will er, als uns geschenkt sein. Das ist das Ziel seiner Weltschöpfung und seiner Welterlösung. Das ist das Ziel seines ganzes Heilsweges, nämlich dass er uns gehören will, dass er uns Arme in sein Herz schließen will. Selbst wenn er Gebote gibt, selbst wenn er droht, selbst wenn er straft, er will das alles nur, um uns gehören zu können, um die Tore aufzusprengen, die in unsere Seele führen. Er will uns geschenkt werden, sonst will er gar nichts. Menschen wollen uns gebrauchen, auch mißbrauchen, wollen uns benutzen, auch ausnutzen. Nichts dergleichen. Er will nur, dass wir ihn aufnehmen. „Welch ein Bote ist ein Kind“, um noch einmal Clemens von Brentano zu zitieren, „welch ein Bote ist ein Kind! Jedes Wort, das es erquicket, bis zum Himmelsgarten rinnt, wo das Wort ward ausgeschicket. Welch ein Bote ist ein Kind! In der Krippe lag ein Kind. Ochs und Esel es verehren. Wo ich je ein Kindlein find, will ichs lieben, pflegen, lehren. In der Krippe lag ein Kind.“

O, meine lieben Freunde, dass doch in dieser Weihnacht unsere Herzen geöffnet seien! Dass wir doch das Krippenkind in unsere Herzen aufnehmen möchten! Dass wir ihm eine Wohnung bereiten! In meiner Heimat singt man zu Weihnachten ein schönes Lied: „O Jesulein zart, dein Kripplein ist hart, o Jesulein zart.“ Wir wollen ihm ein weiches Kripplein bereiten in unseren Herzen. Wir wollen in der Gesinnung der Kinder zu ihm rufen: „O Jesus, durch seine Ankunft erlöse uns. Durch deine Geburt erlöse uns. Durch deine Kindheit erlöse uns.“

Amen.

 

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Die Weihnachtsbotschaft in unchristlicher Zeit

28.12. 2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Weihnachten ist das Fest des Heilands der Welt. Hirten haben den Himmel offen gesehen, den Lobgesang der Engel gehört. Sie ließen ihre Herden im Stich und eilten zu dem Ort, wo das Kind in der Krippe lag. Sie fanden es und beteten es an. Die Welt hat von diesem Vorgang nichts gespürt. Für sie blieb der Himmel verschlossen wie immer. Der Glorienschein brach nicht durch zu ihr. Die Engel sangen für sie nicht, der Ruf verhallte ungehört: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen seiner Gnade!“

Trotzdem hat dieses übersehene Geschehen von Bethlehem die Welt verändert. Dreihundert Jahre, nachdem die Hirten den Lobgesang der Engel vernommen hatten, hatte das Christentum das römische Weltreich besiegt. Aus griechischem Geist und aus römischem Ordnungssinn erstand die Zivilisation, in der wir heute noch leben. Das Christentum ist mit Europa zutiefst verwurzelt. Das Herz der westlichen Welt schlägt im Christentum, wenn man sich auch selten darüber Rechenschaft gibt. Europa ist zutiefst christlich; seine Seele ruht im Christentum. Wenn das Christentum verschwindet und verdunstet, dann schlägt auch das Herz Europas nicht mehr. Wenn das Christentum unterdrückt oder ausgelöscht wird, dann verliert Europa seine Seele. Ohne Christus sinkt unser Land zurück ins Heidentum, nicht in das alte Heidentum, das in der Erwartung des Erlösers stand, sondern in das neue, verkümmerte, verderbte und verdorbene Heidentum, das den Erlöser verworfen hat.

Es ist keine Frage, dass seit Jahrzehnten die Entchristlichung Europas im Gange ist. Immer mehr Christen verlieren den Glauben, trennen sich von der Kirche, geben jede religiöse Praxis auf. Darüber können die vollen Kirchen am Heiligen Abend nicht hinwegtäuschen. Weihnachten ist eine Ausnahmesituation. Man hat in diesen Tagen eine Umfrage veranstaltet, wie viele Anhänger einer jeden Partei zu Weihnachten den Gottesdienst besuchen. Man höre und staune: An der Spitze steht die FDP. 56 % der FDP-Anhänger besuchen Weihnachten des Gottesdienst, 55 % der CDU, 42 % der Grünen, 39 % der SPD, 25 % der Linken. Insgesamt hatten 40 % der Deutschen vor, Weihnachten in die Kirche zu gehen. Das ist erfreulich, aber es ist kein Grund zur Beruhigung.

1. Was tun die 40 Prozent zu Weihnachten in der Kirche? Sind sie gläubigen Sinnes zum Gottesdienst geeilt? Verstehen sie zu beten? Wissen sie um das Geschehen der heiligen Messe? Wie sind sie daran beteiligt?

2. Wo sind die 40 Prozent an den anderen Sonntagen des Jahres? Und was ist mit den 60 Prozent, die nicht einmal an Weihnachten den Weg zum Gotteshaus finden? Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat einen Reporter losgeschickt, um in Frankfurt die vorweihnachtliche Stimmung unter den Christen auszuloten. Der Reporter hat mehrere Pfarreien besucht. Er schreibt in seinem Bericht: „Nur die ersten Reihen sind insgesamt gut gefüllt.“ Ein Pfarrer einer Pfarrei in Frankfurt erklärte ihm: „Ohne Menschen mit Migrationshintergrund, also Kroaten, Schwarze, Amerikaner, ohne Menschen mit Migrationshintergrund könnte man den Laden dichtmachen.“ Nur 6 bis 7 Prozent der in der Gemeinde lebenden Katholiken besuchen am Sonntag den Gottesdienst.

3. Vergessen wir nicht: Wir Christen sind nicht mehr allein mit den Nichtchristen unserer Zunge. Unter uns leben zahlreiche entschiedene Gegner des Christentums aus Asien und Afrika. Wir haben 54 Millionen Mohammedaner in Europa, 54 Millionen. Sie sehen in Christus, dem Krippenkind, nicht den Heiland der Welt, denn auf ihrer Moschee in Jerusalem steht geschrieben: „Gott hat keinen Sohn!“ Das ist die Ansage, die Kampfansage an das Christentum.

Der, welcher in jener Nacht geboren wurde, wurde 30 Jahre später vor den Stadtmauern Jerusalems gekreuzigt und begraben. Dass der Tod am Kreuze nicht das Ende war, dass er auferstand und dass er von Petrus und den übrigen Jüngern gesehen wurde, das ist der Beginn der christlichen Predigt. „Wir können nicht aufhören zu reden von dem, was wir gesehen und gehört haben.“ Nur von der Auferstehung her verstehen wir den Karfreitag, und nur weil zwischen Auferstehung und Karfreitag ein unzerreißbarer Zusammenhang besteht, ist die Nacht von Bethlehem für uns der Beginn des Heiles geworden. „Krippe und Kreuz“, sagte mir einmal eine alte Lehrerin, „sind der Inhalt und die Kraft meines Lebens.“ Die Erinnerung an die Nacht von Bethlehem ist zu einem Hauptfeste geworden, in Deutschland zum innigsten Feste überhaupt. Jetzt ist es möglich, die Sehnsucht eines jeden Menschen nach einem vollen, nach einem glücklichen, nach einem befriedeten Leben zu erfüllen. Jetzt ist es tatsächlich möglich, was Papst Leo der Große in der Christnacht des Jahres 445 gepredigt hat, dass sich das erfüllt. Jetzt kann das geschehen, nämlich: „Die Sünde kehrt zurück zur Unschuld. Was alt war, wird neu. Fernstehende werden an Kindes Statt angenommen. Fremdlinge treten das Erbe an. Aus Gottlosen werden Gerechte, aus Geizigen Mildtätige, aus Unenthaltsamen Jünger der Keuschheit und aus jenen, welche die Welt liebten, werden Anhänger des Himmlischen.“

O, ich weiß, meine Freunde, das sogenannte „moderne Denken“ ist gewöhnt, sich nur an das zu halten, was man sehen, hören, messen und zählen kann. Aber der versteht sehr wenig, der nur das versteht, was man messen und zählen kann. Die Weihnachtsbotschaft sprengt das herkömmliche Denken. Die ersten zwei Kapitel des Lukasevangeliums erzählen wunderbare Begebenheiten in wundersamen Wendungen. Ihr Inhalt steht im Widerspruch zur Alltäglichkeit. Es wird den Menschen Erlösung und Friede verheißen. Es ist das Urteil Gottes, dass der Mensch mit seinem Wissen und Können, mit seiner Gewalt nicht zum Ziele kommt, sondern dass Gott sich selbst aufmachen muss, um den Menschen zu retten.

Wenn alle Arbeit haben, wenn alle versorgt sind, wenn alle Tische gedeckt sind, ist die Seele noch immer leer. Der Mensch hat eine bleibende Ausrichtung auf Gott, und solange er ihr nicht nachkommt, gelangt er nicht zur Erfüllung. Es gibt eine unaustilgbare, unaufhebbare Verwiesenheit des Menschen auf Gott. Ob er sich ihr stellt oder ob er sie zu unterdrücken sucht, die Gottgehörigkeit des Menschen ist unzerstörbar. Und das ist, meine Freunde, das ist und das bleibt die Chance der Kirche. Ihre Aufgabe wird nie überflüssig werden. Wir Priester werden nie ersetzbar sein. Unsere Botschaft wird nie entbehrlich sein. Was die Kirche verkündet, ist immer gültig und immer unerläßlich. Die Kirche ist die einzige Institution, welche die tiefste Sehnsucht des Menschen befriedigen, welche die umfassende Antwort auf die Frage nach Wert und Sinn des Lebens geben kann. Es kommt nur darauf an, die Menschen von Notwendigkeit und Nutzen des Christentums zu überzeugen.

Das ist genau unsere Aufgabe. An uns ist es, durch Wort und Beispiel die Unruhe in den Menschen wach zu halten, zu verhindern, dass sie sich allzu häuslich auf dieser Erde einrichten, dass sie sich mit Arbeit, Genießen und Faulenzen zufrieden geben. „Die Welt ist eine Brücke. Gehe hinüber, aber baue dein Haus nicht auf ihr!“ So klagt ein versprengtes Jesuswort, das nicht in den Evangelien steht. „Die Welt ist eine Brücke. Gehe hinüber, aber baue dein Haus nicht auf ihr!“ Wir müssen, jeder an seiner Stelle, versuchen und dürfen nicht aufhören, die Menschen von der Wahrheit zu überzeugen, dass sie von Gott und für Gott geschaffen sind. Wir müssen sie davon überzeugen, dass wahr ist, was die heilige Theresia von Avila so begeistert gesungen hat: „Ich bin dein, bin für dich in dieser Welt. Wie verfügst du über mich?“

Amen.

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Christus gestern, heute und in Ewigkeit

04.01.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Geliebte im Herrn!

Vor wenigen Tagen haben wir das neue Jahr begrüßt, und es ist von tiefer Bedeutung, dass die Kirche an den Beginn des neuen Jahres das Fest des Namens Jesu stellt. Im Namen Jesu sollen wir alles beginnen, im Namen Jesu alles durchführen und im Namen Jesu alles beschließen. Denn unsere Hilfe ist im Namen des Herrn, und es ist kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, in dem wir das Heil erlangen können. Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden. Wir wollen deswegen am heutigen Fest des Namens Jesu nachsinnen, was es heißt, wenn der Apostel Paulus im Brief an die Hebräer schreibt: „Christus gestern, heute und in Ewigkeit.“

Christus gestern, heute und in Ewigkeit. Christus gestern, also auch im vergangenen Jahr. Wir alle wissen, wie viel Schweres über uns und andere Menschen in diesem vergangenen Jahr gekommen ist, wie wir dem Weinen manchmal näher waren als dem Lachen. Manchmal haben wir gedacht: Wenn es nur erst vorüber wäre, und gelegentlich ist uns der Gedanke gekommen: Es geht nicht mehr, ich schaffe es nicht mehr, ich halte es nicht mehr aus. Und dann haben wir es doch geschafft, wir haben es doch ausgehalten. Da war Gott mit im Spiele. Wir haben im vergangenen Jahr geklagt, wie wir in allen Jahren geklagt haben. Aber hat es nicht auch manches Gute gegeben in diesem Jahre? Wir haben gebetet in der Angst unseres Herzens, aber sind wir nicht auch erhört worden? Es gibt wenig Menschen, die zurückdenken. Vor einiger Zeit las ein Priester die heilige Messe, und da fiel ihm ein junger, schmächtiger Mann auf, der der Messe beiwohnte. Es traf sich, dass er nach der heiligen Messe mit ihm ins Gespräch kam. Er fragte ihn nach seinem Beruf. Der junge Mann erklärte, er sei seit 5 Jahren arbeitslos. Er habe mit seiner Familie Schweres durchgemacht. Der Priester wollte ihm ein Trostwort geben, aber der Mann wehrte ab: „Ach, wissen Sie“, sagte er, „anderen geht es noch schlimmer, und ich habe mich immer noch satt essen können.“ Dieses Wort hat der Priester nicht vergessen. Immer wenn er frohe Stunden hatte, dachte er an diesen Mann und sagte sich: „Andere haben es schlimmer.“ Und wenn er anfangen wollte zu klagen, da hörte er das Wort: „Ich habe mich immer noch satt essen können.“ Und das ist ja viel, denn Millionen und Abermillionen können sich nicht satt essen. Gestern ging die Meldung durch die Presse, daß ein Sechstel der Menschheit sich nicht einmal satt trinken kann. Ein Sechstel der Menschheit hat kein gutes Trinkwasser.

Der Herrgott überschüttet uns mit Wohltaten, aber wer dankt ihm? Im Gegenteil, die Menschen tun oft, als wären sie die Beleidigten, als wäre ihnen Gott etwas schuldig geblieben. „So viel ist er mir in den 12 Monaten schuldig geblieben!“ O, meine Freunde, was ist er uns schuldig geblieben? Wieso ist er uns schuldig geblieben? Weil wir Sorgen, Kummer, Ungemach, Unbill erlitten haben? Ja, wann hat uns denn Gott jemals ein angenehmes und leichtes Leben versprochen? Wie lauten die Verheißungen, die er uns gegeben hat? „Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ „Der Jünger ist nicht über dem Meister.“ „Haben sie mich verfolgt, dann werden sie auch euch verfolgen.“ Und als es zur Abschiedsstunde kam, in seinen Abschiedsreden, da sagte er: „In der Welt habt ihr Drangsal.“ Also das hat uns der Herr verheißen: „In der Welt habt ihr Drangsal.“

Was sind denn wir im vergangenen Jahr Gott schuldig geblieben? Haben wir wenigstens einen Fehler abgelegt? Haben wir eine Tugend dazugewonnen? Sind wir bessere, edlere, feinere Christen geworden? Schmücken wir mit unserer Persönlichkeit die Kirche? Ein englischer Konvertit hat einmal geschrieben: „Das ist Christus, mein Freund. Ich habe viel von ihm gehört, aber ich kümmerte mich nicht um ihn. Täglich erhielt ich seine Geschenke, aber niemals dankte ich ihm. Oft schien er meine Freundschaft zu wünschen, aber ich blieb kalt. Das ist Christus, mein Freund. Ich blieb ihm viel schuldig.“ Daran sollen wir denken, an das denken, meine Freunde, was wir unserem Herrn in der Vergangenheit, im vergangenen Jahr schuldig geblieben sind.

Christus gestern. Christus heute. Unser Heiland ist keine Gestalt der Vergangenheit. Er ist der Herr der Gegenwart. Er ist gewiß gestorben und begraben worden, aber er ist auch auferweckt worden. Der Tod konnte ihn nicht festhalten. Wir wissen, daß Christus nach seiner Auferstehung nicht mehr stirbt, dass der Tod über ihn fürder nicht herrschen wird. Er lebt. Er lebt in der Herrlichkeit des Vaters. Und er ist nicht untätig. Die Vergangenheit mit uns Menschen hat ihn nicht müde und mürbe gemacht, wie wir müde und mürbe werden, wenn wir erfolglos arbeiten. Christus ist auch nicht verzagt wegen des Undanks der Menschen, wie wir verzagt sind, wenn wir erleben, dass die Menschen unsere Guttaten mit Undank vergelten. Wie oft habe ich schon gehört: Es hat alles keinen Zweck, wir geben unsere Bemühungen um diesen Menschen, um diese Kinder auf. So verhält sich der Herr nicht. Er gibt seine Bemühungen um uns nicht auf. Er lebt, um als Fürbitter beim himmlischen Vater für uns einzutreten. Sein Mittlerdienst hört nicht auf. Er wird auch nicht unterbrochen und steht nicht auf Abruf. Er tritt immerfort für uns ein. Immer, meine lieben Freunde, wenn wir beten innerhalb und außerhalb der heiligen Messe: „durch Christus, unseren Herrn“, appellieren wir an seinen Mittlerdienst. Durch ihn soll unser Bitten, unser Flehen, aber auch unser Lob und unser Dank zum Vater im Himmel strömen.

Christus heute. Da müssen wir natürlich auch fragen: Wie findet uns das Heute? Ist Christus wirklich ganz in uns und mit uns? Leben wir im Stande der heiligmachenden Gnade? Das ist eine Frage, die uns durch Mark und Bein gehen muss. Die ganze Fülle der Gnade und der Vorsehung ergießt sich eigentlich nur auf den, der im Stande der Gnade ist. Warum? Weil nur er die Türen offen hält für das Eintreten Gottes, weil er nur allein imstande ist, die Gnade aufzunehmen, so dass der Herr wirklich sie in uns hineinschütten kann. Gott ist gut gegen alle Menschen, aber besonders gegen die, die im Stande der Gnade sind. Fragen wir also: Gehören wir Gott? Gehören wir der Vorsehung? Auf einem Kreuze las ich einmal die Inschrift: „Das tat ich für dich! Was tust du für mich?“ Diese Frage muss in unserem Herzen brennen. Sie darf uns keine Ruhe lassen. Was tun wir für ihn? Was tun wir für seine Ziele, für sein Reich? Was tun wir in diesem Jahre? Im Buch von der Nachfolge Christi steht der ergreifende Satz: „Jene arbeiten geschäftiger an ihrem Verderben als du an deinem ewigen Heil.“ Ist es nicht so? Jene arbeiten geschäftiger an ihrem Verderben als du an deinem ewigen Heil.

Christus gestern, Christus heute, Christus in Ewigkeit. Wir wissen nicht, was das Jahr 2009 in seinem Verlaufe bringen wird. Es läßt sich ja unsicher an. Wir denken an die Finanzkrise, an die Wirtschafskrise, an die Immobilienkrise, an die Arbeitsplatzkrise. Dunkle Schatten stehen auf und machen uns Sorgen. Aber freilich, die größte Sorge ist nicht, ob unsere Männer und Frauen Arbeit haben. Die größte Sorge ist, dass Millionen in Gefahr stehen, den Glauben zu verlieren. Es ist so wie in der Nachkriegszeit, wo ich oft gehört habe, dass die Menschen sagten: „Wie kann Gott das zulassen?“ Meine lieben Freunde, darüber wollen wir ein wenig nachsinnen. Wie kann Gott das zulassen? Bedenken wir: Gott läßt zu, dass Menschen ihn leugnen; Gott läßt zu, dass Menschen sich nicht um ihn kümmern; Gott läßt zu, dass Menschen ihn verspotten; Gott läßt zu, dass Menschen seine Gebote mißachten. Aber niemand fragt: Wie kann Gott das zulassen? Er hat seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle hingegeben. Er, der Wohltaten spendend durch die Lande ging, wurde ans Kreuz geschlagen. Diejenigen, die seine Wohltaten empfange hatten, riefen: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“  Wenn Gott das zulassen kann, weshalb wundern wir uns, dass er zuläßt, dass Arbeitslosigkeit und Hungersnot entstehen? Warum soll Gott nicht zulassen, was die Menschen zu verantworten haben? Wer ruft denn die Krisen in der Welt herbei? Wer hat denn die Bankenkrise und die Wirtschaftskrise zu verantworten, Gott oder die Menschen? Und wollen die Menschen nicht die Wirtschaft und die Politik nach ihrem Gutdünken gestalten? Gott läßt es zu, er läßt sie ihre Wege gehen. Würden sie sich nicht heftig wehren, wenn Gott dauernd eingreifen würde, wenn sie ihre Bilanzaktionen und Transaktionen planen? Sie wollen doch frei sein. Sie wollen doch tun, was sie auf der Universität und in ihrem bösen Herzen gelernt haben. Wenn Gott die Menschen nicht hindert, Gewinne zu machen, warum sollte er sie hindern, Verluste zu erleiden? Gott läßt zu, dass die Menschen ihren Vergnügungen gegen seinen Willen nachgehen. Wie würden sie ihn anklagen, wenn er sie hindern würde, Unzucht zu treiben, Steuern zu hinterziehen, schludrige Arbeit zu leisten? Dass dann die Folgen für ihr Verhalten eintreten, ist folgerichtig. Die Menschen tragen Verantwortung für ihr Tun und Lassen. Gott kann und will sie ihnen nicht abnehmen. Die Menschen müssen für ihre Sünden bezahlen mit Aids und Herzinfarkt, mit gerichtlichen Anklagen und Verurteilungen, mit Zusammenbrüchen und Unfällen. Warum sollte Gott nicht zulassen, dass die Menschen die Wirkung ihrer eigenen Taten spüren? Wie sollen sie denn zur Besinnung kommen, wenn Gott verhindert, dass sie erfahren, was sie angerichtet haben? Und noch eines. Ich höre die Anklagen gegen Gott, aber, meine lieben Freunde, haben sie einen Sinn und einen Zweck? Was wird denn besser, wenn wir Gott anklagen? Welchen Nutzen hat es, Gott zu beschuldigen? Wird nicht dadurch alles noch schlimmer? Gilt nicht das Wort aus der Nachfolge Christi: „Wenn du dein Kreuz unwillig trägst, legst du auf dein Kreuz ein zweites Kreuz, machst die Bürde noch einmal so schwer und wirst sie doch tragen müssen.“ Wenn du dein Kreuz unwillig trägst, so legst du auf dein Kreuz ein zweites Kreuz, machst die Bürde noch einmal so schwer und wirst sie am Ende doch tragen müssen.

Vor einiger Zeit sagte mir ein junger Freund: „Kann man denn von den Menschen in ihrer Not verlangen, dass sie an Gott glauben? Ist es überhaupt noch möglich, dass sie glauben?“ Ob es möglich ist, meine lieben Freunde? Wollen wir den Herrgott nur dann lieben, wenn wir satt gegessen haben? Wollen wir nur dann an ihn glauben, wenn wir aufstehen vom Mahle, ihn nur lieben wegen des warmen Rockes und des guten Essens? Ich kann Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, keine erfundene, sondern eine wahre Geschichte. Ein Vater hatte drei Söhne, und er begab sich immer wieder in Abständen zu ihnen, und in den Taschen hatte er immer etwas mitgebracht. So wurde er freudig und jubelnd begrüßt. Aber einmal dachte er: Ich will einmal sehen, wie sie mich aufnehmen, wenn ich mit leeren Händen komme. Er ging also zu dem ersten Sohn. Die Kinder stürmten heran und suchten in seinen Taschen, fanden nichts und waren enttäuscht. Ebenso erging es ihm bei dem zweiten Sohn. Beim dritten Sohn aber nahm man ihn voll Freude auf und fragte nicht: Was hast du mitgebracht, sondern sagte: Gut, dass du gekommen bist. Da wurde es dem Vater warm ums Herz. So ähnlich verhalten wir uns gegenüber dem Herrgott wie der erste und der zweite Sohn. Wir suchen nicht ihn, sondern seine Gaben. Wer jetzt die Liebe aufsagt, der hat ihn nie geliebt.

Noch einmal zitiere ich aus dem Buch der Nachfolge Christi: „Die Liebe fühlt keine Last. Die Liebe scheut keine Arbeit.“ Das muss man sich oft vorsagen, wenn man die Last fühlt, wenn man die Arbeit scheut. Da habe ich ja keine Liebe. Die Liebe fühlt keine Last, die Liebe scheut keine Arbeit. Irgendwo lebte ein Priester, ein frommer Priester. Er hatte einen Spruch, der ihm immer half: „Mit Jesus zu zweit.“ Er sagte: „Ich bin nie allein. Ob ich glücklich bin oder unglücklich, wir sind immer zwei. Mit Jesus zu zweit. In der Arbeit, im Leid, im Gebet, mit Jesus zu zweit.“ Und auf diese Weise ist er gestorben, mit Jesus zu zweit.

Das sollten auch wir im neuen Jahr uns angewöhnen. Wir sind nicht allein. Jesus ist bei uns. Mit Jesus zu zweit ins neue Jahr. Unsere Väter haben das Jahr – jedes Jahr – als annus Domini, als Jahr des Herrn bezeichnet. Und so haben wir es ja an unsere Häuser geschrieben. Und auch das Jahr 2009 ist ein Jahr des Herrn. Mit Jesus zu zweit sei der Anfang; mit Jesus zu zweit sei jede Stunde; mit Jesus zu zweit wollen wir gehen bis zum Ende.

Amen.

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Das rechte Geschenk für den Gottessohn

06.01.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Geliebte im Herrn!

Wir haben soeben vernommen, welches ein wesentlicher Inhalt des heutigen Festes ist. Wir kennen den Bericht des Evangelisten Matthäus über das Erscheinen der Weisen aus dem Morgenlande, die gekommen sind, dem neugeborenen König zu huldigen. Sie waren die Erstberufenen aus der Heidenwelt. Die Hirten gehörten zum Volke Israel und waren, wenn man so will, die Vertreter des schlichten, innigen Glaubens. Die Weisen sind die ersten Gebildeten an der Krippe. Die Heilige Schrift nennt sie „Magoi“. Es sind verschiedene Übersetzungen für dieses Wort vorgeschlagen worden, aber am wahrscheinlichsten ist es, dass es sich um weise Männer handelt, die sich mit Astronomie beschäftigten und, wie das damals üblich war, mit der Astronomie auch mit der Astrologie. Diese beiden Wissenschaften beherrschten sie, und deswegen vertrauten sie sich der Führung eines Sternes an. Sie kamen, so nimmt man an, aus dem Partherreich. Das war ein gewaltiges Imperium, umfaßte etwa das heutige Persien, Medien, Assyrien, also den Iran und das Zweistromland, den Irak. Sie hatten also eine lange Reise hinter sich, waren monatelang unterwegs.

Wann kamen sie? Als Zeit wird ungefähr ein Jahr nach der Geburt Jesu angenommen. Also wenn Sie an der Krippe die Weisen neben den Hirten sehen, so ist das historisch gesehen nicht richtig. Sie kamen nicht an die Krippe, sie kamen in ein Haus, „oikia“ heißt es im griechischen Text. Die heilige Familie war umgezogen aus der Höhle in ein Haus. Wahrscheinlich hatte Josef Verwandte in Bethlehem, und dann haben sie ihn, nachdem der Trubel vorüber war, aufgenommen, und so fanden die Weisen das Jesuskind in einem Hause mit Maria. Merkwürdigerweise ist von Josef nicht die Rede.

Könige werden die Weisen zum erstenmal von dem Kirchenschriftsteller Tertullian genannt im 3. Jahrhundert. Wie kommt man darauf, dass diese Weisen Könige gewesen sein könnten? Nun, man hat eben im Alten Testament gelesen, dass die Könige von Tarsis und von Saba kommen und Geschenke bringen. Die Könige von Saba und Seba erscheinen. Und man hat dann die Erfüllung dieser Weissagung im Kommen der Magier gesehen. So kommen sie zu dem Namen Könige. Drei Könige. Ja, warum drei? Man nimmt an, dass jeder ein Geschenk brachte, und da es drei Geschenke waren, so vermutet man, dass es auch drei Weise waren.

Das Kommen, das Verweilen und das Gehen dieser Männer aus dem Morgenlande lehrt uns, wie wir mit dem Kinde Mariens, das ja der auf Erden erschienene Gott ist, umgehen sollen. Die Weisen kamen in das Haus, in dem das Kind sich befand, und das erste, was sie taten: Sie fielen nieder und beteten es an. Meine lieben Freunde, das allein ist die Haltung, die dem göttlichen Kinde angemessen ist: vor ihm niederfallen und es anbeten. Wer sich weigert, das zu tun, der gibt damit zu verstehen, dass er Herkunft und Wesen des Kindes entweder nicht kennt oder ablehnt. Eine andere sachgemäße Haltung als Niederfallen und Anbeten gibt es gegenüber diesem Kinde nicht. Entweder ist das Kind der menschgewordene Gott, oder es ist uninteressant. Wenn es der Logos ist, der Fleisch geworden ist, dann müssen sich vor ihm die Knie beugen im Himmel, auf der Erde und unter der Erde, und dann muss jede Zunge bekennen: „Jesus Christus ist der Herr.“

Die Weisen brachten dem Herrn Geschenke, kostbare Geschenke: Gold, Weihrauch, Myrrhe. Ich bin überzeugt, das war das Kostbarste, was sie besaßen. Und darin liegt eine Lehre für uns: Verschenken, meine Freunde, darf man nur das Beste. Nicht, was man loswerden will, sondern das, von dem man sich nur schwer trennen mag. Das gilt schon für das Schenken unter Menschen, und erst recht gilt es gegenüber Gott. Wir sollen ihm also unsere Jugend schenken, nicht bloß das Alter. Wir sollen ihm unsere Kraft übergeben, nicht bloß unsere Hinfälligkeit. Die Weisen zeigen uns, wie man zum Herrn kommen soll: nicht mit leeren Händen und vor allem nicht mit leerem Herzen. Wir sollen ihm also darbringen unsere guten Werke: Gebet, Fasten, Almosen. Irdische Güter können wir ihm eigentlich nicht schenken, er ist ja der Herr von allem. Er hat alles gegeben, und er ist ja der Obereigentümer. Aber wenn er unsere materiellen Schätze nicht braucht, so benötigen sie doch die Menschen, seine Geschöpfe, und ihnen können wir irdische, wertvolle Dinge geben.

Das ist auch übrigens der Grund, warum die Kirche festliche, feierliche, kostbare Gotteshäuser baut. Sie dienen natürlich zuerst der Verherrlichung Gottes, aber danach auch der Freude und der Erhebung der Menschen. Die Anglikaner haben in London ihre teuersten und kostbarsten Kirchen in die Arbeiterviertel gebaut; sie wollten dadurch die Menschen zu Gott erheben. Das Wichtigste freilich, was wir dem Herrn schenken können, ist ein williges, ein bereites, ein reines Herz. Ich sagte schon, in einem gewissen Sinne kann man ihm nichts Irdisches schenken, aber das Herz können wir schenken, denn das hat er noch nicht, das müssen wir ihm geben. Also schenken wir ihm unsere Gedanken, unser Gedächtnis, unser Gemüt und unseren Willen.

Aber auch der Herr ließ die Weisen nicht ziehen, ohne sie in reichem Maße zu beschenken. So arm er äußerlich war, so reich war er, der Herr der Welt. Und was schenkte er seinen Besuchern? Er schenkte ihnen die Schätze der Gnade und Barmherzigkeit. Das waren vor allen Zeiten und sind auch heute noch die Gaben, die der Herr seinen Dienern schenkt. Und Gott läßt sich an Freigebigkeit nicht übertreffen. Wenn wir ein gutes Herz hätten und wenn wir all das Flitterwerk abwürfen, das uns von ihm abhält, so würde unsere Seele von seinen Schätzen erfüllt werden. Denn das ist das Gesetz bei der Mitteilung der Gnade: Gott gibt nach dem Maße unserer Empfänglichkeit. Ein eiserner Grundsatz, der für das Gebet und für die Sakramente und für das Meßopfer gilt: Gott gibt nach dem Maße unserer Empfänglichkeit. Gewiß, die Sakramente wirken kraft ihres Vollzuges, ex opere operato, wie die Theologie sagt, also sie wirken kraft der vollzogenen sakramentalen Handlung, nicht kraft des Glaubens, wie die Protestanten meinen. Nein, die Sakramente wirken kraft ihres Vollzuges. Aber diese Wirksamkeit ist weder mechanisch noch magisch. Die Mitwirkung des Empfängers wird ausdrücklich gefordert. Im Konzil von Trient heißt es: „Er gibt die Gnade denen, non ponentibus obicem, die kein Hindernis entgegensetzen. Non ponentibus obicem. Die subjektive Disposition des Empfängers ist also unerläßlich für die wirkliche Mitteilung der Gnade. Wer nicht will, der hat schon. Es ist eine Lehre der Kirche, dass die Sakramente wirken nach der Disposition des Empfängers, dass das Maß der empfangenen Gnade abhängt von der subjektiven Disposition.

Aber einmal abgesehen von diesem kleinen Exkurs: An himmlischen Segnungen reich verließen die Weisen das arme Haus, in dem sie Maria und Josef gefunden hatten. In einem Traum – und Gott bedient sich der Träume zur Mitteilung; Träume sind keine Schäume – in einem Traum erhielt die Weisen den Befehl, nicht mehr zu Herodes zurückzukehren. Darum zogen sie auf einem anderen Weg in ihre Heimat zurück. Die Weise hätten ja ebenso gut wie Petrus auf dem Berge Tabor sagen können: „Herr, hier ist gut sein, hier wollen wir bleiben, laß uns eine Hütte bauen.“ Nein, so sagten sie nicht. Es drängte sie, das erste Gotteshaus auf Erden wieder zu verlassen und die Apostel desjenigen zu werden, dessen Höflinge sie gewesen waren. Der weitere Lebensweg der Weisen ist uns nicht bekannt, aber wir dürfen vermuten, dass sie von ihrem Erlebnis nicht geschwiegen haben, dass sie davon berichtet haben und dass auf diese Weise die erste Kunde von dem neugeborenen König in den Orient gedrungen ist.

Welche Lehre ist das für so viele Seelen, die in Ruhe und Schweigen vor Gott verweilen möchten, die Gott aber zu apostolischer Arbeit ruft? Die Ehre und die Sache des Herrn muss vor den Neigungen zurücktreten: Nicht wie ich will, sondern wie du willst. Der Mensch, jeder Mensch ist versucht, sich die leichte, bequeme Tätigkeit herauszusuchen und die schwere, anstrengende, ungesehene Arbeit zu fliehen. Aber gerade das verwehrt uns das Beispiel der Weisen. Keine Flucht in eine Nische, kein Aufsuchen einer Idylle. Wenn es auf unsere Wahl ankommt, sollen wir die beschwerliche Arbeit, die Gottes Ehre mehr fördert, der leichten vorziehen. Das heißt missionarisch sein und sich nicht im Kreise frommer Seelen erquicken. Erobern und nicht sich von den guten Schäflein verwöhnen lassen. So viele unter uns lieben den Frieden mehr als das Kreuz. So viele suchen sich einen ruhigen Platz statt die Walstatt des Kampfes. Diese Haltung entspricht nicht dem Willen des Herrn. Er will, dass wir um seinetwillen harte Arbeit leisten und den Kampf nicht scheuen. Hier auf Erden ist weder der Ort noch die Zeit der Ruhe und des Genießens. Hier müssen wir wirken aus Liebe zu Gott. Er bereitet jenen, die für ihn gewirkt haben, einen unendlichen Lohn im Himmel.

Herodes wartete vergeblich auf die Rückkehr der Weisen. Sie waren längst wieder nach Osten unterwegs. So vereitelte Gott das Vorhaben der Bösen durch die Einfalt der Gerechten. Auch wir kommen niemals in das himmlische Vaterland zurück, wenn wir nicht einen anderen Weg einschlagen als den, auf dem wir es verlassen haben. Auf welchem Wege haben wir uns vom Himmel entfernt? Nun, auf dem Wege der falschen Freuden, auf dem Wege der ungeordneten Genüsse, die wir durch schlechten Gebrauch der Geschöpfe und unserer Freiheit uns geleistet haben. Wir müssen gerade den entgegengesetzten Weg einschlagen und uns zur Bekehrung und Selbstverleugnung gewöhnen. Bekehrung, das heißt Umkehr in religiöser und sittlicher Hinsicht, nicht immer vom schlimmsten Sündenzustand, aber von einem geringeren Zustand zu einem höheren. Wir alle haben die Bekehrung nötig. Ich habe einmal gelesen: „Das Geheimnis aller großen Prediger ist das Erlebnis ihrer immerwährenden eigenen Bekehrung.“ Das Geheimnis aller großen Prediger ist das Erlebnis ihrer immerwährenden eigenen Bekehrung. Bekehrung und Selbstverleugnung. Selbstverleugnung ist die Haltung, die dem natürlichen Streben entgegengesetzt ist. Der Herr hat sie verlangt: „Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst.“ Selbstverleugnung bedeutet also Neinsagen zu eigenen Wünschen, zu eigenen Plänen, zu eigenen Neigungen. Selbstverleugnung besagt Entwöhnung vom Angenehmen, Übung des Harten. Selbstverleugnung verlangt Enttäuschungen, Geringschätzung, Mißachtung, die uns treffen, dankbar aus der Hand Gottes entgegennehmen.

Der täuscht sich, der noch an Vergnügungen, an eigenen Ehren und am eigenen Willen hängt. Das ist der Weg, auf dem wir zugrunde gehen. Das ist der Weg, der uns in den Irrtum führt. Das ist der breite Weg, der ins Verderben lenkt. Nein, unser Streben nach Bequemlichkeit, unsere Empfindlichkeit in bezug auf unsere Ehre, das Sich-Aufbäumen gegen jede Abhängigkeit, sind das nicht sichere Zeichen dafür, dass wir den neuen Weg noch nicht betreten haben? Erkennen wir unsere Verirrung! Bitten wir den Herrn: „Gib mir, o Gott, die Gnade, die gefährlichen Wege zu verlassen, die ich bisher gewandelt bin. Laß mich den geraden Weg betreten, der zum Himmel führt. Laß mich Bekehrung und Abtötung üben. Laß mich ein rechter Jünger der Weisen sein, die zum Jesuskind gekommen sind.“

Amen.

 

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Die Geschichtlichkeit der Weisen aus dem Morgenland

11.01.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

In Freiburg im Breisgau ist ein zehnbändiges Lexikon erschienen, das „Lexikon für Theologie und Kirche“. Dieses Lexikon will den gesamten Wissensstoff, der die Theologie und benachbarte Gebiete berührt, darbieten, zuverlässig darbieten. Das Werk ist von der Deutschen Bischofskonferenz mit hohen Summen bezuschußt worden. Der Hauptherausgeber ist Walter Kasper, früherer Rottenburger Bischof und jetzt Kardinal. Das Lexikon ist, wie der Name sagt, für Theologie und Kirche bestimmt, also für die Wissenschaft und für das Leben. Wer dieses Lexikon in die Hand nimmt, der erwartet, darin sorgfältig und wissenschaftlich einwandfrei über Glaube und Lehre der Kirche unterrichtet zu werden. In der jüngsten Auflage nun vom Jahre 1995 schreibt der Verfasser des Artikels  „Drei Könige“: „Die Historizität der Magiergeschichte wird heute kaum noch behauptet.“ Ich wiederhole: „Die Historizität (also die Geschichtlichkeit) der Magiergeschichte wird heute kaum noch behauptet.“ Das heißt nicht mehr und nicht weniger als: die Kirche und die Gläubigen haben 2000 Jahre lang eine Legende, eine fromme Erfindung für Geschichte gehalten. Jetzt endlich, im Jahre 1995, ist das Licht aufgegangen und, so wird formuliert: Die Historizität der Magiergeschichte wird heute kaum noch behauptet.

Wir sehen, der Unglaube hat Weihnachten erreicht. Aufschlußreich ist die Feststellung des Verfassers, die Geschichtlichkeit des Berichts von den Weisen werde „heute“ kaum noch behauptet. Was heißt „heute“? Das heißt, früher wurde die Geschichtlichkeit sehr wohl behauptet, aber heute ist es anders. Wenn wir in der 1. Auflage dieses Lexikons nachschauen aus dem Jahre 1931, so lesen wir dort, dass überhaupt kein Zweifel besteht an dem Erscheinen der Magier und dass alle Ableitungen, etwa aus